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Todumringtes Leben

von Cathair
Kurzbeschreibung
GeschichteFantasy / P18 / Gen
08.02.2017
23.05.2018
4
16.623
2
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7 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
23.05.2018 5.365
 
Hallihallohallöle,
Das nächste Kapitel folgt diesmal wie versprochen deutlich flotter. Doch jetzt brauche ich ne Pause. Ich habe mir das lange überlegt - ob ich das Kapitel so bringe, wie es jetzt da ist. Es enthält seid ewig vorgeschriebene Szenen. Ihr werdet am Ende sicher verstehen, weswegen ich mit mir gerungen habe. Aber es gehört einfach zur Story dazu. Ich hoffe, auch dieses Kapitel gefällt Euch - Feedback, kritisch wie schleimend, ist sehr willkommen. Bei Funkstille weiß man nie, ob man auf dem "richtigen Weg" ist.
ich hoffe, diesmal habe ich alle kleinen Flüchtigkeitsfehler ausgemerzt:)
Viel Vergnügen und Grüße,
der Cathair

Angesichts der Geschichte, angesichts der Zeit und ihrer sich stets wiederholenden Muster – ist da nicht all unser Streben, all unser Tun lachhaft und ohne Sinn?
Wie viele Könige und Staatsmänner eroberten Gebiete, sprachen Gesetze, führten Kriege – nur, damit ein oder zwei Generationen später nicht ahnbare Ereignisse eintraten, welche all dieses mühselige Streben zunichte machten?
Wie weit müsste man in die Zukunft sehen können, um zu erkennen, welche Pläne und Taten ohne Sinn wären? Zehn Jahre? Hundert Jahre?
Müssten uns nicht kraftlos die Hände niedersinken, angesichts der Bedeutungslosigkeit und Kleingeistigkeit der meisten unserer täglichen Handlungen?
Wir streben nach jenem, nach diesem, nach Geld, Befriedigung, Anerkennung, ein wenig Macht – und all dies zerfällt so oft spätestens mit unserem Tod und entgegen unserem Bestreben vergisst uns schon die nächste Generation.
Wie viele Generäle feierten „ewige Siege“ und „immerwährende Grenzen“, nur damit hundert Jahre später ihr Reich getilgt ward von der Erde?
Wäre die Welt nicht viel friedlicher, könnten die Krieger, die Feldherren sehen, wie die Zukunft aussehen wird, was die Geschichte bislang immer mit sich brachte ? Jedes Reich verging, gleich wie sehr es sich dagegen stemmt, die Sinnlosigkeit eines jeden Krieges, der doch nur immer wieder neue Rache, neuen Krieg und damit den eigenen Niedergang hervorruft?


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Zwar kannte jeder Vinsalter die Geschichten über die unterirdischen Katakomben, Überbleibsel des alten Bosparan. Doch nur Wenige ahnten, wie lebendig es in diesen alten Gewölben zugehen konnte.
Ecuvaro wusste es. Deshalb hatten sie sich entsprechend vorbereitet.

Die diversen Gruppen von Kriminellen und Bettler, die in den Gängen und Räumen unter Vinsalt hausten, waren noch das geringste Problem.
Gruppen wie die geheimen Zirkel, nichtmenschliche Wesenheiten – das waren die eigentlichen Feinde.

Ecuvaro ging eiligen Schrittes die große Straße hinab zum Fluss. Seit dem Thronfolgekrieg war es üblich, die Brücke über den Yaquir über Nacht zu schließen. Die Dämmerung war schon fortgeschritten und tauchte die Stadt in ein düster-goldenes Licht.
Wie ein Vorbote kommenden Unheils hing das Praiosauge als gewaltiger, feuerroter Ball über dem Horizont.
Er hoffte, dass auch seine Mitstreiter es rechtzeitig schafften.
Und dann blieb immer noch das Problem, dass sie immer noch nicht genau wussten, wohin sie sich wenden mussten. Alt-Bosparan war groß.

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Virgilio hastete durch die Gassen. Er hatte Irkar und Verana in ihrer Stammtaverne aufgegabelt und losgeschickt, die anderen zu holen. Nun eilte er zum verabredeten Treffpunkt. Er roch immer noch nach Kloake – das eilige Bad hatte nur bedingt geholfen. Zumal es wegen Zeitmangels ein Kaltes gewesen war.
Auf Parfüm hatte er verzichten müssen – wenn, dann hätte er eine Menge nutzen müssen, die jedem Feind auf Meilen Entfernung seine Ankunft angekündigt hätte. Der Kloakenduft hatte weit bessere Chancen, in den Gerüchen der Katakomben unterzugehen.
In nicht unbedingt heiter zu nennender Laune lief er weiter.

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Ecuvaro stand in der Dunkelheit eines Gasseneingangs und beobachtete die leerer werdende Straße vor sich.
In der Nähe befand sich ein Einstieg zur Kanalisation. Durch diesen erreichte man einen Zugang zu einem größeren Abschnitt alter Kavernen und Tunnel aus der Zeit Bosparans. Wenn sie keine weiteren Informationen erhielten, würden sie hier auf gut Glück mit ihrer Suche beginnen.

Der Wind ließ einen kühlen Hauch über seinen Nacken ziehen. Er zog den Mantel fester um sich. Eine leicht spöttische Stimme erklang.
„Guten Abend, mein Sohn.“
Er wirbelte herum, die Hand am Griff seines Rapiers. Lautlos war die dunkel gekleidete Gestalt hinter ihn getreten. Doch er entspannte sich, als er das Boronsrad auf der Robe und die Stimme erkannte.
„Boronslieb? Du hier?“
Ein Anflug eines Lächelns huschte über das Gesicht Vater di Aveccos.“
„Ich freue mich auch, dich wiederzusehen, Ecuvaro. Du hast nach mir schicken lassen. Ich erfuhr, dass du hier sein wirst und dachte, du würdest das, was ich zu sagen habe, gerne sofort hören.“
Ecuvaro wunderte sich jedes Mal wieder darüber, wie rasch und umfangreich der unscheinbare Geweihte des Boron von allen Vorgängen erfuhr. Der Mann sollte eher Phex dienen.
Er wirkte wie immer. Das schüttere graue Haar ordentlich frisiert, die faltenreiche Miene weitgehend ausdruckslos oder mit dem Ausdruck dezenten Spottes unterlegt.
„Almentor?“
„Natürlich. Er benachrichtigte mich über eure Suche. Ich denke, ich kann euch helfen.“
Ecuvaro schickte ein Stoßgebet des Dankes an Phex. Di Avecco war einer der Wenigen außerhalb der Unterwelt Vinsalts, der die Katakomben wie kaum ein Zweiter kannte.
Warum dem so war, wusste er nicht. Der Boroni war ein Experte in früher bosparanischer Geschichte.
„Weshalb hat Almentor dich benachrichtigt?“
„Hat er nicht. Ich habe ihn aufgesucht. Wir erfuhren von den Morden, als die Akademie zur Hilfe gerufen wurde. Und meine Kirche hat mich darauf angesetzt. Als ich erfuhr, dass Almentor die Sache übernommen hatte, war mir klar, dass auch du in der Geschichte auftauchen würdest.“
„Woher wisst ihr von diesen Dingen und weshalb ist deine Kirche so interessiert, weshalb steht hier kein Diener des Praios neben dir?“
„Du hast kein Privileg auf lauschende Ohren an fremden Wänden, mein Freund.“
Was bedeutete: Der Geweihte hatte nicht die Absicht, weitere Hintergründe offenzulegen.
„Ihr sucht einen Tempel der Hornisse, sagte Almentor.“
„Richtig“.
„Dann hör gut zu: In den alten bosparanischen Tagen wurden, wie du weißt, nicht nur die Zwölfgötter verehrt. Unter den anderen Kulten die teils legal, teils unerwünscht waren, gab es auch den des Shinxir.
Es steht zu vermuten, dass es sich um eine Gottheit der alten Echsenvölker handelt. Sein Zeichen ist die Hornisse oder auch der Hornissenschwarm. Der Kult war vor allem unter Soldaten, noch mehr unter Offizieren verbreitet. Diese Gottheit stand für die Gemeinschaft, stellte Disziplin und Taktik über den von Rondrianern vertretenen persönlichen Ehr- und Tapferkeitsbegriff. Das muss als Kurzfassung genügen.
Ich weiß, dass es im westlichen Teil der Katakomben unter diesem Teil der Stadt einen alten Tempel dieser Gottheit gibt. Ich war vor vielen Jahren einmal dort. Er ist erstaunlich gut erhalten. Ein besonderer Ort, leider hatte ich damals keinen Magus dabei, der die Gegend hätte magisch erforschen können.“
Ecuvaro war erstaunt – und erleichtert.
„Du bist uns eine wahrhaft große Hilfe und wie von den Göttern gesandt.“
„Sind wir das nicht alle?“
Es war in der Tat ein gewaltiger Zufall und Ecuvaro argwöhnte, dass mehr dahintersteckte. Doch im Moment war dies egal.
„Was für einen Zirkel verfolgt ihr genau?“
„Du weißt es nicht?“
„Sonst würde ich nicht fragen.“
„Verzeih.“ Auch wenn der Boroni eine für seine Maßstäbe lange Erklärung abgegeben hatte, durfte Ecuvaro nicht vergessen, dass der Mann dennoch nie ein unnützes Wort sprach.
„Er nennt sich ,Hüter von Alraman'.“
Das Gesicht des Boronis blieb ausdruckslos. „Interessant, ich werde sehen, was unsere Archive dazu hergeben. Geh nun. Ich hoffe, ihr könnt das unheilige Morden beenden, welches die Menschen erschüttert und Boron zürnen lässt. Lass mich dir den Weg beschreiben, denn Zeit haben wir nicht mehr viel.“

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Während Ecuvaro ungeduldig auf seine Leute wartete, grübelte er darüber nach, was das Auftreten der Boronkirche in dieser Angelegenheit bedeuten mochte. Er hatte das Gefühl, dass hier weit mehr dahintersteckte, als er bislang geahnt hatte.
Ob Almentor ihn wirklich in alles eingeweiht hatte?
Er würde ihn fragen müssen.
Di Avecco hatte ihm den Weg zum Tempel beschrieben, wenn auch nicht im Detail, denn an den exakten Weg konnte sich der Geweihte nicht mehr erinnern. Doch weiter hatte er nichts gesagt sondern war nach den letzten Hinweisen verschwunden.

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Die Gruppe hatte sich bald nach di Aveccos verschwinden eingefunden. Neben ihren beiden neuesten Rekruten waren noch Scampone, ein Söldner, den Ecuvaro noch aus den Tagen in der Horaslegion kannte sowie Rasmara und Marino, ein Fechterpaar aus Drol dazugekommen. Sie waren die „Muskeln“, auf die Virgilio und er zurückgriffen, wenn es um solche Angelegenheiten ging. Sie waren verschwiegen, tapfer und aus jeweils persönlichen Gründen geradezu fanatisch, wenn es gegen unheilige Umtriebe ging.
Sie alle hatten Familie durch Kultisten verloren. Daher waren sie hier die ideale Begleitung.

Sie waren durch die Kanalisation in die Katakomben eingedrungen. Schon bald hatten sie dumpfe, ferne Geräusche gehört, die nach Gesang und Trommeln klangen. Diesen waren sie gefolgt und dabei, gemäß di Aveccos Hinweisen, in tiefe und uralte Gänge vorgedrungen.

Sie schlichen langsam voran, den Fackeln und vor allem dem dumpfen Tönen nach, welches sie aus den Tiefen der Gänge hörten.
Ecuvaro spürte, wie ihm trotz der Kühle der Gänge der Schweiß ausbrach.
Vieles hier erinnerte an damals.
Wild zuckende Flammen, als Luftstöße die Fackeln an den Wänden bestürmten und die schaurigen Schreie durch die Gänge trugen. Angstschweiß auf ihren Gesichtern und hinter den Schreien ein monotoner Singsang, dazwischen niederhöllisches Gelächter.
Er zuckte zusammen, als Verena ihn an der Schulter berührte.
„Ecuvaro, alles in Ordnung mit Dir? Wo geht es weiter?“
Sie standen an einer Gabelung.
Ecuvaro fing Virgilios bohrenden Blick auf und nickte ihm kurz beruhigend zu.
Auch wenn er sich keineswegs so sicher fühlte.
„Rechts entlang.“
Wenn man kurz konzentriert lauschte, kamen die Geräusche von dieser Seite während sie von links leicht verzögert nachhallten.
Er atmete tief durch und ging dann weiter. Er verlangsamte seinen Atem weiter, kontrollierte ihn. Allmählich fühlte er, wie er sich wieder entspannte, die Muskeln sich entkrampften und er seine Konzentration wieder erlangte. Die Erinnerungen und die Angst zogen sich zurück, blieben aber als kleiner eisiger Klumpen in seinem Unterleib spürbar

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Während sie sich vorsichtig durch die Gänge, Kavernen und Räume voranbewegten, behielt Virgilio seinen alten Freund im Auge. Ecuvaro wirkte äußerlich gefasst und konzentriert. Doch immer wieder trat ein abwesender Blick in seine Augen und er verkrampfte sich von Zeit zu Zeit.
Er hoffte, dass sein Gefährte fokussiert blieb. Geistige Ausfälle konnten sie sich hier und jetzt am wenigsten leisten.

Sie erreichten einen größeren Gang, des Wände teilweise aus alten Häuserfassaden bestanden. Weiter vorne war ein größeres Portal zu erkennen, welches in ein ehemals größeres Gebäude zu führen schien. Klar war nun ein rhythmischer Gesang zu hören, düster, getragen.
Beim näherkommen erkannte er, dass über dem Tor eine Hornisse auf den Stein gemalt worden war. Nicht sehr präzise, aber erkennbar.
Sie waren am Ziel. Ein kühler Luftstrom kam ihnen entgegen und ließ sie unangenehm frösteln.
Dank des Lärms konnten sie sich rasch voranbewegen, Wachen gab es hier keine.
Dennoch pirschten sie sich vorsichtig an den Eingang heran.
Ecuvaro und er spähten als Erste um die Strebepfeiler des Portalbogens herum.
Und Virgilio spürte, wie ihm alles Blut aus dem Gesicht wich.
Vor ihnen lag eine große halle, etwa fünfzig Schritte lang. An den Wänden waren fast verblasste Malereien zu erkennen, die einander überlagerten. Drunter auch Hornissen, aber auch andere Gestalten. Überschmiert war alles mit blutroten Symbolen, abstrakten Schriftzeichen und Glyphen.
Die Herkunft der Farbe war unschwer zu erraten. An eine Wand hingen an Gestellen vier grausam zugerichtete Leichen. Den verschmierten Fetzen an den geschundenen Leibern nach zu urteilen, waren diese Menschen Bettler gewesen.
Er erkannte aufgeschlitzte Bäuche, die Gedärme säuberlich in Mustern auf dem Boden ausgelegt.
Die toten Gesichter zeigten unvorstellbare Todesqualen. Unter den Leichen standen Schalen, in welchen wohl das Blut aufgefangen worden war.
Mühsam wandte Virgilio den Blick ab. Ecuvaro war ebenfalls blass, seine Hände ballten sich um den Griff seiner Waffe.
Sie sahen sich kurz an, dann ruckte Ecuvaros Kinn nach vorne.
Ihr Blick wandte sich wieder in die Halle.
Etwa dreißig Gestalten in roten Mänteln knieten am Boden, einem Podest zugewandt. Auf diesem Stand ein in Gold gewandeter Mann, den Rücken zu den anderen Anwesenden gekehrt. Aus einem Tongefäß auf dem Altar stieg Rauch auf, der Ritualleiter hantierte dort mit diversen Gegenständen.
Dies würde ihr Ziel sein. Ecuvaro hatte gemeint, die Magier könnten erst anhand von Artefakten, welche die Gruppe für ihre Rituale nutze, näheres zur verwendeten Magie sagen.
Ecuvaro bewegte sich vorwärts. Virgilio nickte den anderen zu.
Ecuvaros Klinge hatte zwei kleine, peitschende Bewegungen gemacht. Dies bedeutete: Es wurde ernst. Und es würde noch mehr Blut fließen.
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Beim ausatmen lies Ecuvaro jeden Gedanken los, der nicht mit dieser Situation zu tun hatte. Er drängte alle Erinnerungen und Unruhe zur Seite. Das eben Gesehen hatte ihn in die tiefsten Winkel seiner Seele erschüttert. Alte Bilder mischten sich mit neuen und er benötigte sämtliche Kraft seines Geistes. Sich wieder zu fokussieren.
Seine Augen wanderten den Weg ab, den er nun nehmen wollte, verinnerlichten jedes Detail der Umgebung. Alles andere verbannte er aus seinem Denken.
Er entspannte seinen Griff, die Waffen ruhten nun locker in seinen Händen.
Seichten Schrittes bewegte er sich vorwärts. Seine Mitstreiter bewegten sich ebenfalls schleichend aber zügig voran.
Der anhaltende Gesang erleichterte ihre Annäherung ungemein, auch, dass der Leiter dieses Rituals im Augenblick mit dem Rücken zu ihnen stand.
Sie erreichten die hintersten Linien der Betenden – und passierten sie unbehelligt.
Die Leute hatten ihre Augen geschlossen und schienen in ihrer geradezu religiösen Ekstase versunken zu sein.
Vorsichtig bewegten sie sich weiter. Je näher sie ohne bemerkt zu werden kamen, desto mehr Chaos würde ihre unweigerliche Entdeckung verursachen.
Sie konnten jeden Funken Überraschung gebrauchen, der sich irgendwie verursachen lies.
Verana schlängelte sich links von Ecuvaro wie eine Katze zwischen den Kultisten hindurch.
Kurz bevor er den Altar erreichte, geschah es.
Einer der Betenden war offenbar nicht gänzlich in Verzückung versunken und hatte sie – durch einen Luftzug oder eine versehentliche Berührung - bemerkt.

Er schrak auf und sein Blick traf den von Ecuvaro. Das Nächste und Letzte, was der Mann wahrnahm, war ein silbriges Blitzen.

Die Augen des Kultisen brachen und Ecuvaro zog den Parierdolch aus der Kehle des Mannes, stützte ihn mit dem anderen Arm ab und ließ ihn langsam zu Boden gleiten.
Die Anderen hatten alarmiert innegehalten, setzten sich nun aber wieder in Bewegung.
Als Ecuvaro die vorderste Reihe der Kultisten durchschritt, ertönten hinter ihm warnende Rufe, gefolgt von einem dumpfen Knirschen, als eine Klinge sich in den Nacken eines der Rufer grub.
Andere schrien ebenfalls auf, doch nun war es zu spät.
Der Mann auf dem Altarsockel wirbelte herum und Ecuvaro blickte in eine goldene, ausdruckslose Maske.
Sein Rapier fuhr nach oben und drang von unten in den Brustkorb des Mannes ein.
Dieser hatte just die Arme emporgerissen, gurgelte nun erstaunt und brach mit in die Höhe gereckten Armen zusammen.
Ecuvaro warf einen kurzen Blick nach hinten. Seine Mitstreiter hieben scheinbar wahllos in alle Richtungen um sich, bewegten sich in Wahrheit aber gezielt in einer Linie durch die Gruppe der Kultisten.
Sie ließen an mehreren Orten Panik ausbrechen und trieben die Menge somit auseinander. Einige der Kultisten wollten sie angreifen, mussten sich aber zunächst durch den Strom der Flüchtenden kämpfen.
Ecuvaro sprang auf den Altarsockel, trat einen anstürmenden Mann vor die Brust und damit von der Plattform runter und besah sich den Altar.
Ein Schädel aus Obsidian lag dort, zwei Schalen mit Flüssigkeiten gefüllt, einige aus Metall gefertigte Scheiben mit eingravierten Symbolen sowie diverse Edelsteine, die in einem komplexen Muster angeordnet waren.
Ein Dolch, ein Räuchergefäß und ein menschliches Herz befanden sich in der Mitte des Kreises.
Ecuvaro verzog angewidert das Gesicht, verlor aber keine Zeit.
Er riss den mitgebrachten Beutel vom Gürtel und schaufelte die Gegenstände hinein.
Hinter ihm erklang ein wütendes Brüllen.
Brüllend kam der Mann den Gang hinab auf ihn zugestürmt. Oder das, was einmal ein Mann und Soldat des Reiches gewesen war. Das Gesicht war eine grauenerregende Fratze mit zwei Mäulern, aus denen das wüste Geheul erklang und scharfe Zähne hervorblitzten. Die Arme waren widernatürlich lang und mit Klauen versehen. Ecuvaro stand erstarrt da. Er hob im Reflex sein Schwert, zu langsam. Morators warnender Ruf. „Ecuvaro.“
Das Bild verschwand von seinem inneren Auge.
Er befand sich in der Halle, die Kultisten, der Kampf. Keine Spur von Dämonen. Doch vor ihm ein Mann, der brüllend auf ihn zustürmte, ein Schwert schwingend.
„Ecuvaro.“ Virgilio warf sich in den Weg des Mannes und fing dessen Klinge ab, bevor sie seinen Freund treffen konnte. Daraufhin hieb der Kultist wütend auf ihn ein.
Ecuvaro fing sich endgültig, sprang vor und trieb die Spitze seines Rapiers in die Hüfte des Angreifers.
Dieser brach schreiend zusammen. Als er nach hinten blickte, sah er einen Mann und eine Frau mit Säbeln in der Hand auf ihn zustürmen.
Doch Verana und Irkar waren schon da und trieben sie zurück.
Die Kultisten hatten sich nun gefangen und erstaunlich schnell organisiert. Alle hatten nun Waffen in der Hand und drangen auf sie ein.
„Weg hier, zum Eingang.“ Ecuvaros Stimme übertönte die Kampfgeräusche. Seine Gruppe bewegte sich auf das Portal zu in einer Mischung aus laufen und kurzen Geplänkeln mit den Verfolgern, die immer dichter hinter ihnen her stürmten.
Innerlich fluchte Ecuvaro. Es würde knapp werden.
Dann tauchten vor ihnen Gestalten im Portal auf. Seine Gefährten hielten inne und bildeten einen losen Kreis. Sie saßen in der Falle.
Doch auch die Kultisten hielten inne.
Sie wirkten überrascht. Ecuvaro betrachtete die Neuankömmlinge genauer.
Er sah zunächst archaische Rüstungen. Ringpanzer, Lamellenpanzer wie aus Abbildungen alter Zeiten.
Etwa zehn solcher Gerüsteter standen dort, die Gesichter unter silbernen Masken verborgen, welche stilisierte Hornissen zeigten.
In den Händen kurze Schwerter und rechteckige, große Schilde.

Wie auf ein lautloses Kommando hin bewegten sich diese Kämpfer in zwei Gruppen um Ecuvaro und die seinen herum, jeweils eine Linie bildend. Die Kultisten hatten einen weiten Halbkreis geformt, um die ersten Angreifer zu umzingeln und schienen nun ratlos, was nun zu tun sei.
Ohne Vorwarnung fielen sie aus einem gleichmäßigen Schritt in einen Ansturm. Sie zischten und als die Luft durch die Öffnungen in den Masken drang, klang es wie das Brummen wütender Insekten.
Waffengeklirr und Schreie erklangen, als die beiden Gruppen aufeinanderprallten.
Ecuvaros Gruppe wurde völlig ignoriert. Diese ließ es sich die Chance nicht entgehen. Sie verschwanden in den Gängen der Katakomben und ließen den Kampf hinter sich. In der Halle entfaltete sich ein Blutbad an den Kultisten, wie Ecuvaro bei einem letzten Blick über die Schulter erkannte. Jedoch – auch wenn diese seltsamen Kämpfer keine Aggression gegen ihn und die seinen gezeigt hatten, hatte er nicht vor, es darauf ankommen zu lassen. Er dachte auf dem Weg nach draußen an di Aveccos Worte.
Es scheint, als hätte Shinxir noch Wächter.

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Ecuvaro trat an die frische Luft. Endlich. Er atmete tief durch. Die Luft in diesem Abschnitt der Katakomben und Höhlen war stets abgestanden und stickig. Und er fühlte sich unter Tage nie wirklich wohl.
Trotz aller Erfahrung hatten die Ihm die Erlebnisse des Abends und die Umgebung geradezu den Atem genommen. Er sah in den dunklen Nachthimmel auf, wo die Sterne nach der Dunkelheit der Höhlen besonders hell zu funkeln schienen. Phex, ich danke dir für deine schützende Hand in dieser Nacht.
Die Straße, auf der er stand, wurde lediglich von einigen Laternen erhellt, einige der wenigen Orte des nördlichen Teiles Vinsalts, der noch nicht völlig ausgeleuchtet war. Er zog sich die Krempe seines Hutes etwas weiter ins Gesicht und klappte den Kragen des Mantels hoch.
Zügigen Schrittes ging er in Richtung des Flusses. Virgilio hatte wie immer bei solchen Gelegenheiten einen kleinen Nachen organisiert, mit dem sie übersetzen würden. Abseits der Brücke und der Wächter.

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Gedankenversunken wanderte er durch kleinere Straßen und einige Gassen, er wollte die Hauptwege heute Abend vermeiden: Zu viele Gardisten und zudem gab irgendein reicher Händler anlässlich seiner Hochzeit ein Straßenfest. Sicher, er konnte im Gewühl untertauchen und auch war die Möglichkeit, dass er aufgehalten wurde gering, schließlich war er keine allzu auffällige Erscheinung. Doch an einem Abend, an dem alle feierten, fiel es vielleicht doch einem misstrauischen Gardisten auf, dass eine dunkle Gestalt sich den lustigen Haufen nicht anschloss.
Und bei all den Gegenständen, welche er bei sich trug, war es besser, jede Form der Aufmerksamkeit zu vermeiden.

Einige kleine Grüppchen Feiernder bewegte sich gemächlich hier und dorthin, fröhlich, heiter, ausgelassen. Ab und an kamen Handwerker oder Bedienstete vorbei, die nach getaner Arbeit heim wollten oder sich den Lustbarkeiten anschließen wollten.
Einige Bettler, Alte wie Kinder versuchten die Gunst der Stunde zu nutzen und den durch Wein und Fröhlichkeit möglicherweise gnädiger gestimmten Bürgern einige Münzen zu entlocken.
Doch insgesamt war es recht ruhig, von ferne klang der Lärm des großen Festes von den Hauptstraßen und Plätzen.
Diese eher abgelegene Straße war erfüllt von einer ruhigen Betriebsamkeit, welche Ecuvaro nach der Anspannung des Abends entspannen ließ. Wieder Kampf und Tod, wieder unübersichtliche und unsichere Bündnisse und Verbindungen. Und wir stellen gerade mal seit zwei Wochen Nachforschungen an. Die Chancen stehen gut, dass uns diese Beute den Kopf kostet. Wir sind einfach zu Wenige. Und ohne den Schutz der Organisation… Derlei in düstere Überlegungen um das Leben und die Wahrscheinlichkeit, es unversehrt weiterzuführen, versunken, bemerkte Ecuvaro erst gar nicht, dass er angesprochen wurde.
„Edler Herr?“, ertönte eine eine fast kindliche Stimme. Er schrak auf und sah sich um. Sofort hörte Ecuvaro die Spur Angst und den bittenden Charakter aus der Stimmer heraus. Als er nach rechts blickte, sah er ein junges, eigentlich recht hübsches Mädchen, wären da nicht der Schmutz im dunkelbraunen Haar, der halb verhungerte Anblick, ein ebenfalls verschmutze Kleid, welches derart zerrissen war, dass es Arme und Beine kaum noch richtig bedeckte. Wie alt war sie? Höchstens Vierzehn.
„Eine Münze vielleicht, Herr? Nur ein Kreuzer, damit Ich etwas essen kann?“

Flehende Augen, einen Funken Hoffnung ausstrahlend angesichts der Tatsache, dass er stehengeblieben war, wie er feststellen musste. Verdammt.
Er spürte, wie er sich schlagartig unwohl fühlte. Diese Bettlerkinder konnten verflixt aufdringlich werden, wenn man einmal stehengeblieben war. Aber abgesehen davon rührte ihn seltsamerweise dieser jammervolle Anblick an und das irritierte Ihn. Er sah fast täglich derartige Armut, hielt er sich doch zur Genüge in den miesesten und dunkelsten Winkeln Vinsalts auf und war seit langem dem Elend der Welt gegenüber abgehärtet, auch wenn es Ihn stets wieder berührte.
Ich werde alt - und unaufmerksam. Ein kleines Mädchen schafft es, mich aus der Fassung zu bringen. Du bist ein toller Kämpfer wieder das Verbrechen, Ecuvaro.

„Herr, was…?“
Er zuckte zusammen. Er hatte sich seit mehreren Sekunden nicht gerührt und sie einfach nur angestarrt. Verflucht, bei allen Heiligen, reiß dich zusammen, Kerl!
Bevor er aber irgendetwas tun oder sagen konnte, war das Mädchen näher getreten und sprach weiter.
„Verstehe Ich Herr, Ihr wollt etwas für eure Münzen. Bitte…solang es für eine Mahlzeit reicht… .“ Die Stimme klang oberflächlich fest, doch hörte er das Zittern, die Angst und Resignation darin.
Sie hatte das ohnehin zerschlissene Kleid an Brust und Schenkeln etwas angehoben, die Finger verkrampft im abgewetzten Stoff. Ecuvaro stand mit einem Mal wie versteinert da. Sie hatte Ihn völlig überrumpelt. Seine Gedanken rasten. Er sah die blauen Flecke und kleinen Wunden an Ihrem ganzen Leib, die angstvollen Augen, die Verzweiflung, das Zittern des jungen Körpers. Ihm wurde schlagartig übel, als er begriff, dass sie das nicht zum ersten Mal tat. Und was ihr bereits alles angetan worden war.So verzweifelt und hungrig, dass sie alles tut für eine Kruste trockenen Brotes. Alleine auf der Straße, hilflos jedem ausgeliefert, der skrupellos und für ein paar lausige Kreuzer sein perverses Verlangen befriedigen wollte. Wo würde sie enden? Ausgelaugt und zerbrochen bevor sie erwachsen wird. Eines Tages wird sie tot im Yaquir treiben oder in den Katakomben enden. Seine Brust verkrampfte, ein stechender Schmerz pochte darin. Er musste fast würgen, so übel war ihm, als er an die leblosen, geschändeten Leiber in der Kulthöhle denken musste. Wofür werden die Armen dieser Stadt noch alles missbraucht? Wer spielt noch mit Ihnen im Wahnsinn dieser Zeit?

Er sah in ihre dunklen, tränen verhangenen Augen, die sie resigniert niederschlug, als sie zu verstehen meinte, dass wieder einmal sie der Preis für einen halbwegs gefüllten Magen war.
Als sie ihn mit dem Kopf in Richtung einer schmalen Gasse nickend aufforderte, ihr zu folgen und mit gesenktem Haupt voranging, folgte er Ihr, fasste er einen Entschluss. Er öffnete seinen Mantel und griff in das Revers.

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Sie ging etwas schneller. Sie wusste, die Herren wollten sie nicht auf offener Straße neben sich haben. Näher kamen sie erst in der Dunkelheit der Gasse. Und mit ihnen der Schmerz.
Sie presste die Lippen zusammen und betete zu den Göttern, dass es diesmal nicht so schlimm werden würde.
Kurz nach dem Eintauchen in die Gasse blieb der Mann hinter dem Eingang zu der schmalen Schlucht zwischen den Häusern, stehen, die Hände im Mantel verborgen. Reglos stand er da und sah sie an. Sie wusste es, auch wenn sie die Augen nicht sah. Sie bemühte sich ihr Zittern zu unterdrücken und machte einen Schritt auf Ihn zu. „Herr, ich verstehe, was Ihr wo… .“ begann sie zu reden, als der Mantel sich öffnete und der Mann die Hände hob. Ihre Augen wurden weit, Ihr Mund trocken. Und sie wurde ruhig. Wärme breitete sich in ihr aus.

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Ecuvaro erhob sich und schloss den Mantel. Ihm war kalt. Er fühlte sich leer, Übelkeit ließ seinen Bauch verkrampfen. Schweren Schrittes ging er davon, ohne einen weiteren Blick auf die reglose Gestalt am Boden und den kleinen Stoffbeutel in Ihren Händen zu werfen. Er würde es nicht ertragen.




Später saß er auf einem Schemel an seinem Kamin. Mit blutunterlaufenen Augen stierte er in das Feuer, die Regungslosigkeit nur unterbrochen, wenn eine Hand die Flasche mit starkem Branntwein an die Lippen führte. Was für eine von den Göttern verfluchte Welt. Was für ein dämonengeplagtes Leben. Wenn Gnade und Erbarmen bedeutet, Grausamkeit zu üben.
Schließlich schlief er ein, der Hand entglitt die Flasche und der letzte Rest des Alkohols floss langsam über sein Hemd. Bevor er endlich einschlief, war das letzte Bild vor seinem inneren Auge das des Mädchens in der dunklen Gasse, welches ihn mit einem traurigen Blick voller Dankbarkeit anblickte.

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„So eine Sauerei.“
„Da habt Ihr ohne Zweifel recht.“, antwortete eine gelassene Stimme, geradezu im Plauderton. Corporal Verdetti drehte den Kopf und sah, das neben Ihm ein in Roben gekleideter Mann Mitte zwanzig erschienen war.
„Adeptus ya Ferannza, habt dank für euer schnelles Kommen.“
Der Magier nickte.
„Meine Verehrung Corporal, Ich bin wie versprochen da, um euch bei diesen…delikaten Ermittlungen zu helfen. Wobei delikat hier zweifellos nicht im kulinarischen Sinne zu verstehen ist.“, amüsiert lachte der Magier auf. Verdetti verzog angewidert das Gesicht. Die Magier des Instituto Anatomica waren für Ihren makabren Humor und Ihre Abgebrühtheit berühmt und berüchtigt. Und dazu leider auch noch die fähigsten Ärzte und Anatomen weit und breit, was sie unentbehrlich machte in Fällen wie diesen. Leider. Und arrogant noch dazu…na gut, machen wir gute Miene…
Er schluckte seinen Ekel runter und deutet auf den Leichnam.
„Ich danke euch für euer rasches Erscheinen. Wenn ich bitten dürfte?“
Der Magus trat näher an die Gestalt, die auf dem Rücken im Dreck der Gasse lag. Er kniete sich hin und begutachtete sie eine Weile. Ohne eine Miene zu verziehen, hob er das Kleid an, tastete über die Haut der Leiche. Überall. Verdetti bemerkte, wie der Gardist neben Ihm etwas würgte. Sie waren einiges gewohnt. Aber so kaltblütig an einen Toten heranzugehen war etwas anderes…
„Interessante Haltung für einen Mord. Vermutet ihr einen Ritualmord?“
Verdetti schüttelte den Kopf. „Nein, diesmal nichts deutet darauf hin.“
Der Magier hob fragend die Augenbrauen.
„Die Leiche liegt auf dem Rücken, Beine gerade, Augen offensichtlich nach dem Tode zugedrückt, die Hände sauber über der Brust gefaltet, wie zum Begräbnis bereit gemacht und Ihr meint, hier hätte keine Ritus einen Anteil? Soweit Ich weiß, gab es bei allen Toten, welche Ihr in der letzten Zeit gefunden habt, sehr viele Ähnlichkeiten in der Körperhaltung, oder?“
Verdetti nickte. „In der Tat. Doch dieser Mord hier hat nichts mit diesen anderen Fällen gemein. Aber Ihr sagtet ein passendes Wort: bereit zum Begräbnis. Hier, das steckte zwischen den Händen.“
Er reichte dem Magus einen braunen Beutel, in dem einige Münzen klimperten und an dessen Band ein Stück Papier befestigt war. In eckigen aber sauber gezeichneten Buchstaben stand dort: „Für das Grab der Geschundenen und Gebet für die arme Seele. Der Rest sei euer Lohn für eure Mühen. Mögen die Götter euch segnen.“

Der Magus blickte überrascht auf den Leichnam hinab. „Seltsam.“
Verdetti schnaubte: „In der Tat. Könnt Ihr sagen, ob außer der tödlichen Verletzung weitere Gewalt an dem Opfer verübt wurde?“
Der Magus nickte. „Wurde in der Tat, aber nicht in den letzten Tagen. Alle Verletzungen außer der, welche den Tod herbeiführte, sind schon im Heilungsprozess begriffen gewesen.“
„Dann gab es also wenigstens kein Leiden vor dem Tod.“
Ya Ferannza nickte abermals. Die anfängliche Heiterkeit war tiefem Ernst und Nachdenklichkeit gewichen. Beide blickten auf das junge Mädchen herab, das vor Ihnen im Dreck der Gasse lag. Das zerschlissene Kleid sauber um den Körper gewickelt, nur dort verrutscht, wo der Magus seine Untersuchungen vorgenommen hatte. Die schmalen, wunden Hände über dem Herzen gefaltet. Der friedliche Ausdruck des Gesichtes wurde nur gestört durch das kleine, kreisrunde Loch in Ihrer Stirn und dem Blut, dass durch das Haar geflossen war.
Wenigstens hatte sie nicht gelitten.

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Der Karren mit der Toten auf der Ladefläche bewegte sich in Richtung der Akademie, wo er weiter untersucht werden sollte,
Der Magus und Verdetti gingen nebeneinander hinterher und sprachen über den Mordfall.
„Warum ermordet jemand ein Straßenkind und hinterlässt dann Geld und die Bitte, für ein vernünftiges Begräbnis zu sorgen?“
Verdetti rieb sich das Kinn.
„Ich habe keine Ahnung, Ferannza. Es ist das erste Mal, dass ich derartiges erlebe.“
Sie verstummten und dachten nach. Der Gardist Lario erschien neben Ihnen.
„Verzeiht, Corporal.“
„Ja Lario?“
„Ich kannte die Tote, Corporal.“
Verdetti bedeutete dem Gardisten, fortzufahren. Ya Ferranza merkte ebenfalls auf.
„Wir haben das Mädchen mehrmals aus den Straßen um den Fundort vertrieben, als sie ehrbare Bürger anbettelte und sich ihnen gar anbot, um etwas zu essen zu bekommen. Sie trieb sich öfter dort herum.“
Verdetti verspürte Traurigkeit. Sie war also eines dieser armen, verzweifelten Dinger gewesen. Zugleich wurde er wütend. Wer erschoss so ein ohnehin schon geplagtes Kind einfach so?
Er äußerte dies laut.
Ya Ferannza blickte nachdenklich auf den Karren vor Ihnen.
„Ein Mord aus Erbarmen vielleicht?“ Verdetti fuhr auf. „WAS? Seid Ihr von Sinnen?“
Der Magus blieb gelassen.

„Corporal, die Morde die Ihr untersucht, und dieser Fall insbesondere, interessieren mich. Ich würde euch gerne weiter helfen. Braucht Ihr mich, so lasst mich rufen.“ … „eine einmalige Gelegenheit, außergewöhnliche anatomische Studien zu betreiben und eine Arbeit über kriminalistische Anatomie in Verbindung mit Ritualmorden zu erstellen.“ Setze der Magier nach und zerstörte damit den kurzen, positiven Eindruck, den Verdetti eben noch von dem Magus aufgebaut hatte, als dieser seine Hilfe anbot. Einen Moment hatte er gedacht, der Magier würde aus moralischen Beweggründen seine Mitarbeit anbieten.
Verdetti atmete langsam aus.
„ich werde euch benachrichtigen lassen, sobald es nötig sein sollte.“

Und geben die Götter, dass es möglichst nicht der Fall sein wird.
Doch er ahnte, das die Geschichte noch lange nicht beendet war.

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Amlilian nahm die leere Flasche aus der Hand seines Herrn, bevor er eine Decke über die zusammengesunkene Gestalt im Sessel breitete, und noch einen Scheit in den Kamin legte. Unter normalen Umständen wäre sein Herr aus dem Schlaf aufgeschreckt, mit einer Hand am Dolch.
Doch er reagierte nicht einmal.
Die Hände verkrampften sich im Schlaf, das Gesicht wirkte eingefallen und älter, als der Herr war.
Der Diener sorgte sich. Was immer geschehen sein mochte, es hatte den Zustand Ecuvaros nicht verbessert.
Er wandte sich zu der Gestalt um, die hinter ihm an den Türrahmen gelehnt stand.
„Ich fürchte, der Herr ist heute indisponiert.“
Ein belustigtes Schnauben erklang. „Dezent wie stets ausgedrückt, mein Guter.“ antwortete eine tiefe, sonore Stimme.
„Lasst ihn also schlafen. Wir werden ihn schon wieder aufrichten. Es scheint, als wäre dies ein guter Zeitpunkt für eine Rückkehr.“
Der Diener verneigte sich leicht.
„Wenn ich mir erlauben darf, dies zu sagen: Es ist in der Tat gut, dass ihr wieder da seid. Ich fürchte, seine Wohlgeboren kämpft mit alten und neuen Schatten, die ihn zu verschlingen drohen.“
Einige Momente der Stille folgten, in denen der Mann in der Tür den Schlafenden betrachtete.
„Amlilian, du magst Recht haben. Komm, lass uns auch ruhen – wenn die Schatten so gewaltig sind, werden auch wir unsere Kräfte benötigen.“
Kurz darauf schloss sich die Tür. Ecuvaro regte sich kurz und murmelte etwas. Das Feuer brannte langsam herunter und tauchte das Zimmer in immer tiefere Schatten.
 
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