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Von guten Menschen und Todessern

von Yavannaa
GeschichteAbenteuer, Drama / P16 / Gen
Andromeda Tonks Draco Malfoy Narzissa Malfoy Nymphadora Tonks Severus Snape
26.02.2017
12.05.2018
24
67.770
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17.04.2017 3.164
 
Kapitel 6 - Reaktionen

Kapitel 6 - Reaktionen

„Du hast WAS gemacht?“, rief Dora und riss dabei die Augen auf.
„Ich habe meiner Schwester geschrieben“, sagte Andromeda beiläufig.
„Du meinst die Todesserin.“
„Nymphadora, bitte. Sie ist immer noch meine Schwester.“
„Die dich verstoßen und einen Todesser geheiratet hat.“
„Danke, Nymphadora, das weiß ich selbst.“
Die wütende Miene ihrer Tochter bei der Erwähnung ihres Namens ignorierte Andromeda gekonnt. „Sie geht mir einfach nicht mehr aus dem Kopf. Es muss etwas Ernstes sein, wenn sie sich dazu herablässt, ausgerechnet mich aufzusuchen.“
„Und du springst natürlich sofort drauf an. Was ist, wenn sie dich nur ausspionieren will, um an Informationen über den Orden zu kommen?“
„Jetzt übertreib mal nicht. Glaubst du wirklich, sie würde ihr Kind da mit reinziehen?“ Bei diesen Worten holte Andromeda das Foto hervor, welches Narcissa vor einigen auf dem Tisch hatte liegen lassen. Nein, eine Mutter beschützte ihr Kind und sie glaubte ihrer Schwester.
„Vergiss es, Dora. Ich hab die letzten Tage schon versucht sie zur Vernunft zu bringen, ohne Erfolg“, sagte nun Ted Tonks, der aus der Küche trat und sich seiner Familie näherte. „Aber deine Mutter scheint gewillt zu sein, die Vergangenheit einfach zu vergessen.“
„Dass ich versuche einer Mutter und ihrem Kind zu helfen, hat nichts damit zu tun, dass ich alles vergessen habe, was geschehen ist“, brauste Andromeda auf. Sie hatte keine Lust auf weitere Diskussionen. „Was würdest du denn tun, wenn es um das Kind deines Bruders ginge?“
„Nun, da er kein Todesser ist, erübrigt sich diese Frage, meinst du nicht?“
„Das Kind ist trotzdem unschuldig. Es kann nichts dafür, was seine Eltern tun oder getan haben.“
„Willst du damit auch sagen, dass Draco Malfoy kein arrogantes Arschloch ist, sondern ein kleines, armes missverstandenes Kind?“, lachte Dora. „Vergiss es. Kinder sind das Produkt ihrer Eltern. Er ist doch das beste Beispiel.“
„Wenn das der Fall wäre, müsste ich mit dem dunklen Mal auf dem Arm rumlaufen und Muggel ermorden“, erwiderte ihre Mutter kühl. „Außerdem wüsste ich nicht, dass du den Jungen jemals kennengelernt hast.“
„Muss ich gar nicht, Ron und Ginny haben mir genug erzählt. Er ist genau so ein rassistisches Arschloch wie seine Eltern.“

Innerlich verdrehte Andromeda bei diesem Satz die Augen, aber sie sagte nichts dazu.
„Narcissa mag vielleicht die Ansichten unserer Eltern übernommen haben, aber das macht sie noch lange nicht zu einer Todesserin und erst recht nicht zu einer Mörderin.“ Dora schnaubte nur, während Andromeda weitersprach. „Meine Meinung steht jedenfalls fest. Ich weiß nicht genau warum, aber ich möchte ihr helfen.“ Sie seufzte. „Ich weiß, dass ihr das nicht versteht, aber ich bitte euch, gebt ihr eine Chance.“
Sie konnte die Skepsis ihrer Familie ja verstehen, sie kannten Narcissa nur als Frau eines Todessers – auch wenn Lucius dafür nie zur Rechenschaft gezogen worden war.
„Du hast einfach ein viel zu gutes Herz, meine Liebe“, sagte Ted und umarmte seine Frau. „Na gut, aber ich mache das nur für Dich. Sollte diese Frau sich in irgendeiner Weise daneben benehmen, dann schwöre ich, schmeiße ich sie eigenhändig aus dem Haus! Und zwar auf Muggelart!“
Dora musste bei der Vorstellung lachen, während Andromeda ihren Mann nur mit einem gespielt bösen Blick musterte. Sie wusste es sehr zu schätzen, dass er sie, trotz seiner Zweifel, unterstützen und hinter ihr stehen würde.
„Tu was du nicht lassen kannst, Mum. Ich muss los. Der Orden wartet.“, unterbrach Dora ihre Gedanken.
„Natürlich. Aber Dora. Kein Wort über das, was hier vorgefallen ist. Ich bitte dich. Das ist eine Sache zwischen meiner Schwester und mir!“
Nicht, dass sie ihrer Tochter nicht vertraute, aber bei diesem Thema war äußerste Vorsicht angesagt.
„Ja, ja ... ich werde schon nichts sagen.“ Sie drehte sich um und verließ den Raum. Ihr gemurmeltes „Würde mir wahrscheinlich eh niemand glauben“ hörte Andromeda trotzdem.

~~~~

Narcissa hatte gerade den Brief zu Ende gelesen. Ihre Schwester wollte ihr eine Chance geben. Sie wusste nicht, was sie davon halten sollte. Einerseits war sie froh, vor allem wenn man Lucius’ Zustand betrachtete. Aber andererseits ... So ganz überzeugt war Narcissa nicht mehr. Das Treffen hatte ihr gezeigt, dass die Differenzen weitaus größer waren, als sie befürchtet hatte. Sie lebten mittlerweile in komplett gegensätzlichen Welten, die sich nicht miteinander vereinbaren ließen. Außerdem wusste sie nicht, ob sie nochmals ihren Stolz überwinden und in diese Muggelgegend gehen konnte.
Während sie grübelte, hörte sie Geräusche aus der Eingangshalle. Lucius war zurück. Sie legte den Brief auf den Schreibtisch und eilte aus dem Raum. Das nächste was sie hörte, war Lucius Stimme, die sich laut erhoben hatte; und dann ein lautes Rumpeln, als ob etwas, oder jemand, gegen die Wand geschmettert wurde.
Sie fing an zu rennen. Sie stieß die Tür zum Wohnzimmer auf, doch bei dem Anblick, der sich ihr bot, blieb ihr sprichwörtlich die Luft weg.

Da stand Lucius, mit erhobenem Zauberstab, schwer atmend und zitternd. Seine Augen waren weit aufgerissen und sie konnte Schmerz und Reue in ihnen lesen. Vor ihm auf dem Boden nahe der Wand, lag Draco. Wie es schien, war er nicht bei Bewusstsein.
„Lucius, was hast du getan?“, flüsterte Narcissa und rannte sofort an die Seite ihres Sohnes. Bevor Lucius antworten konnte, flammte der Kamin grün auf und Severus Snape trat in den Raum. Er schaute zuerst auf Draco und Narcissa, dann auf Lucius und seine Miene verdunkelte sich. Auch er eilte zu Draco, zog seinen Zauberstab und murmelte: „Renervate!“
Als Draco die Augen aufschlug, half Severus ihm, sich aufzusetzen und gab ihm einen der Tränke, die er eigentlich für Lucius besorgt hatte.
„Hier, trink das, Draco.“

Als Narcissa sah, dass Severus sich um ihren Sohn kümmerte, stand sie auf und schritt auf Lucius zu. Dieser stand noch immer zitternd an derselben Stelle und schaute mit entsetzten Augen auf seinen Sohn.
„Sag mir nicht, dass du getan hast, was ich glaube!“, schrie Narcissa ihm nun entgegen und Tränen standen in ihren Augen. „Sag mir nicht, dass du deinen Zauberstab gegen meinen Sohn gerichtet hast! Du verdammter Mistkerl!“
Bei den letzten Worten hatte sie angefangen auf seine Brust einzuschlagen. „Sag endlich was!“
„Ich ... ich, Cissy, das, ... das wollte ich nicht!“ Er starrte auf den Zauberstab in seiner Hand, dann wieder auf Severus, der Draco inzwischen auf die Couch gesetzt hatte. Das Gesicht seines Sohnes war schneeweiß.
„Du wolltest das nicht?! Wie konnte ich nur so dumm sein. Seit WOCHEN mache ich mir Gedanken, dass du dich wieder in alte Muster fallen könntest. Und dabei ist es bereits zu spät!“
Narcissa schluchzte auf. Lucius wollte auf sie zugehen und machte Anstalten, sie in den Arm zu nehmen, aber sie wich sofort zurück und schlug seine Hand weg.
„Wag es nicht mich anzufassen!“, fauchte sie.
„Cissy, bitte, ich ...“ Doch bevor er den Satz zu Ende sprechen konnte, hatte seine Frau ausgeholt und ihm eine gepfefferte Ohrfeige verpasst.
„Ich will nichts hören!“ Narcissa hatte sich von ihm abgewandt und ging zu ihrem Sohn. „Draco, mein Schatz, geht’s wieder etwas besser?“
Der Angesprochene nickte nur. Der Schock über die Tat seines eigenen Vaters saß zweifellos tief.
Severus sah seinen alten Freund nur aus wütenden Schlitzen an, sagte aber nichts. Narcissa konnte ihm ansehen, dass die Standpauke für Lucius noch kommen würde. Allerdings nicht vor den Augen seiner Familie, wofür sie gleichzeitig etwas dankbar war. Nicht, dass ihr Mann es nicht verdient hätte, aber ihr Sohn sollte dabei nicht anwesend sein. Er hatte an diesem Tag schon genug abbekommen.
„Komm, Draco. Wir gehen rüber in den Salon.“ Zitternd stand Draco auf und folgte seiner Mutter.

~~~~

Sobald die beiden den Raum verlassen hatten, stürmte Severus auf seinen alten Freund zu.
„Bist du von allen guten Geistern verlassen? Das ist dein Sohn! Und mein Patenkind!“
Selten hatte Lucius seinen Freund so unbeherrscht erlebt. Normalerweise war er undurchschaubar und ließ seine Emotionen nie nach außen dringen. Aber jetzt war dessen Ausbruch wohl mehr als gerechtfertigt.
„Hier sind deine Tränke. Und schmier’ die Salbe auf deine Wunde. Ich kümmere mich um Draco und Narcissa.“
Damit drehte Severus sich um und überließ Lucius sich selbst. Dieser ließ sich rücklings in den Sessel fallen. Noch immer konnte er kaum fassen, was er da angerichtet hatte. War er wirklich so schwach, dass er bereits jegliche Kontrolle verloren hatte? Er hatte sich geschworen seine Familie zu schützen. Und jetzt wurde er anscheinend selbst zur Gefahr für sie.

Am nächsten Morgen herrschte noch immer Funkstille zwischen den Eheleuten. Narcissa hatte ihren Mann kurzerhand aus dem Schlafzimmer verbannt, sodass er seine Nacht in einem der Gästezimmer hatte verbringen müssen. Narcissa, Draco und Severus saßen bereits im Salon und Lucius hörte ihre Stimmen, sodass er kurz vor der Tür stehenblieb, um lauschen zu können.
„Cissa, bist du sicher, dass du das tun willst?“
„Nein, bin ich nicht. Aber ich glaube nicht, dass ich noch eine Wahl habe. Ich lasse nicht zu, dass Lucius auch noch Cyrus angreift.“
„Du weißt, dass es ihm Leid tut.“
„Und du weißt, dass es nicht das letzte Mal gewesen sein wird.“
„Ich befürchte, du hast Recht, Cissa. Ich werde dich begleiten.“
„Danke, Severus!
Begleiten? Wohin? Hatte seine Frau vor ihn im Stich zu lassen? Weil er ein Mal für kurze Zeit die Kontrolle verloren hatte? Das würde er nicht zulassen. Er trat in den Raum und sah seine Frau direkt an.
„Wohin soll Severus dich begleiten?“, verlangte er zu wissen.
Statt ihm zu antworten, wandte Narcissa sich jedoch an ihren Sohn. „Draco, hol doch bitte Cyrus aus dem Bett und bring ihn her. Peppy kann dir helfen, ihn fertig zu machen.“
Wortlos erhob sich der Junge und verließ den Salon.

„Cissy, was geht hier vor?“ Lucius’ Stimme war lauter geworden.
„Setz dich, Lucius“, sagte nun Severus. Widerwillig folgte er der Aufforderung. Den Ärger darüber, in seinem eigenen Haus so behandelt zu werden, schluckte er für den Moment herunter. „Würde mir dann mal jemand erklären, was hier los ist? Wohin wirst du meine Frau begleiten, Severus?“
„Ich werde Cyrus zu meiner Schwester bringen“, sagte Narcissa an Severus’ Stelle.
„Was? Du willst ihn nach Askaban bringen?“ War diese Frau denn vollkommen übergeschnappt?
„Zu meiner anderen Schwester.“
Andere Schwester? Wer außer Bella ... Moment. Das war doch wohl nicht ihr Ernst!
„Du willst unseren Sohn zu einer Blutsverräterin bringen? Bist du von allen guten Geistern verlassen? Was soll der ganze Unsinn eigentlich? Wieso solltest du unser Kind hier wegbringen? Und dann noch zu dieser ... Du weißt ja nicht mal, wo sie wohnt! Was lässt dich überhaupt glauben, dass sie unser Kind aufnehmen würde?“
‚Meine Frau ist vollkommen übergeschnappt!’, dachte er sich.

„Nun, wie du gestern eindrucksvoll bewiesen hast, ist es für unsere Söhne hier nicht mehr sicher. Draco wird in einigen Tagen wieder nach Hogwarts fahren, wo er in Sicherheit sein wird. Und ich werde bestimmt nicht darauf warten, dass du deine Unausgeglichenheit dann an Cyrus auslässt!“, entgegnete Narcissa scharf, woraufhin Lucius innerlich leicht zusammenzuckte. Es war ein einziger kleiner Moment der Schwäche gewesen und seine unverschämte Frau hatte nichts Besseres zu tun, als ihn gleich als Monster hinzustellen, das seine Kinder angriff.
„Und wenn du es genau wissen willst. Ich war schon bei ihr und sie wird mir helfen!“
Es kam nicht oft vor, aber dieser Satz sorgte dafür, dass Lucius die Gesichtszüge komplett entglitten. Was sollte das heißen, sie war schon da? Als ob Narcissa freiwillig einen Fuß in eine Muggelgegend setzen würde. Beinahe hätte er angefangen zu lachen. Diese ganze Sache war einfach nur lächerlich! Aber der Blick seiner Frau sagte leider etwas anderes.
„Du warst schon ... Was? Vergiss es Narcissa! Ich werde ganz bestimmt nicht zulassen, dass mein Kind auch nur in die Nähe dieses Abschaums kommt!“ Aus seiner Stimme war ein gefährlicher Unterton herauszuhören. Er stand kurz vorm Explodieren. Vielleicht war es doch ganz gut, dass Narcissa ihren Sohn aus dem Zimmer geschickt hatte.
„Mein Entschluss steht fest, Lucius. Und anstatt hier so einen Aufstand zu machen, kannst du mal schön darüber nachdenken, wessen Schuld es ist, dass ich erst auf diese Idee kommen musste!“ Narcissa sah ihrem Mann direkt in die sturmgrauen Augen. Ihr Blick war noch immer so kalt wie am Vortag. „Und wag es ja nicht mir irgendetwas vorzuschreiben! Dazu hast du kein Recht. Du nicht!“
Damit erhob sie sich und stürmte aus dem Raum. Lucius sah beinahe hilflos zum Tränkemeister, aber der schüttelte nur den Kopf.
„Das hast du ganz alleine versaut, mein Freund. Und Narcissa hat Recht. Was meinst du, wie lange es noch dauert bis der Dunkle Lord hier bei euch auftaucht. Deine Reaktion von gestern war nur der Auslöser, aber nicht der alleinige Grund für ihr Vorhaben.“
Der Hausherr erwiderte nichts und widmete sich stattdessen seinem Kaffee. Das Essen fasste er nicht an. Der Appetit war ihm gehörig vergangen.

Nach einiger Zeit kamen auch Narcissa und Draco wieder. Seine Frau hatte ihren Jüngsten auf dem Arm.
„Du meinst es wirklich ernst?“, fragte Lucius.
„Ja, allerdings. Es ist das Beste für ihn.“ Ihre Miene war entschlossen.
„Und was sollen wir der Gesellschaft erzählen, warum unser Kind weg ist? Hast du da auch mal drüber nachgedacht? Wir können ja schlecht erzählen, dass er bei deiner missratenen Schwester lebt“. Lucius hatte seine Augenbrauen hochgezogen und sah seiner Frau direkt in die Augen. Als ob sie es fertig bringen würde, ihr eigenes Kind wegzugeben! Das hier war wahrscheinlich wieder nur einer ihrer Launen, aber bitte, das Spiel konnte man auch zu zweit spielen.
„Der Einwand ist berechtigt“, mischte sich Severus ein. „Ich habe mir dazu ebenfalls Gedanken gemacht, seit du mir davon erzählt hast, Cissa. Es klingt hart, aber es wäre am einfachsten Cyrus für tot zu erklären.“
Dracos Augen weiteten sich, aber er sagte nichts. Super, jetzt stellte sich ausgerechnet Severus gegen ihn.
Narcissa seufzte. „Daran habe ich leider auch schon gedacht. So würde zumindest niemand Fragen stellen, der Dunklen Lord mit eingeschlossen.“
„Und wie sollen wir erklären, dass unser kerngesunder Sohn plötzlich gestorben ist?“, grätschte Lucius sogleich dazwischen.
„Wie ... ähm ... wie wäre es mit Drachenpocken?“, schlug Draco leise vor, wobei er seine Schuhe anstarrte, als hätte er sie zum ersten Mal gesehen.
„Deine Mutter ist Heilerin. Kein Mensch würde glauben, dass ausgerechnet ihr Kind an Drachenpocken stirbt“, schnappte sein Vater, dem dieses ganze Theater mittlerweile zu weit ging.
„Lucius hat Recht. Das wäre nicht glaubwürdig“, pflichtete Severus ihm bei und für kurze Zeit wurde es ruhig.
„Was ist mit plötzlichem Kindstod?“, unterbrach Narcissa die Stille, während sie Cyrus über den Kopf strich. „Es ist nicht nachweisbar. Und es kann Kinder bis zu einem Alter von zwei Jahren treffen.“ Sie schaute unsicher auf.
„Das wäre eine plausible Erklärung. Selbst als Heilerin wärst du in so einem Fall machtlos“, erwiderte Severus.

Lucius schnaubte leise auf, während Draco sich komplett raus hielt. Das Ganze kam ihm noch immer unwirklich vor. Sein kleiner Bruder sollte woanders leben. Bei einer Familie, die er nicht mal kannte. Eine Schlammblutfamilie. Das musste alles ein schlechter Scherz sein.

„Dann wäre das ja geklärt.“ Narcissas Stimme holte Lucius wieder in das aktuelle Geschehen zurück. Sie wagte es also tatsächlich ihn, ihren eigenen Ehemann vor vollendete Tatsachen zu stellen!
„Dann gäbe es nur noch ein Problem“, fuhr sie fort. „Der Stammbaum. Er ist magisch und wird unsere Geschichte sofort entlarven, falls ihn jemand anschauen sollte.“
„Das wird kein Problem sein. Ein Illusionszauber sollte uns helfen können“, meinte Severus. „Lucius, du hast doch sicherlich in der Bibliothek einige Werke, die uns da weiterhelfen könnten“, wandte er sich dann an den Hausherren.
Lucius lächelte spöttisch. Jetzt, wo sie Hilfe brauchten, wurde er auf einmal mit einbezogen. Verdammte Heuchler! „Könnte sein, dass dort etwas zu finden ist“, schnarrte er und sah Severus herausfordernd an. „Bleibt nur die Frage, warum ich danach suchen sollte.“
„Lucius, bitte. Denk doch an dein Kind!“
Irrte er sich oder war da ein flehender Unterton zu erkennen? Ja, Narcissa mochte einen starken Willen haben, aber sobald es um die Kinder ging, wurde sie schwach. Wie es aussah, hatte er also wieder alle Trümpfe in der Hand!
„Glaub mir, Liebes, ich denke an nichts anderes“, säuselte er und setzte in bester Manier sein Malfoy-Grinsen auf, während er anfing, mit den Fingern über Knauf seines Stockes, in dem sich sein Zauberstab verbarg, zu streichen.
„Wie wäre es also, wenn wir alle wieder zur Besinnung kommen und das Frühstück beenden“, sagte Lucius und deutete mit seiner Hand auf den noch immer reich gedeckten Tisch.
Draco ging eilig zu seinem Vater und setzte sich, während Lucius auffordernd zu seiner Frau sah. Aber Narcissa machte nicht einmal Anstalten, sich auch nur einen Millimeter zu bewegen, ebenso wenig wie Severus, der ihn mit seinen beinahe schwarzen Augen zu durchbohren schien.
„Narcissa!“, knurrte Lucius.
Endlich sah sie ihn an und das mit einer beinahe trotzigen Miene, die er so zum letzten Mal gesehen hatte, als sie sich gegen die alten Traditionen und gegen ihre Eltern gestellt hatte und Heilerin geworden war.
„Nein, Lucius! Cyrus kommt zu Andromeda, ob du willst oder nicht!“

Das konnte doch nicht wahr sein! Dieses verdammte Weib. Lucius stand auf und zog seinen Zauberstab, was Draco neben ihm heftig zusammenzucken ließ.
„Expelliarmus!“
Ehe Lucius überhaupt nachdenken konnte, wurde ihm der Zauberstab auch schon aus der Hand gerissen und landete vor Narcissas Füßen.
Sie hatte, noch immer ihr Kind auf dem Arm, ebenfalls ihren Zauberstab gezogen und war ihm zuvorgekommen. Cyrus sah mit großen Augen zwischen seinen Eltern hin und her und kuschelte sich enger an Narcissa.
„Wir werden das hier durchziehen und wenn dir auch nur irgendetwas an deiner Familie liegt, dann stehst du mir nicht im Weg, sondern hilfst mir!“
Wieder schnaubte Lucius auf. „Dein Plan ist dumm! Du willst ihn aufgerechet von einer Blutsverräterin aufziehen lassen?“
„Der Dunkle Lord sucht nicht nach ihr. Sie ist ein Reinblut und hat sich nie offen gegen ihn gestellt!“
„Dafür steht sie auf Bellatrix’ Liste ganz oben, das wird sich auch in den Jahren in Askaban nicht geändert haben!“, fauchte Lucius.
„Dann ist es ja vielleicht ganz gut, dass sie dort eingesperrt ist“, flüsterte Narcissa. „Es wird funktionieren, er wird sicher sein.“ Sie küsste Cyrus’ Stirn und strich ihm über die platinblonden Haare. Beinahe hätte Lucius den Eindruck bekommen, dass sie ihn fixierte, während sie das sagte, ganz so als wäre es nötig, dass ihr Sohn vor ihm sicher war. Aber das musste er sich nur eingebildet haben.

„Wir sollten gehen“, mischte Severus sich ein und hob dabei Lucius’ Zauberstab auf.
„Ja, du hast recht. Komm, Draco“, sagte Narcissa.
Draco schaute seine Mutter mit hochgezogenen Augenbrauen an.
„Ich will, dass du mitkommst, damit du meine Schwester kennenlernst“, beantwortete Narcissa seine stumme Frage.
Mit einigem Zögern und einem beinahe ängstlichen Seitenblick auf Lucius ging Draco zu Narcissa und Severus, der langsam auf Lucius zuging und ihm seinen Zauberstab entgegenhielt.
„Sag auf Wiedersehen zu deinem Vater“, sagte Narcissa leise zu Cyrus, der daraufhin sein Händchen hob und unbeholfen in seine Richtung winkte.
Ohne ein weiteres Wort, drehte Narcissa sich um und ging gefolgt von Severus und Draco, der ihm noch einen fast hilflosen Blick zuwarf, aus dem Raum. Lucius blieb allein zurück und war so perplex, dass er sich bei dieser Szene nicht rühren konnte. Narcissa hatte ihn tatsächlich hintergangen!
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