.no consequences.

von Shiv
SongficRomanze, Angst / P18 Slash
All of Love / Snow Lilly Lawless / Hyde Licht Jekylland Todoroki World End / Il Dio
27.02.2017
27.02.2017
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A/N:
Ich weiß jetzt wirklich nicht, warum ich diese FF noch nicht früher hochgeladen habe, aber anscheinend hatte ich sie nach dem bearbeiten einfach vergessen. Dennoch wollte ich sie jetzt wirklich unbedingt hochladen – vor allem, da ich diese Fanfiktion nun sicher seit zwei oder drei Monaten fertiggestellt habe. Nebenbei möchte ich noch schnell erwähnen, dass ich diese Fanfiktion jemandem widmen möchte, da er einfach ein kleines Geschenk verdient hat. Finden könnt ihr ihn im Übrigen unter MattJeevas. Aber nun genug der Werbung, hier noch eine wichtige Anmerkung:
Das P18-Rating ist durch einige, recht brutale Szenen zu rechtfertigen, bei welchen ich doch lieber auf Nummer Sicher gehen wollte, um nicht gegen die Regeln von Fanfiktion.de zu verstoßen. Ich hoffe, dass ihr dies verstehen könnt. Daher rührt auch die Violence-Warnung in der Kurzbeschreibung. Zudem ist die FF wirklich nicht auf dem neusten Stand, was die Mangas  anbelangt, also habt erbarmen. xD
Empfehlen könnte ich auch, den Song dazu zu hören, den Link findet ihr hier:
No Consequences - VersaEmerge (Nightcore)
Nun wünsche ich euch jedoch erst einmal eine frohe Nach-Karnevals-Zeit und einen angenehmen Tag.

Viel Spaß beim Lesen!
Eure Shiv :3

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No Consequences




Es war einfach, viel zu einfach für den Vampir.
Er musste sich nicht an Regeln halten.
Für ihn waren sie…
Irrelevant.
Einfach irrelevant.
Wieso sollte er sich auch an Regeln halten, wenn er nicht dazu gezwungen war?
In diesem Sinne war er vollkommen frei.


Everywhere I go, no one says "no" to me
They don't, they don't dare


Die Kälte war beißend – mitten im Winter jedoch vollkommen normal. Europäische Wintertage waren wohl tatsächlich noch immer die kältesten. Es ließ sich in jenem Moment kaum abstreiten, wenn sich der Vampir auch nichts aus der Kälte machte. Sie störte ihn nicht, auch wenn sie unangenehm war und er sich gern darüber beschwert hätte.
Doch bei wem hätte er sich auch beschweren sollen, wenn er zu eben jenem Zeitpunkt doch vollkommen allein war?
So hatte all das keinen Sinn, denn an eben jenem Tag, an welchem er einmal wieder durch die Straßen schlenderte – ganz in der Nähe seines Eve – fühlte es sich beinahe an, wie an jenem Tag, an welchem er auch sie dazu gebracht hatte, sich an ihn zu binden. Dieses Spiel war einfach jedes Mal aufs Neue zu leicht. Es war jedes Mal zu simpel, nur nicht bei dem Engelchen. Licht wusste, wie man sich auflehnte und wahrscheinlich machte gerade dies ihn interessant. Er wurde nicht so schnell langweilig, konnte sich anscheinend lang genug interessant halten um doch ein wenig länger erhalten zu bleiben. All die anderen Eve wussten ja nicht einmal, was das Wort ‚nein‘ bedeutete – was es für den Vampir bedeutete. Sie konnten es zwar aussprechen, kannten aber die wahre Bedeutung dahinter nicht, denn für Lawless war ein nein bisher immer ein ja. Allein dieser Gedanke ließ ihn schließlich ebenfalls wieder an diese Schauspielerin denken, welche ihn dauerhaft nur ins Abseits geschoben hatte. Nie wollte sie ihn einbeziehen – auch wenn ihn dies wohl am Wenigsten interessierte. Alles, was sie für ihn interessant machte war, das sie Ophelia ein wenig ähnelte, mit ihrem langen, hellen Haar und den langen Kleidern. Zudem besaß sie Talent, doch dieses reichte ohnehin nicht aus. Sie war einfach nicht die gleiche – sie war nicht, was er suchte.

Everything I want to feel,
The good, the bad, always indifferent


Er suchte etwas, von dem er selbst nicht wusste, was es eigentlich sein sollte – etwas das sich anfühlte wie zu der Zeit mit Ophelia und dennoch anders. Etwas Besonderes, etwas Einzigartiges, etwas Anderes. Entscheiden konnte er sich nicht. In den meisten Fällen fühlte er doch bereits alles gleichzeitig und das – dabei war er sich vollkommen sicher – wollte er nicht länger erleben müssen. In seinem Kopf herrschte ein reines Durcheinander und es gab nichts, an dem der Vampir hätte festhalten können. Die Gedanken waren zu sehr mit dem Schein als mit dem Sein verwoben und ließen sich aus eben jenem Grund nicht einfach in kleine, vorgefertigte Schubladen stecken. Lawless, oder – wie sein Eve ihn nun benannt hatte – Hyde blieb einen Moment auf dem Gehweg stehen, ohne Rücksicht auf die Passanten zu nehmen, welche um eben jene Uhrzeit noch in der Stadt unterwegs waren. Für einen kurzen Moment schob er seine Hände in die Taschen der Jacke, welche er sich – allein der Vorsicht wegen – angezogen hatte, nur um wenige Sekunden später mit der einen Hand sein Handy aus der Tasche zu ziehen. Eigentlich wollte er nur kurz nach der Zeit sehen, diese Erinnerungen und Gedanken, welche in jenem Moment versuchten, ihn zusammen mit den alten Gefühlen zu überfallen, konnte er beim besten Willen nicht brauchen – nicht in jenem Moment, doch das Engelchen wurde noch immer von der Presse vereinnahmt und etwas dergleichen konnte einige Zeit in Anspruch nehmen. Das wusste der blonde leider viel zu gut. Somit musste er sich mit diesen verfluchten Gedanken herumschlagen, wenn er es auch nicht einmal wollte. Zu diesem Zeitpunkt konnte er auch ohne Weiteres auf diese Mischgefühle zwischen gut und schlecht verzichten. Immerhin war dies schon wieder einer dieser unpassenden Momente und dabei drehten seine Gedanken sich ausnahmsweise einmal sogar nicht um Ophelia. Nein, sie liefen in eine vollkommen andere, unerwartete Richtung, welche – seiner Meinung nach – den Gedanken eigentlich nicht einmal wert war.
Hatte er sich ihren Namen überhaupt gemerkt?

Be my muse before I walk all over you to get to the next one
You were fascinated like a fool and I…


Sie… Wie hieß sie?
Er konnte sich nicht mehr erinnern und dabei war zwischen dieser Zeit und der momentanen sicher gerade einmal ein Jahr vergangen. Dann konnte der Name dieser Frau bei weitem nicht wichtig sein. Zudem war sie anscheinend keine sonderlich große Persönlichkeit. Alles, an was er sich wirklich noch erinnerte, waren ihre Eigenarten, doch eben jene würde er wahrscheinlich niemals vergessen. Alles, was sie machte basierte einfach auf dem Wunsch, näher an diesen Schauspieler heranzukommen, weil er ihre Karriere hätte ankurbeln können. Wenn der Vampir noch einmal genauer über diese ganze Angelegenheit nachdachte, war dieses Verhalten ziemlich armselig – wenn auch nur in seinen Augen. Wäre sie eine so gute Schauspielerin, wie er es damals noch dachte, hätte sie etwas dergleichen nicht einmal benötigt. Doch all dies war nicht mehr sein Problem. Ihn ging es nichts mehr an und er konnte nicht anders als in eben jenem Moment unweigerlich zu grinsen.

Diese Frau war doch diejenige, welche ihn mitgenommen hatte. Sie war sich vollkommen bewusst, welchen Vertrag sie mit dem Vampir eingegangen war, als sie ihm einen Namen gab. Er hatte es ihr erklärt und sie hatte dennoch zugestimmt, war davon sogar beinahe begeistert. Wahrscheinlich hatte sie auch in diesem Moment nur ihre Karrierevorteile gesehen.
Doch wie hätte Lawless ihr schon helfen sollen?
Vielleicht hätte er tatsächlich einen Weg gefunden, ihr zu helfen, hätte er es denn gewollt, doch dieser Vertrag zwischen ihm und ihr war etwas vollkommen Anderes. Für sie hätte er nicht das gleiche getan, wie er einst getan hätte – hätte man es zugelassen. Bei ihr dachte er nicht einmal daran, seinen eigenen Kopf aufs Spiel zu setzen, nur damit sie bekam, was sie wollte. Nicht dieses Mal und nicht bei ihm. Dennoch musste er gestehen, dass er es unterhaltsam fand, wie auch sie in seine Falle tappte, obwohl sie glaubte, sie wäre diejenige, welche die Zügel hielt. Dabei war sie im Endeffekt auch nichts anderes als ein Sprungbrett zum nächsten Eve und zu eben jenem hatte sie ihn auch noch selbst eingeladen.
Licht, dieses Engelchen, hatte wirklich Talent – selbst wenn er ihm diese Worte noch zur aktuellen Zeit niemals ins Gesicht gesagt hätte.
Diese Schauspielerin hatte ihr eigenes Urteil in jenem Moment gesprochen, in welchem sie ihn zu eben jenem Konzert geschleppt hatte, zu welchem er eigentlich nicht gehen wollte. Im Nachhinein war es wohl doch nicht allzu schlecht, dass er keine andere Wahl hatte, außer mit ihr zu gehen. Nur für sie, sah es an jenem Abend wahrscheinlich nicht so rosig aus, wie sie es sich möglicherweise einst ausgemalt hatte.

lazily killed you


Er erinnerte sich noch genau, wie er ihr zwischen den Vorstellungen nachgestiegen war, sogar nicht einmal vor der Frauentoilette Halt machte. Noch viel zu exakt hatte er das Gefühl ihrer Haare, wie sie an jenem Abend durch seine Finger glitten, in Erinnerung. Sie rochen süßlich. Man konnte kaum noch unterscheiden, ob dieser Geruch von ihrem Shampoo oder ihrem Parfum stammte. Wenn er ehrlich sein sollte, fragte er sich ohne Zweifel, was sie in jenem Moment wohl gedacht haben musste.
Malte sie sich in Gedanken vielleicht irgendetwas aus, das er mit ihr nie getan hätte?
Dieser Gedanke war lächerlich. Selbst wenn sie sich etwas vorgestellt hätte, wäre nicht er in ihren Gedanken erschienen, doch im Endeffekt hatte sie wahrscheinlich nicht einmal die Zeit, um auch nur einen einzigen ihrer wirren Gedanken auszuführen. Dabei hatte er sie gewarnt. Er war sogar noch so frei, sie vor einem Unfall zu warnen – sie vor dem Unfall zu warnen, welcher durch seine eigenen Hände geschehen würde. Er musste sich nicht einmal anstrengen – es war so unglaublich einfach. Ein Unglück, welches er so vorteilhaft ausgelegt hatte, dass man es tatsächlich für einen simplen Unfall hätte halten können, auch wenn ihr Haar, welches sich langsam mit Blut tränkte, auch in ihm wieder Erinnerungen erweckte, welche er nicht guthieß. Ihm selbst konnte man es ohnehin nicht anhängen, denn er hatte sein nächstes Ziel immerhin bereits vor Augen. Lang wäre er somit immerhin nicht mehr in der Stadt. Es war das perfekte Verbrechen, denn selbst wenn man jemanden verdächtigt hätte, wäre einzig und allein dieser Schauspieler in Frage gekommen.

You're calling me insatiable and I can't deny
On the hunt for the irreplaceable
Impossible to find


Bisher war es nahezu jedem seiner Eve gleich ergangen, nur nicht nach dem gleichen Prinzip, nicht mit den gleichen Methoden und nach keinem besonderen Muster. Mit manchen hielt er es länger aus, wiederum andere ertrug er nur wenige Wochen – wenn nicht sogar Tage. Bei Licht jedoch, schien dies etwas vollkommen Anderes zu sein. Mit dem Engelchen konnte er auch nicht umgehen. Er ging ihm ebenfalls auf die Nerven, nahm sich sogar das Recht heraus, ihm anzudrohen, dass er ihn töten würde und dennoch waren all dies nur leere, bedeutungslose Worte, solang er es nicht einmal fertigbrachte, es auch noch durchzuführen. Doch irgendwann – das sollte ihm inzwischen wohl mehr als bewusst sein – würde auch er wie die anderen enden. Auch er würde Opfer eines Unfalls. Selbst er würde sterben – auch wenn er sich für einen Engel hielt. Lawless war derjenige, welcher nicht einfach aus dem Leben gerissen werden konnte, auch wenn dies sinnbildlich bereits geschehen war, doch darüber wollte er in jenem Augenblick auch nicht nachdenken. Wahrscheinlich mussten die anderen von ihm denken, dass er unersättlich oder nicht zufriedenzustellen war.
Doch was hatten sie alle auch anderes von der Habgier erwartet?
Dachten sie wirklich, er würde irgendwann zufrieden sein?
Mit diesem Verhalten bestrafte er sich selbst, tötete seine Eve, um sich selbst zu verletzen – bevor auch sie beginnen konnten, etwas für ihn zu bedeuten. Wissen konnte davon jedoch niemand. Er würde immer der eine bleiben, welcher einfach nicht genug haben konnte, welcher dem Wahnsinn verfallen war. Derjenige, welcher all seine Eve ohne mit der Wimper zu zucken, töten konnte – derjenige welcher noch immer nach dem einen Menschen suchte, der ihm nicht überdrüssig wurde.

Es musste jemand sein, den er selbst als unersetzlich bezeichnen konnte, doch mit diesem Wort konnte er einfach nicht leichtfertig hantieren. Er konnte es nicht verwenden, als würde es nichts bedeuten und eigentlich wollte er es auch gar nicht mehr verwenden müssen. Etwas oder jemanden, den er selbst unersetzlich fand, konnte nicht existieren, nicht mehr und wenn, dann nur ohne sein Wissen. Er war sich sicher, dass das, was er suchte vollkommen unmöglich zu finden war – wenn man es denn überhaupt finden konnte. Bei diesem Gedanken war er sich wohl am sichersten.

Should I settle for less?
You're good but I want the best


Verächtlich schnaufend steckte er sein Handy zurück in seine Jackentasche. Für einen Moment musste er einfach aufhören, nachzudenken. Er hatte das Gefühl, das ihm der Kopf bei der nächstbesten Bewegung einfach explodieren würde. Solche Kopfschmerzen hatte er schon lang nicht mehr erlebt. Inzwischen begann er sich wirklich zu fragen, was Licht so lang bei dieser verdammten Pressekonferenz machte. Irgendwann musste er immerhin fertig sein, doch noch hatte ihm weder sein Abkömmling, noch Kranz Bescheid gegeben.
Wenn er in dieser Kälte erfrieren würde, würde er zweifelsohne dieses Engelchen dafür verantwortlich machen.
Selbst wenn er im gleichen Moment wusste, dass in jenem Gedanken die Logik fehlte, dass es nicht möglich war und sterben konnte er ohnehin nicht. Wahrscheinlich sollte er seine Standards ein wenig zurückschrauben, sich mit weniger zufriedengeben, doch das konnte er nicht. Man konnte von der Habgier nicht verlangen, dass sie sich zügelte – genauso wenig, wie man von der Wollust verlangen konnte, enthaltsam zu sein. Dann könnte man auch gleich der Völlerei das Essen unterschlagen. Mit Sicherheit würde es bei ihm enden wie bei den anderen. Nein, das Engelchen war gut. Er war gut genug für den Moment, er war es für eine unschätzbare Weile wert, der Eve der Habgier zu sein. Doch auch dies konnte bei weitem nichts daran ändern, das Lawless das Beste wollte. Immer wollte er das Beste. Eben dies schien jedoch in seiner Natur zu liegen.

I want you along with the rest
I want the world with no consequences


Wenn er ehrlich sein sollte, wollte er Licht wie alle anderen auch. Für ihn war der Pianist eine Art des Zeitvertreibs, welche ihm bisher noch nicht langweilig wurde und das reichte dem Servamp vorerst aus – bis er die nächste Person entdeckte, welche seine Gier ohne weitere Probleme schüren konnte. Auch wenn er sich inzwischen nicht mehr zu einhundert Prozent sicher war, das er jemanden entdecken könnte, welcher auf eine so bestimmte Art verrückt erschien, dass er einfach nur interessant wirkte. Lawless wusste nicht inwiefern man dieses Engelchen übertreffen sollte oder konnte, doch zu eben jener Zeit sah er darin auch noch keine Hoffnung. Jedoch hatte er dies bereits bei viel zu vielen gedacht. Mit diesem Gedanken sollte er vielleicht ein wenig kürzertreten, vor allem, wenn er nicht wusste, ob diese gewisse Person, ihm nicht bereits am nächsten Tag begegnen würde. Niemals konnten sie wissen, wie schnell es wirklich vorbeisein würde, denn seine Eve erlebten auch einen Teil seiner Welt. Sie konnten selten darauf einsehen, wie diese Welt beschaffen war, doch mussten schnell begreifen, dass in dieser Welt keine Konsequenzen existierten – wahrscheinlich sogar schneller als es manchen von ihnen lieb war. Konnten sie schließlich nicht mit dieser Welt umgehen, war es nicht mehr das Problem des Vampirs, sondern nur noch ihr eigenes, persönliches. Er selbst hatte diese Welt so gewollt – er hatte sie immer ohne Konsequenzen haben wollen, denn nur dann stand es ihm endlich frei, zu tun, was er für richtig erachtete. Nur dann konnte er sich nach dem richten, was er auch selbst wollte. Erst dann musste er sich nicht mehr mit den Regeln herumschlagen, welche andere ihm auferlegten, denn in dieser eigenen, kleinen Welt existierten nur die seinen.

*


Endlich riss ihn das langersehnte Surren seines Smartphones aus den Gedanken, nach welchem der blonde beinahe schon erleichtert aufatmete. Augenblicklich sah er noch einmal auf das Display des elektronischen Gerätes und konnte dieses Mal tatsächlich eine Nachricht verzeichnen. Natürlich stammte eben jene von Rosen und nicht von Licht, doch dies hätte er sich schon beinahe denken können. Bevor das Engelchen sich dazu durchringen würde, ihm eine Nachricht zu senden, würde er sich mit Sicherheit lieber die Finger abtrennen und dies konnte er sich nun wirklich nicht erlauben – nicht bei seiner Berufung. Er würde eingehen wie ein freilebendes Tier, dem man die Freiheit raubte, nur um es hinter Gitter zu sperren. Irgendwann würde er diesen unverbesserlichen Willen verlieren, den der Vampir so sehr an ihm liebte und dann würde er – ob er es nun wollte oder nicht – uninteressant werden. Genau dies konnte wiederum Lawless sich nicht erlauben, dafür war der Pianist für den Moment einfach ein viel zu geeignetes Spielzeug. Es gab für ihn noch keinen Grund, sich ein Neues zu suchen und so konnte es seines Erachtens auch noch eine Weile bleiben. Dennoch entschloss er sich schließlich dafür, die Nachricht nicht zu beantworten, hatte sich immerhin nicht allzu weit entfernt und brauchte demnach auch gar nicht zu antworten. Aus eben jenem Grund steckte er sich das Handy schließlich auch einfach in die Jackentasche zurück und machte sich auf den Weg, sich erneut durch die Menschenmenge zu bahnen. Eigentlich war es kein Wunder, das sich die Straßen nun wieder füllten. Viele der Menschen dürften um jene Zeit von der Arbeit nach Hause kommen.

Die Hände steckte er in jenem Moment wieder in die Taschen seiner Jacke und versuchte einfach erst einmal an nichts zu denken. Für diese wenigen Minuten, welche er für den Rückweg brauchen würde, stellte dies auch tatsächlich kein sonderlich großes Problem dar. Schon von weitem konnte er einige der Pressevertreter sehen, welche sich um den Eingang des kleinen Gebäudes scharten, nur um noch einmal einen Blick auf den Starpianisten werfen zu können, ihm vielleicht noch die ein oder andere Antwort zu entlocken. Hyde jedoch, war sich vollkommen sicher, dass es auch dieses Mal so ablaufen würde, wie es das schon beim letzten Mal getan hatte. Licht würde keine Antworten geben und sollte er es doch tun, wären eben jene Antworten doch nur so beiläufig, dass die Presse ganz sicher nichts Brauchbares daraus schneidern konnte. Das musste er dem Engelchen lassen, was solche Dinge anging, war er doch ziemlich schlau – wenn er auf der anderen Seite auch naiv genug war, auf einen Vampir hereinzufallen. Doch wahrscheinlich machte ihn tatsächlich diese kindliche Naivität aus – auch wenn diese nur bei Tieren zum Vorschein kam. Unweigerlich musste der Vampir in diesem Moment auch schon wieder grinsen, während Rosen ihn ebenfalls anscheinend schon entdeckt hatte und ihm nun auch schon das Handzeichen gab, mit ihnen zu kommen. Wie es sich der Urvampir der Habgier bereits gedacht hatte, Licht machte sich an diesem Tag nicht die Mühe, noch weitere Fragen zu beantworten. Hätte Hyde eben jener Pressekonferenz tatsächlich beigewohnt, hätte er gewusst, wie sehr man den schwarzhaarigen doch mit den unmöglichsten Fragen gelöchert hatte. Daran jedoch, hatte er nicht gerade sonderlich viel Interesse. Mehr interessierte ihn das, was im Anschluss auch dieses Mal geschehen sollte, denn dafür kannte er nun auch Rosen bereits lang genug und er wusste diesen Blick zu deuten.

Kaum waren sie in den Wagen gestiegen, welcher für sie bereitstand, unterbreitete der Manager des dunkelhaarigen auch schon den Plan, welchen der Vampir hören wollte, denn dieser schlug schließlich auch schon vor, den Abend ausklingen zu lassen. Genau dies war auch der Plan des Vampirs, nur hatte eben jener ganz sicher andere Vorstellungen von einem gemütlichen Abend als der Pianist, denn eben jener hatte den Blick bereits aus Protest von dem blonden abgewendet und sah aus dem Fenster des Autos. Hin und wieder musste Lawless wahrlich gestehen, dass er sich fragte, ob es den jüngeren nicht bereits nervte, immer wieder von einem Hotel in das nächste zu reisen, doch wahrscheinlich hatte er sich daran auch einfach nur viel zu schnell gewöhnt. Er selbst hatte sich immerhin auch schon daran gewöhnt, immer den Standort zu wechseln, seine Eve auf der ganzen Welt zu suchen und zu finden. Wahrscheinlich war er derjenige, welcher sich am wenigsten von allen beschweren durfte und dennoch tat er es. Mit einem leisen Schnaufen ließ er die Autofahrt schließlich jedoch über sich ergehen und sagte nichts Weiteres, außer dass er den Plan bestätigte, welchen Rosen ihnen unterbreitet hatte – sehr zum Missfallen des selbsternannten Engels, doch gerade dies sollte ihn wohl am wenigsten stören. Lieber malte er sich schon einmal aus, was er denn anstellen könnte, um wenigstens seinen Abend schon einmal ein wenig spannender zu gestalten. Licht mussten seine Pläne immerhin nicht gefallen und das taten sie auch gewiss nicht, dies konnte er sich bereits in jenem Moment denken und dennoch musste er sich selbst eingestehen, dass er es kaum noch erwarten konnte, diese geplanten Vorhaben – welche ihn wenigstens von seinen anderen Gedanken abhalten konnten – endlich in die Tat umzusetzen. Gerade in jenem Moment jedoch, schien sich die Autofahrt um eine halbe Ewigkeit verlängert zu haben und er selbst konnte einfach nichts dagegen unternehmen, außer sich weiterhin zu langweilen und die Zeit irgendwie totzuschlagen, indem er das Engelchen musterte.

Das eben jener sich irgendwann angestarrt fühlte, war in diesem Augenblick bereits vollkommen absehbar. Nur Sekunden später wurde der Vampir bereits von einem der kalten Blicke getroffen, welche er nur allzu genau kannte und konnte auch in diesem Moment nicht anders, als einfach nur zu grinsen und den Blick schließlich abzuwenden. Er war sich sicher, dass sich der junge Pianist nun fragen musste, aus welchem Grund der Vampir eigentlich grinste und mit eben jenem Gedanken sollte er auch rechtbehalten, nur sagte der Eve in jenem Moment einfach nichts dazu, dachte sich einfach nur seinen Teil, wollte einfach nicht auf ein Gespräch mit diesem auserkorenen Teufel eingehen und dies konnte Lawless sich bereits deutlich denken. Doch seinen Plan würde er ihm bis zum bitteren Ende vorenthalten – bis zu dem Zeitpunkt, an welchem er ihn nicht mehr Geheimhalten konnte. Für ihn selbst würde dies die wahre Freude darstellen und dennoch konnte er sich nicht wirklich darüber freuen, nicht mit ganzem Herzen, doch dies brauchte er seiner Meinung nach auch nicht, wenn es ihm im Endeffekt doch nur darum ging, das Engelchen zu ärgern und noch ein wenig mehr an der Nase herumzuführen. Immerhin hatte es ja schon einmal funktioniert, anderenfalls wäre der Vertrag zwischen ihnen nie entstanden.

Drink it up and be so mad and wild
along with me till the ending


In den Augen des blonden nahm die Autofahrt schließlich einmal wieder viel zu viel Zeit in Anspruch, auch wenn er den Weg bereits kannte und genau wusste, dass er bei Weitem schlimmere und durchaus auch längere Fahrten hinter sich hatte. Als sie jedoch ankamen, schien dies endlich keine Rolle mehr zu spielen – oder zumindest brauchte es keine derart große Rolle mehr zu spielen, dass er sich darüber den Kopf zerbrechen musste. Das Zimmer, welches in der höchsten Etage des Hotels gelegen war – so, wie er es verlangte – war in jenem Moment wirklich nur noch einen Katzensprung entfernt und als endlich die Türen hinter ihm ins Schloss fielen, streckte er sich genüsslich, hatte seinem selbsternannten Engel wenigstens den Vortritt gelassen.
Sollte er doch einmal sehen, wie gut er eigentlich zu dem Pianisten war – solang er ihn noch brauchte.
Möglicherweise war dieser Gedanke falsch, doch Licht sah es immerhin nicht gerade anders. Auch wenn dies noch lang nicht bedeutete, das Worte immer und ausschließlich die Wahrheit verdeutlichen mussten. Darüber wollte er sich in diesem Moment allerdings auch keine näheren Gedanken machen, wartete lieber, bis der achtzehnjährige sich gesetzt hatte und ging anschließend auch schon auf seinen Eve zu, welcher ihn in jenem Moment argwöhnisch begutachtete. Es schien beinahe als würde er jeden Schritt genauestens unter die Lupe nehmen und versuchen, seine nächsten Bewegungen somit vorauszusagen. In jenem Moment hatte Licht jedoch nicht einmal den Versuch unternommen, darüber nachzudenken. Seine Gedanken fühlten sich immerhin noch immer ein wenig von den Pressefragen genötigt. Wahrscheinlich sogar ein wenig mehr als sie es sollten.

Allein, wenn er darüber nachdachte, welchen Fragen er sich bei diesem Mal wieder stellen musste, hätte sich ihm der Magen umdrehen können. Noch immer fragte er sich, wieso man ihn auch mit derart privaten Fragen belästigen musste, wenn diese Menschen inzwischen doch wissen sollten, dass er eben jenen nicht einmal eine Chance gab. Schlicht und einfach ging diese Menschen das Privatleben des Starpianisten nichts an und an eben jener Meinung sollte sich auch nicht mehr sonderlich viel ändern. Zudem lag es auch nicht in seinem Sinne, mit seinen jungen achtzehn Jahren bereits über das Gründen einer Familie nachzudenken. Ihn interessierte etwas dergleichen nicht – es interessierte ihn so lang nicht, bis es mit Musik oder einem Weg, seinen Vampir ruhigzustellen zu tun hatte und an eben jenem Abend hatte er – bei aller Liebe, welche er für den blonden nicht aufbringen wollte – keinen Nerv für jegliche Auseinandersetzung. Es sei denn, sie war zwingend nötig. Wobei er sich jedoch beinahe denken konnte, dass dies nicht mehr sonderlich lang dauern würde.

In der Zwischenzeit – er hatte die Augen wirklich nur für einen kurzen Moment geschlossen, um seinen pulsierenden Kopfschmerzen Einhalt zu gebieten – war sein Servamp auch schon verschwunden, doch darüber machte er sich in diesem Moment bei weitem die wenigsten Gedanken. Er hatte keine Lust mehr, sich mit diesem Kerl auseinanderzusetzen, sich überhaupt mit ihm zu beschäftigen. Am liebsten wäre es ihm, hätte sich dieser Teufel ein eigenes Zimmer gesucht, doch war es sein Manager, welcher unbedingt darauf bestehen musste, dass sie die Nächte im gleichen Zimmer verbrachten. Natürlich hatte er sie beide vorgewarnt, doch dies bedeutete noch nicht, dass sie ihm in jenem Moment auch noch Glauben schenken mussten. Wahrscheinlich war es bei Weitem mehr als nur eine Kunst, diese beiden von ihren Streitereien zu entfremden, doch schlimmer wie bei kleinen Kindern konnte es sich wohl kaum hochschaukeln – dachte zumindest Rosen. Der Manager glaubte immerhin auch noch immer daran, dass diese Methode tatsächlich helfen und etwas bewirken könnte, doch dabei sollte er wohl jedes Mal aufs Neue falschliegen und dies würde er auch ganz sicher noch irgendwann bemerken. Wenn nicht in dieser Nacht, dann in einer der darauffolgenden, doch selbst für diese Gedanken hatte der selbsternannte Engel in diesem Moment nicht die Muße.

Leicht ließ sich der junge Starpianist nach hinten, gegen die Lehne des Stuhles sinken, hielt die Augen erneut geschlossen. Das helle Leuchten der Lampe, welche über dem Tisch angebracht war, machte seine Kopfschmerzen nicht gerade angenehmer und wenn er ehrlich sein sollte, wollte er eigentlich nur noch schlafen. Eben jener Gedanke klang zudem auch noch ziemlich verlockend. Gerade jedoch, als er aufstehen wollte, wurde er auch schon wieder von zwei Händen auf den Stuhl zurückgedrückt. Doch ein wenig verwundert über die Tatsache, dass er seinem Gedanken nicht nachgehen konnte, öffnete er augenblicklich die Augen.
„Sagte Rosen nicht, dass wir den Abend ausklingen lassen sollen?“, merkte der Vampir noch im gleichen Atemzug an, bevor Licht überhaupt etwas zu dieser Situation sagen konnte.
Der blonde war zu nah – viel zu nah, in unmittelbarer Nähe seines Ohrs, als der dunkelhaarige bereits mit den Zähnen knirschte. Dennoch konnte er ihn in jenem Moment nicht zu fassen bekommen, dafür war er in jenem Augenblick einfach ein wenig zu schnell. Bevor er sich versehen konnte, saß der Vampir auch schon auf der anderen Seite des Tisches, deutete auf das Getränk, welches vor dem schwarzhaarigen mit der einen Silbersträhne stand. Mit einer leicht hochgezogenen Augenbraue musterte er die Melonensoda und wusste im ersten Moment nicht wirklich, was er eigentlich davon halten sollte. Doch auch dieses Mal kam ihm Hyde zuvor, bevor er auch nur ein Wort aussprechen konnte.
„Trink erst einmal etwas und denk an die Worte deines Managers. Wenn wir uns weiterhin Streiten, werden wir den Rest unseres Lebens in einem Zimmer verbringen müssen, auch wenn das wohl eher… Im übertragenen Sinne zutrifft.“, grinste der blonde mit den dunklen Haarspitzen.

Pray to set you free 'cause I'll give you the heart
They gave it to me


Auch diese Worte – das musste Licht deutlich zugeben – irritierten ihn ein wenig, doch auf der anderen Seite wollte er wirklich einfach nur noch schlafen und wenn dies auch bedeutete, dass er sich in dieser Nacht mit dem Sofa zufriedengeben musste. Lawless sollte ihn einfach nur in Ruhe lassen und sich selbst zur Ruhe begeben. Wo er dies genau machte, war dem Pianisten beim besten Willen egal. Klar denken konnte er durch die Kopfschmerzen und die Müdigkeit ohnehin nicht mehr wirklich und schließlich musste er dennoch zugeben, dass dieses erfrischende Getränk mehr als nur gelegen kam. Er dachte in diesem Moment nicht mehr nach – über nichts und schon gar nicht über diese fragwürdige Situation –, nahm sich das Getränk zur Hand und leerte es beinahe zur Hälfte, bevor er endlich bemerkte, dass der Nachgeschmack der Melonensoda doch ein wenig irritierend wirkte. Dennoch konnte er es gar nicht so schnell realisieren, wie der Alkohol bereits seinen Weg ins Blut des schwarzhaarigen gefunden hatte und sorgte schließlich dafür, dass sein Blick bereits leicht verwischte, wenn er den Kopf zu schnell drehte. Zudem machte ihm in jenem Moment eine recht plötzliche Wärme und dieses merkwürdige Gefühl zu schaffen, welches sich schleppend langsam in seinem Körper auszubreiten schien. Auf eine gewisse Weise war dieses Gefühl wirklich mehr als einfach nur unangenehm und er konnte bereits zu diesem Zeitpunkt einschätzen, dass er dies bei Weitem nicht öfter miterleben wollte, auch wenn er sich sicher war, es schon einmal gespürt zu haben. Trotzdem konnte er sich beim besten Willen nicht mehr an diese Situation erinnern, welche ihm so ähnlich vorkam. Auch wenn er dabei genau wusste, dass etwas nicht stimmte.

Leicht legte er sich die Hand an die Stirn und schloss noch einmal für einen Moment die Augen. Selbst vor seinem inneren Auge begann sich die Welt in jenem Moment zu drehen, was für den Pianisten eigentlich bereits schlimm genug erschien.
„Ich wusste, dass irgendetwas an deinen Gesten nicht stimmte, verdammter Teufel!“, zischte der schwarzhaarige schließlich, drückte sich den Handballen bei diesen Worten leicht gegen die Stirn.
Der Alkohol, welcher ihm untergemischt wurde – reiner, vierzigprozentiger Wodka – sorgte natürlich in jenem Augenblick auch nicht gerade dafür, dass die Kopfschmerzen des Achtzehnjährigen verschwanden. Ihn selbst wunderte dies kaum, wusste er doch genau, dass er dieses verfluchte Zeug nicht vertrug, es eigentlich in Japan auch noch gar nicht trinken durfte, dort, wo sie sich in jenem Moment aufhielten und sich aus eben jenem Grund eigentlich auch davon fernhielt. Jedoch schien der Vampir, wessen Grinsen in jenem Moment nur noch ein wenig breiter zu werden schien, sich nicht dafür zu interessieren. Für ihn war es immerhin vollkommen legitim – er durfte es immerhin auch schon seit hunderten von Jahren.
„Das es bei dir wirklich noch immer so schnell geht, Licht-tan.“, begann der Vampir nun und stand langsam auf, während er somit den Stuhl geräuschvoll von sich schob.
Die Stuhlbeine kratzten regelrecht auf dem Parkett und das Geräusch, welches dabei entstand, war mehr als einfach nur ekelhaft. Es durchdrang den Kopf des jungen Pianisten beinahe wie ein Pfeil, welcher mit genauer Präzision abgeschossen, sein Ziel nicht verfehlen sollte.

Dennoch hatten eben jene Worte des Vampirs eigentlich alles nur noch ein wenig verschlimmert. Wenn der Jüngere in diesem Moment auch keine wirkliche Wut empfand, weil er sich einfach nur noch geschaffter als zuvor fühlte, hieß dies noch lang nicht, dass er keine Antworten verlangte oder diskutieren konnte und im Raum stehen lassen, wollte er diese Worte bei Weitem nicht.
„Was willst du damit sagen oder erreichen?“
Diese Frage wurde von dem dunkelhaarigen schon beinahe drängend und dennoch mit einigem Nachdruck gestellt. Dennoch blieb er während seiner Worte noch erstaunlich ruhig, was auf den blonden Vampir doch bereits ein wenig gruselig wirkte. Dieser hatte aber, trotz des, einen Entschluss gefasst und würde sich selbst von der bedrohlich ruhigen Stimmlage des jungen Pianisten nicht aufhalten lassen. Selbst wenn er genau wusste, wie er sonst reagieren würde – oder zumindest wusste er, wie er reagieren würde, wenn er nicht betrunken war und eben jenes Stadium hatte er wahrscheinlich bereits überschritten. Dabei war sich der Servamp vollkommen sicher. Leicht stemmte er schließlich seine Hände auf den Tisch und lehnte sich zu seinem Eve herüber, wenn er auch darauf achtete, aufs erste genügend Abstand zwischen ihnen zu wahren. Selbst wenn er dem Gesicht des Starpianisten bereits ziemlich und wahrscheinlich auch gefährlich nah war.
„Ich will damit sagen, dass du vielleicht beginnen solltest zu beten, Engelchen, wenn dir das alles zu viel ist. Du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr auch ich dich manchmal hasse – du bist interessant, aber ich hasse dich!“, fuhr er seinen Eve schließlich ungewollt an, doch in eben jenem Moment wollte er auch keines der Worte zurücknehmen, welche er ausgesprochen oder wohl mehr geschrien hatte.

Lawless fühlte sich durch diese Frage an die Worte erinnert, welche Licht ihm schon einmal an den Kopf geworfen hatte.
Es sind die, die sich nicht anstrengen wollen, die sagen das ‚man eben man selbst‘ ist?
Möglicherweise lag er mit diesen Worten nicht falsch, doch sie machten die Situation ebenfalls nicht besser – für keinen der beiden. Im inneren des Vampirs brodelte die Wut auf. Er wollte den Pianisten nicht zu Wort kommen lassen, wollte den Senf, welchen er zu dieser Streiterei dazugeben wollte, nicht hören.
Wieso sollte er sich dies in jenem Moment auch antun?
Licht glaubte wahrscheinlich ohnehin, dass er noch immer keine Wünsche, Vorstellungen und Ziele hatte und vielleicht hatte er auch damit vollkommen recht. Doch eines wusste der Urvampir nur allzu genau, in diesem Moment wollte er, das der Achtzehnjährige ihm zuhörte – nur ihm allein und dieses Vorhaben würde er auch verwirklichen, egal, was es ihn kostete. All die ungesagten Worte, welche zwischen ihnen standen, mussten auch irgendwann einmal gesagt werden, selbst wenn es vielleicht feige war, diesen Zustand dazu auszunutzen. Wenigstens konnte er sich somit sicher sein, das er all die Worte am nächsten Tag einfach vergessen hatte, sie aber dennoch endlich einmal ausgesprochen wurden. Denn der Vampir wusste genau, wie schnell er doch die Fassung verlieren konnte.

Should I settle for less?
You're good but I want the best


„Weißt du, für ein Engelchen bist zu ziemlich aggressiv und ich bin mir sicher, dass du dies auch selbst weißt. Wenn man dich wirklich zu einem Engel ernannt hat, bin ich der Schöpfer aller und ich weiß genau, dass ich dies nicht bin. Hör mir einfach nur zu, verstanden?“
Wenn sich die anderen Zimmerbewohner bald beschweren würden, wäre dies immerhin nicht sein Problem, denn seine Stimme musste die Wände mit Sicherheit bereits durchdringen. Ohne auch nur genügend Platz für die Worte des anderen zu lassen, fuhr er nach diesem kurzen Gedanken auch schon fort. All das, was er ihm zu sagen hatte, klang für ihn selbst beinahe wie eine Ansprache, doch darüber wollte er sich in diesem Moment auch nicht den Kopf zerbrechen müssen.
„Du beherrschst das Piano? Wie schön für dich! Was du kannst, können viele, wenn auch nicht auf die gleiche Weise. Vielleicht haben auch nicht alle diese schlanken, langen Finger, die du besitzt und eventuell kann sich nicht jeder ausdrücken wie du, aber du bist nichts Besonderes, also nimm es hin! Wahrscheinlich denkst du dir gerade, das ich einmal einen Gang herunterschalten sollte, aber weißt du was? Das will ich gar nicht und falls du mir nicht zuhörst, ist mir das auch egal. Verkrieche dich doch in deiner Fantasiewelt und glaube weiterhin, dass du ein Engelchen bist. Von ihr hast du wirklich nichts und ich bin mir nicht einmal mehr sicher, warum ich mir dich eigentlich ausgesucht habe und warum du so naiv warst, mich auch noch anzunehmen und mir einen Namen zu geben – wie ein naives kleines Kind und ich könnte mich selbst dafür verfluchen…“
Für einen kurzen Moment hielt er inne.
…Nicht einmal das Interesse zu verspüren, dich töten zu wollen?
War das wirklich das, was er sagen wollte?

Nein, diese Worte konnten auch weiterhin unausgesprochen bleiben. Es interessierte ihn ohnehin nicht – keinen von beiden. Dieser Gedanke fühlte sich wenigstens für diesen einen Moment richtig an. Dennoch schüttelte er schließlich einfach nur schnell den Kopf und entschied sich, wenigstens auch noch all das andere herauszulassen, was ihn belastete.
„Deine Fähigkeiten sind auch schön und gut. Ja, du bist stärker als ein normaler Mensch, aber das sind auch andere Eve. Jederzeit könnte ich mir einen anderen suchen und das werde ich wahrscheinlich auch machen! Heute noch, oder morgen! Dann habe ich meine Ruhe und du auch, metertief unter der Erde, Engelchen. Das wird bestimmt spaßig, meinst du nicht auch? Wenn du wirklich ein Engel bist, dann sind deine Flügel entweder pechschwarz oder blutrot gefärbt, von blütenreinem weiß kannst auch du nur träumen, selbst wenn du auch in meinen Augen schon wie ein Engel ausgesehen hast! Du bist ein guter Eve, aber ich will den besten. Deine Gier ist nicht mit meiner zu vergleichen. Warum, verdammt, hast du also keine Angst, das ich dich töten könnte, wie ich es bei den anderen getan habe?“
Fest traf seine Faust schließlich auf das dunkle Holz der Tischplatte, bevor er aufstand und langsam um den Tisch herumging, damit er seine Hände auf die Lehne des Stuhls legen konnte. Es wunderte ihn zwar, das Licht in jenem Moment nicht einmal den Versuch unternahm, sich zu rechtfertigen, doch im Endeffekt sollte ihm auch dies vollkommen egal sein. Immerhin tat der Eve endlich einmal das, was er von ihm verlangte, somit konnte er auch fortfahren.

I want you along with the rest
I want the world with no consequences


Mit den Schultern zuckend lehnte er sich schließlich auch schon wieder zu seinem selbsternannten Engel – seinem Besitz – vor und stoppte erst direkt neben dessen Ohr.
„Gut, vielleicht hasse ich dich nicht, aber das macht dich nicht zu etwas Besonderem. Ich will dich auf genau die gleiche Weise, auf welche ich auch die anderen vor dir wollte und keiner von ihnen hat es überlebt. Diese Worte solltest du niemals vergessen, vor allem nicht, wenn du endlich begriffen hast, das in meiner Welt keine Konsequenzen existieren.“
Wenigstens bei diesen Worten hatte er seine Stimme zügeln können, wusste immerhin, was geschehen könnte, wenn er seinem Engelchen direkt in das Ohr schrie. Dennoch reagierte der dunkelhaarige einfach nicht. Sich schließlich auf den Rücken des Pianisten stützend, nahm er diesem seinen Halt und ließ seinen Kopf mit der Tischplatte kollidieren. Licht war eingeschlafen. Das konnte auch nur der Starpianist schaffen und dennoch trieb gerade eben jene Erkenntnis dem Vampir ein Lächeln ins Gesicht.

Wenn er wirklich keines seiner Worte verstanden oder gar mitbekommen hatte, konnte es ihm selbst ebenfalls nur gelegen kommen. Somit brauchte er sich nur noch weniger Gedanken darüber zu machen, ob sich der Starpianist am nächsten Tag auch bloß nicht erinnerte. Selbst wenn er gestehen musste, dass er sich nach diesen Worten ein wenig freier fühlte, auch wenn er dennoch bereute, anscheinend doch zu viel der hochprozentigen Spirituose in das Getränk gemischt zu haben. Diese ganzen Worte hätten sicher mehr Spaß gemacht, wären sie auch bei dem Jüngeren angekommen, doch er wollte sich auch nicht darüber beschweren, dass er sein Vorhaben endlich in die Tat umgesetzt hatte. Ob Licht es gehört hatte, wurde von einer Sekunde auf die andere vollkommen nebensächlich. Ein leichtes Murren, welches ihm schließlich doch nur bestätigte, das Licht noch lebte, ertönte.

Sich endlich von dem jungen Pianisten lösend, ging der Vampir schließlich auf die Tür zu, welchen den Wohnbereich des Hotelzimmers von dem Schlafzimmer abschnitt. Seine Schritte waren langsam. Er würde ihn einfach dort liegen lassen und sich in dieser Nacht einen angenehmen Schlaf im Bett des anderen gönnen. Für den blonden Brillenträger war dies wirklich die angemessene Strafe für die Behandlung, welche der Engel ihm zukommen ließ. Ein Entschluss stand für ihn jedoch nach diesen Worten fest, welche er dem anderen endlich entgegenbringen konnte.

Er brauchte das Engelchen ganz sicher nicht, doch würde Licht einfach verschwinden – von einer Sekunde auf die andere – durch die Hand eines Anderen, konnte er auch nicht leugnen, dass er mit eben jenem Fall nicht einverstanden wäre.
Er selbst würde es jedoch noch ein wenig herauszögern.
Ein paar Tage – Wochen – Monate…
Wer konnte dies schon genau sagen?
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