Show me what is right [Alec McDowell Fanfiktion]

GeschichteDrama, Romanze / P18
"Normal" Reagan Ronald Alec OC (Own Character)
10.02.2017
24.02.2017
11
28527
1
Alle Kapitel
1 Review
Dieses Kapitel
1 Review
 
 Datenschutzinfo
 
 
1. Willkommen in Seattle



Seattle – nicht das, was diese Stadt einmal war. Zwar konnte Jessica sich nicht mehr daran erinnern, wie es vor der Explosion der Atombombe war, doch die hohen, verwüsteten Wolkenkratzer erinnerten an eine Zeit, wo diese Stadt vor Reichtum nur so erblühte. Aber in ihrer Heimat, Chicago, sah es auch nicht viel anders aus. Die Menschen waren hungrig, verwirrt und verzweifelt. Auch das sah sie in den Augen der Bewohner Seattles, als sie mit ihrem schweren Seesack über den Schultern und einem kleinen, zerrissenen Zettel in ihrer Hand durch die dreckigen Straßen und Gassen ging. Wieso musste ihr Reisebus auch so weit von ihrem eigentlichen Ziel halten? Und weil das alles noch nicht genug war, hatte der Akku ihres Handys auch den Geist aufgegeben. Sie konnte also noch nicht einmal ihren Onkel anrufen und sagen, dass sie keine Ahnung hatte, wo sie überhaupt war.
Jessica faltete den Zettel auseinander und las zum wahrscheinlich hundersten Mal die krakelige Schrift ihrer Mutter: “Jam Pony Fahrradkurierdienst, W Prospect Street“. Sie blickte von dem Zettel auf und sah sich in der kleinen Gasse um, doch konnte nirgends ein Schild entdecken. Hier sah eh alles gleich aus! Überall die gleichen, dreckigen Menschen, die gleichen, versifften Gebäude und die gleichen, schmutzigen Gassen!
Aus einem der Wohnhäuser – die eher einer Ruine glichen – kam eine junge Frau heraus. Auf ihrem Arm trug sie ein kleines Baby, das in ein verdrecktes Tuch eingewickelt worden war. Die Kleidung der Frau war ihr eine Nummer zu groß und schien einige Wochen nicht gewaschen worden zu sein. Obwohl Jessica sie lieber nicht gefragt hätte, blieb ihr nichts anderes übrig, denn sonst war dort niemand anderes zu sehen. So eilte sie auf die Brünette zu.
„Entschuldigung?“, rief Jessica der jungen Mutter entgegen, die sich gleich zu ihr umdrehte und reflexartig ihr Baby enger an sich drückte. Jessica blieb ein paar Meter vor ihr stehen. „Jam Pony, wissen Sie wo das ist?“.
Die Mutter nickte, dann drehte sie sich um und deutete mit dem Finger die Straße hinauf. „Rechts um die Ecke.“, erklärte sie. „Dann geradeaus. Es ist nicht zu übersehen.“.
Jessicas Blick folgte ihrem Finger. In dieser Richtung schien es noch dreckiger und verwüsteter zu sein – perfekt. Sogar ein leichter Nebel zog sich über den feuchten Asphalt. Mit etwas gequälter Miene dankte Jessica der Frau, stopfte den Zettel in ihre schwarze Jeans und setzte ihren Weg fort. Sie rümpfte die Nase, als sie an einem Gulli vorbeikam, aus dem es so roch, als würden Leichen darin verwesen. Wer weiß, vielleicht war es wirklich so? Realitätsnah schien es zu sein, wenn man sich hier so umsah.
In der Straße war es nicht ganz so dreckig, wie es sich Jessica ausgemalt hatte. Zu ihrer Überraschung schien es hier sogar etwas gepflegter zu sein. Trotzdem war Hygiene hier scheinbar ein Fremdwort. Zu Jessicas Erleichterung entdeckte sie das rot-schwarze Schild des Jam Pony Kurierdienstes ziemlich am Ende der Gasse. Kaum hatte sie ihren Weg fortgesetzt, kamen auch schon zwei junge Frauen aus dem niedrigen Gebäude, das vielleicht zwei Etagen besaß. Ohne Jessica zu beachten, fuhren sie an ihr vorbei und wirbelten eine frische Brise auf. Hätte Jessica doch nur eine dickere Jacke angezogen und nicht ihre schwarze Lederjacke, unter der sie bloß ein violettes Top trug.
Neugierig setzte sie ihren Weg fort und schielte schließlich in die alte Fabrikshalle hinein. Darin befanden sich mehr Leute, als sie gedacht hatte. Zum größten Teil junge Leute, die nicht viel älter sein konnte als sie. Jessica zog ihren Seesack etwas enger um die Schulter und trat dann die kleine Rampe hinunter, die ins Innere führte. Gleich gegenüber von ihr sah sie etwa ein Dutzend junge Erwachsene. Einige kramten in den rötlichen Spinden herum, andere hatten sich zu kleineren Gruppen zusammengetan und redeten miteinander und wieder andere bastelten an ihren Fahrrädern herum.
„Eilauftrag, 1st Avenue!“, vernahm Jessica eine vertraute Stimme und sah nach rechts. Hinter einer Art Theke stand ihr Onkel und reichte ein kleines, braunes Päckchen an einen dunkelhäutigen Mann, der sich aus der Menge löste, kurz auf das Päckchen sah und sich dann auf sein Fahrrad schwang, um im nächsten Moment an Jessica vorbeizufahren und zu verschwinden.
Ihr Onkel hatte sie scheinbar noch nicht bemerkt. Viel zu vertieft war er in seiner Arbeit. Er füllte gerade scheinbar so etwas wie ein Formular aus, als Jessica mit langsamen Schritten auf ihn zuging und sich mit einem Arm auf die Theke lehnte.
„Onkel Reagan.“, sagte Jessica und formte ihre Lippen zu einem Lächeln, das ihre Augen nicht erreichte.
Der Grauhaarige mit der schwarzen Hornbrille sah auf. Auch in seinem Blick spiegelte sich keine wirkliche Freude wider. „Na sieh mal an, wer es endlich hierher geschafft hat.“, meinte er und ließ den Stift einfach fallen. „Meine keine Lieblingsnichte.“.
„Ich bin deine einzige Nichte.“, entgegnete Jessica.
„Deswegen ja.“, meinte Normal und blickte auf seine Armbanduhr. „Du bist ziemlich spät dran. Scheinst du wohl von deinem Vater zu haben.“.
„Ich bin nur spät dran, weil ich durch ganz Seattle latschen musste, um hierher zu kommen. Deine perfekte Wegbeschreibung hat es mir auch nicht gerade leicht gemacht.“.
„Wie auch immer.“, murmelte Normal und kramte seinen Haustürschlüssel aus seiner hellen Jeanshose, um sie dann vor der Nase seiner Nichte baumeln zu lassen. „Meine Wohnung ist bloß die Straße runter. Nummer einhundertzwei, dritte Etage. Dein Gästezimmer ist eingerichtet, Essen ist im Kühlschrank und eine Dusche kann dir auch nicht schaden. Verlier' sie nicht, oder du kannst gleich wieder nach Chicago fahren.“.
Jessica hielt die Hand auf, sodass ihr Onkel bloß noch die Schlüssel fallen lassen musste. Sicher fing sie den Schlüsselbund auf, der schwer in ihrer Hand wog. „Das denke ich nicht.“, meinte Jessica. „Dafür hast du viel zu sehr Respekt vor deiner Schwester, als dass du mich wieder fortschickst. Und außerdem-.“.
„Hey, Normal.“, unterbrach Jessica eine dunkle Stimme. Sie blickte nach rechts, wo sie aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahrnahm. Es war ein junger Mann mit kurzen, dunkelblonden Haaren und grünen, großen Augen. Er hielt ein weißes Päckchen in die Höhe und sah seinen Chef an, ohne die junge Frau neben ihm zu bemerken. „Es war niemand zu Hause. Ich versuche es morgen noch mal.“.
„Hm.“, brummte Normal stirnrunzelnd und nahm das Päckchen entgegen.
Indem fiel der Blick des jungen Mannes auf Jessica. Sogleich umspielte sich ein sanftes Lächeln auf seinen Lippen. „Hi.“, sagte er in einem dunklen Ton und musterte die junge Frau genau. „Ich bin Alec.“, stellte er sich vor und hielt Jessica die Hand hin.
Die junge Frau erwiderte das Lächeln und schüttelte seine Hand. „Ich bin Jess-.“.
„Jessica Harper, meine Nichte.“, unterbrach sie ihr Onkel, der das Szenario mit emotionsloser Miene verfolgte. „Mit der du sicherlich nichts zu tun haben möchtest.“.
Jessica warf ihrem Onkel einen feindseligen Blick zu. Alec, der etwas erwidern wollte, wurde von einem jungen Mann aufgehalten, der eine dunkle Wollmütze trug und eine alte Kamera in den Händen hielt. Jessica verfolgte ihr Gespräch nicht und bemerkte auch nicht wie die beiden verschwanden, da sie sich stattdessen wieder an ihren Onkel wandte.
„Ach übrigens.“, meinte sie. „Mum möchte, dass ich hier arbeite.“.
„Was?“, lachte Normal, als hätte seine Nichte ihm einen Witz erzählt. „Ich soll eine Kriminelle bei mir einstellen?“.
„Die deine Nichte ist.“, konterte Jessica.
„Das kann sie doch nicht ernst meinen.“.
„Oh doch.“, meinte seine Nichte. Dann kramte sie aus der Innentasche ihrer Lederjacke einen Briefumschlag heraus, der durch den Transport ein paar Knicke abbekommen hatte. „Und weil sie wusste, dass du das sagen würdest, soll ich dir das hier geben.“. Jessica überreichte Normal den Brief, der ihn sogleich aufriss und die kurzen Zeilen seiner Schwester durchlas. Es wäre gelogen, wenn die sichtliche Verzweiflung ihres Onkels Jessica nicht zufrieden stellte. Sie hassten sich nicht. Ihr Verhältnis beruhte bloß auf einer Art “Hass-Liebe“.
„Na super.“, murmelte Normal und rieb sich die Stirn. Mürrisch knüllte er den Brief in seinen Händen zusammen und warf ihn theaterisch hinter sich. „Einen Fehler-“, mahnte er seine Nichte und hob den Zeigefinger. „und du fliegst raus, verstanden?“.
Jessica nickte.
„Gut.“, murmelte Normal und deutete auf etwas hinter ihr. Als seine Nichte sich umdrehte und ihren Blick auf das schwarze Fahrrad fiel, das an einer Säule lehnte, fuhr er fort. „Das Fahrrad kannst du nehmen. Wenn du es kaputt machst, zieh ich dir das Geld für die Reparatur vom Gehalt ab.“.
„Okay.“, meinte Jessica und drehte sich wieder zu ihrem Onkel um, der ihr sogleich ein kleines Päckchen unter die Nase hielt.
„Westlake Avenue.“, kommandierte Normal und hielt seiner Nichte gleich ein Klemmbrett hin. „Und zu jedem Packet gehört eine Unterschrift.“.
Etwas perplex nahm Jessica die beiden Sachen entgegen. Sie blickte auf das Packet und wieder auf ihren Onkel, der schon wieder in einer anderen Welt zu sein schien. „Ja... kein Problem.“, meinte Jessica sarkastisch. „Gibst du mir eben einer deiner grandiosen Wegbeschreibungen, dann fahr ich los?“.
Normal sah wieder auf und blickte sich dann in der Menge seiner Angestellten um. „Alec!“, rief er und riss den jungen Mann aus seiner Tätigkeit. Er hatte gerade etwas in seinen Spind getan und kam daraufhin mit großen Schritten auf die Theke zu. „Arbeite sie ein. Ihr kennt euch ja schon.“, erklärte Normal ihm und deutete auf seine Nichte.
„Natürlich.“, meinte Alec mit einem Lächeln und blickte auf Jessica hinab. Dann stellte er sich dicht hinter sie und schielte über ihre Schulter, um die Adresse auf dem Päckchen zu lesen. „Ah, Westlake Avenue. Schöne Gegend... Na komm, lass uns fahren.“.
Jessica vernahm Alecs würzigen Geruch, der in die Luft gewirbelt wurde. Gerne hätte er noch länger hinter ihr stehen können, doch sie versuchte sich nichts anmerken zu lassen. Sie ließ ihren Seesack einfach neben der Theke liegen und wandte sich dann ab.
„Fräulein.“, rief Normal sie, sodass sie sich wieder zu ihm umdrehte. Dieser hielt seine linke Hand auf und hob eine Augenbraue. „Meine Haustürschlüssel brauchst du ja jetzt nicht mehr.“.
Jessica rollte mit den Augen und warf ihrem Onkel lässig den Schlüsselbund zu, den sie unbewusst in ihre Jeanshose geschoben hatte. Daraufhin schwang sich auf ihr neues Fahrrad. Eine Hängetasche, die mit dem Firmenlogo auf dem Gepäckträger lag, warf sie sich um und verstaute Päckchen und Klemmbrett darin. Während sie gerade einmal die Rampe hinauffuhr, war Alec bereits draußen und sah sich beim Fahren zu seiner neuen Kollegin um.
„Komm schon!“, neckte er sie. „Nicht so langsam!“.
Jessica trat in die Pedale und schloss einige Augenblicke später zu Alec auf. Sie hätte sich gewünscht ein Haargummi für ihre langen, rot-blonden Haare zu haben, da der Fahrwind ihr immer wieder Strähnen ins Gesicht schlug.
„Also.“, hörte sie Alec neben sich sagen. „Du kommst scheinbar nicht von hier. Woher kommst du?“.
„Chicago.“, antwortete Jessica und folgte Alec, der nach rechts in eine belebte Straße einbog, an dessen Rand einige Verkaufsstände standen.
„Chicago, hm?“, murmelte Alec interessiert. „Und was verschlägt dich nach Seattle? Ist ziemlich weit weg.“.
„Oh, das war die Idee von meiner Mutter.“, entgegnete Jessica. „Ich soll hier etwas Disziplin lernen. Es dient also als eine Art Strafe.“.
„Wofür?“.
„Ich war ein paar Monate im Gefängnis.“.
„Gefängis?“ wiederholte Alec und hob erstaunt seine Augenbrauen. Die kleine, junge Frau neben ihm sah nicht aus wie eine Verbrecherin. Sie ähnelte eher dem lieben Mädchen von Nebenan, die keiner Fliege etwas antun konnte. Er konnte nicht glauben, dass sich hinter diesen wunderschönen Rehaugen eine Kriminelle verbarg. „Weswegen?“.
„Diebstahl, hauptsächlich.“, erklärte sie. „Aber einmal auch Körperverletzung.“
„Deshalb meinte Normal also, dass ich lieber nichts mit dir zu tun haben sollte.“, murmelte Alec nachdenklich und fädelte sein Rad durch die Menschenmenge, die sich vor ihnen ansammelte.
„Ja.“, meinte Jessica. „Onkel Reagan ist in der Beziehung sehr empfindlich. Aber meiner Mutter kann er keinen Wunsch abschlagen.“.
Daraufhin herrschte Schweigen zwischen ihnen. Es dauerte eine Weile bis sie an einer riesigen, weißen Villa ankamen. Sogleich schoss Jessica in den Kopf, dass es dort wahrscheinlich hundert wertvoller Gegenstände gab. Sie würden sie gar nicht vermissen, immerhin hatten sie genug von dem Zeug. Eine winzige Uhr oder eine kleine Kette würden keinen großen Verlust darstellen. Für sie aber würde es einige Dollar auf dem Schwarzmarkt bedeuten.
„Dein erster Auftrag.“, meinte Alec neben ihr, doch sie konnte ihren Blick nicht von dem edlen Gebäude lösen. „Drück die Klingel, sie warten bestimmt schon auf ihr Päckchen.“.
Nachdem Jessica die Klingel neben dem Eisentor gedrückt hatte, verging erst einmal ein Augenblick. Dann dröhnte eine Stimme aus der Gegensprechanlage.
„Ja?“ fragte eine verzerrte Männerstimme.
„Jam Pony Kurierdienst.“, erklärte Alec. „Wir haben ein Packet für Sie.“. Mit seinen Augen fixierte er die kleine Kamera, die oberhalb der Klingel an der Ecke der sandsteinfarbenen Mauer angebracht worden war. Jessica hatte sie erst gar nicht bemerkt. In ihrem Kopf ging sie bloß die möglichen Reichtümer durch, die sich in dieser Villa befinden könnten.
Keine zwei Sekunden später ertönte ein Summen. Alec öffnete das Eisentor und trat vor Jessica ein, die ihm folgte wie ein unsicherer Welpe. Die beiden gingen die Auffahrt hoch. Auf dem grünen, perfekten Rasen waren zwei Brunnen, dessen Goldverzierung im Sonnenlicht glänzte. Der feine Kies unter ihren Füßen knackte bei jedem Schritt. Mit flinken Füßen stiegen beide die paar Stufen hinauf, die zur Haustür führten, an der ein älterer Mann im schwarzen Anzug stand. Er beobachtete die beiden jungen Leute mit emotionsloser Miene.
Kurze Stille herrschte, als die beiden vor ihm stehen blieben. Alec räusperte sich und gab Jessica einen leichten Schups mit dem Ellbogen, sodass sie aus ihrer Trance gerissen wurde und das Päckchen aus der Tasche holte. Der ältere Mann nahm das Päckchen entgegen und wollte die Tür wieder schließen, als Alec ihn aufhielt.
„Moment. Wir bräuchten noch eine Unterschrift.“, meinte er und sah zu Jessica hinab, die kurz daraufhin das Klemmbrett herauszog und auch jenes dem Mann reichte. „Sie ist neu.“, erklärte Alec, als der Anzugträger die Stirn runzelte und auf den Zettel blicke.
„Einen Augenblick bitte.“, murmelte er und verschwand im Inneren, ohne die Tür zu schließen.
Jessica ergriff ihre Chance. Sie wartete bis die Schritte des Alten nicht mehr zu hören waren und setzte dann einen Fuß vor den anderen.
„Was machst du denn?“, zischte Alec leise. „Komm zurück.“.
Doch Jessica dachte gar nicht daran. Wie ein Schatten schritt sie in die große Halle. Ihre Augen fanden schnell, was sie gesucht hatte. Auf einer Kommode, nahe der Haustür, standen allerlei Dinge. Angefangen von einer Glasschüssel in der sich Schlüssel befanden, bis hin zu einer kleinen Statue, die die Aufmerksamkeit der jungen Frau geweckt hatte. Sie sah sehr wertvoll aus. Der Körper der sitzenden Katze war mit Gold verziert. In den Augen glitzerten kleine, rote Edelsteine. Sie war so groß, dass sie problemlos in die Hängetasche passte ohne, dass man sie bemerkte.
„Jessica!“, fauchte Alec, doch die junge Frau ignorierte ihn. Sie sah sich kurz um, griff nach der Statue und ließ sie in ihrer Tasche verschwinden. Plötzlich tauchten die Schritte wieder auf. Blitzschnell stellte sich Jessica wieder neben Alec, der gerade zu einer Standpauke ansetzen wollte, als der alte Mann wieder in ihr Sichtfeld trat. Er überreichte Alec das Klemmbrett mit dem unterschriebenen Zettel. Wie ein Profi setzte Alec ein Lächeln auf.
„Vielen Dank und einen schönen-.“, die Tür wurde geschlossen bevor Alec seinen Satz beenden konnte. „Tag.“, murmelte er, griff unsanft nach dem Oberarm der jungen Frau und stieg mit ihr im Schlepptau die Stufen hinab. Ohne seinen festen Griff zu lockern eilte er mit ihr vom Grundstück und knallte das Eisentor hinter ihnen zu. „Was sollte das?“, fauchte er Jessica nun an und verzog wütend das Gesicht. Die Braunäugige riss ihren Arm aus dem festen Griff des fluchenden Mannes. „Du hättest erwischt werden können! Normal bringt mich um, wenn du während meiner Anwesenheit festgenommen wirst!“.
„Bleib' locker.“, meinte Jessica und schob ihr Fahrrad von der Villa weg, in die Richtung aus der sie gekommen waren.
Alec schob das Klemmbrett in seine eigene Umhängetasche, stieg auf sein Fahrrad, radelte zu Jessica hin und versperrte ihr den Weg. „Du kannst nicht einfach mitten am Tag einen Diebstahl begehen!“, zischte er und war selber etwas erstaunt darüber, was er sagte – immerhin hatte auch er nicht gerade eine weiße Weste. „Und besonders nicht bei Leuten, wo wir gerade ein Päckchen abgeliefert haben. Das lenkt den Verdacht sofort auf uns.“.
„Und was willst du jetzt machen? Mich bei der Polizei verpfeifen?“, konterte Jessica unbeeindruckt und wollte sich an Alec vorbeischieben, der sich ihr allerdings wieder in den Weg stellte.
„Nein, aber bei deinem Onkel.“, sagte er selbstsicher.
„Raegan?“, schnaubte Jessica belustigt. „Was soll der schon tun?“.
„Ich weiß nicht, dich rausschmeißen vielleicht?“, erwiderte Alec. „Noch nicht einmal einen Tag hast du es ausgehalten. Er wird stolz auf dich sein. Und nicht nur er, deine Mutter sicherlich auch... Nach ihrem Rausschmiss wird sie dich bestimmt wieder aufnehmen, falls du überhaupt zu Hause bleiben darfst und nicht gleich wieder ins Gefängnis wanderst.“.
Jessica schluckte, versuchte sich ihre Unsicherheit aber nicht anmerken zu lassen. „Und was kann ich tun, damit du es für dich behältst?“, fragte sie woraufhin Alec breit grinste.
„Komm mit mir heute ins Crash. Das ist eine Bar, es ist ganz lustig dort.“, antwortete er nach kurzem Überlegen.
„Ein Date?“, fragte Jessica und hob überrascht beide Augenbrauen. „Mehr nicht?“.
„Vorerst.“, entgegnete Alec und grinste schelmisch, was Jessica die Augen verdrehen ließ. „Also was sagst du?“.
Wie hätte sie dazu nein sagen können? Nicht nur, dass es von ihrer Zukunft abhing, Alec gefiel ihr, das konnte sie nicht leugnen.
Review schreiben