„Hilfe, ich habe ein konstruktives Review bekommen!“

KurzgeschichteAllgemein / P6
23.02.2017
23.02.2017
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Hilfe, ich habe ein konstruktives Review bekommen!“, oder: der verletzte Stolz des Autors


Wie oft haben sich gutmeinende Menschen die Mühe gemacht, ruhig und fundiert Kritik zu üben, in der Hoffnung, einem Anfänger die Fehler zu ersparen, die sie selbst gemacht haben, nur um ein patziges „Musst ja nicht lesen, wenn es dir nicht gefällt“ zurückzubekommen? Zu oft.

Das hier kann als eine Art Geschwister-Artikel zu „Hilfe, ich will ein Review schreiben, aber ich weiß nicht wie!“ gesehen werden. Denn wenn sich etwas ändern soll an der Reviewkultur, bin ich die erste, die sagt, dass Leser den Respekt vor Reviews verlernen müssen (es ist nichts Hochwissenschaftliches, wirklich nicht) – aber auch diejenige, die sagt, dass Autoren nicht pampig auf erhaltene Kritik reagieren, zu der sie aufgefordert haben.

Dieser Text soll sich an alle Autoren richten, die die Entscheidung getroffen haben, sich zu verbessern. Die an dem Punkt sind, dass sie Rechtschreibung, Grammatik und Zeichensetzung beherrschen, ihre Hausaufgaben bei Recherche-Fragen gemacht haben und jetzt ans Eingemachte wollen: dass jemand sich den Inhalt anschaut.

Schritt 1. Seid ruhig verletzt und enttäuscht, dass ihr nicht den perfekten Text abgeliefert habt, den ihr geplant hattet. Das geht mir nicht anders! Ich glaube auch nicht, dass jemand so professionell sein kann, dass er dann nicht im ersten Moment so reagiert, weil das hieße, dass er sich nicht darum kümmert, ob seine Geschichte gut ankommt.

Schritt 2. Beruhigt euch. Antwortet nicht sofort. Egal, wie kritikfähig ihr euch selbst seht – Schreiben ist ein emotionales Geschäft, und eure Emotionen werden euch da reinfunken.

Schritt 3. Werdet euch bewusst, dass es nichts Schlimmes ist, ein konstruktives Review zu bekommen, das Kritik enthält. Es ist keine Kritik an euch als Person. Nur, weil ihr etwas falsch gemacht habt, seid ihr nicht dazu verdammt, es jetzt immer und immer falsch zu machen. Wie schon gehabt – wir wachsen. Wir lernen. Seid nicht zu hart mit euch selbst. Begreift, dass das hier eine Chance ist, Dinge über euer Geschriebenes zu lernen, für die ihr vorher blind wart und an denen ihr in Zukunft arbeiten könnt.

Schritt 4. Lest das Review nochmal. Öffnet das Kapitel, auf das es sich bezieht und schaut euch an, was kritisiert wurde.

Schritt 4.1. An diesem Punkt wird die Sache nochmals wehtun. Ihr müsst euch nämlich – zuerst nur aus Sicht eines Lesers, nicht des Autors – mit der Kritik auseinandersetzen.

Nehmen wir ein Beispiel, wo das schwieriger ist als bei Dingen, die schwarz und weiß sind, wie zum Beispiel Rechtschreibung und Grammatik: beklagt wurde, dass eine Szene langweilig gewesen sei und wirken würde, als wäre sie nur da, um die Geschichte künstlich in die Länge zu ziehen. Ihr lest also das Kapitel und versucht euer Bestes, es nicht so zu lesen, als könntet ihr es schon in- und auswendig, und stellt fest: Mist. Der hat Recht. Das ist langweilig.

Wie jemand treffend in einem konstruktiven Review zu diesem Text bemerkte: das ist jetzt leichter gesagt als getan. Schließlich ist es immer noch euer Text, und objektiv an eine ohnehin schon sehr subjektive Sache heranzugehen, ist schwer. Eine wirkliche Anleitung dazu, wie man das innerhalb von zwei Absätzen Text in einem Essay lernt, kann ich euch nicht geben. Das beste Rezept ist immer noch Abstand – zeitlich wie emotional. Geschriebenes im ersten Entwurf ist selten gut, aber direkt danach denkt man das oft, und das ist etwas, das lässt sich nur schwer vermeiden.

Einen gewissen Horizont durch viel Lese- und Schreiberfahrung in einem Genre zu haben, hilft außerdem ungemein, da man einen realistischen Vergleichshorizont hat und wahrscheinlich auch schon vergleichsweise sicher im eigenen Stil ist.

Womit wir zum letzten Punkt kommen: den eigenen Stil zu kennen, mit all seinen Stärken, aber auch Schwächen, stellt einen großen Teil dieses Punktes dar. Das ist am Anfang wirklich unangenehm, weil man beim Schreiben für gewöhnlich sein Bestes gibt und nicht unbedingt wahrhaben will, dass das Ergebnis nicht so geendet ist, wie es in der eigenen Vorstellung ausgesehen hat. Nichtsdestotrotz führt dieser Weg auf Dauer zum Erfolg. Um ein Beispiel anzubringen – als ich einmal einen meiner ersten Texte las, hatte ich wenig in Punkto Wortwahl zu bemängeln. Die gefiel mir immer noch ganz gut. Auch von der Charakterzeichnung war da ein guter Ansatz vorhanden. Meine Schwächen lagen stattdessen in einem gleichmäßigen Lesefluss (durch zu viele Schachtelsätze hintereinander gestört) und nicht-vorhandenem Pacing. Das war bitter, um genau zu sein, aber letzten Endes habe ich mich hingesetzt und recherchiert, wie man überhaupt so plottet, damit es nicht über Kapitel hinweg sinnlos und langweilig ist, nur um dann abrupt zu enden. Und ich habe gelernt, ein Kapitel erst mal zu schreiben, dann für ein paar Wochen in Ruhe zu lassen, und nochmal zurückzukommen – und gegen Ende generell nochmal zwei, drei Runden zu editieren. Wobei ich da dann hauptsächlich auf diese vermaledeiten Schachtelsätze achte...

Zusammenfassend gesagt; objektives Herangehen an den eigenen Text ist etwas, womit man nicht geboren wird, sondern das man trainiert. Dies geschieht durch eine Kombination aus Beta-Lesern, Lesen, Schreiben (und erst mal ruhen lassen) von Texten, Selbstkenntnis und Selbstkritik. Puh.

Schritt 4.2. Jetzt ist es sehr wahrscheinlich, dass der Autor in euch erst mal Widerspruch einlegt, denn er hatte ja Gründe, das so zu schreiben: die Szene enthält ein extrem wichtiges Detail, das ihr dem Leser unterjubeln musstet für einen späteren Wendepunkt in der Geschichte. Oder ihr mögt die Szene, weil sie einen Charakter näher beleuchtet. Dennoch ist sie langweilig, also muss an der Umsetzung was getan werden.

Am Rande ein Tipp: am Anfang denkt man oft, dass eine Geschichte nur auf diese oder jene Art funktionieren wird, wie ihr sie schreibt. Not macht erfinderisch, und oftmals stellt man beim Experimentieren fest, dass das alles gar nicht so niet- und nagelfest ist. Seid flexibel! Überlegt euch, ob ihr das Detail in einer anderen Szene unterbringen könnt oder die Figurenzeichnung vielleicht nicht doch besser natürlich in die Story einfließen lasst, indem ihr in den restlichen Szenen erwähnt, wie der Charakter spricht, handelt und sich verhält.

Schritt 4.3. Wenn ihr den maximalen Nutzen für euch aus dem Review ziehen wollt, müsst ihr euch außerdem die Frage stellen, ob sie auf viele andere Beispiele aus eurer Arbeit zutrifft. Das kann schwer zu erkennen sein, besonders wenn es sich um so subtile Dinge wie Pacing handelt oder „leere“ Szenen. Bei Dingen wie zu detaillierten Beschreibungen ist es einfacher.

Als Autor ist es wichtig, die eigenen Stärken, aber auch die eigenen Schwächen zu kennen. Ein paar Monate, nachdem ich meine erste Geschichte 2014 beendet hatte, musste ich feststellen, dass ich ein Spitzenkandidat für beide Dinge war, die gerade angesprochen wurden. Die Realisation tat weh, weil ich mich bemüht hatte, so wenige Fehler wie möglich zu machen. Ich war flüchtig versucht, in den Modus von „Das ist eben mein Stil! Meine Leser haben nie was dazu gesagt, die haben explizit gelobt, wie gut man sich alles vorstellen kann!“ zu verfallen. Aber die Wahrheit war: das war mein Stil, aber nicht so, wie ich ihn haben wollte. Mir war selbst negativ aufgefallen, dass es zu langgezogen war.

Was habe ich daraus gemacht? Ich habe eine zweite Geschichte geschrieben und aktiv daran gearbeitet, Dinge besser zu machen. Ich habe mich informiert, wie ich lernen kann, besser komprimierte Geschichten zu schreiben. Heute ist es grundlegender Bestandteil meines Arbeitsprozesses, dass ich mich frage, was ich mit einer Szene bezwecken will. Ich zwinge mich außerdem nicht mehr, Dinge ausschweifend zu beschreiben, wenn ich sie in meiner Vorstellung von der Szene nicht in den Fokus gerückt habe. (Ich bin ein visueller Autor; ich sehe eine Szene wie einen Film vor mir, mit Cuts zu verschiedenen Charakteren und Details. Wenn sich zwei Charaktere unterhalten, dann liegt mein Fokus eher darauf, wie sie reagieren, als auf einer Blumenvase im Hintergrund… es sei denn, einer der beiden wirft sie aus Trotz um.)

Durch die Erkenntnis, dass man eine Schwäche hat, kann man darauf achten. Es wird nicht von heute auf morgen verschwinden. Ich schreibe immer noch die ein oder andere leere Szene! Der springende Punkt ist – sie schafft es nicht mehr unbemerkt in die finale Ausarbeitung.

Ihr werdet nie eine komplett fehlerfreie Geschichte schreiben, egal in welcher Hinsicht. Wer das versucht, blockiert sich selbst. Schreibt so, dass ihr guten Gewissens seid, euer Bestes gegeben zu haben. Das Schöne an "sein Bestes geben" ist, dass es immer relativ ist; nicht nur von Person zu Person, sondern auch von Tag zu Tag, von Jahr zu Jahr. Ihr lernt. Mit genügend Selbstreflexion und Kritikfähigkeit werdet ihr stetig wachsen, sodass eure Geschichten neue Level an Qualität erreichen, aber das ist nur möglich, wenn man keine Angst davor hat, zu erkennen, dass man Fehler macht und machen wird.

Schritt 4.4. Allgemein: ihr seid nicht verpflichtet, Kritik anzunehmen. (Ausnahmen sind hier Fakten, die man mit einer schnellen Google-Suche verifizieren kann, aber ich unterstellte jetzt mal genügend Reife, dass man nicht anfängt, darüber zu diskutieren). Kritik ist nur ein Eindruck, wie ein Text wirkt, und das ist genauso subjektiv wie euer eigener Eindruck davon. Nichtsdestotrotz solltet ihr ehrlich zu euch selbst sein und hinterfragen, inwieweit ihr die Kritik umsetzen solltet. Es gibt unterschiedliche Geschmäcker – ein Leser wird meckern, dass ihr zu viele Adjektive verwendet, ein anderer findet gerade das toll an eurem Schreibstil… aber ob ihr tatsächlich in Zukunft weniger Adjektive verwendet, hängt rein von euch ab. Wenn ihr ehrlich sagen könnt, dass euch das nicht stört, dann macht weiter so. Aber wichtig ist, dass ihr euch fragt, ob euer Geschriebenes mit der Kritik nicht vielleicht doch besser wäre, anstatt alles mit dem äußerst schlechten Totschlagargument von „Das ist eben mein Stil“ abzutun.

Schritt 5. Antwortet. An diesem Punkt ist ein bisschen Zeit vergangen, die Gemüter dürften sich abgekühlt haben. Bleibt sachlich. Dankt dem Reviewer für seine Mühe. Tut euer Bestes, ihm zu vermitteln, in welchen Punkten seine Anmerkungen euch geholfen haben; wenn ihr euch entschieden habt, dass er recht in Punkten hat, sagt ihm, dass ihr in Zukunft darauf achten werdet (und tut das dann auch bitte, wenn ihr es sagt). Solltet ihr in manchen Punkten zu dem Schluss gekommen sein, dass ihr nicht mit ihm übereinstimmt, teilt ihm mit, dass ihr über den Einwand nachgedacht habt und zu dem Schluss gekommen seid, dass ihr das an eurem Schreibstil mögt.

Schritt 6. Schreibt weiter an eurer Story, mit dem neu erworbenen Wissen um mögliche Schwächen des Textes. Es gibt kein besseres Mittel gegen schlechte Texte, als zu schreiben und zu reflektieren. Wenn ihr nicht wisst, wie ihr angesprochene Kritikpunkte trainieren könnt, bietet das Internet euch zahllose Ressourcen. Schreiben sollte Spaß machen, aber etwas technisches Wissen kann nie schaden und wird euch mit der Zeit mehr Sicherheit verleihen, was Entscheidungen beim Schreiben anbelangt.

Im Grunde ist damit schon alles gesagt. Anstatt jetzt alten Schwächen nachzugeben und die Wortzahl bis auf 1500 zu zwingen, bedanke ich mich hiermit für die Aufmerksamkeit und verabschiede mich. Und immer dran denken: seid nett; nicht nur zu anderen, sondern auch zu euch selbst.
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