Es ist was es ist sagt die LIebe

GeschichteRomanze, Freundschaft / P16
Ellen Bannenberg Nikolas Heldt
03.03.2017
18.05.2018
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03.03.2017 2.729
 
Huhu ihr Lieben!
Mich hat vor Kurzem mal wieder eine Idee gepackt, entstanden ist eine  kleine aber feine Geschichte.
Sie setzt bei der dritten Folge der vierten Staffel an aber folgt nicht den Entwicklungen in der Serie.
Über eure Kommentare freue ich mich wie immer sehr, lasst mich wissen, was ihr denkt!

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ELLEN
Ich bin unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Mein Herz rast und meine Hände zittern. Grün und ich teilen uns die Kopfhörer und anscheinend will der Geiselnehmer Heldt erschießen.
Eben, als ich mit der Tochter ankam, schien es alles auf eine friedliche Lösung hinaus zu laufen. Nikolas schien die Lage unter Kontrolle zu haben. Und jetzt?
„Gehen Sie auf die Knie“
Nein! Das darf nicht sein. NEIN! Ich stehe hier, im Carlos, verdammt zur Untätigkeit, höre zu, wie Nikolas erschossen wird.
Ja, ich habe mich ihm gegenüber kühl und abweisend verhalten, seit er wieder da ist.  Mich von ihm distanziert, aber warum?
Ich kann es nicht noch einmal zulassen, ihn so nah an mich heranlassen, mich ihm öffnen.
Dieses Gefühl, von ihm verlassen zu werden, nicht zu wissen, wo er ist, was er macht, ob er lebt. Ihn nicht mehr zu sehen, zu hören. Einfach diese Leere.  Ich ertrage es kein zweites Mal.

RÜCKBLENDE SECHS MONATE ZUVOR

ELLEN
Carlo steht in meiner Wohnungstür vor mir und fragt mich, ob er mir helfen kann. Das höre ich, entfernt, weit entfernt. Mir wird in raschem Wechsel heiß und kalt, meine Sicht verschwimmt und ich spüre, wie meine Beine unter mir nachgeben und ich gegen Nikolas’ väterlichen Freund falle.  
Das nächste, woran ich mich erinnere, ist in meinem Bett zu liegen. Stefan und Emily sind da, sitzen auf der anderen Betthälfte, Emily hält meine Hand, Stefan hält ihre.
„Was ist passiert?“
„Du hattest gestern Abend  einen Schwächeanfall und Herr Funke hat uns angerufen, nachdem du hier vom Notarzt untersucht wurdest“ Stefan ist sachlich aber ich weiß, dass er besorgt ist.
Wir haben uns damals im Guten getrennt, es passte einfach nicht zwischen uns, wir hatten uns zu jung auf zu viel eingelassen blieben aber über Emily verbunden.
„Mama, ich habe den Zettel wieder zusammen geklebt“
Ich erinnere mich daran. Dieser Zettel. Ein Zettel. Nach allem, ein Zettel. Ich habe ihn ungelesen zerrissen und Carlo vor die Füße fallen lassen.  
Emily drückt ihn mir in die Hand, anhand des Kontrastes bemerke ich, wie kalt eigentlich meine Hände sind. Mir ist überhaupt unfassbar kalt.
Ich mache keine Anstalten, den Zettel aufzufalten. „Wie spät ist es?“
„Elf Uhr morgens“
Ich stemme mich im Bett hoch. Auf mich wartet Arbeit, warum ist Emily nicht in der Schule?
„Ellen, bleib liegen. Die Staatsanwaltschaft wird auch weiter existieren, wenn du einen Tag lang nicht kommst“
„Ich muss arbeiten, ich muss Hauptkommissar Grün informieren. Morgen ist eine Verhandlung und ich habe Befragungen für heute“
„Dein Sekretär hat alles verschoben, du bist für drei Tage krankgeschrieben. Und du bleibst im Bett!“
Natürlich stehe ich nachmittags, als Stefan und Emily einkaufen sind, auf.  
Mir kommt alles vor, wie ein einziger Traum. Ein riesiger Albtraum. Nikolas und ich, ich hatte mich auf diesen Abend gefreut, darauf hingefiebert, eigentlich seit Monaten.
Über meinem Kopf schwebt ein riesiges, imaginäres Fragezeichen. Wo ist er? Warum? Hat es was mit seinen Eltern zu tun? Ich muss diesen unsäglichen Zettel lesen.
Ich nehme ihn und setze mich damit auf die Couch.

Ellen. Es tut mir leid. Ich kann es nicht erklären. Ich muss es tun. Warte nicht auf mich. Nikolas.

Ich wünschte, ich hätte diesen Zettel nie gelesen. Was soll das? Was heißt das? Es klingt auf jeden Fall nicht so, als sei er übermorgen wieder da. Es muss was mit dem Mord an seinen Eltern zu tun haben, mit dem Fall.
Ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendetwas anderes Nikolas zu so einer Aktion bringen würde. Aber was weiß ich schon. Wer bin ich überhaupt für ihn?
Langsam lehne ich mich an das Sofa an und schließe meine Augen. Ich fühle mich leer, ausgelaugt, ahnungslos. Tränen beginnen zu fließen und ich kann sie nicht aufhalten, nicht mit „Ellen, du schaffst das“, nicht mit „Lass dich nicht von einem Mann fremdbestimmen“, nicht mit „Morgen sieht alles schon viel besser aus“ und schon gar nicht mit „Es ist bestimmt nicht so, wie es scheint“.  
Er hat mich verlassen, ohne ein Wort. Nur dieser Zettel, dieser verdammte Zettel. Mehr bleibt mir nicht.
Ich höre den Schlüssel im Schloss der Wohnungstür. Ich sollte aufstehen, fröhlich wirken, Emily sollte sich meinetwegen keine Sorgen machen, nicht weil ihre Mutter sich eingebildet hat, es könne endlich einmal gut gehen.
Aber ich finde die Kraft nicht.

DREI TAGE SPÄTER

Ich gehe wieder zur Arbeit, zu Hause zu sitzen macht mich wahnsinnig. Packe meine Tasche, sage Emily tschüss und Herrn Grün im Präsidium hallo.
„Frau Staatsanwältin, ich hoffe, mit Ihrer Gesundheit steht es wieder völlig zum Besten?“
„Natürlich, Herr Grün, danke der Nachfrage“
Lächeln, Ellen, lächeln. „Ich denke, auf meinem Schreibtisch wartet einiges an Arbeit auf mich. Bitten Sie doch Herrn Heldt, sobald er die Zeit findet, mich über die Fälle und Fortschritte der vergangenen Tage zu informieren“
Es kostet mich mehr Überwindung als gedacht, nur seinen Namen auszusprechen. Zum ersten Mal seit drei Tagen. Aber ich kann unmöglich zugeben, schon zu wissen, dass er weg ist. Vielleicht war ja auch alles ein großer Scherz und gleich taucht er auf, mit einer Tüte vom Bäcker und einem Kaffee?
„Frau Staatsanwältin, Herrn Heldts wegen gibt es einige Neuigkeiten, die ich gerne mit Ihnen unter vier Augen bereden würde“
„Natürlich“ Ich mache mir nicht die Mühe, erstaunt zu wirken. Nonchalant muss es fürs erste auch tun.
Grün informiert mich über das, was er weiß. Heldt ist anscheinend nach Mallorca geflogen, um dort einer Spur nachzugehen, die den Mord seiner Eltern betrifft. Er hat Grün in einem Schreiben gebeten, sein Dienstverhältnis auf unbestimmte Zeit ruhen zu lassen, seine Marke, seinen Ausweis und seine Waffe abgegeben, seinen Schreibtisch aufgeräumt und ist gegangen.
„Nun Herr Grün, dann denke ich, ist es indiziert, sich nach geeigneten Nachfolgern für Herrn Heldt umzusehen. Würden Sie das in die Hand nehmen?“
„Selbstverständlich, Frau Staatsanwältin. Aber, auch wenn ich das Verhalten des Herrn Heldt nicht gutheiße, es mich vielmehr vollends brüskiert, halten Sie es nicht für besser, ein wenig zu warten?“
„Diese Entscheidung überlasse ich Ihnen. Wenn die Abläufe in Ihrer Abteilung nicht unter dem Fehlen eines Beamten leiden, steht es Ihnen selbstverständlich frei, die betroffene Planstelle beliebig unbesetzt zu lassen. Anhand des Kündigungsschreibens von Heldt würde ich jedoch nicht annehmen, dass wir damit rechnen können, bald oder überhaupt wieder etwas von ihm zu hören. Und wenn das alles wäre, ich möchte mich gerne auf den anstehenden Prozess vorbereiten“
Ich sehe Grün an, dass er von meiner Reaktion mehr als überrascht ist und gerne noch etwas sagen würde, aber er muss gehen. Ich schaffe es nicht mehr lange, so zu tun, als wäre Heldt ein x-beliebiger Beamter, der sich für einen längeren Urlaub entschieden hat. Es darf jedoch unter keinen Umständen auffallen, wie sehr mich Heldts Verschwinden trifft. Ich möchte nicht das Ziel von kollegialem, freundschaftlichen Mitleid werden, die gefühlsdusselige Staatsanwältin, die sich in den Polizisten verliebt hat und dann sitzen gelassen wurde.

Grün verlässt kommentarlos mein Büro und ich vergrabe mein Gesicht in meinen Händen, als die Tür hinter ihm zugefallen ist.
Ich muss die Fassung bewahren, es reicht, dass ich mich in den vergangenen Tagen habe gehen lassen.
Grün und Frau Dr. Holle geben sich jedoch sprichwörtlich die Klinke in die Hand und ein Blick in ihr Gesicht sagt mir, dass ich ihr nichts vormachen kann. Sie hat uns vor ein paar Tagen noch gesehen, hier in diesem Büro, vermutlich wusste sie ohnehin vor uns beiden, dass aus uns etwas hätte werden können. Und anscheinend gibt es den Konjunktiv II doch nicht ohne Grund.
„Frau Bannenberg, schön, dass Sie wieder da sind. Ich habe hier die Ergebnisse einiger Untersuchungen, die Sie vielleicht interessieren könnten.“ Prüfend sieht sie mich an und ich weiß genau, dass sie darauf wartet, ob ich etwas über Heldt sage oder nicht. Ich bin ihr dankbar, dass sie mir die Chance gibt, zu entscheiden.
Aber ich will nicht. Ich will nicht reden. Ich will arbeiten und eine gute Mutter sein und vergessen, dass es jemals einen Nikolas Heldt in meinem Leben gab.

RÜCKBLENDE ENDE

NIKOLAS
Ich knie vor einem Mann, der in seiner Verzweiflung tatsächlich das Zeug hat, mich zu erschießen. Einen kaltblütigen Mord würde ich ihm niemals zutrauen, aber für seine Kinder gibt es nichts, was er nicht tun würde.
Alles woran ich denke, ist Ellen. Wenn diese Kette, die Ahmed mir gegeben hat, noch funktioniert, dann hört sie gerade alles live mit an.  Sie wäre die Person, für die ich auch alles tun würde, auch jetzt, auch nach sechs Monaten, auch nach diesem Empfang. Ich hoffe, Stefan passt vernünftig auf sie auf. Und auf Emily. In ihrer Erinnerung komme ich hoffentlich schon nur noch als der kindische Polizist vor, der ab und an ihre Mama und sie vor den bösen Männern beschützt hat.
Ich habe es versaut, auf ganzer Linie. Ich erinnere mich daran, als ich mit Ellen einmal im Aufzug festsaß und behauptet habe, mein Leben laufe vor meinem inneren Auge ab.
Jetzt tut es das tatsächlich. Und die Scheißmomente überwiegen. Ich kann jetzt noch nicht sterben. Ich erinnere mich an Ellens Geruch, ihr Lächeln, das Gefühl, sie in diesem Pool zum ersten Mal zu küssen, neben ihr im Bett aufzuwachen, sie im Arm zu halten, wenn es ihr schlecht ging. Ihre Blicke, ihre Zuneigung, mal offener, mal versteckter, so viele kleine Gesten, wie zufällig erscheinende Berührungen. Der Moment, als sie mich in ihrem Büro geküsst hat, mir Halt gegeben hat, mich akzeptiert hat als ich es am dringendsten brauchte.
Dann bin ich abgehauen, habe sie verlassen, aus Angst vor meinen eigenen Gefühlen, aus meinem Trieb heraus, endlich zu wissen, wer meine Eltern auf dem Gewissen hat.
Mit jedem Tag, jeder Woche und jedem Monat, den mein Einsatz auf Mallorca länger gedauert hat, ist mir klarer geworden, dass ich sie niemals zurückbekommen werde.  Nicht nach diesem Abgang, ohne Worte, nach diesem Zettel, der nichts erklärt hat. Nicht, nachdem sie bereit war, sich auf mich einzulassen.
Ich schließe meine Augen. Ich hoffe, es geht schnell.  Ich will nicht sterben, ich will nicht, dass sie es hört. Und ich kenne Ellen, sie wird sich keinen Zentimeter wegbewegen, es lieber ertragen, als unwissend zu sein.
In diesem Augenblick wünsche ich mir, dass sie über mich hinweg ist, wirklich und für immer. Sie soll nicht leiden, weil ich keine Regeln befolge, sie verdient es, glücklich zu sein, mit Stefan, er ist ein guter Mann, verlässlich, besser als ich es sein könnte. Er würde sie und Emily nicht einfach so verlassen, um auf eine irrsinnige Jagd zu gehen. Er würde ihr Sicherheit und Stabilität geben.
Ich weiß, dass sie zuhört.
„Ich liebe dich“
Ich höre einen Schuss, einen zweiten, um mich herum wird es dunkel.

Ich öffne langsam die Augen, es wird hell. Wo bin ich? Mein Körper fühlt sich dumpf und schwer an, alles ist weiß.
Ich drehe meinen Kopf nach links und sehe Ellen.  Sie schläft im Sessel. Ich glaube, ich bin im Krankenhaus.
Was macht sie hier? Sie trägt dieselbe Kleidung wie bei dem Einsatz, daraus schließe ich, dass es sich um denselben Tag handeln muss.  Ich will meinen linken Arm bewegen, um an das Glas Wasser auf meinem Nachttisch zu gelangen, doch der ist vollständig bandagiert und fixiert.
Ellen öffnet die Augen und lächelt, als sie mich sieht.
Was ist das hier? Ein Traum?
„Du wurdest in dem Kiosk angeschossen, die Kugel hat deinen linken Lungenflügel sehr knapp verfehlt. Der Schütze wurde vom SEK erschossen, finaler Rettungsschuss“


ELLEN
„Ich liebe dich“
Zwei ohrenbetäubende Schüsse fallen und danach ist es für zwei Sekunden absolut still im Kiosk und im Carlos.
„HEEELDT!“
Ich reiße mir die Kopfhörer ab und springe auf, Ahmed hält mich zurück. „Frau Bannenberg, Sie können jetzt nicht in den Kiosk! Lassen Sie das SEK die Lage unter Kontrolle bringen, dann werden wir mehr wissen“
Um mich herum sind alle verstummt, starr und stumm. Das Funkgerät des Einsatzleiters knackt und rauscht. „Ein Exitus, ein Schwerstverletzter, Waffen gesichert, Lage unter Kontrolle“
Er darf nicht tot sein. Er darf nicht gestorben sein, in diesem Kiosk, alleine. Ich sehe Ahmed in die Augen, sein Griff um meine Oberarme verstärkt sich. In seinem Blick liegt Angst, wir teilen die Angst um Nikolas, unausgesprochen.
„Herr Ahmed hat Recht. Wir müssen warten, wir können im Moment nichts tun“
Grün wendet sich dem Einsatzleiter zu. „Wissen Sie, welche Person im Kiosk tödlich getroffen wurde?“
„Nein, aber ich hoffe, es ist diesem Großmaul eine Lehre, nicht in die Arbeit des SEKs reinzufunken“
„Noch ein derartiger Kommentar über einen Kollegen und ich werde persönlich ein Disziplinarverfahren gegen Sie einleiten!“
Würde Ahmed mich nicht festhalten, ich glaube, ich würde mich auf dieses Arschloch stürzen.
Der Notarzt fährt vor und ich reiße mich los, gehe aus dem Carlos.
Es darf nicht Nikolas sein. Ich weiß nicht, ob wir jemals eine Chance haben werden, aber er darf nicht sterben. Er darf nicht tot sein. Ich kann mir nicht vorstellen, auch nur ein paar Wochen nach seiner Rückkehr, wie das Präsidium ohne ihn wäre. Es gibt wieder einen Süßigkeitenautomaten, sein Schreibtisch ist wieder ein Chaos und Frau Dr. Holle hat einen Gartenzwerg kriminaltechnisch untersucht.
Die Sanitäter öffnen einige Minuten später die Tür des Kiosks und tragen eine lebende Person heraus. Ich zerquetsche die Hand von Ahmed, habe sie unbewusst genommen, strecke mich m einen Blick zu erhaschen.  Einer der Sanitäter dreht sich mit der Trage in Richtung des Krankenwagens und ich sehe die dunklen, zerzausten, lockigen Haare des Mannes auf der Trage.
Er lebt. Er lebt!
Ich gehe zum Krankenwagen, in den Nikolas gerade geschoben wird, er ist bewusstlos, sein Shirt voller Blut, bandagiert, wird beatmet.
„Bannenberg, Staatsanwaltschaft, ich fahre mit“
Der Sanitäter schaut mich verwundert an, widerspricht jedoch nicht.

Ich warte, während Heldt behandelt wird. Was tue ich hier eigentlich? Ich habe keinen Grund, hier zu sein.  Sie schieben ihn auf sein Zimmer. Ich gehe kurz mit, nur kurz.
Der behandelnde Arzt betritt das Zimmer, gerade als ich mich auf Heldts Bett gesetzt habe. „Sie brauchen sich keine Sorgen um Ihren Lebensgefährten zu machen, das Geschoss hat keine wichtigen Arterien getroffen, er sollte im Nu wieder auf dem Damm sein, nur seinen Arm sollte er schonen“
„Danke“
Er sieht so friedlich und ruhig aus während er schläft. Sein Gesicht ist entspannt, keine Sorge, keine Angst, keine Wut zeichnet es. Ich nehme seine Hand, halte sie und merke, wie ich langsam zur Ruhe komme.
Schnell nach seiner Einlieferung war klar, dass keine Lebensgefahr bestand, die Zeit kam mir dennoch wie eine Ewigkeit vor. Zu warten, nach den Schüssen, in der Klinik, es hat mich verrückt gemacht.
Es ist schon nach einundzwanzig Uhr, ich sollte gehen. Ich habe eine Familie, eine intakte, funktionierende Familie, eine Tochter, die alles für mich bedeutet und einen Mann, der...
Der Mann, der für mich mehr als jeder andere bedeutet, liegt hier, schlafend, verletzt, alleine. Der Mann, der mich zuhause erwartet, bedeutet für mich Sicherheit und Berechenbarkeit und Stabilität für Emily.
Er wird es beim Aufwachen nicht wissen oder es für einen Traum halten. Er wird nicht glauben, dass ich ihn geküsst habe, bei ihm saß.
Wie soll ich einen Mann hassen, der mir als letzte Worte vor seinem nahenden Tod eine Liebeserklärung macht?
Ich kann ihm nicht vertrauen, aber ich kann ihn nicht nicht lieben. Ich kann nicht ohne ihn sein, aber auch nicht mit ihm.
Als er wieder aufgetaucht ist, einfach aus heiterem Himmel im Vernehmungsraum saß, ich dachte, ich müsse zerspringen vor Hass und Liebe. Vor Wut und Freude, ihn wieder zu sehen, gesund und relativ munter.
Langsam beuge ich mich zu ihm vor, streichle über seine Wange, seinen kratzigen Dreitagebart und lege meine Lippen auf seine, vorsichtig, ganz vorsichtig, will ihn nicht wecken, ihm keine Hoffnung geben, auf etwas, das ich wahrscheinlich niemals erfüllen kann. Aber ich will diesen Moment der Nähe, nur für mich, ihn spüren, ihm nah sein. Es fühlt sich an, als sei er nie weg gewesen, richtig und vertraut, seine weichen, vollen Lippen, sein Geruch, seine Wärme.
Ich löse mich von ihm, setze mich kurz in den Sessel, muss mich unter Kontrolle bekommen und dann nach Hause fahren.
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