Clary, der teuflische Engel

GeschichteRomanze, Fantasy / P18 Slash
12.02.2017
07.07.2017
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Clary lag auf dem Bauch liegend auf Izzys pinkem Bett, den Kopf auf die Hände abgestützt, als Jocelyn über die Türschwelle trat. Sie starrte ihre Mutter irritiert an.
»Ich überbringe schlechte Nachrichten«, reagierte Jocelyn schwermütig, »der hohe Rat wird dich zu ihnen bestellen, und du musst das Engelsschwert tragen.«
Clary zögerte, sie war voller Furcht, denn ihr war bewusst, wie oft sie schon die Gesetze des Rats umgangen war und wie erbittert der Rat gegen Feinde vorgegangen war. Und sie wusste noch allzu  gut, wie Jace unter dem Engelsschwert zu leiden hatte. Doch für ihn würde sie auch dies erdulden, sollte es zumindest, denn dann dürfte sie sich vielleicht den Suchtrupps anschließen.
»Es tut mir leid, Liebes«, erwiderte Jocelyn, die wohl die Gesichtszüge ihrer Tochter las.
»Nein, nein, solange es die Suche nach Jace beschleunigt.«
Alec stand plötzlich im Türrahmen und schüttelte den Kopf, »sie werden dich bestimmt eher über Sebastian ausfragen.«
»Wie meinst du das?« Clary setzte sich auf und zog ihr Haargummi aus ihren roten Haaren, so dass diese wallend über ihre Schultern fielen. Isabelle warf ihrem Bruder einen bösartigen Blick zu, als hätte er zu viel gesagt. Auch Jocelyns Miene wirkte aufgebracht.
»Es bringt doch nichts Clary etwas vorzumachen, und gerade jetzt sollte sie die Wahrheit erfahren«, reagierte Alec auf die beiden.
Clary sah verblüfft einen nach dem anderen an. Zuletzt blieb ihr Blick auf ihrer besten Freundin haften, die sich seufzend schließlich zu Wort meldete. »Du weißt, wir Schattenjäger sterben früh, oft und jung. Wir sind nur die Bauern auf dem Schachbrett, wir sind verzichtbar.«
Clarys Mundwinkel verfinsterten sich. »Also suchen sie gar nicht nach Jace, sondern nach Sebastian?«
Alle nickten schweigend, so dass sie aufgebracht aufstand. Jocelyn streckte ihre Hand nach Clary aus, aber sie zog ihre Schulter wortlos zurück. Auch Alec passierte sie ohne ihn eines Blickes zu würdigen. Alec seufzte. Allen im Zimmer war es nur allzu bewusst, wie sehr sie jetzt leiden musste.

Clary wurde von ihr unbekannten Schattenjägern zur Befragung geleitet. Als sie in der Halle ankamen, stand Robert Lightwood vor ihr. Es stellte sich heraus, dass er die Befragung leiten würde. Er wies mit der linken flachen Hand auf ein Podest hin. Davor standen zwei Ständer, auf denen das Schwert auflag, bereit dafür von ihr aufgenommen zu werden.
Clary war überraschend ruhig und trat zielstrebig auf die Stufen. Sie drehte sich zum Schwert und legte es sich auf beide Handinnenflächen, die nach oben zeigten. Sie war erstaunt darüber, wie federleicht es war.

Robert Lightwood stellte sich ihr gegenüber und die verbliebenen Ratsmitglieder und Schattenjäger im Halbkreis hinter ihm.
Er sprach: »Iudex ergo cum sedebit,
Quidquid latet, apparebit: Nil inultum remanebit.«
Clary antwortete überraschend: »Lacrimosa dies illa, Qua resurget ex favilla, Iudicandus homo reus.«
Ein Raunen und Murmeln entstand in den hinteren Reihen und auch Robert blinzelte kurz auf. »Zu welchem Gericht der Menschen und von welchen Sünden sprichst du, Clarissa Morgenstern?«
Sie spürte, wie das Schwert leise brannte, wie die Runen wirkten, wie es schwer wurde die Gedanken in Worte zu formen und dann überraschte es sie.
Das war das gleiche Gefühl des Lampenfiebers, als sie in ihrer Kindheit auf der Schultheaterbühne gestanden hatte. Mehr nicht? Dachte sie. Dabei erzählten die anderen doch, wie furchterregend folternd das Engelsschwert auf sie eingewirkt hatte. Sie hingegen spürte nichts dergleichen. Ihr Engelsblut schien die Kraft des Engelsschwert aufzuheben. Sie konnte zwar nicht lügen, aber sie konnte schweigen. Denn sie sprach innerlich von den Sünden des Rats seltenst sich um ihre Schattenjäger großartig zu kümmern, - du sollst deinen Nächsten lieben -, wenn sie ihnen verloren gingen, oder die vertane Zeit immerwährend zu tagen, anstatt zu handeln. Doch sie schwieg einfach auf seine Frage und zuckte bloß mit den Schultern. Selbst als Robert nachhakte und die Runen des Schwerts auf sein Geheiß lichterloh brannten, erhob sie ihren Kopf regelrecht gleichgültig und ließ kein Wort über ihre Lippen sprudeln.
Erneut rollte ein Raunen durch die Halle. Verunsichert sahen sie alle zu den stillen Brüdern, zum Bruder Shadrach, doch auch er schwieg, als hätte er es schon immer gewusst.
Clary spürte die Verwunderung, die Ratlosigkeit, aber ebenso die Zustimmung seitens der stillen Brüder. In ihren Gesichtern zeigte sich Verblüffung und kurz darauf verstanden ebenfalls die Ratsmitglieder, dass sie nicht durch eine Teufelsmagie lügte, sondern auf Geheiß der Engel wohl handelte. Denn wie sonst sollte sie die Macht des Schwertes außer Gefecht setzen können. Natürlich ergab dies genügend Klatsch und Tratsch in den Schattenjägerreihen und flüsternde Blicke, wenn Clary sie passierte, aber sie wurde nicht mehr wie zuvor missachtet. Sie störte sich nicht weiter darin. Die Hauptsache war, dass sie mit ihren Aussagen die Geschicke des Rats einigermaßen lenken konnte, wenngleich sie nach wie vor sich nicht aktiv beteiligen durfte.


Die Mühlen der Politik drehten sich dennoch furchtbar langsam und Clarys Ungeduld wuchs von Tag zu Tag. Sie ging in den Vorsaal des Instituts hinunter und wurde plötzlich von Luke überrascht. »Komm lass uns zu Taki’s gehen, das bringt dich auf andere Gedanken. Die anderen kommen auch mit. Sie warten vorne schon auf dich.«
»Nein, ich möchte nicht. Moment, hast du, habt ihr das etwa geplant?« Verblüfft schaute sie ihn an.
»Wir sind doch eine Familie, wobei, Jocelyn wird nicht dazustoßen, es war die Idee deiner Freunde.« Luke schob seine breite Schultern zusammen.
»Oh, okay, ja damit kann ich leben.« Clary war es ganz wohl ohne ihre Mutter, sie hatte sich während den Ratsbefragungen auch nicht gerade großmütig um sie gekümmert, da passte es in den derzeitigen Rahmen. Jocelyn machte sich ausschließlich Vorwürfe über Sebastian, Jonathan, und vergaß die bestehende Welt um sie herum. Irgendwie lebte sie gänzlich in der Vergangenheit oder die Bedrohungen der Welt bedrückten ihr Herz allzu sehr um geliebte Wesen nahe zu lassen.
Clary ging zu Alec und Izzy zur Institutstür, als sie Aline im Türrahmen stehen sah. Früher hätte sie das erschüttert, doch nun war es ganz weit entfernt, der Gedanke, dass Jace jemand anders küssen würde. Sie würde es gar begrüßen, wenn sie ihn jetzt so sehen würde. So würde sie wissen, dass er noch lebte.
Sie begrüßten einander und sie wurde mit Alines feste Freundin Helen bekanntgemacht. Aline bedankte sich gar bei Alec und Magnus, für sein Outing, denn nur so hatte sie den Mut es ihren Eltern beichten.
»Wie haben sie es aufgenommen?«, hakte Alec nach.
»Sie ignorieren es, wie halt alle anderen Ratsmitglieder.« Aline verschränkte die Arme, während Alec ihre Schulter drückte. »Ich weiß, der Rat ist leider sehr oft konservativ und engstirnig. Aber es wird nicht immer so sein. Wir haben die ersten Ketten wahrscheinlich gesprengt.«
Isabelle war stolz auf ihren Bruder und auch Clary nickte ihm anerkennend zu. Sie alle brachten ein heilloses Durcheinander in die Prinzipien des Rates, die einzelnen Glieder der Kette begannen Risse zu bekommen und es schien längst überfällig.

Sie gingen gemeinsam zu Taki’s, sie hatten gar Aline und Helen eingeladen, die jedoch dankend abgelehnt hatten. Aline erzählte aber noch eine Geschichte um Jace, als sie alle noch kleine Kinder waren, und wie er sie mutig wie ein Anführer durch den Wald herausgeführt hatte, in dem sie sich verirrt hatten. Alle Anwesenden vergossen mindestens eine Träne und es zeigte Clary einmal mehr, dass sie nicht wirklich Teil dieser Familie war.

Einige Tage später war es so weit, sie konnte nicht mehr, die Tränen versiegten und auch das Fluchen war vergeblich. Sie wurde vom Rat freigesprochen, wurde nicht mehr beobachtet, es war jetzt endlich an der Zeit zu handeln. Zumal ihre Freunde sie immerzu schwermütig anstarrten, als sei sie nur ein Häufchen Elend, und das passte ihr so ganz und gar nicht, auch wenn sie oft seitdem gedankenverloren durch die Weltgeschichte stolperte.
So ging sie erneut zu Alec und Izzy. »Wir müssen jetzt endlich handeln.«
»Was hast du denn vor? Dich gegen die Befehle des Rats auflehnen?«, Alec ahnte Clary voraus.
»Ja, sie haben doch eh längst andere Prioritäten gesetzt!«
Isabelle verdrehte die Augen. »Und du hast schon einen Plan, nicht wahr?«
Clary rümpfte die Nase. »Ich dachte, ihr steht Jace ebenso nah wie ich. Er ist auch euer Freund, dein Parabatei.« Ein garstiger Blick schoss gen Alec. »Mein Plan ist es zur Feenkönigin zu gehen.«
Alec und Isabelle starten sie fassungslos an. »Bitte was?«, schrie Alec auf, »das kann doch nicht dein Ernst sein.«
»Es ist mein voller Ernst«, sie erhob die Kette, die um ihren Hals baumelte, »wisst ihr noch, die habe ich einst von ihr bekommen, jetzt ist es an der Zeit einen Deal mit ihr einzugehen und ihr helft mir dabei. Denn auch ihr wollt Jace zurück, euren Bruder«, dann flüsterte sie sanft, »außerdem brauche ich eure Hilfe, alleine schaffe ich das doch nicht. Ihr kennt die Königin doch viel besser als ich. Vielleicht kann ja ebenfalls Magnus helfen. Aber ich will, ich muss.«
Isabelle kam zu ihr und drückte sie fest. »In Ordnung, wir tun’s. Wir werden Simon dazuholen und«, sie drehte sich zu ihrem Bruder hin, der still aufseufzte, gleichwohl schließlich nickte, »auch Alec kommt mit. Und alle anderen, die wir dafür begeistern können. Aber wir sollten es fernab des Instituts durchziehen.«


Am Abend gingen die Drei heraus und trafen kurze Zeit später auf Simon, bei dem sich Clary stillvergnügt gar einhakte. Magnus beteiligte sich ausnahmsweise nicht daran, Alec hatte ihnen erzählt, dass dieser wohl eine alte Fehde mit der Feenkönigin innehatte und somit die Mission gefährden würde. Clary nahm es hin, sie hatte ihre drei besten und einzigen Freunde an ihrer Seite. Es sollte damit nichts schiefgehen.
Sie gingen in eine schmale Gasse und Clary läuterte die silberne Glocke.
Wie in einem wabernden Strudel verdrehte sich die Welt um sie herum. Die gepflasterten Mauerwerke pochten wie ein unrhythmischer Herzschlag und verschoben sich mit dem Boden, mit den einzelnen Wassertropfen der Pfützen, die wie lange Fäden vom Kopf bis Fuß herunterhingen. Und so schnell wie es begann, endete die Reise. Die neue Welt glich einem verlassenen Canyon glich, mit Ranken, die an den steilen Wänden herabhingen. Clary war es schwummrig im Kopf und sie musste sich kurz an Alecs starke Schulter festhalten, während Isabelle den verwirrten Simon stützte.

»Hallo, ist hier jemand«, rief sie heraus und Meliorn trat aus einem Schatten hervor.
»Es heißt ‚seid gegrüßt‘, lernt ihr denn gar nichts auf eurer Schule.«
»Wenn man niemanden sieht, ruft man doch nicht so förmlich, oder hättest du so gehandelt?« Clary konterte hart, aber Meliorns Gesichtszüge zeugten davon, dass sie recht hatte.

Er führte sie aus dem Canyon heraus auf eine breite Lichtung, in dessen Mitte die Königin in einer griechischen Sänfte thronte. Um sie herum hingen erstochene Irrlichter, die leise ihre letzten Töne kreischten und im Flackerlicht die Königin bestrahlten. Ein schaurig-schönes Bild tat sich den Jugendlichen auf.

»Was möchtest du, Valentins Tochter?«, sprach sie in einer kalten und dennoch sanften Note.
Clary wollte erst mit Sarkasmus wie bei Meliorn kontern, erinnerte sich jedoch daran, wie Jace einst mit zuckriger Stimme und Schmeicheleien die Königin um einen Gefälligkeit umgarnt hatte. Sie schluckte die Jugendlichkeit schließlich herunter. »Ich möchte Euch um einen Gefallen bitten, denn ich weiß, dass Ihr ihn erfüllen könnt.«
»So? Kann ich das?«, lachte das Feenoberhaupt regelrecht scheinheilig auf.
Clarys Wut brannte in ihrem Kopf, sie musste sich höllisch zusammenreißen, keinen gehässigen Ton von sich zu geben. Das begann bereits, als sie sie Valentins Tochter nannte. Sie wollte nichts mit ihrem Vater zu tun haben, sie verachtete ihn und seinen Namen. Sie war eine Fairchild, kein gebeutelter Morgenstern.
»Sonst hättet ihr mir die silberne Glocke nicht am Tage von Jaces Verschwinden überbracht und ihr hättet nichts Ähnliches in der Vergangenheit angedeutet. Ich suche Jace und müsst Ihr wissen, als Ihr es vorgibt. Feen schweigen gerne, das habe ich schon in meinen jungen Jahren gelernt.«
Die Feenkönigin lachte erneut auf, mit einem süffisanten Lächeln auf den Lippen. »Der Rat hat mich doch längst befragt, denkst du, Kind, ich hätte ihm nicht alles gesagt, was ich wüsste. Schlussendlich ist es der hochangesehene Rat.«
»Wir wissen auch, dass Feen gerne Fragen umgehen, oder es ganz genau nehmen, wie man sie fragt«, reagierte Clary.
»Und dass sie oftmals ‚möglicherweise‘ sagen«, fügte Izzy hinzu.
»Oder ‚vielleicht‘«, stimmte Simon frotzelnd ein.
Clary verdrehte die Augen, verstanden die anderen denn nicht, dass sie solche Gehässigkeiten nicht auslösen durften. Just in dem Moment lachte Alec auf und die Königin verzauberte ihn in einen alten Mann. »Siehe Alec Lightwood, so siehst du in nur wenigen Jahren aus, gefällt dir der Anblick? Mir gefällt er durchaus, ich könnte jetzt schon damit leben.«
Alec zuckte zusammen und zitterte, als er mit seinen kalten, grauen Händen über seine rissige, zerfurchte, alte Haut fühlte.
»Bitte«, sprach Clary sie herzallerliebst an, »er hatte es nicht so gemeint. Seht es als jugendlichen Leichtsinn an. Bitte, vergebt Ihnen.«
Die Fee grinste breit, es wirkte beinahe wie ein zähnefletschendes Haifisch-Lachen und schnippte mit den Fingern. Sofort stand Alec, jung wie eh und je, da.
»Nun gut, was sollte mir ein Gefallen mit dir bringen?«
»Heißt es, ich kann auf Eure Zusammenarbeit vertrauen? Oder wird es auf ein Nichts hinauslaufen. Schließlich kann ich nicht sicher sein, ob Ihr vielleicht doch lieber mit Sebastian zusammenarbeitet, als gegen ihn.«
Die Feenkönigin schien überrascht, denn für einen kurzen Moment leuchteten ihre Augen voller Erstaunen auf, bis sie wieder überaus wissend über alles hinwegglänzten.
»Du bist ein kluges Kind und wir sind ein kluges, altes Volk. Wir schauen immer erst, welche Zahlen auf den rollenden Würfel stehen, bevor wir uns für etwas entscheiden. Nur so kann man überleben. Das wirst du auch noch irgendwann einmal erlernen. Oder auch nicht. Gleichwohl, wenn ich dich um diesen einen Gefallen bitte, so werde ich mein Bestmögliches tun, dir zu helfen.«
»Ihr werdet mir helfen, Jace zu finden?«, hakte Clary verzweifelt nach.
»Das werde ich«, die Königin grinste, »du wirst mir dafür zwei Elbenringe besorgen, die einst meinem Vater gehörten. Ich weiß, dass sie im Besitz des Rat sind, in deinem heißgeliebten Institut.«
»Ich kenne sie, sie liegen in einer Schatulle in einer Glasvitrine«, reagierte Isabelle.
»Ihr möchtet, dass ich für Euch stehle?«, fragte Clary mit Erstaunen in ihrer Stimme.
»Nein«, die Feenkönigin biss die Kiefer zusammen, »mir nur bringen, was meiner Familie gehört.«
»In Ordnung, ich werde das tun, abgemacht.«
»So sei es.« Damit besiegelten sie ihren Handel.


Als sie zuhause angekommen waren, schluckte Isabelle, »du willst doch nicht wirklich?«, aber Clary ließ sie im Flur stehen und begab sich auf ihr Zimmer.
Alec schüttelte den Kopf, »sie muss, sie kann nicht einfach eine Abmachung mit der Feenkönigin eingehen und es nicht tun.«


Als an einem der darauffolgenden Tagen die große Institutsbesprechung tagte, nutzte Clary die Chance und tappte auf leisen Sohlen in die riesige Bibliothek. Reihen von altertümlichen Büchern türmten sich in luftiger Höhe und dahinter auf einer Empore fanden sich allerlei Glasvitrinen und Tische vor. In einer dieser waren die Ringe archiviert, sie musste nur noch die richtige Schatulle finden.
Vorsichtig schob sie die Schubladen auf, die mal leise, mal laut knarzten. Stück für Stück arbeitete sie sich vor, bis sie vor einem größeren Schrank innehielt. An ihm befand sich keine Schubladen, aber hinter dem Glas verbarg sich eine passende silberne Schachtel, ganz so, wie Isabelle es ihr beschrieben hatte. Sie versuchte, mit einem selbstgebastelten Dietrich das Schloss zu knacken. Plötzlich brach das Holz um die Schlüsselöffnung entzwei und splitterte zu Boden. Die Schranktür war offen, wenngleich nicht wie geplant. Sie öffnete den Deckel der Schachtel und legte ihn beiseite. Tatsächlich, darin waren die Elbenringe versteckt. Beherzt nahm sie beide in die Hände und begutachtete sie. »Mit euch soll man also über alles hinweg kommunizieren können«, murmelte sie leise in sich hinein.
Plötzlich hörte sie ein Knarzen und Schritte. Voller Panik legte sie sich flach auf die Dielen des Bodens. Sie vernahm Stimmen und erschrak, diese wirkten beide allzu vertraut, das konnte doch nicht sein.
»Du hast recht, sie sind alle weg«, flüsterte Sebastian.
»Sagte ich ja, du kannst mir da schon vertrauen«, reagierte Jace. Seine Stimme wirkte so liebevoll, wie konnte sie so sanft erklingen, neben Sebastian, ihm gegenüber?

Clary verstand die Welt nicht mehr. Sie schob sich hinter einer der Vitrinen und blickte durch die Holzschlitze hindurch. Beide standen wohlauf nebeneinander, in voller Kampfmontur. Sebastian wirkte schlank und gesund, gar seine damals zerstörte Hand war wie von magischer Natur wieder vollkommen. Seine silberne Haare umrahmten sein schlankes Gesicht und verstärkten seine schwarzen, dämonischen Augen, die Clarys Blut in den Adern gefrieren ließen. Daneben stand ein engelsgleicher Jace, mit güldenem Haar, der jedoch, mit seinen kristallblauen Augen allzu liebenswert in Sebastians Richtung blickte.
Clary schüttelte sich, das konnte doch alles nicht wahr sein.

»Lass uns getrennt weitersuchen, ich geh nach da oben, um mir mal einen besseren Überblick zu schaffen, du suchst da hinten«, wies Sebastian Jace an, der ohne zu murren ihm zustimmte.
Clary zog sich schnell weiter zurück, voller Angst und Panik, der mörderhafte, große Bruder kam ausgerechnet in ihre Richtung. Er trat auf die ersten Stufen der Empore und hielt inne.
Er überblickte die Galerie, sah die geöffneten Schubladen, das zerstörte Schloss des Schrankes, die leere Boxschachtel, den Deckel, der flach danebenlag. Er nahm das Heft seiner Klinge fest in die Hand und sah sich genauer um. In einer Spiegelung der Gläser sah er sie schließlich. Clary. Wie sie zusammengekauert auf dem Boden saß. Sebastians Hand ließ die Waffe los.
Er grinste.
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