Killing Strangers

OneshotThriller, Suspense / P18
26.02.2017
26.02.2017
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Killing Strangers


(Inspiriert von 'Killing Strangers', Marilyn Manson)

Es war etwa eine Viertelstunde vergangen, seit er sich vor das Regal gestellt hatte, um sich das geeignete Gewürz auszusuchen. Nichts würde er dem Zufall überlassen, das gefiel ihm einfach nicht und schließlich kochte er nicht für irgendwen.
Er kochte für sich und seine Frau. Für Helen, die nichtsahnend von der Arbeit nach Hause kommen würde und von ihm zu ihrem zweiten Hochzeitstag überrascht werden sollte. Eigentlich scherte er sich nicht um solchen Kitsch, aber für Helen machte er gerne eine Ausnahme.
Jeden Tag, um genau zu sein. Er machte jeden Tag eine Ausnahme. Für Helen, die nichtsahnend einen Mann geheiratet hatte, von dem sie eigentlich kaum etwas wusste. Sie wusste nur die Halbwahrheiten und sie wusste von dem Schweigen, in das er sich hüllte.
Aber sie fragte auch nicht, also würde sie nichts erfahren, was sie nicht wissen wollte. So zumindest ihre Worte. Er hatte keine Ahnung, ob sie das ernst meinte und ob es ihr wirklich nichts ausmachte, aber er musste wohl oder übel darauf spekulieren.
Er vertraute ihr.
Das war mehr als er von den Menschen behaupten konnte, mit denen er sich vorher getroffen hatte. Generell hatte sich seine Lebensqualität – und vor allem seine Lebenserwartung – massiv seit seinem Ausstieg bei Viggo verbessert.
Nicht, dass er damit gerechnet hatte früher oder später zu sterben, denn das musste jeder, der in seinem Geschäft tätig war. Es war eher eine bedachte Handlung im Hinblick auf die Gewalt, die die merkwürdige Angewohnheit hatte ihn zu verfolgen.
Wie ein roter Faden zog sie sich durch sein Leben. Angefangen bei seinen Schulkameraden, die ihn zu verprügeln versucht hatten, bis hin zu dem Ex-Freund, den er für Helen freundlich daran erinnert hatte, dass er sich gefälligst von ihr fernhalten sollte.
Und nun stand er hier. Mit einem Streuer Oregano in der einen, und einem Päckchen frischem Rosmarin in der anderen Hand. Tiefe Falten waren auf seiner Stirn, denn er brütete gerade darüber nach, mit welcher Note er sein Gericht verfeinern wollte.
Sollte es eher italienisch oder doch mehr griechisch werden?
Ein leichter Seufzer entrang sich seiner Kehle, während er immer noch unentschlossen die beiden Gegenstände in seiner Hand anstarrte und überlegte, wie er es ausknobelte. Spielte er in Gedanken mit sich selbst Stein, Schere, Papier?
Stellte er sich selbst eine Frage, deren Antwort er nicht kannte und erst recherchieren müsste? Bei einer richtigen Antwort den Oregano, bei einer falschen den Rosmarin?
Ratlosigkeit.
Seine Zehen begannen in seinen Schuhen auf und ab zu wippen und er wurde ein wenig nervös, auch wenn ihm durchaus bewusst war, dass er noch etwas mehr als fünf Stunden Zeit hätte, um nach Hause zu fahren und zu kochen, sich zu duschen und das Haus aufzuräumen.
John kaute etwas auf seiner Unterlippe herum und legte beide Gewürze in den Korb, den er sich vorne am Eingang mitgenommen hatte, um die Zutaten alle problemlos durch das Geschäft tragen zu können.
Als er sich von dem Regal wegdrehte, ging eine junge Frau an ihm vorbei und sah kurz unauffällig in seinen Korb. Zumindest glaubte sie, sie sei unauffällig. Ihm fiel es leider sofort auf, so wie ihm jede Ungereimtheit in seinem Umfeld sofort auffiel, sobald sie sich ergab.
Manchmal war es lästig.
„Haben Sie etwas zu feiern? Sie wollen wohl etwas ganz Außergewöhnliches auf die Beine stellen“, sagte sie amüsiert, denn sie schien seinen Blick bemerkt zu haben.
Er setzte ein halbes Lächeln auf, das sogar zu ungefähr sechzig Prozent echt war.
„Ja, den zweiten Hochzeitstag“, erwiderte er kurz angebunden und erntete ein breites Grinsen seiner unfreiwilligen Gesprächspartnerin, die ihr schulterlanges, blondes Haar keck zurückwarf und ihn aus ihren braunen Augen ansah.
„Ihre Frau kann sich glücklich schätzen“, murmelte sie etwas wehmütig, denn sie schien Helen ganz eindeutig zu beneiden, auch weil sie wissen musste, dass sie keinerlei Chance hatte, etwas von dieser Aufmerksamkeit auf sich ablenken zu können.
„Ich hoffe es doch“, sagte er noch, um das seltsame Gespräch zu beenden und drehte sich weg Richtung Eingang. Die automatische Tür schloss sich gerade hinter fünf Männern, die nebeneinander den Laden betreten hatten.
Die Formation machte John stutzig. Erneut legte er die Stirn in Falten, doch dieses Mal, weil er eine dunkle Vorahnung hatte. Sein Blick wanderte die Erscheinung der Männer ab und er blieb an ihren Hosenbünden hängen.
Sie waren unter den Jacken etwas ausgebeult und verrieten, was sie bei sich trugen – Waffen. Ein Supermarkt wie dieser hatte volle Kassen. In Johns Augen ein idiotischer Plan, doch konnte er nichts an der Übertreibung der Männer ändern.
Noch während er sie ansah und im Blick behalten wollte, zogen sie sich beinahe gleichzeitig schwarze Stoffmasken aus den Hosentaschen und stülpten sie sich über. In den Überwachungskameras über dem Eingang wären später lediglich ihre Hinterköpfe zu sehen.
Entweder Glück oder sie waren doch nicht so idiotisch wie er zuerst gedacht hatte.
John wandte sich wieder der Blondine zu, die nun auch vor den Gewürzen stand und packte sie unsanft am Oberarm, um sie hinter eine Regalreihe zu schieben. Bevor sie sich richtig versteckt hatten, hörte er auch schon das Klicken.
„Sie müssen still sein“, zischte er ihr zu und kurz darauf hörten sie die Männer, wie sie durch den Laden brüllten, dass sie bewaffnet waren und nur das Geld mitnehmen wollten.
„Es wird niemand verletzt, wenn alle brav mitmachen!“ schrie einer, offensichtlich ihr Anführer und John schüttelte mit dem Kopf. Als ob...
Die Blondine wurde derweil von seinem Körpergewicht gegen die Rückwand des Regals gedrückt und sie begann immer heftiger zu atmen. „Was wollen die?“ fragte sie panisch und schon beim Flüstern drohte sich ihre Stimme zu überschlagen.
Statt darauf zu antworten, behielt er die Männer im Blick, die sich in den Reihen zu verteilen schienen, um die Kunden zusammen zu treiben. Johns Griff um den Oberarm der Blondine wurde noch einmal fester und er zwang sie sich hinzusetzen.
Als ihr Gesäß endlich auf dem hellgelben Fliesenboden angekommen war, hockte er sich vor sie und lenkte ihr Gesicht mit seiner Hand in seine Richtung, damit sie ihn ansah und sich nicht panisch nach den Männern umschaute.
„Sie müssen mir genau zuhören, verstanden?“ flüsterte er ihr zu und fixierte ihre Augen, die sich hektisch in alle Richtungen wegzudrehen drohten, einfach um alles im Blick zu behalten. Ein uralter Instinkt, der sich nur nach jahrelangem Training ausschalten ließ.
„Hören Sie mir zu?“
Sie nickte heftig und keuchte ein wenig, doch drückte er ihr die Handfläche auf den Mund und verlangte, dass sie ruhiger wäre.
„Wie heißen Sie?“ fragte er dann und nahm seine Hand von ihrem Mund.
„Stacey“, würgte sie ängstlich hervor und kniff die Augen zusammen, aus denen Tränen zu fließen begannen.
„Ok, Stacey. Sie müssen mir helfen, verstehen Sie das?“ begann er von Neuem und lauschte einen Moment lang in den langen Flur neben ihnen, in dem gerade eine Frau gepackt und nach vorne gezerrt wurde.
John schob seinen Kopf ein Stück hinter dem Regal hervor und beobachtete den Mann, wie er die Frau vor sich her trieb, sie zu zehn anderen Kunden setzte und ihre Hände mit einem Kabelbinder fesselte.
Entschlossen löste er seinen Gürtel und zog ihn aus den Schlaufen seiner Hose. Stacey sah ihn erschrocken an und öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch presste er ihr wieder die flache Hand auf den Mund.
„Er wird gleich zu uns kommen, denn er soll alle Gänge durchsuchen. Ich werde ihn zu Boden bringen und Sie werden ihm die Hände hinter dem Rücken fesseln, verstanden?“
Ohne weitere Erklärungen drückte er ihr den Gürtel in die Hand und schob seinen eigenen Einkaufskorb von sich weg direkt vor das Tiefkühlregal, das sich hinter ihnen befand. Er müsste gleich auch noch Fleisch besorgen.
„Wa-, was? Und was machen Sie?“ wollte sie panisch wissen und ihn an seinem Arm zurückhalten, weil er schon im Begriff war sich aufzurichten, um aus dem richtigen Winkel angreifen zu können. Behutsam befreite er sich aus ihrer zitternden Hand und beugte sich zu ihr herunter.
„Stacey, ich werde Sie nicht alleine lassen, hören Sie? Wir kommen heute nach Hause, versprochen“, sagte er in einem Anflug aus Unsicherheit. Er gab normalerweise keine Versprechen, aber er hatte Helen auch versprochen bis an sein Lebensende bei ihr zu bleiben.
Nur hatte er nicht vor von ein paar Schlägern in einem Supermarkt getötet zu werden. Das war nun wirklich nicht nach seinem Geschmack. Viggo würde sich köstlich darüber amüsieren, sobald er davon zu hören bekäme.
John griff in die Innenseite des Regals, hinter dem sie sich versteckt hatten und zog ein Glas eingemachte Gurken heraus, das er in den Gang warf, um es zum Zerbrechen zu bringen. Die Flüssigkeit verteilte sich sofort auf den Fliesen und strömte einen unangenehmen Geruch aus, den er noch nie hatte ausstehen können.
„Geh nachsehen, da müssen noch welche sein“, hörte er den Anführer brüllen und schon näherten sich die Schritte, auf die er spekuliert hatte. Er wappnete sich innerlich und behielt den Schatten im Auge, den der Körper des Bewaffneten auf die Fliesen warf.
Noch zwei Meter war er entfernt... Jetzt.
John sprang auf, packte den Mann und sie beide strauchelten hinter das nächste Regal, während Stacey an Ort und Stelle sitzen blieb. Der Mann fuchtelte mit der Waffe herum, doch ließ er seine Handkante auf das Handgelenk krachen.
Der Mann schrie schmerzerfüllt und zog sich aus Reflex die angegriffene Hand an den Oberkörper, während John ihn mit einem gezielten vorderen rechten Haken direkt auf die Nase schlug, die unter der Wucht brach.
Unter der Maske begann Blut hervor zu laufen, das John an den Knöcheln hängen blieb, während er ein zweites und ein drittes Mal zuschlug. Dann packte er den Kragen des Mannes und zog ihn auf sich zu, während er sich halb mit dem Rücken zu ihm drehte.
Kontrolliert zog er ihn über seine Hüfte und ließ ihn mit dem oberen Rücken zuerst auf die Fliesen krachen. Mit dem linken Knie stützte er sich auf seinen Solar Plexus und mit den Händen schnappte er sich bereits die Waffe.
Er sah sie sich genauer an und konnte ein leises Schnaufen nicht unterdrücken. Sie war nicht einmal entsichert.
„Stacey, kommen Sie her“, flüsterte er in die Richtung seiner einzigen Verbündeten, die auf Knien auf ihn zu kroch und den Gürtel vor sich her schob. Mit zitternden Händen begann sie damit den Gürtel vollständig auf zu falten, während er den Bewusstlosen auf den Rücken drehte.
Die Hände drückte er auf dem Rücken zusammen und nahm dann den Gürtel von Stacey entgegen, die mit tränenübertrömten Gesicht damit begann sich die Haare zu raufen.
Er packte ihr Handgelenk und zwang sie erneut ihm ins Gesicht zu sehen. „Sie müssen sich konzentrieren, Stacey. Behalten Sie ihn im Auge, ich verlasse mich auf Sie“, redete er auf sie ein und wartete darauf, dass sie ihm zunickte.
Zielgerichtet entfernte er das Magazin der Waffe und erkannte, dass es noch vollständig war. So hätte er vierzehn Schuss, mehr als genug.
Dann richtete er seinen Blick auf den Bewusstlosen und dachte nach. Wie stellte er es an? Am besten, indem er sich unsichtbar machte. Vorsichtig blickte er sich um, doch entdeckte er keine Überwachungskameras.
Seine Finger zogen an der Maske, die er dem Mann vom Gesicht zog und sie sich selbst überstülpte. Das Entsetzen in Staceys Gesicht mischte sich gerade mit einem Anflug von Ekel, denn sie konnte das Blut an der Maske wohl erkennen.
„Behalten Sie ihn im Auge“, wiederholte er und sie nickte etwas erschrocken, doch war sie anwesend, das war mehr als er gehofft hatte. Sie kannte jetzt zwar sein Gesicht, aber das war ein Opfer, das er bringen musste.
Er hatte nach dieser Sache hier ohnehin keine große Motivation mehr weiterhin in genau diesem Supermarkt einkaufen zu gehen.
Der metallische Geruch von Blut lag ihm nun buchstäblich in der Nase und er konzentrierte sich darauf, in dem eingeschränkten Sichtfeld nicht die Kontrolle zu verlieren. Die Maske war so unsauber geschnitten, dass das eine Loch für die Augen größer war als das andere.
Mit Profis hatte er es wahrlich nicht zu tun.
Also hatte er auch keinen Grund sie zu töten. Auf diese Erkenntnis hatte er gehofft, er wollte niemanden mehr töten. Nicht, wenn es nicht einen guten Grund dafür gab. Hier gab es keinen, so zumindest sein Eindruck.
Die Geiseln lebten alle noch und die Waffe, die der Mann auf ihn gerichtet hatte, war nicht einmal entsichert gewesen. Also nein – es gab keinen guten Grund. Einen Grund gäbe es schon, den gab es immer, doch überzeugend war er nicht.
Ein letztes Mal zupfte er an dem Stoff der Maske und rückte sie sich noch einmal zurecht, bevor er einen ersten leisen Schritt in den Flur machte, aus dem der Angreifer vorhin gestürzt war, um sie zu holen.
Stacey verhielt sich hinter ihm sehr ruhig und schien sich allmählich etwas sicherer zu fühlen, denn sie schrie nicht oder versuchte ihn zu verraten, um eventuell einen Deal mit den Eindringlingen auszuhandeln.
All das hatte er nämlich schon einmal erlebt. Doch war er damals auf der anderen Seite gewesen und das gewiss nicht in einem einfachen Supermarkt...
Kurz hielt er inne und drehte den Kopf ein wenig hin und her, um die Ruhe zurückzuholen. Es dauerte nicht lange und schon konnte er sich voll und ganz auf seine Aufgabe konzentrieren, die nun umso wichtiger wurde.
Je länger er wartete, desto eher wurde der Bewusstlose wach und konnte ihn verraten. Dazu würde er es nicht kommen lassen, also lief er schnell, aber bestimmt weiter zu den anderen, die sich hektisch um die Geiseln herum bewegten und ihn kaum eines Blickes würdigten.
Viel eher sahen sie sich um, ob nicht doch eine Gefahr von innerhalb drohen könnte und er bemerkte, dass nur drei hier waren, um die Geiseln zu bewachen. Der vierte lag bewusstlos bei Stacey, der fünfte war nicht sichtbar.
„Sechzig Sekunden“, rief der Anführer von den Kassen herüber und John nahm ihn ins Visier. Er stand halb von einem Regal verdeckt an den Kassenschaltern und nahm die Schubladen aus, deren Inhalt er in einen Stoffbeutel steckte.
Die Männer vor ihm wurden wegen der Zeitankündigung offensichtlich noch nervöser und hielten ihre gesicherten Waffen wie Spielzeuge vor sich, um bedrohlich auszusehen. Er wägte die Alternativen ab.
Schoss er erst in ihre Beine und riskierte einen Gegenangriff oder schoss er gleich in ihre Brustkörbe und dann in die Köpfe? Der Grund des Tötens war hier die Vermeidung von unnötigen Kollateralschäden.
Je unkontrollierter sie um sich schossen, desto größer war die Wahrscheinlichkeit, mit der sie auch andere Kunden trafen und verwundeten, wenn nicht sogar töteten. Ein Risiko, das John nicht eingehen wollte.
Nicht hier und nicht heute.
Einfach nicht heute...
Etwas genervt und gleichzeitig sehr angespannt dachte er weiter nach, bis ihn einer der drei Männer direkt ansprach, während er seine Waffe hörbar entsicherte und auf ihn richtete: „Hey, willst du noch länger dumm da rumstehen? Mach gefälligst deinen Job!“
Johns Entscheidung fiel innerhalb eines Sekundenbruchteils – er schoss auf den Brustkorb und setzte einen weiteren Schuss in den Kopf nach. Keine Zeit zu überlegen. Keine Zeit für Gewissensbisse.
Die anderen beiden nahm er danach in den Blick und nutzte ihre Überraschung aus. Ein Schuss in das Handgelenk, das die schwere Waffe aufrechthalten musste und einen in den Oberschenkel. Die beiden gingen zu Boden und John lief schnell auf sie zu, um ihnen die Waffen aus den verletzten Händen zu kicken.
„Binden Sie die Wunden ab und rufen Sie die Polizei“, sagte er bestimmt zu den Kunden, die von dem Toten und den Verletzten eingekreist waren, während er sich schon auf den Weg machte, den Anführer zu behelligen.
„Drehst du jetzt völlig durch, du Arschloch?!“ brüllte der wie auf Kommando und richtete die Waffe zitternd auf John, der ihn für ein paar Sekunden beobachtete und ihn einzuschätzen versuchte. Er war weder geübt in dem, was er tat noch war er ungefährlich.
Eine unangenehme Mischung, denn er würde schießen und das ohne Rücksicht auf Verluste. Wieder stieg die Wahrscheinlichkeit der zu erwartenden Kollateralschäden ins Unermessliche und wieder konnte John nicht wirklich damit leben.
Ohne der rhetorischen Frage des Anführers zu antworten, blieb John reglos vor den Kassenschaltern stehen und wartete auf die Entscheidung des Mannes mit der zitternden Hand. Er würde sicher abdrücken.
Oder?
Ließ er sich einschüchtern?
Statt darauf eine Antwort zu bekommen, drehte sich der Mann um und rannte auf die automatischen Türen des Ladens zu, die er im Rennen durchschoss und hindurch schlüpfte. John blieb stehen.
Dieser Mann war es eindeutig nicht wert.

Der Stoffbeutel in seiner Hand war schwerer als gedacht. Schließlich teilte er die Beute auch mit niemandem mehr, die anderen saßen im Gefängnis und einer war tot. Dieses Arschloch hatte es versaut, doch gab er es nicht zu.
Hank war ein Idiot, er hätte es eigentlich von Anfang an wissen müssen. Erst verschwand er einfach und dann schoss er auf die eigenen Leute. Doch war er trotzdem eingefahren, diesen Misserfolg gönnte er ihm von ganzem Herzen.
Er sollte ruhig hinter Gittern verrecken und es würde ihm nichts ausmachen. Im Gegenteil, er könnte sogar besser schlafen, wenn es so käme. Allerdings würde er sich in solche Angelegenheiten nicht einmischen, sonst tauchte sein Name wohl doch noch schneller irgendwo auf als ihm lieb war.
Deshalb hielt er sich seit zwei Wochen auch bedeckt, denn er wollte nicht noch jemandes Aufmerksamkeit auf sich lenken. Das Geld einzuzahlen wäre idiotisch und gefährlich. Weil er aber noch sehr an seinem Leben hing, würde er es nicht wagen.
Heute stand auch nichts Besonderes auf seiner Agenda, er würde gleich einfach etwas zu essen holen und den Rest des Abends in seiner Wohnung verbringen. Mit so viel Geld würde er es bald nicht mehr nötig haben in dieser heruntergekommenen Kaschemme zu hausen.
Auf den Tag, an dem er den neuen Mietvertrag unterschrieb, freute er sich übertrieben, obwohl er wusste, dass es genau so riskant war in der Hinsicht auffällig zu werden. Wer sich viel bewegte, der war verdächtig.
Wer sich viel bewegte und das immer kurz nachdem irgendwo eingebrochen wurde, der konnte sich auch gleich 'Verbrecher' auf das Klingelschild schreiben. Er war allerdings nicht auf den Kopf gefallen, also würde er warten und eine angemessene Zeit vergehen lassen.
Zufrieden mit seiner vorausschauenden Entscheidung streckte er sich in seinem zerschlissenen Sessel und legte die Füße auf den wackelnden Couchtisch, der eigentlich nur aus Presspappe bestand, welche auf einem Stuhl ohne Rückenlehne getackert war.
Um den Tisch herum befanden sich schon einige leere Bierdosen, die er heute ausgetrunken hatte. Zur Feier des Tages, sozusagen.
Gedankenverloren steckte er sich eine Zigarette an, die er in der Ritze zwischen Armlehne und Sitzkissen des alten Sessels gefunden hatte und zog genüsslich an ihrem Filter. Kurze Zeit später spürte er schon die Wirkung des Nikotins durch seinen Körper rauschen.
Mit geschlossenen Augen saß er dort und dachte an den Stoffbeutel voller Geld, der auf seinem Schoß lag und sich so herrlich schwer anfühlte.
Ein kräftiges Klopfen an seiner Wohnungstür ließ ihn hochfahren und sich hektisch im Raum umsehen. Er meldete sich nicht zu Wort und wollte einfach darauf warten, dass der ungebetene Gast Leine zog.
Genervt lehnte er sich zurück und nahm noch einen Zug von seiner Zigarette. Als es erneut klopfte, drückte er sie seufzend auf der Armlehne des Sessels aus und wollte gerade Anstalten machen, sich zu erheben, da wurde die Tür aus dem Schloss gerissen und einfach nach innen gedrückt.
Es stand jemand im Rahmen, den er nicht identifizieren konnte, weil er eine schwarze Stoffmaske über dem Kopf trug. Sah fast so aus wie die, die er an Hank verteilt hatte, bevor sie in den Supermarkt gezogen waren.
Und der Mann war bewaffnet, hielt ihm die Scheißknarre direkt ins Gesicht.
„Scheiße, wer bist du denn? Verpiss dich gefälligst“, rief er aufgebracht und bewegte sich auf den improvisierten Couchtisch zu, auf dem er seine eigene Waffe immer liegen hatte. Für solche Fälle eben.
Man konnte nicht vorsichtig genug sein.
Der Eindringling trat in wenigen, langen Schritten auf ihn zu und kickte den Couchtisch von ihm weg, sodass die Waffe unter das versiffte Regal rutschte, unter dem er schon seit mindestens zwei Jahren nicht mehr nachgesehen hatte, was sich dort befand.
„Verdammtes Arschloch, was soll das?“ schrie er nun verärgert und merkte den Alkohol, den er sich vor wenigen Stunden ungebremst eingeflößt hatte. Die Bierdosen klapperten ebenfalls und rollten in die Richtung, in die auch die Waffe verschwunden war.
„Was willst du? Wer schickt dich? Cal? Antonio? Oder doch Viggo? Ich verlier bei euch Wichsern immer den Überblick“, sagte er lallend und hoffte sich so ein wenig aus der misslichen Lage herausmanövrieren zu können.
Wer betrunken war, der würde einen zweiten Besuch verlangen dürfen. So konnte man schlecht seinen Geschäften nachgehen.
„Ist eigentlich auch scheißegal, wer von diesen Schwanzlutschern dich schickt, ich will, dass du dich aus meiner Scheißwohnung verpisst!“ rief er dann doch etwas ernster und ehrlicher als gedacht. Mit Killern legte man sich nicht an, auch nicht mit Schuldeneintreibern.
Da er aber seine Schulden immer pünktlich in Raten bezahlte, wusste er nicht, was dieser Auftritt hier sollte.
Ein Schuss knallte ohne Ankündigung seitens des maskierten Schützen und traf ihn in die rechte Schulter. Er weitete die Augen und unterdrückte einen Schmerzensschrei, der ihm quasi im Hals steckenblieb.
„Was willst du?“ röchelte er mühsam und spürte lähmende Angst in sich aufsteigen. Sie legte seinen gesamten Körper in Ketten und verhinderte, dass er aufstand und die Flucht ergriff. Irgendwie hatte er den Eindruck, dass er heute nicht so leicht davonkäme.
„Ich habe Geld“, startete er einen kläglichen Versuch sein Leben zu verlängern und wartete auf eine Reaktion des Maskierten, der scheinbar bei der Erwähnung des Geldes ins Grübeln geriet. Worüber er nachdachte, war ihm ganz klar – er würde es vielleicht als Tausch annehmen.
„Eine Menge Geld, glaub mir“, fügte er hinzu und setzte sich etwas auf, um eindringlicher mit dem Fremdenn zu reden. Er deutete auf sich und dann auf seinen Besucher.
„Ich kann dir ein stolzes Sümmchen anbieten, um das hier aus der Welt zu schaffen. Dreißig Prozent von dem, was in dem Beutel da ist“, sagte er und ließ all seine Überzeugungskraft in diesen wenigen Worten mitschwingen, um den Mann am Ende doch noch erschießen zu können, wenn der sein Geld zählte.
„Wie wär's damit, Billy“, sprach der Maskierte seine ersten Worte leise und durch die Maske ziemlich gedämpft. Billy verkrampfte sich. Woher wusste der Typ überhaupt seinen Namen? Er war in der Falle. Vielleicht in korrupter Bulle und deshalb die Maske.
„Einhundert Prozent von dem, was in dem Beutel ist. Und du verschwindest“, sagte er und richtete die Waffe erneut auf ihn. Billy hob beide Arme vor sein Gesicht und irgendwann spürte er einen dumpfen Schmerz und dann hüllte ihn die Dunkelheit ein.

„Weißt du, was das soll?“ fragte er gerade seinen Partner, mit dem er von der Nachtschicht im Streifenwagen zurück ins Revier stapfte. Der Mann war in ein Bettlaken eingehüllt und trug ein Pappschild um den Hals, mit der Aufschrift:
>>Nicht alles auf einmal ausgeben<<
„Nein“, sagte sein Partner, der sich ein Grinsen nicht verkneifen konnte und vor den Mann hockte, der allmählich das Bewusstsein wiedererlangte.
In seinem Schoß lag ein Stoffbeutel, den er an sich nahm und öffnete.
„Scheiße“, flüsterte er und ihm blieb glatt der Mund offen stehen, so viel Geld befand sich in der Tasche. So viel Geld hatte er noch nie gesehen. Zumindest nicht auf einmal und Cash.
Gespannt ließ er seine behandschuhten Finger in dem Beutel versinken und bekam einen Flyer zu fassen, auf dem Werbung für Angebote in einem Supermarkt gemacht wurden. Dem Supermarkt, der vor zwei Wochen von einem Unbekannten und seinen Komplizen ausgeraubt worden war.
Die Komplizen, die alle schweigend in Untersuchungshaft saßen und sich weigerten über ihren illoyalen Anführer zu sprechen, der sich ohne sie aus dem Staub gemacht hatte. Das war wohl etwas Persönliches.
„Da werden sich die Jungs aber freuen ihren Boss wiederzusehen. Ich kann die Wiedervereinigung kaum erwarten“, juchzte sein Partner ein wenig zu sehr begeistert über ihren Fund und ging hoch zum Gebäude, in dem er sich Verstärkung holte, um den Mann ins Krankenhaus zu bringen.
Die Verletzungen mussten erst noch untersucht werden, bevor er als fit genug für die Haft befunden werden konnte. Dennoch würde ihn vielmehr interessieren, wer den Mann hier abgesetzt hatte und nicht, was der Abgelieferte eigentlich getan hatte.
Allerdings wusste er, dass er darauf sicher niemals eine Antwort erhalten würde.

Anmerkung: Da ich den ersten Teil von John Wick grandios fand, habe ich mir gedacht, dass ich mal über ihn schreiben muss. Hoffentlich kann der zweite Teil genau so überzeugen wie sein Vorgänger. Ich kann es kaum erwarten.
LG, Erzaehlerstimme
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