Leise Liebe

von kuyami
GeschichteRomanze / P12 Slash
09.02.2017
20.05.2017
11
64.254
19
Alle Kapitel
27 Reviews
Dieses Kapitel
4 Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
09.02.2017 4.195
 
Titel: Leise Liebe

Fandom: Circus Halligalli

Pairing: Jakob Lundt / Thomas Schmitt

Rating: P12-Slash

Kurzbeschreibung: Manchmal muss einen die Liebe direkt anspringen damit man merkt, dass sie schon längst da ist. Schon lange da ist. Nur ganz leise.

Anmerkung:

1) Die Idee für diese Story hier kam mir beim (Beta-)Lesen von Kapitel 4 von Rias wunderbarer Story Salz auf unseren Lippen .

Ich bin mir zwar sicher, dass ihr sie alle lest und kennt, aber trotzdem in einem Satz zusammengefasst: Um die desaströsen Quoten zu retten werden Joko und Klaas dazu gezwungen, eine (gefakte) Beziehung vorzuspielen.

Um den beiden dabei zu helfen, schneiden Thomas und Jakob ein Video zusammen, bei dem deutlich werden soll, wie vertraut und verliebt Joko und Klaas zusammen sind. Als ich das gelesen habe, hatte ich sofort die Grundidee zu dieser Story hier im Kopf

Und auch, wenn Thomas und Jakob in Rias Storys ein glückliches Paar sind (davon bin ich fest überzeugt und lasse mir auch nichts Anderes erzählen :D), habe ich diese Tatsache abgeändert für Leise Liebe; hier sind sie kein Paar. Auch orientiere ich mich ansonsten allerhöchstens an ein paar wenigen groben Grundpfeilern von Salz auf unseren Lippen – mit freundlicher Genehmigung von Ria versteht sich ;)



2) Teilweise habe ich mich nach bestem Wissen und Gewissen an der Realität orientiert, was Charaktere etc. angeht. Andererseits habe ich auch die Wahrheit und die Realität schamlos ignoriert und abgeändert zu Liebe des Storyverlaufs ;)



3) Viel Spaß beim Lesen







Leise Liebe




Nach der letzten Chance



Nach all der Zeit hat es trotzdem nicht gereicht




-



Jakob ließ seine brennenden Augen vom Bildschirm weggleiten und sah zu Thomas, dem es gerade auch nicht besser zu gehen schien, denn er hatte seine Brille nach oben geschoben und rieb sich die Augen. Dann stieß er sich vom Schreibtisch ab, rollte mit seinem Stuhl zurück und suchte Jakobs Blick.

„Ich mach Schluss für heute.“ Er seufzte, bevor er weitersprach. „Geh mir jetzt das Material ansehen, um die beiden Idioten wenigstens ‘n bisschen aus der Scheiße zu holen.“



Kurz stutzte Jakob, war sich nicht ganz sicher, wovon Thomas eigentlich sprach, doch dann fiel es ihm wieder ein und ein prickelndes Gefühl der Nervosität breitete sich über seinen Nacken aus.

Scheiße… er hatte es so gut verdrängen können die letzten Stunden. Hatte sich einfach beschäftigt gehalten und seine To-Do-Liste ausführlich abgearbeitet. Aber jetzt holte ihn alles wieder ein. Gut, klang ein wenig dramatisch – zumal es ihn selbst auch nur indirekt betraf – aber es war trotzdem kein angenehmer Gedanke, dass Joko und Klaas in Zukunft dazu verdonnert sein würden, für die Öffentlichkeit ein Paar zu spielen, um dadurch irgendwie die desaströsen Quoten zu retten.

Niemand hielt das für eine gute Idee. Niemand. Dementsprechend schwer war es denjenigen unter ihnen, die in die Idee eingeweiht waren, gefallen, ihren beiden Chefs zu gestehen, dass sie keine einzige Idee mehr in petto hatten, die das Unheil hätte abwenden können. Denn genau das wäre ihr Ausweg gewesen. Der einzige. Die einzige Möglichkeit, diese gefakte Beziehung noch irgendwie abzuwenden.



Der neue Senderchef Rosemann hatte ihnen eine letzte Chance gelassen, eine letzte Option, mit irgendwelchen kongenialen Ideen die Quoten aus dem Keller zu reißen und sie ganz nach oben zu schießen. Nur hatten sie das die ganzen Wochen davor einfach schon versucht. Verzweifelt und erfolglos. Und jetzt gab es da nichts mehr, was sie noch aufgespart hatten. Keine kleinste Idee mehr, kein Rettungsanker. Nichts, von dem sie sich wirklich eine Besserung erhoffen würden.

Und genau das hatten Thomas, Thomas Martiens und er, die sie als einzige eingeweiht waren, gestehen müssen. Schweren Herzens und mit einem unglaublich schlechten Gewissen. Aber es half alles nichts. Sie konnten nicht mit etwas arbeiten, das gar nicht da war. Und sie hatten einfach nichts, um für ein Licht im Dunkeln sorgen zu können. Es blieb schlicht und ergreifend nichts Anderes. Joko und Klaas würden diese Beziehung spielen müssen, wenn sie nicht alles aufgeben wollten.

Auf das Geständnis des Teams hatte Joko etwas… ungehalten reagiert, wohingegen Klaas einfach still geblieben war. Resigniert. Verzweifelt.



Seitdem nagte das schlechte Gewissen an Jakob. Weil auch ihm nichts mehr eingefallen war. Weil er nicht dazu beitragen konnte, dass sie eine andere Lösung fanden, um die Quoten wieder nach oben zu reißen. Weil er schon im Vorfeld natürlich dafür mitverantwortlich gewesen war, dass die Quoten überhaupt so abgesackt waren. Sie alle waren dafür verantwortlich. Durch einen Mix aus der Überzeugung von sich selbst, von ihrem Konzept, gewürzt mit einer ungesunden Prise Überheblichkeit und dem irrwitzigen Gedanken der Unverwundbarkeit waren sie nun da gelandet, wo sie heute waren. Bei Quoten um die fünf Prozent und der Androhung als nächstes, den – eh schon nicht optimalen – Sendeplatz zu verlieren. Was einem Absetzen der Sendung gleichkam. Dem Worst Case, den sie seitdem alle vor Augen hatten.

Außer natürlich, Joko und Klaas würden mitspielen. Würden sich zu Rosemanns Handpuppen machen lassen, alles vergessen, was sie glaubten und wofür sie standen und allen eine Beziehung vorgaukeln.



Die beiden hatten es nicht sagen müssen, aber es war ihnen deutlich am Gesicht abzulesen gewesen, wie schlecht ihnen allein beim Gedanken daran geworden war. Ihnen allen war ein wenig übel geworden. Weil ihnen zwar bewusst gewesen war, dass es nicht gut um die Quoten stand und dass der Sender wenig begeistert war. Aber mit solch drastischen Maßnahmen hätte niemand von ihnen gerechnet. Eher hätten sie auf dem Schirm gehabt, dass Pro7 ihnen irgendwelche Auflagen für die Sendung gab – also, noch mehr als eh schon. Bestimmte Promis, die es einzuladen galt oder irgendwelche dämlichen und unpassenden Einspieler, die gedreht werden mussten, weil das Marketing-Team des Senders sich davon gute Quoten erhoffte.

Mit all dem hatten sie gerechnet. Mit all dem hätten sie irgendwie leben können. Leben müssen. Aber nicht damit. Nicht damit, dass Joko und Klaas eine Beziehung vorspielen mussten.



Doch jetzt war es zu spät. Rosemann hatte ihnen nicht nur die geladene Pistole auf die Brust gesetzt, sondern hatte die Waffe auch schon entsichert und richtete sie nun mitten auf ihr Herz. Sie hatten keine Wahl gehabt und Joko und Klaas hatten zugestimmt. Zähneknirschend und verzweifelt. Aber sie hatten zugestimmt. Um das zu retten, was noch irgendwie zu retten war.

Und jetzt versuchte das Team auch noch irgendwie etwas zu retten. Wenigstens jetzt einen kleinen Teil beizutragen.



Wäre Jakob nicht in eine Art gedankliche Schockstarre verfallen, seit er den Vorschlag, oder eher das auf sie zurollende Schicksal seiner beiden Chefs und Freunde gehört hatte, hätte er vermutlich auch etwas aktiver dazu beitragen können. Aber er war nicht nur froh, sondern wahnsinnig erleichtert, als Thomas ihm heute Morgen von einer Idee erzählt hatte, die er gestern Nacht noch gehabt hatte.

Sie würde Joko und Klaas nicht davor bewahren können, ein Paar zu spielen. Aber es würde ihnen zumindest dabei helfen, diese Scharade irgendwie glaubhaft zu verkaufen. Denn sie waren sich im Klaren darüber, dass die breite Öffentlichkeit das Ganze als typischen ‚Joko und Klaas Witz‘ ansehen würde. Und falls es überhaupt möglich sein sollte, für ein wenig Glaubhaftigkeit zu sorgen, dann mit Thomas‘ Idee. Glaubte Jakob zumindest. Weil er es glauben wollte. Genauso wie Thomas, der ebenso an dieser ganzen Sache zu knabbern hatte wie er. Auch ihm ging es nicht gut und er konnte genauso schlecht schlafen wie Jakob. Das sagt er zwar nicht, aber Jakob wusste es einfach. Aber immerhin hatte Thomas eine Idee gehabt – im Gegensatz zu ihm.



Thomas wollte einen Einspieler zusammenschneiden. Eine Art kleine Dokumentation, die belegen sollte, dass Joko und Klaas schon länger zusammen waren. Weil da schon immer etwas zwischen ihnen gewesen war. Ihm war aufgefallen, dass die beiden sehr vertraut und intim miteinander umgingen. Und er war überzeugt, dass er dafür in dem Material der alten, ausgestrahlten Sendungen Beweise finden würde. Die wollte er alle heraussuchen und sie zu einem Einspieler zusammenbasteln.

Dazu wollte er so viel Material sichten, dass es Jakob ein wenig schwindelig wurde, wenn er gerade nur daran dachte. Und so war für ihn klar, was er tun würde.

„Ich komm mit und helf dir, okay?“

Ja, er hatte ein schlechtes Gewissen. Ja, er wollte es wieder gut machen. Oder zumindest retten was noch zu retten war. Und dabei wollte er Thomas helfen, um den nicht auch noch irgendwie im Stich zu lassen. Fühlte sich alles eh schon mies genug an. Da musste er nicht auch noch den nächsten Freund hängen lassen.

Thomas stockte kurz in seiner Bewegung, während er sich seine Jacke anzog.

„Musst du nicht“, antwortete er, klang jedoch nicht so abwehrend als würde er Jakobs Hilfe nicht wirklich gebrauchen können.

„Ne, muss ich nicht. Will ich aber.“

Jakob grinste ihn an und stand auf. Während er nach seiner Jacke griff murmelte Thomas ein „Na gut“, das dankbar klang. Und er sah ihn auch dankbar an, als Jakob seinen Blick wieder hob.

„Aber nur unter einer Bedingung!“

Thomas zog fragend die Augenbrauen zusammen, während er den Reißverschluss zuzog. Aber er schien genau zu wissen, dass Jakob Quatsch machte, denn sein rechter Mundwinkel zuckte schon in Erwartung.

„Ich brauch dringend was zu essen, sonst kann ich mich nicht konzentrieren.“

„Gut, dass ich eh bei der Pizzeria meines Vertrauens vorbeifahren wollte. Kannste gleich vom Auto aus anrufen und uns was bestellen, dann holen wir‘s direkt ab.“

Jakob grinste Thomas an. „Deal.“ Und folgte ihm durch die Bürotür, die Thomas für ihn aufhielt.



~*~



„Siehste, genau das mein ich!“ Thomas zeigte mit einem, von der Pizza fettigen, Finger auf den Bildschirm, als Joko und Klaas sich ansahen. Lange und intensiv. Doch mehr erkannte Jakob da erstmal nicht. War noch nichts Außergewöhnliches.

„Ist aber noch nich‘ so wahnsinnig viel“, gab Jakob mit vollem Mund zu bedenken. Denn irgendwie fehlte ihm da einfach etwas. Es waren nur ein paar Blicke, die auch Thomas und er hätten austauschen können, ohne dass es etwas zu bedeuten hatte.

„Kommt noch“, antwortete Thomas und spulte einen langweiligen Einspieler vor, in dem Joko und Klaas gar nicht zusammen zu sehen waren.

„‘N bisschen mehr als Blicke hab ich da schon zu bieten.“

Thomas grinste und Jakob wartete irgendwie darauf, dass er ihm zuzwinkern würde – aus welchen Gründen auch immer -, doch er tat es nicht, sondern schien einen Moment zu zögern, zog dann die Augenbrauen zusammen und konzentrierte sich wieder auf den Laptopbildschirm vor ihnen.

„Also… die beiden mein ich“, schob Thomas eine unnötige Erklärung hinterher, die Jakob nur abnickte.

Thomas schien wirklich genauso durch den Wind zu sein wie er selbst und Jakob war irgendwie froh. Denn er hatte sich schon ein wenig Sorgen gemacht, weil es ihn selbst wirklich so sehr mitnahm. Seine Sorge reichte natürlich weit über den Arbeitsbereich hinaus und begleitete ihn gerade überall hin. Genauso wie das schlechte Gewissen. Aber sie alle waren nun mal wie seine Familie geworden mit den Jahren. Natürlich auch Joko und Klaas, die jetzt so viel Mist mitmachen mussten. Das waren nicht nur seine Chefs. Das waren seine Freunde, richtig gute Freunde. Und wer saß schon gerne tatenlos daneben, wenn es den Freunden nicht gut ging?

Thomas räusperte sich und deutete dann wieder auf den Bildschirm:

„Hier, schau… hier geht’s wieder los.“

Jakob wandte seinen Blick auf das Video und sah, wie Joko und Klaas sich wieder so ansahen wie gerade eben schon.

„Schon wieder! Die machen das ja echt öfter!“

„Sag ich doch! Also das ist auf jeden Fall was, womit man arbeiten kann“, sagte Thomas mehr zu sich selbst als zu Jakob, während er die kurze Szene aus dem Video herausschnitt und sie in einen extra Ordner zu dem anderen Video-Schnipsel kopierte.

„Vor allem wenn du das Video irgendwie so langsamer aufbauen willst. Also erst vielleicht nur Blicke, dann später… ja, weiß ich nicht, anfassen oder so. Was auch immer die beiden zu bieten haben.“

Thomas hob den Blick, nickte und murmelte „Sehr gute Idee!“, bevor er nach seinem Handy griff, darauf herumtippte und sich vermutlich eine Notiz dazu schrieb.



Danach nahmen sie sich die nächste Folge Halligalli vor und suchten wieder nach Hinweisen, nach den kleinsten Dingen, die sie den Leuten später als beweisträchtige Indizien verkaufen konnten. Egal was es war, sie nahmen alles.



Jakob musste zugeben, dass es ihm zunächst schwer fiel, die richtigen Ausschnitte zu erkennen. Er kannte die beiden, kannte sie seit Jahren und hatte nie auch nur daran gedacht, dass da jemals mehr sein könnte als die gute Freundschaft, die sie sich im Zuge der jahrelangen gemeinsamen Arbeit aufgebaut hatten.

Aber dann war da jedes Mal Thomas, der ihn auf die kleinsten Blicke, Gesten oder Berührungen aufmerksam machte. Und nach einer Stunde hatte auch Jakob den Dreh raus. Er musste einfach nur in seinem Kopf ein wenig umstellen. Musste ihn dazu kriegen wirklich zu glauben, dass man dort etwas hineininterpretieren konnte. Und wenn er ehrlich war, war es gar nicht so schwer. Allzu viel Phantasie brauchte er dafür wirklich nicht.



Joko und Klaas waren so sehr zu einer Einheit geworden mit den Jahren, sie konnten gar nicht mehr ohneeinander. Sie waren regelrecht aufeinander fixiert und jeder andere hatte es schwer, irgendwie bei den beiden mitspielen zu dürfen. Jakob erinnerte sich daran, wie oft sie den beiden bei manchen Gästen von der Regie aus auf‘s Ohr gegeben hatten, dass sie sich nicht gegenseitig angeiern, sondern mit dem Gast reden sollten.

Thomas lachte bei dieser Bemerkung und legte ihm eine Hand auf‘s Knie, sagte ihm, wie froh er war, dass Jakob mitgekommen war und seine durchaus ungewöhnliche Idee mittrug. Und Jakob machte das seltsam glücklich.



Aber es war nicht nur das. Thomas‘ Gedanken waren nicht nur irgendeine fixe Idee, die aus der Luft gegriffen war. Je länger sie an dem Material saßen und sich Ausschnitte herauspickten, desto mehr Gestalt nahm das Ganze an.

„Jetzt noch die richtige Musik dazu“, kommentierte Thomas nach jedem zweiten Ausschnitt, den sie sich ausgesucht hatten und Jakob musste zugeben, dass er wirklich Recht hatte.

Das zwischen Joko und Klaas, das war… natürlich war es reine Freundschaft. Aber sie mussten beide zugeben, dass es durchaus auch mehr sein könnte, wenn man das denn sehen wollte. Und sie sahen es nun als ihre Aufgabe an, all die anderen Menschen genau das sehen zu lassen, was sie dort hineininterpretierten. Eine innige romantische Beziehung, die sich mit der Zeit aufgebaut hatte.



Sie waren sich noch nicht ganz einig, ob es wohl besser war, das Verhältnis der beiden chronologisch festzuhalten oder ob es nicht eindrucksvoller wäre, mit den kleinen Blicken anzufangen, sich zu steigern und es mit einer innigen Umarmung oder dem Kuss für Mundpropaganda enden zu lassen.

Aber wofür sie sich auch entschieden, Fakt war, dass sie genug Material hatten. Mehr als genug. Es gab da nicht nur die Blicke, die – zum Teil nicht nur mit der richtigen Musik - so aussahen, als würde für einen der beiden die Sonne aufgehen, sobald er den anderen sah. Die waren da und sie waren da in einer Häufigkeit und Intensität, dass Jakob sich am Ende des Abends fragen würde, wieso ihm das alles nie aufgefallen war.

Aber da war noch mehr. So viel mehr. Auch manche Dinge, die die beiden zueinander sagten ließen tatsächlich darauf schließen, dass da mehr war zwischen den beiden – oder dass es spätestens am Ende der jeweiligen Aufzeichnung dazu kommen würde. Oder auch „Als würde er ihn gleich in der Garderobe flachlegen“, wie Thomas es nannte. Jakob lachte nur und ihm wurde langsam warm.

War tatsächlich anstrengender als gedacht, sich einfach nur Videoaufnahmen durchzusehen. Vor allem, wenn man nach ganz bestimmten Hinweisen suchte, weil man genau wusste, was davon alles abhing. Doch Joko und Klaas machten es ihnen wirklich leichter als gedacht. Denn manche Dinge musste man nicht einmal suchen.



Sie fragten sich beide, ob es Joko und Klaas wohl bewusst war, wie eifersüchtig sie manchmal reagierten, wenn der jeweils andere einer anderen Person mehr Aufmerksamkeit schenkte als ihm selbst. Wie sie sich dann ansahen, mit vor Eifersucht glühenden Blicken, die unter anderem das Versprechen enthielten dem anderen „nach der Sendung aber ganz deutlich zu zeigen, wo er eigentlich hingehörte“ – natürlich wieder O-Ton Thomas.



Besonders eindrucksvoll fand Jakob es, als Thomas ihn darauf aufmerksam machte, wie Klaas sich von Joko anfassen ließ. Denn er tat es. Mit einer Selbstverständlichkeit, die Klaas wirklich bei niemand anderem an den Tag legte – auch nicht bei Thomas, mit dem er seit Jahren wirklich gut befreundet war. Manche Dinge durfte nur Joko.

Ihm bei der Umarmung ganz vertraut eine Hand in den Nacken schieben zum Beispiel. Und ihm dabei noch manchmal ins Ohr zu flüstern.



Sobald andere Menschen dabei waren oder die Menschenmenge größer wurde, war Jokos Körperkontakt auch wirklich auffallend. Wie auffallend, damit hatte nicht einmal Thomas gerechnet, dessen Idee das alles hier ja gewesen war. Aber Joko ließ Klaas bei größeren Menschenansammlungen nicht nur nicht aus dem Blick. Dieser beschützende Blick wäre die eine Sache gewesen. Ihn ständig dicht bei sich zu behalten, ihn mit seinem eigenen Körper vor allen anderen abzuschirmen oder ihm mit seiner Berührung einen Halt und eine Sicherheit zu geben, die man Klaas so deutlich ansehen konnte wie die Tatsache, dass er sich davor unwohl gefühlt hatte, war eine andere Sache. Eine nochmal andere Sache waren die Berührungen in Situationen, wo sie nicht zwingend nötig waren. Wo damit kein Zweck verfolgt wurde, weil Joko Klaas Sicherheit geben wollte oder ihn beschützen wollte.

Es waren ganz normale Szenen, wo die beiden einfach miteinander redeten. Wenn sie bei Interviews nebeneinander saßen und ständig die Hand auf dem Knie des anderen hatten – an dieser Stelle zog Jakob seine eigene Hand zurück, die tatsächlich irgendwie auf Thomas‘ Knie zum Liegen gekommen war, nachdem er auf dem Bildschirm auf etwas gedeutet hatte.

Oder wenn sie… „Alter, halten die da grade Händchen?!“, platzte es fassungslos aus Thomas heraus und er hatte die Stelle des Interviews beim Sat1 Morgenmagazin schneller zurück gespult als Jakob blinzeln konnte. Doch sobald Thomas die richtige Stelle gefunden hatte, musste Jakob wirklich blinzeln. Und das nicht nur einmal. Denn ja verdammt, die beiden hielt Händchen! Klaas hatte einfach so nach Jokos Hand gegriffen und sie festgehalten und Joko hatte nicht einmal mit der Wimper gezuckt. Nicht einmal einen seltsamen Blick hatte er ihm zugeworfen, nichts. Kein blöder Spruch, so wie es noch vor ein paar Jahren der Fall gewesen wäre. Stattdessen wirkte diese Geste so selbstverständlich und vertraut, als würden die beiden jeden Abend so händchenhaltend auf der Couch sitzen.



Jakob schüttelte nur den Kopf, weil er es irgendwie noch nicht richtig glauben konnte. Als Thomas ihm von der Idee erzählt hatte, war er direkt davon ausgegangen, wie schwierig sowas wohl sein würde. Wie unfassbar langwierig es wäre, Stellen zu finden, die sie überhaupt für so ein Video benutzen konnten. Er hatte sich gefragt, wie sie überhaupt jemandem weismachen wollten, dass da je mehr zwischen Joko und Klaas gelaufen war als irgendwelche beruflichen Gespräche.

Und jetzt… jetzt saß er hier und fragte sich tatsächlich selbst, wie er so blind hatte sein können, dass er das nie bemerkt hatte. Wie vertraut und nah die beiden sich waren. Wie sehr sie aufeinander fixiert waren und wie aufgeschmissen sie waren, wenn der andere einmal nicht da war. Dabei wusste er doch, dass zwischen den beiden nichts lief. Er wusste es. Aber sogar er zweifelte es ganz stark an, nachdem Thomas ihm ein paar der herausgeschnittenen Szenen, die sie am eindrucksvollsten fanden, hintereinander abspielte.



„Ich hab nie gemerkt, wie verknallt die beiden eigentlich sind“, lachte Jakob und lehnte sich ein wenig zu Thomas um ihm anerkennend auf die Schulter zu klopfen. Der zuckte genau diese als wäre es doch nichts gewesen, auf diese Idee zu kommen und war damit wie immer viel zu bescheiden.

„Kann sein, dass es funktioniert und dass die Leute uns das abkaufen. Kann aber auch sein, dass die einfach nur mit dem Kopf schütteln, wenn wir ihnen da nochmal das zeigen, was sie halt eh schon kennen oder jede Woche sehen.“

Wieder zuckte Thomas die Schultern, sah plötzlich nicht mehr ganz so sicher und begeistert aus und Jakob konnte es ihm nicht verdenken. Es gab keine Garantie dafür. Natürlich nicht. Aber trotzdem sprang bei Thomas‘ Worten ein Lämpchen in seinem Kopf an.

„Okay, aber… wenn wir ihnen auch noch mehr zeigen?“

„Hm?“ Thomas legte den Kopf ein wenig schief und sah ihn fragend an.

„Naja… also jetzt wo ich das so gesehen habe, zweifel zwar nicht mal mehr ich selbst dran, aber so‘n paar feine Hobby-Kritiker hat man ja immer dabei. Und die könnten natürlich Futter kriegen, wenn wir denen einfach nur alte Aufnahmen mit ein bisschen Musik unterlegt präsentieren. Aber wir könnten ja… naja, ihnen auch neue Sachen zeigen.“

Thomas lehnte sich interessiert zurück und betrachtete ihn, dann fragte er:

„Was meinst du? Neue Sachen abdrehen? Das merken die doch wieder und dann…“

„Ne ne“, unterbrach Jakob ihn direkt und erklärte dann: „Ich meinte, wir nehmen alte Aufnahmen, die für die Zuschauer aber neu sind, weil sie die noch nicht gesehen haben. Das ganze Backstage-Material, das wir entweder aus Zeit- oder Imagegründen rausschneiden mussten. Wie die beiden ständig beim Duell um die Welt telefoniert haben, was sie sich da für Sachen gesagt haben, wie die sich hinter der Bühne ständig umarmen auch wenn’s nicht sein müsste oder wie Klaas da bei Rock am Ring auf der Couch im Backstagebereich da nachts fast auf Jokos Schoß gekrochen und da eingeschlafen ist zum Beispiel. Das ist doch alles…“

„Das ist genial!“, unterbrach jetzt Thomas ihn und seine Augen glänzten während er sich schnell seine Brille höher auf die Nase schob und dann nach seinem Handy griff und eifrig darauf herumtippte.

Währenddessen murmelte er leise vor sich hin, wie gut Jakobs Idee war und Jakob wurde immer glücklicher. Er lehnte sich zurück in die Polster, ein wenig gegen Thomas‘ Schulter und fühlte sich einfach nur gut. Weil es ein verdammt tolles Gefühl war, endlich wieder etwas aktiv tun zu können. Und sie waren sich beide einig, dass ihr kleiner Einspieler da definitiv dazu beitragen würde, dass wesentlich mehr Leute den beiden ihre Beziehung abkauften.



„Das war gut“, stieß Thomas aus, klang ganz geschafft und ließ sein Handy neben sich auf die Couch fallen, während er sich auch noch ein wenig mehr in die Polster sinken ließ.

„Ach warte, ich hab da auch noch ‘n Video, das Benni mir mal geschickt hat! Das hat er mit seinem Handy gemacht oder so und da… also… da bleiben auch kaum noch Zweifel offen – erst recht nicht mit der richtigen Musik.“ Jakob schob Thomas‘ Zitat hinterher und der grinste ihn an und sah genauso erschöpft aber zufrieden aus, wie Jakob sich fühlte.



Er kramte in seiner Hosentasche nach dem Handy und lehnte sich dazu ein wenig über Thomas, der einen Witz machte, dass sie von außen betrachtet bestimmt auch manchmal so aussahen, als würde da was laufen. Jakob lachte und spürte, wie ihm heiß wurde. Thomas sollte solche dämlichen Sprüche nicht bringen, wenn sie gerade bei ihren Chefs nach genau solchen Momenten gesucht hatten.



Er tippte hektisch auf seinem Handy herum, bis er das Video endlich gefunden hatte, dann drehte er das Handy zur Seite und startete das Video. Thomas lehnte sich noch näher zu ihm, damit er einen guten Blick hatte und Jakob fragte sich unwillkürlich, ob er das schon immer gemacht hatte und… schüttelte im nächsten Moment den Kopf. Diese ganze Recherche machte ihn total bekloppt. Vermutlich sollte er dringend nach Hause und sich mal ordentlich ausschlafen. Später. Erstmal Thomas‘ Reaktion auf das Video abwarten. Und die kam prompt.

„Knutschen die da?“, fragte Thomas total fassungslos und tippte auf dem Bildschirm herum, um die Szene direkt noch einmal abspielen zu lassen.

„Ne, die quatschen nur. Sieht aber so aus“, erklärte Jakob und wiederholte damit nur, was Benni ihm gesagt hatte. So ganz sicher war er sich da nämlich selbst nicht. Vor allem nicht nach diesem Abend.

„Quatschen… is dat ‘n Synonym?“, fragte Thomas, wandte den Blick zu Jakob und war ihm irgendwie ganz schön nah, als er ihn angrinste. Dann sah er wieder auf den Bildschirm und spielte die Szene direkt noch ein drittes Mal ab.

„Können wir brauchen, oder?“ Jakob grinste und sah Thomas dabei zu, wie der das Video noch ein weiteres Mal startete. Der murmelte „Aber sowas von“ und grummelte dann vor sich hin, dass die ihm nichts erzählen brauchten und bestimmt doch geknutscht hatten.

Jakob lachte und nahm sein Handy wieder zu sich und kopierte besagtes Video in die Dropbox, die er mit Thomas für die Arbeit eröffnet hatte, der das Video dann gleich ganz begierig in seinen Ordner mit den anderen Clips zog.

„Nur noch zusammenschneiden, dann reicht das für ‘nen ersten Entwurf“, gähnte Thomas und schob die Brille höher, um sich die Augen reiben zu können.

„Ja, soll ich dann mal…“, setzte Jakob an, der das und Thomas‘ Gähnen als klaren Wink verstanden hatte.

„Ne, Quatsch. Willste noch ‘n Bier?“ Thomas wartete seine Antwort gar nicht ab, sondern war direkt aufgesprungen und in die Küche gelaufen. Und auch wenn es niemand sehen konnte, zuckte Jakob die Schultern und ließ sich zufrieden ein wenig tiefer in die Polster sinken. Sie mussten ja schließlich nicht ihren ganzen Abend nur mit Arbeit verbringen.  

Und jetzt, wo er das Gefühl hatte, endlich auch etwas Produktives zu der ganzen Sache beitragen zu haben, da konnten sie den Abend auch ganz ruhig und entspannt ausklingen lassen.
Review schreiben