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Todumringtes Leben

von Cathair
Kurzbeschreibung
GeschichteFantasy / P18 / Gen
08.02.2017
23.05.2018
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Schatten. Überall Schatten. Sie wandern durch dunkle Gänge und Hallen und lassen sie noch finsterer erscheinen.
Sie gleiten über Fels, trübe Wasserlachen. Ihre Oberfläche kräuselt sich im kalten Hauch, der ein Wispern mit sich trägt.
Ein Wispern, ein Nachhall eines Geräusches.
Ein von Wahnsinn und unendlicher Grausamkeit irres Lachen, ein Echo aus uralter Zeit, Äonen alt.
In sich tragend Tod, Wahn und Vernichtung.

Es durchwandert die dunklen Gänge und wartet – auf Jemanden, der es freisetzt, ans Licht bringt, zur Entfaltung bringt.
Die Welt da oben war unruhig. Es spürte das Tosen des Krieges bis in die tiefsten Hallen. Bald. Wenn der Krieg tobte, kam immer Jemand. Früher oder später.
Freiheit. Bald würde es sich wieder über die Welt ergießen können, finsteren Herren zum Wohlgefallen.

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Die große Halle mit ihren rauen Felswänden lag im Halbdunkel flackernder Schatten, gespenstischen Formen, die über den Felsen zuckten. Unruhig waberten die Flammen der Fackeln und Kohlebecken in den Luftzügen, welche aus kleinen und großen Öffnungen durch den Raum zogen.
Das Knistern und Knacken des kleinen Feuers auf dem steinernen Sockel  in der Mitte der Halle erfüllte die Luft. In Leinen eingeschlagene Opfergaben verglommen dort.
Knapp zwei Dutzend in dunkle Roben, Mäntel und Umhänge gehüllte Gestalten umstanden das Feuer regungslos.
Direkt vor dem Sockel stand eine in Weiß und Gold gewandete Gestalt, eine schlichte schwarze Maske auf dem Gesicht.
„Die Worte der Prophezeiung sind gelesen und verstanden.“ Intonierte sie mit tonloser Stimme.
„Unsere Geister sind rein von Zweifeln.“ Erscholl ein dumpfer Chor als Antwort.
„Die Siegel sind gebannt, die Beschworenen befreit.“
„Unsere Seelen dienen ewig.“
Lasset uns beginnen.“
Während die im Kreis Stehenden in einen monotonen Singsang einer uralten Sprache verfielen und ihre Oberkörper rhythmisch vor- und zurück wiegten, hob die helle Gestalt am Feuer ihre Arme und begann mit volltönender Stimme, Verse zu rezitieren und fließende Gesten mit den Armen zu vollziehen.
Das Feuer begann sich zu verändern. Die Flammen leckten nun wie in Zeitlupe empor, verfärbten sich ins Grüne, dann ins Violette. Einzelne Flammenzungen wuchsen in die Höhe, mehrere Meter hoch und begannen dann, sich zu zerfasern und sich einem unregelmäßigen Spinnennetz gleich in den Raum auszubreiten. Knisternd und Knirschend erfüllte Magie den Raum, ließ  mitten in der Luft Funken sprühen.  Im nunmehr tiefviolett brennenden Feuer formte sich unter angespanntem, elektrischem Rauschen eine schwarze Kugel, die sich allmählich ausdehnte. Die Höhle füllte sich schlagartig mit Kälte, Frostkristalle bildeten sich in der Luft und glitten leise rieselnd zu Boden.
In diesem Moment löste sich aus den Schatten in der Nähe eines der Eingänge zur Höhle ein menschenähnlicher  Umriss. Dunkle Augen behielten das Geschehen im Auge, während die Gestalt in den Gang hinaus glitt, fast schwebend, lautlos. Sie hatte genug gesehen und floh nun vor dem, was in der Halle geschah.




„Widerlich.“ Brummte eine Gardistin. „Armer Junge.“ Bestätigte Verdetti und wandte den Blick wieder von  dem Neuen ab, einem jungen Burschen von 17 Sommern, der sich gerade an der nächsten Hausecke übergab.

Corporal Verdetti stemmte die Hände in die Hüften und sah grimmig auf die Leiche herab. Ein Mann mittleren Alters. Allerweltgesicht. Stichwunde im Herzen und das war noch die appetitlichste Verletzung. Der Rest war unbeschreiblich.
Armer Junge, in der Tat. „Ist sein erster Toter, hm?“
Die Gardistin nickte, während von der Hausecke weiterhin ein gequältes Husten und Würgen erklang. Verdetti betrachtete erneut den Toten.
„Nun gut, sehen wir zu, dass wir die Leiche hier wegschaffen und die Spuren dokumentieren – sofern es welche gibt. Möchte wissen, was der Mörder gegen den hier hatte, dass er Ihn so zugerichtet hat.“
Und gegen die anderen drei, die genau so entstellt in den anderen Gassen lagen. Ergänzte er in Gedanken, während zwei Gardisten die Leiche in ein grobes Tuch einschlugen. Verdetti trieb seine Leute zur Eile. Der Abend versprach kühl zu werden und es gab angenehmere Dinge, als in Kälte und Dunkelheit Spuren zu sichern.
Und auch, wenn sie als großer Trupp von Gardisten sicher waren. Mit dem, was diese Morde ausführte im Dunkeln dieselben Straßen zu teilen war kein angenehmer Gedanke.
Verdetti ging um den Toten herum und versuchte, dabei nicht in einer der Pfützen gemischt aus Blut und Eingeweiden zu treten.


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Ecuvaro ya Lavero rieb sich die Schläfen. Seufzend lehnte er sich in seinem hohen Lehnsessel zurück. Sein Gesicht war von Müdigkeit gezeichnet. In der Dunkelheit des Zimmers schien es im Nichts zu schweben. Ein heller Fleck mit tiefschwarzen Punkten als Augen und umrahmt von Schwärze. Das wenige Licht, die langen schwarzen Haare und die dunkle Kleidung taten das Ihre dazu. Wie lange hatte er nicht mehr geschlafen? Zu lange. Zu viel zu tun in zu wenig Zeit. Er ließ seinen Blick über den mächtigen Arbeitstisch aus Ebenholz  wandern.
Wie ein unregelmäßiges Schachbrett war die große Tischplatte mit Pergamenten und Blättern gemustert, in Reihen und Gruppen angeordnet, einige sorgfältig gestapelt, andere achtlos in einer Ecke zusammengehäuft. Im Lichtkegel der Blendlaterne häufte sich die papiergewordene Verwirrung.
Es ergibt alles keinen Sinn.
So viele geheime Zirkel, offen auftretende Logen und Salons, dann wieder geheimnisvolle Einzelpersonen. Und sie alle schienen in keiner Weise miteinander verbunden zu sein. Weder organisatorisch, noch in Ihren Absichten und Zielen.

Verbindend waren nur die immer gleichen Andeutungen in den Texten, Briefen, Berichten aus Verhören,  seltsame Hauche von Hinweisen auf irgendwelche Mythen, aktuelle  Geschehnisse und Zukünftiges.
Und doch schien keine dieser Personen oder Gruppen das große Ganze zu kennen.
Was wiederrum bedeutet, dass wir nirgends ansetzen können. Nirgends.
Wie ein Schatten. Da, aber nie fassbar, nicht zu spüren. Nur da. Nur eine Ahnung von Unheil.
Alle Gruppen und Einzelpersonen waren unabhängig voneinander und kommunizierten untereinander nicht. Sie verfolgten oberflächlich völlig verschiedene, oft entgegengesetzte Ziele.
Doch seit der Krieg um die Thronfolge entbrannt war und die unheiligen Intrigen, welche ihn ausgelöst hatten, allmählich zum Vorschein kamen, wussten Ecuvaro wie auch seine Freunde und Mitstreiter  der nunmehr darniederliegenden und zersplitterten Organisation,  dass dieser Schein trügen konnte.
Es waren Leute und Gruppierungen zu Verrätern am Reich oder Ihren jeweiligen Herren geworden, von denen man zuvor angenommen hatte, dass sie einander Todfeinde waren. Und doch hatten sie sich zusammen getan.
Grund genug, paranoid zu werden. Er wusste nichts. Das Einzige, was er und seine Mitarbeiter sicher wussten war, dass die Gruppen und Personen, welche sie hier beobachteten, nichts mit den Zwisten im Land zu tun hatten. Sicher, diese kamen ihrem heimlichen Treiben gelegen, denn im Chaos des Bürgerkrieges war es für Ecuvaro und seinesgleichen schwerer, Nachforschungen anzustellen. Aber alles deutete darauf hin, dass irgendwer oder irgendwas im Hintergrund die Fäden hielt und zog und auf etwas viel Größeres, also potentiell Schlimmeres abzielte als einen Bürgerkrieg.  Und die Zirkel waren nur Figuren, nützliche Marionetten.
Nur wo ansetzen, wo mit Nachforschungen beginnen.
Und dann diese seltsamen, magischen Attacken und Rituale.
Die zur Hilfe gebetenen Magier konnten nichts über die gewirkten Zauber sagen, außer, dass es Zauber unbekannter Wirkungsweise waren.
Die rezidiven Matrixpartikularien zeigen bis dato unbekannte generische Muster. Die astrale Struktur erinnert nur rudimentär an Gilden- oder Naturmagische Constructae, gar die altelfische Magie zeigt keine Ähnlichkeit. Und so weiter…
Die Worte des Magus klangen ihm immer noch im Ohr.
Wer soll dieses Gefasel bloß verstehen?
Er hatte nur so viel verstanden, dass es um Restmagie ging, die ungewöhnliche Merkmale aufwies.  Er zündete sich eine Zigarre an und griff nach dem Weinpokal. Er hatte schon viele große Geheimbünde ausgehoben. Aber dies war anders. Es umspannte eine riesige Region, ging über Grenzen hinweg. Und es war mächtige Magie im Spiel. Unbekannte Magie. Er entsann sich seines kürzlich unternommenen Ausfluges in die alten Katakomben im Süden der Stadt.
Er wusste seitdem selbst, dass diese Magie anders war als die übliche, von den Kirchen erlaubte und praktizierte. Noch jetzt erschauderte er, wenn er die dämonische Kälte wieder zu spüren meinte, das Gefühl von  Bedrohung, das von dieser Magie ausgegangen war und Ihn zum Rückzug getrieben hatte. Obwohl er gar nicht wollte.
Zeit, Hilfe zu holen. Also doch von Magister Almentor. Nur dessen Mentor wird aus alldem schlau. Wenn er denn mal einen klaren Moment hat. Phex hilf, was für ein Schatten fällt diesmal über uns?
Die Bilder kamen wieder. Die Bilder vergangener Tage. Schrecklicher Tage. Die Tage des Weltenbrandes. Tage, in denen sein Land, dem er loyal gedient hatte, brannte, von Stiefeln eines höllischen Krieges zertreten.
Nie wieder, nicht noch einmal.
Die Organisation war nicht mehr. Doch die Welt schützte sich nicht alleine. Konnte es nicht.
Es darf keine zweite Finsternis geben. Wir müssen handeln. Es gibt nur noch uns, die das Wissen noch haben.
Ruckartig riss er sich aus  Erinnerung und von dem tief in Ihm aufkeimenden Gefühl von Panik los,  griff nach Federkiel und einem Blatt Pergament.  Im Flackern der Kerzen begann er zu schreiben. Ein bleiches Gesicht, hervorleuchtend aus der dunklen Welt von schwarzen Möbeln, Haar und Kleidung. Ihr Götter, wie Viele werden diesmal sterben, wenn dies alles so weitergeht?
Wenn Virgilio nachher kam, gab es viel zu besprechen.

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Er arbeitete sich gerade durch die Rapporte seiner Leute in den Küstenstädten, als es an der Tür klopfte.
„Ja?“ Rief er abgehakt.
Amlilian trat ein. „Wohlgeboren ya Geroni, Herr.“
Der Diener zog sich zurück, nachdem Ecuvaro mit einem Kopfnicken dem Eintreten des Gastes zugestimmt hatte.
Kurz darauf trat Virgilio ein. Wie immer mit einem im Nacken geknoteten Zopf, das goldblonde Haar perfekt gekämmt, die Kleidung nach der neuesten Mode tadellos. Enganliegende Hose,  kurzes, tailliertes und an den Schultern aufgebauschtes Wams, kurzer Umhang. Seine behandschuhten Hände spielten mit einem Barret, dessen samtenes Grün die Farbpallette seiner Kleidung vervollständigte. Grün, Gelb, blau, rot – nichts fehlte, auch nicht der schlanke Säbel als neueste Modewaffe der gehobenen Gesellschaft.
„Ecce, sei mir gegrüßt“. Beschwingt schritt sein Freund durch den Raum. Er erhob sich und trat hinter dem Tisch hervor.
„Virgilio, schön dass du gekommen bist, nimm Platz. Bist du einer Theaterbühne entsprungen oder einer Gruppe Wandernarren?“
„Sehr witzig, du solltest öfter die Salons besuchen mein Lieber. Man trägt Farbe, man zeigt, dass das Leben bunt und herrlich ist. Du verbringst zu viel Zeit unter tristen Krähen mein Freund.“
Ecuvaro blickte an sich herunter. Mattschwarze Kleidung, schlicht, und doch könnte ein modebewusster Mensch nichts an der Qualität, dem Schnitt oder der Eleganz bemängeln.
„Soll die Krähe dich nicht fressen, so werde zu einer.“
Virgilio lächelte. „Ach du, bleib mir mit diesen Orakelsprüchen vom Leibe. Erzähl mir lieber, was es Neues gibt, dann berichte ich das meine. Und bei den Göttern, geh mal wieder feiern!“

Alter Trübsalblaser.

Eitler Pfau.

Sie setzten sich. Virgilio lehnte sich entspannt zurück nahm das Weinglas, dass Amlilian ihm brachte.
„Ah, der dunkle Meraner von neulich. Sehr gut.“ Stellte er nach kurzem Schnuppern fest.
Er blickte zu Ecuvaro. Die glimmende Zigarre, das Glas mit einer goldenen Flüssigkeit, die fast leere Flasche eines edlen Schnapses am Tischrand, die Asche und Stummel etlicher Zigarren in einem flachen Schälchen aus Amethyst.
Der müde Blick.
Die eingefallenen Wangen.

Du trinkst zu Viel.

Ich weiß, sag nichts.
Schlaf mehr und trink weniger. Arbeite nicht so Viel.

Die Arbeit tut sich nicht von alleine. Und hab du mal meine Probleme.

Ich weiß, was dich belastet. Auch wenn du nichts sagst. Stell die Flasche weg.

Leb du dein Leben, ich das meine.

Seufz!



Ich mache mir Sorgen.

Ich weiß, danke.

Idiot, verdammter.

Danke.


„Nun, was willst du zuerst hören? Der Stand der Nachforschungen oder die Berichte?“
„Die Nachforschungen, die scheinen wichtiger zu sein.“
Ecuvaro nickte.
„Leider sind wir nicht viel weiter. Wir haben zwei weitere, recht kleine Zirkel gefunden, Kategorie A, nichts Besonderes. Einer von Ihnen, die „Brüder der heiligen Seelen“ , wenden diese seltsame Magie an. Ich war gestern da.“
Seine Mundwinkel verzogen sich, als er an dieses Erlebnis dachte. Seine Beine zitterten kurz.
„Das war gewiss nicht angenehm.“
„Nein, nicht angenehm.“
Du wärst ebenso müde wie Ich, das kannst du mir glauben.“
„Ansonsten nicht viel. Nur zwei Identitäten aufgedeckt, sind aber nur Fußvolk, keine Anführer. Beide Handlanger der Feinmechaniker.“
„die Feinmechaniker? Interessant!“
„Ja, wieso?“
„Weil Ich ebenfalls eine Identität  geklärt habe – die eines Nachrichtenboten der  „Hüter von Alraman“,  woher der Name kommt weiß Ich noch nicht – irgendein kleiner  heidnischer Götze wie es scheint. Jedenfalls ist der Mann einer der Händler, welche die Mechaniken privilegiert von den Manufakturen abholen und in den Handelshafen bringen.“
Ecuvaro starrte auf eine Reihe Papiere. Virgilio nahm einen weiteren Schluck Wein.
„Auffällig aber nicht unbedingt wichtig. Wir haben mehr Mitglieder der Zirkel in der städtischen Verwaltung, der Schmiedegilde sowie in den Akademien und anderen Handwerken.“
„Mag sein – aber keine dieser Gruppen ist so isoliert wie die aus den Reihen der Feinmechaniker. Wie kommen diese Leute an diese Zirkel – oder umgekehrt?“
„Auf die Weise wie sie an alle kommen. Verzweifelte in den Schänken, Straßenhändler, korrumpierte Priester…du kennst die Wege.“
Sie schwiegen.
Vrigilio drehte das Weinglas in seinen Händen und betrachtete das Funkeln der Kerzen in der dunkelroten Flüssigkeit.
„Wir sollten dem trotzdem nachgehen. Diese drei sind am einfachsten zu beobachten. Sie sind in der Stadt isoliert.“
„Ja, in einer schwer bewachten Enklave, seit den Sabotageversuchen im letzten Mond.“
„Lass das meine Sorge sein.“
„Bei so etwas sollte Ich besser mitwirken.“
„Damit du gar nicht mehr schläfst? DU hast genug zu tun, pass lieber auf, dass du bei dem allen hier nichts übersiehst.“ Er deutete auf die etlichen Dokumente auf dem Tisch.
„Hm.“ Ecuvaro schnippte Asche von seiner Zigarre.
„Dennoch, es ist gefährlich.“
Virgilio zog die Augenbrauen hoch.
„Ecce, das sagt derjenige, der sich alleine in die tiefsten Katakomben wagt und eine Horde mörderischer Gesellen beschleicht. Mein Freund.“
Er beugte sich vor und stellte sein Glas ab, hielt es aber mit beiden Händen weiter fest.
„Ich bin wie du schon lange dabei. Und Ich bleibe ÜBER der Erde!“
Ecuvaro seufzte.
„Nur bin ich kampferprobter. Dann übernimm du das.“

Ein „du hast recht“ würde dich nicht umbringen…

Ich wollte dich nicht beleidigen. Ich sorge mich.

Weiß Ich, sorg dich lieber um dich selbst, Idiot.

Pass auf dich auf wenn du das durchziehst.

Arsch!

Ecuvaro nahm sich eine neue Zigarre und zündete diese an einer Kerze an.  „Nimmst du Irkar und Verana mit?“
Virgilio nickte. „Sie werden mir nützlich sein. Sie sind mittlerweile ganz passabel. Machen sich. Stehen nicht mehr im Weg herum:“
„Sehr gut. Wird auch Zeit. Wir brauchen wieder gute Leute. Pass auf sie auf.“
„Werde ich. Ich weiß bei den Göttern, dass wir es nötig haben.“
„Die anderen sind leider noch immer nicht gut oder vertrauenswürdig genug. Das geht so nicht weiter.“
Virgilio stieß ein resigniertes Zischen aus. „Ich weiß. Aber Wir können nicht zaubern.  Sie brauchen Ihre Zeit. Wir haben nun mal kein Ausbildungszentrum mehr.“
Ecuvaro ließ eine Rauchwolke zur Decke steigen.
Leider.
„Wir werden sie bald brauchen, egal wie weit sie sind.“
„Wie meinst du das?“ Virgilio sah Ihn fragend an. „Weshalb?“
„Wir kommen mit dieser Magie nicht weiter. Sie ist mit Abstand das Gefährlichste an diesen Leuten, auch wenn sie bisher nur bei Riten beobachtet wurde. Aber wir müssen mehr über sie herausfinden.“
Er schob Virgilio ein Papier voller Notizen über den Tisch.
„Das sind Orte, an denen sich die Zirkel, die Magie verwenden, regelmäßig treffen. Dazu die Namen einiger Kontaktleute, die dich hinführen können. Sie wissen, wer du bist und dass du zu mir gehörst. Irkar und Verana sollen diese Orte beschatten und rausfinden, wann dort wieder ein Ritus stattfindet.
Wir müssen einen abpassen und überfallen um an die Opfergaben und Artefakte zu gelangen, die sie benutzen. Vielleicht können wir sogar einen Priester gefangen nehmen.“
Virgilio stand auf und ging sichtlich erregt zum Fenster.
„Das ist riskant, wir sind nur Wenige und nicht alle haben schon Erfahrung mit Magie.“
„Ich weiß, es muss sein.“
„Reicht es nicht, sie weiter zu beobachten?“
„Nein. Wir brauchen diese Dinge als Anschauungsmaterial. Und dann brauchen wir Hilfe von einem wirklich guten Fachkundigen. Die Magier hier können uns nicht mehr weiterhelfen.“
Seufzend wandte sich sein Freund zu Ihm um. Widerwillen zeigte sich in dessen Blick, aber auch Einsicht.
Ecuvaros Gesicht hingegen war eine undurchdringliche Maske, in der man außer Müdigkeit nichts erkennen konnte.
„Nun gut. Ich fürchte, du hast Recht. Aber lass uns wirklich vorsichtig vorgehen. Ich werde sehen, ob ich nicht doch noch einige Leute finde, die mit genug Geld auch schweigsam genug sind. Ich muss bald gehen, ein Informant wartet. Wer soll uns denn bei den magischen Angelegenheiten helfen?“
Ecuvaro blickte Ihn an.
„Das wird dir nicht gefallen.“


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Später, tief in der Nacht, starrte Ecuvaro in die Flammen der letzten zwei brennenden Kerzen. Nur sie zwei waren noch über. Zwei von wie Vielen, deren Leben  wie die Flammen der Kerzen erloschen waren?
„Glaubst du, Moragon ist der Richtige? Er ist ein Wirrkopf. Schlau, aber ein Wirrkopf.“
„Haben wir jemand Anderes?“
„Nein.“
„Dann ist er der Richtige. Schreib bitte Almentor.
„…“
Die Tür schlug zu.

Ecuvaro ließ gedankenversunken sein Glas  langsam in der Hand drehen. Die Flüssigkeit darin gluckste leise.
Es musste einen Weg geben. Sie brauchten neue Informationskanäle. Viele, viele neue.
Handlanger, Mitarbeiter, Augen, Ohren, Hände. Gelder. Geldquellen, Kontakte.
Er rieb sich die Schläfe. Ein dumpfer Kopfschmerz kam auf. Wieder einmal. Beklemmung ergriff sein Herz. Wehmut. Nach einer Zeit, die noch kein Jahr zurücklag.
Und doch so fern, als wäre es ein Jahrhundert vor seiner Geburt gewesen. Bei  den Göttern, wie er sie vermisste. Sie war die erste wahre Geliebte seines Lebens gewesen. Er hatte in Ihr gelebt, an die Ideale geglaubt, war für alles eingetreten, was sie verkörperte.
Er und all die anderen, die mit dazugehört hatten. Und nun waren er und Virgilio die letzten Liebenden, die einer verflossenen Liebe nachtrauerten.
Gäbe es sie doch nur noch. Wie sehr könnte Ich jetzt ihre Hilfe gebrauchen. Doch keine Hilfe von den Toten zu erwarten.
Die Organisation war gestorben. Wie und warum wusste er nicht. Aber tot war tot. Manchmal meinte er, das Blut all jener riechen zu können, die gestorben waren. Im Schlaf die blutroten Gestalten. Auf einmal alleine.
Und wir tragen nun die Last des Erbes.
Manchmal überlegte er, wie es wäre, alles hinzuwerfen. Es einfach sein zu lassen. Was wollten sie zwei und eine Handvoll Handlanger schon ausrichten gegen Widersacher, derer es früher ganzer Heerscharen von Ihresgleichen bedurft hatte? Es wäre so einfach.
Geld war für Ihn genug da. In eine kleine, verträumte Landstadt ziehen, Stadtmeister werden oder einen Ratssitz einnehmen, sich zur Ruhe setzen. Und all dies hier vergessen, alles Leid, die fürchterlichen Geheimnisse und Dinge, welche sie erlebt hatten und die sie alle in Ihre Träume verfolgten.
Jedoch – er wusste ganz genau, er würde es nicht können.

An der ersten Liebe wirst du haften, bis eine neue, wahrlich große Liebe dich trifft. Vergisst du auch alle anderen, diese niemals. Und lösen wirst du dich nicht können von Dingen, an denen dein Herz hängt. Verfluche sie, verdamme sie, aber doch bist du gefesselt, bis dein Herz sich wandelt und sich löst.“

Worte eines Verblichenen, gesagt in einem schwachen Moment, vor vielen, vielen Jahren.
Er hasste diese Worte, hasste die Wahrheit in Ihnen. Verabscheute, was sie bedeuteten, fluchte seinem Herzen, dass es diese Liebe stetig wieder aufflammen ließ. Ihn zwang, all das, was in den Schatten der Welt geschah, immer wieder mit anzusehen, sich mitten in die Abgründe zu stürzen.
Keine Wahl, als den Weg weiter zu beschreiten. Wer sonst soll es tun? Es gibt sie nicht mehr.“
Dieser Gedanke war es, der Ihn immer antrieb, aufrecht hielt.
Der Ihn dazu drängte, seine Ängste zu unterdrücken, aus Angst vor dem, was passieren würde, täte er dies nicht. Angst besiegt Angst, welch Irrsinn.

Ecuvaro erhob sich energisch. Diese Trübseligkeit setzte Ihm zu. Lähmte Ihn. Er hoffte, sie würde Ihm nicht auch noch den Verstand rauben. Das taten schon genügend andere Dinge. Und er war nicht so lange durch die Hölle aller denkbaren Gefahren gegangen um am Ende an Lethargie zu sterben.
Entschlossen stürmte er aus dem Zimmer, die Treppen hinab ins Erdgeschoss des Hauses. Zeit die Dinge voranzubringen, dann hat es irgendwann ein Ende. Dachte er sich, während er den Eingangsflur hinab schritt.
Wenn er sich dies oft genug sagte, glaubte er es. Wenn er es glaubte, hatte er Hoffnung. Und hatte er Hoffnung, hatte er Kraft, weiter zu machen.

Er sollte schlafen, er wusste es. Ein Wenig zumindest.  Doch er musste noch eine Sache erledigen, bevor er sich endlich wieder Ruhe gönnen konnte.
Es war zu wichtig.
Das Wort, dass Virgilio so nebensächlich aus dem Mund gekommen war, hatte Ihn aufhorchen, geradezu hochschrecken lassen.
Hatte Erinnerungen geweckt, ebenfalls alt und fast verstaubt. Und doch so präsent wie eh und je.
Er betete, dass es so harmlos war wie er hoffte, wie es in den meisten ähnlichen Fällen war. Das tatsächlich nicht mehr als spintisierende Spiritualisten dahinter steckten.
Doch er musste Wissensquellen konsultieren, er wusste viel zu wenig. Nur genug, um wieder diese dumpfe Panik im inneren zu spüren.
„Amlilian!“
Der Diener kam einige Momente später aus der Küche.
„Herr?“
„Schick eine Depesche an den Borontempel, ich möchte Vater di Avecco sprechen – bald!“
„Sehr wohl , sofort Herr.“
Ecuvaro ging weiter ans Ende des Ganges.
Leise knarrte die Tür zum Keller des Hauses, als er sie öffnete.
Eilig zündete er eine Blendlaterne an, welche an der Wand hing und stieg hinab.
Er durchquerte den am Ende der Treppe liegenden Vorratskeller und trat hinter einen Stapel Kisten.
Kurze Zeit später hatte Ecuvaro den verborgenen Mechanismus mit Hilfe des Druckes auf einen bestimmten Stein in Gang gesetzt und er konnte einen Teil der Holzverkleidung zur Seite schieben.
Eine weitere, schmalere Treppe offenbarte sich.
Kühle, trockene Luft und ein staubiger Geruch kamen Ihm entgegen.
Sicheren Schrittes ging er auch diese Stufen herunter und betrat eine geräumige, sieben Meter im Quadrat messende Kammer, welche aus uralten Steinen gemauert war und eine flache Kuppeldecke aufwies, welche von zwei Rundbögen gekreuzt wurde. An einer Seite des Raumes erkannte man einen alten, zugemauerten Türsturz.
Niemand wusste, was dieser Raum einst gewesen war, als er wahrscheinlich noch oberhalb der Erdoberfläche gestanden hatte. Nun war er vergessen und tiefer begraben als mancher Toter.
Vier Öllampen waren an den Wänden verteilt, nur eine gab schwaches Licht in den Raum.
Neben dem Eingang stand ein massiver Tisch, auf dem sich Becher, einige Glasflaschen, Pergament und Schreibuntensilien sowie einige große, flache Lederetuis befanden.
Ecuvaro endzündete nacheinander die Lampen und stellte seine anschließend auf dem Tisch ab.
Dann wandte er sich der gegenüber des Eingangs liegenden Wand zu, an der an vier schweren Ringen ebenso viele massive Ketten befestigt waren.
Die große, ausgemergelt wirkende Gestalt, welche an den anderen Enden der Ketten gefesselt stand, blickte Ihn mit dunkelblauen, schimmernden Augen an.
Zerzaustes, schwarzes Haar hing bis zu den Hüften herab. Nahezu weiße Haut bildete einen noch intensiveren Kontrast zum umgebenden Dunkel, als es gar bei Ecuvaro selbst der Fall war.
Einige Momente hing Schweigen in der Luft.
„Nun, bist du wieder gekommen, um dich meiner zu bedienen?“
Die hohle, dunkle Stimme erklang tonlos und dumpf in diesem begrenzten Raum.
Ecuvaro lehnte sich an den Tisch.
Er atmete langsam ein, versuchte, sich zu wappnen, für das, was womöglich nun kam. Es war nie leicht.
Und doch hat es jedes Mal, jedes verfluchte Mal einen zu wichtigen Grund. Wie ich das alles verabscheue.
Langsam griff er nach einem der Etuis, öffnete es und betrachtete die Gegenstände, welche es enthielt.
Die Ketten klirrten leise.
Dann erwiderte er den Blick der Gestalt.
„Kreatur, was weißt du über den Namen Alraman?“



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