Geister - Stille

GeschichteFreundschaft / P12
Deneve Helen Miria
01.03.2017
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Yuma war niemand, die sich unwohl fühlte, wenn es ruhig war. Im Gegenteil: Bereits als Kind war Yuma freiwillig Zuhause geblieben und hatte die Hausarbeiten erledigt, sofern es bedeutete, dass sie die Stille genießen konnte. Ihr Vater hatte jedes Mal den Kopf geschüttelt und gemeint, was für ein ungewöhnliches Kind sie sei. Ihre große Schwester und ihr Bruder hatten sie geneckt, weil sie bei Geräuschen, die für andere nicht laut waren, die Ohren zuhielt. Ihre Mutter hatte gesagt, sie habe gute Ohren und würde wegen dem Lärm, der auf einer Mühle herrschte, die Ruhe mehr schätzen als ihre Mitmenschen. Auch nachdem die Organisation sie aufgenommen hatte, hatte sich an ihrer ruhigen Art nichts verändert. Die Stille war ihr stets wie ein Zufluchtsort erschienen, hatte es ihr erlaubt, ihre Gedanken zu sammeln. Yuma hätte nie gedacht, dass die Ruhe sie einmal einschüchtern würde oder sie dazu verleiten würde, sich unbehaglich zu fühlen.
Seit dem Abschied von ihren gefallenen Kameraden hatte Miria die Gruppe tiefer in den Norden geführt. Helen war die Einzige, die versucht hatte, das Eis zwischen allen zu brechen und die miese Stimmung zu vertreiben. Leider hatte keiner der Sieben Geister auf ihre Bemühungen reagiert; Clare hatte sie ausdruckslos angestarrt, Miria hatte sie ignoriert, Tabitha hatte sich auf Miria konzentriert, Cynthia war in Gedanken abwesend gewesen und Deneve hatte gemeint, es sei kein passender Zeitpunkt für Scherze. Yuma ärgerte sich über sich selbst. Hätte sie mitgemacht würden sie nicht stramm und stumm wie Fußsoldaten, die kein in absehbarer Zeit realisierbares Ziel vor Augen hatten, über die Einöde laufen.
Am zweiten Tag hüllten sich immer noch alle in Schweigen. Ein Knoten formte sich in Yumas Magen. Wieso bin ich die Einzige, die etwas gegen die Ruhe hat? Normalerweise bin ich nicht so! Helen scheint auch aufgegeben zu haben … Yuma spähte zu der früheren Nummer zweiundzwanzig, die sich neben Deneve hielt, ein hochkonzentriertes Stirnrunzeln auf ihren Zügen. Entschlossen überholte Yuma Cynthia und Clare und watete durch den Hochschnee, bis sie auf Helens Höhe war. Die schaute sie mit gehobenen Augenbrauen an, als wollte sie fragen: Ist was?
Yuma beachtete Deneve nicht, die verfolgte, wie sich die ehemalige Nummer vierzig zu Helen beugte. Sie war sich bewusst, dass Miria sie von vorne anschaute, ein unleserlicher Ausdruck auf ihrem Gesicht. Yuma beugte sich näher zu Helen und flüsterte ihr etwas ins Ohr.
Helen grinste. „Meine Güte, Yuma. Ich hätte nicht gedacht, dass ausgerechnet du so was vorschlägst!“, sagte sie laut und hob theatralisch die Arme. „Immer die Jüngsten sind die größten Unruhestifter, eh? Die Idee hätte glatt von mir sein können!“
„W-Was?“, fragte Yuma. Sie begriff nicht ganz. Sie hatte Helen nur gefragt, wie man die Atmosphäre auflockern könnte, nichts weiter! Irgendwie hatte sie die Befürchtung, in eine von Helen im Voraus geplante Falle getappt zu sein …
Yumas Augen weiteten sich vor Horror, als Helen sich auf den Boden kniete und mit ihren Händen den pulvrigen Schnee zu einem kugeligen Wurfgeschoss formte. Deneve, die neben Helen stand, nahm einen Sicherheitsabstand ein.
„Miria!“
Yumas Augen schwollen auf die Größe von Tellern an. Helen konnte nicht wirklich -
Die Anführerin der Geister drehte sich um.
KLATSCH!
Ein Schneeball landete mit voller Wucht in Mirias Gesicht. Regungslos verharrte Miria und musterte zuerst Helen mit ihrem Captain-Blick, dann Yuma, die mit einem ungewollten Quietschen zurückwich. Tödliche Stille breitete sich aus.
„SCHNEEBALLSCHLACHT!“ In dem Moment, in dem Miria ihren Blick von Helen abwandte, feuerte Helen neue Geschosse; Tabitha, die total geschockt war, weil Helen ihren Captain erwischt hatte, bekam einen in den Magen, Clare wich aus, Cynthia wischte sich den Schnee aus den Augen und Deneve wehrte eine äußerst präzise Attacke mit ihrem Claymore ab. „JU-HU!“
Wie ein Kleinkind in seinem ersten, richtigen Winter tobte Helen durch die weiße Landschaft und sorgte dafür, dass jeder ein Schneebad bekam, der versuchte, sich außer Reichweite zu bringen. „Komm, Yuma! Zeigen wir´s ihnen!“
„H-Hä?“
Überfordert sah Yuma zu, wie die Sache eskalierte. Helen versuchte mit jeglichen Mitteln, Deneve
eine Abreibung zu verpassen, was in Form eines Wrestling-Wettbewerbs ausartete, Cynthia und Clare hielten auf Miria zu, beidhändig mit Schneebällen bewaffnet, Tabitha stellte sich wie ein lebender Schutzschild vor den Captain und Miria … Miria fing an zu lächeln. Wie ein Phantom verschwand sie, als Clare im Begriff war, sie zu erwischen, tauchte hinter ihr auf, fegte ihr die Füße weg und überschüttete sie mit einer Ladung Schnee. Unter der Mini-Lawine begraben, kämpfe Clare sich frei und schnappte nach Luft; sie tauchte gerade rechtzeitig auf, um zu sehen, wie Cynthia von Miria überrumpelt wurde. Tabitha, die ihrem Captain zurufen wollte, was sie tun konnte, um zu helfen, wurde nicht verschont. Am Schlimmsten traf es – Überraschung, Überraschung! - die Unruhestifterin, die das alles angefangen hatte. Helen, die durch ein unangenehmes Kribbeln im Nacken auf die nahende Präsenz von Miria aufmerksam wurde, versuchte verzweifelt, sich aus Deneves eisernem Griff zu befreien.
„Oi, Deneve, lass mich los!“, bettelte Helen. Miria machte zwei große Schritte auf Helen zu, ihre Arme gefüllt mit Schnee. „DENEVE!“
Yuma könnte schwören, dass ein amüsiertes, kleines Lächeln um Deneves Mundwinkel erschien, als Helen panisch zu zappeln anfing. Ihr Griff lockerte sich um keinen Millimeter.
„Verdammt, DENEVE!“
„Auf drei.“, sagte Miria.
Deneve nickte.
„Eins.“
„WAS ZUM TEUFEL IST DAS FÜR EINE VERSCHWÖRUNG?“
Helen spannte ihre Muskeln an. Vielleicht, wenn sie ganz schnell war, konnte sie Miria noch entgehen?
„Zwei.“
Deneve machte sich bereit; aus ihrer liegenden Position drehte sie sich in eine halbwegs kniende.
„Drei!“
Es passierte so schnell, dass Yuma die Bewegungen der drei Geister nicht verfolgen konnte. Deneve stieß sich ab und ließ Helen los, Helen rollte sich zur Seite und wollte losrennen, Richtung Clare, da tauchte Miria vor ihr auf, schnappte sie am Kragen und stopfte ihr den Schnee, so gut es ohne ihre Yoki-Geschwindigkeitssteigerung und Helens Gegenwehr ging, in die Rüstung.
„Gah! Miria!“ Sich um die eigene Achse drehend fischte Helen die Eisbrocken aus ihren Anziehsachen. „Das war - “
KLATSCH!
„Mhpf!“, machte Helen und spuckte den Schnee aus.
Miria stand einige Meter von ihr entfernt, total unbeeindruckt. Sie hatte alle aus ihrer Gruppe innerhalb weniger Sekunden besiegt und hatte dabei so ausgelassen ausgesehen, wie Yuma sie noch nie gesehen hatte. Und Helens Gesichtsausdruck, als Miria den Schnee in ihre Rüstung gestopft hatte … Yuma fing an zu kichern.
Das war ein Fehler. Mirias stechend scharfer Blick bohrte sich in ihren. Plötzlich wurde Yuma sich schmerzlich der Tatsache bewusst, dass sämtliche Blicke sich auf sie richteten. Als Nächstes merkte sie, dass sie die Einzige war, die noch trocken war. Helen richtete sich auf. Deneve reichte ihr von hinten einen Schneeball.
Oh-oh, war Yumas letzter Gedanke, bevor sie von einer regelrechten Armee aus Schneebällen eingedeckt wurde. Und, eine Weile später, während sie sich freischaufelte, hörte sie das Lachen von Helen, das Glucksen von Cynthia und das Kichern von Tabitha. Yuma lächelte zufrieden.

Die Stille war gebrochen.





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