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Todumringtes Leben

von Cathair
Kurzbeschreibung
GeschichteFantasy / P18 / Gen
08.02.2017
23.05.2018
4
16.623
2
Alle Kapitel
7 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
10.05.2018 4.481
 
Pfüüüh. Ich hätte nicht gedacht, dass es wieder solange dauert. Das RL schlägt immer dann zu, wenn man es nicht erwartet.
Arbeit, die holde Gattin, der Frühling mit Bauprojekten im Haus...und wenn dann mal Zeit zur Muße ist, hat man keine Lust oder keine Ideen - und das tiefe Bedürfnis, sich auf die Liege in der Sonne zu lümmeln, mit einem kühlen Blonden in der Hand.
Doch nun endlich ist es da, das dritte Kapitel. Und das vierte liegt auch schon in den vorletzten Zügen.
Entschuldigt die lange Wartezeit und viel Spaß beim Lesen:) Natürlich freut sich der faule, räudige Autor auch über Rückmeldungen, Anregungen und schleimerische Kommentare, notwendigerweise auch über Kritik, auf dass sein Ego je nachdem getätschelt oder in die Tonne getreten werde.

Lieben Gruß,
Cathair

Edit: Einige Rechtschreibfehler/Wortwiederholungen. Wozu hat man eigentlich ein Korrekturprogramm, wenn das Ding nix findet...? Und man selbst überliest irgendwann auch ein paar Dinge:)

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Die Weisen sagen, unser Leid und unser Schmerz kämen nie aus den Hier und Jetzt, sondern stets aus der Vergangenheit. Wer sie festhalte, würde Schmerzen fühlen und wer nur an die Zukunft denkt, würde nichts als Sorgen erfahren.
Denn die Vergangenheit ist nicht zu ändern und die Zukunft unvorhersehbar. Alles was bleibt, ist der Augenblick, in dem wir jetzt gerade sind – und ihn sollten wir leben, genießen, erfahren mit vollem Bewusstsein.
Doch den alten Schmerz loslassen ist nicht leicht – selbst die Weisen sagen, leicht wäre es nur, wenn man Übung darin hätte.
Ich habe diese Übung nicht. Ich habe viele Dinge gelehrt bekommen doch der Umgang mit alten Alpträumen war nicht dabei.


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Virgilio dankte Phex still für dessen Schutz. Er musste unbedingt daran denken, Morgen ein kleines Dankesopfer im Tempel zu bringen.
Es stand sonst zu befürchten, dass er heute sein ganzes Glück für die nächsten Jahre auf einmal verbrauchte!
Einen Augenblick länger auf dem Wagen und der Fuhrmann und seine Helfer hätten ihn entdeckt, wenn sie das Fuhrwerk  entladen hätten.
Nun verharrte er Regungslos in seinem Versteck und wartete.

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Almentor führte ihn in die Tiefen der Akademie. In einem der Räume der Katakomben, kahl bis auf einige Laternen an den Wänden, beugte sich ein junger Magus über einen steinernen Tisch, auf dem ein Körper aufgebahrt lag.
Schon am Geruch, der in der Luft lag war zu erkennen, dass der Körper geöffnet sein musste.
Tatsächlich lagen auf einem kleineren Tisch diverse Utensilien – zu Ecuvaros Verwunderung jedoch ohne Blut daran.
Weiterhin erstaunte ihn die Anwesenheit eines Corporals der Stadtwache, der grimmig schauend dastand und sie kaum eines Blickes würdigte. Seine ganze Aufmerksamkeit galt dem Magus, welcher den Leichnam untersuchte.
Almentor räusperte sich, worauf beide Männer ihnen die Aufmerksamkeit zuwandten.
„Ecuvaro, ich darf vorstellen: Corporal Verdetti, Adeptus Major ya Ferannza, meine Herren: Esquirio Ecuvaro ya Lavero.“
Die Männer verneigten sich kurz voreinander.
Ecuvaro betrachtete die Beiden.
Der Magus war noch recht jung, wirkte sehr neugierig, sein Blick jedoch hatte eine Tiefe, die darauf hinwies, dass er keineswegs naiv war.
Der Corporal, obwohl scheinbar erst Anfang dreißig, wirkte wie ein alter Haudegen. Vor allem schien er gedrückter Stimmung zu sein. Tiefe Augenringe und seine angespannte Haltung zeugten von großem Stress.
Almentor sprach weiter.
„Meine Herren, ich habe Wohlgeboren ya Lavero hierher gebracht, weil ich glaube, dass ihr einander sehr nützlich sein könntet. Er besitzt gewisse Erfahrungen, die eure Sache.“ Er nickte dem Corporal zu. „sicherlich erhellen können. Ecuvaro, ich darf dir zeigen und erläutern, was hier vor sich geht“

Er führte Ecuvaro an den Tisch mit dem Leichnam heran. Ecuvaro erkannte nun, was mit dem Leichnam geschehen war. Und warum das Besteck des Magus kein Blut anhaften hatte. Der männliche Körper war bereits vor seinem Tode ausgeweidet worden. Die inneren Organe lagen in einigen Schalen auf der anderen Seite des Tisches, der Körper selbst war leer.
Er spürte eine leichte Übelkeit. Er war an derartige Anblicke gewöhnt, jedoch wirkte das ganze überaus skurril.
„Corporal, darf ich euch um eine kurze Erläuterung der aktuellen Geschehnisse sowie der Umstände des Leichenfundes bitten?“
Auf die Frage des Magisters hin trat der Angesprochene mit an den Tisch. Er vermied es, den Toten anzusehen und blickte Ecuvaro direkt an. Es war ein ehrlicher, aber auch misstrauischer Blick.
„Seit einiger Zeit, will heißen seit knapp drei Monden, finden wir jede Woche eine derart zugerichtete Leiche. Es begann mit dem Neumond vor drei Monden, seitdem gibt es exakt jeden siebten Tag eine Leiche. Jedes Mal wird aus ihrem Darm ein Kreis um sie gelegt, diverse, offenbar magische, Zeichen mit Blut um diesen herum geschrieben und die Organe liegen auf bestimmten Zeichen. Je nach Mondphase gibt es eine andere Konstellation, die sich alle vier Wochen wiederholt. Doch dazu kann euch der Magier sicher mehr erläutern. Wir haben bislang keinerlei Hinweise auf Täter und Hintergründe. Keine Zeugen, nichts. Die Leichen werden stets an einem Anderen Ort gefunden. Auf Hinterhöfen, Straßen – mitten in der Stadt, aber immer abseits von Tempeln.“

Ecuvaros Gedanken begannen zu wirbeln.
Er musste seine ganze Kraft zusammen nehmen, nicht in den Erinnerungen zu versinken, die ihm das, was er hier sah, in ähnlicher Weise an einem ganz anderen Ort zeigten.
Er konzentrierte sich auf das Hier und Jetzt.
Mit der Stadtwache zusammenzuarbeiten konnte riskant sein, konnte aber auch von Nutzen sein. Vinsalt war groß und trotz all seiner Informanten konnte er nicht alles im Blick haben.
Ich muss die Vorteile der Situation nutzen, ohne Allzu viel von mir preiszugeben.
Allerdings hätte Almentor ihn nicht mit diesen Männern bekannt gemacht, wenn er ihnen nicht vertrauen würde.
Der Corporal sah ihn prüfend an.
„Verzeiht Wohlgeboren ya Lavero, aber darf ich Euch fragen, in welcher Weise ihr mir helfen könnt?
Ecuvaro musterte weiterhin die Leiche.
„Lasst es mich so sagen. Ich sehe das hier nicht zum ersten Mal.“

Ein kurzer Blick zu Almentor brachte ihm ein aufforderndes Nicken ein. „Im Zusammenwirken mit Magister Almentor untersuche ich diverse kleinere Kultgruppen, die sich in Vinsalt, aber auch anderen Städten in den letzten Monden umtriebig zeigen.
Sie befassen sich mit düsteren magischen Ritualen oder dem, was sie dafür halten. Die Meisten sind harmlos doch es scheint den einen oder anderem Zirkel zu geben, der weit über die Grenzen der üblichen Zirkel hinausgeht, die von gelangweilten Mitgliedern der oberen Schichten zum Zeitvertreib gegründet werden.
Es ist möglich, dass ihr es mit den Opfern einer dieser Gruppen zu tun habt.“

Der Corporal blickte ihn ausdruckslos an. Er überlegte eine Weile.
„Ich werde nicht fragen, in wessen Auftrag ihr arbeitet. Ich gehe auch davon aus, dass ihr mir derzeit, da wir uns kaum kennen, mehr über Euch oder das, was ihr wisst, erzählen werdet. Jedoch möchte ich  - bei allem gebührendem Respekt - klarstellen, dass mir die Aufklärung dieser Fälle nicht einfach aus der Hand nehmen lassen kann.  Ich hoffe daher, dass wir einen Weg der gegenseitigen Hilfe finden können. Wie, meint ihr, kann ich euch helfen – und was könnt ihr mir anbieten?“


Almentor und Ecuvaro lächelten sich kurz an. Der Magus hatte wahrlich eine gute Menschenkenntnis. Der Corporal war ein starker Charakter. Integer, offen aber auch schlau. Er hatte sofort die Situation erfasst.
„Nun Corporal. Ich stelle es mir fürs Erste folgendermaßen vor: Ihr gebt mir eure Aufzeichnungen über die bisherigen Morde, ich euch einige Informationen über gewisse frühere Ereignisse. Ebenso erhalten Magister Almentor und sein Collegae hier die entsprechenden Unterlagen. So können wir unser Wissen zunächst einmal abgleichen.
Weiterhin werde ich euch Informationen über die besagten Zirkel geben, sodass wir sie gemeinsam beobachten können.
Zudem möchte ich euch einige meiner Mitarbeiter vorstellen, damit ihr sie als vertrauenswürdige Boten erkennt, sollte es nötig sein. Ich bitte Euch allerdings, die verschiedenen Kulte vorerst in Ruhe zu lassen. Wollen wir die eigentlichen Täter finden, dürfen wir sie nicht aufschrecken, indem wir anfangen, Leute offen zu befragen oder zu verhaften.
Und ich denke, auch Magister Almentor wird Euch mit meiner Zustimmung noch einige Dinge zum Thema der Magie erklären können.“

Verdetti dachte nach. Dann seufzte er. „Ihr versteht sicherlich, dass mir die Situation keineswegs behagt. Jedoch erkenne auch ich die Grenzen meiner Truppe. Und ich vertraue Euch, da der Magister Euch vertraut. Dann verbleiben wir dabei. Was das Kennen lernen eurer Leute angeht – dies hier ist ein sicherer Ort, anders als unser Wachhaus. Morgen Mittag, wieder hier?“

Der Mann gefiel ihm. Er würde in der Wache sicherlich noch weit aufsteigen, wenn er so weitermachte. Zudem machte er nicht viele Worte und blieb beim Wesentlichen. Ecuvaro bot ihm die Hand.
„Es wird mir ein Vergnügen sein, mit Euch zusammenzuarbeiten, Corporal. Befreien wir unsere schöne Stadt von diesem Übel.“
Er sah, dass er die richtigen Worte gefunden hatte.
Der Corporal nickte grimmig, aber seinem Blick sah man an, dass er ebenso Patriot der Stadt war, wie Ecuvaro es zu sein vorgab.


Die Männer hatten den Wagen abgeladen und waren nicht wiedergekommen. Virgilio hatte sich bei einer günstigen Gelegenheit ein neues Versteck gesucht. Der Keller eines der Gebäude verfügte über Lichtschächte nach Außen. Sie waren an beiden Enden mit einem Gitter versehen. Das war eine neuartige Bauweise, die ihm nun zugute kam. Da es ohnehin langsam dämmerte und es hier im Hof nicht allzu viel Lichteinfall gab, würde es kaum auffallen, dass er sich in einen dieser Schächte gezwängt hatte. Das obere Gitter lag nur lose auf, da man den Schacht bei Bedarf reinigen musste.
Also hatte er dieses angehoben, sich – mit einigen Verrenkungen – hinein geschoben und das Gitter wieder aufgelegt. Er konnte zwar nicht viel sehen, jedoch konnte er lauschen und auf den Einbruch der Dunkelheit warten.

Am liebsten würde er seinen Freund observieren und im Zaum halten. Denn dieser bereitete Ihm derzeit mehr Sorgen als irgendwelche vor sich hin intrigierenden Geheimzirkel.

Der allgemeine Zustand seines Mitstreiters ließ zu wünschen übrig, geistig aber auch körperlich.
Wenn er nur wüsste, was Ihn bewegte. Aber er redete kaum, gab nur Andeutungen.
Er ist ein zehnmal versiegeltes Buch! Wenn er sich nicht fängt, gefährdet das unsere ganze Arbeit.
Aber er kam momentan nicht an Ihn heran. Er musste einen Weg finden
Es würde nichts einfacher werden – nur komplizierter.

Er schreckte aus seinen Gedanken auf, als er Schritte näher komme hörte. Eilig.
Eine Tür öffnete sich und Jemand trat heraus. Eine harsche Frauenstimme erklang.
“Valgir, was treibst du hier um diese Zeit? Das ist gefährlich.“
Ein Mann antwortete mit heiserer Stimme.
“Ich weiß, aber es ist dringend. Die Magier der Akademie wurden von der Stadtwache einbezogen. ER hat uns zusammengerufen. Es gibt ein großes Ritual. Heute Nacht. Mit Opfer. Du sollst alles vorbereiten, es soll der alte Tempel der Hornisse sein.“
Virgilio hörte ein überraschtes Schnauben.
“Die Magier? Das war zu befürchten, aber so früh? Nun gut, richte dem Erhabenen aus, alles wird bereit sein. Was soll das für ein Ritual werden? Wie letztes Mal? Du weißt, einige Dinge sind schwer zu beschaffen in so kurzer Zeit…“
“Neinnein, etwas anderes, größer. Es soll genug Kraft für einen mächtigen Zauber zusammenkommen. Der Erhabene schickt seinen zweiten Priester, um es zu leiten. Das Opfer ist schon gewählt, er kümmert sich persönlich darum.“
Kurze Stille folgte, dann kam die ehrfürchtige Frage der Frau. „Der Meister selbst? Welche Ehre! Es muss etwas wahrhaft Großes sein. Wir werden bereit sein, um alle Kraft zu sammeln, die er benötigt. Möge das Licht Alramans uns erleuchten.“
“Möge er unsere Wege führen. Seht zu, dass ihr bis zum Torschluss über die Brücke seit.“
Der Mann entfernte sich und die Tür schlug zu.
Auf einmal war Virgilio sehr unruhig. Er hatte das unbestimmte Gefühl, dass hier gleich sehr viel Aktivität ausbrechen würde. Und er musste dringend zu Ecuvaro, sie mussten handeln.
Er überlegte kurz, ob er ungesehen aus dem Hof herauskommen würde. Doch dies verwarf er. Das Tor war von allen Fenstern im Hof einsehbar. Er musste einen anderen Weg finden.

Im fiel etwas ein. Vorsichtig schob er den Kopf nach oben. Schräg vor ihm ragte eine der modernen Abwasseröffnungen aus der Gebäudewand. Das Wasser floss von dort in eine Öffnung, die zur Kanalisation führte. Mit etwas Glück, würde er hier unbemerkt rauskommen – auch wenn er danach neue Kleider würde kaufen müssen.
Leise seufzend stemmte Virgilio das Gitter des Lichtschachtes auf. Phex, wenn du jetzt noch einmal mit mir bist, funkeln morgen so einige goldene Münzen auf deinem Altar…



Ecuvaro hatte einen Plan der Stadt auf Almentors Schreibtisch ausgebreitet. Der Corporal hatte sich verabschiedet, nachdem er ihnen noch die Fundorte der Leichen genannt hatte.
Diese trugen sie nun auf der Karte ein.
“Ecuvaro, was willst du ihm alles sagen?“
“Soviel wie nötig, um ihn bei der Stange zu halten. Die frühen Legenden und Geschichten um Alraman, einige der harmlosen Kulte. So ist er beschäftigt und behindert uns nicht.“
Der Magus schmunzelte. „Und für einen Moment habe ich tatsächlich gedacht, du würdest  mit ihm zusammenarbeiten. Ich sollte dich eigentlich besser kennen…“
“Oh, ich werde mit ihm arbeiten. Aber jetzt ist es noch zu früh. Er ist ein guter Mann, aber er muss erst an diese Dinge herangeführt werden. Was ist mit Moragon?“
“Der lässt auf sich warten, wie so oft. Weiß Hesinde, wo er wieder steckt…“

Sie konzentrierten sich wieder auf den Stadtplan.
“Diese Orte befinden sich alle in der Nähe zu Einstiegen in die Katakomben. Man kommt an allen Stellen in die Ebene aus den frühesten Tagen. Nicht einmal Niams Banden gehen dort hinein. Aber die Meisten dieser Eingänge stehen unter Niams Einfluss oder dem anderer Banden. Entweder, die sind da mit eingebunden oder die Kulte nutzen bislang unbekannte Eingänge.“
Almentor runzelte die Stirn. „Mit Niam ist nicht zu spaßen. Allerdings kann ich mir auch nicht vorstellen, dass sie damit zu tun hat. Sie würde nie etwas Derartiges neben sich dulden.“

„Da wirst du Recht haben.“
Niam von Bosparan, wie sie genannt wurde, war – soviel hatten sie herausfinden können – eine magiebegabte Königin der Unterwelt.
Fast jeder Dieb, Mörder oder andere Halunke, den sie mal mehr, mal weniger höflich befragt hatten, hatte sich geweigert, schlecht über die Frau zu reden oder etwas über sie zu verraten. Sie schien einen großen Teil der Unterwelt zu beherrschen. Ob sie eine gefallene Magierin oder gar eine Hexe war, wussten sie daher noch nicht.
Was sie herausgefunden hatten, war, dass diese Dame keine Konkurrenz duldete. Sie würde solch einem Kult entweder selbst vorstehen oder ihn, sollte er zu mächtig werden,  gnadenlos auslöschen.
Wenn dieser Kult also so offensichtlich in der Unterwelt agierte, musste er bereits mit Macht in Vinsalt angekommen sein – eine Tatsache, die zutiefst beunruhigend war. Der Zirkel in Vinsalt war also nicht einfach hier entstanden, sondern vermutlich gezielt von Außen gefördert und mit einer bereits vorhandenen Infrastruktur unterstützt worden.

Ecuvaro rieb sich die Schläfen. „Wenn wir nur wüssten, wo wir sie als nächstes finden. Wenn sie schon solange morden, bereiten sie nach und nach etwas vor. Ich möchte ungern warten, bis sie es vollenden. Du weißt, was letztes Mal das Ziel war. Wissen die Götter, was es diesmal ist.“
Der Magier nickte betrübt.
“Nach dem Bürgerkrieg ist etwas Derartiges das Letzte, was das Reich gebrauchen kann.“

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Irgendwo in der Kanalisation Vinsalts plumpste Jemand in das langsam fließende Wasser. Ein herzhafter Fluch ertönte, der manch wohlerzogene Dame und die Kavaliere der Gesellschaft hätte erröten lassen.
Kurz darauf stapfte dieser Jemand durch das stinkende Gewässer davon, leise vor sich hin schimpfend. Es ging um ruinierte Kleider und die Sehnsucht nach einem heißen Bad.

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Ecuvaro wollte gerade die Karte einrollen, als ya Farrennze hereinkam.
“Meister, Esquirio – da ist Jemand, der euch sprechen möchte. Der Torwächter wollte ihn nicht hereinlassen, jedoch entnahm ich den Worten des Herren, dass es dringlich sei und ahnte, es habe mit unserer aktuellen Angelegenheit zu tun…“
Während er sprach, machte er Platz und Virgilio schoss, begleitet von einer Wolke fauligen Geruches, herein.
Seine Kleidung hatte eine graubraune Färbung angenommen und war feucht, ebenso wie das Haar des Mannes. Der junge Magus verabschiedete sich mit blassem Gesicht und eilte davon.

„Meine Güte, Virgilio, woher kommst du denn? Was ist passiert?“
“Aus der vermaledeiten Kloake komme ich.“ Schnaufte der Angesprochene.
Er atmete tief durch. „Und nun lass uns nicht unnütz herumreden. Stell mich vor und dann habe ich Wichtiges zu sagen. Aber zuerst wird es hier doch wohl einen Schluck Wein geben. Ich muss einige Dinge vergessen…“
Ecuvaro reichte ihm einen Krug und einen Becher.
“Almentor, ich darf dir Virgilio ya Geroni vorstellen. Mein Freund und Vertrauter.“

Die beiden Männer nickten sich kurz zu. Virgilio leerte den Becher in einem Zug.
“Bevor du dich besäufst – was ist denn eigentlich los?“

Zunächst ließ sich der Neuankömmling samt seiner Duftwolke auf einen Schemel sinken.
“Ich habe vorhin wie besprochen die Werkstätten der Feinmechaniker ausgekundschaftet. Phex war mit mir und ich habe ein Gespräch mitbekommen: Der Zirkel hat Wind davon bekommen, dass Magier mit in die Untersuchungen der Stadtwache einbezogen werden. Sie wollen noch heute Nacht ein größeres Ritual „mit Opfer“ durchführen.
Es war die Rede von einem Erhabenen, der sich um das Opfer kümmert – sprich, wohl ein weiterer Ritualmord – und um einen Priester, der eine Zeremonie leiten soll. Bei dieser soll Kraft gesammelt werden und sie findet im alten Tempel der Hornisse statt, was auch immer das sein soll.“
Virgilio blickte an sich herunter.
“Rausgekommen bin ich durch die Kanalisation. Just, als ich reinkletterte haben die einen Schwall Abwasser rausgelassen….“
Ecuvaro konnte sich trotz der plötzlich ansteigenden Anspannung in ihm ein leichtes Grinsen nicht verkneifen.
“Risiken und Unwägbarkeiten unseres Berufes, mein Freund…“
Das Ziel des Spottes warf ihm einen mörderischen Blick zu und pflückte sich etwas aus der Kleidung, was verdächtig nach einem abgenagten Hühnerknochen aussah.

Doch die Situation war zu ernst, um lange zu scherzen. Es kam überrumpelnd. Auf der einen Seite war Phex ihnen offenbar gnädig gesonnen. Auf der anderen Seite hatten sie kaum Zeit zum handeln.
“Almentor, Hornisse, Tempel, irgendwelche Ideen? Virgilio: Wir brauchen alle verfügbaren Leute. Auch die Neuen. Wir wissen nicht mit wem, wo und wie vielen wir es zu tun kriegen werden.“
Beide Männer nickten.
Sie sahen alle auf den Stadtplan.
“Ich habe keine Ahnung, was einen Tempel der Hornisse oder einen Hornissentempel angeht. Insektoide…ich weiß, dass es vor Urzeiten derartige Kulte gab, welche Insektoide verehrten. Aber die Hornisse…oder ähnliche Wesen…nein, verzeiht, aus dem Stehgreif fällt mir nichts ein.“

Almentor zuckte hilflos die Schultern.
Ecuvaro rieb sich müde die Schläfen..
“Wenn es einen derart alten Bezug hat, kommen nur die Gewölbe unter Altbosparan in Betracht. Diesseits des Flusses gibt es nur Gelasse jüngerer Herkunft. Fokussieren wir uns also auf die Areale jenseits des Flusses.“
Er tippte auf die Orte, wo Leichenfunde auf der südlichen Flussseite vermerkt waren.
Almentor runzelte die Stirn.
“Die Punkte ergeben hier einen Kreis, wenn auch keinen exakten, um ein bestimmtes Areal.“
Er zeigte es ihnen. Tatsächlich umschloss ein grober Kreis das südöstliche Gebiet in diesem Teil der Stadt.
“Das ist leider zu ungenau – und wir wissen nicht, ob nicht doch ein Platz im Norden der Stadt gemeint ist.“ Ecuvaro schloss kurz die Augen. Er fühlte Müdigkeit in sich aufkommen. Keine physische – die war ständig sein Begleiter. Es war jene innere Erschöpfung, die er immer öfter spürte, aber zu verdrängen suchte.
Virgilio richtete sich abrupt auf.
“Jetzt ergibt es einen Sinn: Der Bote sagte, sie sollten vor Torschluss über die Brücke sein. Der Treffpunkt muss auf der Südseite liegen.“
“Gut, riskieren wir es. Schaffe all unsere Leute hinüber. Beobachtet alle uns bekannten Einstiege. Wir versuchen noch, den exakten Ort zu identifizieren. Almentor, könnt ihr in der Bibliothek der Akademie auf Suche gehen?“

Der Magier nickte. „Ich werde allerdings zunächst ins Archiv des Hesindetempels gehen. Dort gibt es weit mehr Unterlagen zur Stadt und ihrer Baugeschichte. Allerdings ist alles etwas ungeordnet – mach dir keine großen Hoffnungen. Was Anderes: Ich habe leider keinen im Kampf erprobten Magus hier – hast du eine Möglichkeit, Jemanden aufzutun? Wenn es tatsächlich um das geht, was wir befürchten….“

Ecuvaro lächelte freudlos.
“Leider habe selbst ich bei all meinen Kontakten keine Möglichkeit, einen vertrauenswürdigen und in Kampf- oder Antimagie erprobten Magus aufzubieten. Vor allem nicht in der Kürze der Zeit.
Wir werden uns auf unsere Schnelligkeit, Heimlichkeit und das Waffengeschick verlassen müssen.“

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Verdetti saß vor seinem Schreibtisch. Vor sich die Reste der einfachen Abendmahlzeit.
Er wartete auf seine Leute. Der Esquirio hatte ihm soeben eine Depesche schicken lassen. Es wurde für diesen Abend eine größere Zusammenkunft eines Zirkels erwartet. Er würde versuchen, diese ausfindig zu machen. Zudem war offenbar ein weiterer Ritualmord außerhalb der siebentägigen Reihe denkbar. Das wären dann drei Morde hintereinander.
Der ominöse Adlige gab ihm den Rat, nach Möglichkeit ausführlicher patrouillieren zu lassen.
Dabei ergaben sich allerdings Schwierigkeiten. Verdetti war zwar für die Mordaufklärung zuständig. Jedoch konnte er nicht einfach zusätzliche Mannschaften in die Straßen außerhalb seines Stammbezirkes beordern.
Er musste überlegen, ob und wie er das dem Hauptmann vermitteln konnte.
Auf Hinweis eines Mannes, den er heute erst kennen gelernt hatte…
Nein, unmöglich. Er musste mit den Männern und Frauen, die er hier hatte auskommen. Sie würden zumindest ihren Bezirk sichern.
Seufzend erhob er sich, als von draußen sich nähernde Stimmen vom Eintreffen seiner Truppe kündeten.
Als sie eintraten, blickten sie in sein ernstes, finster-entschlossenes Gesicht.
“Jungs, Mädels – wir haben zu tun. Das wird eine lange Nacht für uns.“

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Ecuvaro betrat die Treppe zum Keller. Er hatte Amlilian zur Wachsamkeit angewiesen und sich jedweden Überraschungsbesuch verbeten.
Nur Amlilian durfte ihn notfalls stören.
Er atmete, an die Tür gelehnt, ein paar Augenblicke tief durch.
Dann straffte er seine Gestalt und begab sich hinab.
Er wusste nicht, ob sie es rechtzeitig schaffen würden, den Treffpunkt der Kultisten ausfindig zu machen. Dies war immerhin noch wahrscheinlicher, als einen Mord irgendwo in den unzähligen Gassen und Winkeln Vinsalts zu verhindern.
Er musste sich nun vorbereiten. Doch hatte er zuvor noch etwas zu erledigen.
Ecuvaro betrat den verborgenen Raum.
Der Vampir erwartete ihn.

“Sei gegrüßt. Ich habe dich nicht so bald wieder erwartet. Solltest du etwas eine Anwandlung von Milde erfahren und beschlossen haben, meiner unwürdigen Wenigkeit die Zeit zu verkürzen?“
Die  Stimme klang einerseits schwach und heiser, doch zugleich schaffte das Wesen es, Spott und Herablassung in sie zu legen.“

“Ich muss dich enttäuschen. Was sagt dir ein ‚Tempel der Hornisse’ oder ‚Hornissentempel’. Ein alter Kult? Ein Deckname? Wo könnte er sein. Wir vermuten unter Altbosparan.“

Der Vampir sah ihn ausdruckslos an.

“Du wirkst getrieben.“

Er antwortete nicht.

„Ein neuer Kampf also. Ihr sucht einen Ort.“

Ecuvaro blieb vor dem Tisch an der Wand stehen und betrachtete die Gegenstände dort.

„Ich spüre eine Dunkelheit erwachen. Und du willst gegen sie kämpfen.“

„Ja.“

„Du könntest sterben.“

„Ja.“

„Alraman?“

„Vielleicht.“

Ein finsteres Lächeln zog sich über das eingefallene, leichenblasse Gesicht.
„Es brachte dich fast um und du willst ihm wieder entgegentreten? Ihr Sterblichen seid…seltsam. Wahnsinnig.“

„Warst du es nicht, als du noch nicht unsterblich warst?“

„Ich weiß es nicht mehr. Vielleicht.“

Sie schwiegen eine Weile.

“Also…? Weißt du Etwas?“
Ecuvaro sah den Vampir durchringend an.

“Nein.“

Ecuvaro trat zum Tisch, auf dem neben all den anderen Gerätschaften auch ein kleines, tönernes Gehäuse stand. Es sah wie ein Miniaturschränkchen aus. Es war das Abschiedgeschenk eines alten Freundes, eines Magiers gewesen, mit dem er lange Jahre durch Aventurien gereist war.
Es ermöglichte die Haltbarmachung organischer Stoffe. Ein nützliches, magisches Spielzeug, wie der Freund sich ausgedrückt hatte.
In diesem Fall war es eine kleine Phiole, mit dunkler Flüssigkeit gefüllt, die er dem Apparat entnahm.
Der Vampir zischte durch die Zähne.

“Es ist unnötig, mich weiter zu quälen. Ich habe dir die Wahrheit gesagt. Ich weiß nichts.“

“Du kennst Alraman und andere vergessene Geheimnisse, die schon damals welche waren.“

“Das bedeutet keineswegs, dass ich Alles weiß, was du wissen willst. Wenn du verzweifelt bist, ist das dein Problem, nicht das meinige.“

Ecuvaro hielt inne. Er wusste, dass dieses Wesen Recht hatte. Dennoch – er konnte jetzt nichts riskieren.
Er öffnete die Phiole. Wenige Augenblicke später erreichte der Blutgeruch den Vampir, der ausgedürstet, wie er war, sich in seinen Ketten anspannte und knurrte.
In den Augen erschien ein wildes Flackern.
“Kreatur, in Borons Namen, sag mir, was du weißt.“

Ein wütender Schrei entfuhr dem Vampir. „Lass mich verdursten, wenn du magst, ich kann dir diesmal nichts sagen, Elendiger.“
Der Mann sank in sich zusammen, die Zähne aufeinander gebissen versuchte er, das Zittern seines Körpers zu beherrschen.
Ecuvaro gab auf. Er trat einen Schritt auf die Gestalt zu. Als sie seinen Blick erwiderte, ließ er den Inhalt der Phiole mit einem Schwung in ihre Richtung spritzen.

Begierig öffnete sich der Mund und fing die kleine Menge Flüssigkeit auf.
Ein erleichtertes Beben durchzog den Körper und der Blick klärte sich.
“Ich hasse es, dass ich dir für diese Augenblicke dankbar sein muss. Einerseits hoffe ich, dass du elendig stirbst, auf der anderen Seite muss ich hoffen, dass du lebst, auf dass auch ich lebe.“

Ecuvaro wandte sich ab.
Und ging.
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Ecuvaro trat in den Flur und blickte durch die Fenster, die seitlich an der Tür angebracht waren, nach draußen.
Es war Zeit. Die Sonne stand tief, war schon fast hinter dem Tempelberg verschwunden.
Er ging hinauf, betrat sein Arbeitszimmer. Kurz lehnte er an der geschlossen Tür. Seine Schultern sanken hinab, sein Kinn auf die Brust. Unendliche Müdigkeit überkam ihn. Er spürte, wie eine schwere Last auf seinen Schultern lag und dass er drohte, daran zu zerbrechen.
Du kannst dieses Erbe nicht alleine antreten. Das weißt du. Es ist zu groß und zuviel. Ein Mann, oder auch zwei, können nicht weiterführen, was zuvor eine ganze Organisation getragen hat.
Die Worte Virgilios drangen in sein Bewusstsein. Tief in sich spürte er, dass sein Freund die Wahrheit sprach. Doch war jetzt nicht der Augenblick, nachzulassen oder zu zweifeln. Nicht Angesichts dieser Gefahr, die schon über den Horizont gestiegen war. Er durfte jetzt nicht aufgeben, nicht aufhören oder zusammenbrechen. Er musste das hier beenden, mit welchem Ende auch immer.

Er stieß sich mit einem trotzigen Knurren von der Tür ab und begab sich zur rückwärtigen Wand. In der dortigen, raumbreiten Schrankwand befand sich eine große Doppeltür. Er öffnete sie und diverse Sätze edler Festkleidung kamen zum Vorschein. Er suchte sich einen Weg zwischen ihnen hindurch, ein versteckter Hebel an der Schrankrückseite öffnete einen kleinen Durchlass.

In der Wand dahinter erstreckte sich ein kleiner, schmaler Raum.
Auf Borden und Regalen waren Waffen, Ampullen, Seile, Kletterwerkzeuge und allerlei andere Utensilien säuberlich sortiert.
Ecuvaro griff in eines der Regale und zog zunächst ein besonderes Wams hervor. An den Ärmeln, Hüfte und in Brusthöhe befanden sich diverse Schlaufen, Futterale und Schnüre.
Er zog das Wams an und begann, die verschiedenen Halterungen zu befüllen.
Wurfmesser, zwei Stilette sowie mehrere Bolzen für die Balestrina fanden ihren Platz. Die Waffe selbst steckte er in ein Holster an der Hüfte.

Ein Waffengurt mit mehreren Dolchen schnallte er sich quer über den Oberkörper.
Eine weite Tunika mit tiefem Ausschnitt verdeckte das Waffenarsenal an seinem Körper halbwegs, erlaubte ihm aber einen schnellen Zugriff auf die einzelnen Stücke.
Ein schwarzes Cape, welches er schnell abstreifen konnte, seinen Hut, sein Rapier und ein Parierdolch. Dünne, lederne Handschuhe mit aufgerauten Innenseiten, damit die Waffen nicht seinem Griff entglitten. Weiche, hochschaftige Stiefel. Jedes Ausrüstungsstück prüfte er kurz, aber sorgfältig. Zuletzt glitt das Rapier mit leisem Zischen in die Scheide zurück.
Er war bereit.


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