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Es ist was es ist sagt die LIebe

Kurzbeschreibung
GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Ellen Bannenberg Nikolas Heldt
03.03.2017
18.05.2018
7
20.445
16
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40 Reviews
Dieses Kapitel
4 Reviews
 
08.04.2017 3.144
 
Huhu ihr Lieben!
Heute gibt es schon wieder ein neues Kapitel! Super lieben Dank für all eure Reviews und Klicks, freue mich sehr darüber! Ich habe noch keine endgültige Idee, wie lang das hier wird, aber ihr könnt euch noch auf einige Kapitel einstellen!

Viel Spaß beim Lesen und lasst mich wissen, was ihr denkt!

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ZWEI WOCHEN SPÄTER


HELDT
Es ist Montagmorgen, halb neun und ich freue mich auf die neue Woche. Im Radio läuft ein Song der Kings of Leon, der Moderator macht den fünften Witz, der auch nicht besser ist als die vier zuvor.  Ich parke auf meinem Parkplatz ein, Ellens Auto steht auf einem der Parkplätze der Staatsanwaltschaft und ich glaube, sie sitzt noch drin.
Seit zwei Wochen taut die Eiszeit zwischen uns, nicht schnell, aber sie taut. Sie lächelt wieder über meine Witze, selbst wenn sie auf dem Niveau des Radiomoderators sind und ich muss nicht mehr jede Aktion mit Grün abstimmen.
Ich habe Kaffee dabei, zwei Stück. Obwohl sie natürlich Stefans Kaffee aus dem sagenhaften Kaffeevollautomaten getrunken haben wird. Aber vielleicht nimmt sie ihn ja doch an.

„Guten Morgen, Frau Staatsanwältin“, rufe ich ihr zu, als wir aus unserem Autos aussteigen.
„Guten Morgen, Herr Heldt. So früh schon auf den Beinen?“ Ellen lehnt an ihrem Mercedes und hält ebenfalls zwei Kaffee in der Hand.
Für einen kurzen Moment sehen wir uns verwirrt an und lachen dann über den Zufall, doch dann wundere ich mich: „Ist Stefans Kaffeemaschine kaputt?“
Ellens Gesicht wird ernst und sie hat diesen verschlossenen Gesichtsausdruck, den sie aufsetzt, wenn ihr etwas unangenehm ist.
„Sorry, ich wollte nicht...“ Was auch immer, mir fällt nichts ein, das ich nicht wollte und so lasse ich die Entschuldigung so im Raum stehen.
„Der Kaffeevollautomat ist Geschichte“ Sie sieht intensiv auf ihre Fingernägel, bevor sie ihren Kopf hebt und mich direkt ansieht, angespannt, gespannt. „Genau wie dessen Besitzer, Stefan und ich haben uns vor zwei Wochen getrennt, im Guten“
Ich kann nicht glauben, was ich höre, aber ich werde sie auf keinen Fall mit irgendeiner emotionalen Reaktion überfordern. Zumal diese Trennung tausend Gründe haben kann und nur einer davon ich bin. „Das tut mir leid, wie geht es Emily damit? Und Ihnen natürlich?“
„Gut, wirklich. Wir haben einfach erkannt, dass unsere gemeinsame Zeit eher ein nostalgischer Rückfall in alte Gewohnheiten war, als wirklich eine Zukunftsperspektive. Und für Emily ändert sich nichts, Stefan hat in seiner neuen Wohnung ein Zimmer für sie eingerichtet und so ist sie es ja auch seit acht Jahren gewöhnt“
„Das freut mich... für Emily wirklich sehr. Sie hat Glück, mit beiden Eltern aufzuwachsen ist das Wichtigste“
Sie lächelt mich an, ein tausend Watt Ellen Lächeln und es läuft mir eiskalt den Rücken herunter. Vielleicht steht es mittlerweile 1:500, dass die Trennung irgendwie mit ihren Gefühlen für mich zu tun hat.
„Was machen wir jetzt mit den übrigen Kaffees?“, lenkt sie ab und wir gehen gemeinsam auf das Präsidium zu
„Korthi und Herr Grün freuen sich bestimmt drüber und vielleicht stimmt es Grün ja gnädiger“
„Dazu bräuchten Sie vermutlich eher einen edlen argentinischen Malbec, im Eichenfass gereift und dazu irgendein Feinkostgericht mit unaussprechlichem Namen und Preis“
„Begleitet von dezenter Jazzmusik, gedämpftem Licht...“
Ich halte Ellen die Tür zum Präsidium auf und sie geht an mir vorbei in Richtung ihres Büros.  Kann ich tatsächlich hoffen? Jedenfalls muss ich ein wenig zu breit grinsend durch den Flur gelaufen sein, denn ich begegne Hannah Holle und sie mustert mich misstrauisch. „Was hat man denn in Ihren Kaffee getan? Und warum haben Sie drei Kaffees? Hatten Sie etwa eine kurze Nacht?“
Neugierig wie sie ist, mustert sie mich intensiv.
„Ich bin nur am Wohl meiner Kollegen interessiert und da Sie zu meinen absoluten Lieblingskollegen zählen, dachte ich, ich bringe Ihnen einfach mal einen Kaffee mit, ein guter Start in den Montagmorgen und die Woche ist geritzt“
„Aha und ich dachte schon, ich müsste eifersüchtig werden auf eine gewisse blonde Staatsanwältin“, murmelt sie mir leise zu, sodass es zum Glück nur ich höre.
„Hannah, vielleicht haben Sie irgendwann tatsächlich Grund dazu“
„Immer am Ball bleiben, Heldt“
Sie zwinkert mir zu, nimmt einen Kaffee und geht weiter.  Den letzten Kaffee gebe ich Korthi, Malbec habe ich gerade nicht zur Hand.

Bis zur Teambesprechung lese ich die Akten der vergangenen Nacht und versuche, nicht allzu gut gelaunt zu wirken, doch es misslingt phänomenal. Dabei gibt es eigentlich keinen handfesten Grund dafür. Ja, sie hat sich getrennt, ja, wir spielen nicht mehr im Stile der Titanic Eisberg und Schiff aber ansonsten...
Ich sollte und muss ihr Zeit geben. Unsere Fronten sind sonnenklar, wir haben Gefühle füreinander, aber ich will nicht, dass es scheitert, sie sich bedrängt fühlt, noch nicht über ihre Trennung von Stefan hinweg ist, sich nicht sicher ist, bereit zu sein. Lieber warte ich noch ein Jahr, als in einem Jahr wieder von ihr getrennt zu sein.
„NIKOLAS“
Warum schreit Korthi denn so? Ich sehe ihn verwirrt an. „Ja, ich bin ja nicht taub zur Hölle!“
„Ich hab dich schon dreimal gefragt, ob du mit zur Teambesprechung gehst und du starrst einfach nur auf die Akte“
„Sorry, war in Gedanken“
Wir gehen zusammen in Ellens Büro, Grün wartet schon und Ellen telefoniert noch, beendet das Gespräch jedoch in diesem Moment und kommt auf mich zu.
„N... Heldt, würden Sie mir einen Gefallen tun? In Emilys Schule gibt es Verdacht auf Masern, der Unterricht fällt heute aus. Könnten Sie sie abholen und herbringen, ich kann hier im Moment nicht weg und jemand muss sie abholen“
„Klaro“, ich grinse sie an und bemühe mich, meine Freude zu verbergen, dass sie mich fragt.
„Heldt, Sie machen keine Ausflüge zum Süßigkeitenladen, es gibt keine Pommes und kein Spielzeug“
Ich sehe Ellen mit einem „dein Ernst“ Blick an. „Wo bleibt denn da der Spaß im Leben?“
„Frau Bannenberg, ohne Ihnen oder Ihrem pädagogischen Ansatz zu nahe treten zu wollen, ich kann auch eine Streife beordern, das könnte möglicherweise effizienter und sicherer sein, als die Angelegenheit Herrn Heldt zu überlassen“
Manchmal hasse ich Grün wirklich. Ja, er hat Grund, auf mich sauer zu sein aber als würde ich etwas tun, das Emily in Gefahr bringen könnte.
„Herr Grün, vielen Dank für Ihre Besorgnis, aber ich denke, bei Herrn Heldt ist meine Tochter in besten Händen“
Wow. Ellens Statement lässt Grün ziemlich offenmundig zurück und ich muss mich beherrschen, um nicht zu zeigen, wie viel es mir bedeutet. Würde Ellen mich immer noch für einen gefährlichen Haudegen halten, der nicht mal für sich selbst Verantwortung übernehmen kann, dann hätte sie mich wohl kaum gebeten, ihre Tochter abzuholen.
Ich gehe zum Parkplatz, räume die leeren Papiertüten und Colaflaschen vom Beifahrersitz auf den Rücksitz und fahre zu Emilys Schule, aus der massenweise Kinder und Jugendliche kommen. Wie wird sie wohl auf mich reagieren? Weiß sie oder ahnt sie, was vorgefallen ist? Spiele ich in ihrem Leben überhaupt eine derartige Rolle, dass es sie interessiert? Und wie hat sie sich in dem halben Jahr wohl entwickelt?

Nervös stehe ich an mein Auto gelehnt und warte, als ich sie sehe. Sie ist größer geworden und sieht immer mehr aus wie Ellen.
Ihr Blick fällt auf mich, sie verabschiedet sich von ihren Freundinnen und läuft auf mich zu, scheint sich zu freuen.
„Niiiikolas!“ Sie umarmt mich und ich merke, wie sehr sie gewachsen ist.
„Prinzessiiiiin! Na, alles klar?“ Irgendwie fehlen mir die Worte, was soll ich sagen, wie mit ihr umgehen?
„Hast du alle Verbrecher auf Mallorca gefangen?“, will sie wissen.
„Na klar“, antworte ich, „und auf Ibiza, Menorca und Formentera auch“
„Dann kannst du ja jetzt wieder in Bochum weitermachen! Hast du Süßigkeiten?“
„Ich esse jetzt keine Süßigkeiten mehr“ Immerhin kann Ellen mir später nicht vorwerfen, es nicht wenigstens versucht zu haben.
„Haha bist du krank?“, Emily guckt mich misstrauisch an und öffnet das Handschuhfach vom Auto. Darin liegen eine Tüte Chips, eine Tüte Gummibärchen und Schokoladenkekse. „Du hast ja wohl Süßigkeiten“
„Für den Notfall“
„Ganz viele Kinder bei mir auf der Schule haben Masern, wenn ich jetzt keine Süßigkeiten esse, dann bekomme ich bestimmt auch welche!“ Sie kichert und greift nach den Schokokeksen
„Da hast du natürlich Recht, also ist es gerade sozusagen ein Notfall“

Ich bringe Emily tatsächlich auf dem kürzesten Weg zum Präsidium zurück, allerdings lässt Ellen sich natürlich nicht täuschen.
„Emily, Mund auf“, sagt sie, als wir bei ihr im Büro stehen.
„BOAH MAMA!“, erwidert Emily und streckt ihr die –zugegebenermaßen ziemlich schokoladige- Zunge raus.
„Heldt, meine Anweisung war ganz klar, kein Süßigkeitenladen!“
„Nikolas hat immer welche in seinem Auto, Mama, das ist viel besser als ein Süßigkeitenladen!“
„Außerdem mussten wir den Masern- Ernstfall abwenden und das geht nur mit Schokolade und Gummibärchen“
„Oder mit einer Impfung“, Ellen schaut mich säuerlich an.
„Maaaamaa, wann kommt Nikolas mal zum Pizzaessen? Wir können ja auch welche selber machen und Mais drauf tun, dann ist das ganz gesund!“
„Emily, eine Pizza ist nie gesund! Salat ist gesund und Saftschorle und gedünstetes Gemüse“
„Aber manchmal muss man sich auch was Leckeres gönnen!“
Ich halte mich völlig zurück, möchte nicht, dass Ellen denkt, ich hätte Emily angestiftet, sie das zu fragen.
„Ja, Emily, aber nur manchmal und gut dosiert“, erwidert Ellen.
„Mama, Nikolas war ganz lange gar nicht zum Pizzaessen da! Das heißt, wir haben ganz viele Kalorien aufgespart und können so viel Pizza essen, wie wir wollen“
„Emily, wir können bestimmt irgendwann Pizza essen, aber im Moment habe ich auch ganz viel zu tun, ich muss umziehen und renovieren und ganz viel arbeiten.“ Ich versuche zu vermitteln.
Ellen will offensichtlich nicht, dass ich komme und das ist ihr gutes Recht. Wir sollten nicht so tun, als könnten wir einfach weitermachen, wo wir aufgehört haben.
„Wie wäre es mit Samstag?“, sagt sie abrupt. „Wir machen die Pizza selber und es gibt Salat dazu, keine Cola und kein Eis zum Nachtisch“
Ich schaue ihr fragend in die Augen, ist es wirklich okay?
„Super! Und vorher kann Mama dir beim Streichen helfen, das kann sie gut!“
Mir ist die Situation mittlerweile wirklich unangenehm. Ich weiß allerdings auch nicht, wie ich Emily stoppen könnte.
„Sie ziehen um?“, fragt Ellen und spielt dabei an ihrer Kette herum, räuspert sich.
„Ja, es ist mal Zeit für einen Tapetenwechsel und außerdem haben Carlo und Ahmed meine alte Wohnung ausgeräumt und aufgelöst, mir bleibt gar nichts anderes übrig“
„Und wo wohnen Sie in der Zwischenzeit?“
„In Carlos Wohnung“
„Mama, du kriegst auch echt gar nix mit! Nikolas und ich sind zwanzig Minuten Auto gefahren und ich weiß mehr als du nach sechs Wochen!“
Ellen schaut auf den Boden und ich habe das Gefühl, es ist ihr peinlich, nichts über meine Wohnsituation gewusst zu haben.

FREITAG

ELLEN
Es ist kurz vor fünf und die meisten Beamten verabschieden sich ins Wochenende. Seit Montag haben Nikolas und ich kein privates Wort mehr gewechselt. Ich komme mir wirklich egoistisch vor, nicht mal nach seiner Schussverletzung habe ich mich gefragt, wo er denn wohl wohnt. Aber es war schön, wenn auch hochgradig peinlich, zu sehen, wie gut sich Nikolas immer noch mit Emily versteht. Er muss gedacht haben, dass ich sie darauf angesetzt habe, ihn einzuladen.
Es klopft an meiner offenen Tür und Nikolas steht im Rahmen.
„Schönes Wochenende, Frau Staatsanwältin“, wünscht er, förmlich und distanziert.
„Haben Sie noch einen Moment?“, frage ich.
„Klaro“, er wirkt verwundert aber meine Frage hat den gewünschten Effekt, er betritt mein Büro und schließt die Tür hinter sich.
„Ich dachte wir machen morgen Pizza? Also wenn Sie natürlich schon etwas anders vorhaben, ich möchte Sie nicht... aber Emily freut sich schon die ganze Woche“
Nikolas sieht mich überrascht an. „Ich dachte, es wäre Ihnen vielleicht nicht Recht und mehr auf Emilys Appetit auf Pizza zurückzuführen“
„Nein ich... ich würde mich auch freuen“
Oh Gott. Diese Unterhaltung ist unfassbar verkrampft, als stünden wir hier auf einem Minenfeld. Es ist doch wirklich nicht so schwer, Nikolas einfach zum Pizzaessen einzuladen. Vielleicht aber doch... irgendwie scheint alles im Moment eine Doppelbedeutung zu haben. Lade ich ihn in meine Wohnung ein, dann ist er offiziell wieder Teil meines Lebens, in welcher Form auch immer.
Vielleicht sollte er das aber auch endlich werden. Ich weiß es nicht. Ich weiß einfach gar nichts. Außer, dass ich mich unfassbar zu ihm hingezogen fühle, in Momenten wie diesen, allein mit ihm in einem Büro, es wäre so einfach ihn einfach zu berühren, zu küssen, diese ganze verkrampfte Unterhaltung eine Unterhaltung sein zu lassen und ihm nah zu sein.
„Okay, gut, wann?“, Nikolas’ Frage holt mich in das Hier und Jetzt zurück.
„Um sechs?“
„Passt“
Hat er mich durchschaut, irgendwas bemerkt? Er wirkt auf eine gewisse Art wissend und belustigt, gleichzeitig ballt er jedoch seine Hände in den Hosentaschen zu Fäusten, was er nur tut, wenn er extrem wütend ist oder versucht, eine Äußerung oder Emotion zu unterdrücken.  In einer Welt, in der alles einfach wäre, würde ich ihn jetzt küssen.
In der tatsächlichen Welt klopft es erneut an der Tür und Dr. Holle steht darin. „Schönes Wochenende... Ihnen beiden“
„Danke, ebenfalls“, murmle ich und fühle mich ertappt. Beim Reden. Oh Ellen.
„Vielleicht sollten Sie beide mal da weitermachen, wo Sie in Ihrem alten Büro aufgehört haben. Es ist an der Zeit“
„Schönes Wochenende, Hannah“ Nikolas wendet sich von mir ab und der Tür zu.  
Merkt Dr. Holle es, weil sie es ohnehin weiß? Oder ist es offensichtlich für so ziemlich jeden?  Mich erreicht in meinem Büro auch kaum der Tratsch der Polizeibeamten und eigentlich würde mich schon interessieren, ob die Story von Heldts Liebeserklärung die Runde gemacht hat.

SAMSTAG

Seit einer Stunde laufe ich durch die Wohnung, ziehe mich um und wieder um, suche nach Dingen, die Stefan womöglich bei seinem Auszug vergessen haben könnte.  Ich bin nervös, will, dass der Abend gut läuft und habe gleichzeitig Angst, er könnte zu gut laufen.
„Mama, was ist denn los?“
Emily ist aus ihrem Zimmer aufgetaucht und schaut mich skeptisch an.  
„Nichts Besonderes, warum fragst du, Schatz?“
„Weil du voll aufgeregt bist, so wie ich vor Klassenarbeiten“
„Ich überlege nur, ob wir alles für die Pizza haben, weil wir die ja so selten machen“
„Überlass das den Experten, du darfst den Salat machen“
Ich muss lachen. „Okay ich sehe schon, gar kein Grund zur Aufregung“
„Kannst du noch meinen Text durchlesen? Und wann kommt Nikolas, ich hab Hunger!"


NIKOLAS
Ich parke einige Meter entfernt von dem Haus, in dem Ellens Wohnung liegt und mustere mich im Spiegel. „Okay, es ist nur ein Abendessen. Wir machen Pizza, spielen vielleicht ein paar Spiele und dann... ja und dann“
Mir selbst Mut zuzusprechen klappt eher nicht. Egal, es ist kurz nach sechs, ich steige aus dem Auto aus und erinnere mich im letzten Moment an den Blumenstrauß, der auf der Rückbank liegt.
Emily öffnet die Tür und erzählt mir direkt, von ihrem Text, den sie eben über die Gesellschaft im Mittelalter geschrieben hat, außerdem hat sie Hunger auf Pizza und fragt mich mit Verschwörerstimme, ob ich etwas Süßes dabei habe.
Habe ich tatsächlich nicht. Ein Versuch, Ellen zu zeigen, dass ich ihre Grenzen respektiere. Sie steht in der Küche und trägt eine blaue Bluse, die perfekt zu ihren Augen passt. Ich erinnere mich überdeutlich daran, an Emilys elftem Geburtstag schon einmal in dieser Küche gestanden zu haben, Ellen hatte auch diese Bluse an und es hat nicht viel gefehlt, dann hätten wir uns geküsst.
„Hallo“, sage ich und halte den Blumenstrauß vor mich.
„Hi“ Ellen dreht sich um und ich kann ihr ansehen, dass auch sie nervös ist. „Sind die für mich?“, fragt sie und deutet auf die Blumen.
„Nein, die hat Nikolas für die Pizza mitgebracht“ Emily verdreht die Augen und schüttelt den Kopf: „Man Mama, wenn es um Nikolas geht bist du wirklich ein bisschen verwirrt“
Ich halte Ellen den Strauß hin.
„Der ist aber wirklich schön“, murmelt sie. „Danke“
„Gerne“ Ich würde eine Menge darum geben, sie jetzt einfach küssen zu können. Stattdessen drehe ich mich zu Emily. „Sollen die Experten mal die Pizza in Angriff nehmen? Ellen kann ja den Salat machen“
„High- five, Pizzaexperten!“, Emily lacht und ich höre Ellen hinter mir kichern und weiß, dass sie dazu genau wie ihre Tochter den Kopf schüttelt und die Augen verdreht, während ich Emily high-five gebe.

Es ist überraschend einfach und leicht, Emily plappert vor sich hin, über die Schule, ihre Hobbies, über den doofen Nils aus der 8c und über die Vorteile von Pizza und Ellen und ich beschäftigen uns einfach damit, ihr gelegentlich zuzustimmen, zu widersprechen und ich frage sie einiges. Ich habe in den vergangenen Monaten wirklich viel verpasst, sie entwickelt sich so unheimlich schnell. Als ich sie das erste Mal gesehen habe, war sie noch ein kleines Mädchen und jetzt ist sie auf direktem Weg in die Pubertät.
Ellen stellt sich hinter uns und betrachtet die Pizza. Ich spüre ihre Wärme und ihr Geruch umfängt mich, sie trägt immer noch denselben Duft wie zu dem Zeitpunkt, als wir uns kennen gelernt haben.
„Ihr braucht aber ganz schön lange“, beschwert sie sich.
„Mama, es dauert halt, da ganz viel Käse drauf zu machen“, erwidert Emily und schüttelt erneut den Kopf über ihre ahnungslose Mutter.
„Habt ihr denn auch Gemüse drauf getan?“
Ich grinse und Ellen sieht mich missbilligend an. „Lass mich raten, links oben in der Ecke ist ein Stück Möhre?“
„Könnte sein. Wir können ja das Stück für dich reservieren“
„Jaja, macht euch nur lustig, spätestens wenn du nicht mehr durch die Türen kommst wirst du an mich denken“
„Ich? Nicht mehr durch die Tür?“ Gespielt entrüstet sehe ich Emily an und sie drückt mir mit ihrer Hand gegen den Bauch. „Du hast doch gar keinen Schwabbel!“, stellt sie fest, nimmt Ellens Hand und legt sie auf meinen Magen. „Da, Mama, fühl mal. Nikolas wird bestimmt nicht so dick wie Herr Grün!“
Ellen und ich sehen uns an, wortlos. Darauf war ich nun wirklich nicht vorbereitet und ich denke, Ellen auch nicht, denn in ihren Augen steht dasselbe Fragezeichen wie in meinen. Wir stehen keine fünfzig Zentimeter voneinander entfernt, es wäre so leicht, sie jetzt zu küssen und alles in mir schreit nach ihr, ihrem Körper, ihrer Nähe. Aber nicht jetzt, nicht hier vor Emily.
Ellen zieht ruckartig ihre Hand zurück und bringt sich auf die andere Seite des Küchentresens in Sicherheit, öffnet den Kühlschrank.
„Bier?“, fragt sie und meidet meinen Blick, ich wiederrum traue mich nicht, Emily anzusehen, ich weiß nicht, wie groß ihre Begeisterung wäre, wenn... ach hätte wenn und aber!
„Gerne“, antworte ich Ellen und nehme die Flasche, die sie auf den Tresen gestellt hat.  „So, meinst du, wir brauchen noch mehr Käse?“, frage ich Emily kurz darauf und Ellen beginnt, den Tisch zu decken.
„Nee, ich denke, das ist genug und außerdem habe ich Hungeeeeeer. Spielen wir Mensch ärgere dich nicht bis die Pizza fertig ist?“ Emily wartet gar nicht auf die Antwort sondern läuft direkt los und baut alles auf.
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