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Ich werd’ dich nie vergessen

von RamonaXX
KurzgeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Chris Taylor Elias Grodin
10.02.2017
14.02.2017
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12.713
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14.02.2017 3.382
 
Von einer angenehmen Müdigkeit erfasst, kuschelten Chris und Elias ineinander verhakelt auf der Strohmatte. Sie dösten vor sich hin und ließen ihre vermischten Körperflüssigkeiten – den Schweiß und das Sperma – auf der Haut trocknen. Es wegzuwischen hätte bedeutet ihren intimen Moment fortzuwischen und das wollte keiner der beiden.

Chris’ Gefühl sagte ihm, dass er die Nähe von Elias ausgerechnet jetzt – nämlich nach dem gemeinsamen Erlebnis – am meisten brauchte. Jedes noch so dünne Blattpapier, dass man zwischen sie geschoben hätte, wäre ihm wie eine schmerzliche Trennung vorgekommen und Chris wollte nicht getrennt sein. Nicht jetzt, da er sich so seltsam und durcheinander fühlte.

Elias konnte die Nachwehen seines Partners deutlich spüren. Noch Minuten nach dem Orgasmus zitterte Chris hin und wieder, wie von kleinen Stromstößen durchjagt. Da lag ein unverkennbarer Schauer auf der Haut des Jungen, der einfach nicht verschwinden wollte. Beruhigend begann Elias ihm den Rücken zu kraulen.

Nur allzu gerne wäre Chris in den ungehemmten und befreiten Zustand zurückgekehrt, den er noch vor einer Viertelstunde gehabt hatte. Doch sein beflügelter, körperlicher Rausch war schneller wieder abgeklungen, als er es wahr haben wollte. Was blieb, waren zweifelnde Gedanken. Hatte er das wirklich gemacht; laut gekeucht und gestöhnt? Einen Samenerguss gehabt? Und sogar einem anderen Mann einen runtergeholt?  

Urplötzlich fühlte Chris sich schlecht. Als hätte er etwas Verbotenes getan, für das man ihn verurteilen und bestrafen würde. Die sanften Streicheleinheiten von Elias milderten sein Schamgefühl zwar ein wenig, dennoch schien sein Bedürfnis nach Geborgenheit in diesem Augenblick unstillbar groß zu sein.

War es in Ordnung, was er getan hatte? Oder war sein Verhalten nicht eigentlich pervers gewesen? Und war pervers überhaupt das richtige Wort dafür? Konnte es wirklich pervers sein, wenn zwei Menschen einander glücklich machten, indem sie sich gegenseitig befriedigten? Sollte er sich dafür schämen?

Einige Sekunden überlegte Chris, ob er wegen seiner Trübsinnigkeit wohl würde weinen müssen. Er scheute sich nicht vor dem Gedanken in Elias’ Arm zu weinen, schließlich war das andersherum auch schon vorgekommen. Aber irgendwie wollte ihm keine Träne über die Wange kommen – wenngleich ihm sehr danach zu Mute war.

Auf der Suche nach Halt und Trost schmiegte Chris sich enger an Elias, rieb sein Gesicht an dessen warmer Brust und hoffte inständig sich dadurch besser zu fühlen. Denn für den Moment kam er sich einfach nur schrecklich unglücklich vor und wollte nichts sehnlicher als seine weltumspannende Unglücklichkeit wegkuscheln.

Elias hingegen war glücklich. Nicht nur sein Körper war befriedigt, auch seine Seele hatte zurück ins Gleichgewicht gefunden. Der jüngere Chris lag halb an seiner Seite, halb auf seinem Bauch. Gelassen fuhr Elias mit seinen Fingerkuppen in der immer gleichen Bewegung über ein und dieselbe Stelle auf Chris’ Rücken.

Wieder in der Rolle des achtsamen Leitwolfs zu stecken, der auf sein Rudel aufpasste und sich kümmerte, sorgte dafür dass der Sergeant sich überaus wohl in seiner Haut fühlte.

Während seine eigene Erregung abgeklungen und er von seinem Höhepunkt in einen Zustand tiefster Entspannung gedriftet war, hatte Elias den Eindruck gewonnen, dass es Chris nicht so gut erging. Das Zittern war mittlerweile verschwunden. Aber dieses unterschwellige Unbehagen – das er so noch nie gespürt hatte, wenn der Junge in seinem Arm lag – hielt sich hartnäckig.  

Elias bemerkte mit Sorge, wie sich Chris in einer ungeheuren Sehnsucht an ihm festklammerte. Offenbar gab es doch Emotionen, die Wellen in dem Jungen schlugen und die es nötig machten ihn aus seinem aufgewühlten Gemütszustand aufzufangen.

Den Welpen unbeirrt weiter streichelnd, richtete Elias seinen Blick auf die niedrige Bunkerdecke und suchte zwischen den blauen und roten Tüchern nach Antworten.

Hatte er Chris überfordert? War er möglicherweise trotz seiner Bemühungen zu schnell und zu forsch an die Sache rangegangen? Ebenfalls denkbar war, dass es Chris im Nachhinein peinlich war, was er getan hatte. Vielleicht empfand er Schuldgefühle? Oder er schämte sich für seinen Körper und dessen Reaktion auf ihr heftiges Gefummel?

Je länger Elias nachdachte, desto klarer wurde ihm, dass er die Antwort nur bei seinem Partner finden würde. Seine Finger hielten mit einem Mal an und vorsichtig fragte er: „Chris?“

Die vertraute Stimme seines Sergeants perlte angenehm über die Haut des jungen Soldaten. Es erinnerte Chris unweigerlich an eine heiße und belebende Dusche.

„Hm?“, kam es einsilbig von ihm zurück. Er war so müde, dass er um ein Haar vergessen hätte, wo er sich befand und friedlich über seinen Sorgen eingeschlafen wäre.

„Wie fühlst Du dich?“, fragte Elias und nahm das Streicheln wieder auf.

Tja, wie fühlte er sich eigentlich? Chris dachte nach.

„Erschöpft?“, schlug Elias vor und wartete eine Antwort ab.

Chris murmelte etwas und bewegte den Kopf, was sich auf Elias’ Brust wie eine Verneinung anfühlte.

„Traurig?“, ging Elias die nächste Emotion durch, die ihm einfiel. Es war eine, die ihm besonders wichtig war, denn er kannte dieses Gefühl nur zu gut. Gelegentlich, wenn er mit sich und seinen Gedanken allein war, überfiel ihn nach der Selbstbefriedigung eine grundlose Schwermut, die ihn sich haltlos und verloren vorkommen ließ. Dieses schreckliche Gefühl wollte er Chris um jeden Preis ersparen.

Nein, nicht traurig, dachte Chris und durchkramte angestrengt die Schubladen seines Gehirns nach einem passenden Wort. Er fühlte sich: Mehr… mehr…

„Verunsichert?“, riet Elias weiter.

Nach kurzem spürte er ein Nicken auf seiner Brust und versuchte sogleich den Jungen zu trösten. „Das is’ normal.“, sagte Elias mit einem Lächeln, „Du brauchst dich deswegen nicht zu schämen.“ Sein Griff wurde merklich fester und er drückte Chris für einen Moment liebevoll an sich.  

Elias war erleichtert, den Grund für seinen Kummer herausbekommen zu haben. Es war, wie er gedacht hatte. Der Junge hatte Schuldgefühle.

Er selbst war mit diesem Gefühl nur wenig vertraut. Für ihn machte Sex vor allem Spaß. Ein schlechtes Gewissen deswegen hatte er nur ganz selten gehabt, wenn überhaupt. Aber bei einem so verkopften Menschen wie Chris, der immer alles begreifen und von Grund auf verstehen wollte, überraschte ihn diese Haltung nicht besonders.

Eine längere Pause trat zwischen die beiden und jeder hing eine Weile schweigend seinen Gedanken nach.


Elias hat vermutlich recht, ging es Chris durch den Kopf, Ich brauche mich nicht zu schämen. An dem was wir getan haben, ist nichts falsch gewesen.

Unmotiviert sich auch nur einen Millimeter zu rühren, lag er in Elias’ Arm und genoss dessen zärtliche Berührungen. Chris war froh, dass er nicht hatte in ganzen Sätzen antworten müssen. Elias verstand ihn auch so. Eine überaus beruhigende Tatsache, die dafür sorgte, dass er sich besser fühlte.

Doch wo sein Schamgefühl wich, säte sein Hirn gleich den nächsten sorgenvollen Keim, der auf fruchtbaren Boden fiel. Schon wieder war da so ein Worte in seinem Kopf, das sich bedrohlich vor ihm aufbaute: Unschuld. Der Volksmund sprach immer davon, dass ein Mensch bei seinem ersten Mal seine Unschuld verlor. Was für ein Unsinn, dachte Chris bitter.

Wenn seine Unschuld zu verlieren, bedeutete, dass man sich schuldig machte, dann hatte er das schon vor Monaten getan. Nämlich als er zum ersten Mal hinterrücks auf einen feindlichen Soldaten geschossen hatte und mit absoluter Sicherheit sagen konnte, dass es seine Kugel gewesen war, die den Mann getötet hatte. Das war Schuld!

Desweiteren hatte Chris nicht das Gefühl etwas verloren zu haben. Wobei ein bisschen stimmt das schon. Irgendetwas war weg. Er hatte etwas von sich auf- oder viel mehr abgegeben. Und mit jeder Minute, die er hier lag, wurde ihm bewusst, dass dieses Etwas auch nicht zurückkehren würde. Nur Unschuld war seiner Ansicht nach das völlig falsche Wort dafür.

Elias hielt die Sache für erledigt. Er konnte es in seinem Arm spüren, dass Chris nun weitaus lockerer war. Die innere Anspannung, dieses leichte Verkrampft sein – all diese Unannehmlichkeiten waren verschwunden.

Seine Hand wanderte Chris’ Wirbelsäule hinauf bis zum Nacken. Mit sanftem Druck rieb Elias über die empfindliche Haut und fand schnell die Narben der drei Schrappnellstücke. In Erinnerung an ihre erste Begegnung auf dem Wachposten, schloss er verträumt die Augen und kurzdarauf drang ein wohliges Knurren aus seiner Kehle.

Chris war immer wieder verblüfft, wie verschmust Elias in Natura war. Draußen im Busch bewegte er sich flink und geschmeidig. Wie ein Tier, das in den Wald gehörte, durchstreifte der Sergeant den Dschungel und berührte dabei so gut wie nie unbeabsichtigt ein Blatt oder einen Ast.

Hier drin jedoch, in ihrem verborgenen Versteck schienen Körperkontakt zu halten und liebevolle Streicheleinheiten auszutauschen, das mit Abstand Wichtigste für Elias sein. Es wirkte fast so, als hätte er früher nicht genug davon bekommen und versuchte nun diesen Mangel auszugleichen.

Erneut wurde Chris schläfrig und verspürte das starke Bedürfnis unter den zärtlichen Liebkosungen wegzudämmern. Doch sein Kummer kehrte zurück.

„Elias“, hauchte er sanft, „darf ich dich was fragen?“

„Alles was Du willst.“, gab Elias zurück und klang dabei tatsächlich so, als wenn es keine Frage gäbe, die er ihm in diesem Moment nicht beantwortet hätte.

„Wenn wir zusammen Sex hatten…“, begann Chris seinen Gedanken vorsichtig auszusprechen, „sind wir dann jetzt eigentlich beide schwul?“

Einen kurzen Augenblick war es still, dann lachte Elias laut los.

Sofort spürte er das Gewicht von Chris auf seinem Brustkorb und es fiel ihm schwer ausreichend Luft zu bekommen. „Ja, Chris.“, schnaufte Elias durch sein Lachen hindurch, „Sind wir. Wir sind stockschwul!“

Die Ironie seiner Worte war nicht zu überhören und Chris wurde kurzzeitig von der guten Laune angesteckt. Auch aus seinem Mund kam ein unbekümmertes und amüsiertes Lachen, das erst gemeinsam mit dem von Elias wieder verebbte.

Als der Sergeant sich gefangen hatte, seufzte er erleichtert und streichelte mit seiner Hand über Chris’ Hinterkopf. Irgendwo zwischen dem angenehmen Hier und Jetzt und dem Wissen, um die scharfen Regeln der Army und der zivilen Gesellschaft fühlte Elias Zweifel in sich aufsteigen. Leise schob er hinterher: „Scheiße, ich weiß es nicht.“

Chris verunsicherte dieser Satz. Er war es nicht gewohnt, dass Elias sich einer Sache nicht sicher war. Unruhig bohrte er weiter nach: „Und wenn uns mal jemand erwischt?“

„Hey“, fuhr Elias alarmiert auf, „soweit kommt es nicht!“ Es musste reichen, wenn er sich dann und wann Sorgen darum machte, was alles Unangenehmes auf Chris und ihn zukam, sollte man sie eines Tages zusammen erwischen. Jetzt wollte er sich bestimmt nicht mit diesen düsteren Gedanken beschäftigen.

„Und wenn doch?“, fragte Chris und konnte sich einfach nicht vorstellen, dass sein ausgefuchster Sergeant für diesen Fall keine Exit-Strategie hatte! Er stützte sich auf seine Arme, um Elias ins Gesicht sehen zu können.

Es war das erste Mal, dass sie sich seit dem spontanen, glückseligen Kuss in die Augen schauten und Elias kam es in diesem Moment wie das Schönste vor, dass er je gesehen hatte. Verträumt nahm er das Gesicht von Chris in seine großen Hände.

„Mach dir keinen Kummer damit.“, flüsterte Elias und fuhr mit den Daumen über Chris’ unrasierte Wangen, „Dafür ist das hier viel zu schön.“ Eine Sekunde noch sah er den Jüngeren an, dann schloss er die Augen und zog ihn in einen gefühlvollen Kuss.

Als sich ihre Lippen von einander gelöst hatten, schmiegte Chris sich wieder an den warmen Oberkörper seines Partners. Sein Blick fiel auf die zwei Ketten, die ungeordnet auf Elias’ Brust lagen. Die silberne Kugelkette mit der Erkennungsmarke interessierte ihn wenig, dafür umso mehr das andere Schmuckstück.

Es war ein dünnes Lederband, an dem viele kleine, helle und dunkle Holzperlen aufgefädelt waren. Das Band war im Nacken verknotet und am unteren Ende befand sich ein elfenbeinfarbenes Kreuz. Doch was diese Kette wirklich zu etwas Außergewöhnlichem machte, waren die beiden weißen Spielwürfen. Durch sie waren Löcher gebohrt worden und wie Juwelen waren sie zwischen den Holzperlen aufgefädelt.

Gedankenverloren hob Chris die Hand und fing an mit der Halskette zu spielen. Er fühlte sich sicher im Arm von Elias, genoss die entspannte Atmosphäre und war glücklich sich einfach treiben lassen zu können. Solche schönen Momente sollte es öfter im Leben geben, dachte Chris und überlegte welche Art von Leben ihn wohl nach seiner Zeit in Vietnam erwartete.

Würde sich die Welt verändert haben, wenn er zurückkehrte? Würde er sich verändert haben? Und was war eigentlich mit seiner Zukunft? In welchem Beruf würde er arbeiten? Oder würde er doch zurück aufs College gehen und seinen Abschluss nachholen? Wann würde der Tag kommen, an dem er ein Mädchen kennenlernte? Und würde er nach dieser Erfahrung überhaupt noch ein Mädchen kennenlernen wollen? Sie heiraten? Mit ihr eine Familie gründen?

Erschöpft vom vielen Grübeln machte Chris seinem Kummer Luft, indem er sich traute eine der Frage zu stellen, die ihn seit geraumer Zeit quälte. Sein Arm lag auf der Brust von Elias und seine Fingerspitzen drehten unablässig die kleinen Holzperlen an dem Lederband als er ohne Scheu fragte: „Sag mal, wie ist das eigentlich… mit ‘ner Frau zu schlafen?“

Elias lächelte. „Schön.“, antwortete er und kraulte Chris zum wiederholten Mal im Nacken, „Ein bisschen anders als das hier, aber schön.“ Sein Lächeln wuchs zu einem Grinsen an und mit einer gewissen Selbstironie witzelte er: „Wobei, wenn ich ehrlich bin, fand ich das hier fast besser.“

Chris hielt nervös innen. Hatte er Elias richtig verstanden? Der Sergeant war lieber homo- als heterosexuell?

„Ich will dich nicht verwirren, Chris.“, schob Elias nach, der spürte, dass seine Worte unbeabsichtigt neue Zweifel geweckt hatten, „Die Unsicherheit, die Du spürst, die vergeht mit der Zeit. Glaub mir. Alles was Du brauchst ist ein bisschen Übung. Das schafft Selbstvertrauen. Dann klappt’s auch mit ‘ner Frau.“

Die ehrlichen, ermutigenden Worte berührten Chris. Nie zuvor war jemand so sensibel auf seine sexuelle Unerfahrenheit eingegangen und hatte ihm derart überzeugend den Rücken gestärkt.

Das Thema Sex war ihm im Allgemeinen peinlich. Wann immer sich die Gespräche der anderen Soldaten um Mädchen, Möpse und Muschis drehten – was im Grunde ständig der Fall war – versuchte Chris wegzuhören und desinteressiert zu wirken, aus Angst sich zu blamieren.

Jede Aufforderung zu einem Wortbeitrag wäre zweifelsohne in einem hilflosen Gestammel seinerseits gemündet. Er hätte sich zum Gespött des gesamten Zuges gemacht, wenn er auch nur gewagt hätte eine vernünftige Frage zu dem Thema stellen zu wollen. Mal abgesehen davon, dass rund neunzig Prozent der gesprochenen Worte ohnehin auf unanständige, zotige Witze hinausliefen.

Über die Attraktivität junger Asiatinnen wusste hier jeder etwas zu sagen, aber wenn es um wichtige, um höhere Sachen ging, wie die Bedeutung dieses Krieges und die womöglich bevorstehende Niederlage der Großmacht Amerikas, dann schwiegen die Plappermäuler, als hätte man ihnen den Mund zugenäht. Und um Fragen nach Moral, Ethik oder Gerechtigkeit scherte sich hier sowieso niemand. Für solch humanistische Grundwerte bot der Krieg keinen Platz!

Aber genau das war es, was Chris bewegte – der Grund, sein Grund – warum er freiwillig nach Vietnam gekommen war. Er hatte nach Antworten gesucht, die nicht in Büchern standen: Hatte sein Leben einen Sinn? Eine Bedeutung? Musste er erst etwas beweisen, bevor die Gesellschaft in als ihr vollwertiges, erwachsenes Mitglied akzeptierte?

Diese und andere Fragestellungen hatten ihn nach Vietnam gelockt, an den Ort, von dem er glaubte Antworten zu erhalten. Und zumindest eine dieser ersehnten Offenbarungen schien er heute gefunden zu haben – nämlich was es hieß sexuelle Erfüllung mit einem Partner zu teilen.


Die Finger von Chris hatten sich die Holzperlen hinab bis zum Elfenbeinkreuz gearbeitet. Ganz in sich versunken, rieb er mit den Fingerkuppen über das christliche Symbol und fragte irgendwann in den Raum hinein: „Glaubst Du eigentlich an Gott?“

„Aber klar, Mann!“, gab Elias überzeugt zurück und griff, wie zur Bestätigung, nach seinem Kreuz.

Chris beobachtete wie sich die Faust von Elias schloss. Es schien ihm tatsächlich etwas zu bedeuten. Zärtlich begann er über Elias’ Handrücken zu streicheln und spann seinen Gedanken weiter bis er schließlich fragte: „Glaubst Du Gott will, dass ein Mann einen anderen Mann liebt?“

Der Junge kann’s einfach nicht lassen, dachte Elias, entschied sich jedoch die Frage zu beantworten. „Keine Ahnung.“, sagte er und stieß ein spöttisches Schnauben aus, „Aber ich glaube, Gott möchte, dass die Menschen freundlicher zu einander sind. Dass wir in diesem Scheißkrieg kämpfen, will er bestimmt nicht.“ – Er hielt kurz inne und schielte auf seinen Partner – „Wieso fragst Du das?“

Chris hatte es im Gefühl, dass Elias Blickkontakt zu ihm suchte und hob den Kopf von seiner Brust. Sein Blick fiel erst auf die geschlossene Faust und dann auf das leuchtend-grüne Augenpaar. Naiv meinte er: „Ich hab’ dich halt noch nie ohne dieses Kreuz und deine Kette gesehen.“

„Nein.“, entgegnete Elias ungehalten, „Ich meine, dass mit der Liebe.“ Er ließ sein Elfenbeinkreuz los und sah Chris tiefer in die Augen, bis er Pupillen und Iris genau voneinander unterscheiden konnte. Einen besseren Zeitpunkt als jetzt würde es wohl nicht geben.

„Du bist doch nicht etwa verliebt oder?“, kam es mit einem Hauch Unsicherheit in der Stimme aus Elias’ Mund.

Chris zuckte verlegen mit den Achseln.

„Ach, Taylor.“, seufzte Elias und herzte ihn aufs Neue, „Du bist witzig.“

„Witzig?“, wiederholte Chris irritiert.

„Ja.“

„Warum?“

Elias verdrehte die Augen und antwortete: „Weil Du dir so viele Gedanken machst. Genieß doch einfach den Moment.“

„Tue ich.“, verteidigte sich Chris.

„Nein, tust Du nicht.“, widersprach Elias und ließ es sich nicht nehmen dem Jungen die Meinung zu sagen, „Du zerbrichst dir dein kleines Collegestudenten-Hirn darüber, ob das hier falsch oder richtig ist.“ Mit einem für ihn ernsten Gesichtsausdruck fuhr er fort: „Falsch, Richtig – Gut, Böse – Krieg, Frieden… Chris, es gibt Dinge in der Welt, die lassen sich nicht einfach so in eine Schublade stecken.“

Jetzt war Chris wirklich neugierig geworden. Hielt der Sergeant womöglich mit einer geheimen Erkenntnis über das Leben hinter dem Berg?

„Was für Dinge?“, wollte er wissen.

Dieser Typ raub dir noch den letzten Nerv, ermahnte sich Elias in Gedanken, Wieso zum Henker hast Du dich mit so einem unverbesserlichen Weltverbesserer eingelassen? Entschlossen ein Machtwort zu sprechen und diese nutzlose Diskussion damit zu beenden, setzte er nach: „Das hier zum Beispiel! Und jetzt schalt endlich den Kopf aus und lass uns noch ein bisschen schlafen.“

Ohne eine Antwort abzuwarten, nahm Elias die Hand aus Chris’ Nacken, reckte sich nach der Coleman-Lampe, die an der Seite stand und drehte sie aus. Das Licht erlosch und mit ihm das leise Zischen hinter dem Glaszylinder. Eng lagen die beiden nackten Männer beieinander, wärmten sich und versuchten in den Schlaf zu finden.

Elias hätte nicht behaupten können, dieses Zeitfenster bewusst gewählt zu haben und es als göttliche Fügung zu bezeichnen, kam ihm ebenso übertrieben vor. Vielleicht war es schlichtweg Glück, dass sie beide heute keinen Dienst hatten und so noch ein, zwei Stunden gemeinsam ruhen konnten.


Eine ganze Weile war es still und der Sergeant war schon fast eingenickt als ihn eine wohlbekannte Stimme nochmal zurückholte.

„Elias?“, wisperte Chris.

„Hm?“, brummte dieser zurück und dachte im Stillen: Wenn jetzt schon wieder so ’ne dämliche Frage kommt, zieh ich dir bei nächster Gelegenheit den Klappspaten über die Rübe, Kleiner!

Chris war sich plötzlich nicht mehr sicher ob er es wirklich sagen sollte. War jetzt der richtige Augenblick für diesen Satz? Oder waren die Worte, die ihm im Kopf herum schwirrten nicht vollkommen unangebracht?

Elias half ein wenig nach. „Wenn Du es nicht gleich sagst“, murmelte er schläfrig, „dann bin ich vorher eingepennt.“

„Ich…“, begann Chris und lauschte einige Sekunden seinem eigenen Herzschlag, der unerwartet schneller geworden war. Dann sprach er aus was ihm auf der Zunge lag: „Ich hab dich lieb, ‘Lias.“ Zu seiner großen Erleichterung fühlte es sich richtig an.  

„Ich dich auch, Chris.“, antwortete Elias leise, „Ich hab dich auch lieb.“ Er sagte das mit solch einem unerschütterlichen Vertrauen als sei es eine Selbstverständlichkeit, dass ein Sergeant seinem Obergefreiten sagte, dass er Kameradschaftlichkeit, Freundschaft und eben auch tiefe Zuneigung für ihn empfand.

Elias war es bewusst, – während Chris es wahrscheinlich nicht einmal ahnte – die Wahrscheinlichkeit, dass sie beide unversehrt aus diesem Krieg heimkehrten, war erheblich geringer als die, dass es nur einer von ihnen schaffte. Doch egal wie es ausging, Elias schwor sich in diesem Moment, dass er Chris und die schönen Erfahrungen, die er mit ihm geteilte hatte, nie vergessen würde!

Das Letzte was Chris wahrnahm, bevor sein Bewusstsein von den ersten Traumbildern abgelöst wurde, waren der vertraute Geruch, die Wärme und die Geborgenheit von Elias. Er hatte heute viel gelernt. Dinge, die er nie vergessen würde.


A.N.
So, dass war es nun mit Chris und Elias, zumindest was die Slash-Geschichten angeht. Ich hoffe, ich konnte hier und da ein Schmunzeln hervorzaubern und auch einen gefühlvollen, tiefen Einblick in die Gedanken und Emotionen der beiden Hauptfiguren geben. (Selbst wenn diese wahrscheinlich niemals so gehandelt hätten.)

Zuletzt bedanke ich mich bei allen Lesern und den fleißigen Reviewern. Ihr seid wundervoll! :-)
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