Ausnahmezustand

OneshotAngst / P16
Sherlock Holmes
21.02.2017
21.02.2017
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Ausnahmezustand


„El sueño de la razon produce monstruos.“
(Franciso de Goya, Radierung, 1797/98)

Er weiß, dass sein Hypothalamus gerade dafür sorgt, dass in seinen Nebennieren die Stoffe Adrenalin, Noradrenalin, Kortisol und Kortison ausgeschüttet werden. Auch ist ihm klar, dass er nur wegen dieser ausgeschütteten Stoffe bei jedem kleinsten Geräusch aufschreckt.
Sein Atem geht unregelmäßig und schnell, das liegt daran dass seine Bronchien sich erweitert haben, um mehr Sauerstoff verarbeiten zu können. Außerdem ist sein Blutdruck gestiegen, seine Skelettmuskulatur wird infolgedessen stärker durchblutet und sein gesamter Stoffwechsel angekurbelt.
Ihm ist der Appetit vergangen – obwohl er nicht einmal welchen gehabt hat. Aber auch das gehört zu den Symptomen der Angst. Die Verdauung wird eingestellt, ein Grundbedürfnis jedes Lebewesens einfach abgebrochen, um sein Überleben zu sichern.
Außerdem wird ihm warm, die Körpertemperatur steigt im Angstzustand an und sein Mund trocknet aus. Auch fällt ihm auf, dass seine Augen empfindlicher auf Licht reagieren, die erweiterten Pupillen machen sich also auch bemerkbar.
Das alles zusammengezählt bringt er schnell zu einem Ergebnis: Er hat Angst.
Dazu brauchte nicht einmal eine Deduktion, er kennt die Anzeichen; hatte sie schon so oft bei den Leuten beobachten können, die er normalerweise mit seinen Ergebnissen konfrontierte. Anfangs hatte er sie sogar bei Lestrade erkennen können.
Dabei war es meistens so einfach gewesen zu einem Ergebnis zu kommen. Die meisten Mörder haben eben Angst gefasst zu werden, Angst vor ihrer eigenen Tat, Angst vor dem Gefängnis und den weiteren Konsequenzen.
Die wenigsten Mörder sind tatsächlich Psychopathen, denen ihre Taten wie Kunstwerke vorkommen. Das wiederum langweilte ihn manches Mal beinahe zu Tode, doch das hier...
Das hier jagt ihm Angst ein. Auch der Anblick des Feuers vermag ihn nicht zu beruhigen, so wie es bei den meisten anderen Menschen der Fall wäre. Feuer hat normalerweise eine faszinierende Wirkung auf den Menschen.
Die Vermutung geht dahin, dass es an der unbewussten Erinnerung läge, die ein Mensch mit dem Feuer assoziiert. Etwas, das seine Evolution maßgeblich vorangetrieben hat, das ist für den Menschen natürlich positiv.
Während er darüber nachdenkt, spürt er wie er zu zittern beginnt. Seine angespannten Muskeln übersäuern und bescheren ihm ein unangenehmes Gefühl in seinem gesamten oberen Rücken- und Schulterbereich.
Es ist wahrlich nervenzerreißend hier zu sitzen und zu wissen, dass er gerade einem Hirngespinst entkommen ist, obwohl er es glaubt mit den eigenen Augen gesehen zu haben. Doch weiß Sherlock nicht mehr, was er glauben soll.
Gibt es dieses Monstrum wirklich, von dem ihm sein Klient die ganze Zeit erzählt? Gibt es wirklich einen Höllenhund, der dort draußen sein Unwesen treibt und Menschen tötet? Er schüttelt den Kopf. Das Ganze hier ist doch bloß ein schlechter Scherz, um Touristen anzulocken.
Sonst würde ja wohl kaum jemand hier hin kommen. Es ist armselig und es ist lächerlich. Horrorgeschichten faszinierten zwar die meisten normalen Geister, aber sie sind häufig genau so gehaltlos wie die Köpfe, die sie in sich aufsaugen und als die Wahrheit erklären.
Diese Menschen hier sind nichts weiter als leichtgläubig und abergläubisch. Ein Höllenhund... Nein. Den gibt es nicht und den hat es auch nie gegeben. Sein Klient muss verrückt sein, es gibt keinerlei andere Erklärung dafür.
Es darf keine andere Erklärung dafür geben.
Denn wenn es eine gibt, dann ist er am Ende. Dann kann er an seinem eigenen Verstand zweifeln und das hat er bisher noch nie tun müssen. Er kann sich auf sich selbst verlassen und auf niemanden sonst, denn sonst ist er verlassen.
Auch John kann ihm hier nicht helfen. John glaubt diesem Spinner vermutlich auch noch oder im schlimmsten Falle geht er jetzt noch einmal nach draußen, um die Ursache für den Angstzustand seines Mitbewohners zu finden.
Womöglich verfällt er dann derselben Halluzination, denn mehr ist dieser Höllenhund nicht. Sherlock weiß nicht, was er dort draußen gesehen hat, aber er weiß, dass es kein Hund mit rot leuchtenden Augen und gefletschten Zähnen war.
Es muss doch eine Erklärung dafür geben, schießt es ihm durch den Kopf und er beginnt seine Hände aneinander zu reiben, da sie immer kälter werden und nicht aufhören zu zittern. Sein Körper spielt verrückt und das auch noch ohne Grund!
Er wird wütend. Nein, er kocht vor Zorn.
Niemand würde ihn für dumm verkaufen und auch niemand würde ihm einen Höllenhund vorgaukeln können. Das würde er sich nicht bieten lassen, denn es musste eindeutig jemand am Werk sein, der genau wusste, wie er den menschlichen Geist beeinflussen kann.
Ein Trick!
Genau, ein Trick. Und nichts anderes ist das hier. Eine Touristenattraktion, die außer Kontrolle geraten ist und ausgerechnet ihm und seinem Klienten im Wald über den Weg laufen konnte. Eine Zirkusnummer und eine Gespenstergeschichte.
Und schon hat man die perfekte Gruselatmosphäre geschaffen, auf die sich der Verstand dann auch noch einlässt. Wenn einem immerzu von einem Ungeheuer erzählt wird, dann sieht man dieses Ungeheuer irgendwann unweigerlich hinter der nächsten Häuserecke oder hinter dem nächsten Baum versteckt.
Oder eben in einem Moor, so wie er vor nur knapp zwei Stunden. Das Gehirn ist derartig auf den Anblick eines gewissen Gegenstandes oder Lebewesens fixiert und konzentriert, dass es irgendwann einfach auftaucht, ob real oder nicht.
Sherlock ist diesem Trick auf den Leim gegangen, doch hat er ihn im gleichen Moment durchschaut, wie er ihn treffen sollte. Er weiß, dass es eine Scharade sein muss, doch hat er trotzdem Angst.
Angst vor dem Höllenhund, Angst vor dem eigenen Verstand, weil der sich hat hinters Licht führen lassen, Angst vor der Angst. Das hier ist der absolute Ausnahmezustand von Sherlock Holmes' Geist. Er ist eingeschüchtert und tatsächlich verängstigt.
Wegen nichts weiter als einer Zirkusnummer.
Ein irres Lachen entringt sich seiner Kehle und er starrt weiter das Feuer im Kamin an, das ihn nicht zu wärmen vermag. Er friert regelrecht und hört dem Geklapper des Bestecks und den zurückhaltend flüsternden Stimmen um sich herum zu.
Diese Menschen ahnen ja nicht, dass er sie alle für beeinflussbar und leichtgläubig hält. Sie würden diesen Höllenhund für bare Münze nehmen und darüber erzählen und im schlimmsten Fall noch in Fernsehinterviews auftreten, genau wie sein Klient.
Nichts war diesen Menschen zu peinlich oder erniedrigend, um sich in ihrer eigenen Einzigartigkeit zu sonnen. Statt sich mit wahrer Größe oder echter Intelligenz zu profilieren, erzählen sie lieber davon, wie sie einst einer Zirkusnummer erlagen.
Sherlocks Zorn baut sich weiter auf und er schnauft aufgebracht in seinen Schal, bevor er von einer Bewegung abgelenkt wird. Es ist John, der da auf ihn zukommt und ein besorgtes Gesicht zieht. Das wiederum macht Sherlock noch wütender.
Und er hat nicht vor seine Wut John gegenüber zu zügeln.
Auch wenn er weiß, dass es falsch ist das zu tun.

Anmerkung: Mein erster Versuch in diesem Fandom und dementsprechend auch an Sherlock Holmes. :) Bitte gnadenlose Ehrlichkeit, falls sich jemand dazu ermutigt fühlt, diesen Oneshot zu kommentieren. Übersetzt heißt das Eingangszitat so viel wie „Der Traumschlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer.“
LG, Erzaehlerstimme
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