Begegnungen der Unsterblichen

von sharon62
GeschichteSci-Fi / P12
Atlan da Gonozal OC (Own Character) Perry Rhodan
02.03.2017
02.01.2019
6
30.773
3
Alle Kapitel
2 Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
02.03.2017 1.560
 
„Tschuldigung.“ Lachend drehte sich die junge Frau um, um zu sehen, wen sie da gerade fast umgerannt hatte. Ihr Lachen verblasste, vor ihr stand eine ältere – nun eigentlich schon sehr alte Frau. „Oh, es tut mir leid, wirklich. Habe ich Sie sehr gestoßen?“
„Nein, ich stehe ja noch auf meinen Füßen. – Die Jugend hat es immer eilig, das war schon zu meiner Zeit so. Als ob einem das Leben davonlaufen würde. Gehen Sie ruhig, junge Frau, mir ist nichts passiert“, wurde sie lächelnd beruhigt. Die alte Dame sah freundlich in das junge Gesicht. Mitte zwanzig schätzte sie, und sie hat ein nettes Gesicht. Nicht jeder entschuldigt sich so freundlich und selbstverständlich.
Sheena Kereen lächelte die alte Frau noch einmal an und ging dann – etwas langsamer als bisher – weiter. Jugend, dachte sie belustigt, wenn die Gute wüsste, zu wem sie das gerade gesagt hatte.
Sie war vermutlich der älteste Mensch, den es je gab, weitaus älter als man sich einen Menschen überhaupt vorstellen konnte. Sterblich und doch unsterblich. Sie wusste selbst nicht wie alt sie war, wie viele Leben sie schon gelebt hatte. Oh, sie war menschlich und betrachtete sich als Terranerin. Sie alterte und starb wie alle Menschen – nun ja, fast alle, schließlich gab es auf Terra seit einiger Zeit die geheimnisvollen Unsterblichen um den Administrator Perry Rhodan. Allerdings starb Sheena höchst selten am Alter. Sie zog es vor zu sterben, bevor Krankheiten und andere Wehwehchen lästig wurden.
Denn der Tod war für sie nicht endgültig.
Wenn sie starb, wachte sie irgendwann und irgendwo wieder auf. Meist als junges Mädchen oder junge Frau, nur höchst selten als Kind. Ohne Vergangenheit, aber immer in Situationen, in denen sie diese fehlende Vergangenheit irgendwie erklären konnte.
Sie hatte schon an fast allen Orten dieser Welt gelebt. In allen Völkern und Reichen. Sie kannte unzählige Sprachen, Sitten und Volksbräuche. Manche ihrer Leben hatte sie geliebt, viele gehasst. Leid hatte es überall gegeben. Doch immer auch Freude.
Vor vier Jahren war sie wieder erwacht – irgendwo auf Terra, in dieser neuen Zeit, über die sie noch immer staunte. Zum ersten Mal lebte sie einer Zeit, über die sie absolut nichts wusste. Die rasante Entwicklung in das intergalaktische Zeitalter – was für eine hochtrabende Bezeichnung, dachte sie amüsiert – hatte sie überrascht und bewundernd zur Kenntnis genommen.
In dem Zeitraum, in dem sie „tot“ gewesen war – also der Zeitspanne, die zwischen ihrem letzten Tod und dem Erwachen vergangen war – hatte sich so vieles getan, so vieles geändert. Und vor allem – dieses Mal war es eine Entwicklung, von der sie nichts wusste und nichts wissen konnte. Sie hatte endlich ihre eigene Zukunft erreicht, die Zeit ihres eigenen – ursprünglichen – Lebens hatte sie hinter sich. Und sie war in dieser Zeit „tot“ gewesen.
Erinnerungen wollten in ihr aufbrechen – Erinnerungen an eine Zeit, an ein Leben, das unendlich lange her war. Und an ihren Tod – den ersten, den sie selbst verursacht hatte, und der dann doch keiner war. Denn sie war wieder erwacht, doch in einer Zeit, die sie als Steinzeit der Menschen erkennen musste. Es hatte lange gedauert, bis sie sich in dieser fremden Umwelt zurechtfand und noch länger, bis sie die Tatsache akzeptieren konnte, plötzlich in einer Zeit zu leben, die mehrere Zehntausende Jahre in der Vergangenheit lag. Eine Erklärung dafür hatte sie nie gefunden.
Irgendwann hatte sie sich damit abgefunden, dass sie anscheinend nicht wirklich sterben konnte. Seitdem lebte sie ihre vielen und seltsamen Leben. Sie lernte, sich anzupassen und die Gegebenheiten zu akzeptieren. Aber sie dachte nicht gerne darüber nach, deshalb schob sie ihre Erinnerungen auch jetzt rasch wieder beiseite.
Ihre Gedanken wandten sich eilig ihrem jetzigen Leben zu: Angeblich war sie die einzige Überlebende eines entsetzlichen Brandes, das Feuer hatte alle Beweise oder vielmehr Nichtbeweise ihrer Existenz vernichtet. Sie besaß keine Vergangenheit und auch keine Erinnerung. Nur ihren Vornamen hatte sie genannt: Sheena. Den suchte sie sich, wenn irgend möglich immer selbst aus. Alles andere hatte sie den Behörden überlassen.
Totale Amnesie nach einem furchtbaren Unglück. Die Ärzte und Behörden waren äußerst hilfsbereit gewesen. Schon wenige Wochen später hatte sie eine ID-Karte und alle notwendigen Angaben, um ein neues Leben zu beginnen.
Und seit fast drei Jahren lebte sie nun hier in Irland, genauer in Cork. Es gefiel ihr. Sie lachte leise. Was hatte die Frau gesagt? Als ob einem das Leben davonlaufen würde. Nein, ihr bestimmt nicht! Sie kicherte noch, als sie den riesigen Wohnturm erreichte, in dem sie ein gemütliches Appartement hatte.
Im siebenundzwanzigsten Stockwerk angekommen öffnete sie mit ihrer ID-Karte die Wohnungstür und ließ ihre große Reisetasche auf einen der bequemen Sessel fallen. Dann streckte sie sich auf der gut zwei Meter langen und knallroten Sitzgarnitur aus.
Sheena liebte kräftige Farben, ihre Wohnung sah dementsprechend aus. Evin, ihre Nachbarin und Freundin sagte immer wieder, man bräuchte eine Schutzbrille bevor man hier hereinkommen könne. Die vielen verschiedenen Farben würden einen sonst erschlagen. Sheena fühlte sich wohl dabei.
Wände und Boden waren weiß, das einzige Weiße, das es in ihrer Wohnung gab. Alles andere war in den verschiedensten Farben gehalten, die sich jedoch wunderbar ergänzten. Ihr Appartement wirkte lebhaft, aber dennoch gemütlich.
Sheena griff hinter sich und holte aus einem kleinen Fach eine Flasche Weißwein und ein Glas. Auspacken würde sie später, jetzt hatte sie absolut keine Lust dazu. Fast vier Monate war sie fort gewesen. Auf der kleinen wissenschaftlichen Station im Asteroidengürtel hatte sie weitaus weniger Platz für sich selbst gehabt. Sie genoss es, wieder alleine zu sein.
Obwohl sie die Zeit dort draußen nicht missen wollte. Es war hochinteressant gewesen. Ihre Firma beschäftigte sich unter anderem mit der Erforschung der geologischen Zusammensetzung des Sonnensystems. Und sie hatte ohne zu überlegen zugegriffen, als sie die Gelegenheit bekam, auf einer der wissenschaftlichen Stationen, die überall im Sonnensystem verteilt waren, arbeiten zu können. Geologie liebte sie und ihre Kenntnisse, die sie in ihren vielen Leben gesammelt hatte, waren ungemein wertvoll – obwohl sie niemals sagen konnte, woher sie diese Kenntnisse hatte.
Seufzend streckte sie sich aus und trank genussvoll den ersten Schluck während sie den Nachrichtenkanal des terrestrischen Fernsehens einschaltete. In der Station waren ihr die Geschehnisse auf Terra so fern erschienen, dass sie sich nie die Mühe gemacht hatte, sich über das Tagesgeschehen zu informieren. Doch jetzt kam die Wissbegierde zurück, und außerdem würde Evin sie für noch exzentrischer halten also ohnehin schon, wenn sie zugeben musste, dass sie keine Ahnung hatte, was in den letzten Monaten geschehen war.
Drei Minuten später fiel ihr fast das Glas aus der Hand. Das konnte doch nicht wahr sein. Aufmerksam lauschte sie den Worten des Sprechers, sah die Bilder und ihre Augen wurden immer größer. Mit fliegenden Fingern holte sie sich weitere Informationen aus dem allgemein zugänglichen Informationsnetz Terras.
Tatsächlich! Es gab keinen Zweifel. Er war es!
Atlan! Der ewige Wanderer durch die Zeit! Als Gefangener in Terrania City!
Das war blanker Hohn.
Wieder verlangte sie nach genaueren Informationen, doch es gab nur recht wenige Einzelheiten über die genauen Umstände seiner Gefangennahme. Offensichtlich war der Arkonide unerkannt – natürlich, was sonst – in einen Stützpunkt in der Hauptstadt von Terra eingedrungen. Nach einer gewaltsamen Auseinandersetzung war er dann auf einem Stützpunktplaneten vom Administrator persönlich gefangengenommen worden.
Von Perry Rhodan? Und was zum Teufel hieß ‚gewaltsame Auseinandersetzung’? Mit welchem Recht konnten terranische Sicherheitskräfte diesen Mann überhaupt gefangen setzen?
Sheena stutzte in diesem Moment. Wenn Atlan nichts über sich gesagt hatte, konnten diese Menschen ja gar nicht wissen, wer und vor allem, was er war. Für jeden anderen Menschen außer ihr selbst war er ein Arkonide und nur das. Und Arkon durfte auf keinen Fall erfahren, dass es den Planeten Terra noch gab.
Dieses aufmüpfige Terra, das so plötzlich auf der intergalaktischen Bühne erschienen war und nicht nur die Springer herausgefordert hatte – die das Handelsmonopol im arkonidischen Großreich für sich beanspruchten –, sondern sogar Arkon selbst. Und Arkon beherrschte ein Sternenreich von riesigen Ausmaßen – und wurde inzwischen von einer Maschine regiert, da die Arkoniden nicht mehr dazu in der Lage waren.
So stark Terra in den letzten Jahrzehnten auch geworden war, gegen ein massives Aufgebot arkonidischer Robotschiffe konnten sie noch längst nicht bestehen. Und der Robotregent auf Arkon war unerbittlich!
Bedeutete das, dass Atlan über sich geschwiegen hatte? Dass er den Menschen nicht gesagt hatte, wer er wirklich war und seit wann er auf dieser Welt lebte? Obwohl, so abwegig war der Gedanke nicht. Atlans Geschichte war so ungewöhnlich, dass die meisten Menschen ziemliche Probleme damit hätten, ihm zu glauben. Andererseits, die Männer und Frauen in Perry Rhodans Umgebung waren selbst ungewöhnlich genug. Sie würden ihm bestimmt glauben.
Und was sollte diese Bemerkung denn bedeuten: Der Arkonide hatte versucht ein intergalaktisches Schiff zu stehlen, um damit nach Arkon zu fliegen. Das war vollkommener Blödsinn! Niemals würde dieser Mann Terra an Arkon verraten. Und wenn er zehnmal Arkonide war. Nie! Dazu war er einfach nicht fähig.
Ganz abgesehen davon, dass er das schon vor langer Zeit hätte tun können! Und davor ... Er hatte immer nur versucht, den Menschen zu helfen, nie hatte er ihnen Schaden zugefügt – er war ein Schutzengel der Menschen. Sheena grinste, vermutlich wäre er entsetzt über diesen Begriff. Sie wusste, dass er sich eher als Wächter ansah – oder angesehen hatte. Denn es war sehr lange her, dass sie sich begegnet waren.
Sheenas Gedanken schweiften zurück: In die Zeit und an den Ort, zu dem einen ihrer vielen verschiedenen Leben, in dem sie zum ersten Mal dem ewigen Wanderer begegnet war.
Review schreiben