Letzte Gedanken

von Zyon
GeschichteDrama, Tragödie / P12
Dr. David Ratcliffe
01.03.2017
01.03.2017
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Letzte Gedanken

Die Trage hing fest. Sie wollte und wollte sich nicht lösen. Also verlagerte David sein ganzes Gewicht auf seinen linken Fuß, ließ das Seil los und wollte nach der Bahre greifen.
„Aah!!“
Es geschah schnell, er konnte nichts dagegen tun. Seni Fuß in der Schlinge rutschte nach aussen, es war ihm nicht möglich, nach der Trage zu greifen, einen kurzen Moment hielt er den Atem an.
David schloß die Augen, spürte, wie sein Kopf hart gegen den Felsen schlug.

'Nein, nicht. Lieber Gott, hilf!'
Sein Körper schwang nach rechts, hing in der Luft und wieder schlug er gegen den kalten Stein. Instinktiv presste er seine Hände flach dagegen.
'Das überlebe ich nicht. Warum geschieht das jetzt? O Gott, bitte hilf mir! Ich will da nicht hinabstürzen!'
Von oben drang Johnnos Stimme zu ihm. Er solle ganz ruhig bleiben.
Über ihm die blaue Unendlichkeit des Himmels und unter ihm…
Sein Fuß hing in der Schlaufe, das Seil schnitt sich fast durch den Schuh ins Fleisch. Das Blut schoß ihm in den Kopf, es rauschte und tobte in seinen Ohren, von der Sohle bis zum Scheitel  spürte er Schmerzen.

'Geoff und Johnno helfen mir, bestimmt. Ich brauche keine Angst zu …'
Den Gedanken ließ er unvollendet. Mit Entsetzen spürte er, wie nachlässig ihn die Schlinge hielt.
In Strömen floßen ihm die Schweißtropfen von den Achseln über die Oberarme. Irgendwo am Ellenbogen mochten sie im Hemd ertrinken.
Sein Fuß glitt langsam aus der Schlinge.
'Ich will nicht sterben. Ich habe doch noch soviel vor.'
„David!!“ scholl es entsetzt von oben herab. Die Schlinge gab ihn frei und kopfüber stürzte der junge Mann nach unten.
'Gott, nicht, ich bleibe Arzt und versorge weiter...'

Greller Schmerz durchzuckte ihn. Mit der Schulter schlug er gegen einen Felsvorsprung.
'Ich habe doch nichts Böses getan.'
Sein Körper hatte sich gedreht und aus verschleierten Augen bemerkte David den näherkommenden Steinboden.
'O Gott, Du hast Dich entschlossen, mich sterben zu lassen? Aber ich wollte meinen Freunden doch noch…'
Sein schmaler Körper prallte hart am Fuße des Berges auf und rollte über den harten Boden.
'Das ist also das Ende? Geoff, Kate, Chris…'

Staub umhüllte ihn, Widerstände wie Äste und Steine ließ er unbeachtet zurück. Erinnerungen schoßen an seinem Auge vorbei, Kate und Geoffs Funkhochzeit, DJs Abschied, Tom Callaghan, July, die junge Mutter, Emma und Andrea Grayson. Ob sie noch lebte? Ob er sie „dort oben“ sehen würde?
Endlich blieb er liegen, dunkel registrierte er blutende Verletzungen. Erschöpft schloß er die Augen.
'Ich sterbe jetzt also. Ohne mich zu verabschieden. Ohne im Meer gebadet zu haben. Vielleicht komme ich als Maus wieder?'
Plötzlich ging eine Veränderung in ihm vor. Er verspürte nichts mehr, alles wurde so leicht, er glaubte zu fliegen. Warme Luft umfing ihn und vorsichtig öffnete er die braunen Augen. Ein seltsamer Anblick bot sich ihm.

Er lag dort auf dem Rücken, die Arme wie zum Fluge ausgebreitet, ein Bein angewinkelt und unter das andere geschoben. Blutverschmiert und leblos.
Da rollte Geoff über den Boden, so wie er vorhin.
'Bin ich jetzt tot? Geoff – ich bin hier oben!' wollte er seinem Freund zu rufen, der sich aufheulend neben seinen toten Körper kniete. Seine Schultern bebten.

'Nicht, Geoff, mir geht es gut. Sieh her!' Doch er konnte kein Wort laut äußern. David wollte auf seine Hände blicken und erschrak, wie durchsichtig sie waren.
Da oben schluchzte Kate verzweifelt auf und Johnno hielt sie fest. Um zu beweisen, daß ihm nichts fehle, wollte er zu ihr hin, aber stattdessen trieb er, nein, er flog in die andere Richtung, dem blauen Himmel zu.
'David? David!'
Irritiert wandte er den Blick nach oben. Ein heller, ebenso wie seiner, durchsichtiger Körper kam auf ihn zu.
'David, ich bin es.'

'Andrea? Du hier? Was ist eigentlich los?'
Lachend antwortete ihm die weiche Stimme. 'Wir sind körperlos. Oder tot, wie man so sagt. Ich bin gekommen, um Dich abzuholen.'
Die durchsichtige Helligkeit umschlang ihn in einer herzlichen Begrüßung und mit einem Male fühlte er sich so unendlich glücklich und frei. Friede und Harmonie durchströmte ihn, als er mit Andrew auf die Sonne zu flog und seinen geschundenen Körper, betrauert von seinen Freunden, zurückließ.

Ende