Reflexion eines Verrates verloren in der Unendlichkeit

von Myera
GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P6
Amber Hei Misaki Kirihara OC (Own Character) Pai Yin
22.02.2017
10.12.2017
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10.12.2017 3.145
 
Diesmal war die Wartezeit viel zu lang.

Hei hatte viel zu grübeln, während er auf die nächste Erscheinung wartete. Er dachte über alles nach, was gesagt worden war. Mit dem Schluss, dass er ihnen vertrauen wollte. Nach alledem konnte er nicht glauben, dass sie ihn verraten würden... Das Misstrauen seinerseits war hoch, vor allem Amber gegenüber, aber im Endeffekt hatten sie ihm geholfen, auch wenn er sich nicht sicher war, ob er damit wirklich würde gewinnen können.

Er schreckte auf, als ein Rauschen erklang, fast als wäre ein Wassertropfen in einen Teich gefallen. Er ahnte schon, wer da auf ihn wartete, und war nicht überrascht, als Yins große, leere Augen seinen Blick erwiderten.

Wie lächerlich, dachte er. Eine Doll soll mir einen Vortrag halten.

Yin blickte ihn bar jeder Emotion an, aber er meinte, einen Hauch Freude in ihren Augen zu entdecken. Er hatte schon immer gewusst, dass Yin ihn mochte, und auch sie war wichtig für ihn. Im Gegensatz zu manch anderen fiel es ihm leicht, das zuzugeben. Es änderte schließlich nichts. Yin war hier genau so gefangen wie er, und die Spinnenfäden des Syndikats waren nicht dazu gemacht, ihnen jemals zu entkommen.

Als Yin sprach, war ihre Stimme wie immer gleichmäßig monoton. Hei entspannte sich merklich. Was für andere irritierend war, war für ihn vertraut. Es bedeutete für ihn Normalität. „Du hast es fast geschafft, Hei. Nur noch eine Erscheinung, dann wirst du bereit sein.“

Hei blickte ihr tief in die Augen und suchte nach etwas, das verriet, dass sie doch nicht hier war, um ihm zu helfen. Er kannte diese Augen besser als irgendwer sonst, und wenn etwas anders gewesen wäre, hätte er es sofort bemerkt.

Der Hauch eines Lächelns zuckte über ihr Gesicht, als er sie aufmerksam ansah. Etwas in Hei zog sich zusammen, als er daran dachte, dass er sie vielleicht niemals wieder sehen würde, falls er hier verlor. Seltsamerweise störte es ihn nicht einmal. Es bedeutete nur, dass Yin ihm so wichtig war, dass er seinen Selbsterhaltungstrieb noch stärker ausleben würde. Und das war gut, oder?

„Yin... Du kennst die essentiellen Fragen, oder?“

Yin nickte kaum merklich. „Natürlich. Weil du sie eigentlich auch kennst.“

Erst jetzt bemerkte Hei, dass sie in einem Teich stand. Er ging auf sie zu, aber das Wasser durchnässte ihn nicht. Direkt vor ihr blieb er stehen. „Bitte hilf mir.“

„Du hast dich verändert, Hei“, sagte sie darauf. „Früher wärst du eher gestorben, als um Hilfe zu bitten. Größtenteils bist du immer noch so, wenn auch nur, weil du es meistens wirklich allein schaffst. Du bist stark. Das weißt du.“

Hei nickte, ohne etwas zu sagen.

„Deswegen glaube ich, dass du die Fragen jetzt beantworten kannst. Auch wenn sich dir der Sinn nicht erschließen mag, musst du ehrlich sein. Ansonsten wirst du hier gefangen sein ohne Aussicht auf Erlösung.“

„Was bedeutet das? Heißt es, ich kann hier nicht sterben?“

Yin zögerte. Dieser Zug war unerwartet menschlich. „Es gibt schlimmere Dinge als den Tod, Hei.“

Auch das wusste er. Indirekt hatte sie seine Frage beantwortet, allerdings reichte es ihm nicht.

„Wie lauten die Fragen?“

Yin schüttelte den Kopf. „Du bist zu voreilig. Ich bin nicht die Person, die sie dir stellen sollte, und mir solltest du auch nicht antworten.“

Hei nahm es mit Gelassenheit auf. Das bedeutete, dass die nächste Person – die, wie er vermutete, den krönenden Abschluss bilden würde – sie ihm stellen würde. Auch wenn er erleichtert war, betrachtete er das Ende dieses Ereignisses doch auch mit Wehmut. All diese Menschen waren ihm einmal wichtig gewesen. Unabhängig davon, wie sie auseinander gegangen waren, war es schön gewesen, noch einmal ohne Hintergedanken mit ihnen zu reden.

„Ich rede nicht genug, um dir alles zu erklären“, sagte Yin mit dem Anflug eines Lächelns. „Das passt nicht zu mir und würde deine Illusion zerstören. Also geh. Wir werden uns bald wieder sehen – hoffentlich in der realen Welt.“

Sie wandte sich ab, aber Hei griff nach ihrem Arm. „Danke, Yin. Danke für alles.“

Die ausdruckslosen Augen sahen einen Moment aus, als ob da ein Gefühl hinter ihnen steckte... aber es war zu schnell verschwunden, als dass Hei hätte sicher sein können.
Und dann war sie auch schon weg.

*


Hei machte ein paar Schritte, und als er blinzelte, befand er sich plötzlich an einem See. Die Nacht war klar und eine Sternschnuppe zog vorbei. Hei legte eine Hand auf das Teleskop, das vor ihm stand. Er erinnerte sich an jenen Abend, und als er Pai sah, wie sie in dem See stand und in den Himmel zeigte, war er nicht überrascht.

„Erinnerst du dich?“, fragte sie. Sie lächelte ihn an, als Hei nur stumm nickte, weil ihm das Wiedersehen die Kehle zuschnürte. Sie trug das gleiche Kleid wie damals und wirkte so unglaublich unschuldig und schön darin, dass er es kaum glauben konnte.

Pai drehte sich und ihr Kleid schwang. Dann rannte sie auf ihn zu und mit jedem Schritt wurde sie älter. Das Kleid verschwand und machte ihrem Kampfanzug Platz. Als sie bei ihm ankam, sah sie aus wie an dem Tag, an dem er sie verloren hatte.

Hei war größer als sie und sah auf sie herunter. „Pai“, sagte er nur.

Pai lächelte ihn an, etwas, was in den Jahren vor ihrem Verschwinden immer seltener geworden war. Immerhin war sie im Gegensatz zu Hei ein vollwertiger Contractor gewesen. „Du siehst gut aus, Bruder.“

Er wollte antworten, wirklich, aber wieder schnürte es ihm die Kehle zu. Gott, vermisste er sie. Und diese Begegnung machte es nur noch schlimmer, weil er genau wusste, dass sie ihn wieder verlassen würde.

Pai berührte sanft sein Gesicht und Hei spürte, wie eine Träne seine Wange hinablief.
„Pai...“

„Ich habe dich auch vermisst, Bruder“, sagte sie immer noch lächelnd. Dieses Lächeln hatte er ebenfalls vermisst. Vielleicht war das der Grund, warum sie ihm so erschien, so ganz anders als ihr normales Contractor-Ich. Der Kampfanzug und die Frisur stammten aus ihrer Contractorzeit, alles andere jedoch erinnerte ihn an ihr Selbst aus ihrer Kindheit. Wahrscheinlich war das immer sein Wunsch gewesen: Ihre Stärke gekoppelt mit ihrer Empathie.

Hei hielt ihre Hand fest, damit sie sie nicht wegnehmen konnte. Er wusste, dass es zwecklos war, aber er konnte einfach nicht anders.

„Es sieht so aus, als ob du beinahe am Ende angekommen bist“, sagte sie.

„Wessen Ende?“

Sie wurde ernst. „Je nachdem, wie du mit den Erkenntnissen hier umgehst, deines oder ihres.“

Hei nickte langsam. Natürlich. Was hatte er auch erwartet, was sie sagen würde? Und warum kam er sich dabei irgendwie betrogen vor?

Pai wollte ihm ihre Hand entziehen, aber Hei ließ es nicht zu. Er sah sie fest an und sagte nichts, bis sie den Kopf schüttelte. „Du hast es immer noch nicht verstanden, oder? Ich bin vielleicht deine Schwester, aber unsere gemeinsame Zeit ist vorbei. Du musst loslassen.“

Ihr drängender Tonfall machte ihm erst wieder bewusst, wie wütend er auf sie war. Auf sie, auf Amber, auf das Syndikat, auf die Welt, weil sie so war, wie sie war.

Er verstärkte seinen Griff, und auch als sie das Gesicht verzog, ließ er nicht locker. „Was erwartest du von mir?“

Ihre Augen waren voller Mitleid. Hei verstand es nicht und es machte ihn noch wütender.
„Dasselbe, was du hier tun musst, um zu gewinnen... Geh weiter und lass mich zurück. Und beantworte dir die Fragen, die du dich nie getraut hast zu stellen. Nur dann kannst du endlich wieder glücklich sein.“

„Und wenn ich nicht glücklich sein will?“, fragte Hei sie ernst. „Was ist, wenn du mir so fehlst, dass das unmöglich ist?“

„Weil das keine Option ist“, antwortete sie.

Hei sah sie an, Pai sah ihn an. Schweigend.

Schließlich ließ Hei ihre Hand los. Sie lächelte ihn an. „Du magst Angst vor den Fragen haben, weil du Angst davor hast, überhaupt an dir zu zweifeln, aber die Antworten sind nicht erschreckend“, sagte sie.  „Denn... wenn du dir eingestehst, was du wirklich fühlst, wirst du endlich abschließen können – mit mir, mit Amber, mit dir selbst. Du bist nicht wie die anderen Contractor. Du kannst eine Begegnung mit deinen Gefühlen überleben.“
Sie wandte sich um. Noch im Drehen verschwand der Anzug und machte ihrem Sommerkleid Platz. Der Anblick tat mehr weh als er sollte.

„Du wirst die richtige Entscheidung treffen, da bin ich mir sicher.“ Ihr Lächeln war sanft.

Hei wollte noch etwas sagen, aber sie verschwand, als er seine Hand nach ihr ausstreckte.
Er berührte das Teleskop, aber es zerfiel unter seinen Händen. Natürlich. Nichts hier überlebte lang. Er sollte nicht so überrascht sein, dass Pai ihn erneut zurückgelassen hatte. So war ihre Beziehung nun einmal und es sollte ihn nicht so sehr schmerzen. Er sollte sich nicht so betrogen fühlen.

Er wandte sich ab, weg von dem See. Vielleicht war es das, was sie gemeint hatte. Einfach seiner Vergangenheit den Rücken kehren und weitermachen. (Er verdrängte den Gedanken daran, dass er das schon einmal versucht hatte; wenn auch nur bedingt. Man verließ das Syndikat nun mal nicht ohne triftigen Grund.)

Seine nächsten Schritte wurden fester und fester. Neben ihm erschienen Spiegel, doch er schenkte ihnen keine Beachtung. Sein Kopf war hoch erhoben, sein Blick fest, und als ein Spiegel direkt vor ihm auftauchte und er sich selbst mit seiner Maske sah, war er nicht überrascht.

Sein Spiegel-Ich trat aus dem Spiegel, und was Hei früher Angst gemacht hätte, erfüllte ihn nun nur noch mit Gleichmut. Er wusste, dass es ihm nichts anhaben konnte. Nichts hier konnte ihm etwas anhaben. Nach allem, was passiert war, war das hier ein Witz.

„Bist du bereit?“, erklang die dumpfe Stimme seines Ebenbilds. Hei sah ihn an und nickte stumm.

Das hier war also das Endspiel. Davon hatten sie also alle geredet; kein Contractor würde es überleben, wenn man ihn mit seiner Irrationalität und seiner Dummheit konfrontierte, vor allem nicht hier, wo solche Gefühle um ein Vielfaches verstärkt wurden. Hei hatte ehrlich gesagt etwas Schlimmeres erwartet.

Sein Spiegelbild stand ruhig vor ihm. Die Maske schien Hei auszulachen. Sich so zu sehen war seltsam befremdlich, so als hätte ein Fremder seine Identität gestohlen. Aber war der Black Reaper wirklich seine Identität oder nur eine Maske? Er dachte an jene Tage zurück, in denen er zum ersten Mal diese Maske aufgesetzt hatte. Es war mehr ein Schutz gewesen, um seine Menschlichkeit zu verbergen als alles andere, da war er sich mittlerweile sicher. In einer Welt, in der jeder ein Contractor war und man ihm immer nur sagte, wie unlogisch er war und dass er hier nicht hergehörte, war das ihm als einzige Rettung erschienen. Was hätte er auch sonst tun können? Die einzig echte Alternative wäre es gewesen, Pai zu verlassen, und das hätte er niemals tun können. Nicht nur, weil er sie liebte, sondern weil es nichts gegeben hatte, zu dem er hätte zurückkehren können.

Die Maske war damals richtig gewesen, dachte Hei. Sie war zum richtigen Zeitpunkt da gewesen. Allerdings trug er sie schon zu lange; seine Persönlichkeit hinter etwas zu verstecken, das seinem Wesen zuwider sprach, konnte nur eine bestimmte Zeitdauer funktionieren. Und jetzt war diese Zeit vorbei. Endgültig.

„Wer bist du?“

Und als Hei diese Frage von sich selbst ausgesprochen hörte, verstand er plötzlich. Darum war es also gegangen. Vielleicht war es das schon seit langer Zeit, lange bevor er diesem Contractor begegnet war.

„Und wie sieht deine Zukunft aus? Wirst du weiter deiner Schwester hinterher trauern?“ Die Stimme seines Ebenbildes klang interessiert, aber nicht grausam. Er stellte diese Fragen nicht, um Hei in die Enge zu treiben. „Oder wirst du irgendwann gehen und anfangen zu leben?“

Davon laufen? Hei hatte nie darüber nachgedacht. Nicht, weil er es nicht konnte, sondern weil es ihm nie als besonders erstrebenswert erschienen war. Aber vielleicht war das auch nur eine von den vielen Lügen, die er sich selbst so oft erzählte. Darin war er schließlich Meister.

Hei traf eine Entscheidung.

„Ich bin ich selbst“, bekannte er. „Nicht der Contractor. Sondern der Bruder, der seine Schwester verloren hat. Und ein Mensch. Und vielleicht werde ich eines Tages fortgehen und glücklich sein.“

Sein Spiegelbild nickte und schien zu lächeln, obwohl die Maske natürlich immer lächelte. Hei durchzuckte der flüchtige Gedanke, wie irritierend dieses Ding sein konnte und wie froh er war, dass er es getragen hatte und niemand anderes.  „Wenn du denkst, dass das die Wahrheit ist, werde ich dir glauben.“

Hei lächelte. „Tue ich.“

Er beugte sich vor und berührte die Maske fast sanft. Sein Spiegelbild zuckte zurück, aber nicht schnell genug. Hei riss ihm die Maske vom Gesicht. Es war fast zu einfach, und als sich die Maske in seinen Händen auflöste, war er nicht einmal überrascht. Es war befreiend, bemerkte er, auch wenn sein Spiegelbild sich krümmte und die Hände vor sein Gesicht schlug. Hei lächelte, als er das sah. Sicherlich war es nicht einfach, es war aber die richtige Entscheidung. Immer.

Denn nach all der Zeit brauchte er die Maske nicht mehr.

„Es ist okay“, sagte er. Hei schloss sein Spiegelbild in die Arme. Es geschah rein instinktiv – sein Spiegelbild löste sich auf und Hei glaubte, zum ersten Mal seit langer Zeit wieder vollständig zu sein.

War es das, was Pai ihm hatte sagen wollen? Dass er endlich aufhören sollte, so zu tun, als würde er keine Maske tragen und sich dahinter verstecken?

„Du bist der dritte, der diese Begegnung überlebt.“

Hei hob den Kopf. Vor ihm stand eine Frau Mitte dreißig. Ihr hellgrünes, lockiges Haar war zu einem Pferdeschwanz gebunden, wobei ihr glatte Ponyfransen bis knapp über die Augen reichten. Ihre violetten Augen waren düster und voller Sehnsucht, aber auch Verständnis. Sommersprossen bedeckten ihre blasse Haut und ließen sie jünger aussehen, aber ihre Augen verrieten sie. Sie war in ein dunkelblaues Kleid gekleidet und trug hohe Schuhe dazu. Sie war fast atemberaubend schön und Hei fragte sich, ob das wirklich sie war oder nur ihr Selbstbild von sich. Ein Contractor sollte nicht eitel sein, aber wann tat ein Contractor mal wirklich das, was er sollte?

Und wen zur Hölle scherte das?

„Hei... oder lieber Tao?“ Sie neigte den Kopf. Also konnte sie in seinen Kopf schauen und seine Gedanken lesen – oder zumindest seine Erinnerungen. Hei kümmerte es nicht. Dieser Name gehörte zu ihm so wenig wie die Maske. Er hatte ihn vor langer Zeit abgelegt und es war ihm völlig egal, ob jemand davon wusste. Sein ganzes Wesen band sich an seinen Decknamen; er stand für das, was er geworden war. Und das war viel wichtiger. Denn nach all den Jahren hatte er sich endlich selbst gefunden und mit allem abgeschlossen.

„Hei“, sagte Hei deswegen nur. Die Frau hob erstaunt die Augenbrauen.

„Du bist erstaunlich ruhig.“

„Vielleicht.“

Sie lächelte wieder. In diesem Augenblick erinnerte sie ihn irgendwie an Amber, auch wenn die beiden nicht viel gemein hatten außer diesem traurigen Blick in den Augen.
„Ayaka. Aber das wusstest du bestimmt schon, oder?“

Hei schüttelte den Kopf und sie pfiff durch die Zähne. „Was? Du tötest mich und kennst nicht einmal meinen wahren Namen? Wie unhöflich.“ Sie sagte es, aber Hei glaubte ihr nicht. Sie fand es mehr amüsant als unhöflich, das konnte er deutlich spüren.
Sie wartete auf seine Antwort, aber Hei wusste nicht, was er sagen sollte, also schwieg er einfach. Genau wie Amber sah sie etwas enttäuscht aus, was sich aber schnell legte.

„Nun, Hei, ich werde dich töten und deinen Körper stehlen“, sagte sie. „Nachdem du meinen letzten getötet hast bleibt mir wohl nichts anders übrig.“ Nun, das machte in gewisser Weise Sinn. Sie sah zwar der Dame nicht ähnlich, die Hei getötet hatte, aber vielleicht hatte sie einen anderen Körper hier drin erschaffen, wo sie alle Macht hatte und nicht an irdische Zwänge gebunden war. Er verstand es irgendwie. Dieser Ort war ihr Zuhause, gewissermaßen. Zuhause tat man das, was man nirgendwo sonst tun konnte.

Wo war sein Zuhause?

„Tu, was du nicht lassen kannst“, gab Hei ruhig zurück.

Ayaka zögerte. Sie taxierte ihn unruhig mit diesen violetten Augen, die erschreckend jung wirkten. War sie so jung oder hatte sie sich nur so erschaffen? Es hätte ihn nicht gewundert, wenn sie das selbst getan hatte. Er verurteilte sie nicht, dazu hatte er gar nicht das Recht. Wenn Ayaka schön und jung sein wollte, durfte sie das gerne sein.

Aber nicht in seinem Körper.

Es war wie ein Eingeständnis und vollkommen überraschend. Hei hätte nicht gedacht, dass es ihm noch etwas ausmachen würde, eventuell sterben zu können. Er hatte sich fast damit abgefunden, hier sterben zu können, aber der Anblick Pais hatte vielleicht mehr bewirkt als ihm bis jetzt bewusst gewesen war. Er wollte seiner Schwester nicht folgen, nicht mehr. Vielleicht hatte er es früher gewollt, aber egal, ob er sie fand oder nicht, ob sie tot war oder nicht, es würde nie wieder so sein wie früher. Sie waren zu lange getrennt gewesen, und ob er es wollte oder nicht, jetzt war er eine eigenständige Person.

Und das war gut so.

„Was ist los, Ayaka?“, fragte Hei ausdruckslos. „Hast du Angst?“

Sie zögerte.

„Was ist nun?“ Es war beinahe gehässig, wie er sie fragte, obwohl er sah, wie die Angst in ihrem Gesicht wuchs. Sie hatte bemerkt, dass ihre ganzen kleinen Tricks nichts bewirkt hatten, eher im Gegenteil. Er war stärker geworden, dachte er beinahe lächelnd. Er war seinem Gefängnis entkommen, das er mit seiner Maske gebaut hatte. Sie hatte ihn verunsichern und einschüchtern wollen, so dass er sich ihr willenlos unterwarf, aber sie hatte sich vertan.

Er war ein Mensch.

Ayaka verschränkte die Arme und setzte eine undurchdringliche Miene auf, aber in ihren Augen flackerte Angst. Sie war nicht besonders gut darin, sich selbst zu verleugnen, nicht so wie Hei. Er hatte das jahrelang getan und würde es noch viel länger tun. Oder würde er damit aufhören? Würde er seine Maskerade wirklich komplett aufgeben können?

„Du bist ein Contractor“, stellte fest. „Aber auch ein Mensch.“ Sie verzog die Lippen.
„Interessant.“

„Ja.“

Ayaka lief los, aber Hei war schneller. In seinen Händen war wieder die Getränkedose. Er drückte sie Ayaka ins Gesicht, als sie ihn angreifen wollte. Die Dose explodierte und Ayaka kreischte. Sie konnte sich auf ihren hohen Schuhen nicht halten und fiel hin. Hei hätte fast gelacht. Das war reinste Ironie.

Hei trug plötzlich seinen Mantel und Maske. Ob Ayaka das gewesen war, um ihn zu täuschen? Um ihn ein letztes Mal aus der Ruhe zu bringen?

Hei aber lachte nur und warf die Maske fort, bevor er seine Messer zog. Ayakas Augen weiteten sich vor Entsetzen, aber es war zu spät, also rammte er ihr ein Messer in die Brust. Ihr Körper flackerte, dann verschwand sie.

Hei blinzelte.

Er war wieder in seiner Wohnung. Sein Körper war sehr kalt und er lag auf der Seite. Er setzte sich langsam auf. Vor ihm war der Spiegel, aber jetzt hatte er etwas Beruhigendes. Hei lächelte sich an. Es war das erste Mal seit Jahren, dass er sich anlächelte und sein Lächeln ehrlich war.

Dann stand er auf.
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