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Das Buch - Eine neue Erzählung

von Amistad
GeschichteAbenteuer, Drama / P12
Nscho-Tschi OC (Own Character) Old Shatterhand Sam Hawkens Winnetou
26.02.2017
12.03.2017
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19.680
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26.02.2017 9.875
 
Verehrte Leser und Mitautoren,

Verehrte Schwarzleser und Kommentatoren,

Verehrte Kritiker und Kapitelverfolger,

ich bewege mich mit dieser Storyline auf Neuland. Seit drei Monaten Grüble ich an dem Konzept um es zum einen schlüssig und zum anderen nicht zu aus der Luft gegriffen zu verfassen und dem Leser die Möglichkeit zu geben, sich ein logisch verfolgbares Bild zu zeichnen. Logik ist hier wohl nicht immer ganz zutreffend.

Hiernach versuche ich mich auch an der Geschichte, in ihrer gänzlich ehrlichen Brutalität zu orientieren. Da Geschichte nicht schöngeredet werden kann, will ich hier keine Empfehlung zur Altersbeschränkung einbeziehen, an die sich voraussichtlich eher keiner halten wird. Wer liest, der liest. Punkt!

Zur schlüssigen Rahmengeschichte sei so viel oder so wenig gesagt, dass die Bücher und der Fernsehdreiteiler aus dem vergangenen Weihnachtsprogramm den Grundstein bilden, der uns helfen soll, letztlich unsere Hauptprotagonisten zu erkennen. Wer sie nicht erkennt, auch nicht tragisch, im zweiten Buch, also nachdem dieses hier abgeschlossen ist, werde ich den Schleier Heben, den Nebel lichten und was mir sonst noch für schöne Umschreibungen aus der Literatur einfallen.

W ist Nik Xhelilaj, OS bevorzuge ich persönlich Alexander Barker. Da ist einfach mehr Mann dran. Wenn ich allerdings, einen vergeistigten, edel, von allen schlechten Gedanken und Taten unberührten edlen Gesellen wünschte, nehme ich gerne Piere Brice. - Dem ist, sei es der Macht, dem Großen Geist und der standhaften Unlogik geklagt und getrommelt, nicht so . -
Gerne werde ich versuchen, so viel oder vielmehr so wenig zu beschreiben, damit ich Euch, werte Angesprochenen und die Einleitung Überlesenden – völlig verwirrt im Raum stehen lasse und Euch zumindest so viele mikroskopisch kleine Bröckchen hinwerfe, um einige Fragenzeichen aufzulösen.

Fragen werde ich generell nicht beantworten. Fragen indes könnt Ihr alles … Seht in mir das Orakel von Delphi und ich verheiße Euch eine interessante Geschichte. Leider sprechen Orakel immer in Rätzel.

Spekuliert, wenn Ihr mögt, flucht, wenn Ihr müsst und wettert, wenn ich nach einer Woche nicht mit einem Update zu Diensten sein kann. Die Geschichte ist nicht ganz unkompliziert. Und dann ist da die leidige Recherche und die Sprache und der Kulturenmischmasch.

Apropos, eine Geschichte kann nicht auf Euch lauern und ohne die Person,  im Hintergrund leben, die einen auf Macken hinweist, die man als Schreiber nicht erkennt. Ich kenne die Geschichte – ohne Frage (traurig, wenn nicht), oder besser, die Geschichte, soweit ich sie fertig habe. Im Kopf.
Sobald ich vor der Tastatur sitze und sie gnadenlos behacke, bekomme ich meistens noch einen kleinen Drall und der Ball geht in ein anderes Ziel, als ich es eigentlich vorhatte.

Ich will diese Autorin, die mich zum einen auf dem Boden der Tatsache hält und Euch, Ihr, die Angesprochenen, nicht kurz vor Fahnenflucht und der Ersten Allgemeinen Fassungslosigkeit steht, Reißaus nehmt, weil nichts mehr verständlich scheint, zumindest insofern Erklärungen abgebe, wo sie auch angebracht sind.

Verehrte Autorin Amniwin, ich weiß, dass ich Dir mit diesen Konvolut und Deiner begrenzt zur Verfügung stehenden Zeit, sehr viel antue. Besonders, da auch Du nicht mehr weißt, als alle jene, die diese Story anklicken und den Mut haben, sich hierauf zu stürzen und mitten ins Unbekannte Abzustürzen. Bevor oder nachdem, sie sich aus Frust oder Verwirrung irgendetwas in sich hineinstürzen. Gestatt mir diese kleine Wortverklausulierung. Ich liebe dieses Spiel.
Das ich mit allen Traditionen breche, die ungeschrieben irgendwo verfasst worden sind, über die zwar jeder Bescheid weiß, und niemand weiß, wo sie versteckt sind.

Du bist diejenige, die meine Bröckchen nimmt, und sie mir zurück wirft und sagt: „Schau Dir das noch einmal an.“ Und ich schaue es mir noch einmal an und verbringe Stunden, um dem Leser die Brocken etwas netter anzubieten, bevor sie vor mir ausgespuckt werden, wegen Unverdaulichkeit.

Amniwin, ich weiß, dass ich mich bereits bei Dir bedankte. Jetzt will ich das hier gerne in aller Öffentlichkeit tun. Ich sehe meine Fehler nicht. Der Schreiber ist gerne blind für seine Fehler. Daher ist eine erfahrene Autorin, die weiß, auf was zu achten ist, wann und wo, richtig, wichtig und keineswegs nichtig.

Genug der wenigen zu vielen Worte als Einführung – es wird auch das einzige Mal sein, es sei denn, die Situation erfordert es – und hier, das erste Buch …

Es war einmal vor langer Zeit … in einer weit … weit … entfernten … (Nein, keine Galaxis …)

Das Buch der Verwirrung

Seine ersten Wahrnehmungen, war das Erkennen von Laute, die nicht zu seiner bekannten und gewohnten Umgebung passten.

Ein Murmeln in einer Sprachintonation, die er nicht kannte. Tiefe und hart ausgestoßene Betonungen und dann das weichere Gegenstück. Etwas höher. Weiblich. Er liebte diese Stimme in genau diesem Moment, in der sie seine bewusste Barriere durchbrach, bis er wieder in die Dunkelheit weg dämmerte.

Ein anderes Mal hörte er entferntes Klopfen, rhythmisch. Keine Trommeln. Es klang metallisch hell, wie kleine nachhallende Glocken, wenn er sich nicht sich irrte. War er in einer Stadt der Weißen? War eine Kirche in der Nähe? Moment, lächelte er jetzt? Ihm war nicht bewusst, dass er irgendeinen d Muskel beherrschte. Alles fühlte sich hart und gefühllos an, als sei er nur Gast in seinem eigenen Körper. Eine unbewegliche Hülle, die jede Bewegung im Kern unterband. Keine Fesseln. Es war schlicht unmöglich, sich aus der Haut zu befreien, die sich eng um herum legte und verschloss. Eingeschlossen und von seiner Umwelt ausschlossen. Vielleicht irrte er auch hier - wenn er sich nicht irrte. Die Redeart gehörte einem anderen Menschen, die häufig Verwendung fand. Nicht ihm. Dann wurde es wieder dunkel um ihn herum. Ein Grund zu Lächeln, hatte er wahrlich nicht. Wenn er es überhaupt tat ...

Zwischendurch stets Berührungen. Sie waren ihm nicht unangenehm. Viel dagegen unternehmen konnte er nicht. Warum sich also Sträuben ... Er wurde gewaschen. Das Wasser war immer warm. Ein Schwamm berührte seine Haut. Wasser, war die erste Empfindung, die sich nach und nach in seine neue Welt hineinstahl. Dann der Duft. Er roch Heidekraut und Minze. Seine Haut wurde eingerieben. Zwei paar Hände, die ständig in sein bewusstes Denken einbrachen. Sie wuschen ihn, rieben sie ihn ein, säuberten seine Notdurft und verbanden ihn. Letzteres konnte er nur vermuten. Er spürte etwas. Es war ihm nur gänzlich unmöglich, diese Tätigkeit auf irgendeine Körperregion einzugrenzen.

Wenn es wieder einmal dunkel wurde, verspürte er keine Furcht. Irgendwann erwachte er wieder. Neue Stimmen. Ein Mann, ein Tsalagi, ein Muskogee. Hier?

Wo war nun hier? War er noch weit oben im Norden oder hat man ihn in einen anderen Staat fortgetragen? War er in den USA oder doch in Kanada? Die Muskogee lebten weit unten im Südosten. Warum war er hier? Was hat er hier bei ihm zu suchen? Die Apachi und Muskogee waren keine Nachbarn. Sie teilten sich kein Wild, kein Land und pflegten auch keine losen Bündnisse. Seine Anwesenheit verwirrte ihn. Er hörte ihn sagen: "Er wird stärker. Bald wird der Häuptling hier her zurückkehren." Auf Englisch mit einem melodischen Akzent. Jemand, der regelmäßig die Sprache der Weißen nutzte. Sie lud ihm ein, Vertrauen zu haben. Ein sehr tiefer und alter stimmlicher Singsang. Eine Stimme, die einem Mann gehörte, die das Leben mit allen guten Seiten und ihren Schrecklichkeiten erlebte, die er in seiner Intonation mittrug. Dann die Stimme mit dem harten Laut, die sagte: "Geben wir ihm die Zeit, die er braucht. Er entscheidet, wann es Zeit ist." Die Sprache, englisch, die Stimme, sehr tief, raunend. Wie weicher, trockener Sand der über glatten, harten Fels wehte. Knurrte er? War da in der Stimme ein Knurren oder nur sehr rau? War es ein Tier, das sprach, in Menschengestallt? Eine große Katze? Welche Wesen schickte ihm der Große Geist zu seiner Rettung? Andere Frage: Wurde er gerettet oder war das hier nur ein verlängerter Tod?

Dann eine Hand, die er nicht kannte. Sehr groß und kräftig, die sich auf seine Stirn legte. Dann auf seine Brust. Die desselben Mannes oder Tier/Mannes? Sie war sehr groß. Größer als seine. Behandschuht. Er zuckte kurz zusammen. Er konnte die Regung nicht unterdrücken. Sein Körper, der Verräter.

"Hab keine Angst", sprach die Stimme des Mannes, der ein Tier sein könnte, mochte, zu ihm. "Bitte hab keine Angst." In diesem Moment war der Apachi bereit der Stimme alles zu glauben. Gleich ob Mann oder Tier oder beides zum selben Zeitpunkt, ein Diener des großen Geistes, dass zu seiner Rettung gekommen war. Die Worte trugen eine Aufrichtigkeit, wie er sie seit sehr langer Zeit nicht mehr ... nein, diesen Gedanken wollte er nicht zu Ende denken. Zu lange war es her, seit er ebendieses Wesen in einem Menschen erlebt hatte, welches nicht von seinem Volk war.

Kein bekannter Mann gab ihm zuletzt diese Sicherheit, diese Ruhe und diese Gewissheit, dass - gleich wo er auch immer war - ganz gleich, was auch immer passiert ist, war oder noch kann - hier der sicherste Ort war, an dem er sich in seinem Leben aufhalten konnte. Niemand wollte und würde ihm etwas tun. Es war sehr lange her ... so lange her ...

Die Stimme des Muskogee hörte er danach nicht mehr. Noch zu müde, die Augen zu öffnen, verließ er sich auf seine Ohren. Seine Nase. Seine Zunge. Und immer wieder das metallisch, helle Klopfen und schlagen. Wie er jetzt erkannte, wie ein Code. Als sprächen hier die Menschen über das rhythmische Klopfen miteinander.

Und dann, neue Gerüche, die verbrannt und gleichzeitig aromatisch Düfte, seine Nase überfielen. Auch das gehörte nicht in seine Welt. Nicht zu der des roten oder weißen Mannes. Er wollte gerne endlich erwachen um seine unbekannte Welt zu erkennen. Doch nein, sein Körper konnte ihm diesen Gefallen nicht erweisen. Einfach zu müde. Dann kam der Schmerz.

Völlig unvorbereitet, heftig, allumfassen brach es in die Sicherheit, seines dunklen Rückzugsortes, ein und vergiftete die Welt, die ihm seit seiner Zeit des bewussten Wahrnehmens, am nächsten war. Wenn dies sein Erwachen sein sollte, wünschte er augenblicklich, in die Dunkelheit zurück zu kehren. Er bekam keine Luft mehr. Sein Körper, das Gefängnis, wollte die Ketten abstreifen und ließ den Menschen in einer Welt des Grauens zurück.

Die Stimme des Mann/Tier/Katze/Menschen war im nu da. Gab ihm Halt. Versicherte ihm, dass er ihm helfen würde, dass die Schmerzen bald vorbei wären. Und er glaubte ihm. Sein Kopf wurde mit einer fast zärtlichen Vorsichtigkeit angehoben. Als sei er ein Kind in der Obhut seiner Eltern.

Er bat ihn, zu trinken. Ein kleines Gefäß legte der Tier/Mann an seine Lippen, kein raues Tongeschirr. Sondern fein und glatt mit kleinen Rillen und Bögen auf der Oberfläche.

Und er trank. Im ersten Moment erschrak er. Ein Geschmack, den er nicht kannte. Was wollte man ihm antun?

"Ruhig. Es ist Tee", versicherte ihm der Tier/Mann im ruhigen, bekannten Ton. "Es nimmt Euch die Schmerzen. Bald geht es Euch besser. Das verspreche ich!"

Er trank. Der Geschmack - sehr bitter. Ekelerregend. Der Schmerz klang langsam ab, bis nur noch ein dumpfes Klopfen an das Verbrennen erinnerte, die Momente vorher, noch sein Denken ausfüllte. Nein, er war noch nicht bereit, sich mit Schmerzen auseinander zu setzen. Dafür war weder sein Geist bereit noch seine Seele in der Lage auch noch mit dieser Situation fertig zu werden.

Der Tier/Mann setze sich zu ihm auf sein Lager. Er spürte, wie der Körper neben ihm auf der Matratze einsank. Er war schwer. War er auch groß? Er hörte ein Ächzen, als ob ihm dieser Akt Probleme bereitete. Die Hand legte sich wieder auf seine Stirn. Diesmal kein Handschuh. Die Haut auf seiner Haut war rau, doch angenehm warm. Er spürte Muskeln und Sehnen. Die Hand eines hart arbeitenden Menschen? Oder ... nein ... die Haut fühlte sich kaputt an.

"Ich bleibe noch einen Moment bei Euch", erklärte der Tier/Mann. "Ich bitte um Vergebung, dass ich die Zeichen nicht erkannte. Der Schmerz sollte Euch erspart bleiben. Ich werde jetzt mit mehr Sorgfalt Acht geben." Er hörte, wie etwas eingegossen wurde. Es hörte sich anders an. Irgendwie weicher. Wie weiches Wasser, das in weiches oder glattes Gefäß einfloss. Wieder hob man seinen Kopf etwas an. Tee wurde ihm gereicht. Und wieder trank er.

Sein Kopf sank zurück in das Kissen. Er seufzte erleichtert. Kein Schmerz mehr. Nur Müdigkeit. In seinem Mund breitete sich ein pelziger Geschmack aus, der ihn in seine Dunkelheit begleitete. Der Tee und er werden keine guten Gefährten, gleich ob er ihm Linderung brachte, oder lediglich seinen Durst stillte.

"Schlaft", raunte der Tier/Mann. "Der Körper will heilen. - Willkommen im Leben, Häuptling Winnetou." Und der Apachi schlief wieder ein.

Der Tee nahm ihm die Fähigkeit, sich seiner Außenwelt zu stellen. Betäubte seine Sinne und ließ ihn schlafen. Seine kurzen, wachen Phasen wurden durch einen milderen Schmerz begleitet. Keine Frage, dass sie ungleich heftiger sein mussten, wenn man ihm nicht den Tee anbot. Oft war es der Tier/Mann, der unentwegt abwesend schien. Er erkannte stets die sanfte Stimme der Frau, in die er sich im ersten Moment verliebte. Sie trug den Namen "Izanami". Kein indianischer Name, gleich von welchem Stamm. Unter den Weißen war ihm nie ein solcher zu Ohren gekommen. Ein unbekannter indianischer Stamm? War er noch hoch oben im Norden? Vielleicht auch chinesisch? Er kannte einige Wenige des gelben Volkes. Ob deutsch, stellte sich erst nicht. Die deutsche Kultur war ihm aus früheren Tagen, keine Unbekannte. Dieser Name gehörte dort nicht hin. Die Frage war nicht zu beantworten. So viele Fragen.

Winnetou war verwirrt. Und immer wieder der Tee. - Dann ein unscheinbarer Wechsel von dem Tee, der ihm die Sinne raubte, zu einem, der seine Wachphasen verlängerte, ihn gar aufforderte - verdammt noch einmal - endlich den Hintern zusammen zu kneifen und sich der Welt zu stellen, die ihn mit ihren hellen Schlägen auf Metall, den Stimmen, der Sprache - die noch unerkannter war - als der Name "Izanami", und den Gerüchen, überfiel und lockte und seine Neugier entfachte.

Bin ich neugierig?

Sein erstes gesprochenes Wort war: "Tee." Er erschrak. Erkannte seine eigene Stimme nicht mehr. Rau und kratzig, wie schlecht gepflegtes Leder auf sehr empfindlicher Haut. Das bin nicht ich, dachte er und wünschte sofort wieder weg zu dämmern. Überraschung - Seine Sinne entwickelten ein Eigenleben und irgend neugieriger Parasit forderte ihn auf, endlich neugierig seine Fühler in diese Welt auszustrecken und etwas zu erkunden.

Eine Hand legte sich in seinen Nacken, hob etwas seinen Kopf und nach einem alten Ritual legte man eine Schale an seine Lippen und er trank. Es war der andere Tee. Nicht der, der ihm die Sinne stahl. Er schmeckte säuerlich, belebend, als atmete der Tee. Schmeckte sehr gut und er wollte mehr. Er hatte Durst. Unendlichen Durst. Einen großen Becher Tee, verlangten seine Sinne. Mehr und ... Hunger. Er verspürte einen Hunger in seinen Eingeweiden, der seine Eingeweide zusammenzog. War er doch unter Feinden. Wollten sie ihn verhungern lassen und dabei zusehen, wie lange es dauert?

Das Ritual der Schale wurde wiederholt. Mit einem Unterschied, er wollte die Schale selbst in die Hand nehmen. Versuche seinen Arm zu heben ... erfolglos. Dann seine Hand ... keine Reaktion. Schlussendlich, einen Finger ... es kam nichts. Frustration, Wut, Zorn .... er wollte ... er wollte ... ja war wollte er eigentlich?

Sein Schrei ähnelte einem Husten, von einem sehr heiseren Dachs. Der Vergleich hinkte, stolperte und schlug sich beim Aufprall die Zähne aus.

Sein Kopf fiel abrupt ins Kissen. Schritte schnellten von ihm weg, aus seinem "hier" fort, und kehrte mit mehreren anderen Schritten zurück. Ein Paar hörte sich fremdartig an: Klack - chrrrt - Klack - chrrrt - Klack - chrrrt .... schnell - nicht so schnell wie die der anderen.

Er machte zwei neue Personen aus. Es wurde kein Wort gesprochen. Die Decke über ihm schlug man zurück. Seine Haut setzte man der kühlen Luft aus. Ein Schauer überkam ihn.

Die Decke - sofort, verlangte er. Nichts geschah. Vielleicht wäre ihm geholfen, wenn er es nicht nur dachte, sondern etwas sagte. Leider brachte er wieder kein Ton heraus, so sehr er sich abmühte. Seine Stimme wollte außer dem "Tee" zuvor nichts mehr von Mitarbeit wissen und ließ ihn hilflos zurück. Zwischenzeitlich berührten ihn Frauenhände. Herrlich weiche Frauenhände. Tasteten ihn ab, begannen oben am Kopf, zogen seine Lider zurück - ohne dass er nicht mehr ausmachen konnte als vage Schemen - zu seinem Hals, seinen Schultern, Brust, Achseln und sehr gewissenhaft, sein Leib. Der Erfolg salutierte zum Apell.

"Heilerin Junko-san...", machte die Stimme aus seinen Träumen auf sich aufmerksam. Oder eher, sie machte sie angesprochene Heilerin auf "etwas" aufmerksam. Wären seine Augen geöffnet, wäre ihm seiner Beobachtung nicht entgangen, dass die junge Frau, eine sehr junge Frau, kaum eine junge Frau, eher noch ein halbes Kind, auf etwas zeigte. Die Heilerin - ihm völlig unbekannt - schlug die Decke noch etwas weiter zurück, bis zu seinen Oberschenkeln. Kühle Luft die ihn noch etwas mehr streckte. Ach, tut das gut. Seine Muskeln prickelten angenehm.

Ein rumpelndes, grollendes Lachen intonierte. Der Tier/Mann, wie er erkannte. Er sagte: "Nun, wenn es steht, dann lebt er." Wieder das angenehme Lachen. "Das Leben kehrt jetzt sehr schnell wieder zurück."

"Und was machen wir damit?" Die Stimme einer Frau. Er war sich sicher, sie so oft gehört zu haben, dass er sie unter hunderten, unter tausenden wiedererkannt hätte. Leider wollte ihm nicht in den Sinn kommen, wann und zu welchen Gelegenheiten ... frustrierend. Und er hatte Hunger und Durst und dann diese neue Empfindung, die durch die Luft noch angefacht worden ist ... Lust.

"Nichts", erklärte der Tier/Mann mit einem grollenden Lachen in der Stimme. "Das erledigt sich von selbst."

"Das weißt Du sicher?" Die Stimme der Heilerin. Aus ihrer Stimme hörte er so etwas wie Unterschwelligen ... ja was eigentlich? Humor? Sarkasmus? Neckerei? Alles auf einmal? Nichts davon? Er war verwirrt. Einfach nur noch verwirrt.

"Passiert mir auch manchmal. - Glaub mir. Was steht kommt auch irgendwann wieder herunter." Und immer wieder dieses grollende Lachen. Er mochte diese Stimme.

"Ach ja?" fragte sie zweifelnd. "Vorsicht, der ausgewiesene Experte spricht." Spott und Neckerei, eindeutig! "Ich sollte Dich häufiger um Rat fragen, später kannst Du im Tempel der Heilkunst meine Arbeit erledigen." Sie lachte und legte wieder die Decke über seinen Körper.

"Nun", gab der Tier/Mann zu bedenken, "Ich denke doch, dass ich Dir etwas an Erfahrungen voraushaben sollte." Verschwörerisch beugte er sich zu ihr herab. "Ich bin ein Mann.- Ich sollte es wissen."

Winnetou sog scharf die Luft ein, als die Decke mit seinem hochstehenden Schwanz in Berührung kam und sich im gleichen Moment entlud.

"Siehst Du", erklärte der Tier/Mann, "Es erledigt sich immer von selbst."

"Klugscheißer", erklärte die Heilerin mit der bekannten/unbekannten Stimme. Da war dieser Akzent. Er kannte ihn nicht. Konnte ihn nicht einordnen. Er war frustriert. Und hungrig und dann der Durst, der ihn umbrachte. "Und wie oft hast Du in den letzten Jahren von diesen "Erfahrungen" gebrauch gemacht?"

Schweigen ... längeres Schweigen ... ganz langes Schweigen ... und dann ... wie aus dem Zusammenhang gerissen ...

"Izanami-kun", rief der Tier/Mann. "Reich ihm noch etwas Tee. Wenn er es selber versuchen will, dann lass ihn."

"Er wird alles verschütten", erklärte das Frau/Mädchen, die - jetzt wo er etwas mehr als nur einen Sinn sein Eigen nannte - zu einer Mädchen/Mädchen/Frau wurde. Seine Verliebtheit nahm schlagartig ab. Er war weit jenseits, sich einen jungen Mann zu nennen. Und jetzt fühlte er sich wie ein sehr alter, hungriger, durstiger Mann, der keinen Finger rühren konnte um die Teeschale anzunehmen. Er war frustriert.

"Dann lass ihn das Bett verdrecken", forderte er ruhig. "Es kann alles gesäubert werden."

Es folgte ein schnelles, pflichtschuldiges: "Hai, Tadashi-san!"

Tee wurde in eine Schale gegossen ... eine kleine Hand half, seine rechte Hand unter der Decke hochzunehmen und legte die Schale an seine Finger. "Mögt Ihr Eure Schale nehmen, Häuptling Winnetou-san?" Sie wartete und was bedeutete "san"? Er versuchte seine Finger zu bewegen. Er wurde bescheiden, einen Finger.

"Du kannst ihn etwas unterstützen, Izanami-kun." Die Stimme schwang wieder mit dem rumpelnden Lachen. "Er beißt nicht." Was auch immer geschah, das rumpelnde, grollende Lachen übertrug sich auf die andere Stimme, die der Heilerin, die sagte: "Und wenn doch, mache es wie ich - beiß zurück!"

Der Tier/Mann musste sich etwas vor den Mund gehalten haben. Sein lautes Grollen hörte sich dumpf in seinen Ohren an.

"Und jetzt geh beiseite. Ich will nach seinen Beinen sehen." Es hörte sich an, als schlüge ihr Arm gegen einen Körper. Einem recht massiven, großen Körper. War sie wirklich eine Heilerin? Ihm kamen leise Zweifel auf. Der Tier/Mann gab ein luftleeres: "Uff", von sich. Arm traf auf Leib. Leib fühlte sich von dieser Behandlung nicht sehr angetan. "Brutales Weibsbild", beschwerte sich der Tier/Mann.

"Dann geh und stör nicht." Diese Interaktion klang so normal, als tauschten zwei Menschen sich an einem Bach aus, während jeder seiner Arbeit nachging, die sich sehr lange und sehr gut kannten. Mit dem Unterschied, alles drehte sich um ihn, ohne das er sich daran beteiligen konnte. Ein Ding in einer unbekannten Umgebung, unbeweglich und starr. Eine sehr unbefriedigende Situation. Einzig und allein dieser streitbare Disput zwischen den beiden war fast - komisch ...

Klack - chrrrt ... hörte er. Der Tier/Mann wollte sich wohl nicht mit der Heilerin anlegen und tat, wie sie es verlangte.

Währenddessen legte Izanami, mit zarter Gewalt, seine steifen Finger um das Gefäß. Glatt und zart mit Rillen und Bögen auf der Oberfläche, und half ihm mit leicht erhöhten Kopf wieder seinen Tee zu trinken. Welch Wohltat. Gerne wollte er Danken ... er schaffte es wieder keinen Laut außer ein heiseres Krächzen hervor zu bringen. Sehr frustrierend. Im gleichen Moment grollten seine Eingeweide lautstark. Damit war auch der Tatbestand seines Hungers geklärt. Izanami-kun stellte die Schale ab und eilte davon.

Die Decke wurde von seinen Beinen geschlagen, der kühle Lufthauch blieb diesmal aus. Hände griffen nach dem ersten Knie. Er spürte keine Haut, auch keine Haut auf Haut. Es war, als seien seine Beine von den Knien an eingepackt? Waren sie gewickelt? War was mit seinen Beinen? Er versuchte sie zu bewegen. Nicht einmal ein Zeh wollte sich rühren. Er war frustriert - wieder einmal oder immer noch - , nicht panisch involviert. Wenn sich seine Hände, bzw. Finger nicht bewegen wollte, konnte er kaum mehr von seinen Beinen verlangen. Sein Körper war einfach nicht bereit, auch nur die kleinste Kleinigkeit mit ihm anstellen zu wollen oder gar den kleinsten Wunsch zu erfüllen. Wie die Bewegung eines Fingers ... war auch zu viel verlangt.

Was folgte, schien vage bekannt. Seine Beine wurden von den Lagen "Verbände?" befreit. Er spürte nur dumpf etwas. Als seien sie taub oder betäubt. Keine Schmerzen - oder besser - noch nicht. Seine Haut wurde eingerieben, neuer Verband an beiden Beinen und die Decke darüber. Wenn der Hunger nicht wäre, er wollte sofort wieder schlafen.

Schnelle Schritte folgten, wie auf Ansage. Ein schmaler, sehr leichter Körper setzte sich nahe bei ihm, an seiner Hüfte, auf sein Lager und sagte: "Häuptling Winnetou-san, ich habe etwas Suppe für Euch. Ihr werdet mir große Ehre erweisen, wenn ich sie Euch reichen darf." Sie wartete auf Zustimmung.

"Izanami-kun, er kann noch nicht sprechen." Die resolute Heilerin. "Auf was willst Du warten? Gib sie ihm."

Wieder dieses schnelle, pflichtschuldige: "Hai, Heilerin Junko-san!" Gleichzeitig war sie wie von einer Klapperschlange gebissen aufgesprungen. Dann kehrte sie an seine Seite zurück.

Löffel für Löffel wurde ihm gereicht. Warme, keine heiße Suppe, sehr dick und sämig. Der Geschmack war mit nichts zu vergleichen, was er kannte, wie so vieles hier ihm unbekannt war. Kein Fleisch, keine Gemüsestückchen. Nur diese breiige Suppe. Er spürte noch kurz, wie sich in der Körpermitte wieder etwas bewegte, beim Versuch sich zu strecken, zogen seine Muskeln. Es folgte ein kurzer, scharfer Schmerz, der durch seinen ganzen Körper ging, er ergoss sich abermals und schlief ein. Keinen Hunger mehr, egal welchen er meinte. Von weit her, hörte er etwas, wie: "Mach ihn bitte gleich sauber."

Der Körper machte, was er wollte, ohne Rücksicht auf das Wohl und Weh des eigentlichen Eigentümers.

"Hai, Heilerin Junko-san!" Danach kehrte sein Geist wieder in die Dunkelheit zurück. Als er wieder erwachte - sein Zeitgefühl und alles, was ihn daran band, war dahin - öffnete er seinen Augen selbstständig einen winzigen Spalt und es kostete ihn eine ungeheure Kraft, dass sie ihm wieder zufielen. Wie lange mag es gedauert habe, bis zum nächsten Versuch und den darauffolgenden und den danach, bis er endlich in der Lage war, einen Schemen neben seinem Lager zu erkennen.

Nur eine Lampe schien sanft und war vor seinen Augen abgeschirmt. Die Gestalt saß in einem großen Sessel. Ähnlich derer, wie sie in den feinen Hotels in St. Louis in der Lobby standen. War es Ledern? Zumindest dunkel und die Gestalt füllte ihn fast vollständig aus. Er war groß und über und über in weiten Tüchern gehüllt, die an ihm bis zum Boden, wie Wasser, herabflossen. Er kannte die Farbe von irgendwoher. Irgendwo in der Vergangenheit, versteckte sich das Wissen darüber. Es war sehr lange her und in seiner ihm bekannten Welt, war diese Farbe nicht üblich. Ein Blau. Strahlend und dunkel. Über seinem Kopf lag eine weite Kapuze, die sein Gesicht vollständig verbarg. Auf seinem Schoß lag ein Buch. Seine Hände, behandschuht. In diesem Moment blätterte er eine Seite um. Wirkte gänzlich vertieft. Welches Buch las er? Kenne ich es?

War es der Tier/Mann? Ja, vielleicht. Er beobachtete ihn, versuchte, so viel wie möglich von ihm aufzunehmen. Die Finger einer Hand lagen an seiner Stirn und stützen seinen Kopf. Ab und an langte er nach dem Tee, auf seiner Armlehne. Die andere, blätterte die Seiten in seinem Buch um. Das Buch lag nicht in seinem Schoß, eher auf seinem linken Bein. Das rechte war ausgestreckt. Ab und an massierte er unbewusst seinen rechten Oberschenkel bis runter zum Knie.

Ein Stock lehnte an seiner Seite. Das verursachte diese klackenden und schlürfenden Geräusche beim Gehen? Er war das? Der Tier/Mann war noch immer in seinem Buch vertieft und er schlief wieder ein.

Beim nächsten Erwachen, war er zunächst alleine, so schien es. Dann trat ein Kind, ein Mädchen mit brauner Haut und schwarzen zu unzähligen, langen Zöpfe geflochtenen Haar, an das Bett. Er sah sie jetzt deutlicher. Der erste Mensch (ohne Stimme), dass endlich ein Gesicht hatte. Große, dunkle, mandelförmige Augen, einer schmalen Nase und vollen Lippen und großen Mund. Ihr kleines Gesicht ähnelte der Form nach, der eines Falken. Das kleine Mädchen versprach eine wunderschöne Frau zu werden. Wie alt mochte sie sein? Sechs oder acht Jahre? Sie wirkte gesund und gut genährt. So ganz anders als die Kinder seines Volkes, in den letzten Jahren ... bitte noch nicht. Zu viel ... ja, zu viel was ...?

Sie beobachtete ihn. Ebenso wie er sie, neigte leicht den Kopf und kam noch etwas näher. Kaum einen Fingerbreit trennte sie voneinander. Er versuchte seine Hand unter der Decke hervor zu schieben, was gelang und stupste mit dem Zeigefinger die Nasenspitze des Mädchens. Sie schnappte danach und bekam ihn zwischen ihre Zähne. Sie hatte scharfe Mäusezähne. Ihr Biss tat weh.

"Du ... echt!" Er war wach, seine Stimme völlig deformiert, das Mädchen war tatsächlich da und das Mädchen hatte seinen Finger zwischen ihren Zähnen und dachte nicht daran ihn wieder her zu geben. Kicherte Sie? Die kleinen hohen Laute, die sie zwischen ihren zusammen gebissenen Zähnen ausstieß, ließ kaum etwas Anderes ahnen ... neckte sie ihn?

Klack - chrrrt - Klack - chrrrt - Klack - chrrrt - Klack - chrrrt ...

"Naheema, lass ihn los", folgte die Aufforderung irgendwo zwischen unterdrücktem Lachen und väterlicher Ansage. Sein Finger wurde prompt fallen gelassen und das Kind ... sie kicherte und rannte weg. Er hörte ihre sich immer weiter entfernenden, hallenden Schritte. Fehlte noch, dass der Hüne seine Tochter darauf hinwies, dass der bettlägerige Mann, nichts zu essen war. - Moment, flammte gerade etwas von seinem mühsam zusammen gesammelten Humor auf, von dem er, von alters her nicht viel besaß???

Sein Zimmer, oder das, für was er es hielt, wirkte heller. Es schmerzte in seinen Augen. Er sah besser. Der Hüne kam langsam auf ihn zu, sich schwer auf den Stock stützend und trat an sein Bett.

Sein Gesicht war diesmal nicht unter einer Kapuze verborgen. Er trug Tücher um seinen Kopf gewickelt und vor seinem Gesicht. Nur die Augen und seine Nasenwurzel waren zu erkennen. Er hatte eisblaue Augen.

"Ich heiße Euch willkommen, Häuptling Winnetou-san." Er verbeugte sich leicht vorne über. Ja, der Tier/Mann, bestätigte er sich und schlief prompt wieder ein. "Diese Reaktion habe ich nicht erwartet", erklärte der Tier/Mann irritiert und setzte sich wohl wieder in den Sessel an seinem Bett. "Dann warte ich."

Wieder ein Erwachen. Jemand arbeitete an seinen Beinen. Er spürte etwas und es war jenseits von angenehm. Sie schmerzten. Das war zu erwarten.

Aus irgendeinen Grund, hatte er sich genau darauf innerlich vorbereitet.

"Die Haut heilt endlich", seufze die ihm jetzt sehr bekannte Heilerin Junko. "Fast wollte ich nicht mehr daran glauben. - Hier, die großen Läsionen bilden Schorf. Das Fleisch sieht fast wieder rosig aus und wird wieder durchblutet. Das sind sehr gute Nachrichten." Sprach sie zu jemanden, oder nur zu sich selbst? "Einige Zehen konnte ich nicht retten. Das weißt Du."

Der Tier/Mann stand an der Seite der kleinen Heilerin, die ihm gerade bin zum Oberarm reichte. Er verbarg sich wieder hinter einer weiten Kapuze. Stützte sich auf das Bettgestell.

"Ja", er seufzte schwer. "Ich erinnere mich lebhaft, dass Du die Zehen amputieren musstest, kaum, dass er zu Dir gebracht worden ist." Kein Humor in seiner Stimme. Tiefes Bedauern und in Winnetou machte sich leise Panik breit.

"Und fast mehr noch als nur einige Zehe. - Deine Hände sind gesegnet." Er beugte sich vor und gab der Frau wohl so etwas wie einen Kuss auf ihr Haupt. "Dieser Mann verdankt Dir sein Leben. Und seine Beine. - Vermutlich noch mehr, hätte er noch länger dort draußen gelegen ..." Das hörte sich nicht wie das Ende eines Satzes an. Den unheildrohenden Rest ließ er im Raum freischweben.

"Er ist noch nicht wieder auf den Füssen", da war das Grinsen in der Stimme. "Vergib mir das Wortspiel, mein Fürst."

"Vergebung gewährt." Er humpelte, kein Klack - chrrrt war zu hören, wohl jetzt ohne Stock, zum bettlägerigen Apachi hin, berührte vorsichtig seine Stirn. Von dem Daniederliegenden erfolgte noch keine nennenswerte Reaktion. "Ist seine Schwäche normal oder müssen wir uns noch auf andere gesundheitliche Probleme einstellen?"

"Komplikationen?" fragte die Heilerin, die von ihrer Untersuchung der Beine aufsah.

Der verborgene Kopf bewegte sich, wie zu einem Nicken.

"Jetzt nicht mehr. - Der Dummkopf leidet unter dem gleichen "Wahn der Unbesiegbarkeit" wie Du. Sonst wäre ihm nie und jemals in den Sinn gekommen, so gekleidet, wie er gefunden war, sich auf diesen Selbstmordwettlauf gegen Natur zu begeben. Mitten im Winter! Hier!" Für einen Moment schien sie fassungslos und wandte sich wieder den unteren Extremitäten zu. "Es war einfach zu viel für seinen Körper, was er von sich abverlangte. - ist Dir aufgefallen, dass wir seinen Knochen durch die Haut zählen können?"

Der Tier/Mann sagte nichts.

Die Heilerin fuhr fort. "Ich kann alle dreiunddreißig Wirbel zählen. Alle zwölf Rippen. Sein Hüftbein kann immer noch nachzeichnen - und nicht, in dem ich die Konturen nachgehe. - Ich kann sie "sehen"." Dem letzten Wort verlieh sie fassungslos noch mehr Bedeutung, als sie mit ihren Ausführungen eher bereits ihrem Freund verdeutlichte. "Was ist es, was diesen Mann derart abmagerte?"

Der Tier/Mann hob, wie in einer hilflosen Geste, die Schultern. Was sollte er sagen? "Ich weiß nicht mehr viel über die Zustände, die die Indianer in ihren angestammten Lebensräumen erdulden müssen, Janko. - Kaum noch was. Ich kann es mir nur vorstellen. - Das sie ausgehungert wurden - zum Sterben verdammt, durch die Eindringlinge in ihr Land, den Weißen ... die Menschheit ändert sich nie. - Zumindest nicht in diesem Leben." Er hinkte wieder an ihre Seite.

"Außerdem", er lehnte sich wieder schwer auf das massive Bettgestell. "Seit wann leide ich unter irgendwelchen Wahnvorstellungen, meine liebe Freundin?"

War seine Entrüstung echt oder nur gespielt?

"Nur "ein" Wahn? Du?" Die Intonation verriet nichts Gutes. "Einer reicht leider nicht aus. Und das Dir keine fünf Köpfe gewachsen sind, um alle irrewitzigen Vorstellungen auf einmal hier drin", sie klopfte mit den Fingerknöcheln gegen seine Stirn, "unter zu bringen, liegt wohl daran, dass nicht alle auf einmal über uns hereinbrechen. Sonst wärst Du nicht mehr zu ertragen."

"Vielen Dank", erwiderte der vermummte Mann.

"Immer wieder gerne." Sie setzte ihre Arbeit an den Füßen fort. Betrachtete sorgenvoll die Fußballen und Fersen. "Ich weiß nicht, was ihn antrieb." Hob schnell die Hand um ihren Freund daran zu hindern, sie mit Einzelheiten zu erschüttern. "Doch ich weiß, was Dich zu Verzweiflungstaten - so dumm und selbstmörderisch sie waren - treibt. Und was es auch gewesen ist, dieser Mann war verzweifelt. - Er hat wohl nicht nachgedacht, was es mit ihm anstellen wird."

"Er hat Dich", versuchte der Tier/Mann die Heilerin zu trösten. Oder sie in ihrer Arbeit zu bestärken? "Du bist das Beste, was er sich nur wünschen konnte, damit es auch nur eine entfernte Möglichkeit einer Heilung gab. Und jetzt", er deutete ausholend auf den Körper des Bettlägerigen, "sieh, was Du bisher geleitet hast. - Das Leben hat einen Totgeweihten zurück ... Mehr kann man nicht verlangen!"

Sie waren vertieft in ihrem Zwiegespräch, dass sie ihm kaum Beachtung schenkten. Er verstand sie nicht. Er konnte sich kaum an etwas erinnern, was geschehen war, wie er hierherkam. Und wieder die Frage, wer die hier waren, die sich um ihn kümmerten und über seinen Beinen standen. Sollte er sich darüber beklagen oder wütend werden, weil nichts - gar nichts - überhaupt nichts - in seinem Erinnerungschaos zu seinem Zustand passte. Und ihm bislang auch keine Erklärungen angeboten wurde. Weder durch sein eigenes Bewusstsein - gleich wie brach und unkooperativen es sich gab - oder durch seine Retter. Und Retter waren sie zweifelsohne. Nur für einen kurzen Moment, bis die Ursache seines Zustandes in seine Erinnerungen zurückkehrten. Ihm wurde heiß und kalt, in seinem Magen bildete sich ein saurer Klumpen nackter Angst. War das Panik?

"Mein Volk", versuchte er auf sich aufmerksam zu machen. Seine Stimme war immer noch ein kaum vernehmbares, heiseres Krächzen. Kaum menschlich. Kaum tierisch.

Die beiden Menschen am Fußende sprachen immer noch miteinander. Wechselten dann von Englisch in eine Sprache, die so fremd in seinen Ohren klang, dass er sie nicht als Sprache wahrnahm. Er versuchte es noch einmal, versuchte sich aufzurichten.

"Mein Volk", rief er etwas kräftiger. Bewegte seine Beine und bereute es bitterlich. Schmerzen, ähnlich wie die, nachdem ihm der leicht bittere Tee zugeführt wurde, die jeden Schmerz betäubten, zogen sich wie eine Schlange durch seine Extremitäten, bis hin zu seinem Rückgrat. Nahmen ihm den Atem.

Der Tier/Mann war mit einem schnellen Klack - chrrrt - Klack - chrrrt - Klack - chrrrt - an seiner Seite, schlug seine Decke zurück, riss seinen Oberkörper hoch und tastete sich an seinem Rücken entlang und drückte eine bestimmte Stelle in seinem unteren Steiß. Der Schmerz ließ augenblicklich nach. Er spürte seine Beine nicht mehr. Er spürte nichts mehr unterhalb seiner Hüfte. Gnädige Taubheit.

"Vergebt mir, Häuptling Winnetou-san. Ich war unachtsam. - Alles ist gut. - Alles ist gut. - Der Schmerz ist normal. Habt keine Sorge." Beruhigte ihn der Tier/Mann mit ruhiger Stimme. Er legte ihn vorsichtig zurück auf sein Lager.

"Mein Volk", versuchte er es wieder. Jetzt klang seine Stimme mehr als seine eigene. Woher die Kraft dazu nahm, wer weiß. Nicht darüber nachdenken ...

Der Tier/Mann tupfte vorsichtig seinen Oberkörper mit einem Schwamm den Schweiß ab.

"Eurem Volk geht es gut. Sie werden alle ausreichend Nahrung bis zur Schneeschmelze haben." Er trocknete ihn ab und schlug wieder die Decke über ihn. "Für diesen Winter ist Euer Volk sicher. Wenn Ihr mir die Ehre erweist, will ich Euch helfen, alle Vorbereitungen für den nächsten Winter zu treffen."

Winnetou antwortete nicht. Seine Augen waren wieder geschlossen. Sein Atem ging regelmäßig. Eine Hand legte sich auf seine Stirn.

"Ihr werdet wieder gesund. - Ihr habt mein Ehrenwort."

Winnetou öffnete die Augen einen winzigen Spalt. Das Gesicht des Mannes sah er nicht. Er lag tief im Schatten seiner Kapuze. Nie konnte er ihn sehen, den Tier/Mann ohne Gesicht ...

"Beine?"

Der Tier/Mann - er wird wohl nie als jemand anderes sehen, wenn er nur seine Stimme hörte - hob leicht und unmerklich die Schultern. Hier wollte sich niemand in wohlgemeinte Lügen flüchten um ihn mit der Wahrheit noch nicht zu belasten. Zu welchem Preis? Irgendwann - in nächster Zeit, in nahender Zukunft - wird er die Wahrheit erkennen. Und seine auferlegten Einschränkungen.

"Brauchen Zeit. - Mehr Zeit, als bei einer Schussverletzung, Häuptling Winnetou-san", die Stimme hat sich zu einem tiefen raunen herabgesenkt.

Die Information war nicht genug für ihn.

"Beine?" forderte er kräftiger. Er erwartete die ganze Wahrheit und keine halbherzigen Informationen. Sein Volk lebte. Dafür war jedes Opfer wert. Jetzt wollte er wissen, welches Opfer er dieses Mal geben musste.

"Es mussten einige Zehe an Euren Füßen amputiert werden. Ihr habt noch viele offene Stellen unter den Füßen. Eine Ferse heilt nur sehr langsam aus und ist wohl auch ohne Gefühl. So etwas regeneriert sich nicht mehr. Die Nerven wurden von der Kälte abgetötet. Ihr habt viele Läsionen", der Tier/Mann erntet einen verwirrten Blick, "Offene Stellen bis hoch zu den Knien. Die heilen endlich. - Eure Beine heilen." Es wirkte, als wolle er ihm direkt in die Augen sehen, ohne dass Winnetou etwas im Schatten der Kapuze erkennen konnte. "Ihr werdet gesund", bekräftigte der Tier/Mann noch einmal. "Ihr werdet wieder laufen können. In Zukunft habt Ihr mehr auf Euch zu achten. Mehr Sorge tragen, damit es auch so bleibt."

"Volk? Häuptling?" fragte Winnetou. Er war nicht in der Lage zusammenhängende Sätze zu artikulieren. Konnte der Tier/Mann ihn verstehen?

Es entstand ein langer Augenblick des Schweigens, bis der Tier/Mann fragte: "Ob ich Häuptling bin?" Erster Versuch. Winnetou schüttelte mit erstaunlicher Energie den Kopf. "Häuptling?" Schaffte er es erneut zu artikulieren und brachte es fertig mit einer Hand auf sich selbst zu zeigen.

Der Tier/Mann nickte. Er verstand. "Euer Volk will Euch zurück. - Ganz gleich, ob Ihr auf Euren Beinen zurückkehrt oder getragen werden müsst." Es sollte leichthin klingen. Der Situation die Schärfe nehmen. Ob es gelang ...?

Winnetou nickte. Eine Sorge weniger. Eine andere drängte sich unerwünschter Weise auf. "Stark genug?" Wieder dieses kaum verständliche Krächzen. Er versuchte es noch einmal. "Bin ... stark ... genug?"

Hilfesuchend drehte sich der Tier/Mann zu der Heilerin herum, die sich an Winnetous Fußende zurückgezogen hatte. Mit ihren Lippen formte sie scheinbar Worte, die weder für den Apachi bestimmt waren, noch von diesem gedeutet werden konnten. Der Tier/Mann wandte sich wieder ihm um. Er seufzte schwer.

"Nicht, wie Ihr Euch in Erinnerung habt." Das war der erste Brocken, den Winnetou schlucken musste. Leider war das nur die Spitze des Felsens, vor dem sie standen, der das Maß seines Zustandes erklärte. "Ihr habt beträchtliche Erfrierungen davongetragen. Die Haut ist schwer geschädigt worden ... und die Nerven." Sein Gegenüber sah sich nicht gerne als Überbringer schlechter Nachrichten. Schlimmer noch, solche, die beinhielten einem sonst agilen Mann zu erklären, dass er die Vorstufe zum Krüppeldasein erklommen hatte.

"Eure Genesung wird Zeit brauchen", versuchte er ihm Zuversicht beizubringen. "Heilerin Janko-san wird Euch helfen." Und versagte. Winnetou schloss ihn aus. Wollte jetzt nichts mehr hören. Nicht noch mehr wissen. Bitte nicht mehr zu diesem Zeitpunkt.

Die Schultern des Tier/Mannes sacken bedauernd herunter. Ihm war eine solche Reaktion wohl bestens bekannt und konnte sie durchaus deuten. Er versuchte noch einmal die Aufmerksamkeit des daniederliegenden Apachi auf sich zu ziehen. "Häuptling Winnetou-san, ein Anführer definiert sich nicht nur durch seine Stärke oder Geschicklichkeit. Sie sind nur ein sehr kleiner Teil des Ganzen." Wieder wirkte es, als ob er ihn direkt ansah. "Wenn sie nicht mehr sind, dann ist das, was bleibt: Wahrhaftigkeit. Seid wahrhaftig und Eure Beine sind nicht mehr wichtig. - Glaubt mir, alles wird gut."

Der Tier/Mann verstand ihn wohl. Winnetou seinerseits, verstand den Tier/Mann nicht. Nur in diesen Moment war jedes Wort, gedacht oder gesprochen, einfach zu viel. Er wollte nur noch schlafen.

"Ihr beide sprecht nicht ganz dieselbe Sprache", erinnerte die Heilerin den Tier/Mann.

"Ich tat es einmal - vor langer Zeit." Die Stimme des großen verhüllten Mannes war nur noch ein Flüstern. "Ich kann auf Lakota mit ihm sprechen und es wären dieselben Worte und doch ohne Inhalt, weil es nicht das ist, was irgendjemand in seiner Situation hören will!" Er neigte leicht den Kopf um den Apachi wohl aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. "Die Furcht nach dem Unbekannten breitet sich aus, wie teeriger Matsch, der Dich herunterzieht und ersticken will. - Zukunftsängste. Selbstzweifel. Dir wird der Körper genommen, auf den Du angewiesen bist, um zu überleben, Dich zu wehren, und der versagt Dir den Dienst! Permanent! Ob nun aus Deiner eigenen Schuld heraus, Unfall oder Anschlag ... völlig gleich. - Du durchlebst Höllenängste. Du bist auf einmal hilflos." Wie zur Untermalung seiner Erklärung stützte er sich schwerfällig auf seinen Stock und stemmte sich, am Bettrahmen festhaltend, in die Höhe. "Er wird Zeit brauchen, sich mit seinem neuen Dasein in Frieden auseinander zu setzen." Vorsichtig testete er, ob das rechte Bein ein Teil seines Gewichtes trug. Kaum, musste er feststellen und legte so viel Gewicht auf den Stock.

"Dann halte Dich bitte so weit wie möglich von ihm fern", erklärte die Heilerin kategorisch. "Du bist der letzte Mensch hier, der ihm auf diesem Weg helfen kann. Nicht so, wie Du jetzt bist, mein alter, großer, dummer, eigenbrötlerischer Freund."

Er wandte sich zu ihr um. "Alt und groß lass ich gerne gelten. Dumm, bestreite ich und eigenbrötlerisch weise ich weit von mir. Meine Tochter findet mich übrigens sehr lustig."

Die Heilerin gab einen Laut von sich, der universell die Worte ihres Gegenübers, vehement in Zweifel zog.

"Du bist bestenfalls ein Narr. Lassen wir ihn schlafen." Sie wandte sich zum Gehen. "Und verbringe nicht die halbe Nacht im Sessel. Soviel Tee ist ungesund und wird Dir nicht helfen."

Der Tier/Mann stand auf, wandte sich zu ihr um und verbeugte sich. "Wie Ihr wünscht, ehrenwerte Heilerin." In seiner Stimme lag etwas Spöttelndes.

Sie neigte leicht den Kopf und sah ihn lange und eindrücklich an. "Kindskopf, du." Dann ging sie. Der Tier/Mann sah noch einmal zu ihm herab und verließ ebenfalls den Raum, das Zimmer, das Gewölbe. Winnetou tauchte tief in den dunklen Schlaf zurück. Er war allein und weigerte sich zu verstehen, was ihm mitgeteilt worden war.

Wieder ein Erwachen. Das Mädchen war da, das Kind mit dem Falkengesicht. Sie hatte eine große Schale in der Hand. Kein Tee. Es roch nach Suppe. Sie hielt sie ihm hin.

Winnetou versuchte die Schale zu greifen. Es gelang ihm nicht. Einfach noch keine Kraft.

Das Mädchen beobachtete ihn ganz genau. Neigte etwas den Kopf und kam zu einer Lösung für das, was sie tun musste. Ohne Worte, stellte sie die Schale auf den kleinen Tisch neben dem Bett ab, kletterte hoch und hinter ihm ans Kopfende. Sie rutschte mit unterschlagenen Beinen unter seinen Kopf und drückte ihn in eine aufrechte Position. Nur ein kleines bisschen. Gerade so hoch, dass er sich die Suppe nicht gleich ins Gesicht schütten konnte, wenn er sie trank.

Das Mädchen hangelte sich nach der Suppe, badete versehentlich ihre Finger darin und hielt sie ihm unter die Nase.

Winnetou sah sie nicht, konnte sich ihr erwartungsvolles Gesicht vorstellen. Ein Kind halt, dass eine ihr zugewiesene Aufgabe unbedingt richtig erledigen wollte. Auch wenn die andere Partei gerade etwas Anderes wollte. Die Suppenschale löste sich leider nicht in Luft auf.

Er war seit einigen Tagen wenige Stunden, am Stück, wach. In dieser Zeit wurde er immer wieder mit Suppen aller Art (ohne Fleisch) immer sämig (ohne erkennbares Gemüse) gereicht. Ein kategorisches "Nein, er mochte nicht" zählte nicht. Es kam Suppe um Suppe um Suppe und er konnte keine Suppen mehr sehen ... Er wollte Fleisch. Er hungerte nach Fleisch. Er war soweit, dass er Sachen zerschlagen wollte um endlich Fleisch zu bekommen. Doch nein, die Heilerin entschied, dass er noch nicht in der Lage war, Fleisch bedenkenlos zu verdauen. In fünf Tagen vielleicht. - Fünf Tage - Fünf - Tage ....

FÜNF - TAGE ...

Und dann war da dieses Kind, die ihn penetrant als Objekt ihrer besonderen Beobachtung auserkoren hatte. Sie tauchte mindestens einmal am Tag auf, setzte sich in den Sessel, der dem Tier/Mann vorbehalten war, und sah ihn lange und schweigend an. Verzog keine Miene und beobachtete und beobachtete ... und beobachte lange jede einzelne Reaktion, als wartete sie, dass er sich in einem Kokon einspönne und verpuppte und als Schmetterling in die Wintersonne entflog.

Und sie war hinter ihm und hielt ihm erbarmungslos die Suppenschale unter die Nase. Sie wollte einfach nicht weichen. Weder von ihrer Aufgabe noch von ihm. Da sie einfach nicht verschwand, oder wollte, oder einfach nicht mochte, trank er vorsichtig die Suppe. Einen Löffel konnte er noch nicht halten und beim Versuch landete er ständig auf der Bettdecke und alles war eingesaut.

Ergo trank er sie und behielt somit etwas von seiner hart erkämpften Unabhängigkeit. Sie schmeckten, keine Frage. Sie waren schlicht - langweilig. War er ein alter Mann, dass er nur Suppen bekam? Die Heilerin war in dieser Hinsicht nicht zu erweichen.

Er trank seine Suppe aus und das Mädchen krabbelte wieder vom Bett, betrachtete ihn wieder und hielt ihm eine Servierte entgegen. Er sollte sich den Mund abwischen. Das konnte er. Es waren die kleinen Dinge, zu denen er fähig war. Immer nur kleine Dinge. Aufstehen gehörte nicht dazu. Mit den verbliebenen Zehen wackeln - auch nicht.

Das Mädchen, er erinnerte sich an ihren Namen - Naheema - legte die Servierte zusammen und verschwand mit der Schale wieder in einer der Gänge.

Er war nur eine kurze Zeit lang interessant. Dem Apachi war jetzt nicht nach Schlafen. Er wollte Antworten. Wo war er? Das einzige, was absolut sicher ist, dass diese Menschen hier ihm mit ausgesuchter Höflichkeit begegneten. Höchst respektvoll. Er beobachtete, dass sie Körperkontakt weitestgehend vermieden. Ausdruck ihres Respektes war eine Verbeugung, ihre Sprache, der Tonfall, Gesten. Wie ihm von Izanami erklärt wurde, war "san" der Bedeutung nach, die Bezeichnung für "Ehrenwert". Sie wurde grundsätzlich zwischen Erwachsenen genutzt und stand grundsätzlich hinter dem Vornamen. Es war Ausdruck des Respektes. Der Zusatz "kun", mit dem das Mädchen bedacht wurde, wird unter jugendlichen genutzt, zumeist männlichen. Da sie noch nicht zu den Erwachsene gezählt wurde, galt für die die Zusatzbezeichnung. Und das auch nur, wenn sonst niemand da war, war sie nur Izanami in der Ausbildung einer Heilerin. Und sie war gerade 14 Jahre alt. Ein Mädchen auf der Schwelle der erkennbaren Weiblichkeit. Sie würde nur noch eine kurze Zeit lang ein Kind sein. Dann wird auch sie mit "san" angeredet.

Die Menschen hier kamen von sehr weit her, waren - mit einigen Pausen - fast zwei Jahre auf See. Vertrieben von ihrem Land, ihrer Heimat. Ohne die Hoffnung, oder den Glauben daran, je wieder zurück zu kehren. Mit dem Umbruch - dem neuen Zeitalter, wie sie es nannte - hatte ihr altes, ihnen bekanntes und verehrtes Japan, nichts mehr zu tun.

Und ihr Fürst, der Tier/Mann, der höchst ehrenwerte Tadashi Hosokawa vom edlen Klan der Ashikaga Yoshiyasu, führte sie über lange Wege hier her. Und wo war noch einmal genau "hier"? Sein Hirn war nicht nur langsam, eher lahm und hinkte wie ein athritischer Krieger hinter seinen Fragen her. Keine Antwort. Oh Wunder ... Weder von seinem Hirn, noch von seinem Gegenüber, der er die Frage nicht stellte.

Die Ashikaga Yoshiyasu zählten zu einem sehr alten Schwertadel, hochgeachtet. Ein viele Jahrhunderte alter Kriegerclan. Künstler in der Art des Kampfes. Sehr wohlhabend. Anders wäre das alles hier (wieder dieses "hier") niemals möglich gewesen. Kann ihm bitte endlich einmal einer sagen, was und wo "hier" ist?

Nach einer nur sehr kurzen Zeit, die es brauchte um ungefähren Umriss über die Genologie des Ashikaga Yoshiyasu Klans zu erhalten, brannte Winnetou das Hirn. Dazu fehlte aktuell nicht viel. Zuviel Informationen für ihn bis zu diesem Zeitpunkt. Er vernahm noch, dass sie etwas über eine Shogunatfamilie erzählte und er schlief ein. Wie zu einer besonders schönen Gute-Nacht-Geschichte. Das passierte sehr oft. Das "hier" wurde mit einem Mal wieder sehr unwichtig.

Winnetou konnte hier (???) keine Tageszeiten erkennen. Er war zu dem Schluss gekommen, da bislang noch niemand über seinen Aufenthaltsort aufgeklärt hatte, dass er sich entweder tief unter der Erde befand oder in einem sehr tiefen Teil eines Berges. Dort wo er nun sich denken wollte, wo er sein konnte, sprich in Kanada. Die weißen nannten es British-Colombien, Am Golf von Alaska, was die Kälte erklären mochte. Die nächst größten Städte waren Alberta, Calgery und Edmonton. Warum war er mit seinem Volk hier? - Er konnte sich noch immer nicht erinnern. In seinem Hirn waren nicht minder große offene Stellen, die nur sehr langsam zuheilten, wie die auf seinen Beinen. Was sein Domizil ungewöhnlich machte, war die Gestaltung. Es mochte eine Felskammer sein, sie sah nur nicht danach aus. Dunkle Holzbalken stellten eine ebenmäßig aufgebaute Konstruktion dar, über die helle Tierhäute gespannt waren. Auf dem Steinboden lagen geflochtene Matten aus. Sie war nicht groß. Das Bett schien das größte Möbel hier darzustellen. An der großen Feuerstelle stand ein großer Ohrensessel. Sein Gegenstück am Bett. Von dieser Kammer gingen vier Ausgänge ab, die alle mit zur Seite verschiebbaren Türen geöffnet werden konnten. Vor dem eigentlichen Aus- bzw. Eingang stand immer eine Wache. Ob sie jetzt in der Regel dort befand oder nur wegen seines Hierseins seinen Dienst versah? Auch darauf hatte er keine Antwort.

Was er wusste: Das Mädchen Naheema kehrte hier ein uns aus, manchmal in Begleitung ihrer Freunde, alleine oder mit einer ihrer Tanten. Von diesen waren ihm zwei vorgestellt worden. Die Damen Mine und Rai. Es gab noch drei weitere Geschwister, die er bislang noch nicht kennengelernt hatte. Naheema, nicht anders konnte er sich ihr tägliches Hiersein nicht vorstellen, wohnte hier. Und wenn sie hier wohnte und die regelmäßige Anwesenheit ihres Vaters nur damit begründet werden konnte, dass dies seine Wohnkammer war, sein Bett - wo wohnte und schlief der Tier/Mann mit dem Namen, den er längst wieder vergessen hatte. Viele Informationen konnte er noch nicht aufnehmen. Sein neues Wissen rieselte durch sein mattes Hirn, flackerten kurz auf uns verschwanden wieder. Die Heilerin Janko versicherte ihm - wenigstens ihren Namen konnte er sich merken - das seine Erinnerungsprobleme mit der Zeit besser werden wird. Es war alles seinen Erfrierungen geschuldet, die er erlitten hatte. Er sei, auch geschuldet an der Situation, sehr glimpflich davongekommen.

Winnetou war nicht ihrer Meinung. Was er nicht verbal andeutete. Genau genommen sprach er am Tag kaum fünf Silben. Seine Stimme war ihm unerträglich und ständig von kratzenden Schmerzen begleitet. Auch eine Folge seiner "Dummheit", wie es der Tier/Mann ausdrückte. Ein Wesen mit tiefen unterdrückten Emotionen, wie ihm schien. Jemand, der zu jedem Zeitpunkt des Tages, ob schlafend oder wachend, aus seiner Haut ausbrechen wollte. Und ebenso wie er selbst, in diesem gefangen war. Sein Stock und dieses ständige Klack - chrrrcht - Klack - chrrrcht, wenn er lief, war ihm ein Mahnmal. Drohte ihm ein ähnliches Schicksal? Am Stock laufen, als Hilfe, um überhaupt noch laufen zu können? Er schüttelte schnell diesen Gedanken ab.

Alles was ihm versichert worden ist, war, dass seine Beine heilten. Sie schmerzten und juckten jetzt wie verrückt und raubten ihm den Schlaf, doch heilten sie. Das Jucken soll wohl eine Begleiterscheinung sein. Kratzen indes war verboten. Wie sollte er? Durch die dicken Verbände zu Kratzen, war nur mit den Krallen eines Berglöwen möglich.

Es stellte sich jetzt auch ein nachvollziehbarer Rhythmus in seinem Krankenlager ein. Er wurde zu einer bestimmten Stunde geweckt, gewaschen, seine Beine gebadet und neu verbunden. Er vermied es, sie sich näher anzusehen. Solange er das Zwischenergebnis der "Heilung" nicht sah, konnte er sich noch seinen eigenen Spekulationen ergeben. Danach Frühstück und dann erst einmal lange Zeit nichts. Es kam vor, dass er sich langweilte. Mittagsmal und Abendessen gab es ebenfalls zu festen Zeiten. Der Tier/Mann kam oft nur am Abend. Wohl die einzige Zeit, in der sich von seinen führenden Aufgaben befreien konnte. Wenn er dachte, er schlief, beobachtete er ihn, wie er in die Kammer seiner Tochter verschwand - das erste Mal, dass er diesen lachen hörte. Wirklich Lachen. Das Kichern des Kindes war nicht wirklich zurückhaltend. Dann gab es noch die andere Kammer, in die er sich zurückzog und nicht mehr aus dieser heraustrat. War das sein Nachtlager? Es entfachte auch wieder das Feuer seiner Neugier. Winnetou wollte zu gerne wissen, was sich hinter dieser geheimnisvollen Schiebetür befand.

"Ich sehe, Ihr langweilt Euch!" Keine Frage. Eine einfache Feststellung.

Es war ein reiner Reflex, beim Klang dieser Stimme nach seinem Messer zu greifen, nur um festzustellen, dass er erstens praktisch bar jeder Kleidung in dem großen Bett saß, wo sollte da ein Messer im Verborgenen gezückt werden? Und zweitens, er den Tier/Mann nicht kommen hörte. Und gemessen daran, dass dieser natürlicherweise sich nicht an ihn heranschleichen konnte, er tief in seinen eigenen faserigen Gedanken versunken gewesen war. Ein fataler Fehler, der ihm dort draußen zum Verhängnis werden kann und wird, wenn er jemals wieder alleine dort draußen sein konnte. Ist er körperlich noch in der Lage sein altes Leben zu leben?

So viele nicht beantwortete Fragen ...

Der große Mann/Tier griff unter seine Kutte in seinen Stiefel und zog ein Messer am Griff heraus, warf es leicht hoch, dass ihm das Heft auf den Fingern landete und reichte es ihm, wie selbstverständlich.

"Nehmt meines, Häuptling Winnetou-san. Vieles von den Sachen, die Ihr auf Eurem Todesmarsch durch die Eiswüste mit Euch führtet, sind wohl verloren gegangen. Wohl auch für immer." Aufmunternd hielt er das Messer dem Apachi näher hin. "Betrachtet es als Geschenk. - Von einem Oberhaupt eines Stammes zum anderen." Er wartete noch einem Moment, bis er hinzufügte: "Mit dieser Geste brächtet Ihr Große Ehre über mein Haus, Häuptling Winnetou-san."

Langsam, eher zögerlich, nahm der Apachi das Messer entgegen. Nicht wissend, was ihn mehr überraschte, das Geschenk an sich - es war sehr lange her, dass ihm jemand um seiner selbst willen etwas Überreichte - oder die Großzügigkeit, die damit einherging. Der Griff war aus geschnitztem und blank polierten Holz, auf dem ein dicker Mann im gewickelten Lendenschurz und eine große, windende Echse abgebildet war, mit Reißzähnen und wurde nur noch von der schwarzen Klinge übertroffen, die im Licht in gleißenden Silber schwamm.

Winnetou prüfte die Klinge, maß das Gewicht und das perfekt ausbalancierte Gleichgewicht von Klinge und Griff. Es war eine unvergleichliche Waffe, wie er sie noch nie gesehen hatte.

"Winnetou ist ... sehr dank...bar", mühte sich der Apachi. Wirklich umschreiben konnte seine Worte indes seine tatsächliche Sprachlosigkeit nicht. Das hier, war ein sehr wertvolles Geschenk. Und das so einfach aus dem Nichts, aus einer Situation heraus, die nicht diese Reaktion des Tier/Mannes voraussagte.

Der Hüne neigte leicht seinen Kopf: "Der Dank liegt bei mir, Häuptling Winnetou-san."

Er trat langsam und schleppend um den großen Sessel herum und ließ sich langsam in den Sitz nieder. Heute war für ihn kein guter Tag für ihn. Er brauchte lange um sich wieder zu sammeln und massierte intensiv sein Bein bis zum Knie herab, ohne ihn anzusehen. Ein Zeichen, dass er auf keinen Fall darauf angesprochen werden wollte. Schlimm genug, dass er gezwungen war, diese Schwäche zuzugeben.

Nichts verstand der Apachi besser als das. Unerwünschte Schwäche vor einem Fremden zu zeigen, gleich wie abhängig man voneinander war oder wie gut man einander kennen mochte. Oder Gebrechen vom anderen geteilt wurden. Es war privat.

Sein Gesicht war heute wieder hinter einer weiten Kapuze verborgen. Er war der einzige, mit dem Winnetou regelmäßig Kontakt pflegte, der per du sein Gesicht nicht zeigte. Er spekulierte nicht. Wenn der Tier/Mann sich offenbaren wollte, dann bestimmte er den Zeitpunkt.

"Ich habe mir überlegt, Häuptling Winnetou-san", begann er - seine Stimme klang mit einem Mal sehr viel rauer und tiefer - "Wenn es Euer Wunsch ist und Ihr Euch kräftig genug fühlt, können wir uns am Abend, für eine Zeit lang, unterhalten." Seine freie Hand ballte sich krampfhaft zur Faust, während die andere das Bein nicht verließ und bearbeitete. Versuche den Krampf zu lösen, der sich durch Hackfleisch biss, was einmal ein funktionierendes Körperglied gewesen war.

Winnetou beachtete den offenkundigen Zustand seines Gegenübers nicht weiter. Innerlich löste sich endlich ein Knoten, der seine Ungewissheit darstellte. Endlich konnte er Fragen stellen. Bekam Antworten. Wird erfahren, was geschehen war und wieviel Zeit ins Land ging, seit er hier hergebracht worden ist.

"Das - ist - auch ... Winnetous ... Wunsch ..." Sein Hals begann wieder zu Schmerzen. Sprechen war nur unter größten Schwierigkeiten machbar ... und hörte sich furchtbar an.

Der Hüne hob den Kopf, schien ihn anzusehen. "Gut. - Wollen wir heute Abend beginnen oder habt Ihr schon eine Verabredung, der Ihr gerne den Vorzug geben wollt." Deutlich war das Lächeln in der tiefen Stimme hörbar. Und Schmerzen, die sich heute Abend nicht ignorieren oder wegmassieren lassen wollten.

"Winnetou hat ... heute ... nichts ... mehr ... vor." Das Lächeln erwiderte er nicht. Zu ernst war jetzt die Situation, die sich vor ihm abspielte. Wird das auch sein Schicksal sein?

"Nein", sagte der Tier/Mann. "Da darf ich Euch beruhigen. - Das hier", er deutete auf das Bein, dass er immer noch bearbeiteten, massieren musste um sich irgendwie Erleichterung zu verschaffen, "ist eine andere Dummheit, als die Eure. In der Beziehung - wenn wir unbedingt unsere Gesundheit mit allen Mitteln ruinieren wollen - dann wart Ihr der Klügere von uns beiden."

Winnetou erinnerte sich nicht daran, etwas gesagt, oder die Frage auf sein Gesicht projiziert zu haben.

"Ich kann gut in Menschen lesen, Häuptling Winnetou-san. Es gibt nur wenig, was ich nicht sehe. Es sei denn, Ihr habt Euch außergewöhnlich gut unter Kontrolle." Das Lächeln schwang wieder etwas deutlicher in seiner Stimme mit. "Und nein, ich will Euch nicht empfehlen in der Wildnis eigene Wege zu gehen. - Das werden Eure Verletzungen in Zukunft tatsächlich nicht mehr zulassen." Er schien jetzt den Kopf zu schütteln, ob er nun den Apachi meinte, oder sich selbst. "In der Beziehung, habt Ihr ganze Arbeit geleistet ... VERDAMMT!!!!"

Es offenbarte sich vor dem Apachi Schmerz in seiner reinsten Form und Urgewalt ...

Ende des Ersten Buches
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