König der Nacht

OneshotFamilie, Schmerz/Trost / P12
20.02.2017
20.02.2017
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Dieser Oneshot entstand im Rahmen des Projektes Wörterwirbel.
Aus 5 vorgegebenen Wörtern wurden hier 1490 (laut worterzaehler), bei einem Limit von 1500. ^^
Ich möchte mich für die tolle Inspiration bedanken und wünsche viel Spaß beim Lesen! :)

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Die große Tür zu dem nohrischen Thronsaal öffnete sich mit einem kreischenden Geräusch. Leo lief, angesichts des seltsamen Tones, ein kalter Schauer über den Rücken, obwohl ihm dieses Geräusch eigentlich wohl bekannt war. Dann stand er in der düsteren Halle. Um diese Uhrzeit war niemand mehr hier und es war so ruhig, dass der Prinz fast meinte, seinen eigenen Herzschlag zu hören.
Langsam ging er auf den steinernen Thron zu. Seine Schritte hallten in dem dunklen Saal wieder und schienen die Stille wie Pfeile zu durchbohren. Das Geräusch ließ Leo leicht zusammenzucken. Innerlich nannte er sich selbst einen Vollidioten. Wer sollte schon hier sein?
Sein Vater war nicht mehr am Leben und somit wäre sein Bruder Xander derjenige gewesen, dem die nohrische Krone und somit auch der Thron zugestanden hätte.

Xander...
Ein Seufzen entwich dem Prinzen, als er an seinen älteren Bruder dachte. Warum nur, hatte er in diesem sinnlosen Krieg sterben müssen? Tränen der Verzweiflung schlichen sich in seine Augenwinkel. Normalerweise war Leo niemand, der viele Tränen vergoss oder große Emotionen zeigte. In Anbetracht der Dinge, welche in letzter Zeit passiert waren, konnte er aber nur schwerlich an sich halten.
Sein älterer Bruder wäre solch ein wunderbarer König geworden. Schon damals, als Xander in seiner Stellung als Kronprinz wichtige Aufgaben für ihren Vater erledigt hatte, hatte ihn das Volk geliebt. Er hatte zweifellos die Strenge ihres Vaters geerbt, doch im Gegensatz zu dem verstorbenen König war er auch gerecht gewesen.
Nicht nur das Volk wollte Leos Bruder auf dem Thron sehen, sondern auch die Adeligen. Der verstorbene Kronprinz hatte einfach immer gewusst, wie er die Menschen um sich in seinen Bann ziehen konnte. Dafür hatte Leo ihn immer heimlich beneidet.
Schlussendlich war Xander gefallen, als er sein Heimatland verteidigte. Man könnte meinen, dass dies ein Tod war, der für einen Kronprinzen angemessen war, jedoch wusste der Prinz, dass sein Bruder nicht mit reinem Gewissen gestorben war. Denn er war mit dem Wissen gestorben, ihre kleine Schwester Elise getötet zu haben.

Elise...
Noch eine Person, die ihr Leben in diesem widerwärtigem Krieg lassen musste. Als Leo an das quirlige Mädchen dachte, konnte er seine Tränen nicht mehr zurück halten. Warum? Warum hatten ausgerechnet die zwei Menschen sterben müssen, die ihr Land so dringend gebraucht hätte? Xander wäre der König geworden, der Nohr in einen sicheren Frieden mit Hoshido geführt hätte und die Fröhlichkeit der kleinen Elise wäre das gewesen, was ihr Land in dieser schweren Zeit gebraucht hätte.
Der Prinz wischte sich die Tränen aus dem Gesicht, die seinen Blick verschleiert hatten. Nun sah er den großen Thron wieder klar vor sich. Morgen würde er, mit der Königskrone auf dem Kopf, eben dort Platz nehmen. Eigentlich sollte er sich darüber freuen. Nohr hatte zwar den Krieg gegen Hoshido verloren, dennoch würde er der Herrscher über eines der beiden mächtigsten und größten Ländern auf diesem Kontinent werden.
Aber Leo verspürte weder Freude, Glück, Erleichterung, Stolz, noch sonst irgendetwas in diese Richtung. Er wollte diese Krone nicht.
Doch da seine große Schwester Camilla abgelehnt hatte, Königin zu werden, war er der Letzte in der nohrischen Thronfolge. Leo musste diese Krone annehmen, dass war er nicht nur seinem Volk, sondern auch Xander und Elise schuldig. Aber der Prinz wusste einfach nicht, wie er diese Aufgabe bewältigen sollte. Wie er ein guter und gerechter König werden sollte. Er wusste ja noch nicht einmal, was er bei seiner ersten Rede am morgigen Tage nach der Krönungszeremonie sagen sollte.

„Mylord Leo...“
Die raue Stimme durchbrach die angenehme Stille wie ein Schwert. Der Angesprochene zuckte zusammen, den er hatte den Mann nicht kommen hören. Die unverkennbare Stimme seines Getreuen versicherte ihm jedoch, dass er nichts zu fürchten brauchte.
„Niles, was gibt es den...?“
Der Prinz starrte weiter stur nach vorne, obwohl er an den hallenden Schritten ausmachen konnte, dass sein Diener neben ihn getreten war.
„Ich sorge mich um euch, Mylord.“
Langsam ließ Leo seinen Blick zu dem schlanken Mann wandern. Seine gebräunte Haut wirkte durch den Gegensatz seiner hellen Haare noch ein wenig dunkler, als sie es ohnehin schon war.
„Du sorgst dich um mich? Niles, der Krieg ist vorbei. Es gibt keinen Grund, weshalb du dir Sorgen um mich machen müsstest.“
Der dunkelblaue Umhang glitt ein Stück zur Seite, als Niles eine Hand hob und vorsichtig über die nassen Spuren der Tränen auf Leos Gesicht strich. Dieser spürte, wie seine Wangen durch diesen Kontakt plötzlich zu brennen begannen.
„Mit Verlaub, aber Ihr seht nicht so aus, als würdet Ihr Euch auf den morgigen Tag freuen.“
Leo schluckte den Klos, der sich in seinem Hals gebildet hatte, hinunter.
„N-nein. Weißt du, es war nie mein Wunsch, König von Nohr zu werden. Außerdem... kann ich kein Auge zu tun.“
„So?“
Eine der hellen Augenbrauen seines Getreuen wanderte nach oben und zu Leos Bedauern verschwanden die Finger auf seiner Wange. Sie hinterließen ein kribbelndes Gefühl, welches sich langsam in seinem ganzen Körper ausbreitete.
„Was wird es nur für eine Wirkung auf das nohrische Volk haben, wenn es sieht, dass ihr neuer König völlig übermüdet zu seiner eigenen Krönungszeremonie erscheint?“
Bei diesen Worten bekam der Prinz Bauchschmerzen. Es war ja nicht so, als hätte er die letzten Nächte viel geschlafen und als er heute morgen in den Spiegel gesehen hatte, waren unter seinen Augen tiefe Schatten zu erkennen gewesen.
Er seufzte. Er wollte diese Krone nicht. Er wollte nicht die Last eines ganzen Landes tragen.

„Mylord?“
Leo blinzelte Niles an und strich sich dabei durch seine blonden Haare.
„Ich bin mir bewusst, dass die bevorstehende Zeremonie kein Spaß für Euch sein wird. Dennoch solltet ihr zumindest etwas schlafen. Oder was, denkt Ihr, hätte Mylord Xander gesagt, wenn er gesehen hätte, wie Ihr ausseht? Also eure Schwester hätte Euch bestimmt mit diesen Augenringen aufgezogen.“
Leo musste bei diesen Worten schwach lächeln. Niles hatte Recht, dass wusste der Prinz.
Dieser grinste ihn ebenfalls an und griff völlig unverhofft nach seinen Händen, die trotz der späten Stunde noch immer in seinen dunkelblauen Handschuhen steckten. Dessen Magen zog sich dabei zusammen und sein Herzschlag wurde schneller. Erneut spürte Leo, wie seine Wangen wärmer wurden.
Die Stille hatte sich wieder drückend über die beiden Männer gelegt und obwohl sie sich in einem hohen Raum befanden, meinte der zukünftige König, die Decke würde ihnen gleich auf die Köpfe fallen.
Mit aller geistigen Kraft, die er trotz seiner Trauer aufbringen konnte, schob Leo all seine depressiven Gedankengänge zur Seite. Er räusperte sich und diesmal erschrak er nicht von dem krächzendem Hall.
„Du hast Recht. Entschuldige, dass ich dir Sorgen bereitet habe. Ich werde mich in Zukunft mehr zusammenreißen.“
Sein Getreuer lächelte und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Ihr müsst euch für nichts bei mir bei mir entschuldigen, Mylord. Mir liegt nur euer Wohlergehen am Herzen.“
Leo nickte ernst und ließ seinen Blick wieder zu dem kalten Thron wandern.
„Ich wünsche eine erholsame Nacht.“ Die Stimme seines Getreuen hatte einen ungewohnt ruhigen Tonfall angenommen, welcher Leo erneut einen kalten Schauer über den Rücken jagte.
„Gute Nacht.“ Nachdem die Worte seine Lippen verlassen hatten, drehte sich Niles um und ging langsam auf die große Eingangstür zu.
Nicht nur Nohr hätte Xander und Elise gebraucht, auch Leo hätte sie gebraucht. Seinen großen Bruder, als Ritter in seiner strahlenden Rüstung und seine fröhliche Schwester, die einfach jeden Menschen zum lachen brachte. Es war, als wäre ein Großteil seines Lebens ihm entrissen worden. Aber Niles hatte Recht. Es brachte nichts, in Trauer zu versinken. Leo musste stark sein. Für seine verstorbenen Geschwister und für sein Volk. Wie es Xander und Elise gewesen wären. Damit so ein furchtbarer Krieg nie wieder stattfinden würde und niemand den Schmerz fühlen musste, welchen er gerade fühlte.

„Mylord Leo?“
Der Blonde sah über seine Schulter und bemerkte, dass sein Getreuer noch immer in der halb geöffneten Tür stand.
„Ist noch etwas?“
„Eure Schwester sagte mir, sie wolle nach der Zeremonie zu den Gräbern eurer Geschwister gehen. Vielleicht... solltet Ihr Milady Camilla begleiten?“
Obwohl ihm diese Worte ein Stich in die Magengegend versetzten, gefiel dem Prinzen die Idee doch irgendwie. Ja, Xander und Elise hätten ihn bestimmt gerne mit der Krone auf dem Kopf und dem schweren Umhang um die Schultern gesehen. Bei dieser Vorstellung zuckten seine Mundwinkel leicht nach oben. Ihm war zum heulen zumute, aber der Gedanke, seine verstorbenen Geschwister an dem morgigen Tag teilhaben zu lassen, gefiel dem Prinzen.
„Ich werde meine Schwester begleiten, und du wirst mich begleiten.“
„E-entschuldigt, aber ich... kann eure Empfindungen nicht nachvollziehen, mein Herr.“
Leo drehte sich zu Niles um, das Zupfen an seinen Mundwinkeln hatte ihm mittlerweile ein dünnes Lächeln auf das blasse Gesicht gezaubert.
„Ich erwarte nicht, dass du mit mir um die Beiden weinst.“
Der baldige König durchquerte mit zügigen Schritten den Thronsaal und sah seinem Diener in die Augen, als er neben diesem kurz stehen blieb.
„Ich erwarte, dass du mich vor... meiner Schwester beschützt, du verstehst schon.“
Nun grinsten beide Männer sich gegenseitig an und verließen dann, Seite an Seite, den düsteren Saal.
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