Was sonst noch geschah

GeschichteAbenteuer / P16
OC (Own Character) Shay Patrick Cormac
02.03.2017
03.08.2020
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02.03.2017 30.687
 
Willkommen zu meiner ersten öffentlichen Assassins Creed Fanfic. Mir geht es in dieser Geschichte hauptsächlich darum die Persönlichkeit von Shay etwas mehr zu durchleuchten und seine Beweggründe offen zu legen. Natürlich bin ich nicht sein Erfinder und nichts von alle dem muss wirklich genau so passiert sein, doch es wäre durchaus möglich. ^^
Ich wünsche euch viel Spaß beim lesen.
Sorry für etwaige Tippfehler und fehlende Kommata.
edit: Danke für über 800 Aufrufe. Das macht Mut ^^

Blinder Passagier

„Ihr wollt es, Shay? Es gehört euch.“ Der Chevallier machte eine Verbeugung in meine Richtung, die mehr Spott als alles andere war und fuhr dann fort. „Nun bringt mich zurück zu meinem Schiff.“ Es gefiel mir überhaupt nicht von ihm herumkommandiert zu werden. Was glaubte dieser Mann, wer er war?
Eine neuerliche Auseinandersetzung würde mir wohl nur neuerlichen Ärger einbringen und noch immer spürte ich einen dumpfen Schmerz im Gesicht, wo mich seine Faust getroffen hatte. Irgendwann bekomme ich schon noch die Gelegenheit, es dir heimzuzahlen, dachte ich. Jede Gemeinheit bekommt er irgend wann zurück. Doch die ganze Angelegenheit hatte auch etwas gutes. Dieses Schiff gehörte mir. Mein eigenes Schiff.
Ein paar der Schmuggler, die wir gerettet hatten, schlossen sich uns an. Für den Anfang würden sie als Crew reichen, doch sicher brauchten wir bald mehr Leute. Nun jedoch gab es wichtigeres. Gerne hätte ich vor unserem Aufbruch das Schiff komplett in Augenschein genommen, doch der Chevallier drängte uns abzulegen, damit wir den Überresten seiner Flotte zur Seite stehen konnten. Anders gesagt, er forderte mich dazu auf sein Schiff zu retten.
Einen kleinen Moment spielte ich mit dem Gedanken die Gerfaut untergehen zu lassen, nur um dem Franzosen eins auszuwischen, doch dann müsste ich ihn bis nach Daevenport bringen. Nein, je eher ich ihn los werden konnte um so besser war es.
Als wir nahe genug an den Konflikt auf See herangekommen waren gab ich den ersten Feuerbefehl, bevor einer der Briten auch nur begriff, dass wir keine Unterstützung, sondern Gegner waren. Im Handumdrehen wendete sich das Blatt zu unseren Gunsten und zum ersten Mal wirkte de la Verendrey zufrieden. Sein Schiff hatte Schaden genommen, doch es war noch immer seetauglich. Er ließ sich zu seinem Schiff rudern und erleichtert atmete ich auf als seine Gestalt kleiner wurde.
„Welchen Kurs soll ich setzen, Shay?“ Liam trat an meine Seite und ich sah ihn mit einem Lächeln an. Es war gut ihn weiterhin an Bord zu haben. Es zeigte mir, dass wir trotz allem immer noch Freude waren und er es vorzog, mit mir zu segeln, auch wenn die Gerfaut etwas mehr Komfort zu bieten hatte als die Morrigan. „Zeit dem Mentor Bericht zu erstatten, meint ihr nicht auch?“ - „Weise Worte, Kapitän. Weise Worte.“
Liam zwinkerte. Es war etwas ganz anderes wenn Liam diese Art von Scherz machte, als wenn sie vom Chevallier kamen. Ich wusste wie diese Worte gemeint waren und diese kleinen Neckereien zwischen uns waren rein freundschaftlich.
„Ihr solltet euch vorher vielleicht ansehen wie es um die Morrigan steht“, meinte Liam und ich zog die Augenbrauen hoch. „Nicht dass wir auf halber Strecke absaufen.“ Da hatte er recht und nun, wo die Gefahr vorerst vorüber und keine französische Nervensäge an Bord war, konnten wir uns in Ruhe umsehen. Ich schickte zwei Männer unter Deck um nach Schäden zu suchen und machte mich selbst auf, die Kapitänskajüte zu inspizieren. Liam blieb an Deck um ein Auge auf die Umgebung zu haben.
Ein etwas unangenehmer Geruch stieg mir in die Nase, als ich die Tür öffnete. In diesem Punkt hatte der Chevallier recht. Die Morrigan stank. Das würde sich schon noch ändern und ich hatte nun keine Lust mich darum zu kümmern. Um alles hier drin in Augenschein nehmen zu können bräuchte ich sicher Stunden und so begnügte ich mich erst einmal mit einer groben Übersicht.
Ein paar Kisten standen an den Seiten. Fässer, Seile, ein Regal mit ein paar Flaschen. Ein großer Tisch in der Mitte auf dem eine Seekarte lag, mitsamt allem was man benötigte um einen Kurs festzulegen oder den Standort zu bestimmen.
Weiter hinten wurde es wohnlich mit einem großen Schreibtisch, Kommoden, Waffen- und Kleiderständer und eine großzügige Koje. Darüber ein Regal mit ein paar Büchern. Bücher? Der vorherige Kapitän musste viel Zeit zum lesen gehabt haben. Mein Blick wanderte über den Schreibtisch und blieb am Logbuch hängen. Damit würde ich mich wohl befassen müssen, dachte ich bitter. Logbucheinträge waren wichtig, doch schreiben war nicht gerade eine meiner Lieblingsbeschäftigungen.
Ich ging um den Tisch herum um mir den Inhalt der Schubladen anzusehen, wobei ich an die gepolsterte Sitzbank stieß die sich über einen Großteil der Heckwand erstreckte. Kurz spürte ich einen kalten Luftzug am Bein und sah mir die Sache genauer an. Ich war schon auf einigen Schiffen, die Kajüte des Kapitäns war jedoch immer ein Ort gewesen, den ich nur selten zu Gesicht bekommen hatte.
Selbst als ich mit meinem Vater auf See gewesen war, hatte ich einen Platz unten bei der Mannschaft gehabt. Es hatte keine Sonderstellung gegeben, nur weil ich zur Familie gehörte. Ich zog an der Sitzfläche und sie ließ sich problemlos nach oben klappen. Ein Loch kam zum Vorschein mit Blick aufs Meer. Nett, einen eigenen Abtritt zu haben. Gerade als ich die Klappe wieder schloss klopfte es an der Tür. „Ja?“
Einer der beiden, die ich unter Deck geschickt hatte, trat zögernd ein. Ich kannte noch nicht einmal seinen Namen, ging es mir durch den Kopf. Daher wusste ich nicht wie ich ihn nun ansprechen sollte und wartete einfach ab.
„Kapitän, wir haben im Frachtraum etwas gefunden, das ihr euch ansehen solltet.“ Es war ungewohnt so angesprochen zu werden, doch ein gutes Gefühl wenn jemand einem Respekt entgegen brachte. Daran konnte ich mich durchaus gewöhnen.
„Worum geht es?“ Wegen einer Ratte würde ich nicht unter Deck gehen. Dazu gab es hier viel zu viele Dinge zu entdecken. „Sieht danach aus, als hätten die Briten einen Passagier an Bord gehabt.“ Damit hatte ich nicht gerechnet. Die Morrigan war kein Passagierschiff und hier hatten sich nur Soldaten aufgehalten.
Neugierig geworden folgte ich dem Mann in den Frachtraum und blieb vor einer Gefängniszelle stehen. Hinter den Eisenstangen befand sich eine junge Frau, die nicht den Eindruck erweckte, als würde sie hier her gehören. Sollte das ein schlechter Scherz sein? Eine Frau auf so einem Schiff. Noch dazu eingesperrt. Was hatten die Roastbeefs mit ihr vor?
Hier unten war es recht dunkel und wir hatten nur eine Laterne. Daher konnte ich sie nicht all zu deutlich sehen. Auf den ersten Blick fand ich jedoch nichts ungewöhnliches an ihr. Nichts, was mir einen Hinweis darauf geben konnte, warum man sie eingesperrt hatte. Sie sah aus, als wäre sie noch nicht lange in dieser Zelle und hätte keine Ahnung warum sie dort war.
Sie trug einen kurzen Mantel über ihren Kleidern, hatte das dunkle Haar zu einem Zopf gebunden und eine leicht schief sitzende Brille auf der Nase. Das Licht der Laterne reflektierte sich in den Gläsern, so dass ich ihre Augen nicht sehen konnte. Ich schätzte sie auf Anfang bis Mitte Zwanzig, auch wenn es schwer war das bei diesem schwachen Licht zu sagen.
Bevor ich ein Wort an sie richtete schärfte ich meine Wahrnehmung. Vor ein paar Monaten hatte Kesegowaase begonnen mir diese Fähigkeit beizubringen, die er das Adlerauge nannte. Sie machte es leichter Verbündete, Feinde oder auch Ziele ausfindig zu machen und voneinander zu unterscheiden. All zu gut beherrschte ich es jedoch noch nicht. Daher dauerte es einen Moment bis ich den leichten blauen Schimmer wahrnahm, der sie umgab. Blau war gut.
„Ich nehme an, es gibt einen Grund dafür, dass ihr hier eingesperrt sein, Miss.“ Der Blick den sie mir zuwarf, war alles andere als glücklich und als sie antwortete, lag ein leichtes Zittern in ihrer Stimme. „Das ist alles nur ein Missverständnis.“ Sie wich einen Schritt vom Gitter zurück und fügte hinzu: „Und seid keiner von denen, die mich hier her gebracht haben.“
Das stimmte, aber es erklärte nicht, warum man sie eingesperrt hatte. Kurz wechselte ich einen Blick mit den beiden Matrosen, dann wandte ich mich zum Gehen. Darüber musste ich mit Liam reden. Er kannte sich besser aus als ich. „Bringt sie nach oben“, befahl ich den beiden Männern und ließ sie dann alleine.
Eine Frau an Bord. So etwas bedeutete nur ärger. Es brachte Unglück eine Frau an Bord zu haben. Andererseits hatten wir den Kampf gegen die britischen Soldaten gewonnen. Da wusste ich aber auch noch nicht, dass sie an Bord war. Zu dem hielt ich nicht all zu viel von diesem Aberglauben.
Wieder an der frischen Luft winkte ich Liam zu mir herunter und erzählte ihm von ihr. „Irgend etwas stimmt bei der Sache nicht. Es gibt keinen Grund eine wehrlose Frau einzusperren und auf eine Insel wie diese mitzunehmen.“ Liam runzelte die Stirn. Immer wenn er nachdachte hatte er diese Falte zwischen den Augenbrauen. „Vielleicht gehört sie zu den Schmugglern. Dann müsste einer von denen sie erkennen.“
„Die Beiden da unten sahen nicht danach aus als hätten sie sie schon einmal gesehen.“ Schon waren Schritte auf der Treppe zu hören und ich wandte mich der Luke zum Frachtraum zu. Einer der Männer hielt sie am Arm fest und mir fiel auf, dass sie leicht humpelte. Bei Tageslicht sah sie älter aus als dort unten. Ende zwanzig vielleicht und ihr Haar wirkte nicht mehr so dunkel. Im Grunde war sie gar nicht mal unattraktiv.
Kaum das sie die letzte Stufe hinter sich gelassen hatte riss sie sich los und stieß ihn von sich. Sie machte ein paar Schritte als hätte sie ernsthaft vor fortzulaufen, doch Liam war schneller. Von hinten schlang er seine Arme um sie und hielt sie fest. „Hey, hey. Ganz ruhig, ja.“ Anstatt aufzugeben begann sie damit sich gegen seinen Griff zu wehren. „Los lassen“, fauchte sie. Liam ließ sich dadurch nicht beeindrucken.
„Keiner hier hat vor euch etwas zu tun“, wollte er sie beruhigen, doch sie versuchte nur nach ihm zu treten, verfehlte sein Bein jedoch. „Ihr sollt mich loslassen.“ - „Wenn ihr aufhört zu zappeln, sicher.“ Diese Bemerkung ließ ein paar der Anwesenden lachen und auch ich musste schmunzeln. Das brachte sie anscheinend zur Besinnung, denn sie hörte auf sich zu wehren.
Als Liam sie losließ drehte sie sich langsam zu ihm um. „Geht doch.“ Dabei klang er leicht amüsiert, auch wenn man es ihm nicht ansah. Ihr Blick huschte nun von einem zum anderen, dann hinaus aufs Meer und rüber zur Gerfaut. Ihre Schultern sackten ein wenig nach unten als ihr klar wurde, dass sie sich auf dem offenen Meer befand und es keine Möglichkeit zur Flucht gab.
„Also“, begann ich, und sie wandte sich mir zu, „Können wir uns nun in Ruhe unterhalten, oder zieht ihr es vor unter Deck zu bleiben?“ - „Warum sollte ich mich mit Piraten unterhalten?“ Ich warf Liam einen Blick zu der mit den Schultern zuckte.
„Wir sind keine Piraten, Miss“ Ich lächelte leicht. Sie schien nicht überzeugt. „Ach nein? Dieses Schiff gehört der Royal Navy und ihr seht nicht nach einem Soldaten aus.“ - „Ich bin auch kein Soldat, aber zu euch. Wer seid ihr und warum hat man euch eingesperrt?“
Sie zögerte einen Moment bevor sie mit leiserer Stimme sagte: „Selena Berg und warum man mich eingesperrt hat...“ Sie fuhr sich über den Hinterkopf, „Die haben mich niedergeschlagen. Ich habe keine Ahnung wie ich hier aufs Schiff gekommen bin.“
„Wer hat euch niedergeschlagen?“ fragte Liam und verschränkte die Arme. Das er ihr nicht glaubte war deutlich zu erkennen. Ich konnte mir auch nicht vorstellen, warum jemand einfach so eine Frau niederschlagen sollte. „Ein britischer Soldat, nach dem ich mich geweigert habe zu kooperieren.“ Wieder wechselte ich einen Blick mit Liam und trat dann auf sie zu, was sie zurückweichen ließ.
„Und was wollte er von euch?“ Wieder zögerte sie einen Augenblick. „Ich sagte schon, es war ein Missverständnis. Ich habe mich verlaufen und bin gestürzt. Dummerweise direkt vor die Nase eines Soldaten und das wohl auch noch in einer Sperrzone. Die haben mich mitgeschleift, ihrem Truppenführer gesagt ich würde zu irgendwelchen Schmugglern gehören und mich dann niedergeschlagen um sich später mit mir zu befassen.“ Sie rieb sich den Arm, „Was das bedeuten sollte will ich lieber nicht wissen.“
Mir fiel auf, dass ihr Kleid an den Knien Flecken hatte. Auch der Mantel hatte ein paar Schmutzstellen. Ein Teil der Geschichte konnte durchaus stimmen, auch wenn sie nicht sehr glaubwürdig klang. Doch aus welchem Grund auch immer man sie mitgeschleppt hatte, mich ging es nichts an. Sie war nicht meine Gefangene. „Dann wäre es wohl am Besten euch wieder zurück zu bringen.“ - „Nein.“
Das überraschte mich nun wirklich. Ich war davon ausgegangen, dass sie so schnell wie möglich wieder an Land gehen wollte. Dann hatte sie wohl doch nicht ganz die Wahrheit gesagt. „Ich meine...“ Ihr Blick huschte kurz zu Liam der den Kopf etwas weiter senkte, dann zurück zu mir, so als wäre sie nicht sicher wer von uns beiden hier das Sagen hatte. „Ich hab mich nicht einfach verlaufen. Ich kenne die Insel nicht und habe nach einer Möglichkeit gesucht von dort weg zu kommen. Man hat mich dort zurück gelassen. Bitte, ich suche keinen Streit. Ich möchte nur irgendwie in den Kolonien ankommen.“
Das klang schon vernünftiger, auch wenn es sicher noch nicht die ganze Geschichte war. Sie verheimlichte etwas und meine Neugierde wuchs. „Wenn das so ist, dann können wir uns auch während der Weiterfahrt darüber unterhalten. Wir segeln Richtung Boston.“ Ich sah wie Liam sich bei diesen Worten leicht anspannte. Er hatte ganz offensichtlich etwas dagegen, aber er hatte hier nicht das sagen.
„Boston klingt gut, aber ich möchte nicht zur Last fallen.“ Wieder etwas das ehrlich klang. „Einer mehr an Bord wird nicht so schlimm sein.“ Ich deutete hinauf ans Steuerrad und zögernd folgte sie der Aufforderung. Es konnte sicher nicht schaden sie bis zum nächsten Hafen mitzunehmen. Vielleicht wurde es sogar ganz unterhaltsam.
Ich ließ Segel setzen und Liam gesellte sich an meine rechte Seite. Nach einem unsicheren Blick stellte Selena sich nach links, blieb jedoch etwas auf Abstand. „Von wo stammt ihr, Miss?“ Mir war ihr Akzent aufgefallen. Einer, den ich nicht einordnen konnte und ich hatte schon so manchen gehört.
„Von überall und nirgends“, wich sie aus. „Was ist mit euch?“ Ohne darüber nachzudenken antwortete ich: „New York.“ Aus irgend einem Grund entlockte ihr das ein Lächeln. Dieses kleine Heben der Mundwinkel ließ sie gleich etwas entspannter wirken.
„Wo ward ihr zuletzt?“ fragte ich weiter, „Warum hat man euch auf dieser Insel zurück gelassen?“ Denn das war es, was mich besonders interessierte. Wenn sie sich das alles nur ausdachte, würde sie über kurz oder lang einen Fehler machen.
„Wir waren von St. John's unterwegs nach Québec. Dort wohnt die Tante einer Freundin, mit der ich unterwegs war. Sie wollte uns für ein paar Tage aufnehmen. Auf der Fahrt wurde ich dem Kapitän wohl ein wenig zu frech, auch wenn ich nur die Wahrheit gesagt habe.“
„Was habt ihr ihm denn gesagt? Das sein Schiff zu langsam ist und es von Ratten wimmelt?“ - „Nein“, wieder lächelte sie, ein wenig mehr als vorher. „Ich glaube es war eher so etwas wie: 'Finger weg, sonst Finger ab.' Nur nicht ganz so nett ausgedrückt.“
Liam kicherte hinter vorgehaltener Hand bei dieser Bemerkung, doch ich war nicht sicher, ob ich die Anspielung richtig verstanden hatte. „Und wie klingt es in nicht so nett?“ - „Ich glaube das wollt ihr nicht wirklich hören. Auf jeden Fall fand er es nicht witzig und meinte mir ein paar Manieren beibringen zu müssen. Da hat er mich ohne Gepäck ausgesetzt. Naja fast ohne. Den Rest hat mir einer der Soldaten abgenommen.“
Bei diesen Worten erstarb ihr Lächeln. Ich versuchte mir vorzustellen, was ich an ihrer Stelle getan hätte. Wenn man mir bei diesen Temperaturen alles abgenommen und mich auf einer Insel ausgesetzt hätte. Gut, ich konnte jagen und wusste wie man überlebt. Selena wirkte wie jemand der nicht wusste wie man in der Wildnis zurecht kam.
Sie lehnte sich nun mit dem Rücken ans Geländer und sah mich direkt an. „Vielleicht war es gut so. Euer Schiff gefällt mir besser als das dieses Halunken.“ - „Es gefällt euch?“ Ich war mir sicher, dass sie es nicht ernst meinte. Die Morrigan war im Vergleich zu einer Handelsgaleere, die üblicherweise für Überfahrten genutzt wurden, klein und unkomfortabel.
Wieder huschte ein Lächeln über ihre Lippen und ich fühlte meinen Verdacht bestätigt. „Es ist beschädigt, das stimmt und an einigen Ecken müsste geschrubbt werden, aber es ist eher die Bauart die mir zusagt, versteht ihr?“ Nein ich verstand gar nichts, ließ sie jedoch weiter reden. „Nicht zu klein aber klein genug um wendig zu sein und wie es aussieht ist es noch ausbaufähig.“ Sie ließ ihre Hand über das Geländer gleiten und wurde wieder ernst. „Dieses Schiff... Es gehört euch nicht wirklich, sonst wäre sein Zustand sicher besser.“
„Ich habe es... in Verwahrung genommen,“ sagte ich vorsichtig. Das war zumindest nicht gelogen. „Sein Vorbesitzer brauchte es nicht mehr.“ - „Dann seid ihr doch ein Pirat oder rechtfertigt ihr euch immer damit?“ Das hatte gesessen. Ich wollte zu einer Erwiderung ansetzen, doch mir fiel nichts passendes ein.
Selena senkte den Blick und als selbst Liam nichts dazu sagte löste sie sich vom Geländer und entfernte sich ein paar Schritte. Ich verstand, wieso dieser Kapitän sie für frech gehalten und ausgesetzt hatte. Sie hatte ein loses Mundwerk, auch wenn ich zugeben musste, dass an ihrer Logik durchaus etwas dran war.
„In gewisser Weise hat sie Recht“, meinte Liam, leise genug, damit Selena ihn nicht hören konnte. „Wir sind keine Piraten,“ gab ich zurück, „Und die Briten haben es wirklich nicht mehr gebrauchen können.“ Immerhin waren sie tot. „Schon, aber seht es aus ihrer Sicht. In ihren Augen sehen wir wie Piraten aus, auch wenn wir nicht unter schwarzer Flagge segeln. Oder zumindest wie Freibeuter.“
Ich warf Selena einen Blick zu, doch sie hatte uns den Rücken gekehrt und hielt sich an der Reling fest, die Augen aufs Meer gerichtet. Wie sollte ich sie von dem Irrglauben abbringen, das wir Piraten waren? Ich konnte ihr schlecht erzählen, dass wir in Wahrheit Assassinen waren. Das würde sie nur in Panik versetzen, falls sie mir überhaupt glauben schenkte.
Es dauerte lange bis sie sich wieder zu uns gesellte und nach kurzem Zögern ergriff sie das Wort: „Tut mir leid. Ich wollte euch nicht vor den Kopf stoßen.“ - „Im Grunde habt ihr Recht“, antwortete Liam, „Würde man alles mit den Worten: 'Sein Vorbesitzer brauchte es nicht mehr' an sich nehmen, wären wir alle in kürzester Zeit Mörder, Diebe und Plünderer und die Welt würde im Chaos versinken da es kein Recht und keine Ordnung mehr gäbe.“
„Ich habe schon verstanden. Und ich glaube nicht, dass ihr etwas nur aus Eigennutz tun würdet.“ - „Was wir tun, tun wir für Frieden und Freiheit.“ - „Und verschont das Leben Unschuldiger“, murmelte sie und Liams Augen verengten sich. Ich beschwichtigte ihn mit einer leichten Handbewegung. Sicher war ihre Wortwahl nur Zufall gewesen. Eine Hoffnung, dass keiner von uns ihr etwas zu leide tat.
Diese Haltung konnte ich nachvollziehen. Sie kannte uns nicht und wenn ihre Geschichte stimmte, versuchte sie nun wohl so wenig Ärger wie möglich zu verursachen. Erneut trat Stille ein und sie vermied es einen von uns anzusehen.
„Vielleicht wäre es besser, wenn ihr mich am nächst möglichen Hafen absetzt und nicht ganz bis nach Boston mitnehmt“, sagte sie unvermittelt, was mich stutzig machte. „Das dürfte derzeit schwer werden. Bis zum nächst besseren Hafen sind noch einige Meile zu segeln.“
Sie seufzte. „Und wie stellt ihr euch das vor? Es war töricht hier zu bleiben.“ - „Auf einmal?“ Es überraschte mich, dass sie nun so dringend von Bord wollte, wo sie doch vorher nicht hatte gehen wollen. Dann war sie wohl noch immer der Meinung unter Piraten zu sein.
„Wenn man ein paar Stunden Zeit zum Nachdenken hat dann fallen einem Dinge ein, auf die man sonst erst kommt wenn es zu spät ist. Ich weiß ja nicht, aber habt ihr euch die Situation angesehen in der ich stecke? Gut, vorher saß ich alleine auf einer Insel fest und wäre vermutlich erfroren oder verhungert. Dann hat man mich niedergeschlagen, auf ein Schiff gebracht und eingesperrt. Jetzt bin ich die einzige Frau unter...“ Sie warf einen Blick übers Deck, „20 Männern und habe keinen Ort an dem ich wirklich sicher wäre außer der Gefängniszelle unten im Frachtraum.“
Der Blick den sie mir nun zuwarf machte mir deutlich, dass sie mir nicht traute. Dabei hatte ich ihr nun wirklich keinen Grund geliefert. Dann fügte sie leiser hinzu: „Und es gibt hier wohl kaum einen Ort an dem ich mich frisch machen könnte.“ Sie biss sich auf die Unterlippe und der Groschen fiel.
Das Grinsen konnte ich nicht unterdrücken. „Also was das angeht... Da gibt es durchaus eine Möglichkeit.“ Bei diesen Worten stieg Selena eine leichte Röte ins Gesicht und sie senkte den Blick noch weiter. „Ich kann euch wohl kaum den Abtritt der Mannschaft zumuten. In der Kapitänskajüte ist auch einer. Wenn es sein muss, könnt ihr den nehmen. Aber...“, und ich warf ihr einen strengen Blick zu, „Der Rest dort geht euch nichts an. Verstanden?“
„Aye, Kapitän“, gab sie zurück. „Wäre es dann unverschämt wenn ich mal kurz...“ Sie deutete nach unten und verzog leicht das Gesicht was mich zum schmunzeln brachte. „Geht, bevor ihr euch ins Hemd macht.“ Schon huschte sie die Stufen hinunter und verschwand in der Kajüte. Vielleicht hatte sie nur aus diesem Grund gesagt, das sie von Bord gehen wollte. Um ungesehen pinkeln zu können. Ein Eimer unten im Frachtraum hätte es sicher auch getan, doch hatte ich die Hoffnung ihr mit dieser Geste ein kleines Gefühl von Sicherheit geben zu können.
Kaum war Selena verschwunden wandte Liam sich mir zu. „Glaubt ihr wirklich, dass sie sich daran hält?“ - „Sie kann sich schlecht auf die Reling setzen. Zu dem gibt es dort drin nichts, das ihr etwas über uns sagen könnte.“ - „Sie könnte euch bestehlen.“
Ich warf ihm einen finsteren Blick zu. „Wir haben noch einen weiten Weg vor uns. Es wäre für sie nicht klug jetzt zu stehlen, falls sie es vorhaben sollte. Von hier kann sie nicht fliehen. Und ihr habt sie gehört. Sie ist die einzige Frau hier. Mir ist es lieber wenn sie sich an Orten aufhält zu dem nur wir beide Zutritt haben und nicht die ganze Crew.“
Doch mich beschäftigte noch etwas anderes. Wo sollte ich sie für die Nacht unterbringen? Sie war hier nirgendwo sicher. Eine der Hängematten im Mannschaftsquartier kam nicht in Frage. Eben so wenig die Koje in der Kajüte. Würde ich ihr die anbieten würde sie nur glauben ich hätte einen Hintergedanken dabei.
Der Wind frischte auf und die Morrigan schwankte leicht. Aus der Kajüte war nichts zu hören und ich überlegte kurz hinunter zu gehen und zu schauen, ob Selena den Abtritt überhaupt gefunden hatte. Schon war das Schlagen der Tür zu hören und sie erschien wieder an Deck.
Fast stieß sie mit einem der Mannschaft zusammen als sie sich zur Seite wandte um wieder zu uns hinauf zu steigen. Der Mann stieß nur eine Beleidigung aus und Selena warf ihm einen vernichtenden Blick zu, schwieg jedoch.
„Nette Crew“, sagte sie mit einem leichten Lächeln als sie sich wieder neben mich stellte. „Es wundert mich, dass ihr ihn nicht zurecht weist, wo ihr euch doch sogar mit einem Kapitän angelegt habt.“ Das wunderte mich wirklich. Nach ihren Worten zu urteilen hatte sie sich von dem nicht all zu viel gefallen lassen. Und dafür büßen müssen. Vielleicht lag es daran, dass sie es sich nicht auch mit mir verscherzen wollte.
„Das war etwas anderes. Zwischen unhöflich und unverschämt ist noch ein kleiner Unterschied und erst wenn einer eurer Männer unverschämt wird, werde ich ich es auch. Ich glaube zwar nicht, dass es Eindruck macht wenn mir die Hand ausrutscht aber ein Knie an der richtigen Stelle dürfte den erwünschten Effekt bringen.“
Liam zog scharf die Luft ein. Ich musste lachen. Auch wenn sie nicht danach aussah wusste sie offensichtlich, wie man sich jemandem vom Leib hielt. Ich konnte mir lebhaft vorstellen, warum dieser Kapitän sie über Bord geworfen hatte. „Wozu braucht ihr dann noch Schutz? Ihr könnt euch doch selbst verteidigen.“
„Gegen einen vielleicht aber wohl auch nur einmal. Im Grunde habe ich keine Chance gegen halbwegs starke Männer die wohl auch teilweise eine Ausbildung im Kampf hinter sich haben.“ Selenas Lächeln war verschwunden und als ich ihr in die Augen sah, wich sie nicht aus. Wie kam sie nun schon wieder auf so einen Gedanken? Sie hatte weder Liam noch mich in Aktion gesehen. Oder etwa doch?
„Ich habe eure Waffen bemerkt.“ fuhr sie fort, als hätte sie meine Gedanken gehört, „Für einfache Seeleute sind das ein wenig viele und ihr müsst dieses Schiff irgendwie in euren Besitz gebracht haben. Sicher hat die Navy es euch nicht kampflos überlassen. Zudem...“ Sie wandte sich nun an Liam, dessen Augen fast von der Kapuze verdeckt wurden, „Ihr seid sehr stark und ich nehme an, dass dieser lederne Überwurf nicht nur Zierde ist.“
„Ihr scheint euch auszukennen“, kam es von Liam, doch mir ging eine ganz andere Frage durch den Kopf. Warum achtete sie auf solche Dinge? Waffen waren in dieser unruhigen Zeit nichts ungewöhnliches doch sie stellte Zusammenhänge her, die eine einfache Frau sicher nicht erkennen würde. Wer war sie wirklich?
„Kaum“, sagte sie leise und holte mich aus meinen Gedanken. „Ich halte mich aus dem Kampfgeschehen lieber heraus“ - „Klingt allerdings so, als hättet ihr schon einiges gesehen.“ - „Man sieht es ja leider beinahe täglich. Es ist schade, dass viele nur diesen Weg zur Lösung eines Konfliktes kennen.“
Ich hatte das deutliche Gefühl, dass sie das Thema beenden wollte, doch Liam hakte nach. „Was würdet ihr denn tun?“ - „Ich weiß nicht. Reden? Muss es denn immer gleich Blutvergießen geben?“ - „Vielleicht nicht, aber es spart Zeit.“
Darauf schwieg sie. War reden wirklich eine Option? Darüber hatte ich bislang noch nicht nachgedacht. Aber ich war auch noch nicht in eine Situation gekommen in der es Zeit zum Reden gegeben hätte. Da hieß es immer ich oder der andere und da war mir das eigene Leben wichtiger.
Langsam wurde es dunkel und ich ließ die Positionslaternen entzünden. Ab und an schielte ich zu Selena herüber. Sie versuchte ein gähnen zu unterdrücken und immer wenn der Wind ein wenig stärker blies schlang sie die Arme um den Körper. Ihr musste ganz schön kalt sein. Wenn ihre Geschichte stimmte hatte sie alleine auf dieser Insel gehockt. Jetzt stand sie seit Stunden hier oben. Warum sagte sie nichts?
Als ich ein unmissverständliches Magen knurren aus ihrer Richtung hörte gab ich das Ruder an Liam ab. „Kommt, Miss“, wandte ich mich an Selena, „Ihr seht aus als könntet auch ihr eine Pause vom ewigen Stehen vertragen.“ Zu dem gab es mir die Gelegenheit kurzzeitig alleine mit ihr sprechen zu können. Egal wie gut ich auch mit Liam befreundet war, er musste nicht immer alles wissen und ich hatte das Gefühl, dass er sie nicht sonderlich mochte.
In der Kajüte machte ich mich auf die Suche nach etwas Essbarem. Irgendwo hier musste es die Vorräte vom vorherigen Kapitän geben, doch hatte ich noch nicht die Gelegenheit gehabt mir alles anzusehen. Daher brauchte ich einen Moment um Zwieback und Dörrfleisch zu finden. Besser als nichts. Ein paar Äpfel lagen in einer Schale, doch die sahen nicht mehr sehr appetitlich aus und ich wollte sie Selena nicht zumuten. Dann fand ich eine Flasche Rum und Becher. Der würde Sie sicher ein wenig aufwärmen und vielleicht lockerte das Zeug auch ihre Zunge ein wenig.
Als ich den Becher abstellte merkte ich, dass Selena unschlüssig nahe der Tür stehen geblieben war und mich beobachtete. Ich deutete auf einen Stuhl der neben ein paar Kisten stand und füllte den Becher mit Rum. Für mich war es in Ordnung aus der Flasche zu trinken, doch sicher war es höflicher ihr einen Becher anzubieten.
Mit dem Stuhl in den Händen trat sie an die Tisch heran, stellte ihn ab, blieb jedoch stehen. „Setzt euch.“ Langsam störte es, ihr alles vorgeben zu müssen. Vor ein paar Stunden noch war sie so Selbstbewusst aufgetreten. Nun wirkte sie wie ein eingeschüchtertes Kind. Mit keinem Wort hatte sie erwähnt, dass ihr kalt wurde, sie hungrig und müde war. Fast so, als hätte ich eine andere Person vor mir.
„Stimmt etwas nicht?“ fragte sie als sie sich gesetzt hatte und ich schob ihr wortlos den Becher hin. „Was ist das?“ - „Es wird euch wieder aufwärmen. Ich habe gemerkt, wie euch kalt geworden ist.“ - „Oh...“ etwas verlegen nahm sie den Becher zur Hand und sah hinein, „Danke.“
Ich nahm einen Schluck aus der Flasche, doch sie trank nicht. Worauf wartete sie? Selbst den Zwieback rührte sie nicht an. „Es ist kein Gift drin“, versuchte ich sie zu beruhigen, doch sie schien nicht überzeugt. „Ich trinke für gewöhnlich keinen Alkohol.“ Gut, das war nicht all zu ungewöhnlich, doch konnte sie keine Ausnahme machen? Ich hatte ja nicht vor sie betrunken zu machen.
„Nie?“ fragte ich, nur um sicher zu gehen. „So gut wie nie. Ich vertrag ihn nicht sonderlich gut.“ Entweder eine Ausrede um nicht trinken zu müssen, oder aber ein paar wahre Worte. „Was passiert denn wenn ihr zu viel bekommt?“ Erneut nahm ich einen kleinen Schluck aus der Flasche.
Der Rum tat gut. Er brannte in der Kehle und wärmte. Zu dem machte er mich ein klein wenig mutiger. Nicht, dass ich mich als Feige bezeichnen würde, doch Frauen waren so eine Sache... Bei ihnen musste man vorsichtig sein. Ein falsches Wort und es war vorbei.
Selena wurde nun sehr ernst. „Ich werde dann sehr direkt und verletzend. Etwas zu ehrlich für die Meisten. Und es kann auch sein, dass ich aggressiv werde. Glaubt mir, das wollt ihr nicht erleben.“ Sie nippte am Becher und stellte ihn zur Seite. Dann neigte sie den Kopf und sah mich an. „Seid ihr es gewohnt, dass so etwas funktioniert?“
Diese Frage überraschte mich. Was sollte funktionieren? Bevor ich etwas sagen konnte fuhr sie fort: „Vermutlich denken nun alle auf dem Schiff dasselbe. Selbst euer Begleiter wird sich seinen Teil denken da wir beide hier alleine sind.“
„Sekunde“, setzte ich an, doch sie hob die Hände und ließ mich nicht weiter reden. „Alle werden nun denken, dass zwischen euch und mir mehr ist, und selbst wenn wir beide es abstreiten wird es kaum einer glauben. Dazu habt ihr mich ein wenig zu bereitwillig weiter mit segeln lassen. Jetzt sitzen wir hier, oder besser ich sitze hier, ihr bietet mir Alkohol an und da fragt ihr euch was ich damit meinen könnte wenn ich frage ob das normalerweise funktioniert? Ich bitte euch. Für die meisten Frauen wäre es ein offener Versuch sie rum zu bekommen.“
Was um alles in der Welt ging bei ihr im Kopf vor? Hatte sie so eine schlechte Meinung von mir? Mir verschlug es beinahe die Sprache und selbst als ich den Mund öffnete um etwas zu sagen, redete sie einfach weiter. „Vermutlich seid ihr jedoch wirklich nur um mein Wohl besorgt und wollt mich unbeschadet schnell wieder los sein. Daher, danke für das freundliche Angebot, aber... Nein danke.“ Sie nahm sich einen Zwieback und sah mich an.
Ich konnte nichts tun außer sie anzustarren. Ging sie wirklich davon aus, dass ich ihre Situation ausnutzen würde? Um meine Gedanken zu ordnen sah ich auf die Flasche in meiner Hand. Der Rum war wohl doch keine gute Idee gewesen. Dann sah ich zur Tür. Von Draußen war nichts weiter zu hören als das Meer und der Wind, der in die Segel blies.
„Ich bin noch nie einer Frau wie euch begegnet“, gab ich zu, setze mich auf die Tischkante und nahm noch einen Schluck aus der Flasche. „Nicht nur, dass ihr es schafft mich alle paar Minuten aus dem Konzept zu bringen, ihr seid... sehr Wortgewandt.“
„Ich habe gelernt mit Worten umzugehen auch wenn es mir manchmal schwer fällt den Mund zu halten und mir hin und wieder etwas raus rutscht, was nicht sonderlich gut für mich ist.“ Darauf musste ich lachen. Auch sie lächelte leicht.
„Oh ja, ihr redet euch um Kopf und Kragen. Kein Wunder, dass man euch auf dieser Insel ausgesetzt hat.“ Langsam begann ich ihre Geschichte wirklich zu glauben. So wie sie sich benahm war es wohl nur eine natürliche Reaktion gewesen sie auszusetzen.
„Tut mir leid wenn ich etwas gesagt habe, das euch...“ - „Stopp.“ unterbrach ich sie und sie verstummte augenblicklich. „Ihr müsst euch nicht entschuldigen. Das was ihr gesagt habt stimmt. Auf euch müssen wir wirklich wie Piraten wirken.“ - „Für mich die einzige Erklärung wie ihr in den Besitz dieses Schiffes gelangt seid.“
Musste sie dauernd davon anfangen? Schon wandte sie sich ab und biss sich auf die Unterlippe. „Ich wollte nicht schon wieder damit anfangen.“ - „Warum tut ihr es dann?“ Sie hob den Blick, sah mich jedoch nicht wirklich an. „Das sind diese Dinge die mir einfach raus rutschen. Und die mich in Schwierigkeiten bringen.“ Sie legte den Zwieback zur Seite und wischte sich die Krümel von der Hand.
Ja, es würde sie wirklich noch in Schwierigkeiten bringen, wenn sie nicht aufhörte. Ich stellte die Flasche ab und rutschte vom Tisch.
„Immerhin deutet alles darauf hin“, verteidigte sie sich nun, „Eure Waffen. Ihr habt euch mit der Navy angelegt. Ihr habt dieses Schiff an euch genommen. Ein einfacher Seemann würde so etwas sicher nicht tun. Und ihr wirkt auf mich nicht wie ein Soldat. Selbst wenn es stimmen würde, ich kann und ich werde euch keinen Vorwurf machen. Ihr hättet mich über Bord werfen können oder da unten verrotten lassen. Stattdessen gebt ihr mir eine Chance.“
Vielleicht hätte ich es tun sollen. Sie dort unten lassen, oder zurück auf diese Insel bringen. „Ich töte keine Unschuldigen und ihr seid keine Gefahr für einen von uns.“ Wieder wandte ich mich ihr zu und in ihren Augen lag nun ein leichter Anflug von Angst. „Aber ihr tötet. Darüber habt ihr mit eurem Freund gesprochen. Wenn es nötig ist, tut ihr es. Und ihr habt es getan.“
Das ärgerte mich nun wirklich. Es gab nun einmal Situationen in denen es keine andere Möglichkeit gab als zu töten. „Würdet ihr das nicht?“ Kurz sah sie mich an, dann senkte sie wieder den Blick. Das war Antwort genug. Sie würde ebenfalls töten wenn es nicht anders ging. Wenn es um das eigene überleben ging waren alle anderen Dinge eher Nebensache.
„Und eins sollte euch klar sein.“ Langsam ging ich zu ihr zurück, „So ganz glaube ich euch eure Geschichte nicht. Ohne wirklichen Grund hätten die Rotröcke euch sicher nicht eingesperrt. Da steckt noch mehr dahinter. Ihr müsst es mir nicht verraten, ich werde es herausfinden.“ Das schien sie nun doch einzuschüchtern.
Ihre Stimme zitterte als sie fragte: „Und wie wollt ihr das anstellen?“ Ja, sie hatte Angst. Das hatte ich nicht beabsichtigt. Nicht wirklich. Sie sollte nur mit ihrer Moralpredigt aufhören. Es konnte aber nicht schaden sie ein klein wenig einzuschüchtern. Sie in ihre Schranken weisen. Nur damit sie keine Dummheiten machte. Ich trat noch etwas näher an sie heran und legte ihr die Finger unters Kinn, damit sie mich ansah. „Da gibt es viele Möglichkeiten.“
Was nun kam ging zu schnell für mich. Einen Augenblick noch sah sie mich mit leichter Angst an und im nächsten schnellte ihre Hand nach vorne und griff so fest in meinen Intimbereich, dass ich vor Schmerz auf keuchte. Ich versuchte dem Griff zu entkommen, doch das machte es nur schmerzhafter.
„Glaubt ja nicht, dass ich mir alles werde gefallen lassen nur weil ihr der Kapitän dieses Schiffes seid“, fauchte sie, ließ los und stieß mich von sich. Davon musste ich mich nun erst einmal erholen. Hatte sie nicht vor ein paar Stunden noch gesagt, ein Knie an der richtigen Stelle bringt den gewünschten Effekt. Ich konnte nicht sagen, das ich nicht gewarnt gewesen wäre, doch ich hatte nicht damit gerechnet, das sie soweit gehen würde.
Als ich mich wieder gefangen hatte und ihr zu wandte um die Sache zu erklären hielt sie den Stuhl, auf dem sie gesessen hatte, wie einen Schild vor sich um mich auf Abstand zu halten. Vorsichtig machte ich einen Schritt auf sie zu. Mir war es lieber, wenn es nicht zu noch mehr Missverständnissen oder Verletzungen kam. Sie hob den Stuhl nur noch weiter. „Zurück.“
Deutlich hörte ich die Angst aus ihrer Stimme heraus und hob beschwichtigend die Hände. „Ganz ruhig.“ - „Ich bin ruhig.“ Der Stuhl begann in ihren Händen zu zittern. Lange würde sie ihn nicht mehr halten können. „Ich hatte nicht vor...“ - „Ach nein?“ schnitt sie mir da Wort ab, „Ihr Männer seid doch alle gleich.“
Das tat weh. Ich hatte nicht vor gehabt ihr irgend etwas anzutun doch wie sollte ich ihr das begreiflich machen wenn sie nicht einmal mehr zuhören wollte? Sie machte einen Schritt Richtung Tür, kam jedoch nicht weit. Die Morrigan schwankte und sie verlor das Gleichgewicht.
Als sie den Stuhl fallen ließ nutzte ich meine Chance und sprang auf sie zu. Sie durfte nun nicht nach draußen rennen. Das würde die ganze Situation nur schlimmer machen. Ihre Flucht endete am Kartentisch, den sie offenbar übersehen hatte, denn sie prallte dagegen. Schon war ich bei ihr und hielt sie fest.
„Ich will euch nichts tun“, versuchte ich es noch einmal, doch sie strampelte und versuchte sich aus meinem Griff zu befreien. Mir blieb nichts anderes übrig als sie ins Reich der Träume zu schicken, auch wenn ich es nicht gerne tat. Während ich meinen Griff verstärkte sagte ich leise: „Es ist zu eurem eigenen Besten.“
Sie sackte in sich zusammen und vorsichtig legte ich sich am Boden ab. Was nun? So hatte das Ganze nicht ablaufen sollen. Ich konnte sie hier nicht liegen lassen und Liam würde mir nie und nimmer glauben, das sie schon schlief, wenn ich nun wieder an Deck ging. Die Wahrheit konnte ich ihm allerdings auch nicht erzählen, sonst landete Selena womöglich wieder in ihrer Zelle.
Ein wenig Hilfe konnte ich nun allerdings gut gebrauchen und so holte ich Liam dazu. Ich trat nach draußen und winkte ihn zu mir. Er gab das Ruder an einen der Matrosen weiter und kam herunter. „Was ist los? Ich habe Gepolter gehört.“
Erst als die Tür hinter uns ins Schloss gefallen war klärte ich ihn auf. „Ich hab da ein Problem“, und ich deutete auf die bewusstlose Selena am Boden. Er schob die Kapuze zurück. „Was habt ihr getan?“ Schon drängte er sich an mir vorbei und ging neben ihr in die Hocke, fühlte ihren Puls. „Shay“, er war ernst und ich fürchtete schon, ich hätte es übertrieben. „Was ist passiert?“
„Sie...“ Nein, ich konnte es ihm einfach nicht sagen. Das wäre zu peinlich. „Wir... Ich meine...“ Liam zog die Augenbauen zusammen und ich senkte den Blick. „Es war nichts. Sie wollte raus, hat den Stuhl dabei umgeworfen und ist zusammengeklappt.“ - „Habt ihr gestritten?“ Hatte er das etwa gehört?
„Ihr Temperament ist mit ihr durchgegangen. Irgendwann wird ihr das sicher noch mal zum Verhängnis. Ich wollte nur...“ - „Sie kann hier nicht liegen bleiben.“ Ohne auf weitere Erklärungen zu warten hob er sie vorsichtig hoch. Als Liam die Koje ansteuerte hielt ich ihn auf. „Nein, Liam. Das geht nicht.“ - „Wieso?“ - „Nach dem was sie gesagt hat wäre das keine gute Idee.“
Mein Blick fiel auf die Sitzflächen im Heck. Die waren gepolstert und breit genug um darauf liegen zu können. Ich deutete darauf und er brachte sie dorthin. Genau so vorsichtig wie er sie hochgehoben hatte legte er sie hin. Als er ihren Mantel öffnete ging ich dazwischen. „Was soll das werden?“
„Was denn? Glaubt ihr etwa ich will sie ausziehen? Es kommt mir nur besser vor sie nicht in Mantel und Schuhen schlafen zu lassen. Helft mir wenn ihr so um ihr Wohl besorgt seid.“ Und ob ich das war. Gemeinsam befreiten wir sie vom Mantel und der zusätzlichen Jacke die sie darunter trug. Dann zog ich ihr die Schuhe aus und holte von der Koje eine Decke. Auch wenn es hier wärmer als draußen war, wirklich warm war es nicht und als ich ihre Hände unter die Decke schob merkte ich, das diese eiskalt waren.
„Es ist wohl das Beste sie einfach schlafen zu lassen“, meinte Liam als wir fertig waren und zu ihr runter blickten. Ich hatte den Stuhl, auf dem sie gesessen hatte, neben die Bank gestellt und ihren Mantel darüber gehängt. Ihre Brille legte ich auf die Sitzfläche und seufzte. „So hatte ich mir das nicht vorgestellt.“
Von Liam kam nur ein Schnauben und ich wandte mich ab. Noch immer lag das unangetastete Abendessen auf dem Tisch. Mir war der Appetit vergangen. „Ich werd' wieder nach oben gehen. Ruht euch aus, wenn ihr wollt“, sagte ich ohne ihn anzusehen und ging hinaus. Ich brauchte nun wirklich etwas Zeit für mich.
Anscheinend verstand Liam, denn er kam mir nicht nach. Ich trat ans Ruder und der Matrose, der Liam vertreten hatte, überließ es mir wortlos. Frauen... Warum hatte sie so überreagiert? Ich verstand Frauen einfach nicht.
Eine ganze Weile grübelte ich über ihr Verhalten bis mir der Gedanke kam, dass sie wohl schlechte Erfahrungen gemacht hatte und das nicht nur mit dem Kapitän. Es konnte gut sein das man ihr Gewalt angetan hatte. Sollte das der Fall sein, war es nur verständlich, warum sie mich angegriffen hatte.
Der Wind wurde sanfter und die Morrigan glitt ruhig durchs Wasser. Keine Wolke war am Himmel und ich konnte nur ein einzelnes Schiff in der Ferne ausmachen. Gut so. Ich hatte keine Lust auf einen neuerlichen Kampf.
Kurz nach Mitternacht kamen leise Geräusche aus der Kajüte. Bald danach kam Liam heraus und stieg die Treppe hoch. Er wirkte müde, dennoch löste er mich ab. „Wartet noch einen Moment bevor ihr runter geht“, sagte er als ich mich auf den Weg unter Deck machen wollte. „Stimmt etwas nicht?“
Kurz zuckte sein Mundwinkel. „Selena. Sie ist wach.“ So wie er es sagte klang es als hätte sie Liam erzählt was passiert war. „Hat sie... Etwas gesagt?“ - „Nicht viel. Nur...“ Kurz senkte er den Blick, bevor er den Kopf schüttelte. „Sie hat nach euch gefragt.“
Hatte sie? Warum solle ich dann noch nicht wieder nach unten gehen? „Und was habt ihr ihr gesagt?“ - „Nichts weiter. Ich werde mich da nicht einmischen. Ich habe ihr nur gesagt, dass es für sie besser ist da zu bleiben wo sie ist. Gebt ihr die Möglichkeit wieder einzuschlafen falls sie lieber nicht reden möchte.“ Dann hatte auch sie nichts preisgegeben. Das war auch besser so.
Ich wartete noch eine halbe Stunde bevor ich nach unten ging und Liam alleine ließ. Möglichst leise öffnete ich die Tür und schlüpfte hinein. Nur eine einzelne Laterne brannte noch. Etwa zu wenig für meinen Geschmack. So entzündete ich eine weitere und sah zu Selena rüber. Sie hatte sich auf die Seite gerollt und rührte sich nicht. Ich trat näher an sie heran und ging vor ihr in die Hocke.
Wie sie so da lag, tief schlafend, wirkte sie erneut als wäre sie Anfang zwanzig, wenn überhaupt. Die Decke war etwas verrutscht und ich entdeckte eine Kette die sie trug. Nichts besonderes. Ein Lederband mit einem Anhänger daran. Dann hatte man ihr doch nicht alles weggenommen.
Als ich mich wieder aufrichten wollte fiel mir noch etwas auf. Unter dem Stuhl mit ihrem Mantel lag ein Rucksack. Wo kam der denn plötzlich her? Sie hatte doch gesagt, dass man ihr alles abgenommen hatte. Vorsichtig zog ich ihn etwas näher heran und öffnete ihn. Oben auf lag eine Tasche mit Verbänden. Darunter ertastete ich weiteren Stoff und tippte auf Kleidung oder weiteres Verbandsmaterial. War sie etwa eine Art Krankenschwester? Danach sah sie nun wirklich nicht aus.
Ich würde sie morgen danach fragen wenn sich eine Gelegenheit bot. Nun sollte ich besser zusehen, dass ich ein wenig Schlaf bekam. Leise schob ich die Tasche zurück unter den Stuhl und begann damit Waffen und Kleider abzulegen. Als ich das Hemd ausziehen wollte zögerte ich. Sicher machte es keinen guten Eindruck wenn sie wach wurde und ich halbnackt hier herum lief. So behielt ich Hemd und Hose lieber an als ich in die Koje krabbelte.
Die Laken waren kalt doch durch die Decke wurde es rasch warm. Ich lauschte in die Nacht hinein bis ich den ruhigen Atem von Selena hören konnte. Gut, dass sie schlief. Irgendwie hatte ich ein schlechtes Gewissen und ich hatte kein Ahnung wie ich ihr wieder entgegen treten sollte. Da hatten wir wohl beide Mist gebaut.
Als ich wach wurde war ich einen Moment nicht sicher wo ich war. Alles kam mir fremd vor und ich hörte ein Geräusch, das ich nicht einordnen konnte. Langsam hob ich den Kopf und ließ den Blick schweifen. Zwei Laternen die unter der Decke hingen und den Raum erhellten. Ein Tisch, ein Stuhl, doch das Geräusch kam von weiter hinten.
Ich richtete mich ein wenig auf , so dass ich über den Stuhl sehen konnte, und sah Selena, wie sie sich auf der Bank zusammengekauert hatte, die Decke um die Schultern gelegt und... schrieb. Ganz eindeutig, daher kam dieses leichte kratzen. Ihr Blick war auf etwas geheftet, das sie auf den Knien hatte. Immer wieder strich sie etwas durch und schrieb von neuem.
Eine Weile sah ich ihr einfach nur zu, bis sie den Blick hob und zu mir herüber sah. „Habe ich euch etwa geweckt?“ fragte sie leise und legte Buch und Stift zur Seite. „Wenn ja, dann tut es mir leid. Ihr könnt sicher Schlaf gebrauchen.“
„Warum schlaft Ihr nicht?“ fragte ich zurück und sie seufzte. „Geht nicht mehr.“ Kurz sah sie Richtung Tür, als erwarte sie, Liam käme herein. Dann stand sie auf, wickelte die Decke um sich und kam zu mir herüber. Was sollte das nun werden? Ich richtete mich weiter auf und sie setze sich ans Fußende der Koje.
„Ihr habt eurem Freund nicht gesagt was wirklich hier passiert ist. Warum?“ - „Über solche Dinge sollte man nicht reden.“ - „Es tut mir leid.“ Sie sah auf ihre Hände und atmete tief durch. „Ich hoffe, dass ich euch nicht verletzt habe.“
Wenigstens hatte sie eingesehen, dass sie falsch reagiert hatte und ihre Entschuldigung klang ehrlich. Dennoch konnte ich nicht anders als ihr deutlich zu machen, dass sie so etwas besser nicht noch einmal tat. „Es war demütigend, entwürdigend und äußerst unverschämt. Und ja, ihr habt mich verletzt. Meinen Stolz.“ Darum hatte ich Liam auch nichts davon erzählt. Es kratzte einfach zu sehr an meinem Ego.
„Normalerweise werde ich nicht Handgreiflich aber... Ich habe überreagiert. Es tut mir wirklich leid.“ - „Solltet Ihr...“ - „Es wird nicht wieder vorkommen. Versprochen.“ Beinahe flehend sah sie mich an. „Bitte, wenn ich könnte, dann würde ich die Zeit zurück drehen und mich anders entscheiden. Aber das kann ich nicht. Alles was ich tun kann ist um Verzeihung bitten und es... vielleicht irgendwie wieder gut machen, auch wenn das schwer möglich sein wird.“
Wie wollte sie das wieder gut machen? Obwohl... Nein, daran sollte ich nicht einmal denken. Ich wollte nicht, dass sie in mir einen Mann sah, für den Frauen nur einen Zweck hatten. Denn so war ich nicht. Statt dessen sagte ich: „Wie wäre es, wenn ihr mir ein paar Fragen beantwortet, und dieses Mal ehrlich?“
Langsam schüttelte sie den Kopf und wandte sich wieder ab. „Das geht nicht.“ Mit der Antwort hatte ich gerechnet, doch ich wollte wissen was los war. Warum sie so reagierte, um mich besser darauf einstellen zu können.
„Wieso nicht? Was habt ihr zu verbergen?“ fragte ich weiter und sie stand auf. „Hört auf, bitte.“ Sie entfernte sich zwei Schritte, blieb dann jedoch stehen, „Ich will mich nicht wieder mit euch streiten und das würde sofort passieren.“
„Dann sagt mir die Wahrheit.“ - „Das kann ich nicht.“ Irgendwie bestätigten diese Worte meinen Verdacht und ich stieg aus der Koje. Sie zog die Decke enger um sich als ich auf sie zu trat und ich erkannte, dass sie die Augen geschlossen hatte. Vorsichtig legte ich ihr die Hände auf die Schultern und sie zuckte zusammen.
„Wer hat euch weh getan?“ Ich versuchte einen beruhigenden Ton zu treffen, doch in solchen Dingen war ich unerfahren. Wenn es um Gefühle ging war ich eine schlechte Wahl und das hier überforderte mich leicht. Sie schwieg und vorsichtig drehte ich sie zu mir um. „Miss.“
Noch immer reagierte sie nicht und ich seufzte. Nun öffnete sie zumindest die Augen doch gleich darauf wich sie vor mir zurück und meine Hände glitten von ihren Schultern. War ich ihr zu nahe getreten? Dabei hatte ich nur... ja was eigentlich? Ich war mir nicht mehr sicher was ich gewollt hatte.
Sie ließ ihren Blick über mich gleiten als würde sie abschätzen was ich als nächstes vor hatte. Dann kehrte sie zu der Bank zurück, auf der sie geschlafen hatte und setzte sich. „Legt euch wieder schlafen, Kapitän“, sagte sie leise, „Ihr braucht ihn dringender als ich. Und ich komm schon klar. Irgendwie.“
„Miss ich...“ - „Bitte Kapitän, keinen Streit. Nicht schon wieder.“ Dabei hatte ich mich nur entschuldigen wollen. Sie sah mich an und in ihrem Blick lag so etwas wie Verzweiflung. Als wüsste sie selbst nicht wie sie mit der ganzen Situation umgehen sollte.
„Ich will mich auch nicht streiten.“ Als ich nun vorsichtig näher an sie heran trat huschten ihre Augen erneut über meinen Körper und mir wurde bewusst, dass ich das Hemd noch immer offen hatte. Keine guten Voraussetzungen für ein Gespräch und ich begann die Knöpfe zu schließen. „Ich werde nur nicht schlau aus euch.“
Von ihr kam ein freudloses, leises Lachen bevor sie antwortete: „Aus mir wird niemand schlau. Glaubt mir. Das haben schon viele gesagt. Ich bin wie ein Buch mit sieben Schlössern und immer wenn man eins geöffnet hat schließt sich ein anderes wieder.“ - „Und warum verschließt ihr euch vor der Welt?“ - „Aus Selbstschutz?“
Nun, das erklärte zumindest ein wenig, wenn auch längst nicht alles. Vor ihr ging ich in die Hocke, so das ich zu ihr hoch sehen musste um ihr in die Augen schauen zu können. Dunkle Augen, die nahezu schwarz wirkten. Es konnte sein, dass ich mich täuschte, doch hatte ich geglaubt, dass sie blaue Augen hatte. Warum waren sie nun so dunkel? „Ich würde euch gerne verstehen.“ - „Das glaube ich euch sofort.“ Sie lächelte leicht doch wieder hatte sie ein Zittern in der Stimme als sie sagte: „Aber nicht heute.“
Vorsichtig legte ich meine Hände auf die ihren, die sie auf den Knien zu Fäusten geballt hatte. Nur ganz leicht zuckten sie, doch sie zog sie nicht weg. „Morgen“, sagte ich leise und rückte noch ein klein wenig näher, „Aber glaubt nicht, dass ich euch ohne eine Antwort von Bord gehen lasse.“
„Aye, Kapitän“, kam es leise von ihr. Schon richtete ich mich wieder auf und ließ sie los. Mein Blick fiel auf das Buch, dass auf der Stuhlfläche lag, neben ihrer Brille und mir fiel der Rücksack wieder ein. Eine bessere Gelegenheit sie zu fragen würde ich wohl kaum bekommen. „Übrigens, was ist das für eine Tasche? Sagtet ihr nicht man hätte euch alles weggenommen?“ und ich deutete auf den Rucksack, der unterm Stuhl hervor lugte.
Sie folgte meinem Fingerzeig und schluckte. „Hat man auch. Ich hab ihn hier gefunden als ich... Den Abtritt nutzen durfte. Ich meine... Gesucht hab ich ihn nicht, er lag auf einer der Kisten und...“ sie brach ab und ich musste grinsen. „Ihr redet zu viel.“ - „Darf ich... ihn behalten? Das ist alles was mir noch geblieben ist.“
Konnte es schaden ihr diese Sachen zu überlassen? Wenn es wirklich ihre einzige Habe war, dann war es nur gerecht sie ihr zurück zu geben. Wenn nicht... Nun, auf ein paar Verbände konnte ich durchaus verzichten. Daher nickte ich nur. Mit etwas Glück sah sie es als Vertrauensbeweis an.
Ich kehrte zur Koje zurück und ließ mich auf der Kante nieder. Kurz sah ich noch einmal zu ihr und sie senkte hastig den Blick, was mich schmunzeln ließ. Sie hatte recht. Aus ihr wurde man nicht schlau. Ich nahm mir vor mehr auf meine Wortwahl zu achten um möglichen Missverständnissen leichter aus dem Weg zu gehen. Und ich würde nicht noch einmal versuchen sie so unter Druck zu setzen wie ich es getan hatte. Nicht dass sie noch einmal handgreiflich wurde, wie sie es ausgedrückt hatte.

Tag 2

Früh am Morgen erwachte ich von neuem, doch dieses Mal schlief Selena. Gut so. Schnell zog ich mich an und genehmigte mir ein kleines Frühstück und einen Schluck Rum, um mich der Kälte besser stellen zu können. Für sie legte ich ebenfalls etwas hin, damit sie nicht suchen musste wenn sie wach wurde. Noch war es draußen dunkel, doch nicht mehr lange und der Tag würde anbrechen. Leise verließ ich die Kajüte und gesellte mich zu Liam.
Leichter Schneefall behinderte die Sicht und er hatte ein paar der Segel einholen lassen. Bei Dunkelheit war es sicherer nicht zu schnell unterwegs zu sein. Es konnten immer Hindernisse im Wasser sein die übersehen wurden.
„Alles Ruhig soweit?“ fragte ich, als ich ihn ablöste und Liam nickte. „Alles ruhig, Kapitän.“ Er warf mir einen Blick zu und senkte den Kopf. „Schläft sie noch?“ - „Aye. In der Nacht war sie wach. Sie...“ Es war wohl das Beste Liam auf den neusten Stand zu bringen und so erzählte ich von dem Rucksack, den Verbänden und dem Buch in welches sie offensichtlich Notizen gemacht hatte.
„Irgend etwas verbirgt sie noch immer, aber ich glaube ihr einen Großteil ihrer Geschichte. Wenn auch nicht alles.“ - „Da gebe ich euch Recht“, stimmte Liam mir zu. „Es passt nicht alles zusammen. Ich denke, je länger sie sich mit einem von uns unterhält um so eher wird sie einen Fehler machen. Und es kann gut sein, dass sie euch etwas anderes erzählt als mir.“
Da hatte er recht. „Vielleicht ist es so möglich die Wahrheit aus ihr heraus zu bekommen. Aber... Ist es wirklich wichtig? Ich meine, sie ist keine Gefahr für einen von uns. Sie ist nur... seltsam.“ - „Seltsam und verschwiegen. Zumindest in einigen Punkten.“
Bei diesen Worten sah er mich an, als wüsste er mehr als ich. Doch woher? Sie hatten kaum Zeit gehabt sich alleine zu unterhalten. „Auf was wollt ihr hinaus?“ fragte ich daher, doch Liam schwieg. Bei genauerem hinsehen, erkannte ich ein leichtes Lächeln auf seinen Lippen. „Liam?“ Von ihm kam ein amüsiertes schnauben bevor er mich wieder an sah. „Was Frauen angeht, Shay, müsst ihr noch einiges lernen.“ Mehr bekam ich nicht aus ihm heraus. Und so was nannte sich nun Freund.
Langsam begann es zu dämmern und der Schneefall nahm etwas zu. Ob Selena noch immer schlief? Es konnte nicht schaden nach ihr zu sehen und nach Liams Kommentar wollte ich gerne noch einmal alleine mit ihr sprechen, wenn es denn möglich war ohne sich wieder zu streiten. So gab ich das Kommando abermals an Liam ab und verschwand.
Selena lag, in die Decke gekuschelt auf der Bank und schlief allem Anschein nach noch immer. Nun da es hell war und sie es nicht bemerkte, ließ ich meinen Blick einen Moment auf ihrem Gesicht ruhen und suchte nach etwas, das mir sagen konnte wie alt sie wirklich war. Ich konnte sie natürlich auch einfach fragen, doch wer sagte mir, dass sie in dem Punkt ehrlich war wo sie doch auch in anderen Dingen die Wahrheit strapazierte.
„Miss?“ Sie murrte leicht und versuchte sich zu drehen, hatte dafür jedoch nicht den nötigen Platz. Die Augen hielt sie weiterhin geschlossen. „Miss“, sagte ich nun etwas lauter und rüttelte leicht an ihrer Schulter. Müde blinzelte sie und sah mich etwas verschlafen an, was mich lächeln ließ. „Endlich wieder wach?“
Das sie um diese Zeit noch immer so tief hatte schlafen können. Fast als hätte sie in der Nacht kaum ein Auge zu getan. Wie sie so da lag, mit kleinen Augen und wirren Haaren, wirkte sie schon wieder jünger. Und nun, ohne Brille und bei Tageslicht merkte ich, das mir das Licht letzte Nacht einen Streich gespielt hatte. Ihre Augen waren doch blau.
„Was heißt hier endlich?“ fragte sie leise und fuhr sich übers Gesicht. „Wie spät ist es?“ - „Also das Frühstück habt ihr verpasst.“ Sie rappelte sich auf und ich erhob mich. Ihr Blick huschte einmal von meinem Haaransatz bis zu den Knien und wieder hinauf. „Schlechtes Wetter da draußen?“ fragte sie und auch ich sah einmal an mir herunter.
Die Jacke war feucht vom Schnee doch ich lächelte. „Es gibt kein schlechtes Wetter.“ Natürlich war es mir lieber wenn es nicht schneite oder regnete, doch solange wir keinen Sturm hatten, war alles in Ordnung. Ein wenig Feuchtigkeit machte mir nichts aus.
„Das sehe ich anders, aber gut.“ Sie schob die Decke zur Seite und ich merkte wie sie fröstelte. Hier drin war es nun Mal nicht so warm wie es an einem heimischen Kamin wäre. Seefahrt war nichts für Frauen. Besonders nicht zu dieser Jahreszeit.
Schnell schlüpfte sie in ihre Schuhe und setzte die Brille auf. „Wo sind wir im Moment?“ fragte sie während sie ihre Haare richtete und ich trat an den Tisch mit der Seekarte. „Mitten im Atlantik, weit weg von der Küste und nicht in der Nähe von Feindschiffen.“ Was auch immer man als Feindschiff ansehen mochte. Für mich waren es die Briten. Nach dem, was sie bisher über sich preisgegeben hatte ging es ihr da ähnlich.
„Und was liegt heute an, Kapitän?“ Diese Frage überraschte mich. Was sollte schon anliegen? „Für euch? Gar nichts. Außer ein paar Antworten zu geben.“ Denn noch immer wollte ich mehr über sie wissen. Zögernd kam sie zu mir herüber, wobei sie die Arme um den Oberkörper schlang. Ihr war wirklich kalt. Etwas Rum würde das ändern, doch sie trank ja keinen.
„Ihr sagtet gestern etwas von St. John's und Québec.“ Ich zeigte ihr auf der Karte die Orte und fuhr dann mit dem Finger weiter nach unten „Warum segelt ihr dann mit uns Richtung Boston? Das liegt in einer ganz anderen Richtung.“ Mein Finger blieb auf Boston liegen und ich sah sie an.
„Stimmt, doch mein Ziel war nicht Québec. Dorthin wollte meine Freundin, mit der ich unterwegs war. Ihre Tante hat dort Arbeit für sie und einen Mann in Aussicht, den sie heiraten soll. Ich wollte nur ein paar Tage bleiben und dann über Land bis Boston und von dort über New York bis Philadelphia.“ Als sie ihrerseits über die Karte fuhr zog ich meine Hand zurück. „Oder aber, falls es sich anbietet, bis hier per Schiff und dann weiter durchs River Valley. Je nach dem was am günstigsten ist. Von daher bietet es sich an wenn ich bis Boston kommen könnte, ohne größere Probleme.“ Schon zeigte sie eine andere Route und ich richtete mich auf.
Wenn das eine Lügengeschichte sein sollte, dann war sie gut durchdacht. Es konnte durchaus sein, dass sie die Wahrheit erzählte. Als sie mich nun ansah fragte ich mich was passiert wäre, wenn der Kapitän sie nicht von Bord geschickt hätte. Wäre sie irgendwann wirklich an ihrem Ziel angelangt? Eine solche Reise war riskant. Vor allem für eine Frau, die alleine unterwegs war.
„Dann wäre es keine gute Idee euch in Halifax von Bord gehen zu lassen. Das wäre unser nächster Halt.“ Wieder senkte sie den Blick auf die Karte und ein kleines Nicken war zu sehen. „Es sei denn ich würde dort ein anderes Schiff finden, das mich weiter bringt.“
„Richtig. Allerdings sind nicht alle Seeleute ehrenhaft. Das habt ihr selbst erlebt.“ Selena lächelte und ich fragte mich was daran lustig sein sollte. Da sie es mir nicht verriet fügte ich hinzu: „Es ist sicherer wenn wir euch bis Boston bringen. Oder zumindest bis Portland. Jedenfalls, solange ihr nichts dagegen habt und... Wir uns vertragen.“
„Letzteres könnte schwer werden, aber ich werde mein Bestes geben.“ - „Gut.“ Ich stieß mich vom Tisch ab und deutete auf das Bündel mit ihrem Frühstück. Sie sollte wirklich noch etwas essen. „Ich möchte nicht riskieren, dass ihr verhungert. In Halifax nehmen wir neue Vorräte an Bord.“
„Ich möchte nicht zur Last fallen.“ Das hatte sie schon einmal gesagt. Bisher war sie noch keine Last geworden nur... es war nicht einfach mit ihr umzugehen.
„Schon in Ordnung“, beruhigte ich sie. „Noch haben wir genug.“ Das stimmte. Zwar hatte ich mir nicht angesehen was alles im Frachtraum war, doch die Beiden die ich dort hinunter geschickt hatte, hatten mir von den Vorräten berichtet. Genug um bis Boston zu kommen, doch ich wollte trotzdem in Halifax anlegen. Nichts gegen Dörrfleisch und Zwieback, aber auf Dauer hing mir das zum Hals raus.
Gerade als ich die Kajüte verlassen und sie alleine lassen wollte wandte sie sich noch einmal an mich. „Kapitän?“ Langsam drehte ich mich um. Sie hielt das Bündel in der Hand und sah aus, als würde sie gerade ihren Mut zusammen nehmen.
„Ihr sagtet gestern, ihr hättet dieses Schiff an euch genommen, da sein Vorbesitzer es nicht mehr benötigt. Daher nehme ich an, dass alles hier“, sie machte eine leichte Geste über die Inneneinrichtung, „bis vor Kurzem einem Anderen gehört hat und ihr noch nicht alles eingesehen habt. Richtig?“
Auf was wollte sie hinaus? Diese Andeutung, das es mir nicht gehörte ärgerte mich. Zu dem wusste sie, dass es mich ärgerte. Warum also sprach sie es schon wieder an?
„Ich meine damit nicht, dass es euch nicht gehört sondern... Nun, gestern Abend, oder heute Nacht, je nach dem wie man es sehen möchte, wurde ich dazu aufgefordert möglichst unter Deck zu bleiben und ich habe wirklich nicht die Absicht mich nach Draußen zu begeben. Da ist es mir im Moment zu kalt.“
Ich hatte sie nicht dazu aufgefordert. Doch mir vielen Liams Worte wieder ein als er mich abgelöst hatte. Dennoch war er es der ihr nicht über den Weg traute. Warum also wollte er, dass sie hier blieb wo es doch offensichtlich war, dass hier einiges von Wert war. Doch ich ließ sie weiter reden.
„Und ich habe euch letzte Nacht auch versichert, dass ich meinen... Fehltritt, gerne wieder gut machen würde. Mir ist durchaus bewusst, dass ihr mir nicht wirklich vertraut und ich verstehe das, aber wenn ihr es mir gestattet, dann würde ich gerne hier drin für ein wenig Ordnung sorgen. Immerhin muss ich mich irgendwie nützlich machen und es wäre für mich eine Möglichkeit euch zu zeigen, dass ihr mir zumindest in diesem Punkt vertrauen könnt. Ich bin kein Dieb.“
Sie war klüger als ich angenommen hatte. Und entweder konnte sie Gedanken lesen oder aber sie war gut im Raten. Langsam trat ich erneut auf sie zu, ließ sie dabei nicht aus den Augen. Sollte sie lügen, würde ich es ich vielleicht ansehen können. „Ihr wollt hier Ordnung schaffen?“
„Naja, das ist wohl das Einzige, was ich an Bord tun kann und wenn ich mich hier so umsehe, könnte es ganz nützlich sein.“ Frech. Noch immer war sie frech und Vorlaut. Aber sie hatte recht. Hier drin herrschte Chaos und ich hatte im Moment weder Zeit noch Lust mich darum zu kümmern. Trotzdem war ich vorsichtig. „Und bei der Gelegenheit auch sämtliche Dokumente hier drin ansehen?“ Ich verschränkte die Arme und wartete ab.
„Was interessiert mich das? Es wären doch eh sicher welche von eurem Vorgänger und nicht von euch, also selbst wenn ich auf der Suche nach Informationen über euch wäre, hier würde ich kaum etwas finden. Ich möchte wirklich nur behilflich sein und euch Arbeit abnehmen.“
Genau das hatte ich Liam am Vorabend auch gesagt. Sollte sie etwas über uns herausfinden wollen, dann würde sie hier nicht fündig werden. „Vermutlich ist es wirklich besser als euch an Deck herum laufen zu lassen. Ihr habt recht, so ganz traue ich euch nicht, aber gut. Ab und an werde ich nachsehen kommen was ihr hier treibt und sollte ich euch bei etwas erwischen...“
„Dann sperrt ihr mich für die restliche Fahrt in den Frachtraum. Oder werft mich von Bord.“ Sie sagte es mit einem Lächeln, doch genau das ging mir ebenfalls durch den Kopf. Sollte sie stehlen, würde ich sie einsperren. Ich erwiderte ihr Lächeln, sagte jedoch nichts. Dann wandte ich mich um und verließ die Kajüte.
Liam winkte mich zu sich als ich an Deck kam und ich stieg zu ihm hinauf. „Wie geht es unserer Prinzessin?“ fragte er und gab das Ruder an mich ab. „Prinzessin? Liam, wisst ihr etwas über sie, das mir verborgen geblieben ist?“ Denn sie war alles andere als eine Prinzessin.
Als Antwort schnaubte er nur. War also wieder nur einer seiner schlechten Scherze. „Sie ist wach und sie... will sich nützlich machen.“ - „Nützlich?“ Er klang dabei so ungläubig das ich beinahe gelacht hätte. „Nun jemand hat sie aufgefordert unter Deck zu bleiben. Was also soll sie die ganze Zeit dort in der Kajüte anstellen? Still auf der Bank sitzen und die Wand anstarren?“
„Und wie will sie sich nützlich machen? Soll sie in die Takelage klettern oder nach oben ins Krähennest?“ Das er ihr das nicht zutraute war offensichtlich.
„Nein. Sie hat angeboten zu putzen. Eine typische Aufgabe für eine Frau, meint ihr nicht?“ Ich sah ihn an und erkannte das ihm dieser Gedanke überhaupt nicht gefiel. „Ihr traut ihr?“ Nein, das tat ich nicht. Nicht ganz. Doch ich wollte es.
„Ich gebe ihr die Chance mir zu beweisen dass ich ihr trauen kann. Sie hat einen kleinen Rucksack, in den nicht viel hinein passt. Wenn sie wirklich stehlen will dürfte es leicht sein es zu finden.“ Sicher würde sie nicht so dumm sein und es versuchen. „Und sie hat mir gesagt, wenn ich sie erwischen sollte, dürfte ich sie über Bord werfen oder einsperren. Glaubt ihr, dass sie schwimmen kann?“
„Würdet ihr sie denn über Bord werfen?“ Die Antwort blieb ich schuldig, da sich die Tür der Kajüte öffnete und Selena heraus kam. Sie ging zu einem der Matrosen und fragte nach Eimer und Lappen. Als dieser nur meinte von ihr keine Befehle anzunehmen drehte sie sich zu mir um und bat um die Erlaubnis ihn unter Deck schicken zu dürfen.
„Erlaubnis erteilt“, rief ich zurück und trotz des Schneefalls sah ich ihr lächeln. „Unverschämt“, hörte ich Liam neben mir sagen, doch ich achtete nicht darauf. Das sie sich gerade keine Freunde unter den Matrosen machte war mir klar, doch ich hoffte, dass es keiner von ihnen wagen würde ihr etwas anzutun. Besonders solange ich es sehen konnte.
Kurz darauf hatte sie ihren Eimer, ließ ihn mit Wasser aus dem Meer füllen und ging zurück zur Kajüte. „Sieht doch ganz danach aus als würde sie wirklich putzen wollen. Was meint ihr?“ Wandte ich mich an Liam.
„Wir werden sehen“, sagte er trocken und verschränkte die Arme. „Gebt ihr ein paar Stunden. Dann können wir nachschauen was sie alles versucht zu verstecken.“ - „Ihr traut ihr wirklich nicht.“ Das fand ich schade. Sie versuchte nun wirklich dafür zu sorgen, dass wir besser miteinander auskamen. Liam dagegen legte es offenbar darauf an sie zu reizen.
„Ich lasse mich nur nicht davon beeinflussen, dass sie eine Frau ist. Seid vorsichtig, Shay. Nur weil sie euch schöne Augen macht, heißt das nicht, dass sie es auch so meint.“
Ich starrte ihn an. Wann bitte hatte Selena mir schöne Augen gemacht? Sicher sagte er es nur um mich wieder einmal zu ärgern und ich hatte keine Lust mich wegen Selena mit ihm zu streiten. Sollte er doch glauben was er wollte, ich wollte ihr vertrauen. Daher schwieg ich eine ganze Weile.
Unten aus der Kajüte war immer mal wieder ein leises Geräusch zu hören und als es gegen Mittag aufklarte übergab ich das Ruder einem der Matrosen. „Nun könnt ihr euch von ihrer Ehrlichkeit überzeugen“, sagte ich zu Liam der mir folgte.
„Das werde ich. Ihr könntet sie etwas ablenken. Sicher wird sie mir ihre Tasche nicht freiwillig überlassen.“ Sie ablenken... Er war es der ihr nicht traute. Warum sollte ich ihm dabei helfen? Als wir die Wärme der Kajüte betraten war Selena gerade dabei ein paar Papierrollen auf den Kartentisch zu legen. Sie sah auf und ein leichtes Lächeln legte sich auf ihre Lippen. Nannte Liam das etwa schon 'Schöne Augen machen'? Wohl kaum.
„Regnet es?“ fragte sie und achtete darauf, dass kein der Karten runter fiel. „Das nicht, aber Schnee ist auch nicht besser.“ Liam klopfte sich ein paar Flocken vom Mantel und trat weiter nach hinten durch. Ich folgte ihm und als ich einen Blick über die Schulter warf sah ich, wie Selena einen Lappen zur Hand nahm um die Spuren auf dem Boden wegzuwischen. Das war nun wirklich etwas übertrieben.
„Gönnt euch eine Pause“, meinte ich und knöpfte meine Jacke auf. Sicher war es besser die eine Weile nicht zu tragen. Gerade als ich sie aufs Bett werfen wollte hielt sie mich auf. „Bitte, nehmt den Kleiderständer dafür.“
Sei deutete auf einen Ständer in einer Ecke, den ich vorher noch nicht wirklich wahrgenommen hatte. Daraufhin ließ ich meinen Blick durch den Raum wandern. Es war wirklich ordentlicher als vorher. Das Bett der Koje war gemacht, die Bücher in den Regalen stützten einander ab und auf der Kommode lag nichts mehr herum. Auch war etwas von dem Mief verschwunden, der hier vorher geherrscht hatte.
„Ihr habt die ganze Zeit über geputzt?“ Liam schob sich die Kapuze nach hinten und sah sie ernst an. Etwas, das sie nicht beeindruckte. „Geputzt und aufgeräumt, auch wenn es nicht gerade meine Lieblingsbeschäftigung ist.“
„Ihr ward fleißig.“ Er trat zu den Papierrollen bei den Karten und sah sich eine davon an. Es waren Seekarten. „Erklärt ihr mir euer System?“ Ich hielt mich da raus. Liam war es der sie bloßstellen wollte, nicht ich. Das sollte er bitte alleine machen. Ich wollte damit nichts zu tun haben.
Als sie nicht antwortete und ihn nur etwas verwirrt ansah, fragte er erneut: „Ihr habt für Ordnung gesorgt. Nach welchem System?“ - „Ich habe versucht möglichst wenig zu verändern. Wäsche, Bücher, Karten, Rum und Zwieback, Waffen und dort hinten alles was in irgend einer Weise mit Geld zu tun hat.“ Dabei deutete sie auf die einzelnen Bereiche.
Rum und Zwieback. Ein gutes Stichwort. Ich trat an die Kommode heran und holte zwei Flaschen heraus. Eine reichte ich Liam, der sich daraufhin von den Karten entfernte und sich stattdessen an den Schreibtisch lehnte. Die andere öffnete ich für mich selbst. „Für wahr, ihr ward fleißig.“ Langsam ging ich zu der Ecke, wo sie das Geld hin getan hatte. Eine Schatulle stand dort auf einem schmalen Tisch und ich sah hinein.
„Nicht schlecht. Die Roastbeefs sind gut bei Kasse.“ Lächelnd nahm ich eine Münze heraus und besah sie eingehend, legte sie jedoch gleich wieder zurück. Dann nahm ich einen Schluck aus der Flasche und drehte mich zu ihr um. „Habt ihr bei eurer Suche etwas interessantes gefunden?“
„Suche?“ Sie zog die Augenbrauen hoch. „Ich habe nicht nach etwas gesucht.“ Sie hatte sich mir zugewandt und kehrte Liam den Rücken. Dieser nutzte die Gelegenheit und huschte um den Tisch herum. Schon hatte er ihren Rucksack in der Hand, stellte ihn auf der Tischplatte ab.
Ob sie es gehört hatte oder einfach nur meinem Blick folgte, ich wusste es nicht. Auf jeden Fall wirbelte sie herum und ich sah das Entsetzen in ihrem Blick. „Nein“, entfuhr es ihr. Als sie einen Schritt auf ihn zu machen wollte hielt ich sie am Handgelenk fest.
Liam ließ sich nicht stören. Er zog an einem Band und öffnete die Tasche langsam. „Dann wollen wir mal sehen was ihr uns vorenthalten wollt.“ Er ging wirklich davon aus, dass sie uns bestohlen hatte und zugegeben, so wie sie sich gerade benahm war es schon etwas verdächtig.
„Lasst eure Finger von meinen Sachen.“ Sie versuchte sich zu befreien, doch ich ließ nicht los. All zu fest hielt ich sie jedoch nicht. Sie hatte so dünne Handgelenke und ich wollte ihr nicht weh tun. „Keine Sorge, Miss“, versuchte ich sie zu beruhigen, „Sollte sich der Verdacht nicht bestätigen...“ - „Ich habe euch mein Wort gegeben, euch vertraut.“
Das war wahr. „Beruhigt euch“, versuchte ich es erneut. Selena sah mich an, mit einem Blick, der schon etwas schmerzte. Dann... Sie musste gemerkt haben, das ich meinen Griff etwas gelockert hatte, denn plötzlich riss sie sich los und hastete auf Liam zu, bevor ich sie erneut zu fassen bekam.
Dieser hatte schon die Tasche mit Verbänden und eine Glasflasche aus ihrer Tasche geholt und hielt nun das Buch in der Hand, in welches sie letzte Nacht geschrieben hatte. Schon war sie bei ihm und zog den Rucksack an sich. „Es reicht.“
Liam blieb gelassen und drehte das Buch in seiner Hand. „Gebt das zurück, es gehört mir“, fuhr sie ihn an und er hob den Blick. „Was habt ihr zu verbergen?“ - „Gar nichts. Das ist einfach Privat. Lese ich eure Aufzeichnungen?“
Tat sie es? Woher sollte einer von uns das wissen? Sie hatte hier Stunden lang gesessen und hatte alle Bücher zur freien Verfügung gehabt. Auch das Logbuch. Zugegeben, ich hatte noch immer nichts hinein geschrieben, doch sie hätte es sich ansehen können, wenn sie es gewollt hätte.
Trotz ihrer Worte schlug er das Buch auf und sah hinein. Ich kannte Liam gut genug um an seinem Gesicht ein paar Dinge ablesen zu können und so wie er die Augen verengte konnte es nur eines heißen. Was auch immer dort geschrieben war, er konnte es nicht verstehen. Nun wurde ich doch neugierig und ich trat näher heran.
„Gebt es zurück“, forderte sie ihn erneut auf und er klappte es zu bevor ich einen Blick hinein werfen konnte. Das fand ich nun etwas ungerecht. Ich ging nicht davon aus, dass ich etwas lesen konnte das er nicht verstand, doch es mir nun einfach vorzuenthalten war nicht fair.
„Von wo kommt ihr wirklich?“ Liams Stimme bekam einen unangenehmen Ton und es wunderte mich nicht, dass Selena den Kopf etwas senkte. „Das ist unwichtig“, kam es leise von ihr. „Für mich ist es schon wichtig. Also, antwortet.“ Liam duldete keine weiteren Widerworte oder Ausreden. Mir war das klar und sie verstand es offenbar auch.
„Europa“, gab sie noch leiser von sich, „Mehr müsst ihr nicht wissen.“ Das erklärte ihren Akzent. Doch es widerlegte irgendwie ihre gesamte vorherige Geschichte. „Ihr seid aus Europa hier her gekommen?“ fragte ich und sah erneut auf das Buch in Liams Hand. War dieses Buch die Möglichkeit zu erfahren wer sie wirklich war? Auch wenn ich ihr gerne vertrauen wollte, sie warf immer neue Fragen auf.
„Was ist daran so verwunderlich?“ giftete sie mich nun an, „Irgend wer wird ja wohl irgendwann die Kolonien besiedelt haben. Was also ist so sonderbar daran aus Europa in die Kolonien zu gehen?“ Da hatte sie recht. Meine Eltern waren immerhin aus Irland übergesetzt. Ebenso die Liams.
„Eine Überfahrt ist nicht gerade günstig und dauert recht lange“, kam es von Liam der sich nun am Tisch abstützte. „Ihr wollt uns also erzählen, dass ihr den ganzen weiten Weg hier her gemacht habt um eine Freundin zu begleiten.“
„Hätte ich sie alleine fahren lassen sollen? Sie ist nicht so wie ich. Auf sie wartet Arbeit und eine Ehe.“ - „Und was wartet auf euch?“ - „Eine Rückfahrkarte nach Hause sofern ich irgendwann in Philadelphia ankomme.“ - „Und dorthin kommt ihr natürlich sehr leicht ohne Geld.“ Woher wusste er, das sie kein Geld bei sich hatte? Das hatte sie in meiner Gegenwart nicht erwähnt. Mich beschlich der Gedanke, dass Liam mir etwas verschwieg.
„Darum geht es also.“ Sie warf den Rucksack zurück auf den Tisch und Liam einen finsteren Blick zu, „Ihr glaubt ich habe die Gelegenheit genutzt und mir hier die Taschen voll gestopft? Für wie dumm haltet ihr mich? Was wäre das für eine Art mich dafür zu bedanken dass ihr mich mit nehmt wenn ich euch bestehle? Nur zu. Sucht nach Geld, Schmuck oder anderen Dingen die ich eurer Meinung nach zu Geld machen könnte. Ihr werdet nichts finden. Oder wollt ihr mir auch noch das wenige nehmen, das man mir gelassen hat?“ Sie fuhr sich an den Hals und löste ihre Kette. Diese warf sie ebenfalls auf den Tisch, neben den Rucksack. „Bedient euch.“
Das war mir nun doch etwas unangenehm. Ich fand, Liam war zu weit gegangen. „Miss, bitte...“ begann ich, doch sie schnitt mir das Wort ab. „Ihr habt euer Urteil über mich doch längs gefällt. Alle beide. Ein verlogenes Frauenzimmer, das stiehlt sobald man nicht hin sieht und dem man auf keinen Fall trauen kann. Deswegen muss man auch mit einer Waffe in der Hand schlafen.“
Diese Worte trafen mich. Was hatte Liam in den wenigen Stunden, die er hier mit ihr alleine gewesen war angestellt? Mit einer Waffe in der Hand zu schlafen war ein sehr deutliches Zeichen von Misstrauen. Kein Wunder, das sie so vehement dagegen gewesen war ihre Tasche herzugeben. Ich sah die Endtäuschung in ihrem Blick als sie sich abwandte und nach vorne verschwand wo sie sich auf eine Kiste setzte, die Arme verschränkte und allem Anschein nach versuchte nicht in Tränen auszubrechen.
„Was hat das zu bedeuten?“ fragte ich Liam, der schon wieder den Rucksack zu sich heran zog. „Liam, habt ihr wirklich mit einer Waffe in der Hand geschlafen?“ - „Ich wollte sicher gehen das sie keine Dummheiten macht.“
„Sie ist eine unbewaffnete Frau. Was für Dummheiten sollte sie schon anstellen?“ - „Unbewaffnet...“ Er griff in die Tasche und zog ein kurzes Messer in Lederscheide heraus. Erst jetzt fiel mir auf, dass an seinem linken Ärmel Blut klebte. Recht weit unten. Vermutlich nur von einem der Briten die wir hatten erledigen müssen. Dennoch überraschte es mich. „Sie verbirgt etwas und das gut. Euch hat sie vielleicht um den Finger gewickelt aber mich nicht.“
„Es bringt nichts die ganze Zeit über Verdächtigungen auszusprechen. Damit provoziert ihr sie doch nur. Und sie hat mich nicht um den Finger gewickelt.“ - „Ach nein?“ Er schob das Messer zurück und nahm das Buch zur Hand. „Ihr verteidigt sie, als würdet ihr sie seit Jahren kennen.“
Das wurde mir nun doch zu viel. „Es reicht“, sagte ich etwas lauter und Liam hielt mitten in der Bewegung inne. „Wir verhalten uns wie Kinder.“ Liams ernste Miene wich Resignation. „Es macht wohl keinen Sinn darüber zu diskutieren.“ Er steckte auch die Wasserflasche zurück und zog das Band des Rucksacks wieder zu.
„Das hier ist jetzt euer Schiff und ihr entscheidet was mit all dem hier geschieht.“ Er sah zu Selena rüber und auf seiner Stirn lag eine leichte Sorgenfalte. Ja, es war mein Schiff. Und Selena war nun einmal hier. Wenn ich als Kapitän beschloss ihr zu vertrauen, dann sollte Liam zumindest die Höflichkeit haben und sich etwas zurück halten.
„Wir sollten uns zusammenreißen. Alle drei. Bis nach Boston ist es noch weit.“ Bei dieser Bemerkung verdrehte Liam leicht die Augen. Von Selena kam ein leises: „Wer hat denn damit angefangen?“ Doch es klang, als würde sie niemanden wirklich beschuldigen wollen. Dann stand sie auf und näherte sich ein paar Schritte, blieb jedoch auf Abstand. „Gut, ich werde mich zusammenreißen. Immerhin möchte ich gerne in einem Stück in Boston ankommen. Oder zumindest in Halifax.“ Sie seufzte und sah zuerst mich, dann Liam und wieder mich an. „Waffenstillstand?“
„Waffenstillstand“, sagte Liam und schob ihr den Rucksack zu. „Und keine Fragen. Vorläufig.“ - „Damit kann ich leben.“ Sie wirkte etwas erleichtert und nahm den Rucksack vom Tisch. Auch mich erleichterte es, das Liam auf Fragen verzichten wollte. Es war schon schlimm genug, dass ich mich mit ihr stritt.
Um die Situation etwas zu entspannten trat ich zur Karte und nahm einen Schluck aus der Flasche, denn ich musste mich nun doch etwas aufwärmen und auf andere Gedanken kommen. Dann nahm ich mit der anderen Hand den Stechzirkel. „Also wir sind etwa hier.“ Ich setzte ihn vorsichtig auf die Karte und Selena trat an mich heran. Auch Liam näherte sich, stellte sich jedoch auf die andere Seite.
„Mit unserer derzeitigen Geschwindigkeit werden wir frühestens, also wenn nichts dazwischen kommt, morgen gegen Mittag in Halifax anlegen können.“ Mit ein paar kleinen Schritten des Zirkels deutete ich unsere Route an und richtete mich auf. Selenas Blick ruhte auf der Karte und ich verkniff mir ein Lächeln in dem ich einen weiteren Schluck trank.
Dann hielt ich ihr die Flasche hin. Sie zog die Augenbrauen hoch und es fiel mir wieder ein. „Stimmt ja.“ Ich seufzte leicht, „Ihr trinkt ja nicht.“ Dabei hätte es ihr sicher gut getan. Ich verkorkte die Flasche und stellte sie auf einem freien Flecken ab. „Als dann, zurück ans Ruder.“ Ich holte mir einen der Äpfel, denn wirklichen Hunger hatte ich nicht, und biss hinein. Lecker war etwas anderes.
„Wollt ihr nicht etwas mehr essen als nur das?“ Ich hatte den Mund voll und konnte daher nicht antworten. Liam nahm es mir ab. „Wir könnten auch an Land gehen und jagen, wenn euch das lieber ist.“ Fast hätte ich mich verschluckt. Seine Worte klangen wie ein Vorwurf und es wunderte mich nicht das Selena nach Luft schnappte.
Ohne ein weiteres Wort wandte er sich ab und ging hinaus. Stille trat ein und ich wandte mich Selena zu. „Das vorhin tut mir leid.“ - „Schon gut. Es hätte ja sein können, dass er recht hat.“ Sie ließ ihre Finger über die Tischkante gleiten und sagte etwas leiser: „Danke, dass ihr mir vertraut, jedenfalls ein wenig.“
Das ließ mich lächeln. Ich nahm die Kette, die sie abgenommen hatte und hielt sie ihr entgegen. „Ihr habt mir versichert, dass ihr kein Dieb seid und ich euch andernfalls von Bord werfen kann. Ich glaube nicht, dass ihr all zu gut schwimmen könnt und das riskieren würdet.“
„Ganz sicher nicht. Ein klein Wenig hänge ich dann doch an meinem Leben.“ Sie nahm die Kette an und als sich unsere Blicke trafen wurde mein Lächeln noch etwas breiter. „Ihr solltet wirklich darauf achten was ihr sagt. Wenn ich nicht gewusst hätte, dass ihr diese Kette schon gestern getragen habt, Liam hätte sie womöglich als Diebesgut angesehen.“
Leichtes Entsetzen trat in ihren Blick und ich lachte. Es war so einfach ihr Angst einzujagen. Fast schon zu einfach. „Nicht so schreckhaft. Ihr könnt nicht sonderlich gut lügen. Ich hätte es durchschaut.“ Das stimmte nicht ganz, doch musste sie es ja nicht wissen.
Noch immer lächelnd legte ich ihr eine Hand auf die Schulter, in der Hoffnung sie würde verstehen, dass ich es nicht wirklich ernst gemeint hatte. Auch wollte ich ihr sagen, dass ich dagegen gewesen war ihre Sachen zu durchsuchen. Mir fielen nur nicht die richtigen Worte ein und so schwieg ich, ging an ihr vorbei und holte meine Jacke.
„Ihr erkältet euch noch wenn ihr die wieder anzieht.“ Mitten in der Bewegung hielt ich inne. Erst beschwerte sie sich wegen meines Essverhaltens und nun gab sie mir auch noch solche Ratschläge. Sie sollte wirklich ganz dringend an ihrem Mundwerk arbeiten.
„Soll ich etwa so raus gehen?“ Denn ich trug nur mein Hemd und eine Weste. Das war alles andere als ausreichend. „Die Jacke ist nicht durchnässt. Ein paar Stunden wird sie noch halten.“ Und ich zog sie an auch wenn ich zugeben musste, dass es alles andere als angenehm war dieses klamme Ding wieder am Körper zu tragen. Eine andere Jacke hatte ich jedoch nicht.
„Außerdem hält mich der Rum warm.“ Wobei mir noch etwas anderes einfiel, das mich warm halten könnte. Was für ein Gedanke... Gut, dass sie mir das nicht am Gesicht ablesen konnte. „Übertreibt es hier drinnen nicht.“ - „Hab ich nicht vor Sir.“ Sir... So hatte man mich bisher noch nie angesprochen. Das klang so förmlich.
Der Wind fuhr mir durch die Kleider als ich hinaus trat und ich fröstelte. Einen zusätzlichen Schluck Rum hätte ich nun gut gebrauchen können. Doch es war besser nicht zu viel zu trinken. Ich war der Kapitän und sollte von daher eher nüchtern bleiben.
Liam erwartete mich hinterm Ruder und ich ließ ihm dieses Mal die Position. Stattdessen lehnte ich mich ans Geländer, so wie Selena es am Tag zuvor getan hatte und sah ihn an. „Worüber habt ihr gestern mit ihr gesprochen?“ fragte ich, denn es musste einen Grund für seine Worte geben.
„Über nichts wichtiges.“ Er wollte es mir also nicht verraten. Schön. Wenn er unbedingt stur sein wollte, dann konnte ich das auch. „Habt ihr sie bedroht?“ fragte ich weiter und bekam nur einen ärgerlichen Blick zurück.
„Hat sie euch beleidigt oder warum seid ihr so grob in ihrer Gegenwart?“ - „Grob?“ Liam schnaubte. „Ich bin nicht grob. Ihr seid zu freundlich. Wenn das so weiter geht macht ihr sie noch glauben, dass es in den Kolonien für sie einfach wird. Ihre Einstellung zum Leben ist naiv. Sie muss aufwachen, bevor es zu spät ist.“
Damit ließ er das Ruder los und trat zur Seite, damit ich es nehmen konnte. Zu dem machte er mir damit deutlich, dass er nicht weiter darüber reden wollte. Auch wenn es mich ärgerte nahm ich das Ruder und schwieg.
Der Himmel klarte langsam auf und die Sonne kam heraus. An Steuerbord kam Land in Sicht, doch ich wusste, dass wir noch weit von einem guten Hafen entfernt waren. Hin und wieder schielte ich zu Liam hinüber, doch er hatte sich so gestellt, dass ich sein Gesicht nicht sehen konnte.
In ihren Mantel gehüllt trat Selena an Deck. Sie leerte den Eimer über die Reling aus und kam zu uns nach oben. „Ich glaube, dass ich so gut wie fertig bin. Bis auf den Fußboden.“ Dabei sah sie keinen von uns an. Entweder war sie noch wütend wegen ihrer Tasche, oder aber Liam hatte doch recht und sie verschwieg etwas. „Allerdings gibt es da etwas das ihr euch ansehen solltet.“
Meine Neugierde war erneut geweckt und da es mir hier zu langweilig wurde und Liam keine Anstalten machte zu folgen, gab ich das Ruder erneut an ihn weiter und folgte Selena unter Deck. Was konnte sie gefunden haben von dem sie meinte, mich würde es interessieren? Sie kannte mich doch gar nicht.
Drinnen deutete sie zur Wertschatulle, neben der nun ein Umschlag lag, daneben ein Ring. „Dort. Das lag in der letzten Kiste. Ich denke, dass euch das interessieren wird.“ Der Name des Empfängers sagte mir nichts, doch als ich den Umschlag umdrehte und das Siegel erkannte, besah ich mir auch den Ring eingehender. Das Zeichen der Templer prangte auf beidem.
„War sonst noch was in der Kiste?“ versuchte ich möglichst gelassen zu sagen, denn sie sollte nicht merken, dass es mich wirklich interessierte. „Geld, der Ring und...“ sie trat zu mir und öffnete eine Kiste zur linken. „Den Rest habe ich hier drin gelassen. Ich war mir nicht sicher, was das zu bedeuten hat. Daher dachte ich, es wäre besser es euch zu zeigen.“ Darin lagen Kleider und oben auf erneut etwas mit einem Templerkreuz. Sie hatte recht. Das was interessant.
Ich brach das Siegel und überflog den Brief. Im groben ging es darum, dass ein weiteres Mitglied in den Orden aufgenommen werden sollte und um ein Manuskript mit Aufzeichnungen über Aktivitäten der Assassinen in den vergangenen Jahren. „Das wird Achilles interessieren.“ Ich sah wieder runter auf die Kiste, denn wenn der Brief korrekt war, dann befand sich besagtes Manuskript ebenfalls in dieser Kiste.
Da erst bemerkte ich, das Selena mich beobachtet und das ich offensichtlich mit mir selbst gesprochen hatte. „Ihr habt den Brief nicht gelesen.“ Das war eher eine Feststellung als eine Frage, denn wie hätte sie ihn lesen und dann neu versiegeln können? „Wie sollte ich? Er war versiegelt.“
„Woher wusstet ihr, dass er wichtig ist?“ Denn sie war keine von uns. Sie konnte nicht wissen was es mit all dem hier auf sich hatte, es sei denn sie war selbst ein Templer oder ein Spion der Assassinen. Doch dann hätte sie die Dinge hier versucht zu vernichten oder an sich genommen.
„Ich wusste es nicht. Für mich sah das ganze nur sehr offiziell aus, das ist alles.“ Gab sie zurück, wirkte jedoch etwas unsicher. Offiziell... Das war es in der tat, doch sie sollte davon wirklich besser nichts wissen. Und es war besser, wenn ich nicht den Eindruck erweckte, dass hier etwas geheimes vor sich ging. So nahm ich den Inhalt der Kiste genauer in Augenschein, hob die Kleider an und suchte darunter nach dem Buch.
„Sucht ihr etwas?“ fragte sie zögernd und ich sah zu ihr hoch. Sie hatte die Kiste vor mich durchsucht. Wenn es hier drin war, dann wusste sie davon. „War ein Buch dabei?“ fragte ich doch sie schüttelte nur leicht den Kopf. „Keine Bücher, Dokumente, Karten oder ähnliches. Nur der Brief, die Kleider und eben das was von Wert war. Fehlt denn etwas?“
So wie sie es sagte klang es wirklich ehrlich. Ich schob mein Misstrauen beiseite. „Im Brief wurde ein Manuskript erwähnt“, sagte ich daher und achtete genau auf ihre Reaktion. „Vielleicht wurde es herausgenommen. Wenn es noch hier ist, dann sicher zwischen den anderen Büchern oder den Papieren am Tisch. An den habe ich mich nicht heran getraut.“
Sie deutete nun auf den Schreibtisch und ich richtete mich wieder auf. Gut möglich das es dort war, doch warum hätte man es aus der Kiste nehmen sollen? Dem Brief nach war der Kisteninhalt für ein Ordensmitglied bestimmt gewesen. Der Kapitän hätte nicht das Recht gehabt irgend etwas heraus zu nehmen.
Mein Blick huschte über die Bücher. Die standen anderes da als noch heute morgen. „Ihr habt sie sortiert?“ Sie biss sich auf die Unterlippe, „Nicht wirklich. Nur so gestellt, dass man die Titel lesen kann, sofern vorhanden.“ Entschuldigend sah sie mich an und ich klappte die Kiste zu. Den Brief steckte ich innen in die Jacke, denn den würde ich nicht hier herum liegen lassen, und ging zum Regal hinüber.
Hinter mir knarrte eine der Dielen und ich drehte mich um. Selena war an die Schatulle heran getreten und hatte den Ring in der Hand. Sie sah ihn sich genau an mit einem leichten Lächeln auf den Lippen. Dann legte sie ihn vorsichtig zurück und wandte sich in meine Richtung. Prompt wurde sie rot als sie bemerkte, dass ich sie beobachtet hatte.
Frauen und Schmuck... „Werft ihn weg, das ist besser.“ Schon wandte ich meine Aufmerksamkeit wieder den Büchern zu. „Warum?“ fragte sie, so unschuldig, dass ich sicher war, dass sie keine Ahnung hatte was sie da in der Hand gehalten hatte.
„Selbst wenn es Silber ist, ist es besser ihn los zu werden. Werft ihn weg.“ Ich sah mich nicht zu ihr um, sondern versuchte mich zu konzentrieren. Es war einfacher mit dem Adlerblick dieses Buch zu finden, als jedes einzeln in die Hand zu nehmen.
„Wenn ihr ihn wegwerfen wollt... Dürfte ich ihn behalten?“ fragte sie vorsichtig und ich wirbelte zu ihr herum. Meinte sie das wirklich ernst? „Warum wollt ihr ihn haben?“ Denn der einzige Grund für mich war, dass sie sehr wohl wusste um was es dabei ging und sie... Eine von ihnen war.
„Ihr wollt ihn wegwerfen und mir gefällt er.“ Sie zuckte mit den Schultern, als gäbe es keine weiteren Gedanken dazu. Naiv, schoss es mir durch den Kopf. Liam hatte sie naiv genannt. Das war sie wirklich. Wenn es um Schmuck ging wurden Frauen blind.
„Ich habe keine Verwendung dafür. Wenn ihr ihn wollt, nehmt ihn. Aber ihr solltet ihn nicht offen tragen.“ Das war so ziemlich die einzige Warnung die ihr ihr mit auf den Weg geben konnte. Sollte sie ihn nehmen wenn er ihr gefiel. Vielleicht konnte sie ihn in den Kolonien zu Geld machen wenn sie knapp bei Kasse war.
„Danke“, sagte sie und sie löste ihre Kette vom Hals. Sie schob den Ring darauf und hängte sie sich erneut um, schob den Anhänger und Ring zurück unter ihren Mantel und nichts war mehr davon zu sehen. Ich kümmerte mich erneut um die Bücher und nach kurzem begann eines von ihnen leicht zu schimmern. „Ah, da ist es ja.“ Es war ein dünnes Buch und schlecht gebunden dazu. Dennoch blätterte ich kurz darin und musste lächeln. Gut, dass das hier nicht mehr in den Händen des Ordens war.
„Habt ihr das richtige Buch gefunden?“ Selena war ein paar Schritte zu mir gekommen, jedoch auf Abstand geblieben. „Ich glaube schon.“ Kurz sah ich sie an. Erleichterung spiegelte sich in ihrem Blick und noch etwas anderes das ich nicht einordnen konnte.
„Vielleicht war es gut, dass ihr durch die Kisten gegangen seid und nicht ich. Sonst hätte es gut sein können, dass mir das hier entgangen wäre.“ Vielleicht war es etwas übertrieben. Wenn ich die Zeit gehabt hätte, dann wäre ich sicher irgendwann durch all die Kisten durch gegangen. Doch ich hielt es für richtig es ihr zu sahen. Immerhin hatte sie den ganze Vormittag hier drin geschrubbt und für Ordnung gesorgt, während ich... Meiner Arbeit nachgegangen war.
„Ihr hättet es sicher gefunden.“ Sie lehnte sich leicht gegen den Kartentisch als ich das Buch zuklappte und ebenfalls unter meiner Jacke verstaute. „Möglich.“ Als ich sie erneut ansah merkte ich wie ihr Blick über mich huschte. Die Jacke, den Waffengurt und dann über mein Gesicht, als hätte sie mich bisher noch nicht gesehen.
Ich hob die Augenbrauen. Wenn sie vorher schon rot geworden war, dann war das nichts im Vergleich zu dem, was nun passierte. Hastig wandte sie ihr Gesicht ab. In dem Moment begriff ich, was Liams Lächeln zu bedeuten hatte. Und seine Bemerkung, ich müsse noch einiges über Frauen lernen. So wie sie mich angesehen hatte gefiel ich ihr offensichtlich. Und Liam hatte das bemerkt.
Das erklärte einen Teil ihres Verhaltens. Warum sie so erpicht darauf war das ich ihr verzieh. „Wie sieht es aus, wollt ihr euch für den Rest des Tages hier unten verkriechen oder noch ein wenig Seeluft schnuppern?“ Denn wenn ich recht hatte, würde sie mit nach oben kommen.
„Wenn ihr mich an Deck ertragen könnt.“ Ich unterdrückte ein Grinsen. Nach dem was sie erzählt und angedeutet hatte, hatte ich nicht damit gerechnet, dass sie überhaupt Interesse an Männern hatte.
„Ihr habt genug getan für heute.“ Ich trat auf sie zu und legte ihr die Hand auf die Schulter, „Gönnt euch eine Pause.“ Und leistet mir Gesellschaft. Denn sicher würde Liam mich nur anschweigen oder erneut unpassende Bemerkungen machen.
„Darf ich mir etwas zu essen mit nehmen?“ Wieder musste ich lächeln. Sie versuchte wirklich nichts zu tun, das ich nicht wollte oder nicht gutheißen könnte. „Natürlich.“ Sie sollte immerhin nicht verhungern. Sie war eh schon so dünn.
„Dann komme ich gleich nach.“ Sie ging hinüber zur Ecke mit den Vorräten und ich machte mich auf den Weg nach Draußen. Die Crew stimmte einen Shanty an und ich löste Liam wieder ab. „Und, was hatte sie euch zu zeigen?“ fragte er und ich klopfte auf meine Jacke, wo sich Brief und Buch befanden.
„Das erkläre ich später.“ Wenn ich nun damit anfing konnte es sein, das Selena es mitbekam und das wollte ich nicht riskieren. Sie war zu gut darin Zusammenhänge zu erfassen. Gleich darauf kam sie an Deck und stieg zu uns ans Ruder, doch blieb sie nicht stehen. Sie setzte sich links neben mir auf den Boden und begann, recht zufrieden, an einem Streifen Dörrfleisch zu knabbern.
„Ihr seht glücklich aus.“ kam es unvermittelt von Liam und sie sah auf, ein Lächeln auf den Lippen. „Warum auch nicht? In diesem Augenblick bin ich es. Das Wetter ist gut, die Crew singt und wie es aussieht ist alles friedlich.“ Ihr Lächeln wurde noch etwas breiter und sie wandte sich dem Meer zu, „Würden jetzt noch ein paar Delfine oder ein Wal vorbei kommen wäre das Bild perfekt.“
Liam gab ein ungläubiges Schnauben von sich sagte jedoch nichts mehr dazu. Auch Selena schwieg, doch noch immer lag dieses leichte Lächeln auf ihren Lippen. Ich ließ beide in Frieden und lauschte den Shantys. Immerhin musste man sich nicht immer unterhalten.
Nach einer Weile fing Liam an über Schiffe zu reden. Ein gutes Thema. Harmlos. Er redete von den Vorzügen großer Schiffe und ich hielt mit denen kleinerer dagegen. Fast war es, als wäre Selena überhaupt nicht da. Sie saß still neben mir und lauschte, oder sie hing ihren eigenen Gedanken nach.
Als die Sonne im Begriff war unterzugehen tauchte sie das Eismeer in orange. Sie stand auf, trat an die Reling und stützte sich daran ab, den Blick in die Ferne gerichtet. Liam legte mir kurz die Hand auf die Schulter, dann trat er an sie heran.
Ich fürchtete schon, er würde wieder etwas sagen, dass sie verärgern könnte. Daher lauschte ich angestrengt um kein Wort zu verpassen. „Wollt ihr weiterhin schweigen? - „Wolltet ihr nicht auf Fragen verzichten?“ Sie sah ihn nicht an, seufzte jedoch, „Ich habe meine Gründe. Zu dem gibt es nicht viel zu erzählen.“ Kurz schwieg sie bevor sie mit abwesender Stimme meinte: „Fast so als würde alles in Flammen stehen.“
Da hatte sie recht. Mit etwas Fantasie könnte man meinen, das Wasser und die Eisberge würde brennen. Ein beunruhigender Gedanke. Liam musste es ähnlich gehen denn er fragte: „Was ist los?“ - „Es ist nur... Ich fürchte, dass hier wirklich bald alles in Flammen steht.“ - „Wie kommt ihr darauf?“ - „Die Menschen sind dumm. Sie glauben, dass man einen Krieg gewinnen kann, aber da täuschen sie sich. Im Krieg gibt es keine Gewinner und Krieg wird kommen. Früher oder später. Wir können einfach nicht anders.“
Wieder schwieg sie einen Moment und es wurde dunkler. Das Rot verschwand und wich einem dunklen blau. „Und wenn das Feuer nicht mehr brennt bleibt nichts übrig als Asche. Ich frage mich oft, ob es Sinn hat helfen zu wollen. Es gibt zu viel Hass auf der Welt und die Menschen lernen nur selten aus ihren Fehlern.“ - „Und doch habt ihr diesen Weg gewählt.“ - „Das habe ich.“
Sie warf ihm einen Seitenblick zu. Liam lehnte nachdenklich an der Reling und sah zu Boden. Wann hatte sie ihm von ihrem Weg erzählt? Und warum hatte er es mir verschwiegen? So viel zum Thema bester Freund. Gut, ich hatte ihm auch nicht alles gesagt aber das war etwas anderes.
Einer der Matrosen entzündete die Positionsleuchten und Liam kam zu mir zurück. „Ich werd mich eine Weile ausruhen. In ein paar Stunden löse ich euch ab.“ Und er ließ mich alleine zurück. Kurz darauf stelle Selena sich wieder neben mich. Sie wollte offensichtlich nicht unter Deck, auch wenn es hier nun wieder kalt wurde. Ich konnte es ihr nicht verdenken. Liam war bisher alles andere als freundlich zu ihr gewesen und sicher wollte sie daher nicht mit ihm alleine sein.
„Sind das Schiffe da vorne?“ fragte sie nach einer Weile vorsichtig und deutete nach Steuerbord. In der Ferne waren Lichter zu sehen. „Das ist die Küste von Cape Breton Island. Dort sind ein paar kleinere Häfen. Gut möglich dass dort Schiffe vor Anker liegen“, gab ich zurück.
„Und ihr geht nicht vor Anker?“ - „Nicht hier. Es ist besser sich von der Küste fern zu halten.“ - „Warum? Ist es dort nicht sicherer?“ Dafür das ich ihr keine Fragen stellen sollte fragte sie ganz schön viel. Aber was sollte sie auch sonst tun? Zu dem waren diese Fragen nicht persönlich. „Es ist nirgendwo sicher. Die Zeiten sind schlecht.“
„Dann war es wohl wirklich Glück für mich, dass ihr dieses Schiff übernommen habt. Wer weiß, sonst wäre ich jetzt möglicherweise nicht mehr am Leben.“ Sie sah mich an, wandte sich jedoch sofort wieder ab als ich ihren Blick erwidern wollte und fuhr fort: „Ihr hättet mich nicht mitnehmen müssen und habt es dennoch getan. Und dass ohne dafür etwas zu verlangen.“
„Das kann ich auch schlecht. Ihr habt kein Geld bei euch und...“ Nun ließ ich meinen Blick über sie gleiten, was ihr offensichtlich unangenehm war, „Ich möchte, dass ihr nicht all zu schlecht von mir denkt.“
„Ich denke nicht schlecht über euch. Dazu habe ich keinen Grund.“ Es erleichterte mich wirklich das sie das sagte. Dann vertraute sie mir ein wenig. Dabei war ich auch nur ein Mann und sie eine Frau. Noch dazu sah sie wirklich nicht schlecht aus. „Dann hoffe ich, dass es so bleibt.“
Es kehrte erneut Stille ein und nur das Rauschen der Wellen und das Knarren der Morrigan war zu hören. Nach und nach verschwanden die Sterne und bald begann es erneut zu schneien. Sie wickelte sich etwas fester in ihren Mantel und senkte den Blick aufs Deck.
„Ihr seid so still“, sagte ich nach einer Weile, denn nur schweigend nebeneinander stehen war mir zu langweilig. Vielleicht konnte ich mich ja doch irgendwie mit ihr unterhalten. „Ich möchte nur nicht wieder etwas falsches sagen. Es gefällt mir gerade ganz gut, dass wir uns nicht streiten.“ - „Ich streite mich auch nicht gerne, doch ihr müsst zugeben, dass es nicht leicht ist mit euch zu reden.“
Daraufhin lachte sie. „Ich hatte schon immer das Problem, dass jemand der mich nicht kennt mit meiner Art nicht zurecht kommt. Ich bin zu ehrlich.“ Zu ehrlich? Dabei war sie verschwiegen und... Nun, vielleicht log sie ja doch nicht. Aber wer würde von sich schon behaupten, dass er log?
„Beantwortet ihr mir dann ganz ehrlich eine Frage?“ Einen Versuch war es immerhin wert. Auch wenn ich nicht damit rechnete, dass sie wirklich darauf einging. Immerhin hatten wir auf Fragen verzichten wollen. „Eine harmlose wäre sicher möglich.“ - „Gut. Wieso Philadelphia?“
Sie seufzte. „Ich hätte sicher auch von Québec zurück gekonnt aber wenn ich schon mal hier bin, möchte ich es auch nutzen. Wie oft kommt man sonst schon in ein anderes Land? Vielleicht finde ich hier meine Bestimmung und muss nicht wieder zurück. Wenn nicht, dann kann ich von dort aus ein Schiff nehmen und nach Hause segeln. Ich habe Verwandtschaft hier. Nicht sehr enge, aber genug, dass sie mir eine Überfahrt bezahlen würden.“
Was für ein Blödsinn. Die Verwandtschaft musste reich sein wenn sie einer entfernten Verwandten einfach so eine Fahrkarte besorgen konnten. Oder aber sie war wirklich so naiv daran zu glauben. Ich begann mir ernsthaft Sorgen um sie zu machen, auch wenn ich sie kaum kannte. Im Grunde ging es mich nichts an was aus ihr wurde, wenn sie in Boston von Bord ging, doch es würde mir schon leid tun wenn sie nicht in ihre Heimat zurück kam. Wo auch immer die war.
Der Schneefall nahm an Stärke zu und die Lichter der Küste verschwanden. Ich ließ einen Teil der Segel einholen und drosselte so die Geschwindigkeit. Nicht, dass ich etwas übersah und wir gegen einen Felsen oder einen Eisbrocken fuhren.
„Beantwortet ihr mir auch eine Frage?“ - „Kommt darauf an,“ Denn ich hatte nicht vor mehr über Liam und mich preis zu geben. Sie tat es ja auch nicht. „Keine Sorge, es ist nichts persönliches. Bis Halifax ist es noch ein gutes Stück und bis Boston noch viel weiter. Ich würde die Zeit gerne ein wenig Sinnvoll nutzen, solange nichts dagegen spricht und ich euch nicht auf die Nerven gehe.“
Himmel. Musste sie so weit ausholen um eine Frage zu stellen? „Auf was wollt ihr hinaus?“ - „Erklärt ihr mir die Begriffe und Befehle an Bord? Auch wenn ich schon eine enorme Strecke übers Meer hinter mir habe, all zu viel habe ich dabei nicht über Schiffe gelernt.“
Meinte sie das wirklich ernst? Frauen... Die solle mal einer verstehen. Da ich nichts anderes zu tun hatte tat ich ihr den Gefallen und begann mit Kleinigkeiten wie Backbord, Steuerbord, Bug und Heck und ging irgendwann über zu den unterschiedlichen Befehlen .
Sie lauschte schweigend und nur sehr selten fragte sie nach, wenn sie etwas nicht ganz verstand. Angenehm. Wirklich Angenehm.
„Wollt ihr euch nicht langsam zurückziehen?“ fragte ich nach einer Weile, da es doch allmählich unangenehm kalt wurde und sie wieder einmal versuchte ihre Müdigkeit zu verbergen. „Es wird doch etwas spät.“
„Ich hab heute Morgen lange genug geschlafen. Was ist mit euch?“ - „Ich warte bis Liam zurück kommt.“ Denn der hatte es sich vermutlich in der Koje bequem gemacht und die würde ich sicher nicht mit im zur selben Zeit teilen.
„Wie lange kennt ihr euch schon? Ihr seid sehr vertraut miteinander.“ - „Seit meiner Jugend“, gab ich zurück, „Ich kann mir keinen besseren Freund vorstellen. Wir haben viel erlebt.“ Besser, er hatte mir schon ein paar mal den Hintern gerettet, doch das gehörte nicht hier her. Nicht das sie noch dachte, ich könne nicht auf mich selbst aufpassen.
Aus der Kajüte kam ein leiser Fluch. Liam musste wieder wach sein, doch was war dort unten los? Kurz darauf trat er an Deck, doch er trug seinen Mantel nicht. „Habt ihr einen Moment Zeit, Miss?“ Was sollte das nun werden? Ich sah Selena an, die allem Anschein nach keine Ahnung hatte, was das bedeuten sollte.
„Soll ich wirklich?“ fragte sie mich leise und ich nickte. Gerne hätte ich ihr etwas Mut zugesprochen. Er würde es sicher nicht wagen ihr etwas anzutun, solange ich in der Nähe war. Das wäre nicht gut für unsere Freundschaft.
Zögernd folgte sie der Aufforderung und schloss hinter sich die Tür. Ich spitzte die Ohren, doch durch das Rauschen der Wellen konnte ich nicht wirklich etwas verstehen. Nur undeutliches Gemurmel kam herauf und ich gab auf. Ich würde ihn fragen, wenn er mich ablöste.
Es dauerte nicht all zu lange da kam Liam wieder heraus. Ohne Selena mitzubringen. „Was war?“ fragte ich ohne Umschweife und Liam schob den linken Ärmel zurück. Ein sauberer Verband war an seinem Handgelenk. „Das ist alles?“
„Was habt ihr gedacht? Ihr wollt ihr vertrauen. Ich versuche es ebenfalls. Nur auf meine Weise.“ Und er schob mich sanft zur Seite um das Ruder zu nehmen. „Jetzt ist es an euch, euch auszuruhen, Shay.“ Er nickte und ich verstand.
Langsam ging ich hinunter und fragte mich, was diesen Sinneswandel bei Liam ausgelöst haben konnte. So sehr war ich in meine Gedanken vertieft das ich, als ich die Kajüte betrat, einen Moment brauchte um zu verstehen was ich da sah.
Selena stand hinten an der Sitzbank und zog gerade ihre Strickjacke aus. Mitten in der Bewegung hielt sie inne und wir starrten einander an. Ich fing mich als erstes wieder. „Ich kann draußen warten bis ihr fertig seid.“ Denn es war nur anständig ihr die Möglichkeit zu geben sich ungesehen auszuziehen.
„Ich habe nicht wirklich Kleider für die Nacht. Mein Gepäck ist auf dem Schiff geblieben. Bis auf das hier und das hilft mir grade nicht weiter.“ Sie zupfte an ihrem Kleid. „Oh.“ Das stellte natürlich ein Problem da. Bei dem Gedanken das sie unbekleidet unter einer Decke die Nacht verbrachte und das nur ein paar Schritte von mir entfernt, brachte mein Blut in Wallung.
Vorsichtig trat ich auf sie zu, blieb dann jedoch stehen. Besser ich kam ihr nicht zu nahe. „Habt ihr beim Aufräumen nichts gefunden, das gehen würde? Ihr kennt das Inventar besser als ich.“ Sicher gab es in einer der Kisten ein Hemd das sie anziehen konnte.
„Schon, doch die Sachen gehören mir nicht. Ich würde nicht ohne zu fragen etwas anziehen, was nicht mir gehört.“ Das ließ mich lächeln. Ich ließ meinen Blick über sie gleiten und versuchte mir vorzustellen wie sie in Männerkleidern aussah. Sie verschränkte die Arme vor der Brust und ich senkte den Blick.
“Ich warte draußen. Zieht euch um.“ Schon drehte ich mich um und ging. Je eher ich hier raus kam um so schneller bekam ich den Kopf wieder klar. Der kalte Wind blies mir ins Gesicht und ich schloss die Augen. Tief atmete ich durch und versuchte nicht daran zu denken was sie gerade da drin tat. Ich hörte ihre Schritte. Das quietschen eines Scharniers und dann trat wieder Stille ein.
Vor meinem inneren Auge sah ich wie sie sich das Kleid auszog und ich spürte, wie sich bei mir etwas regte. 'Nicht an so etwas denken, Shay', ermahnte ich mich selbst leise und lehnte mich an die Tür. Wie lange würde sie wohl brauchen? Als ich die Augen öffnete sah ich, dass einer der Mannschaft zu mir herunter sah und den Mund öffnete um etwas zu sagen. Ich winkte ihn fort. Das Ganze war auch so schon peinlich genug.
Als ich einen Blick in die Kajüte warf, breitete Selena gerade die Decke über der Bank aus. Sie trug nun ein weites und recht langes Hemd. Es war ihr mehrere Nummern zu groß und sie sah darin etwas verloren aus. Ich konnte mein Grinsen nicht unterdrücken und sie schlüpfte hastig unter die Decke, zog die Beine an und schlang die Arme darum.
Wie ein kleines Kind, dachte ich und legte den Waffengurt ab, danach die Jacke. Ich merkte deutlich, dass ich in der letzten Nacht wenig Schlaf gehabt hatte und die Kälte draußen hatte meine Muskulatur etwas verspannt. Gerade als ich mich ein wenig streckte fragte sie: „Schläft euer Freund immer so wenig?“
Das sie jetzt ausgerechnet über Liam reden musste. Gab es denn nichts anderes? „Es ist seine Sache. Wenn er meint, dass es ihm reicht, soll es mir recht sein.“ Und es war mich auch herzlich egal. Wenn er wollte, konnte er sich auch tagsüber hinlegen.
Etwas missmutig trat ich zur Vorratsecke, gönnte mir einen Schluck Rum um wieder warm zu werden und holte mir etwas zu Essen heraus. Wir brauchten wirklich andere Vorräte. Das Zeug hier war nahezu ungenießbar. Was fanden die Briten nur an diesem Dörrfleisch? Es hielt sich länger, gut, aber es schmeckte scheußlich und wenn man immer nahe der Küste unterwegs war, konnte man doch auch mal etwas frischeres an Bord holen.
„Wollt ihr auch oder habt ihr schon?“ fragte ich Selena. Soweit ich wusste hatte sie das letzte Mal am frühen Nachmittag etwas gegessen, und da nicht sonderlich viel. „Danke, ich hab keinen Hunger.“ Ich sah sie an. Keinen Hunger? Vermutlich schmeckte es ihr ebenso wenig wie mir.
„Esst ihr immer so wenig?“ - „Ich würde sage meinen letzte Mahlzeit ist nicht so lange her wie die eure.“ Ertappt. Vor allem da ich kaum etwas zu Mittag gehabt hatte. Dennoch wurmte es mich etwas das sie mich darauf hinwies.
Um ihr nichts an den Kopf zu werfen, und damit erneut einen Streit vom Zaun zu brechen, wandte ich mich ab, begann an dem Streifen Fleisch zu kauen und knöpfte die Weste auf. Danach legte ich die verborgene Klinge ab und ließ mich auf der Kannte der Koje nieder um mich der Stiefel zu entledigen als mir wieder einfiel, dass ich ja nicht alleine war.
Ein Blick zu Selena und ich musste erneut gegen ein Grinsen ankämpfen. Sie hockte noch immer da, den Kopf auf den Knien und beobachte mich. „Auf was wartet ihr?“ fragte ich und sie hob fragend den Kopf. „Was meint ihr?“ - „Ihr seht aus als würdet ihr auf etwas warten.“
„Nun ja. Ich kann schlecht die Kajüte verlassen, damit auch ihr euch umziehen könnt.“ Bildete ich es mir nur ein, oder wurde sie gerade wieder rot um die Nase? Zu dem sah sie nicht danach aus als würde es sie stören.
Kurz sah ich an mir runter, dann zu ihr und lächelte. „Wollt ihr das wirklich sehen?“ Schon vergrub sie das Gesicht in der Decke und ich lachte, „Dachte ich mir.“ Auch wenn es schmeichelhaft war, dass sie hatte zusehen wollen. Dann war sie wirklich an mir interessiert. In gewisser Weise.
Noch einmal stand ich auf und zog mir das Hemd aus. Bei der Bewegung spürte ich ein Ziehen im Rücken und ich erinnerte mich an den Sprung mit dem ich Liam hatte überwältigen wollen. Als er mich abgewehrt hatte, war ich hart auf den Boden geschlagen und genau dort zog es nun. Die Stelle hatte ich auch in der Nacht schon gespürt, doch nicht so sehr wie nun.
Vorsichtig machte ich ein paar Bewegungen um die Stelle genauer zu lokalisieren und hörte ein leises „Wow.“ von Selena. Wieder drehte ich mich zu ihr um. Ihr Blick klebte nahezu an meinem Oberkörper und ich sah selbst an mir runter. Damit konnte ich sie schon beeindrucken? So viele Muskeln waren da nicht, doch ich war einigermaßen stolz auf das Wenige, was ich hatte. Liam war um einiges kräftiger.
Von ihr kam ein leises Seufzen und ich konnte mir ein leicht belustigtes Schnauben nicht verkneifen. Sie sollte wirklich aufpassen was sie sagte und tat. Auch wenn ich versuchte mich so ehrenhaft wie möglich zu benehmen und ihr nicht zu nahe zu treten, ich war auch nur ein Mann mit gewissen... Bedürfnissen.
Damit sie meine Gesicht nicht sah und daran eventuell etwas ablas, drehte ich ihr den Rücken zu und schob die Decke zur Seite. „Wie ist das passiert?“ kam es von ihr und ich hörte, wie sie aufstand. „Was denn?“ fragte ich so unbekümmert wie möglich und drehte mich wieder zu ihr um.
Sie kam um den Tisch auf mich zu, einen besorgten Blick in den Augen. Was hatte sie vor? Als sie meinen Arm berührte und versuchte noch einmal auf meinen Rücken zu sehen wich ich aus. Das ging sie nichts an. Und ich musste mich nicht verarzten lassen wie Liam.
„Ich habe nicht vor euch zu verletzen.“ Als ob ich mich davon überzeugen lassen würde. „Da ist gar nichts.“ - „Ach nein?“ Wieder versuchte sie mich zu drehen, doch dieses Mal hielt ich ihre Hand am Gelenk fest.
„Es ist alles in Ordnung.“ Doch das war es nicht. Sie stand vor mir. Nur mit diesem Hemd an, welches am Halsausschnitt etwas zu viel Haut zeigte. Und ich... Ich hatte auch nicht mehr wirklich viel an. Es wäre nun ein leichtes sie in die Koje zu ziehen. Und sie hätte kaum eine Chance sich gegen mich zu wehren.
Mein Blick heftete sich auf ihre Lippen. Wie es wohl wäre sie zu küssen? Sie versuchte ihre Hand zu befreien, doch ich ließ nicht los. Unter dem Stoff zeichneten sich die Konturen ihrer Brüste ab. Ich wollte sie an mich ziehen. Ihren Körper an meinem spüren. Ihre Wärme. Der Gedanke erregte mich aufs neue. Wieder versuchte sie ihre Hand los zu bekommen und dieses Mal ließ ich sie.
Hastig wich sie einen Schritt zurück und stieß mit dem Rücken an den Tisch. Panik stand in ihren Augen, was mich wieder zur Besinnung brachte. Ich durfte das nicht, so sehr ich es mir auch in diesem Moment wünschte. Sonst wäre ich nicht besser als dieser Kapitän.
„Legt euch schlafen“, sagte ich und sie gehorchte sofort. Schnell verschwand sie unter ihrer Decke und zog sie so hoch, das ich nur noch ihre Haare sehen konnte. Gut so. Ich entledigte mich noch der Hose und legte mich ebenfalls hin. Doch nun hatte ich ein kleines Problem. Da unten forderte jemand Aufmerksamkeit. Das hatte mir gerade noch gefehlt.
Ich versuchte an etwas anderes zu denken und das beharrliche Pochen zu ignorieren. Es dauerte jedoch schmerzlich lange bis es nachließ. Die ganze Zeit über versuchte ich so ruhig zu atmen wie möglich. Besser wenn sie nicht erfuhr was sie da eben bei mir ausgelöst hatte. Sicher würde sie sonst nicht mehr hier nächtigen wollen und wirklich darauf bestehen in Halifax von Bord zu gehen.


Tag 3

Irgendwann musste ich eingeschlafen sein, denn als ich die Augen erneut öffnete waren die Kerzen in den Laternen fast herunter gebrannt. Zeit aufzustehen und den Kopf wieder klar zu bekommen. Leise zog ich mich an und ließ mich kurz hinterm Schreibtisch nieder. Auch wenn ich es nicht mochte, ich musste mit diesen Logbucheinträgen beginnen und festhalten was hier an Bord passiert war.
Es dauerte nicht lange und ich hatte eine grobe Zusammenfassung der Ereignisse zu Papier gebracht und verließ danach die Kajüte ohne Selena zu wecken. Sie konnte ruhig noch schlafen. Dann gab es weniger Probleme. Da sie genau dort lag, wo sich der Abort befand, ein wenig unpassend, aber es war nun einmal die beste Stelle außer der Koje um zu schlafen, begnügte ich mich mit dem der Mannschaft.
„So früh auf den Beinen, Kapitän?“ kam es von Liam als ich mich zu ihm gesellte und er das Ruder an mich übergab. Früh? Am Horizont begann es schon langsam zu dämmern was hieß, das ich länger geschlafen hatte als in der Nacht zuvor.
„Es ist spät genug und ich möchte sichergehen, dass wir heute Halifax erreichen. Ich bin das Dörrfleisch leid.“ Doch es kam anders als ich es gedacht hatte. Wir hatten uns in der Nacht wieder etwas von der Küste entfernt und erneut schneite es. Stärker als bisher und so dauerte es bis ich das Schiff sah, dass sich uns näherte.
Schiffe waren nichts ungewöhnliches doch dieses bereitete mir Unbehagen. Je heller es wurde um so dichter kam es heran. Der Schneefall ließ nach und ich sah ich die Flagge. Die Royal Navy. Und sie befanden sich auf Kollisionskurs mit uns.
Wir schafften es gerade noch ihnen auszuweichen, da donnerten ihre Kanonen. Ein Zittern durchlief die Morrigan. Eine oder auch mehrere der Kugeln mussten getroffen haben. Durch den Kampf um die Gerfaut hatten wir kaum noch Kugeln an Bord. Eine Auseinandersetzung war daher nicht ratsam. Dennoch waren sie schneller unterwegs als wir, da die Morrigan beschädigt war und daher nicht auf volle Geschwindigkeit gehen konnte.
„Macht euch bereit. Die werden mit allen Mitteln versuchen uns zu versenken“, rief ich der Mannschaft zu und sie bereiteten die Kanonen vor und warteten auf meinen Befehl. Wir landeten einen guten Treffer doch erneut setzten sie zum Rammen an und dieses Mal kamen wir nicht rechtzeitig davon.
Hart trafen die Schiffe aufeinander und es riss mich von den Beinen. Kaum hatte ich mich aufgerappelt, da sah ich auch schon, wie sich ein paar Soldaten aufs Schiff schwangen. Die wollten uns entern... Nicht mit mir. Die Morrigan gehörte mir und ich würde sie bis aufs Blut verteidigen.
Alles andere verschwand im Hintergrund. Liam zog seine Pistolen doch ich achtete nicht weiter auf ihn. Der kam schon alleine zurecht. Mit meinem Säbel hieb ich nach einem Soldaten, parierte mit der anderen Hand einen Schlag und stach zu. Um mich herum gab es nichts als Schreie und Klirren von Waffen nur unterbrochen von einem gelegentlichen Schuss.
Dann war es vorbei. Auf der Morrigan gab es keine Soldaten mehr und ohne darüber nachzudenken sprang ich hinüber auf das andere Schiff, dass sich mit Enterhaken an meines gekrallt hatte und hieb dort weiter auf Körper ein, biss keiner mehr übrig war.
In meinen Ohren rauschte es und alles andere war gedämpft. Blutrausch... So nannte man es wohl. Ich brauchte einen Moment bis ich wieder klar sehen konnte. Einer meiner Männer war mit mir auf das Schiff der Soldaten gesprungen und hielt sich nun den Arm. Blut lief daran herunter und in seinen Augen spiegelte sich der Schmerz. Doch er hatte überlebt.
Keiner der Soldaten hatte sich ergeben. Sie alle waren tot. Ich war mir nicht sicher was ich gemacht hätte wenn einer um sein Leben gebettelt hätte. Um mich abzulenken wies ich meine Crew an das Schiff auszuschlachten. Kugeln, Lebensmittel, Wertgegenstände und Waffen. Alles was man gebrauchen konnte. Danach würde ich das Schiff versenken und versuchen nicht mehr daran zu denken.
Wieder auf der Morrigan suchte ich nach Liam. Wo war er? Ich konnte ihn nirgends sehen und bekam Panik. War er getroffen worden oder über Bord gegangen? Gerade wollte ich nach ihm rufen, da kamen zwei Matrosen aus der Kajüte, die einen toten Soldaten zwischen sich trugen.
„Was zur Hölle...“ begann ich und trat auf die Tür zu. „Geht da nicht rein, Kapitän“, sagte einer von ihnen und in mir zog sich alles zusammen. Selena... Sie war dort drin gewesen. Allein. Unbewaffnet. „Ist sie...“ Doch ich brach ab. Der Gedanke war zu schmerzhaft. „Nein, Kapitän. Master O'Brian kümmert sich gerade um sie.
Ich schloss die Augen und atmete erleichtert durch. Ihr war nichts zugestoßen. Doch warum musste Liam sich dann um sie kümmern? Schon streckte ich die Hand nach der Tür aus, ließ sie jedoch wieder sinken. So wie ich mich gerade fühlte und nach dem was ich getan hatte, wollte ich ihr lieber nicht unter die Augen kommen. Ich hatte mich wie ein Pirat verhalten.
Nach ein paar Minuten kam Liam aus der Kajüte, blass und mit grimmigem Gesicht. „Was ist los mit ihr? Ist sie verletzt?“ fragte ich sofort und er schüttelte den Kopf. „Ihr fehlt nichts. Nicht körperlich zumindest.“ Liam wies einen Matrosen an einen großen Eimer Wasser in die Kajüte zu bringen und winkte mich dann mit sich zu den toten Soldaten hinüber.
Man hatte schon begonnen ihnen die Waffengurte und Geldbeutel abzunehmen. Nur bei einem war es noch nicht passiert. Der, den sie aus der Kajüte geholt hatten. „Er muss sich gleich nach dem Angriff dort hinein geschlichen haben. Ich weiß nicht was passiert ist, aber er hat sie offenbar angegriffen.“
Liam kniete sich neben die Leiche und deutete auf die Wunde. „Unsere Prinzessin weiß anscheinend wie man kämpft. Sie hat ihn getötet. Nicht ganz zielsicher, aber effektiv.“ Das konnte ich nicht glauben. Selena und jemanden töten? Dann erzählte er mir was er wusste.
Er hatte gesehen, dass die Tür zur Kajüte einen Spalt offen stand, war hinein gegangen und hatte Selena am Boden vorgefunden, den Soldaten tot vor sich, Hände und Kleid blutig, selbst jedoch unverletzt und kaum ansprechbar. Ihr erster Toter. Liam hatte ihr das Blut von den Fingern gewischt, etwas zu trinken gegeben, für die Nerven, und nun jemanden mit Wasser zu ihr rein geschickt, damit sie ihr Kleid auswaschen konnte.
„Es ist besser, wenn wir sie eine Weile in Ruhe lassen.“ Dann nahm er dem toten die Waffen und das Geld ab. „Und wenn sie soweit ist, sollte sie das hier bekommen.“ - „Ihr wollte sie bewaffnen?“ Seit wann traute er ihr soweit, dass er ihr eine Waffe in die Hand geben wollte? „Sollten wir noch einmal angegriffen werden, muss sie eine eigene Waffe haben“, war alles was er noch dazu sagte.
Ich ließ das andere Schiff versenken und wir nahmen wieder Fahrt auf. Die Toten warfen wir über Bord und bald hatten meine Männer das Deck sauber geschrubbt. Während sie einen Shanty anstimmten hörte ich, wie auch in der Kajüte gesungen wurde. Nicht durchgehend, doch an einigen Stellen stimmte Selena in die Verse mit ein.
Als die Crew verstummte sang sie weiter. Ich verstand kein Wort davon und sah Liam fragend an. „Sie versucht sich abzulenken, das ist alles.“ - „Und was singt sie da? Es... ist nicht in Englisch.“ Er zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung.“ Was immer es auch war, es klang traurig. Ein Lied mit mehreren Strophen und ihre Stimme verlieh ihm etwas tragisches.
Es dauerte nicht lange und sie trat aus der Kajüte heraus. Mir stockte der Atem und ich sah Liam an, dass er eben so überrascht war wie ich. Hätte ich nicht gewusst das sie es war, ich hätte mich gefragt wer da an Deck gekommen war. Sie trug eine dunkle Hose und ein Hemd, das sie sich in den Bund gesteckt hatte. Auf den ersten Blick dachte ich tatsächlich sie wäre ein Mann, wäre da nicht der leichte Hüftschwung gewesen.
Sie hängte ihr Kleid an eines der Netze, über die man zum Krähennest hinauf kam und leerte danach den Eimer mit Wasser über der Reling aus. Schon machte sie sich wieder auf den Rückweg, doch als sie kurz zu uns hoch sah winkte ich sie zu mir. Ich musste einfach wissen wie es ihr ging und mich davon überzeugen, dass alles in Ordnung war.
„Ihr wolltet mich sprechen?“ sagte sie kühl als sie oben ankam und sah an mir vorbei, als wäre ich überhaupt nicht da. Das tat weh. „In der Tat, das wollte ich,“ doch so wie es gerade aussah wollte sie nicht mit mir reden. War sie enttäuscht oder verärgert, da ich ihr nicht zur Seite gestanden hatte? Das ich sie nicht beschützt hatte? „Wir haben derzeit kaum Wind. Ich hatte gedacht es dürfte euch interessieren, dass wir frühestens am Nachmittag anlegen werden.“
„Es lässt sich nicht ändern.“ Noch immer klang sie kalt. „Geht es euch gut?“ fragte ich vorsichtig und von ihr kam ein übertriebenes. „Klar.“ Ihr ging es alles andere als gut. „Es ist alles in bester Ordnung. So wie es eben ist wenn man zum ersten Mal im Leben einen Menschen tötet und danach sein Blut aus den Kleidern wäscht.“ Sie verschränkte die Arme vor der Brust und ich sah, dass es in ihren Augen feucht wurde. Allem Anschein nach wollte sie mir gegenüber keine Schwäche zeigen.
„Deswegen frage ich. Ich kann mir vorstellen, dass es euch mit diesem Gedanken nicht gut geht.“ - „Ach wirklich?“ Nun fuhr sie herum und sah mich an, Zorn im Blick. „Ihr wisst gar nichts. Schon gar nicht über mich oder wie es mir gehen könnte.“ - „Dann erzählt.“
„Ich...“ doch sie brach ab und drehte sich von mir weg. Wie konnte ich ihr nur sagen, dass ich sie wirklich verstand? Mir war es bei meinem ersten Toten auch nicht gerade blendend gegangen und ich war um einiges jünger gewesen als sie.
Nach ein paar Minuten versuchte ich es erneut: „Auch wenn es euch vielleicht nicht gefällt, es gibt ein paar Dinge die ich loswerden muss.“ Sie hob den Blick gen Himmel, als wäre dort etwas interessantes zu sehen. Eine Unverschämtheit sondergleichen, doch ich versuchte meiner Stimme nichts anmerken zu lassen. Nicht, dass wir uns schon wieder in die Haare bekamen.
„Ihr habt heute bewiesen, dass ihr auf euch aufpassen könnt. Vielleicht war es Glück, vielleicht ward ihr besser als er, ich frage nicht nach. Keiner hat gesehen was passiert ist und da ihr unverletzt gesiegt habt spricht das für euer können. Ich weiß, dass ihr dem Töten abgeneigt seid und wir, Liam und ich, haben uns darüber unterhalten. Was auch immer euer Geheimnis ist, wir werden nicht weiter fragen, es sei denn ihr wollt es selbst erzählen.“
Ungläubig sah sie mich an. Dann warf sie Liam einen Blick zu, der sich weiterhin heraus hielt. „Danke“, sagte sie, nun schon ruhiger. „Ich wünschte, ich könnte es euch sagen, aber es geht nicht.“ - „Schon gut. Jeder hat seine Geheimnisse.“ Immerhin war ich ein Assassine. Etwas, das sie besser nicht erfuhr.
„Da wir das nun geklärt hätten gibt es noch zwei Dinge.“ Sie zog die Augenbrauen hoch und hastig fuhr ich fort: „Es ist an euch ob ihr es annehmt oder nicht aber das hier gehört nun euch.“ Ich deutete auf die Waffen des Soldaten, den Gurt und den Beutel mit Münzen, den er getragen hatte.
Zögernd streckte sie die Hand nach dem Beutel aus und sah hinein. „Dem Sieger gehört die Beute“, sagte sie leise und zog den Beutel wieder zu. „Ich denke ich werde es annehmen.“ Die Waffen ließ sie jedoch liegen. Kein Wunder. Was sollte eine Frau auch mit Waffen anfangen?
„Gut. Das Andere... Ich nehme an, dass ihr uns in Halifax verlassen wollt. Das müsst ihr nicht.“ - „Doch“, sagte sie sofort und es machte mich ein wenig traurig, das sie nicht einmal rüber eine Antwort nachgedacht hatte.
„Ich will nicht, dass ihr denkt, ich wüsste das nicht zu schätzen“, fuhr sie fort, „Aber ich möchte lieber von Bord gehen. Das heute hat mir gereicht. Noch einmal habe ich sicher nicht so ein Glück und ich bezweifle, dass ihr mir bis zum nächsten Gefecht, das ganz sicher kommen wird, den richtigen Umgang mit einer Waffe beibringen könnt.“
„Vermutlich nicht. Da habt ihr recht“, warf Liam nun ein und sie sah zu ihm rüber. „Es bedarf Jahre ein guter Kämpfer zu werden und dazu fehlt uns wirklich die Zeit. Dennoch, wenn ihr ein Schwert führt, solltet ihr zumindest die Grundlagen beherrschen.“ Er bückte sich und nahm den Säbel des Soldaten zur Hand.
Als er ihr das Heft entgegen hielt sah sie mich fragend an und ich nickte. Wenn es jemanden gab, der wusste wie man damit umging, dann war es Liam. Und er war ein guter Lehrer. Zudem war es seine Idee. Da würde ich mich nicht einmischen.
Mich beschlich jedoch der verdacht, dass er das Ganze auch noch aus einem anderen Grund tat. 'Sie weiß wie man kämpft', hatte er gesagt. Jetzt wollte er testen ob er richtig gelegen hatte oder nicht. Da ich mich aufs Ruder konzentrieren musste konnte ich nur zuhören und ab und an einen Blick über die Schulter werfen. Zwar war gerade nirgends ein Schiff zu sehen oder etwas anderes das uns behindern konnte, doch ich wollte kein Risiko eingehen.
Daher hörte ich nur Liams Anweisungen und dachte mir meinen Teil. Erst als Selena sagte: „Ich weiß, ihr meint es gut aber... Ich glaube nicht, dass das hier meine Art von Waffe ist.“ drehte ich mich noch einmal um. Sie stand da, den Säbel in der Hand und führte eine elegante Drehbewegung aus bei der sie die Klinge hoch zog, einen Schlag nach unten andeutete und dann zur Seite führte.
Ich verstand nun was Liam gemeint hatte. Die Bewegung war nicht perfekt, doch gut genug um misstrauisch zu werden. Das sah wirklich danach aus, als hätte sie es schon häufiger gemacht. „Ihr hattet schon einmal ein Schwert in der Hand“, sagte Liam und sie begann zu lachen „Das kann man auch mit einem Besenstiel machen. Glaubt mir, ich bin kein Nahkämpfer.“
Sie wog die Klinge in der Hand. „Ich mag lieber größere Distanzen.“ - „Also eher Gewehr oder Pistole?“ hakte Liam sofort nach und sie antwortete prompt: „Pfeil und Bogen.“ Pfeil und Bogen? Das waren Waffen der Indianer. Nichts was man als zivilisierter Mensch heutzutage noch nutzte.
„Mir wird kalt. Ich geh besser und hol meinen Mantel.“ Sie gab Liam den Säbel zurück und ohne ein weiteres Wort und etwas schneller als nötig gewesen wäre, verschwand sie wieder unter Deck. „Was war das jetzt?“ frage Liam als er sich neben mich stellte.
„Keine Ahnung. Aber ihr hatten offenbar recht. Sie weiß wie man eine Klinge führt.“ Liam schnaubte. „Sie ist untrainiert aber sie muss schon eine gewisse Ausbildung bekommen haben. Auch wenn die nicht sonderlich gut gewesen sein kann.“
„Und was hat es mit Pfeil und Bogen auf sich? Wer glaubt ihr würde einer Frau das beibringen?“ Zumindest wenn sie nicht schon wieder geflunkert hatte. Es hatte nur so ehrlich geklungen. Zu dem war sie angetrunken da war es schwerer zu lügen.
„Das ist die Frage. Sie ist ein einziges Rätsel und je länger sie hier ist um so mehr Fragen kommen auf anstatt das sie beantwortet werden.“ Da gab ich ihm recht. War wohl wirklich besser wenn sie von Bord ging, bevor noch etwas passierte. Etwas schlimmeres als bisher.
Sie brauchte lange bis sie wieder zu uns zurückkam und dieses Mal hatte sie ihren Rucksack dabei. Sie stellte ihn oben ab und mir war klar, dass sie wirklich gehen würde, sobald wir Halifax erreichten. „Okay, ich gebe es zu“, sagte sie leise, „Ja, ich hatte schon einmal eine Waffe in der Hand, aber das war nur... Spielzeug. Also zählt das nicht wirklich, oder?“
„Und wo habt ihr gelernt mit Pfeil und Bogen umzugehen?“ Kam Liam mir zuvor und ich presste die Lippen aufeinander. Er durfte also Fragen stellen und ich nicht. Das war ungerecht, wo ich der Kapitän war. „Wolltet ihr nicht auf Fragen verzichten?“ konterte sie und ich unterdrückte mein Lächeln. Wehren tat sie sich also immer noch.
„Ich möchte nicht lügen“, sagte sie gedämpft, „Für mich ist es eine Art Sport. Hin und wieder habe ich mit einem Bogen schießen können und ich war recht gut damit, aber ich habe ihn nie als Waffe angesehen.“ Sport... Sie musste viel Freizeit haben. Dann war sie womöglich doch aus besserem Hause.
„Es ist wirklich nicht leicht auf Fragen zu verzichten, da ihr einem immer neue Rätsel aufgebt.“ Sie lächelte als ich sie ansah.
„Das tut mir leid. Ich weiß, dass es nicht leicht ist mit mir.“ Sie sah hinunter auf die Waffen am Boden. Liam hatte den Säbel dorthin zurückgelegt und sie dachte offensichtlich nach. „Ist es wirklich in Ordnung wenn ich die an mich nehme? Ich meine, eine Frau und eine Waffe, das sieht doch ein wenig seltsam aus.“ - „Im Moment seht ihr nicht so sehr nach einer Frau aus.“ - „Was? Ach so.“
Sie sah an sich runter. Nun da sie den Mantel trug war vom Hemd nichts mehr zu sehen, doch die Hosen... „Meint ihr, ich würde auf Entfernung als Mann durchgehen“, Sie setzte die Kapuze des Mantels auf, „Wenn ich mich ein wenig bedeckt halte?“
„Auf Entfernung ja. Aber ihr solltet besser nicht reden. Sonst fallt ihr augenblicklich auf.“ Sie würde auch so auffallen. Der Mantel machte deutlich, das sie eine Frau war. Er war in der Taille zu eng geschnürt und ihre Schultern waren zu schmal.
Sie schob die Kapuze zurück und lächelte wieder. „Tut mir leid, ich hätte vorher fragen sollen, aber ich habe keine Kleider zum wechseln. Ich hoffe, dass es nicht so tragisch ist, dass ich mir diese hier ausleihe.“ und sie zupfte an der Hose.
„Es ist befremdlich eine Frau zu sehen die eine Hose trägt.“ Und die es auch noch freiwillig tut. „Die sind recht bequem“, gab sie zurück und ich zog die Augenbrauen hoch. Seltsam. Ich hatte nun schon einige Frauen getroffen doch keine hatte je behauptet Hosen wären bequem. Zu dem gehörte es sich einfach nicht.
Ihr schien das Ganze herzlich egal zu sein. Sie bückte sich nach dem Münzbeutel, den sie hatte liegen lassen und steckte ihn nun ein. Dann glitten ihre Finger über die Waffe.
„Wollt ihr nicht doch noch ein wenig damit üben? Immerhin haben wir noch etwas Zeit.“ Liam sah zu ihr runter und sie lächelte unsicher. „Wenn ihr vorsichtig mit mir umgeht. Ich bin Anfänger.“ - „Liam ist anfangs immer vorsichtig“, warf ich ein, „Er hat auch mir einiges beigebracht und er ist ein guter Lehrer.“
„Und es stört euch nicht wenn wir hier an Deck trainieren?“ - „So schlimm wird es nicht sein.“ Und es konnte ihr wirklich nicht schaden. Zu dem hatte Liam etwas zu tun und er war wirklich ein guter Ausbilder. Eine Stunde lang trainierten sie und ich steuerte die Morrigan langsam dichter zur Küste. Bis Halifax war es nicht mehr weit und der Wind wurde stärker.
Liam unterbrach das Training und kam zu mir zurück. Er sah recht zufrieden mit sich aus. Ich warf einen Blick zu Selena, die sich an die Reling gesetzt und die Augen geschlossen hatte. „Wie macht sie sich?“ - „Es könnte schlimmer sein.“
Da der Abschied nun näher rückte wollte ich gerne noch einmal versuchen ein paar Informationen aus ihr heraus zu bekommen. Zu dem hatte sie sich beruhigt und man konnte wieder normal mit ihr reden. Daher ging ich zu ihr rüber und ging vor ihr in die Hocke. Noch immer hatte sie die Augen geschlossen und ich sah sei einfach nur an.
Als sie die Augen aufschlug zuckte sie zusammen. Sie hatte mich wohl nicht kommen hören. „Ihr wollt wirklich in Halifax gehen?“ Versuchte ich es erneut. „Ja, das dürfte das Beste sein. Ich will nicht zur Last fallen und ich habe noch einen weiten Weg vor mir.“
„Er wäre kürzer würdet ihr hier bleiben.“ Ich wollte nicht, dass sie ging. Noch nicht. Es gab noch so viel, das ich über sie wissen wollte und wir hatten so wenig Zeit. Wieder glitt ihr Blick über mich und es machte sich so wie am Abend zuvor, leichte Erregung breit als der Blick irgendwo auf der Höhe meines Gürtels hängen blieb. Ich hoffte inständig, dass man mir nichts ansah.
„Ihr müsst mir nicht antworten aber hat das Zeichen eine Bedeutung?“ Ich folgte ihrem Fingerzeig und lächelte breiter. Sie wies auf die zusätzliche Gürtelschnalle. „Das ist der Lebensbaum. Nichts Geheimnisvolles.“ Ein leichtes Nicken kam von ihr und ich neigte den Kopf leicht zur Seite. „Darf ich dann auch eine Frage stellen?“ - „Wenn es eine harmlose Frage ist ja, denn ich würde mich gerne einmal ganz normal mit euch unterhalten, ohne dass wir gleich streiten.“
„Wie alt seid ihr?“ denn das wollte ich nun wirklich gerne wissen. Es war so unglaublich schwer sie einzuschätzen. „Vierundzwanzig“, gab sie zurück und ich lächelte. „Dann lag ich ja nur knapp daneben.“ - „Für wie alt habt ihr mich denn geschätzt?“
Nun wurde ich etwas verlegen. „Es ist schwer euch einzuschätzen. Mal wirkt ihr wie ein kleines Mädchen und dann wie Anfang dreißig. Daher hatte ich euch zwischen zwanzig und zweiundzwanzig eingestuft“, auch wenn es nicht ganz stimmte. Es war jedoch höflich eine Frau jünger einzuschätzen als sie es wirklich war.
„Danke.“ Sie sah mir in die Augen und ich erwiderte den Blick. Augen wie das Meer, dachte ich. Und nicht nur wegen der Farbe. Es lag Wasser darin. Als ich noch klein gewesen und bei meiner Tante gelebt hatte, hatte sie mir einmal gesagt, das man solchen Augen jegliche Emotion ablesen konnte. Darin war ich nicht sonderlich gut, doch ihr Blick war sanft.
Plötzlich lief sie rot an und sah zur Seite. „Woran denkt ihr gerade?“ Denn so etwas kam nicht von irgendwo. „Wollt ihr das wirklich wissen?“ Sie blinzelte zu mir hoch und ich musste Lächeln. „Ja, es würde mich interessieren.“ - „Na gut.“
Sie atmete einmal tief durch und versuchte einigermaßen gelassen zu sagen: „Ich habe daran gedacht dass ihr schöne Augen habt.“ Ich zog die Augenbrauen hoch. Bitte was? Schöne Augen? Was für ein Blödsinn. Wegen so etwas wurde man nicht rot.
„Wirklich“, bekräftigte sie ihre Worte und als ich mich kurz zur Seite wandte griff sie nach meiner Hand. Etwas, mit dem ich nun überhaupt nicht gerechnet hatte. „Ihr seid insgesamt ein gutaussehender Mann. Nicht nur von den Augen her.“ Doch nun sah sie mich nicht mehr an, nur noch auf ihre Finger, die meine Hand umschlossen hatten. Als wäre ihr gerade erst bewusst geworden, dass sie es getan hatte.
Kaum da ich den Versuch unternahm, meinerseits ihre Hand zu nehmen, zog sie ihre zurück. Schade. „Wieso nur werde ich nicht schlau aus euch?“ Sie sah mich an, noch immer einen leichten Rotschimmer um die Nase. „Ich...“
„Shay!“ rief Liam und wir sahen beide in seine Richtung. „Vor uns.“ Ich erhob mich und sah sofort was Liam bemerkt hatte. Da wir schon dicht an die Küste gekommen waren, gab es hier vereinzelte Felsen oder kleinere hohe Inseln. Hinter einem dieser Felsen, genau in Fahrtrichtung, tauchte eine Fregatte auf.
„Denen sollten wir besser ausweichen.“ Das Scharmützel am Morgen hatten wir nur mit Mühe überstanden und ich hatte wirklich keine Lust auf dem Meeresboden zu landen. Hastig trat ich ans Ruder und gab Befehle. Ich drehte am Steuerrad und wir änderten den Kurs
„Wir sind schneller als die oder?“ Selena war zu uns herüber gekommen. Sie klang nervös. Kein Wunder, nach dem was am morgen passiert war. „Im Normalfall schon. Nur, die Morrigan ist beschädigt. Wir können nicht auf volle Fahrt gehen ohne zu riskieren dass sie auseinander bricht. Aber wir sind wendiger und in Küstennähe können wir sie besser abhängen sollten sie uns folgen wollen.“
„Ihr müsst euch keine Sorgen machen“, begann Liam, „Mit etwas Glück haben die kein Interesse an uns.“ - „Ich mache mir mein Glück, Liam.“ Das musste nur noch einmal klargestellt werden. „Dann mach ich mir keine Sorgen.“ Selena legte mir die Hand auf die Schulter und ein wohliger Schauer durchlief mich. Schon nahm sie ihren Rucksack und setze sich mit diesem wieder an die Reling.
Als ich nach kurzem zu ihr rüber sah, hatte sie ihr Buch in der Hand und schrieb. Zu gerne hätte ich gewusst was sie schreib, doch sie würde es mir sicher nicht verraten. Da der Wind weiter auffrischte, kamen wir schneller voran als ich ursprünglich gedacht hatte und so erreichten wir die Bucht, in welcher der Hafen von Halifax lag, kurz nach Mittag.
Liam rief Selena zu uns zurück und sie steckte ihr Buch ein, verschnürte den Rucksack und kam zu uns. „Wir sind bald da.“ Er wies zur Küste wo sich der Eingang zur Bucht befand. Ein ungeübtes Auge hätte die Einfahrt von unserer Position übersehen können. Doch über die kleinen Hütten hinweg konnte man Masten erkennen. Ebenso das Leuchtfeuer.
„Gut. Dann hol ich mal mein Kleid.“ Schon lief sie los um es zu holen. Wirklich schade, dass sich unsere Wege hier trennten. Ich konnte sie nicht zwingen hier zu bleiben. Sie war ein freier Mensch und sie musste ihre eigenen Entscheidungen treffen.
Wir näherten uns dem Hafen und ich ließ meinen Blick über die Schiffe gleiten. Keine britischen Flaggen. Das war gut. Doch etwas anderes zog meine Aufmerksamkeit auf sich. Ein Schoner der offensichtliche Umbauarbeiten hinter sich hatte. Der Anblick gefiel mir ganz und gar nicht. Ein Seitenblick auf Liam bestätigte meinen Verdacht. Hier sollte Selena nicht von Bord gehen.
„Geht unter Deck“, wies ich sie an, wandte den Blick nicht von dem Schiff ab. „Was? Aber...“ - „Das war keine Bitte, Miss, sondern ein Befehl. Unter Deck mit euch. Sofort. Und dort bleibt ihr solange bis ich etwas anderes sage.“ Nun sah ich sie an, so ernst ich konnte, damit sie nicht weiter widersprach. „Aber ich...“ - „Sofort. Liam, bringt sie in die Kajüte.“
Ohne zu zögern trat Liam vor und fasste Selena am Arm. Sie schnappte sich ihren Rücksack und ließ sich mitziehen, wenn auch nicht ganz ohne Gegenwehr. Ich hörte sie noch sagen: „Was soll das? Ich wollte von Bord gehen“, als die Tür auch schon ins Schloss fiel und nichts weiter zu hören war. Ich konnte nur hoffen, dass niemand sie gesehen hatte.
Ich steuerte den ersten freien Liegeplatz an und wir gingen vor Anker. Das würde ein kurzer Aufenthalt werden. Je schneller wir von hier wieder verschwanden um so besser war es. Nach dem die Morrigan sicher vertäut war wies ich die Matrosen an nach Schäden zu suchen und diese zu beseitigen und ging in die Kajüte. Selena stand da, die Arme vor der Brust verschränkt und funkelte mich wütend an.
„Ihr bleibt wo ihr seid. Und ihr bleibt ruhig. Ich erkläre das später.“ Dann wandte ich mich meinem Freund zu, „Liam, solange ich von Bord bin habt ihr das Kommando. Ich werde mich beeilen.“ - „Tut das. Und seid vorsichtig.“ Er wusste genau warum ich besorgt war und offenbar teilte er meine Sorge wirklich.
Kurz nach mir verließ er die Kajüte und trat noch einmal auf mich zu. „Es ist nicht fair sie im Unklaren zu lassen. Sie könnte eine Dummheit begehen.“ - „Darum lasse ich euch auch hier. Liam. Ihr müsst darauf achten, dass sie sich nicht von Bord schleicht solange dieser Schoner hier liegt.“
Er nickte nur und ich nahm die Waffen des toten Soldaten an mich. Selena kam mit denen nicht zurecht. Sie brauchte etwas anderes. Etwas leichteres. Liam runzelte die Stirn. „Und was habt ihr damit vor?“ Ich lächelte. „Umtauschen. Ihr seid es, der sie bewaffnen wollte. Ich besorge ihr etwas passenderes.“ Dann ging ich von Bord. Vorräte besorgen und neue Kugeln für die Kanonen. Zu dem wollte ich einen genaueren Blick auf den Schoner werfen. Nur um sicher zu gehen, dass ich mich nicht irrte.
Ich irrte mich nicht. Wie ich es befürchtet hatte, handelte es sich bei dem Schiff um das eines Sklavenhändlers. Da war es wirklich besser, wenn hier keine Frau ohne Begleitung vorbei kam, die noch dazu fremd in der Gegend war. Auch wenn Selena doch etwas anstrengend war, das hatte sie nicht verdient.
Eine Stunde lang besorgte ich Waren und fand schließlich einen Händler, der mit den Säbel abkaufte und bei dem ich eine angemessenere Waffe erstehen konnte. Leicht, elegant und nicht ganz so auffällig. Gut, auffallen würde sie damit trotzdem aber sie würde sicher besser damit zurecht kommen.
Wieder bei der Morrigan angelangt fielen mir die Soldaten auf, die sich die Schiffe aufmerksam ansahen. Höchste zeit schnell von hier zu verschwinden. Zuallererst brachte ich das Paket, in dem sich die neue Waffe befand, in die Kajüte. Selena stand bei der Seekarte und sah zu mir auf, als ich eintrat. Wortlos ging ich an ihr vorbei, legte das Paket ab und ging wieder hinaus. Sicher würde sie das ärgern, doch ich hatte nun keine Zeit es zu erklären.
„Macht euch nützlich“, wies ich die Crew an. „Die Kisten müssen unter Deck und beeilt euch. Sichert die Ladung damit wir auslaufen können.“ Je schneller wir weg waren um so eher konnte ich Selena erzählen warum wir sie nicht hatten von Bord gehen lassen. Sicher wurde sie mit jeder Minute die verstrich ungeduldiger und wütender.
Als alles verstaut war lichteten wir den Anker und verließen den Hafen. Bei einer sicheren Entfernung vom Ufer bat ich Liam Selena nach oben zu holen. Sie folgte der Bitte und lehnte sich etwas provozierend ans Geländer, sah mich an und verschränkte die Arme. „Nun? Ich bin gespannt auf die Erklärung.“
„Seht ihr den Schoner mit den grauen Segeln?“ Sie warf einen Blick zum Hafen und nickte. „Was ist damit?“ - „Das sind Sklavenhändler.“ Sie zog die Augenbrauen hoch „Woher wisst ihr das?“ Das sie mir nicht glaubte war offensichtlich.
„Niemand der noch bei Sinnen ist würde so ein Schiff auslaufen lassen. Es ist zu alt und zu stark beschädigt. Zu dem kann man selbst von Außen die Umbauarbeiten sehen. Viele Sklavenhändler bedienen sich alter, ausgedienter Schiffe und verändern sie für ihre Zwecke. Für ungeübte Augen sind es normale Schiffe.“
„Aber ihr könnt sie erkennen?“ Noch immer klang sie ungläubig. „Nicht immer. Das hier war jedoch leicht zu erkennen.“ - „Warum unternehmt ihr nichts dagegen?“ - „Wir sind nicht gut genug gerüstet um es mit ihnen aufnehmen zu können. Schon gar nicht im Hafen.“
Kurz schwieg sie und sah noch einmal zu dem Schiff hinüber. „Wegen denen habt ihr mich also nicht von Bord gelassen?“ - „Zu eurer Sicherheit. Eine Frau die alleine reist und sich nicht auskennt wäre eine leichte Beute.“ - „Dann stehe ich noch tiefer in eurer Schuld als bisher.“
„Macht euch darüber keine Gedanken, Miss.“ Liam klang freundlich. Etwas, das er fast die ganze Fahrt über nicht hinbekommen hatte. Nicht in ihrer Gegenwart. Ich sah ihn sogar lächeln und mir wurde klar, dass auch er sich ein wenig um sie sorgte. Wenn auch nicht so wie ich es tat.
Selena schwieg und als ihr Blick suchend über den Boden wanderte verkniff ich mir ein Lächeln. „Sucht ihr etwas?“ fragte ich unschuldig, denn mir war klar nach was sie Ausschau gehalten hatte. „Naja, ich hatte mich noch nicht wirklich entschieden, ob ich das Schwert annehme oder lieber nicht. Jetzt ist es nicht mehr da.“ - „Ihr sagtet, dass es nicht eure Art von Waffe ist.“
Sie nickte nur und wechselte das Thema: „Wie lange wird es nun noch bis Boston dauern?“ Das war eine gute Frage. Je nach dem wie der Wind mitspielte. „Bei gutem Wind sind wir morgen bei Einbruch der Dunkelheit da. Vielleicht ein wenig schneller.“ - „Morgen...“
Sie klang traurig. Wäre sie so gerne von Bord gegangen? Bevor ich weiter fragen konnte löste sie sich vom Geländer und trat ins Heck, stützte sich auf die Reling und sah zur Küste. Eine ganze Weile ließen wir sie in Ruhe. Sicher das Beste, was wir nun tun konnten, doch als die Sonne tiefer sank löste Liam sich von meiner Seite und ging zu ihr.
Ich spitzte die Ohren denn von ihrem Gespräch wollte ich kein Wort verpassen. „Ihr wirkt bedrückt.“ begann Liam und ich war verwundert darüber wie sanft er klingen konnte. „Ein wenig vielleicht.“ - „Wärt ihr so gerne von Bord gegangen?“ - „Schwer zu sagen. Ja und nein. Ich hätte schon gerne etwas von Halifax gesehen aber ich bin auch froh, dass ihr mich bis Boston bringt. Andererseits bin ich nicht sicher, dass ich diese Nacht überstehe.“
Das verstand ich nicht. Warum sollte sie denn die Nacht nicht überstehen? „Wie kommt ihr darauf?“ fragte er weiter und ich war froh, dass er es tat. „Ich mache mir nur etwas Sorgen. Und ich bezweifle, dass ich nach dem was heute früh passiert ist werde schlafen können.“
Kurz trat Stille ein, dann kam es etwas leiser von Liam: „Wenn ihr jemanden braucht, der zuhört...“ - „Normalerweise bin ich diejenige die anderen zuhört. Danke für das Angebot, aber ihr habt sicher wichtigeres zu tun“ - „Wie ihr meint.“
Er kam zu mir zurück und stellte sich an seinen Platz, als wäre nichts gewesen. Fragend hob ich die Augenbrauen doch er hob die Hand und schüttelte leicht den Kopf. Er wollte nicht mit mir darüber reden, solange sie in der Nähe war. Verständlich. Immerhin wusste ich nicht wie gut ihre Ohren waren.
Es dauerte nicht lange da hörte ich ihre Schritte, doch sie ging an uns vorbei, die Treppe hinunter und verschwand. Ich sah ihr nach, doch sie blickte nicht auf. Daher wandte ich mich nun an Liam. „Und?“ fragte ich denn nun konnte er es mir verraten. „Ich hoffe, dass sie die Nacht übersteht“, gab er trocken zurück und ich hob die Augenbrauen. „Wieso sollte sie nicht? Die vorherigen hat sie auch überstanden.“ - „Shay...“ begann er in einem Tonfall der mir sagte, dass ich ein Idiot war, „Sie hat heute um ihr Leben fürchten müssen und einen Mann getötet. Sie wird angst davor haben einzuschlafen.“
Das war natürlich möglich. „Wir werden ihr dabei nicht helfen können. Sie muss es alleine durchstehen.“ Denn wie sollte einer von uns dafür sorgen, dass sie nicht davon träumte? Ich konnte ihr schlecht anbieten mit mir die Koje zu teilen um sie... Ganz böser Gedanke.
Die Dämmerung brach an und ich beschloss nach Selena zu sehen. Liam wollte sich anschließen und ich nickte. Für die kurze Zeit konnte auch einer der anderen das Ruder übernehmen. Doch ich musste noch kurz hinunter in den Frachtraum. Immerhin hatte ich Vorräte besorgt und ein etwas besseres Abendessen als bisher würde uns allen gut tun.
Als ich wieder zurück kam wartete Liam auf mich. „Ist euch klar, dass ihr viel zu freundlich zu ihr seid?“ fragte er und ich hob die Augenbrauen. „Bin ich das?“ Natürlich war ich freundlich zu ihr. Immerhin wusste ich wie sie sich zur Wehr setze, wenn ich es nicht war, auch wenn ich Liam nichts davon gesagt hatte.
„Sie hat heute bewiesen, dass sie in der Lage ist jemanden zu töten.“ - „Und sie leidet darunter. Ich werde sie nicht wie eine Gefahr behandeln und ihr damit einen Grund liefern mich anzugreifen.“ Einmal hatte mir voll und ganz gereicht. Liam schnaubte und öffnete die Tür zur Kajüte. „Ihr solltet wenigstens darüber nachdenken“ - „Werde ich. Bei Gelegenheit.“ Ich ließ die Tür hinter mir zufallen und Liam schob sich die Kapuze nach hinten.
Das Bündel mit unserem Abendessen legte ich vorerst auf dem Kartentisch ab und öffnete die Jacke, um sie auszuziehen als ich Selena am Schreibtisch sitzen sah. Sie saß tatsächlich in dem Sessel, der dem Kapitän vorbehalten war, ihr Notizbuch vor sich, den Stift in der Hand.
„Bevor ihr fragt: Ich habe nicht geschnüffelt, nicht weiter aufgeräumt und mich nicht an eurem Rum vergriffen.“ Sie klappte ihr Buch zu und sah uns abwechselnd an, „Und am Geld auch nicht.“ Sofort warf ich einen Blick zur Geldschatulle, doch das war natürlich Unsinn. Selbst wenn sie etwas herausgenommen hätte konnte ich das so nicht sehen.
„Und was habt ihr dann gemacht?“ Ich hängte die Jacke über einen Stuhl und sah sie fragend an. „Mich gelangweilt und versucht einen klaren Gedanken zu fassen. Nicht gerade leicht wenn einem zu viel im Kopf herum geht. Was treibt euch unter Deck? Pause?“ - „In der Tat.“
Auch Liam legte seinen Mantel zur Seite und streckte sich. Sicher fühlten seine Muskeln sich ähnlich an wie meine. Wenn nicht sogar schlimmer. Immerhin hatte er über eine Stunde lang versucht Selena den Schwertkampf beizubringen.
Da es hier drin doch etwas dämmrig war, trotz der Kerzen auf dem Schreibtisch, entzündete ich noch ein paar weitere und setzte neue Kerzen in die Laternen. Dann holte ich den Rum heraus, nahm das Bündel vom Kartentisch und öffnete es.
Sofort breitete sich der Duft von frischem Brot aus und ich lächelte, als ich Selenas Blick bemerkte. Auch ihr musste der Zwieback zum Hals heraus hängen. Auch eine dicke, geräucherte Wurst hatte ich dabei. Um Längen besser als das Dörrfleisch und viel schmackhafter.
Liam nahm sich den Rum und nippte daran als ich begann das Brot in dicke Scheiben zu schneiden. Auch von der Wurst säbelte ich etwas herunter „Hier.“ Ich reichte erst Liam, dann Selena eine Portion und lehnte mich an die Tischkante.
„Darf ich fragen wie der Rest der Reise geplant ist, oder steht das noch nicht fest?“ fragte Selena als ich gerade mit etwas Rum das Brot herunterspülte. Sie hatte ihren Becher mit Wasser gefüllt und sah fragend zwischen uns hin und her. Ich tauschte einen Blick mit Liam der mir wieder einmal zuvor kam mit der Antwort: „Was sollten wir planen?“ Liam strich sich über den rasierten Schädel, „Wir hoffen einfach, dass nichts weiter passiert bis wir in Boston ankommen.“
„Und wo wir gerade bei nichts passieren sind“, ich löste mich vom Tisch und holte das Paket mit der neuen Waffe, welches ich ihr hin hielt. „Das ist für euch.“ Damit hatte sie offensichtlich nicht gerechnet, denn sie verschluckte sich beinahe an ihrem Abendessen.
„Wie meint ihr das, für mich?“ Bei der Frage lächelte ich. „Macht es auf.“ Zögernd nahm sie das Paket entgegen und sah zu Liam. Auch mein Blick huschte zu ihm hinüber. Er hatte die Arme vor der Brust verschränkt doch ich erkannte in seinen Augen eine Spur von Heiterkeit.
„Nur zu.“ Ich setzte mich wieder auf die Tischkante und sah sie erwartungsvoll an. Sie begann an dem Knoten herum zu fummeln, doch gelang es ihr nicht ihn zu öffnen. Bevor es für sie peinlich wurde zog ich meinen Dolch und hielt ihn ihr, den Griff voran, hin. Mein Lächeln konnte ich nicht verbergen.
Sie schnitt die Schur durch und öffnete das Paket. Als sie die Stofflagen, in denen die Waffe eingewickelt war zur Seite schlug, wurden ihre Augen groß. Auch Liam konnte ich ansehen, dass er etwas überrascht war, meine Wahl jedoch billigte. Ein Rapier mit passendem Dolch, Scheide und Gurt.
„Das... das kann ich nicht annehmen.“ - „Könnt ihr.“ Ich nahm einen neuerlichen Schluck Rum und deutete auf die Waffe in ihren Händen. „Mit dem Schwert seid ihr nicht zurecht gekommen. Es war zu schwer. Ein Rapier ist leicht und passt zu einer Frau. Damit fallt ihr weniger auf. Außerdem...“ Ich warf Liam einen Blick zu, „Hab ich dazu die andere Waffe verkauft. Dementsprechend gehört sie ohnehin euch.“
„Und ihr glaubt das ich damit besser zurecht komme?“ Sie zog das Rapier und sah sich die Klinge an, wog sie in der Hand. „Das werden wir morgen sehen“, warf Liam ein, stopfte sich den Rest Brot in den Mund und wischte sich die Hände an der Hose ab. „Heute hätte es keinen Sinn mehr, es ist bald Dunkel.“ Er warf einen sehnsüchtigen Blick zur Koje. Da war jemand müde.
Vorsichtig schob Selena die Klinge zurück und wickelte sie erneut in die Stoffbahn ein. „Danke“, war alles was sie sagte doch ich hörte heraus, das sie nur so Wortkarg war, da ihr schlicht die Worte fehlten. Etwas das mich freute. „Schon in Ordnung. Ihr sollt euch verteidigen können.“ Auch ich beendete mein Abendessen und gönnte mir einen weiteren Schluck Rum. Wenn Liam nun schlafen ging, würde ich mich noch einmal der Kälte stellen. Da konnte ich etwas Wärme im Bauch gebrauchen.
Danach wickelte ich Brot und Wurst wieder in das Bündel und legte es zu den Vorräten. „Gut. Ich geh wieder hoch.“ Ich sah Selena an, die ihre Portion mit Wasser herunter spülte. „Leistet ihr mir Gesellschaft?“ - „Ja, das dürfte eine gute Idee ein.“
Sie nahm ihren Mantel doch bevor sie mir folgte steckte sie ihr Notizbuch in den Rucksack zurück und legte ihre neue Waffe auf die Bank, auf der sie schlief. Fast als wäre sie ihr zu kostbar um sie wirklich zu tragen. Auch ich zog meine Jacke wieder an und ging ihr voraus.
Draußen Schneite es schon wieder. Dicke Flocken wirbelten übers Deck und ich hörte wie sie sagte: „Na das kann spaßig werden.“ Ich sagte lieber nichts, ging hinauf und löste den Matrosen am Ruder ab. Selena stellte sich zu mir und schwieg ebenfalls. Sie schien über etwas nachzudenken und ich wollte mich nicht schon wieder mit ihr streiten.
Nach einer ganzen Weile unterbrach ich dann doch die Stille. „Würdet ihr mir einen Gefallen tun?“ Auch ich hatte nachgedacht und sie gab mir so viele Dinge zum Nachdenken, dass ich zumindest ein paar Antworten haben wollte.
„Einen Gefallen?“ - „Nur wenn ihr wollt“, räumte ich sofort ein, denn ich wollte sie in keiner Weise zu etwas überreden, dass sie nicht wollte. „Um was geht es?“ Natürlich war es etwas heikel das Thema nun noch einmal anzusprechen, das war mir klar, aber einen Versuch war es wert.
„Heute Vormittag, nach dem Angriff, da habt ihr gesungen. Ich würde das Lied gerne noch einmal hören.“ - „Ich weiß nicht ob das eine gute Idee ist.“ Täuschte ich mich oder wurde sie da gerade etwas verlegen? Da es dunkel war konnte ich es nicht so genau sehen. „Bitte.“
Und sie tat mir den Gefallen. Während sie sang sah sie in die Ferne und wieder schwang dieser traurige Ton in ihrer Stimme mit. Sie konnte recht gut singen, doch ich verstand kein einziges Wort. Als sie geendet hatte blieb es still. Keiner der Crew sagte auch nur ein Wort doch ich sah, dass einer ihr einen verstohlenen Blick zuwarf. Vielleicht hatte er sie verstanden.
„Es klingt traurig. Wovon handelt es?“ fragte ich nach einer Weile und sie erzählte von einer unglücklichen Liebe, die mit dem Tod beider endete. Ja, das war wirklich traurig. Sie erwähnte noch andere Lieder, sang jedoch nicht noch einmal.
„Ich kenne zwar recht viele Lieder und Melodien, bin jedoch nicht Textsicher“, meinte sie entschuldigend. Schade war es schon. Ich mochte ihre Stimme. Dann fragte sie mich nach meiner Kindheit. Irgend etwas fröhliches an das ich mich erinnerte. Meine Kindheit war nicht gerade lustig gewesen doch mir war klar warum sie nun nichts trauriges hören wollte.
So erzählte ich wirklich eine kleine Geschichte aus meiner Kindheit. Wie ich zusammen mit Liam unterwegs gewesen war, im Alter von acht Jahren. Schon damals waren wir Freunde gewesen, wenn auch nicht so wie heute.
Es tat gut sich daran zu erinnern und nach kurzem gab auch sie etwas mehr von sich preis. Zwar erfuhr ich noch immer nicht von wo sie wirklich kam, doch das sie eine ältere Schwester hatte und in einem kleinen Dorf aufgewachsen war. Sie mochte Bücher, was mich schmunzeln ließ, da ich nicht all zu viel davon hielt, und ich merkte, dass sie wirklich offen mit mir sprach.
Als Liam aus der Kajüte kam wirkte er nicht sonderlich ausgeschlafen. „Ich bin froh wenn wir im Heimathafen anlegen,“ sagte er und rieb sich die Schulter. „Nichts gegen die Koje, aber mein Bett ist mir lieber.“ Dann übernahm er das Ruder und mit einem Kopfnicken bat ich Selena mir zu folgen. Sicher wurde auch sie langsam müde und sollte sich ausruhen.
Mit einem leichten Seufzen zog sie ihren Mantel aus und hängte ihn über eine Stuhllehne. Ich blieb an der Tür stehen und sah ihr zu. Sie musste wirklich müde sein wenn sie schon anfing sich in meiner Gegenwart auszuziehen. Ich hatte nichts dagegen nur wäre es wirklich besser für sie wenn ich ihr die Möglichkeit gab es ungestört zu tun.
„Ich werde wohl wieder draußen warten, bis ihr fertig seid.“ Schon drehte ich mich um und wollte gehen. „Sekunde“, kam es von ihr und ich zögerte. „Was?“ fragte ich, denn was um alles in der Welt konnte sie in einem Moment wie diesem von mir wollen? Sie kam zu mir und blieb direkt vor mir stehen. Bislang hatte sie lieber etwas Abstand gewahrt. Daher wurde ich nun etwas unsicher.
„Ich...“ sie brach ab und kurz senkte sie den Blick bevor sie mir wieder in die Augen sah, „Würdet auch ihr mir einen Gefallen tun, so wie ich euch oben an Deck?“ Einen Gefallen? Sie lächelte als habe sie meine Gedanken gelesen, „Keine Sorge. Nur einen ganz Kleinen.“ - „Was denn?“ - „Bitte, schließt kurz die Augen.“
Was? Nun verstand ich wirklich gar nichts mehr. Warum sollte ich... Aber gut, wenn es ihr eine Freude bereitete... So seufzte ich leicht und schloss die Augen. Erst passierte gar nichts. Dann spürte ich ihre Lippen auf meiner Wange. Ich öffnete die Augen wieder, da ich sicher war mich getäuscht zu haben, doch sie zog sich gerade von mir zurück.
Damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet und es verschlug mir die Sprache. Ich wollte sie fragen was das zu bedeuten hatte, doch meine Stimme wollte mir nicht gehorchen. Sie lächelte leicht. „Danke, Master Cormac.“ - „Wofür?“ brachte ich nun doch heraus und ihr lächeln wurde eine Spur breiter. „Für alles“, und sie kehrte zu ihrer Bank zurück.
Ich brauchte einen Moment um mich wieder zu fangen. War das gerade wirklich passiert? „Ich... glaube ich leiste Liam noch ein wenig Gesellschaft.“ Denn ich brauchte eine Abkühlung. Mein Kopf brauchte die Abkühlung um wieder klar denken zu können. Zu dem konnte sie sich umziehen. So ging ich hinaus und stieg wieder zum Ruder hinauf.
Liam zog die Augenbrauen zusammen. „Was ist los?“ fragte er und wollte das Ruder an mich übergeben, doch ich winkte ab. Das konnte er ruhig weiter machen. Die Stelle an der Selenas Lippen meine Haut berührt hatten kribbelte leicht. Sie hatte mich tatsächlich geküsst. Ein wenig schüchtern, ja, aber sie hatte es getan. Von sich aus.
„Shay?“ - „Ihr hattet recht. Ich muss noch einiges über Frauen lernen.“ Vor allem über welche wie Selena. „Was ist passiert?“ Sollte ich es ihm wirklich sagen? Besser ich behielt es für mich. „Sie hat sich noch einmal bedankt. Für alles. Irgendwie.“
Fragend sah er mich an, doch ich wollte wirklich nicht weiter darauf eingehen. „Und wie hat sie sich bedankt? Ich hoffe doch, dass ihr nicht euren Anstand vergesst.“ Ich starrte ihn an. Dann wusste er also was in mir vor sich ging und er ahnte was gerade in der Kajüte passiert war.
„Ich weiß mich zu benehmen. Meistens.“ Denn ab und an fiel es mir doch schwer. „Sie hat mich geküsst, nicht ich sie.“ Jetzt war es heraus. Liam schnaubte. „Nun, man muss euch hin und wieder mit der Nase auf gewisse Dinge stoßen, damit ihr es bemerkt. Aber ihr solltet besser nicht darauf eingehen.“ Er wurde nun sehr ernst, „Sie wird uns bald verlassen und es ist unwahrscheinlich, dass ihr sie wiedersehen werdet. Macht ihr keine Hoffnungen.“
Als ob ich das nicht wüsste. Dennoch stimmte mich der Gedanke Traurig. „Sicher würde sie mich eh nicht mehr in ihrer Nähe haben wollen, wenn sie wüsste was ich bin.“ Sie war kein Assassine und die Wahrheit wäre sicher unerträglich für sie.
Ich blieb noch eine Weile oben bis ich sicher sein konnte, dass Selena fertig umgezogen und unter ihrer Decke verschwunden war. Vielleicht schlief sie auch schon. Als ich die Kajüte betrat war alles still und ein Blick in die Ecke genügte. Sie hatte sich zusammengerollt und schlief. Gut so. Schnell entledigte ich mich meiner Kleider und schlüpfte in die Koje. Mit ihr wäre es hier sicher wärmer...
'Schlag dir solche Gedanken aus dem Kopf', schalt ich mich, 'Liam hat recht. Morgen wird sie von Bord gehen und du wirst sie nicht wieder sehen. Also mach dir selbst keine Hoffnungen.' Zudem gab es immer noch Hope. Sie war greifbarer, auch wenn sie mir die kalte Schulter zeigte und meine Annäherungsversuche abtat.
Ein lautes Knarren weckte mich. Einen Moment fragte ich mich woher es gekommen war und lauschte in die Nacht. Dann hörte ich ein weiteres Knarren von der Bank, auf der Selena schlief. Draußen herrschte heftiger Seegang und die Morrigan schwankte, doch ich vermutete, dass das nicht der Grund war. Trotz der Geräusche konnte ich ihren Atem hören. Viel zu schnell für jemanden der ruhig schlief.
Vorsichtig richtete ich mich auf und sah zu ihr rüber. Sie zog gerade die Decke enger um sich, hatte die Augen offen und starrte auf die Tür, als fürchtete sie, es würde jemand herein kommen. Hatte sie schlecht geträumt? Nach dem was am Tag passiert war, würde mich das nicht wundern. Nun es ging mich nicht wirklich etwas an, dennoch stand ich auf, wobei nun die Koje knarrte. Leise ging ich zu ihr rüber. Sie hatte die Augen geschlossen und tat als würde sie schlafen. Vor ihrer Bank ging ich in die Hocke und mein Knie knackte verräterisch. Sie ließ sich nichts anmerken, doch ich konnte ihr am Gesicht ansehen, das sie wirklich nicht schlief.
Eine Strähne ihres Haares war ihr ins Gesicht gefallen und ich strich sie zur Seite. Bei der Berührung zuckte sie zurück und schlug die Augen auf. „Schlechte Träume?“ fragte ich vorsichtig, denn es war gut möglich, dass sie nicht darüber reden wollte. Nach kurzem Zögern nickte sie. „Das dachte ich mir.“ Oder besser, ich hatte es befürchtet, „Irgendwann wird es vorbei gehen. Doch im Moment...“ - „Muss ich es wohl ertragen.“
Die Haarsträhne war wieder nach vorne gefallen und ich strich sie erneut zurück. Dieses Mal blieb sie ruhig und schloss die Augen, mit einem leichten Lächeln auf den Lippen. Dann sah sie mir in die Augen. „Wie kommt Ihr damit zurecht?“ fragte sie und ich dachte einen Moment nach.
„Ich? Ich versuche nicht daran zu denken und wenn es nicht anders geht, dann lenke ich mich so lange ab bis es wieder ganz hinten im Kopf verschwunden ist. Oder ich helfe ein wenig nach, auch wenn das zu einem schweren Kopf führt.“ Eine Lösung die ich nicht empfehlen konnte. Vor allem nicht einer Frau die dem Alkohol abgeneigt war.
Mehr konnte ich ihr nun nicht helfen. Sie musste selber lernen mit solchen Erlebnissen umzugehen. Kurz legte ich ihr die Hand auf die Schulter. „Versucht wieder einzuschlafen, auch wenn es schwer fällt. Ihr seid nicht allein.“ Darauf lächelte sie nur und ich erhob mich wieder.
Als ich mich umwandte um zur Koje zurück zu gehen sagte sie leise: „Harte Landung?“ - „Was meint ihr?“ fragte ich zurück, auch wenn ich mir denken konnte auf was sie anspielte. „Ach tut nicht so. Ihr habt selbst gemerkt, dass auch ihr nicht ganz unbeschadet geblieben seid. Ihr könnt euren Rücken vielleicht nicht sehen, aber ihr spürt es genau.“
Ich drehte mich wieder zu ihr um. Sie hatte sich aufgesetzt und die Decke war nach unten gerutscht. Das Nachthemd saß nicht ordentlich, da es ihr zu groß war, und zeigte etwas mehr Haut als am Abend zuvor. „Mir geht es gut“, versuchte ich mich aus der Situation zu retten doch sie ließ nicht locker.
„Ich habe eine Salbe die es schneller heilen lässt. Ich bin auch ganz vorsichtig dabei.“ Es ärgerte mich schon etwas, dass sie so hartnäckig war, doch dann seufzte ich. „Ihr gebt ja doch nicht auf.“ Wenn es ihr eine Freude bereitete, dann sollte sie ihre Salbe drauf schmieren. Schaden konnte es sicher nicht. So ging ich zu ihr zurück und sie schwang die Beine von der Bank und langte nach ihrem Rucksack.
Um nicht in Versuchung zu kommen mir ihre Beine anzusehen oder in ihren Ausschnitt zu schauen, ging ich erneut in die Hocke, mit dem Rücken zu ihr. Gleich darauf stieg mir ein angenehmer Duft in die Nase und ihre Finger berührten mein Schulterblatt. Sie war wirklich vorsichtig dabei und verteilte die Salbe in kleinen kreisenden Bewegungen.
Während sie arbeitete sagte sie kein Wort und ich schloss die Augen und ja... ich genoss es. Es war nicht schwer sich vorzustellen wie es wäre wenn sie das an anderer Stelle tun würde. Ihre Hände waren weich und warm. Sehr angenehm. Daher war es schade, als sie sagte sie sei fertig.
„Ich frage lieber nicht, was das war.“ - „Arnika.“ antwortete sie prompt und ich richtete mich auf, sah zu ihr runter. „Danke.“ Und ich meinte es wirklich ernst. „Wofür?“ - „Für alles.“ Das ließ sie lächeln. Ich hatte die selben Worte genutzt wie sie.
„Vielleicht sollte ich mich auch noch einmal bedanken. Für die Ablenkung.“ Darauf musste ich kichern. Ja es passte zu ihr einen Dank nicht einfach so hinzunehmen und vielleicht stimmte es auch, dass das hier gerade eine Ablenkung für sie gewesen war. Mich hatte es abgelenkt. Leider nicht auf so eine Weise die ich gebrauchen konnte.
„Gute Nacht, Kapitän“, kam es von ihr, als ich die Koje erreichte und ich sah noch einmal zu ihr zurück. „Schlaft gut, Selena.“ Mit etwas Glück, konnte sie nun doch noch ein wenig schlafen. Ich würde es können und vielleicht von ihr träumen.
Und ich träumte wirklich von ihr. Sie stand an Deck in den Kleidern der Bruderschaft, das Haar offen und vom Wind nach hinten geweht. Flackerndes Licht eines brennenden Schiffes fiel auf sie und sie hielt einen Bogen in der Hand. Ihr Gesicht war ernst und völlig ruhig. Ein schöner und erschreckender Anblick zugleich.


ab Tag 4

Das nächste Mal wachte ich von alleine auf. Ausgeruht und in meine Decke gekuschelt. Noch immer hatte ich dieses Bild vor Augen und brauchte einen Moment um mir klar zu machen, dass es nur ein Traum gewesen war. Etwas, das nicht passieren würde.
Wieder einmal ließ ich sie schlafen als ich aufstand. Genau wie am Tag zuvor schrieb ich die Ereignisse des vorangegangenen Tages ins Logbuch, doch ich konnte mich nicht mehr an alle Einzelheiten erinnern. Daran würde ich arbeiten müssen, sobald Selena von Bord war. Es fiel mir schwer mich auf meine eigentlichen Aufgaben zu konzentrieren wenn sie dabei war.
Nach einem raschen Frühstück, für Liam nahm ich etwas mit, stiefelte ich hinaus und die Tür fiel etwas lauter ins Schloss als gewollt. Es war doch windiger als ich erwartet hatte. Liam hatte alle Hände voll zu tun die Morrigan durch die Fluten zu lenken. Das würde spaßig werden heute.
Nur ein paar Minuten nach mir, verließ Selena die Kajüte. Dann hatte ich sie wohl mit der Tür geweckt. Sie kam jedoch nicht zu uns nach oben, sondern ließ sich ihren Eimer mit Wasser füllen und verschwand wieder in die Wärme. Einen Moment fragte ich mich was sie wohl mit dem Wasser vorhaben könnte doch ich erinnerte mich daran, dass sie schon am ersten Tag einen Ort zum „frisch machen“ brauchte. Sicher hatte sie dabei nicht nur den Abtritt gemeint. Na da würde sie die Zähne zusammen beißen müssen. Das Wasser war eiskalt und alles andere als angenehm.
Ich ließ ihr Zeit. Das Wetter war eh nicht dafür geeignet an Deck herum zu laufen. Vor allem, wenn man nicht schwimmen konnte. Die See war rau und es konnte leicht passieren, dass man über Bord ging. Nein, dort wo sie war, war sie besser aufgehoben.
Erst als sich der Sturm etwas legte und die Dämmerung anbrach, trat Selena wieder an die Luft und kam zu uns nach oben. Leichter Schneefall hatte eingesetzt. Kleine wirbelnde Flocke, die übers Deck geweht wurden. Selenas Schritte waren etwas unsicher und sie hielt sich gut am Geländer fest als sie zu uns hoch stieg.
Unsere Blicke trafen sich als es in ein Wellental hinab ging und ich lächelte angesichts ihrer geweiteten Augen. Mir gefiel ein solches Wetter. Ihr hingegen machte es angst. Ich hatte schon schlimmere Stürme als diesen überstanden und so wie es am Himmel aussah würde es bald nachlassen.
Nach einer halben Stunde wurden die Wellen flacher und der Wind etwas schwächer. Leichte Entspannung trat bei der Crew ein und auch Liam lockerte seine Haltung. Da keiner Anstalten machte etwas zu sagen wandte ich mich zuerst an Selena. „Ihr seid früh hoch heute.“
„Irgendwann muss ich doch auch mal einigermaßen pünktlich aufstehen, meint ihr nicht?“ Musste sie das? „Nun, es ist eure Sache. Ihr gehört nicht zur Crew und habt keinerlei Verpflichtung an Bord.“ Die hatte sie wirklich nicht. Aufgeräumt und geputzt hatte sie. Freiwillig. Es gab für sie nicht wirklich etwas zu tun, daher hätte sie auch liegen bleiben können, wenn sie es gewollt hätte.
„Verpflichtungen vielleicht nicht, aber ich dachte mir, dass es gut wäre die Zeit zu nutzen die ich noch habe. Das Wetter hat durch den Morgen zwar einen Strich gemacht aber... Nun, wenn das Angebot noch steht würde ich gerne noch einmal etwas Unterricht nehmen. Jedenfalls wenn es keine Sicherheitsbedenken gibt.“
„Habt ihr gefrühstückt?“ fragte Liam und sie biss sich auf die Lippen. Anscheinend nicht. Doch vielleicht war es auch meine Schuld. Ich hätte ihr etwas raus legen sollen. Daran hatte ich nicht gedacht. Anders gesagt, ich hatte damit gerechnet, das sie sich selbst bedienen würde, doch sie hielt offenbar weiter daran fest, nichts zu nehmen, das ihr nicht gehörte. Mit Ausnahme der Kleider die sie trug, denn es waren wieder die Männerkleider vom Vortag. Dann war ihr Kleid wohl noch nicht trocken.
„Also nicht“, bemerkte Liam und verschränkte die Arme vor der Brust. „Gut. Bevor wir beginnen, wie ist euch das Training gestern bekommen?“ - „Ein wenig Muskelkater, aber sonst geht es mir gut.“ Ein wenig? Entweder untertrieb sie gerade um nicht so schlecht da zu stehen, oder aber sie war besser in Form als erwartet.
„Untrainiert. Ich habe nicht wirklich etwas anderes erwartet. Holt eure Waffe.“ Anscheinend sah Liam das ganze anders. Aber er war ja auch der Trainer und nicht ich. Ohne Wiederworte huschte sie hinunter und kam gleich darauf mit ihrem neuen Rapier zurück.
Liam hielt sie auf, als sie den Waffengurt umlegen wollte. Erst sollte sie sich ein wenig aufwärmen. Die restliche Müdigkeit aus den Gliedern vertreiben um Verletzungen zu vermeiden. Ich gab das Ruder an den Matrosen ab, den ich bisher immer gebeten hatte, und sah ihnen zu.
Da sich diese Waffe von der anderen in der Handhabung etwas unterschied begann er mit den Grundlagen, doch Selena war nicht ganz bei der Sache. Ihr unterliefen immer wieder kleine Fehler und Liam wurde ungeduldig. „Konzentriert euch“, ermahnte er sie und ich bekam das Gefühl, dass es sie nervös machte, dass ich ihr zusah.
Eine Stunde lang führte sie Bewegungen aus. Immer erst langsam, bis Liam damit zufrieden war, danach schneller. Es sah alles andere als elegant aus, aber für einen Anfänger gar nicht mal übel. Dann unterbrachen sie das Training, da sie eine Pause brauchte und Liam winkte mich zu sich. Das musste ja passieren.
Er deutete stumm auf meine Waffe und ich zog sie. „Ihr kennt das Spiel, Shay. Zeigt mir, was ihr könnt.“ Wir trainierten nicht oft mit scharfen Waffen. Die Verletzungsgefahr war einfach zu groß, doch die einfachen Grundschritte konnten auch so geübt werden. Zu dem war es sicher auch eine lehrreiche Lektion für Selena. Wenn sie sah das wir wirklich kämpfen konnten, würde sie sich nicht mit uns anlegen wollen.
Ich spürte ihren Blick während Liam mich herum scheuchte. Immer wieder griff er an, legte Finten und wich meinen Schlägen aus. Liam war ein exzellenter Schütze, doch auch im Nahkampf konnte ich ihn immer noch nicht bezwingen. Auch als es ans entwaffnen ging konnte ich ihm nicht da Wasser reichen. Ich schaffte es nur zwei Mal ihm seinen Säbel zu entwenden, während er damit bei mir keinerlei Probleme hatte.
„Könnt ihr mir das beibringen?“ fragte Selena als ich aufgab und ich sah zu Liam. Das war sein Job, nicht meiner. „Entwaffnen oder es verhindern?“ fragte er zurück und sie lachte. „Beides. Ich möchte ungern von meiner eigenen Klinge aufgespießt werden.“ - „Habt ihr euch denn schon wieder erholt?“
Sie zuckte mit den Schultern. „Ein wenig. Es ist eh unmöglich mich bis Boston in irgend einer Disziplin fit zu bekommen. Ein paar Grundlagen dürften für den Anfang reichen.“ Liam ließ seinen Blick über sie wandern und dachte offensichtlich nach. „Später. Jetzt solltet ihr besser erst einmal etwas essen.“
„Was ist mit euch? Ihr könnt doch sicher auch eine Stärkung gebrauchen.“ - „Später.“ Später? Es ging schon langsam auf Mittag zu und selbst ich bekam allmählich wieder Hunger. Ich übernahm erneut das Ruder und Liam stellte sich zu mir. Selena ließ ihren Blick übers Wasser gleiten, doch sagte sie nichts weiter als sie sich wieder in die Kajüte verzog.
„Wollt ihr es ihr wirklich beibringen?“ fragte ich, kaum das sie verschwunden war und Liam ließ ein leichtes Seufzen hören. „Es kann nicht schaden und sie hat recht. Wirklich fit werde ich sie nicht bekommen können. Es wird kaum ausreichend sein um ihr wirklich zu nützen, aber vielleicht fühlt sie sich dann etwas besser.“
Einen Moment überlegte ich ihm zu sagen das er viel zu nett zu ihr war, verkniff mir den Kommentar jedoch. Es gefiel mir ganz gut, dass er etwas freundlicher zu ihr war. Auch wenn sich heute wohl unsere Wege trennten war es mir lieber, wenn sie uns in guter Erinnerung behielt.
Als sie zurückkam hielt Liam Wort und unterwies sie ein wenig im entwaffnen. Dieses mal sah ich ihnen nur über die Schulter hinweg zu. Nur ein wenig, denn ich wollte sie nicht stören.
Es wurde ein ruhiger Nachmittag und langsam näherten wir uns unserem Ziel. Aus dem Krähennest kam der Ruf: „Land in Sicht“ und Selena brach ihre Übungen mit Liam ab. „Ich sollte wohl besser meine Tasche holen, oder?“ Nun, dieses Mal würde sie wirklich gehen. Ich bezweifelte, dass es etwas geben konnte, dass sie zum Bleiben bewegen konnte. Ohnehin war es besser, wenn sie uns hier verließ. Wir konnten sie nicht mit zur Siedlung nehmen. Außenstehende hatten dort nichts zu suchen.
„Es ist noch Zeit bis wir anlegen aber bitte. Ich halte euch nicht auf.“ Das würde ich wirklich nicht. Auch wenn es schade war. Sie warf mir einen Blick zu der mir deutlich machte, dass sie meinen Unterton mitbekommen hatte. Kurz meinte ich so etwas wie Trauer in ihren Augen zu sehen, doch sie wandte sich schon ab und ging ein letztes Mal in die Kajüte hinunter.
Als sie zurückkam trug sie wieder ihr Kleid. Jetzt nach dem ich sie in Hosen gesehen hatte wirkte es fast ein wenig unpassend. Den Waffengurt hatte sie überm Mantel befestigt und ihren Rucksack über der Schulter. Ob sie wirklich nichts eingesteckt hatte? Da sie nun gehen würde, wäre es für sie die letzte Gelegenheit etwa zu stehlen. Nein, ich wollte ihr vertrauen. Sie hatte mehr als einmal gesagt, dass sie nicht stehlen würde.
Wir erreichten Boston als es zu dämmern begann. Der Hafen war gut besucht, doch es gab noch freie Liegeplätze. Sicher könnten wir über Nacht auch hier bleiben. Boston war derzeit ein recht ruhiges Pflaster, doch mir war es lieber so schnell wie möglich in den Heimathafen zurück zu kommen.
„Hier trennen sich dann unsere Wege.“ Ich konnte den Anflug von Endtäuschung nicht ganz verbergen. „Da habt ihr wohl recht“, erwiderte sie und trat näher an mich heran, „Danke für alles. Ich wünsche euch für die Zukunft alles Gute und hoffe, dass sich unsere Wege eines Tages wieder kreuzen.“ - „Auch euch alles Gute, Miss.“
Ich zögerte, dann streckte ich ihr die Hand entgegen. Näher würde ich ihr nicht kommen. Lächelnd nahm sie an und einen Moment verharrten wir so, sahen einander in die Augen. Wenn es nach mir gegangen wäre, ich hätte sie nicht wieder los gelassen.
Gerade als ich glaubte sie wolle noch etwas sagen senkte sie den Blick und ließ meine Hand los. Dann wandte sie sich an Liam: „Danke für das Training.“ - „Ich hoffe, dass ihr es nie braucht.“ Auch er reichte ihr die Hand, „und auch, dass ihr euren Weg nicht verliert.“ Lächelnd schüttelte sie seine Hand, ließ jedoch schneller los als bei mir. „Danke.“
Soweit ich sehen konnte waren keine Soldaten am Pier unterwegs und ich fand auch sonst keine offensichtlichen Bedrohungen. Hier konnte ich sie ruhigen Gewissens von Bord gehen lassen. Nur das sie dafür klettern musste. „Dann wollen wir mal sehen, dass wir euch sicher an Land bekommen.“
Damit sie nicht ins Wasser fiel sprang ich zuerst von Bord und hielt ihr vom Steg aus die Hand hin. Liam sorgte derweil an Deck dafür, das sie nicht abrutschte, als sie über die Reling kletterte. Dann zog ich sie zu mir herunter und sie landete in meinen Armen.
Langsam sah sie zu mir auf. Das war nun doch etwas dichter als ich gedacht hatte und ich erwartete halb, dass sie mich von sich stoßen würde. Sie tat es nicht. Ein leichter Rotschimmer legte sich um ihre Nase. Dann löste sie sich von mir und etwas bedauernd ließ ich ihre Hand los.
„Also... Noch mal danke für alles.“ Sie sah mich nicht an doch der Rotschimmer war etwas stärker geworden. „Wo geht ihr hin?“ Auch wenn es mich nichts anging wollte ich wissen wie ihre weitere Reise aussah. „Mein Ziel ist Philadelphia aber zuerst werde ich versuchen bis New York zu kommen. Vielleicht begegnen wir uns dort einmal. Ihr sagtet ja, dass ihr aus der Gegend kommt.“
Stimmt, genau das hatte ich ihr gesagt. „Möglich. Ich werde die Augen offen halten. Das solltet ihr auch tun. Und seid vorsichtig. Die Straßen sind nicht ungefährlich.“ - „In diesen Zeiten ist es überall gefährlich, aber ich werde auf mich aufpassen.“
Das hoffte ich wirklich. Wir waren uns in einer Hinsicht ähnlich. Sie neigte, genau wie ich, dazu in Schwierigkeiten zu geraten. Sie nickte mir noch einmal zu, hob die Hand zum Abschied und setzte ihre Kapuze auf. Dann wandte sie sich um und ging.
Liam legte mir die Hand auf die Schulter. „Wir sollten los, Kapitän.“ Natürlich. Hier zu stehen würde nichts daran ändern, dass ich sie schon jetzt irgendwie vermisste. Mit einem leichten Seufzen kletterte ich zurück aufs Schiff, gab den Befehl die Leine zu lösen und kurz darauf glitten wir langsam wieder aus dem Hafen hinaus.
Ich sah mich nicht noch einmal um. Selena musste nun ihren Weg fortsetzen und ich den meinen. „Kopf hoch, Shay. Bald sind wir zu Hause.“ Daran sah ich in diesem Moment nicht all zu viel Positives. Sicher würde der Chevallier nur gehässige Bemerkungen machen und wir würden jeden Tag trainieren. Egal wie das Wetter war. Dennoch ließ ich volle Segel setzen sobald es möglich war und wir glitten in den Sonnenuntergang hinein.
Da wir uns nun ungestört unterhalten konnten zeigte ich Liam den Brief, den Selena gefunden hatte. Ebenso das Buch. Den Ring und die Tatsache, das sie ihn mitgenommen hatte verschwieg ich jedoch. Liam überflog den Brief und blätterte durch die Seiten des Buches. „Und sie hat es gefunden?“ fragte er, als er mir beides zurück gab. „Den Brief hat sie gefunden, ihn aber nicht gelesen. Das Buch lag zwischen den anderen. Ich bezweifle, dass sie hinein gesehen hat. Und selbst wenn, sie wird kaum etwas damit anfangen können.“
Darauf schwieg er eine Weile bis er etwas leiser sagte: „Und wenn sie nur so getan hat als ob?“ Das ging mir nun doch etwas zu weit. „Liam, Sie hätte es verschwinden lassen wenn sie auf Seiten der Templer stehen würde und mich nicht darauf aufmerksam gemacht. Ihr wollt ihr unbedingt misstrauen.“
„Ich versuche nur mich nicht täuschen zu lassen. Habt ihr euch die Mühe gemacht sie einer eingehenden Betrachtung zu unterziehen?“ Ich runzelte die Stirn. „Ja, das habe ich. Und ich habe nichts verdächtiges an ihr gefunden.“ - „Dann habt ihr sie offenbar anders wahrgenommen als ich.“
Diese Bemerkung sorgte für ein leicht flaues Gefühl im Magen. „Was meint ihr?“ fragte ich, auch wenn ich nicht sicher war, ob ich es wirklich hören wollte. „Ich habe sie häufig beobachtet und mit allen Sinnen betrachtet. Und es war sehr seltsam was ich gesehen habe, Shay.“ - „Seltsam?“ nun wurde ich neugierig. Liam war, was den Adlersinn anging, um einiges besser als ich.
„Ihre Aura war unbeständig. Darum habe ich ihr anfangs auch misstraut. Sie war rötlich aber nicht immer.“ - „Sicher weil sie euch nicht getraut hat. Als ich es versucht habe war es eindeutig blau.“ Wieder wurde er nachdenklich. „Vielleicht“, sagte er nach einer Weile, „Vielleicht.“
Es dauerte bis zum frühen Morgen bis wir die Siedlung erreichten. Diese Nacht über legte ich mich nicht schlafen. Wenn wir angelegt hatten würde ich Schlaf nachholen und dann, später, bei Achilles vorstellig werden. Der schlief um diese Zeit und ich wollte ihn nicht wecken.
Nach dem die Morrigan sicher vertäut war verabschiedete Liam sich, um sich in seinem eigenen Bett gründlich auszuschlafen. Ich blieb an Bord. Zwar hatte auch ich hier mein eigenes kleines Reich, doch nun hatte ich ein Schiff. Auf dem Wasser hatte ich mich immer wohler gefühlt als an Land.
Alleine in der Kajüte verriegelte ich die Tür und setze mich in den Stuhl hinterm Schreibtisch. Logbucheintrag. Doch ich saß nur da, die Feder in der Hand und lauschte in die Nacht hinein. Alles war ruhig. Das leise plätschern von Wasser, das Rauschen von Blättern, doch keine Stimmen die zu mir herein wehten.
Ich legte die Feder zur Seite und stand auf. Das würde ich erledigen wenn ich wieder wach war. Mein Blick fiel auf die Bank. Kissen, eine zusammengelegte Decke, Hemd und Hose ordentlich gefaltet. Meine Finger glitten über den Stoff. Rau, aber das Material hielt warm. Vor ein paar Stunden hatte sie die noch am Körper getragen.
„Vergiss sie“, ermahnte ich mich, ging zur Koje und zog mich aus. Als ich unter die Decke kroch stieg mir etwas in die Nase. Ein Geruch, der nicht hier her passte. Es war die Salbe, die Selena benutzt hatte. Etwas davon musste in der Decke sein. Auch wenn ich es nicht zugeben wollte, es hatte doch etwas Linderung gebracht. Ich schloss die Augen und sog den Duft tief ein. Das war alles was von ihr übrig war und bald würde auch das verschwunden sein. So wie sie.
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