Du hast ihn, ich hab Ibiza

GeschichteRomanze, Freundschaft / P16
OC (Own Character) Stephan Weidner
24.02.2017
27.02.2017
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Beim Verlassen des Flughafens schlug ihr die Wärme entgegen. Im Vergleich zum kalten Deutschland wirkte es geradezu heiß und stickig, was auch an dem Pullover und den zwei Schichten liegen konnte, die sie darunter trug. Die Jacke hatte sie gar nicht erst angezogen und das Halstuch kratzte über die Haut und hinterließ ein unangenehmes Gefühl. Vielleicht sollte sie es einfach abnehmen und in ihre Tasche stopfen, aber dann wäre der Kragen so langweilig und sie wollte doch gut aussehen. Erwachsen, kompetent, seriös und selbstsicher. Eine Homestory, zahlreiche Interviews, ein paar Fotos und dann wieder nach Hause, die Eindrücke verarbeiten, die Informationen in einen Bericht quetschen und vielleicht niemals gelesen werden.
Einen Moment lang bereute sie, die Einladung angenommen zu haben. Eine dumme Idee, vermischt mit dem stummen Wunsch, Geld zu verdienen mit etwas, das sie liebte. Dafür hatte sie sich den falschen Promi und den falschen Job ausgesucht, das falsche Thema, die falsche Zeitschrift, das falsche Leben. Am besten wäre es, sie würde umdrehen, jetzt sofort, und den nächsten Flug nach Deutschland nehmen. Wie hatte sie einwilligen können – wie hatte er das tun können?
„Hola … äh … excuse … Perdone … como …“ Ihr Spanisch ließ sie im Stich, als sie einen der Taxifahrer ansprechen wollte. Gedanklich schaffte sie es nicht mal, den Satz auf Deutsch zu formulieren, vermischte Englische und Spanische Vokabeln und verstummte schließlich ganz mit hilflosem Blick auf den Spanier, der vor ihr stand und sie fragend ansah. An ihr drängte sich ein Mann mittleren Alters mit Anzug und fliegender Krawatte vorbei. Der kleine Rollkoffer flog geradezu hinter ihm her und eine Tasche, die anscheinend für sein Laptop gedacht war, schlug gegen seine Hüfte. In perfektem Spanisch wies er den Taxifahrer an, ihn an Ziel zu bringen und nach wenigen Augenblicken waren beide entschwunden.
Verdammt, das fing schlecht an. Genauso wie sie es sich vorgestellt hatte. Die Versagerin, zu schüchtern für alles, wie immer. Wie hatte sie nur dieses Interview und diese Einladung bekommen? In sich spürte sie Enttäuschung und Tränen der Wut über sich selbst aufsteigen, aber sie konnte schlecht hier am Flughafen zu weinen anfangen aus einem nichtigen Grund – und dann auch noch verheult vor ihn treten. Das wäre ja perfekt. Nein, das ging auf gar keinen Fall. Einmal tief durchatmen, die Gedanken sammeln und vielleicht sollte sie es mit Englisch versuchen. Das nächste Taxi bog schon auf den Parkplatz, ein neuer Versuch also.
„Hola senor, perdone …“
„Hola senorita, como estas?“ Es war eine tiefe Stimme, die schräg hinter ihr aufgetaucht war. Obwohl die freundliche Begrüßung jedem hätte gelten können, spürte sie instinktiv, dass sie gemeint war. Die sonore Stimme war einfach unverkennbar. In ihr lagen Bestimmtheit, Wärme und gleichzeitig eine Art Heimatgefühl.
„Hola, Stephan. Muy bien y … äh … como estas?“ Sie spürte, wie ihr Gesicht die Farbe wechselte und sie feuerrot anlief. Rasch senkte sie den Blick und suchte einen Punkt auf seiner Brust, um ihm nicht in die Augen sehen zu müssen.
„Muy bien, gracias.“ Sein Lächeln lag in seiner Stimme, dazu brauchte man ihn nicht ansehen. Aber es war auch unhöflich, seinem Blick auszuweichen. Vorsichtig suchte sie seine Augen und schluckte hart. Der Blick war warm und sanft, in ihm lagen Freude und eine gewisse Verletztheit gleichzeitig. Ihr stockte für einen Moment der Atem und sie musste sich scharf zur Ordnung rufen, schließlich war sie nicht hier, um sie zu verlieben, schon gar nicht einen vergebenen Mann, dessen Freundin sie bald kennenlernen würde.
„Schön, dass du da bist, Paulina. Willkommen auf Ibiza!“
„Danke. Vielen Dank für die Einladung. Äh … ich wollte gerade ein Taxi …“, intelligenter hätte sie kaum reagieren können.
„Ich hab’s gesehen. Aber ich dachte mir, warum sollte ich dich nicht abholen. Du kennst dich hier nicht aus und das Taxi kannst du dir sparen. Eigentlich wollte ich dich in der Halle abholen, aber ich war etwas spät dran. Also hätte ich fast dem Taxi hinterherfahren müssen.“ Er schmunzelte und griff nach ihrer Tasche.
„Nein, das ist nicht … ich kann sie selbst tragen … Stephan …“ Hör auf zu stottern, schalt sie sich. Hör auf mit der Nervosität!
„Ich bezweifle nicht, dass du das kannst, aber ich halte es für unnötig. Schau mal“, er hob die Tasche hoch, „ich kann sie auch tragen.“ Immerhin hatte er Humor und versuchte nach Leibeskräften, ihr die Nervosität zu nehmen, die der Musiker zweifellos spürte.
„Komm mit. Sag mal, ist dir das nicht zu warm mit dem Pulli und dem Tuch? In Deutschland ist es kalt, habe ich gehört, aber hier…“ Während er sprach, setzte er eine Sonnenbrille auf und führte er sie zu seinem Wagen, der auf einem der Parkplätze vor dem Gebäude stand. Schwungvoll landete ihre Reisetasche im Kofferraum und er hielt ihr die Tür auf. Ein Gentleman durch und durch. Paulina beobachtet, wie er um das Auto herumging, in seine Hose griff und ein Handy hervorholte. Durch die dunklen Gläser konnte sie seine Mimik schwer deuten, aber seine Schultern schienen herabzusinken und er drückte mit dem Daumen auf das Display und steckte das Handy weg, dann stieg er ein und lächelte ihr zu, zögernder, kühler, als sei auf dem kurzen Weg um das Auto etwas geschehen. Aber Paulina wagte nicht, ihn zu fragen.
Das Auto roch nach Hund und auf der Rückbank konnte sie einige grauschwarze Haare erkennen, die eindeutig von einem Tier stammten. Im Fußraum lag ein Halsband, daneben eine Leine, die einen sehr stabilen Eindruck machte, Hundespielzeug, das zerkaut wirkte.
„Du hast einen Hund“, versuchte sie, ein Gespräch zu beginnen, während Stephan durch den mäßigen Verkehr lenkte.
„Wusstest du das nicht?“, fragte er erstaunt zurück. „Also, ich hoffe, du bist nicht gegen Hunde- oder Katzenhaare allergisch, sonst müssen wir eine Lösung finden. Ich dachte, das sei bekannt, dass …“
„Vermutlich. Ich weiß nicht … Du hattest mal eine Katze mit epileptischen Anfällen…“
„Das ist … zwanzig, dreißig, weiß nicht, das ist ewig her. Da war ich mit Pia verheiratet und … Wie kommst du darauf?“
„Das hab ich gelesen.“
„Danke für Nichts.“
„Ja, sehr aufschlussreich, zumindest über die ersten Jahre.“
„Danach fehlt es, ich weiß. Aber wir haben so viel gemacht. Wir haben die Videos, es gibt tausend Bücher über uns, gute und schlechte natürlich, wir haben die Fans zu Wort kommen lassen. Ich weiß nicht, Biografien sind überholt. Was sollen wir schreiben?“
„Ihr habt viel zu erzählen. Es ist viel passiert in den Jahren.“
„Ja“, bestätigte Stephan nachdenklich und blicke auf die Straße. „Es ist viel passiert. Bei uns allen. Aber wir müssten so viel erzählen, das … Paulina, wir haben in den nächsten Tagen genug Zeit. Lass uns da mal in Ruhe drüber sprechen.“ Er holte tief Luft und wirkte für einen Moment angreifbar und unsicher. Etwas, das sie nicht von ihm kannte, aber wie gut kannte sie ihn denn überhaupt? Wenn man es genau nahm, überhaupt nicht. Ein paar kurze Gespräche, Emails mit wenigen Sätzen, zwei Telefonate.
„Natürlich, klar, ich wollte jetzt auch kein Fass aufmachen oder Themen ansprechen, die … über die du nicht sprechen magst.“
„Darum geht es nicht. Ich hab nichts zu verbergen und das haben wir auch immer versucht, den Fans gegenüber auszuleben. Wir waren immer offen und ehrlich…“
„Ihr werdet trotzdem der Lüge bezichtigt“, im selben Moment hätte Paulina sich ohrfeigen können, dass sie das gesagt hatte. Natürlich wurde der Band vorgeworfen, ihre Fans belogen zu haben und wortbrüchig geworden zu sein. Niemand wusste das besser als Stephan, der mehrfach deutlich Stellung dazu bezogen hatte und dem es mittlerweile egal war, was man ihm und den anderen vorwarf.
„Ja, das werden wir“, presste der Musiker hervor und seine Hände krallten sich um das Lenkrad. Jetzt hatte sie einen schlechten Einstieg gehabt und vielleicht sogar alles versaut. Wirklich toll. Am liebsten hätte sie die Zeit zurückgedreht.
„Es tut mir leid“, begann sie, doch Stephan unterbrach den Satz sofort.
„Nein, das muss dir nicht leidtun. Wir sind nicht hier, um eine rosa Welt aufzubauen und alles schönzureden oder zu verschweigen. Ich kann nur diesen Vorwurf nicht mehr hören, das ist aber gar nicht deine Schuld. Wer keinen Bock mehr auf uns hat, der soll gehen, unsere Platten verbrennen und uns ignorieren. Das ist meine Meinung dazu. Paulina, wir haben in den nächsten Tagen genügend Zeit über vieles zu sprechen, auch darüber. Ich hab gerade ein bisschen was um die Ohren und es tut mir leid, dass du das jetzt mitkriegst, weil das … Ich hab dich nicht eingeladen, damit du hier eine beschissene Zeit hast, sondern weil ich dein Vorhaben gut fand. Es ist nur …“
„Ich komme ungelegen“, schlussfolgerte die junge Frau und stieß die Luft aus.
„Ja. In gewisser Weise.“ Wenn man unerwartet eine Ohrfeige bekommt, ist es ein sehr ähnliches Gefühl. Paulina war enttäuscht und fühlte sich als Störfaktor alles andere als wohl. Warum hatte Stephan nicht einfach abgesagt und sie wieder ausgeladen, das Treffen verschoben, ihr irgendeinen nichtigen Grund genannt? Das wäre doch die einfachste Lösung gewesen.
„Ich kann auch wieder fahren … fliegen. Komm, setz mich bitte einfach bei einem Hotel ab und ich besorge mir einen Flug für morgen früh. Wir müssen das hier nicht machen, nicht jetzt, überhaupt nicht.“
„Nein“, beeilte sich Stephan zu sagen und verstummte. Nun kam er sich extrem dumm vor. Seine Worte waren alles andere als nett oder gut gewählt gewesen, das wusste er. Wenigstens etwas, wenn er so viel anderes nicht wusste.
„Wir sind gleich da“, kommentierte er ein letztes Abbiegen und wies auf eine Mauer, die sich rechter Hand aufbaute. „Lass uns ankommen, ich zeige dir dein Zimmer und dann erkläre ich es dir.“
„Okay“, sagte Paulina leise. Sie hatte keine Lust mehr.