Die andere Seite

von Caidh
GeschichteMystery, Schmerz/Trost / P16
09.02.2017
07.07.2017
17
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Regen wäre passend, Regen wäre toll.

Doch zwischen den weißen Wattewolken am Himmel lugte die Sonne hervor, schickte ihre Strahlen auf die Highlands und tauchte die Trotternish-Halbinsel in ein friedliches Licht. Kein Anzeichen von Regen weit und breit - und dabei hätte er doch so perfekt zu Eves Stimmung gepasst. Das leise Tröpfeln von Wasser auf dem Autodach, das sonore Geräusch der Scheibenwischer... Regen der die Welt grau anmalte, die Farben verschlang und die Stille herausforderte.

Eves Blick wanderte über die Hügel, über das grüne Gras und das blaue Meer, das hier und da zwischen den Senken im Sonnenschein aufblitzte. Dann wandte sie sich ab und schaute wieder durch die Windschutzscheibe des Rovers. Nicht einmal ein Lächeln konnte sie sich abringen, nicht hier, nicht so fern von ihrer Heimat - und ihr doch so eigentümlich nah.

Sie hatten gerade Uig passiert, also konnte es nicht mehr lange dauern, bis der Wagen von der Asphaltstraße auf einen weniger befestigten Pfad abbiegen würde. Nur noch Minuten, bis sich Eve mit Gefühlen auseinandersetzen musste, die sie verdrängt hatte. Tief in ihrem Inneren lauerten sie, darauf wartend, wieder ans Licht gezerrt zu werden und sich breit zu machen, in einem Bewusstsein, das sich dagegen wehren würde. Einen Moment lang spielte Eve mit dem Gedanken, sich schreiend aus dem fahrenden Auto zu werfen. Doch sie schnappte nur hörbar Luft, wie ein Fisch auf dem Trockenen.

Ihr Fahrer Leif warf ihr einen verstohlenen Blick zu bevor er sich wieder auf die Straße konzentrierte. Eve hoffte, dass er nichts von dem Kampf bemerkte, den sie innerlich ausfocht. „Links kommt Totscore“, murmelte er mit einem breiten schottischen Dialekt. „Doch zum Einkaufen würde ich eher nach Uig oder Balgown gehen.“

Eve nickte, wenngleich sie gar nicht richtig zuhörte, sondern mit nun geschlossenen Augen an ihrer Unterlippe nagte. Dann wurde sie doch aufmerksam, als Leif ihr riet, sich festzuhalten. Kurz darauf lenkte er den Wagen auf einen unbefestigten Feldweg, der von Schlaglöchern durchzogen war.

„Balgown“, murmelte sie. Sie hielt sich mit beiden Händen fest, als der Rover auf ein besonders tiefes Loch in der Straße zusteuerte. „Wie weit ist das entfernt?“

„Vielleicht zwei, zweieinhalb Meilen. Direkt über die Wiesen ist es wahrscheinlich kürzer, auch nach Uig.“ Leif hielt im Reden inne als er das Lenkrad mit einem Ruck nach rechts zog, um einem weiteren Schlagloch auszuweichen. Erst als er den Rover wieder sicher auf den Feldweg bugsiert hatte, fuhr er fort: „Das Cottage liegt etwas abseits von den anderen, im Schatten von Creag Liath. Egal, ob nach Balgown oder Uig, du musst so oder so erst um den Berg herum.“

„Die anderen?“ hakte Eve mit hochgezogenen Brauen nach. Sie konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass es in dieser Einsamkeit noch mehr Häuser geben könnte, Uig selbst war schon nicht viel mehr als eine Hauptstraße mit ein paar niedrigen Gebäuden und einem Fährpier. Ihre Nachfrage hätte sie sich sparen können. Statt zu antworten wies Leif mit der rechten Hand auf drei Häuser, die vor ihnen am Rand des Pfades auftauchte. Allesamt lehnten sie nah an einem Hügel, fast als wären sie in das Gestein geschlagene Wohnhöhlen. Keines der Gebäude vermittelte einen bewohnten Eindruck.

Der Wagen wurde langsamer und kam schließlich zum Stillstand. Leif ließ den Motor laufen und stieg aus, um einen weiß gestrichenen Holzbalken an den Wegesrand zu tragen. Eve bemerkte das leicht plattgedrückte Gras auf der Wiese, die Leif scheinbar befahren wollte.

„Himmel“, entfuhr es ihr und sie klammerte sich instinktiv fester an dem Griff über der Tür. Kurze Zeit später stieg ihr Fahrer wieder in den Wagen und legte den ersten Gang ein. Nach einem vernehmbaren Ächzen des Getriebes setzte sich das Fahrzeug wieder in Bewegung. Sie verließen den Feldweg, den sie gekommen waren und fuhren geradewegs auf das Weideland. Linker Hand ragte Creag Liath auf, rechts von ihnen war bis zum Horizont nicht viel mehr zu sehen als eine See aus Gras. Die steileren Küstenabschnitte, an denen das Land zum Meer hin abfiel, lagen dahinter verborgen. Dafür aber ließ sich in Richtung der Küste eine Ruine aus verwittertem Stein entdecken.

„Die Häuser wirken unbewohnt“, bemerkte Eve, während sie wie gebannt aus dem Fenster in die Richtung der Ruinen starrte.

„Die Saison ist seit einem Monat vorbei. Dann verirren sich nur selten Touristen hierher. Deswegen haben die meisten ihre Ferienhäuser bereits wetterfest gemacht.“ Als Leif nach einer Schritttempofahrt um Creag Liath herumgekurvt war und wieder mehr von der Strecke vor ihm sehen konnte, schaltete er das Abblendlicht des Rovers ein. In einiger Entfernung ließen sich Schafe blicken. Der Wagen wurde langsamer.

„Habe ich richtig verstanden, dass du dich normalerweise um das Haus kümmerst?“ fragte Eve nach und lehnte sich wieder zurück, als sie im Scheinwerferlicht keine Schlaglöcher ausmachen konnte.

„Jap“, kam es einsilbig von Leif, der sich vergewisserte, dass keine Schafe in der Nähe waren.

„Wann...“ setzte sie an, bevor sie schweigend über ihre Wortwahl nachdachte. „Entschuldige... wann hast du David das letzte Mal gesehen?“

Leif fuhr sich mit der Linken durch seine blonden Haare. „Das ist schon einige Jahre her. Wir haben uns nicht oft getroffen." Er gab ein wenig Gas als sie durch eine Kuhle fuhren und sah Eve kurz an, bevor er sich wieder auf die Strecke konzentrierte. "Meistens rief er mich an, wenn etwas am Haus gemacht werden musste. Oder wenn er es nicht rechtzeitig zum Winter schaffte, nach dem Rechten zu sehen. Und ansonsten... er kam einfach raus, wenn er sich erholen wollte. Blieb für ein, zwei Wochen und verschwand dann wieder. Mehr weiß ich auch nicht, es geht mich ja nichts an."

Eve nickte gedankenverloren. Linker Hand sah sie einen hellen Schimmer und je näher sie kamen, desto deutlicher erkannte sie ein kleines, niedriges Haus aus weißem Naturstein, das von einer getünchten Mauer umgeben war. Auf dem Dach lag Riet, das dem Cottage einen heimeligen Touch verlieh; kleine Fenster gewährten aus dem Inneren den Blick auf die fast schon wilde Natur. Selbst wenn sie sich vorgenommen hätte, sich von diesem romantisch wirkenden Stück Schottland nicht beeindrucken zu lassen, hätte sich Eve dem Charme des Häuschens nicht erwehren können. Sie hatte sich auf der Stelle verliebt.

Leif ließ den Wagen ausrollen bis er vollkommen zum Stillstand kam und drehte den Schlüssel im Zündschloss. Das Motorengeräusch verstummte. Eve löste den Gurt, öffnete nach einem hörbaren Atemzug die Tür, stieg aus und betrat eine Welt, die dem gewohnten Trubel in London nicht hätte ferner sein können. Es war nicht still. Der Wind fuhr durch das lange Gras, in der Ferne blökten ein paar Schafe und übertönten das Geräusch der Wellen, die an die Felsküste schlugen.

Einen Augenblick verharrte Eve an Ort und Stelle, schloss die Augen und sog die würzig duftende Luft ein. Leif wartete geduldig. Als sie wortlos zu ihm hinüber sah, nahm er das zum Anlass, um das Auto herumzugehen und durch die Lücke in der Mauer in den Garten zu treten. Der unterschied sich rein optisch einzig durch eine rustikale Bank zwischen zwei knorrigen Bäumen von den umliegenden Weiden.

"Du hast einen Schlüssel? Ansonsten habe ich auch einen", bemerkte Leif. Eve steckte die Hände in die Taschen ihres Wollmantels und zog einen Ring hervor, an dem außer einem Plastikschmetterling als Anhänger nur ein altmodisch anmutender Schlüssel hing. Sie war sich uneins, ob sie das Cottage sofort betreten sollte oder nicht. Der blonde Schotte schien das zu merken und ging am Gebäude vorbei. "Komm, ich zeige dir, wie der Generator funktioniert."

Neugierig folgte Eve dem Hünen zu einem schmalen, windschiefen Schuppen, der an der rückwärtigen Wand des Hauses lehnte. Mit etwas Mühe zog Leif die klemmende Tür auf. "Hier gibt's manchmal Probleme mit dem Strom. Deswegen der Generator." Er wies mit der Hand auf einen quadratischen Kasten, der auf eine Art Fass montiert war. An der Oberseite waren einige Knöpfe angebracht. Leif drückte auf den größten und mit einem rumpelnden Brummen erwachte der Generator zum Leben. Eve hatte erwartet, dass das Gerät lauter wäre.

"Ich habe ihn frisch aufgefüllt, er sollte ein paar Tage laufen können, wenn der Strom nicht will. Sollte der Generator doch leerlaufen, dann steht hier ein Kanister mit Benzin." Er fuhr sich mit der Hand übers Kinn und schaute sich zu Eve. "Ich glaube nicht, dass der notwendig sein wird." Dann drehte er sich um und wies zur Seitenwand. "Hier ist außerdem einiges an Feuerholz für den Kamin. Allerdings vermute ich, dass sich Vögel eingenistet haben. An deiner Stelle würde ich erst mal kein Feuer machen, bis ich Zeit hab, mich drum zu kümmern. Allerdings kann das ein bisschen dauern." Er schaute sie mit einem entschuldigenden Gesichtsausdruck an. "Es war doch etwas kurzfristig... Wie lange willst du eigentlich bleiben?"

"Das weiß ich noch nicht", erwiderte sie leise. "Es kommt drauf an, wie schnell ich vorankomme."

Er nickte und gab sich mit der Antwort zufrieden. "Dann werde ich mich erst einmal auf den Weg machen, ich muss noch bei ein paar anderen Häusern vorbeischauen."

Sie traten wieder an die frische Luft nachdem Leif den Generator ausgeschaltet hatte. Er holte Eves Reisetasche aus dem Kofferraum und stellte sie neben der Mauer ab. Der Mann machte den Eindruck, als fühlte er sich bei dem Gedanken nicht wohl, Eve allein zu lassen; ohne Auto und ohne jegliche Kenntnis von der Gegend. "Wenn du Hilfe brauchst, kannst du mich jederzeit anrufen. Oder wenn ich dir sofort den Kamin leeräumen soll", sagte er schließlich mit einem Grinsen, während er die Tür auf der Fahrerseite aufzog, dann aber doch verharrte.

"Danke", murmelte sie. "Wenn alles nach Plan läuft, dann bekomme ich morgen sowieso Gesellschaft." Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht.

Leif hatte es bemerkt und war für den Moment beruhigt. "Dann wünsche ich einen angenehmen Aufenthalt." Er stieg in den Geländewagen, ließ den Motor an, hob die Hand zum Gruß und setzte behutsam zurück, bevor er wendete.

Eve sah dem Fahrzeug nach bis es im Schatten Creag Liaths verschwunden war. Sie griff nach ihrer leichten Tasche und wandte sich zögernd dem Haus zu. Bald würde es dunkel werden. Ein Zittern durchfuhr sie als ein kalter Windstoß über das Land fegte. Drinnen würde es kaum wärmer werden, solange sie hier draußen stand und das Gebäude ehrfurchtsvoll anstarrte, als sei es aus einer anderen Welt. Sie gab sich einen Ruck und überwand die wenigen Meter zwischen Schutzmauer und Haus mit zögernden Schritten. In ihrem Inneren spürte sie einen Hauch von Widerstand, als ihre Hand abermals in die Manteltasche glitt und den Schlüssel hervorholte, den sie zwischenzeitlich wieder weggepackt hatte. Sie wog ihn sachte, um ihre Unsicherheit zu überspielen. Ihr fiel ein kleines Schild neben der Tür auf. Sie streckte die Hand aus und fuhr behutsam über das leicht verwitterte Holz, in das der Name des Cottage eingebrannt war. Creag's Corner. Simpel...

Dann wandte sie sich tief Luft holend der Tür zu. Vorhänge vor dem kleinen, eingelassenen Fenster verwehrten ihr den Blick ins Haus. Eve sah auf das Stück Metall in ihrer Hand und schob es dann ins Schloss. Der Schlüssel drehte sich ohne Widerstand. Sich ihrem Schicksal ergebend straffte Eve die Schultern und presste die Hände gegen die schwere Tür.

Sie hatte den abgestandenen, muffigen Geruch eines abgelegten Lebens erwartet, doch es roch frisch - Leif musste an diesem Tag schon einmal zum Lüften hier gewesen sein. Bevor Eve über die Schwelle trat, taxierte sie mit großen Augen den ersten Raum. Links vom Eingang an der gegenüberliegenden Wand hingen Schränke, darunter befanden sich Herd, Spüle und Kühlschrank. Dann kamen eine kleine Theke und ein Tisch, der gerade mal zwei Personen Platz bot. Rechter Hand standen ein altes Sofa und zwei Sessel.

Es war eng, aber gemütlich. Die Möbel waren alle in einem dunklen Braunton gehalten, der zum abgeschliffenen Holzboden passte. Die dicken, dunkelgrünen Vorhänge vor den Fenstern sorgten dafür, das kaum Licht ins Haus kam. Direkt gegenüber vom Eingang führte ein dunkler Flur in den hinteren Teil des Gebäudes.

Eve trat behutsam über die Schwelle, leise, als könnte nur ein einziges Geräusch für den Ausbruch eines Chaos sorgen. Eine Diele knarzte unter ihren Füßen und sie hielt für einen Moment die Luft an, bevor sie sich wieder rührte. Bevor sie sich sicher war, dass sie mit dem Geräusch des Holzbrettes nichts aufgestört hatte. Dann zog sie die Vorhänge beim Tisch auf und drehte sich um. Fast schon erwartete sie, jemanden auf dem Sofa sitzen zu sehen. Aber dort war niemand.

In der Ecke neben dem wuchtigen Möbelstück entdeckte sie den Kamin. Eve bewegte sich zum anderen Fenster und schob die Vorhänge zur Seite. Erst jetzt fiel ihr der Schimmer von Staub auf den Oberflächen der Einrichtung auf. Hier war seit langem niemand mehr gewesen. Ein Seufzen entfuhr ihr und sie drehte sich zum dunklen Flur. Sie trat näher und suchte mit der Hand nach einem Lichtschalter, fand aber keinen. Sie glaubte, drei Türen zu erkennen; zwei auf der linken Seite, eine auf der rechten.

Eve tastete sich vorwärts, drückte die Klinke der ersten Tür zu ihrer Linken und sah vor sich ein kleines Bad, das nicht mit viel mehr als Toilette und Waschbecken ausgestattet war. Sie drehte sich einmal um sich selbst und entdeckte hinter der Tür eine Duschkabine. Immerhin etwas...

Hinter der zweiten Tür auf der linken Seite des Flurs fand Eve ein Gästezimmer. Sie trat in den kleinen quadratischen Raum. Viel mehr als ein Bett, eine Kommode und einen Schaukelstuhl gab es in dem Zimmerchen nicht. Sie drehte sich um und zuckte zusammen, als sie im Halbdunkel eine Gestalt erblickte. Es dauerte einen Augenblick bis sie begriff, dass es ihr eigenes Spiegelbild war. An der Wand im Flur war ein deckenhoher Spiegel angebracht, den sie bislang übersehen hatte.

Eve wandte den Blick mit einem leisen, wenngleich erleichterten Kichern ab. Dann drehte sie sich um und stieg vorsichtig auf das Bett, um den Fenstergriff zu erreichen. Als sie das Fenster öffnete, schlugen ihr von draußen die Geräusche des Windes und des Meeres entgegen. Erst jetzt fiel ihr auf, wie still es eigentlich in dem Cottage war. Grabesstille.

Mit festen Schritten kehrte sie zum Flur zurück und öffnete die letzte Tür. Sie schwang auf und gab den Blick in einen weiteren Schlafraum frei, der etwas größer als der andere war. Neben einem Bettgestell aus Schmiedeeisen nahm vor allem ein Schreibtisch mit einer altmodischen Leselampe an der linken Wand einen großen Teil des Zimmers ein.

Als sie die Vorhänge und Fenster geöffnet hatte, bemerkte Eve, dass sich der Raum signifikant von den anderen unterschied. Mit der Zeit hatte sich eine hauchdünne Schicht Staub auf die Möbel gelegt - natürlich. Doch wirkten Küchen- und Sitzecke, Bad und Gästezimmer unpersönlich. Wie in einem beliebigen Ferienhaus, das mehrfach im Jahr an Fremde vermietet wird. Im Schlafzimmer aber stapelten sich ohne erkennbares System Bücher, Manuskripte, gebundene Papiere, Zeitungen. Berge davon.

Eve trat zum Schreibtisch und ließ die Fingerspitzen über die Rücken unzähliger kleinformatiger Heftchen gleiten, die an der Wand lehnten. Die bedurften keiner genaueren Betrachtung; Eve wusste, dass es sich um die günstig produzierten Drucke von Theaterstücken handelte. David trug immer wenigstens eines in den Taschen bei sich; er war nahezu besessen davon, in seiner spärlichen Freizeit Poesie in sich aufzusaugen, wenn er sich nicht auf ein Engagement vorbereitete.

Halb unter einem Stapel alter Zeitschriften verborgen lag ein Manuskript für einen Piloten einer Serie, die es Eves Wissen nach niemals auf die Mattscheibe geschafft hatte. Den zahlreichen Teeflecken nach zu urteilen hatten die zusammengeklemmten Papierseiten häufiger als Untersetzer herhalten müssen. Eve drehte sich einmal um sich selbst und inspizierte den Rest des Zimmers. Dann fröstelte ihr.

Der Abend kündigte sich mit rotgoldenen Sonnenstrahlen an, die durch das Fenster im anderen Schlafzimmer bis in diesen Raum fielen. Eve stellte ihre Tasche ab, das einzige Stück Realität an diesem so unwirklich wirkenden Ort, an den sie sich unbewusst geklammert hatte. Zögernd bedachte sie ihr Gepäck mit einem Blick, dann ließ sie den Griff los und nahm ihre Runde durch das Cottage wieder auf, indem sie in allen Zimmern die Fenster schloss. Zuletzt kam sie durch den vorderen Raum. Links neben dem Flur fand sie einen Lichtschalter, den sie drückte.

Sofort wurden Couch und Thekenbereich in warmes Licht getaucht. Eve zog ihren Mantel aus und legte ihn über eine Stuhllehne. Dann stemmte sie die Hände in die Taille und blickte sich um. Erst mal musste klar Schiff gemacht werden, in ihrer Nase kribbelte es schon verdächtig. Aus der Hosentasche zog sie ihr Telefon, dem sie binnen Sekunden Musik entlockte. Sie legte das Gerät auf die Theke und trat an die Spüle heran. Im Schrank darunter fand sie Lappen und Putzmittel. Sie drehte das Wasser auf. Von einigem Rumpeln begleitet kam sprudelnd bräunliches Wasser aus dem Hahn. Es dauerte einige Momente, bis es sich klärte. Dann verschloss Eve den Ablauf und schüttete etwas von dem Putzmittel ins Becken.

Mehrere Augenblicke war sie sich nicht schlüssig, wo sie anfangen sollte. Am sinnvollsten war wohl das Schlafzimmer; zumindest so weit, dass sie darin schlafen konnte. Auf den Betten hatte keine Wäsche gelegen, dafür hatte sie in der Besenkammer, die vom Schlafzimmer abging mehrere größere Plastiksäcke gesehen. Ihr Verdacht bestätigte sich, als sie einen der Beutel nahm, ihn aufknotete und darin eine Daunendecke entdeckte.

Sie entschloss sich dazu, die Decken zum Lüften vor die Tür zu bringen und kehrte dann ins Schlafzimmer zurück. Sie widerstand dem Wunsch, sich auf das Bett zu setzen und in den Texten zu schmökern. Stattdessen bearbeitete sie das Bettgestell mit einem feuchten Lappen. Da sie keinen Eimer gefunden hatte, musste sie ständig zwischen Schlafzimmer und Küche hin und her wechseln. Das hatte auch sein Gutes, so konnte sie zumindest ein Auge auf die Wäsche vor dem Cottage haben. Nachdem sie die Matratze vom Staub befreit und mit einem Laken aus einer Kommode bezogen hatte, beäugte sie das Bett im anderen Raum. Malcolm und Kieran würden im Laufe des nächsten Tages ankommen, und irgendwo mussten auch sie schlafen. Mit einem Seufzen machte sie sich daran, das Bett herzurichten. Die Sonne war bereits untergegangen, als sie die Decken von draußen reinholte und mit Wäsche bezog.

Dabei knurrte Eves Magen und sie fasste sich an die Stirn. "Ich Vollidiot", murmelte sie. Sie war völlig überhastet nach Schottland aufgebrochen und hatte nicht einen einzigen Gedanken an Essen verschenkt. Ihr Magen knurrte noch einmal. Vielleicht fand sie in der Küche etwas. Bevor sie in den vorderen Raum wechselte, zog Eve die Vorhänge zu und drehte in beiden hinteren Zimmern die elektrischen Heizlüfter auf eine niedrige Stufe. In der Küche regelte sie die Lautstärke der Musik herunter und öffnete die Türen der Schränke. Zumindest hatte sie ausreichend zum Frühstücken, denn sie fand fünf unterschiedliche Tüten Haferflocken, drei davon noch verschlossen. Sie wog eine Packung in der Hand und lächelte einen Moment lang versonnen. Dann räumte sie die Tüten wieder fort.

Im Kühlschrank fand sie nicht viel mehr als ein paar Flaschen Bier, das vermutlich nicht mehr sonderlich genießbar war, und eine bis zur Unkenntlichkeit geschrumpelte Paprika. Zumindest glaubte sie, dass es eine war. Eve brummte und warf die Tür wieder zu. In einem Schrank entdeckte sie schließlich eine Packung Nudeln, Salz und Olivenöl. Mehr brauchte sie nicht. Sie setzte einen Topf Wasser auf den Herd und ließ sich am Tisch nieder, während sie darauf wartete, dass das Wasser kochte.

Eve faltete die Hände im Schoß und sah sich um. Sie musste sich erst noch an den Gedanken gewöhnen, in dem Haus zu sitzen. Sie fühlte sich unerwünscht. Sie fühlte sich unsicher. Sie spürte eine innere Abneigung dagegen, zu viele Dinge im Cottage anzufassen, konnte aber nicht genau benennen, was diesen Unwillen hervorrief. Vielleicht war es schlicht die Angst, etwas zu verändern und damit diesen eigenartigen Zauber der Unwirklichkeit zu vertreiben, der über dem kleinen Haus lag.

Als ihr Blick den Kaminsims streifte bemerkte sie, dass der Raum doch nicht gänzlich frei von persönlichen Gegenständen war. Eve erhob sich und trat zur Couch. Der Kamin war aus grauen Steinen zusammengesetzt, zweifellos Handarbeit. Auf dem Sims lag ein Schneckenhaus. Eve zögerte. Dann nahm sie es vorsichtig in die Hand und pustete den Staub fort. Es war sandfarben und etwa so groß wie ein Golfball. Es kam ihr nicht bekannt vor. Allerdings war sie auch nie zuvor in dem Cottage gewesen.

Vorsichtig legte sie das Schneckenhaus zurück und griff stattdessen nach dem Gegenstand daneben, der wie eine angelaufene silberne Taschenuhr aussah. Sie drückte behutsam auf den Mechanismus, der dafür sorgte, dass der Deckel aufsprang. Es war keine Uhr, zumindest befand sich kein Uhrwerk darin. Stattdessen fand sie ein Bild von Deidre und Richard, Davids Eltern. Daneben ein Bild von Malcolm und seiner Frau Louise.

Sie erwiderte das strahlende Lächeln auf den Gesichtern mit hochgezogenen Mundwinkeln, bevor sie die Uhr wieder zuschnappen ließ und auf den Sims zurücklegte. Ihre Finger strichen behutsam über den letzten Gegenstand, der auf dem Kamin lag. Es war ein Ring aus einem billigen weichen Metall, das sich schon beim Anlegen verformte. Ein Ring, der aus einem waschechten Kaugummiautomaten stammte. David hatte die kleine Maschine auf einem Jahrmarkt entdeckt und geplündert. Sie waren betrunken gewesen und hatten sich aus Spaß Heiratsanträge gemacht.

Ein leises Zischen ließ Eve herumfahren und mit einem Klimpern fiel der Ring auf den Boden. Sie starrte ihn an. Dann bückte sie sich schnell, hob den billigen Schmuck auf und legte ihn wieder an seinen Platz. Abwesend schüttelte sie den Kopf über ihre Schreckhaftigkeit, bevor sie zum Herd eilte und die Temperatur der Kochplatte herunter drehte. Sie hob den Deckel vom Topf und ließ einige der Nudeln in das Wasser fallen. Dann zog sie sich wieder an den Esstisch zurück und starrte in die Leere. Das war besser als in Sachen herumzustöbern, die ihr nicht gehörten.

Das Abendessen war zwar nicht üppig, aber es genügte ihr. Während sie die Nudeln gedankenverloren mit der Gabel aufspießte, las Eve über ihr Smartphone Nachrichten. Im Cottage gab es keinen Fernseher und kein Radio, und sie wusste nur zu gut, warum. Schließlich war dieses abgeschieden liegende Haus nicht nur ein Ort, an dem man sich vermutlich hervorragend dem Studium von Manuskripten widmen konnte. Sondern auch einer, in den man vor der Arbeit fliehen konnte; mitten hinein in die Stille, in die Einsamkeit. Wer bräuchte schon Fernsehen, wenn man sich erholen wollte...

Die Internetverbindung war quälend langsam. Deswegen legte sie das Telefon schließlich beiseite und starrte einen Moment lang vor sich hin, bevor sie vom Tisch abrückte und das Geschirr in die Spüle räumte. Eve spielte mit dem Gedanken, noch ein bisschen sauberzumachen, doch als ihr ein herzhaftes Gähnen entfuhr, entschied sie sich dafür, sich im Bett zu verkriechen und am nächsten Tag zeitig aufzustehen.

Sie löschte das Licht in Küche und Wohnecke, spritzte sich im Bad etwas Wasser ins Gesicht, bevor sie in ihren Pyjama schlüpfte und ins Bett im Schlafzimmer stieg. Einen Augenblick liebäugelte sie mit den unzähligen Manuskripten auf dem Schreibtisch, doch dann entschied sie sich für den Schlaf. Sie drehte sich auf die rechte Seite, nachdem sie das Licht ausgeschaltet hatte; tauchte in eine undurchdringliche, bedrückende Dunkelheit ein. Es war stockduster. Sie seufzte und starrte in die Dunkelheit, bis ihr die Augen zufielen und sie in einen unruhigen Schlaf glitt.

Sie hatte wirre Träume, von Kreaturen, die sie durch eine schwarze Landschaft jagten. Zuerst lief sie, fort von diesen ungeheuren Monstern, die hinter ihr her hetzten; mit rasselndem Keuchen und spritzendem Geifer. Erst nach geraumer Zeit fiel Eve ein, was ihr ihre Mutter vorgebetet hatte, wenn sie mit mitten in der Nacht aufgewacht und ins Bett der Mama geflüchtet war. Dreh dich um und denke daran, dass alles nur ein Traum ist. Kein Traum dieser Welt kann dir Schaden zufügen.

Sie hielt inne und blickte in die Richtung, in die sie gelaufen war. Dann sah sie hinunter auf das, was sie in der Hand hielt. Es war der Ring. Der billige Ring. Ihr könnt mir nichts tun.

Eve riss die Augen auf und war wach, zumindest halbwegs. Sie holte ein paar Mal tief Luft und spürte, wie sich ihr Herzschlag beruhigte. Sie blinzelte hektisch bis sich ihr Blick klärte. Durch die offene Tür sah sie Mondlicht, das in das andere Zimmer fiel und den kaum möblierten Raum in einen blassen Schimmer tauchte. Seufzend drehte sie sich auf den Rücken und zog die zerwühlte Decke wieder gerade. Sie hatte keine Angst vor Alpträumen, zumindest bildete sie sich ein, dass sie seit vielen Jahren nicht mehr mit einem Schrei auf den Lippen aufgewacht war. Beunruhigend waren sie dennoch, weil sie niemals so schnell in der Erinnerung verblassten, wie die guten, die schönen Träume. Stattdessen fühlte es sich immer an, als wäre ihr tatsächlich ein Messer in den Rücken gerammt worden.

Eve drehte sich zur Wand. Ohne Zweifel wäre ihr jemand an ihrer Seite höchst willkommen gewesen, jemand, dem sie beim Atmen zuhören konnte. Jemand, der ein Geräusch machte, das ihr versicherte, dass sie wieder in die Realität zurückgekehrt war. Aber sie war allein. Wenn sie die Luft anhielte, dann wäre sie allein in einer vollkommenen Stille. Wer würde dann schon sagen können, ob sie wirklich da war?
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