Ascheneinhorn

GeschichteAllgemein / P12
13.02.2017
13.02.2017
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Arvid sah sich im bis zum Rand gefüllten Saal um. Alle waren sie gekommen. Für ihn. Alle waren sie für ihn und seinen Bruder gekommen. Für diesen einen Tag. Wer von ihnen kannte ihn denn überhaupt? Und wie sollte er entscheiden, wen er kennen wollte.

Heute war der Tag, an dem er und sein jüngerer Zwillingsbruder sich eine Braut suchen sollten.

Er war ein bisschen nervös, gestand er sich ein. Nein, nicht nur ein bisschen. Er war sehr nervös.

Seine Hufe scharrten über den Boden. Spähend blickte er sich um. Hoffentlich hatte niemand das bemerkt. Er konnte sich keine Fehler erlauben. Einst würde er über dieses Land herrschen. Und er suchte dafür die Frau an seiner Seite. Aber wenn er sich vor ihr genauso verbergen musste, dann war sie dafür nicht geeignet.

Ein Blick in die Runde zeigte ihm, dass fast alle da sein mussten. Sein Bruder Aurel trat vor und begrüßte die Anwesenden. Er hielt eine lange Rede, doch Arvid bekam nicht viel davon mit, so aufgeregt war er.

Er war beinahe am Ende der Rede angelangt, da öffneten sich die Türen der großen Halle erneut.

Elfengleich schwebte ein Pferd herein, in diesem einen Moment an Eleganz allen Einhörner der Welt überlegen. Obwohl sie kein Horn trug, oder gerade deswegen, wirkte sie wunderschön. Ehrliche Freundlichkeit schien von ihrem schwarzweiß-gescheckten Fell auszustrahlen, glänzend im Licht der Scheinwerfer.

Auf dem Weg hierher war sie gerannt, ihre Brust hob und senkte sich schnell, während sie den Kopf senkte und sich leicht beschämt entschuldigte. Arvid spitzte die Ohren, damit er ihren Namen mitbekam.

„Mein Name ist Hadya“, stellte sie sich vor „Ich bin die Botschafterin der Pferde“.

Der Königssohn musterte sie bewundernd. Nun wusste er, wen er zum ersten Tanz auffordern würde. Ein kurzer Blick auf seinen Bruder ließ ihn wissen, wen dieser erwählt hatte. Sein Bruder liebte die offensichtliche Schönheit. Die Einhorndame, die er ansah, war zweifellos die Schönste im Raum. Und das wusste sie auch. Ihr zartrosa Fell schien poliert zu sein, so sehr glänzte es. Die pechschwarzen Wimpern senkten sich mit berechneter Eleganz auf hellblaue Augen. Ein zartes Lächeln zierte ihr ebenmäßiges Gesicht.

Sein Bruder war mit der Rede fertig und wie nicht anders zu erwarten, forderte er die Schönheit zum Tanz auf. Nervös stieg Arvid ebenfalls von ihrer beider Podest hinunter. Er war nicht so selbstsicher wie Aurel. Dennoch wollte er, musste er, zu ihr und sie auffordern. Tief atmete er durch und durchschritt den Saal.

„Hadya“, begann er und seine Stimme zitterte. Doch sie lächelte und das machte ihm Mut. „Möchtest du mich zum ersten Tanz begleiten?“, fragte er sie rundheraus.

Sie hob den Blick und sah ihm in die Augen. Mit klarer Stimme bejahte sie.

Noch nie hatte er mit einer wundervolleren Frau getanzt. Es kam ihm kaum noch vor wie tanzen, eher wie schweben. Beinahe wäre er abgehoben. Aber aus Soldarität zu seiner zukünftigen Frau, denn als solche betrachtete er sie bereits, blieb er auf dem Boden.

Irgendwann muss auch der schönste Moment enden und so verklang die Musik. Mit dem letzten Akkord blickte er ihr wehmütig in die Augen.

Als sein Bruder kurz darauf kam um ihm die schönsten der Schönen vorzustellen, lehnte er ab. Er hatte seine Frau bereits gefunden. Nun musste er sie nur noch fragen.

Er bat sie zu sich und ging mit ihr auf den Balkon. Unter ihm lagen die Schluchten des gesamten Reiches.

Wieder einmal rang er um Mut, diese Frau brachte ihn einfach um den Verstand. Gefasst fragte er sie die bedeutungsvollen Worte:

„Willst du mich heiraten?“

Ihre Antwort überraschte ihn. „Warum sollte ich das wollen? Ich bin wohl die Einzige hier, die nicht gekommen ist um dich zu heiraten. Was kann mich vom Gegenteil überzeugen?“

Verwirrt blickte er sie an. Dann versuchte er zu kontern: „Ich bin der Herrscher der Welt. Warum solltest du mich nicht heiraten wollen?“ Er sah ihrem Gesichtsausdruck an, dass sie nicht überzeugt war. „Du wirst bei mir das beste Leben haben, dass du dir vorstellen kannst. Ich werde dich auf Hufen tragen und dir jeden Wunsch von den Augen ablesen.“ Die Worte lagen ihm auf der Zunge. Unruhig scharrte er mit den Hufen, dann fasste er sich ein Herz: „Ich habe mich in dich verliebt. Du bist die schönste Frau, die mir je begegnet ist. Du tanzt wie eine Göttin. Du bist nicht hier um mich zu verführen. Du bist intelligent, weit gereist und belesen. Bitte, heirate mich.“

Ein winziges Lächeln huschte über ihr Gesicht. Sie nickte.

Gemeinsam betraten sie wieder den Saal.

„Willst du noch einmal mit mir tanzen?“, fragte er nun schon mutiger.

Und es blieb nicht bei einem Tanz.
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