Reflexion eines Verrates verloren in der Unendlichkeit

von Myera
GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P6
Amber Hei Misaki Kirihara OC (Own Character) Pai Yin
22.02.2017
10.12.2017
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Hallo zusammen!

Wieder einmal eine kurze Geschichte über Hei. Es wird noch ein weiteres Kapitel folgen, wann das der Fall sein wird, weiß ich nicht.
Interessanterweise wurde der Anfang der Geschichte schon vor ein paar Jahren geschrieben, mit einem ganz anderen Plot bzw. ich hatte einfach so drauf los geschrieben. Letztes Jahr habe ich dieses Geschriebsel wieder gefunden und hatte auf einmal eine Idee, was man daraus machen könnte. Ich hoffe, es gefällt einigermaßen.

Wie immer: Ich beziehe mich lediglich auf Staffel 1, da ich Staffel 2 u. die OVAs nicht gesehen habe. Zeitlich einzuordnen ist es irgendwo am Ende der ersten Staffel. Wahrscheinlich wird das zweite Kapitel etwas kürzer, allerdings war der Schnitt an der Stelle am Ende ganz gut.

Das wars mit meinem Geschwafel, viel Spaß beim Lesen!



Darker than Black

Reflexion eines Verrates verloren in der Unendlichkeit


Es war nicht das erste Mal, dass er jemanden tötete (wobei das erste mal so lange zurück lag, dass er sich kaum noch erinnern konnte), und es würde bestimmt auch nicht das letzte mal sein. Dieser Mord war in keinster Weise außergewöhnlich; lediglich die Tatsache, dass die Frau ein letztes Mal von Synchrotonstrahlen umgeben wurde, bevor er sie schließlich erwürgte, verwunderte ihn. Aber es passierte nichts, also verließ er nach ein paar Sekunden das Gebäude. Niemand hatte ihn gesehen, niemand würde ihn identifizieren können.

„Ich bin fertig“, meldete er leise über Funk Huang.

„Dann verschwinde.“ Er sah ein Auto vorbei fahren und konnte in der Dunkelheit gerade noch erkennen, wie seine Rücklichter sich langsam entfernten. Das Nummernschild kannte er; es war das von Huangs Wagen (natürlich nicht eingetragen; niemand würde ihn damit finden können). Was wohl oder übel bedeutete, dass er in die Stadtmitte laufen musste. Ein Gefühl ähnlich Ärger wallte in ihm hoch, aber er beherrschte sich. Wenn Huang es nicht für nötig befand, ihn wenigstens noch ein noch ein Stück mitzunehmen, dann eben nicht. Er war niemand, der sich wegen Sachen, die er nicht ändern konnte, aufregte.

Also trat er den langen Weg an (natürlich ohne die Maske, so dumm war er nicht) und ließ sich dabei Zeit. Es war ja schließlich nicht so, als ob jemand auf ihn warten würde. Sein Mund verzog sich bei dem Gedanken zu einem bitteren Lächeln, das jeder, der ihn nicht kannte – und so richtig kannte ihn nur Pai, und die war fort -, für freundlich gehalten hätte. Der Unterschied lag in seinen Augen, aber so sehr verborgen, dass niemand es entdecken konnte, der nur flüchtig hinstarrte.
Und in der Dunkelheit würde niemand lange hinsehen.

*


Der Weg war lang, und wäre Hei jemand gewesen, der, wenn ihm genug Zeit gegeben wurde, über unangenehme Dinge nachgedacht hätte (wie die Tatsache, dass er schon wieder jemanden ermordet hatte), wäre dies sehr wohl ein Problem gewesen. Aber er war nicht so, und daher ging er einfach nur. Unglücklicherweise gab es keinen Bus in der Nähe, der ihn wenigstens ein Stück gefahren hätte (nicht dass er Geld dabei gehabt hätte), und daher musste er mit zunehmender Müdigkeit und wachsenden Gliederschmerzen durch die gesamte Stadt laufen, was selbst für jemanden wie ihn beinahe unerträglich war.

Er verspürte einen wachsenden Groll auf Huang, sagte sich aber, dass der sich noch nie um jemanden wie Hei geschert hatte; wie konnte er da erwarten, dass er ihn da mitnahm?
Er versuchte, es positiv zu sehen; er konnte immerhin den Himmel sehen, der trotz falscher Sterne nichts von seiner Schönheit eingebüßt hatte. Und obwohl er wusste, dass es viele Contractor gab, war er immer wieder überrascht, wie viele das bei der Menge an Sternen sein mussten. Mal ganz abgesehen davon, wie viele ständig abstürzten, so oft, wie Contractor starben – oftmals durch Heis Hand.

Er bedauerte nichts davon.

*


Einmal gönnte er sich eine kurze Pause und blieb kurz an einem Schaufenster stehen. Vage interessiert beobachtete er, wie er müde dastand. Seine Augen wurden von seinem Spiegelbild angezogen, und er starrte sich so lange in die Augen, dass ihm ganz schwummrig wurde. Er schwankte. Peinlich berührt von seiner eigenen Schwäche hob er die Hand, um sich an der Hauswand abzustützen, aber wie von selbst berührte er die Scheibe.

Für einen kurzen Augenblick war ihm, als könne er jemanden lachen hören, dann erklang ein Seufzen und ihm wurde schwarz vor Augen. Ein Prickeln durchfuhr seine Hand. Reflexartig zog er seine Hand weg und starrte sein schwaches Spiegelbild an.

Für einen Moment dachte er, dass es lächelte... Aber das war albern, das wusste er. Also drehte er sich weg und ging weiter.

Dass er danach in kein Fenster mehr blickte, war sicher nur Zufall.

*


Es dauerte einige Tage, bis Hei registrierte, dass das penetrante Gefühl, beobachtet zu werden, eben nicht bloß Paranoia war. Er war seit Tagen auf der Hut, nicht schreckhaft, aber doch vorsichtig. Wenn man wie er mit gefährlichen Leuten Umgang pflegte, war das weder dumm noch paranoid.

Und doch: Es strengte an. Er fühlte sich seltsam schwach. Vielleicht deshalb, weil dieses Gefühl ihn kaum noch schlafen ließ. Mindestens alle zwei Stunden wachte er auf, und das ging seit jenem Auftrag so. Dieses penetrante Gefühl der Bedrohung wich nicht, egal, wie oft er Gegenmaßnahmen traf. (Wie das Zimmer zu untersuchen, alles abzusperren, was ging und zusätzlich noch Licht brennen ließ.)

Er hätte gelacht, wenn es nicht so verdammt ernst gewesen wäre. Hei war niemand, den man leicht erschrecken konnte, aber dieser Zustand zerrte an seinen Nerven. Zum Glück gab es niemanden, dem es auffallen konnte, dass er nervlich näher am Wahnsinn war, als er jemals hätte zugeben wollte.

Denn dieses Gefühl war nicht das einzige.

Manchmal schien ihm sein Spiegelbild zuzuwinken, doch wenn er verblüfft blinzelte, war es wieder starr und unbeweglich. Zuerst hatte er es ignoriert, dann war er alle Spiegel losgeworden. Aber Spiegel waren nicht das Einzige, in dem man sich spiegeln konnte. Sogar das abendliche Wasser auf dem Nachttisch konnte dafür sorgen, dass er beinahe die Nerven verlor. Mehr als einmal war es ihm aus den Fingern gerutscht, einfach, weil er für einen kurzen Moment unachtsam geworden war und nicht mehr damit gerechnet hatte.

Es war ihm unangenehm, das zuzugeben, aber entweder fand er endlich eine Lösung oder er brauchte Hilfe. So konnte es nicht weitergehen. Hei wusste ganz genau, dass er auf der Abschussliste des Syndikats ganz oben stand. Sie waren ihn nur noch nicht losgeworden, weil er im Moment noch nützlich war. Allein schon seine Verbindungen zu Amber und Pai reichten, um ihn gefährlich zu machen; dazu kamen noch seine diversen Fehltritte. Wie das eine Mal, als er Mao nicht Amber hatte überlassen wollen. Oder als er Huang nicht getötet hatte. Oder als er Yin nicht beseitigt hatte.

Hei seufzte, als er daran dachte. Es war so untypisch für einen Contractor gewesen, aber er war ja auch eigentlich kein richtiger Contractor. Immerhin hatte er kein Contract Payment. Manchmal fragte er sich, wann er die Quittung für all das bekommen würde.

Er dachte daran, mit Huang, Mao oder Yin zu sprechen. Doch etwas in ihm zögerte. Huang würde sich nicht reinziehen lassen wollen, Mao würde alles tun, um seinen Pelz zu retten und Yin... Nun ja, Yin war Yin. Manchmal fragte Hei sich, ob hinter ihren Augen wirklich noch eine Seele stecke, oder ob das Gate ihr mit ihren Gefühlen auch das geraubt hatte.

Aber es war müßig, darüber nachzudenken, wenn es doch eigentlich keine Rolle spielte. Tatsache war: Hei war mehr oder weniger auf sich allein gestellt. Aber war es je anders gewesen? Für einen kurzen Moment dachte er an Pai und unterdrückte etwas, von dem er sich nicht sicher war, was es überhaupt war, geschweige denn was es bedeutete. (Vielleicht Trauer, vielleicht Wut. Oder... Angst.)

Lieber dachte er an Kirihara, aber das war kein Problem, bei dem jemand wie sie helfen konnte. Geschweige denn dass er ihr etwas erzählen konnte, ohne dass sie dahinter kam, wer er wirklich war. Sie war schon viel zu nah dran und viel zu intelligent, um es zu ignorieren. Wie ironisch, dass das, was er so sehr an ihr mochte, ihn Kopf und Kragen kosten konnte.

Aber auch diese Gedanken brachten ihn nicht weiter. Wäre er jemand anderer gewesen, wäre ihm vielleicht in diesem Moment klar geworden, dass er allein war. Ganz und gar allein.
Aber Hei war Hei, und deswegen ignorierte er solche Gedanken und ging schlafen. Mehr konnte er an diesem Tag nicht tun.

*


Er versuchte, es zu ignorieren und Spiegel zu meiden. Aufträge zu erledigen und den täglichen Haushalt zu führen war etwas, was ihn davor bewahrte, den Verstand zu verlieren. Denn trotz allem band ihn das an die Wirklichkeit. Und natürlich war da ständig dieses Gefühl im Hintergrund, aber wenn er solche banalen Dinge wie Einkaufen oder Wäsche waschen tat, war die Normalität so überwältigend, dass er nicht anders konnte, als sich auch normal zu verhalten.

Doch nach ein paar Wochen wurde es so überwältigend, dass Hei auch diese Möglichkeit verlor. Er hatte gehofft, dass es schwächer werden wurde, aber es wurde mit jedem Tag schlimmer. Es war wie ein Ziehen an einer Stelle, die er nicht erreichen konnte. Jeden Tag wurde es bedrohlicher. Und es rief ihn.

Hei wusste, dass er nicht nachgeben durfte. Es gab einen Grund, warum der Urheber des Rufes auf solche Tricks zurückgreifen musste. Er konnte es nicht mit Sicherheit wissen, aber er vermutete, dass dieser eine Auftrag damit zu tun hatte. Nur ungern erinnerte er sich daran; die Panik, die er empfunden hatte, als das mit dem Schaufenster passiert war. Er hasste es, Angst zu haben. Für jemanden wie ihn war Angst nicht gut. Wer Angst hatte, machte Fehler. Und die konnte er sich nicht erlauben.

Also... beschloss er, das zu tun, was seine Angst ihn unbedingt nicht tun lassen wollte.
Er nahm den Badezimmerspiegel ab und stellte ihn an die Wand in der Küche. Im Schneidersitz setzte er sich und zögerte, die schwarze Abdeckung zu entfernen. Er wusste, dass das, was er jetzt im Begriff war zu tun, ihn töten konnte. Er hatte lang genug mit Contractors zu tun gehabt, um zu wissen, dass das hier kein Spiel war. Wenn ein Contractor auf solche Tricks zurückgriff, gab es immer einen Grund dafür.

Er atmete tief durch. Es spielte keine Rolle, ob er das wollte oder nicht oder was für Gefahren hinter der Spiegelfläche warteten. Im Endeffekt hatte er schon lange gewusst, dass er das hier würde tun müssen. Also zog er die Abdeckung herunter.

Er sah in den Spiegel und war beinahe enttäuscht, dass nichts passierte. Hei betrachtete sich selbst so aufmerksam wie schon seit Jahren nicht mehr. Sein Spiegelbild blieb leblos, folgte seinen Bewegungen und gab durch nichts zu erkennen, dass es mal ein Eigenleben geführt hatte.

Ohne darüber nachzudenken hob er seine Hand und berührte den Spiegel.
Seine Fingerspitzen schienen die des Spiegelbildes zu berühren. Hei wollte den Blick abwenden, als  nichts geschah...

Und dann lächelte sein Spiegelbild.

Plötzlich hatte er nicht mehr das Gefühl, einen Spiegel zu berühren – sondern eine richtige Hand mit echten Fingerspitzen. Die Hand war kalt, aber im Gegensatz zum Spiegel war sie nicht so hart. Hei wollte die Hand wegreißen, doch da packte das Spiegelbild seine Hand und zog ihn. Zog ihn in den Spiegel hinein.

*


Hei stolperte.

Als er sich wieder gefangen hatte, war er allein. Er drehte sich einmal um die eigene Achse, aber niemand war in der Nähe.

Hinter ihm befand sich ein Spiegel... er wirkte wie der Spiegel, durch den er eingetreten war. Nur konnte Hei durch ihn seine Küche sehen. Er streckte die Hand aus, war aber nicht überrascht, als er auf Widerstand stieß. Diese Entführung hätte ja auch wenig Sinn gegeben, hätte man ihm die Möglichkeit zur Flucht gegeben.

Die Trennfläche zu seiner Welt war kühl, ebenso wie die Luft hier. Hei war niemand, der leicht fror, aber diese Kälte verlieh ihm ein beklemmendes Gefühl. Ebenso die fehlenden Begrenzungen. In alle Richtungen, die er sah, schien es endlos weiterzugehen. Er hatte eigentlich erwartet, eine genaue Kopie seiner Welt zu sehen, aber da hatte er wohl falsch gelegen.

Hei hob den Kopf und schnupperte. Diese Welt roch nach Einsamkeit. Und Tod.

„Hast du schon Angst?“

Hei wirbelte herum, aber da war nichts, obwohl er sich sicher, dass hinter ihm jemand (etwas?) vorbei gehuscht war. Er verzog das Gesicht. Wahrscheinlich war das eines ihrer Spielchen, um ihn zu zermürben. Aber Hei war niemand, den man leicht beeindrucken konnte.

„Bruder!“

Diesmal konnte er nicht anders, als die Augen aufzureißen, als er diese Stimme hörte. „Pai?“ Er sah in die Richtung, aber er konnte sie nicht sehen. Und obwohl er sicher war, dass es nur ein Trick war, begann er zu rennen, schneller und schneller, als ob sie sich in Luft auflösen könnte, wenn er zu langsam war. (Wie damals...)

Hei blieb keuchend stehen. Als er blinzelte, veränderte sich alles um ihn herum. Bäume, Pflanzen und ein dunkler, klarer Himmel waren erschienen, aber diese Dinge konnten ihn nicht täuschen. Denn es roch immer noch so schrecklich.

„Was hast du vor, Hei?“ Er sah nach rechts. Auf einem Ast lag Amber. Hei starrte sie an, weil er genau wusste, dass sie nicht echt sein konnte. Sie sah wieder aus wie in Südamerika; nicht wie ein Teenager, sondern eine erwachsene, reife Frau.

Sie lächelte ihn an und setzte sich auf, so dass ihre Beine baumelten.

„Ich suche den Weg zurück“, sagte er. Ambers Lächeln hatte etwas Unheimliches.

„Du entfernst dich immer weiter.“

„Ich weiß.“ Er wandte sich ab, weil er sie nicht mehr ansehen konnte. Dafür war sie zu sehr Amber. Früher einmal war sie seine Freundin gewesen. Doch als sie das mit Pai gewusst und nicht verhindert hatte, hatte sie ihn indirekt betrogen. Er war ihr nicht böse. Das war eben ihre Natur. Aber sie so zu sehen, als hätte sich nichts verändert, ließ all die alten Gefühle, die Wut und die Trauer, wieder aufleben. Mit einem Mal vermisste er Pai mehr denn je.

Sie so zu sehen machte ihm erst wieder bewusst, was er damals alles verloren hatte.

Sie ließ sich von dem Baum fallen und machte einen Schritt auf ihn zu. Als sie die Hand nach ihm ausstreckte, zuckte er instinktiv zurück. Amber kommentierte das mit einem traurigen Lächeln.

„Du bist schlauer, als dir guttut“, sagte sie, „Aber ich glaube nicht, dass dir das hier helfen wird. Vielleicht wird es dir sogar eher schaden.“

Hei ignorierte ihren verletzten Blick. „Weißt du, wie ich hier wieder rauskomme?“

Amber bedachte ihn mit einem berechnenden Blick. „Selbst wenn, würdest du mir glauben?“

Hei antwortete nicht.

Amber schien zu warten, aber irgendwann begriff sie, dass er ihr nicht mehr antworten würde. Sie fixierte ihn mit ihren hellen Augen. „Es gibt mehrere Sachen, die du tun kannst.“ Sie hob einen Finger. „Du könntest die Trennfläche zerstören, einreißen, was auch immer. Aber es bleibt die Frage, ob das wirklich funktioniert... oder ob du dir nur deinen Rückweg verbaust.“ Zweiter Finger. „Du könntest den suchen, der für das hier verantwortlich ist. Sie wartet schon auf dich, würde ich meinen. Aber auch hier musst du dich fragen: Wenn du sie erreicht hast, was wird passieren? Das hier ist ihr Reich. Ihre Regeln. Vielleicht lässt sie dich gehen, wenn sie stirbt, oder aber du bist für immer hier gefangen.“

Amber verstummte, dann trat sie einen Schritt zurück. „Pass auf, Hei. Diese Welt ist nicht das, was du vermutest. Eher das genaue Gegenteil.“

Hei blinzelte, dann war sie verschwunden. Er stand wieder im Nichts.

Wieder einmal war er allein. Aber war das je anders gewesen, seit Pai verschwunden war?

Unschlüssig blieb er stehen. Er neigte dazu, Amber nichts zu glauben. Immerhin war er hier in einer feindlichen Welt; warum sollte sie ihm helfen wollen? Wenn es wirklich stimmte und sein unbekannter Gegner hier lauerte, dann mochte es durchaus stimmen, dass diese Welt sich nach dem Willen dieser Person richtete. Dann würde es mehr Sinn ergeben, wenn Amber ihm schaden wollen würde oder immerhin den Willen dieser Person erfüllen wollte. Hei hatte sogar schon eine Vermutung, wer diese ominöse Person sein mochte, aber er wollte keine voreiligen Schlüsse ziehen. Dafür war er zu erfahren.

Allerdings bargen ihre Worte eine gewisse Wahrheit. Er hatte nicht viele Möglichkeiten. Aber vielleicht war auch das nur ein Trick, um ihn dazu zu bewegen, genau das Falsche zu tun. Vielleicht war es aber auch ganz gut, dass er gezwungen war darüber nachzudenken. Er gab es nicht gerne zu, aber der Illusion von Pais Stimme hinterher zu laufen war wahrscheinlich das Dümmste gewesen, was er hätte tun können.

Dabei wusste er doch ganz genau, dass voreiliges Handeln ihn nur ins Grab bringen würde. Doch Pai besaß etwas, dem er sich nicht entziehen konnte. Er vermisste sie so schrecklich, und auch wenn er sie nur hier sehen konnte – ein Abbild, wahrscheinlich manipuliert, um ihn zu töten, war das doch mehr, als er jemals zu hoffen gewagt hatte.

Tatsache blieb aber: Hier konnte es nichts geben, was ihm helfen wollte. Alles hier würde der Feind sein, oder bestenfalls neutral. Allein schon die Aufmachung Ambers verriet ihm genug, um auf der Hut zu sein.

Er sah sich um, doch er konnte die Trennfläche nicht sehen. Hei unterdrückte ein Fluchen; das war unter Garantie genau das, was diese Person mit Pais Stimme hatte bezwecken wollen. Er schwor sich, nicht mehr darauf hereinzufallen. (Als ob er dann noch daran denken würde.)

Vielleicht war es aber auch gar nicht zu schlimm. Hei glaubte nicht daran, dass er die Trennfläche durch seine eigene Kraft durchbrechen konnte. Dafür war sein Gegner zu raffiniert. Immerhin hatte sie diese ganzen Psychospielchen vorbereitet. Wenn er die Trennfläche hätte zerstören können, hätte sie ihn wahrscheinlich gleich konfrontiert.
...oder fortgelockt?

Je mehr er darüber nachdachte, desto weniger Sinn machte alles, und auf einmal zweifelte er daran, dass das nicht sein Weg nach Hause war. Vielleicht war das Ambers Aufgabe gewesen. Sie war schon immer gut im Manipulieren gewesen. Durch ihre Fähigkeiten kannte sie die Schwächen der Personen, konnte einschätzen, wie sie reagieren würden, lange bevor sie zu dem Punkt kamen, an dem die Entscheidung fallen würde.

Hei wurde zum ersten Mal bewusst, dass er Amber vielleicht allein dafür hasste.

Wütend ging er los. Er versuchte, den Weg zurück zu finden, aber sein Orientierungssinn war nutzlos in dieser Welt, die nichts zu bieten hatte außer Zweifel.

Er machte zwei, dreihundert Schritte, dann veränderte die Umgebung sich wieder. Als er den Fuß hob, war er noch im altbekannten Nichts, danach stand er auf einem Spielplatz. Er erkannte die Rutsche und die Bank, auf der Huang saß und eine Zeitung zu lesen schien.

„Hast dir ganz schön was eingebrockt, Junge“, sagte der nur und sah Hei nicht an.

„Was soll das heißen?“

Huang blätterte eine Seite um. An seinen Augen erkannte Hei, dass er die Zeitung diesmal wirklich las. Und aus irgendeinem Grund machte ihn das wütend.

„Sieh mich an, wenn du mit mir sprichst!“

Huang zuckte nicht zusammen, wie Hei es erwartet hatte, sondern lachte nur und ließ die Zeitung fallen. „Sieh an, der Contractor zeigt Gefühle. Nicht gerade sehr vorteilhaft, würde ich meinen.“ Er grinste Hei an, aber es war ein falsches, abstoßendes Grinsen.

„Was weißt du schon davon?“, entgegnete Hei. So schnell der irrationale Zorn gekommen war, so schnell war er auch verschwunden.

Huang stand auf und wandte sich ihm zu. Es war das erste Mal seit Ewigkeiten, dass sie sich bei einem Gespräch tatsächlich in die Augen sahen, wie Hei klar wurde. Bei dem Gedanken wurde ihm schlecht.

„Vielleicht mehr als du.“ Huang vergrub die Hände in den Hosentaschen. „Immerhin bin ich hier derjenige, der mehr wie ein Contractor handelt, oder?“

Hei schwieg, weil er darauf keine Antwort wusste. Vielleicht, weil es stimmte.

„Aber mit deiner Maskerade muss Schluss sein, jedenfalls hier.“

„Was soll das heißen?“

Huang lachte. Es lag keine Spur von Humor in seiner Stimme. „Dass du mich das noch fragen musst, sagt schon einiges über dich aus.“

Hei blickte ihn nur schweigend an.

„Ich kann dir nicht viel sagen. Wir haben nicht viel Spielraum, was das betrifft. Aber du solltest dir einige Fragen stellen. Denn wenn du sie sicher beantworten kannst, kannst du auch hier herauskommen. Wenn du dagegen zweifelst, wirst du nicht entkommen können. Verstehst du?“

„Nicht wirklich.“

Wieder dieses humorlose Lachen. „Natürlich. Ihr Contractor habt es nicht so mit der Selbstanalyse. Vielleicht ist das eure größte Schwäche. Nicht, dass ihr nicht wüsstet, wie ihr andere zerstören könntet. Und normalerweise reicht das auch. Aber heute kommst du aus der Nummer nicht raus, wenn du nicht einsiehst, dass ein Contractor etwas anderes ist als ein Mensch ohne Gefühle. Besonders du bist nicht so ein Contractor.“

„Was weißt du schon über Contractor?“, fragte Hei, der nichts verstanden hatte. Vielleicht, weil er nicht verstehen wollte. Das hatte mit Angst nichts zu tun. (Ganz bestimmt nicht.) „Du hast uns doch immer gehasst.“

Huang lachte wieder, aber diesmal war es anders. Diesmal klang es sogar echt. „Ja, das stimmt. Aber dann bin ich dir begegnet.“

Ein Blinzeln, dann war er verschwunden und der Spielplatz mit ihm.

Hei fragte sich, wer als nächstes dran war. Diese Frage war leichter, als sich einzugestehen, dass er nicht wusste, was er tun sollte. Dass er keine Kontrolle mehr über etwas hatte.

Er blinzelte.

„Was machst du noch hier?“ Kirihara stand vor ihm. In ihren Händen hielt sie eine Limodose, als hätte dieser Spuk hier sie direkt aus ihrer Pause weggeholt. Sie trug zivile Kleidung, ein ärmelloses Oberteil und eine lange Hose. Trotzdem sah man, dass sie Polizistin war; vielleicht lag es an ihrem Blick oder der strengen Haltung. Kirihara war Polizistin durch und durch. Zum ersten Mal wurde Hei bewusst, wie sehr er mit dem Feuer spielte, wann immer er mit ihr sprach. Und wie sehr ihm das gefiel.

Sie standen an einer Straßenecke. Die Sonne stand hoch am Himmel und in der Ferne konnte er Kinder lachen hören.

„Haben sie dir nicht gesagt, dass du hier nicht bleiben kannst?“

„Du bist die Erste, die das so direkt sagt“, sagte Hei. Vielleicht war es die Wahrheit, vielleicht auch nicht. Wen interessierte das schon? Er brauchte mehr Informationen, und vielleicht würde sie das zum Reden bringen.

„Ach, Li.“ Sie benutzte seinen Decknamen beinahe ironisch. Diese Version von Kirihara wusste es also... Vielleicht wusste es auch ihr Original. Es gab nun weiß Gott genug Hinweise, dass er es gewesen war. Er wusste nicht, ob es ihm gefiel, wenn er auf diese Weise an sie dachte. Denn es bedeutete, dass er für Kirihara mehr war als nur eine flüchtige Bekannte. Und er erkannte, dass er sie niemals da mit hatte hineinziehen wollen... Was das über ihn aussagte, wusste er nicht. Er wusste nur, dass es nicht angemessen war.

„Du bist nicht dumm. Auch, wenn du es immer so vorgibst. Dein Schauspiel ist wirklich überzeugend. Aber irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem man alle Masken ablegen und man selbst sein muss.“ Ihre Stimme klang eindringlich. Hei fragte sich, ob sie wirklich das meinte, was er glaubte. Aber wie sollte er das verwirklichen? Wie sollte er er selbst sein, wenn er doch seit über zehn Jahren unterdrückte, was ihn wirklich ausmachte? Er hatte es doch schon lange verlernt, sich selbst zu zeigen.

„Das ist leichter gesagt als getan.“

„Sind das nicht nur wieder Ausreden, damit du weiter so tun kannst, als hättest du keine Probleme?“ Kirihara lächelte, aber es war ein trauriges Lächeln. Anders als Amber schien sie es jedoch ernst zu  meinen. Hei begann langsam daran zu zweifeln, ob diese Hirngespinste wirklich alle da waren, um ihn zu manipulieren. Sie schienen ihm den Weg hinaus zeigen zu wollen. Aber vielleicht wollten sie auch nur diesen Eindruck erwecken.

Hei schwieg.

Kirihara kam auf ihn zu und drückte ihm die Limodose in die Hand. Sie fühlte sich kalt und wirklich an. Es hatte sich sogar Kondenswasser gebildet. „Vielleicht hilft dir das.“

Sie trat einen Schritt zurück. „Denk nicht zu viel über alles nach, Hei. Du wirst dich nur in Zweifeln verlieren, und das wäre dein Ende. Such die richtigen Fragen und beantworte sie.“

„Welche Fragen?“

„Die essentiellen“, antwortete sie. „Die wichtigsten in deinem Leben. Die, die du nur beantworten kannst, wenn du es auch wirklich versuchst.“

Dann war auch sie verschwunden. Die Limodose blieb. Hei verspürte eine wachsende Frustration, weil sie alle so in Rätseln sprachen. Und was er mit der Dose machen sollte. Vielleicht war das ja des Rätsels Lösung: Seine Gegnerin wollte ihn so lange verwirren, bis er ein leichtes Opfer sein würde.

In Momenten wie diesen fragte Hei sich, warum er das alles noch mitmachte. Warum er nicht ausgestiegen und in irgendeinem Niemandsland untergetaucht war. Die Frage war rein rhetorisch, weil er ganz genau wusste, für wen er das tat. Pai mochte verschwunden sein, aber sie war irgendwo da draußen. Und irgendwann würde er sie finden.

Er sah in dem Himmel und wartete.

„Du lässt dir ganz schön Zeit.“

Er sah die Gestalt an, die vor ihm stand. Es war Nick Hillman. Er war einer derjenigen, der ihn wirklich überraschen konnte, denn mit ihm hätte Hei niemals gerechnet. Das letzte Mal hatte er ihn gesehen, als er in das Gate verschwunden war.

Hei musterte ihn. Sie standen zusammen in einem verlassenen Labor. Hei hatte versucht, nicht mehr an diesen Ort zu denken, an dem er diese unerwünschten Gedanken und Gefühle gehabt hatte. (An dem er beinahe den Verstand verloren hätte.)

„Hast du es geschafft?“, fragte Hei unvermittelt. Diese Frage brannte auf seiner Zunge, seit er Nick damals das letzte Mal gesehen hatte. „Hast du den echten Sternenhimmel erreicht?“

„Was wäre dir lieber?“

Nick lächelte, wirkte wie immer erschöpft und doch glücklich.

Hei schwieg. Natürlich konnte Nick ihm keine Antwort geben. Es war von vorneherein dumm gewesen, ihn das zu fragen. Immerhin konnte Nick nur eine Illusion sein, die Heis kaputte Psyche ihm vorgaukelte. Zu glauben, dass er Antworten geben konnte, die Hei nicht hatte, war utopisch.

Und genauso, erkannte er, verhielt es sich auch mit den bisherigen Erscheinungen. Sie konnten ihm gar nichts Neues erzählen. Wenn sie aus seinem Kopf gezogen worden waren, konnten sie nur das wissen, was Hei wusste. Also war es im Prinzip wie ein Gespräch mit sich selbst, um seinem eigenen Denken auf die Sprünge zu helfen. Natürlich konnten sie ihm keine klaren Antworten geben, weil er die selbst finden musste.

Hei atmete tief durch und die Frustration war auf einmal wie verschwunden.

„Ich sehe, du hast etwas erkannt“, sagte Nick. Sein Lächeln hatte etwas Tröstliches. Hei hatte es nicht bemerkt, aber er hatte Nick vermisst. Weil er das war, was einem Freund am nächsten kam.

„Glaubst du nicht auch, dass du hier vielleicht klüger herauskommen wirst?“, fragte er.

„Kann sein“, antwortete Hei leise. Blieb nur die Frage, was er mit diesem Wissen anfangen sollte.

„Hei... Du hast es immer noch nicht begriffen, und dabei weißt du es schon länger. Der Schlüssel in dieser Welt, die nur ein verzerrtes Spiegelbild ist, ist dein Innerstes. Lass nicht zu, dass dein Gegner deine innere Unsicherheit missbraucht, um dich zu töten.“ Nicks besorgte Stimme war unerwartet angenehm. Hei hätte es nicht für möglich gehalten, aber es gefiel ihm, dass sich jemand um ihn sorgte.

„Sie wird nicht ruhen, bis sie dich zerstört und deinen Körper gestohlen hat. Wenn du also sie besiegen willst, musst du so sicher sein, dass sie dir nichts über dich selbst zeigen kann, was dich beeinflussen könnte. Du bist in einem Spiegelland, und sie ist die Königin. Deine versteckten Seiten zum Vorschein zu bringen ist ihre stärkste Fähigkeit. Du hast doch auch schon bemerkt, dass du emotionaler geworden bist, seit du hier bist.“

Hei nickte. Natürlich war es ihm aufgefallen. Dieser irrationale Zorn und die plötzlichen Eingeständnisse waren alles andere als normal für ihn, vor allem, da er normalerweise solche Gefühle strikt unterdrückte, oder, wenn das nicht funktionierte, einfach ignorierte. Es war vielleicht keine gesunde Art zu leben und auch keine, die ihn auch nur ansatzweise glücklich machte, aber es funktionierte. Jedenfalls hatte es das bis jetzt.

„Deswegen bist du hier“, erkannte Hei. „Du bist mein direktes Spiegelbild, nicht wahr?“

Nick lachte. „Bei all der Ähnlichkeit besorgt es mich, dass du noch nicht früher darauf gekommen bist.“

Es stimmte: Sie waren sich extrem ähnlich. Die gleichen Ziele, die gleichen Hobbys. Jeder von ihnen hatte eine kleine Schwester, die es zu beschützen galt. Und ihre Fähigkeiten hatten sich gegenseitig aufgehoben, fast als wäre es ihnen nicht bestimmt, gegeneinander zu kämpfen. War das Gate dafür verantwortlich? Oder war es reiner Zufall? Hei hatte noch nie davon gehört, dass zwei Contractor die gleichen Fähigkeiten hatten.

Aber es war müßig, darüber nachzudenken. Er hatte dringendere Probleme als seine grundlegende Existenz infrage zu stellen.

„Bist du wirklich hier, um mir zu helfen?“, fragte Hei beinahe zögerlich. Natürlich hatte er keine Angst vor der Antwort, aber trotzdem war er unruhig. „Wenn das ihr Land ist, warum solltest du mir helfen wollen?“

„Du hast recht, es gibt keinen Hinweis darauf, dass ich nicht von ihr gesteuert werde. Aber warum sollte sie dir zeigen, wie du hier herauskommst? Wieso sollte sie uns schicken, damit du endlich darauf kommst, was das Problem hier ist? Dies mag ihre Welt sein, aber sie hat nur die Macht, deine Emotionen zu verstärken. Hätte sie mehr Macht, hätten wir dich angegriffen, statt dir zu helfen. Oder hätten dir definitiv das Falsche gesagt, um dich aufzuhalten. Sie baut darauf, dass du bei längerer Wartezeit durchdrehst, damit sie es leichter hat.“

Hei blieb unschlüssig. „Das reicht mir nicht.“

„Mehr wirst du aber nicht bekommen“, sagte Nick. „Mehr kann ich dir nicht geben. Aber denk darüber nach. Es wäre so viel leichter gewesen, dich mit etwas abzulenken und dich dann zu töten. Je länger du hier bist, ohne sie zu treffen, desto gefestigter wirst du.“

„Ich denke nicht, dass ich gefestigter werde“, bekannte Hei. „Eher umgekehrt.“ Er konnte es fühlen, wie der Zorn in ihm loderte. Genau so wie alle anderen Gefühle, die er so lange nicht zugelassen hatte. Es machte ihm bewusst, wie machtlos er war, und das war ein Gefühl, das Hei über alles hasste.

Nick lachte leise. „Emotionen zu unterdrücken bedeutet nicht, dass du sicher und standhaft bist. Eher das Gegenteil. Du bist nicht wie die anderen Contractor, aber das weiß sie nicht. Du hast schon immer stärkere Emotionen gehabt als alle anderen. Und das ist dein Vorteil. Du kennst sie und sie werden dich nicht aus der Bahn werfen. Sie werden dich nur stärker machen.“

Hei lag die Frage auf den Lippen, wie es ihm helfen sollte, irrational zu sein, aber Nicks Lächeln hielt ihn davon ab.

„Meine Zeit ist um. Aber Hei: Du bist nicht allein. Das bist du nie gewesen.“ Ein letztes Lächeln, dann waren er und das Labor fort.

Wie um seine Worte Lügen zu strafen, fühlte Hei sich einsamer denn je. Vielleicht war das auch nur der Fall, weil er zum ersten Mal sich selbst gegenüber zugab, dass er allein war.

Aber all das half nichts, also setzte er sich hin und wartete.
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