Der dressierte Zombie

GeschichteFantasy / P16
Zombies & andere Untote
21.02.2017
05.04.2017
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„Also, ich liebe dich zwar nicht, aber ficken können wir natürlich trotzdem.“ Diese Worte aus dem Mund von seinem größten Schwarm zu hören ist etwas verstörend, vor allem wenn man bedenkt, dass ich ihm vor knapp zwei Wochen meine Liebe gestanden habe und seitdem von seinen Kumpels, Kumpelinen und Fickfreundinnen, Sticheleinen und Mobbereien aller Art ertragen muss. Man müsste meinen im Zeitalter der Zombieapokalypse würden die Menschen näher zusammenrücken, zusammen ums nackte Überleben kämpfen und brüderlich die Ressourcen teilen. Aber nein, die Menschheit ist egoistisch wie eh und je. Eigentlich ist es sogar noch schlimmer geworden. Jeder denkt an sich, eventuelle Rivalen werden über den Haufen geschossen. Gesetze und dergleichen gibt es ja nicht mehr. Das Machtgefüge ist das gleiche, nur die Gesichter haben sich geändert. Was früher der Mafiaboss, ist heute Willi von nebenan, der, getrieben durch seinen schon immer vorhandenen Paranoiditismus, Medikamente und andere Ressourcen, gehortet hat. Damals milde belächelt, heute der Anführer und das nur durch ein paar Zombies. So schnell kann’s gehen.
Jedenfalls sichtlich verwirrt, frage ich David woher der Sinneswandel denn kommt. Er schmeißt seine dicke schwarze Strähne, die seinen Pony darstellt, zur Seite und schaut mich mit seinen umwerfenden stahlblauen Augen an, „Lissy wurde von Zombies zerfleischt.“ Aha! Ich bin ein Lückenbüßer und nicht nur das, scheinbar sind alle hübschen Damen, welche seinem  Beuteschma entsprechen, in der letzten Zeit von Zombies vertilgt, ausversehen erschossen, oder auf andere Weise umgekommen.  (Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie viele Leute mit Zombies verwechselt und deswegen ausversehen erschossen werden, dass kommt häufiger vor als man glauben mag.) Es ist nicht so, dass ich hässlich wäre, ich bin schlank, habe smaragdgrüne Augen und langes braunes Haar, aber im Dorf bin ich allgemeinhin als Sonderling bekannt und das ist das netteste Wort, mit dem mich die Dörfler beschreiben. Selbst meine Eltern halten mich für komisch. Zum einen, weil ich mit meinen achtzehn Jahren jedem Anwärter einen Korb gegeben habe, auch wenn dieser für die heutige Zeit sehr gut betucht war und viel Einfluss hatte, zum anderen, weil ich Zombies nicht als dumme, plumpe Wesen betrachte, sondern als eine Stufe der Evolution. Wie weit mich der Gedanke bringt liegt klar auf der Hand. Ich lebe und etwa hundertzwanzig ehemalige Dörfler nicht.
Ich lehne also Davids Vorschlag dankend ab und wende mich zum gehen und während ich zu meinem Baumhaus trotte, höre ich seinen Schimpftiraden zu. Lenny, denke ich bei mir, du hast einen grauenhaften Männergeschmack. Ich klettere die Leiter hoch, greife meinen Rucksack und breche, in weiser Voraussicht, dass sich diese Woche ähnlich gestaltet wie die vorangegangene, auf. Wohin weiß ich noch nicht. Einfach erstmal weg. Vielleicht finde ich auf meiner Tour was Nützliches. Jedesmal, wenn ich auf eine dieser Touren gehe, profitiert mein Dorf davon. Mal bringe ich Medikamente, mal Autobatterien, mal einfach nur gute Ideen mit.  Diese Sachen werden dann auch meist dankend vom Dorf angenommen. Das heißt aber nicht, dass sie mich in Ruhe lassen. „Schaut mal der Sonderling will sich wieder bei uns einkratzen“, heißt es oder, „Sie hofft wohl auf Akzeptanz.“. Naja, es sichert mir zumindest das Überleben. In einer Zeit in der Mütter und Väter ihre Kinder aussetzen, der Bruder die Schwester umbringt und Oma und Opa erschossen werden, weil nicht die nötigen Ressourcen vorhanden sind um sie durchzufüttern, ist das meine Überlebensstrategie. Meine Mutter und mein Vater denken von mir übrigens das gleiche, wie der Rest des Dorfes. Ich glaube sie hoffen einfach, dass ich von diesen Ausflügen, die manchmal mehrere Tage dauern, einfach nie wieder zurückkehre. So hält mich auch niemand auf, als ich mit meinem großen Reiserucksack, welcher in schöneren Zeiten wohl als Bergsteigerrucksack, oder als Rucksack für Backpacker hergehalten hat, den Strom des Schutzzaunes abschalte und durchs Tor gehe. Der Wache auf dem Aussichtsturm rufe ich noch zu, den Strom wieder anzustellen. Sie guckt verschreckt und ich drehe dem Dorf meinen Rücken zu.
Die Zivilisation steht am Ende ihrer Tage und die Vegetation ist so schön wie seit Jahren nicht mehr. Üppige Wälder, dichtes Buschwerk, hohes Gras und unglaublich viele Tiere. Manchmal beobachte ich von einem Baum aus, Gruppen von Untoten. Sie fressen keine Tiere, Hasen und Rehe nehmen reiß aus, wenn sie in seltenen Fällen von ihnen überrascht werden und die Zombies scheren sich nicht drum und es macht den Anschein, als wäre mein Geruch gar nicht relevant, denn mehr als einmal wurde ich entdeckt und kam nur knapp mit dem Leben davon obwohl ich mich immer Weisungsgemäß gegen die Windrichtung stelle. Mein großer Bonus bei der Flucht ist, dass Zombies die Fähigkeit, Bewegungen zu koordinieren fehlt. Sie können weder auf Leitern, noch auf Bäume und schon gar nicht an Felsen hinaufklettern. Ich hingegen klettere wie ein Affe oder eine Bergziege oder eine Mischung aus beidem. Je nach Größe der Gruppe ist eine Felswand einem Baum vorzuziehen, da ein Baum unter der schieren Masse untoten Fleisches auch einfach mal zu Boden geht.
Heute ist in der Umgebung jedenfalls alles ruhig. Kein stöhnen, kein schlurfen weit und breit. Hier und da brummen Bienen und gehen ihrem täglichen Geschäft nach, rechts von mir mümmelt ein Hase Gras, bis der Wind sich dreht und ihm meinen Geruch hinüber weht. Er nimmt den Kopf hoch und stellt die Ohren auf. Er hoppelt davon und ich sehe ihm nach. Ein Grinsen stiehlt sich auf mein Gesicht. Tiere sind um so viel bessere Menschen. Sie verurteilen nicht, sie versuchen sich nicht zu töten. Naja jedenfalls sind kämpfe um Leben und Tod wesentlich seltener als bei uns und die Gründe sind nicht so trivial wie bei uns. „Oh du hast aber ein tolles Auto!“ peng, tot. Das gibt es bei Hasen nicht. Bei ihnen geht es um das beste Weibchen und das beste Revier. Kurzum: ums nackte Überleben. Der Mensch hält selbst beim Ende, von allem was wir bisher kannten, an seinem dummen Prestigegedanken fest. Es reicht halt nicht einfach nur ein Auto zu besitzen, welches einen trocken von A nach B bringt, nein es muss das schnellste und schickste sein.
In meinen Gedanken weiter der Lebensweise der Hasen nach sinnierend gehe ich weiter durch den Wald. In der letzten Nacht hat es geregnet und der Waldboden ist aufgeweicht und glitschig. Ich klettere auf eine Wurzel und da ich nicht der geschickteste Mensch unter dem blauen Himmel bin rutsche ich ab, der Zweig an dem ich mich festhalten will, bricht und ich rutsche einen Abhang runter. Ich verbeiße mir das Kreischen, denn Lärm lockt Zombies an und während ich den Abhang runterrutsche und mir Zweige und Blätter ins Gesicht peitschen, mache ich eh schon Lärm wie eine ganze Elefantenherde. Stöhnend und mit geschlossenen Augen komme ich unten an. Ich rolle mich auf den Rücken verbeiße mir einen saftigen Fluch der mir auf der Zunge liegt, nehme die Arme aus dem Gesicht, mache die Augen auf und starre erschrocken einem Zombie ins Gesicht; und er starrt mindestens genauso erschrocken zurück. Moment, seit wann können Zombies sich erschrecken? Langsam, ganz langsam, rolle ich mich auf alle viere und gehe dann in die Hocke, die Umgebung sorgfältig nach anderen Zombies scannend. Keiner da, er ist alleine. Das ist seltsam, da die einzelnen normalerweise am aggressivsten sind. Ich höre stöhnen und schlurfen und knackende Äste. Der Zombie zeigt auf einen Baum und ich tu das was ich am besten kann. Ich lasse meinen Rucksack fallen und wie ein Eichhörnchen rammel ich den Baum hoch. Dabei jage ich mir einen Splitter ein und quietsche. Verdammt. Keinen Moment zu früh erreiche ich das undurchdringliche grün der Baumkrone. Die Gruppe Zombies ist eingetroffen.