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Das Andere Volk

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Fantasy / P18 / Het
Elben & Elfen
07.02.2017
04.12.2022
7
20.362
19
Alle Kapitel
203 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
24.11.2022 3.194
 
Entschuldigt die Verspätung... Mein erklärtes Ziel 3 Mal in der Woche hochzuladen, wird leider zu 1 Mal pro Woche eingestampft, da ich es neben der Arbeit nicht anders schaffe. Ich hoffe, ihr werdet es mir nachsehen!

ACHTUNG DIESES KAPITEL ENTHÄLT GEWALTDARSTELLUNGEN


5


Nach einer Weile erreichten sie ein Tor in einer Mauer. Zwischen den Zinnen konnte Nimue im Fackellicht verschleierte Gesichter erkennen. Zwei schwarz vermummte Gestalten bewachten das Tor, das sich nach kurzen gebellten Befehlen für sie öffnete. Dahinter erstreckte sich ein riesiger, rautenförmiger Platz. Zu beiden Seiten des Tores befanden sich Gebäude, vom Ende des Platzes hörte sie Pferde wiehern und das grollende Bellen von Hunden. Zu ihrer linken befand sich ein großer, flacher Bau, sie konnte Stimmen von dort hören, das Klappern von Keramik. Rauch stieg aus einem Schornstein und verdeckte die Sterne. Daneben sah sie mehrere kleine Gebäude. Zu ihrer rechten zogen sich identische Gebäude an einer Mauer entlang, die Fenster allesamt mit Fensterläden verschlossen.
Der schwarze Reiter bracht sie zu einem Gebäude am Ende des Platzes. Er stieg von seinem Pferd und strich einen Augenblick liebevoll über den Hals des Tieres. Dann band er Nimue an einem Ring an der Außenmauer fest. Sein Pferd führte er ins Innere. Die Zeit verstrich und schließlich trat der schwarze Mann wieder hinaus.
„Ich habe heute keine Zeit mehr für dich“, zärtlich strich er über ihre Wange. „Ich hole dich morgen.“
Nimue zuckte zurück, versuchte Abstand zwischen seine Hände und sich zu bringen. Er lächelte und zeigte zwei Reihen weißer Zähne.
„Du wirst dich daran gewöhnen müssen.“
Dann ließ er sie allein.
Erschöpft sank sie zu Boden, lehnte sich an die raue Wand des Stalls und schloss die Augen. Dann kamen die Bilder, schreckliche, furchtbare Bilder. Kellans Leichnam tauchte vor ihrem inneren Auge auf. Krähen fraßen sein Gesicht. Andahir stand neben ihm, ein Dolch in seinem Bauch, seine herausfallenden Därme hielt er wie einen Säugling in den Armen.
Nimue öffnete die Augen. Jemand stand neben ihr, nestelte an dem Knoten ihrer Fesseln. Jetzt war es so dunkel, dass sie kaum noch etwas sehen konnte. Kleine Finger versuchten die Fesseln zu lösen, zu denen wohl nur der schwarze Mann die Schlüssel besaß.
Druím“, sprach sie jemand an. „Du Priesterin? Bitte aufstehen, ich geben Hilfe.“
Die Stimme einer jungen Frau. Ohne nachzudenken, gehorchte Nimue und erhob sich langsam. Ihr Gegenüber nahm das Seil in die Hand, doch anstatt Nimue hinaus aus der Kaserne zu führen, brachte sie Nimue in den Stall. Jeder Schritt bereitete ihr unglaubliche Mühe, Nimue musste essen, es war keine Kraft mehr übrig, kein Wille mehr. Ganz am Ende eines schwach erleuchteten Ganges befand sich ein leeres Abteil, in dem sich Heu und Stroh stapelten. Jemand hatte eine Decke ausgebreitet und eine Kerze aufgestellt.
„Ausruhen?“, fragte die Frau und deutete auf die Decke. „Mehr nicht, sonst Strafe.“
Ein verängstigter Ausdruck huschte über ihr Gesicht. Braune Augen schauten besorgt unter dicken schwarzen Locken hervor. Nimue hatte noch nie eine Menschenfrau so nah und ohne ein Tuch zum Schutz vor der Sonne gesehen. Sie waren sich nicht unähnlich, zwei Augen, eine Nase, ein Mund, sie war dunkler als Nimue es je sein konnte aber das machte keinen Unterschied.
„Danke“, sagte sie mit kratziger Stimme und brach beinahe auf der Decke zusammen.
„Ich bringen Essen“, die Frau führte die Hand zum Mund. „Und Trinken. Du bleibst?“
Nimue nickte schwach.
„Ich hole jemanden spricht besser“, sagte sie noch, dann drehte sie sich um. Nimue hörte ihre Schritte am Ende des Ganges verhallen.

Jemand berührte sie sacht an der unverbrannten Schulter. Sie schrak auf und wich ohne nachzudenken zurück, die Hände zur Verteidigung zu Fäusten geballt.
„Es ist alles gut. Niemand wird Euch etwas tun, ich verspreche es“, die Stimme gehörte einem Mann, einem Sidhe? Seine Haut war so sehr von der Sonne gebräunt und seine Ohren lagen verborgen unter dunklem Haar, dass es kaum möglich war ihn als einen der ihren zu erkennen. Erleichterung flutete ihren Körper, beruhigte ihr hämmerndes Herz.
„Ich bin Vael“, fuhr er fort. „Das ist Sivan“, er deutet auf die Frau, die sie in den Stall gebracht hatte.
„Der Kommandant prahlte eine Priesterin gekauft zu haben, Euch gekauft zu haben.“
Vael senkte den Kopf. Erst in diesem Moment wurde sie sich seiner Kleidung bewusst. Er trug dasselbe Schwarz, dieselbe Lederrüstung und ein ebenso schwarzes Tuch als Sonnenschutz um den Hals geschlungen.
„Du bist einer von ihnen“, stellte sie fest und ließ die Hände sinken.
„Ich erkläre es Euch, druím, doch zuerst müsst Ihr etwas essen.“
Sivan lächelte sanft und stellte ein Tablett auf den Boden. Sie hatte Brot gebracht, Feigen, ein Stück weichen Käse, getrocknete Datteln und einen Krug. Ein Festmahl nach so langer Zeit mit wenig mehr als Wasser und trockenem Brot.
„Ich habe auch Decke“, sagte sie und legte ordentlich gefalteten Stoff daneben. Nimue griff danach, legte sich den kratzenden Stoff um den Körper und ignorierte den Schmerz des Brandmals an ihrer Schulter.
„Ich danke dir“, sagte sie tonlos und bemühte sich um ein Lächeln.
„Ich bleiben?“, fragte sie an Vael gerichtet, doch er schüttelte den Kopf.
„Ich danke dir für alles“, sagte er ehrlich, Sivan knickste und verschwand.
Nimue griff zuerst nach dem Krug und setzte ihn an die ausgedorrten Lippen. Kalt und nass rann das Wasser ihre Kehle hinab. Bitte bleib drinnen, dachte sie und nahm einen weiteren Schluck. Ihr Magen krampfte, doch übergeben wollte sie sich nicht.
Vael setzte sich auf einen Heuballen, er sprach nicht, ließ sie zuerst ihren Durst und ihren Hunger stillen. Es gab ihr Zeit ihn zu betrachten, nachzudenken. Er war so sehr ein Sidhe, wie sie es war, doch warum trug er die Rüstung der Garde des Königs? Die Schwertscheide an seinem Gürtel war leer aber benutzt. Sie konnte auch keine anderen Waffen an ihm erkennen. Sie studierte sein Gesicht. Er schien müde. Einen Moment lang schloss er seine eisblauen Augen. Wenn es nun eine Falle war? Ein weiterer Trick, irgendetwas um sie zu brechen? Unsicher legte sie den Käse zurück auf das Tablett und zog die Knie an ihre Brust.
„Ich will Euch nicht vergiften, druím, oder Euch anderen Schaden zufügen“, sagte er leise. „Bitte nehmt das Wenige, was wir Euch geben können.“
Sie rührte sich nicht. Langsam erhob er sich und kam auf sie zu, er beugte sich vor und brach ein Stück von dem Käse ab, aß es.
„Es ist nicht vergiftet“, wiederholte er und bedachte sie mit einem traurigen Blick. Nimue zögerte noch immer, doch dann nahm auch sie ein Stück und aß. Vael lächelte sanft, ließ sich zurück ins Stroh sinken.
„Ihr seid die erste Priesterin, die ich seit vielen Jahren sehe“, begann er leise. „Nie hätte ich geglaubt, Jäger würden es wagen Euch anzurühren, Euch Leid zuzufügen.“
Seine Stimme trug eine tiefe Trauer. Als hätte man eine letzte Grenze überschritten.
„Sind noch andere Priester hier?“, fragte sie und hoffte er würde verneinen, doch sie wurde enttäuscht.
„Ja, es ist noch ein Seher in Mosta”, antwortete er und fuhr fort. „Macht Euch keine Sorgen um ihn, es geht ihm mehr als gut. Die Königin hat ihn freigelassen, seitdem lebt er im Palast.“
„Er lebt hier? Im Palast? Es gibt eine Königin? Was ist mit dem Grausamen König?“, sie vergaß für einen Augenblick zu essen und misstrauisch zu sein. Sie wollte in ihm gern ihren Helfer sehen, einen Retter in der Not, jemanden, der ihr beistehen konnte.
„Ja, er lebt im Palast, er hat Diener und Bedienstete. Es geht ihm nicht schlecht. König Zaren Naxxar ist tot. Seit ein paar Jahren schon regiert Vittorja Naxxar dieses Land. Sie ist jung und sie meint es gut mit uns. Sie hat vor den Sklavenhandel abzuschaffen“, erzählte er ruhig.
„Bisher hat sie nichts dergleichen getan“, erwiderte Nimue tonlos. Vael öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch er schloss ihn wieder. Schmerzhaft erinnerte sie die Wunde an ihrer Schulter an ihren neuen Platz in diesem fremden Volk.
„Welche Macht hat sie als ihre Königin, wenn sie es nicht unterbinden kann?“
„Ihr könnt die Macht der Menschenkönige nicht mit der unserer Hohepriester vergleichen. Ihre Macht kommt nicht von der Mutter oder dem Vater. Sie sind schwächer.“
Sie schwieg. Stumm aß sie auch die Feigen und das Brot.
„Warum bist du einer von ihnen?“, fragte sie irgendwann.
„Das ist eine lange Geschichte, druím, und ich kann sie Euch gern erzählen, doch nicht mehr heute Abend“, er machte Anstalten sich zu erheben.
Nimues Herz begann zu rasen.
„Bleib“, befahl sie ihm mit fester Stimme. „Bleib bei mir.“
Druím, ich bin nicht frei das zu entscheiden. Mein Dienst beginnt und Ihr solltet Euch ausruhen.“

Der schwarze Mann holte sie am nächsten Tag. Schweigend nahm er zur Kenntnis, dass man ihr eine Decke und Essen gegeben hatte. Er griff nach dem Seil und zerrte sie auf die Füße. Wieder folgte sie ihm, hinaus auf den Platz und in Richtung eines der Gebäude direkt neben dem Tor. Bereits am Morgen brannte der sandige Boden heiß unter ihren Füßen. Trotz aller Müdigkeit hatte sie nicht lang schlafen können, sie hatte über Vaels Worte nachdenken müssen. Die Menschenkönige waren nicht mächtig genug, nicht so mächtig wie ihre Hohepriester. Warum hatten sie ihr Volk dann immer und immer wieder besiegen können? Wie konnten sie mächtiger sein als die Götter? Sie erinnerte sich an die unzähligen Leiber in dieser riesigen Stadt. Es gab so viele von ihnen und vom alten Volk nur noch so wenige. War das der Grund?
Der schwarze Mann zog sie durch eine Tür hinein ins Haus, einen Gang entlang und in einen Raum, der überhaupt nicht wie ein Gefängnis aussah. Das Zimmer war nicht groß, doch so voller Regale an den Wänden, dass der große Tisch mitten im Raum kaum genug Platz hatte. Trotz der Sonne, die sanft durch die Ritzen der geschlossenen Fensterläden schien, wirkte das Zimmer bedrohlich. Eine eiserne Kette lag im Raum, ein Ende an einem Ring, der zur Hälfte in den Boden am Tisch eingelassen war. Gewaltsam zerrte er sie zu sich und drückte sie mit dem Bauch auf die Tischplatte. Nimue verkrampfte, jede Faser ihres Körpers schrie in Erwartung an die Gewalt, die nun folgen mochte. Doch es geschah nichts. Sie fühlte, wie sich Eisen um ihr linkes Fußgelenk legte. Es saß locker, doch niemals würde sie ihren Fuß dort hindurchzwängen können. Zu ihrer Überraschung löste er die Eisen an ihren Händen und gab sie frei. Wund gescheuert, versuchte sie das erste Mal seit ihrer Gefangennahme ihre steifen und schmerzenden Handgelenke zu bewegen. Für einen kurzen Moment dachte sie daran zu fliehen, irgendeinen Gegenstand in ihrer Nähe als Waffe zu benutzen, ihn zu schlagen und fortzulaufen. Ihre Finger zuckten, nur eine kleine Bewegung. Doch sie reichte aus. Zornig packte er sie im Nacken und presste sie erneut auf die Tischplatte.
„Denk nicht einmal daran“, zischte er gefährlich leise in ihr Ohr. „Solltest du jemals versuchen zu fliehen oder mir nicht gehorchen, werde ich dich von den Hunden zerfetzen lassen.“
Sein Griff an ihrem Hals verstärkte sich, presste ihren Kehlkopf zusammen, panisch schnappte sie nach Luft.
„Hast du mich verstanden?“, der Druck in ihrem Kopf stieg an und sie nickte. „Gut.“
Er ließ ab, hektisch holte sie Luft, hustete, atmete. Ihr Blick blieb einen Augenblick verschwommen. Der schwarze Mann warf ihr etwas zu, weißer, leichter Stoff landete vor ihr. Wie ein Leichentuch.
„Zieh dich um“, befahl er, gehorsam stemmte sie sich hoch, griff nach dem Stoff, ein Kleid, kein Leichentuch. Es war den traditionellen Gewändern der Priesterinnen nachempfunden. Zitternd entkleidete sie sich und zog das neue Gewand über ihren Kopf. Hauchdünn lag es auf ihrer Haut und war kaum als Kleidung zu bezeichnen. Eine Weile betrachtete der Mann sie, zufrieden wandte er sich ab und setzte sich hinter den großen Tisch.
„Ich bin Vittor Thun, 403. Kommandant der Schwarzen Garde Ihrer Majestät Vittorja aus dem Haus Naxxar, unser aller Königin und Herrscherin über Nadur und der Kolonien im Süden. Du gehörst mir, ich habe dich gekauft. Du wirst mich Herr nennen, du wirst nur sprechen, wenn ich es dir erlaube, du wirst essen, wenn ich es dir erlaube, und schlafen, wenn ich es dir erlaube. Du wirst mir und dem Titel, den ich trage, den nötigen Respekt erweisen“, es folgte keine Drohung, falls sie nicht gehorchen sollte, keine Ankündigung, die ihr Angst machen sollte, denn jedes seiner Worte hatte ihr bereits Furcht bereitet. „Ich möchte, dass du nickst, wenn du verstanden hast.“
Und Nimue nickte.

Der Kommandant der Schwarzen Garde hielt sie in seinen Räumen wie sein Haustier, das hübsch begafft und nicht angefasst werden durfte. Er versorgte ihre Wunden mit Salbe und gab ihr zu Essen und zu Trinken. Er kleidete sie in Gewänder aus Seide und Batist und ließ Sivan mit zitternden Händen kleine Perlen und Glöckchen in ihr blondes Haar flechten.
Gardisten gingen im Zimmer ein und aus. Sie berichteten ihrem Kommandanten, nahmen Befehle und Schriftstücke entgegen. Niemand nahm Anteil an ihrem Schicksal und nach einigen Tagen, verlor ihre Anwesenheit den Reiz des Neuen. Nimue erhaschte Blicke auf beschriebenes Papier, besah die Rüstungen der Gardisten, sah ihre Waffen. Sie alle trugen schwarze, lederne Harnische, dunkle Tücher verhüllte ihre braun gebrannten Gesichter. Neben einem Schwert, hing immer auch ein schlanker Dolch an ihren Gürteln. Sie rochen nach Pferd und Leder und dem Staub der Straße, doch manchmal auch nach Gewürzen, nach frisch gebackenem Brot, nach Sex und fremden Körpern.
Tagsüber löste der Kommandant ihre Fesseln nur, um sie zum Abort bringen zu lassen. Abends, um sie in eine winzige Zelle nicht weit entfernt zu bringen. In diesen kurzen Momenten prägte sie sich den Verlauf der Gänge ein. Der Abort war hinter dem Stall neben dem Misthaufen. Von dort wärebes nicht weit bis zum Tor und hinaus, weg, nur fort. Auf dem Rückweg wurde sie jedes Mal an einem großen, rechteckigen Saal ohne Dach vorbeigeführt, in dessen Mitte sich ein Wasserbecken befand. Der Kommandant ließ sie nie in die Nähe dieses Beckens. Waschen konnte sie sich mit Wasser in einem Eimer und einem Stück Seife, das nach Lavendel stank. Einen Geruch, den er sehr zu mögen schien. Er sah ihr zu, wenn sie sich wusch, manchmal kam er näher und roch an ihr. Und so wartete sie auf das Schlimmste. Solange sie verletzt und schwach schien, rührte er sie nicht an. In naiver Verzweiflung hoffte sie, er würde das Interesse verlieren. Doch ihre Hoffnung verblasste, als sie das erste Mal seine Blicke bemerkte. Anfangs waren es kurze Augenblicke, in denen er von seinen Dokumenten aufsah und sie gierig betrachtete, dann eines Abends besah er sie eingehender. Sein dunkler Blick ruhte auf ihrem Körper, wanderte von ihrer Brust hinab zu ihren Schenkeln. Übelkeit stieg in ihr auf und eine vollkommen neue Art der Furcht. Kein Sidhe würde es wagen eine Priesterin oder einen Priester so anzusehen. Sie waren heilig und unberührbar. Doch die Menschen kannten ihre Gebräuche nicht. Vittor Thun würde sich nehmen, wonach es ihm beliebte. Er würde tun, was ihm beliebte.
Scharrend schob sich sein Stuhl über den unebenen Boden, als er sich erhob und einige Pergamentrollen vom Tisch hinüber in eines der Regale sortierte. Doch er ging nicht zurück, er blieb stehen und musterte sie unverhohlen.
„Deine Verletzungen sind geheilt“, sagte er mehr zu sich selbst, als zu ihr. Er kam immer näher, in seinen Augen flackerte Gier. Nimue wich zurück, entfernte sich soweit von ihm, wie es die Kette im Boden zuließ. Der Kommandant griff nach ihrem Handgelenk. Zärtlich strich er über das verblassende Mal der Fesseln, seine Finger krochen unter den zarten Stoff und fuhren über ihre blasse Haut. Nimue wandte den Blick ab, schloss die Augen, verschloss ihren verängstigten Geist. Ihr Herz hämmerte unsanft in ihrer Brust, während die Angst ihre Kehle hinaufkroch und sich wie Blut und Eisen auf ihre Zunge legte. Wasser sammelte sich unter ihren Augenlidern. Sie wünschte sich fort, weit fort. Zurück in ihre Heimat, zurück nach Hause. Zu Kellan, nur heim, nur fort von hier.
„Sieh mich an“, befahl er leise, seine Stimme so nah, seine Lippen beinahe auf ihrer Haut. Tränen rannen über ihre Wangen, als sie die Augen öffnete und sein Gesicht viel zu nah vor ihrem erkannte. Zärtlich strich er ihre Tränen mit dem Daumen davon. Nimue zitterte, zerrte an der Fessel, doch sie hielt stand. Der Kommandant ignorierte ihren kläglichen Fluchtversuch und legte seine warme Hand in ihren Nacken, zog ihren Kopf zu sich. Verzweifelt wand sie sich, stemmte ihre Fäuste gegen seine Brust, trommelte, schlug auf ihn ein. Doch er packte nur ihre Handgelenke und zwang sie nach unten.
Etwas entlud sich mit einem Krachen in ihrem Kopf. GENUG, schrie jede Faser ihres Körpers, GENUG! Kraftvoll stieß sie ihren Fuß vom Boden ab und rammte ihr Knie in seinen Unterleib. Sofort ließ er von ihr ab, krümmte sich und ging schließlich in die Knie. Nimue trat erneut zu und brach knirschend sein Nasenbein, Blut schoss aus seinem Gesicht. Den Schmerz in ihrem Fuß ignorierend, griff sie hektisch nach seinem Gürtel, fand den Schlüsselbund, den er immer bei sich trug und rammte panisch den größten der Schlüssel in das Schloss an ihrem Fuß. Klirrend viel die Kette zu Boden. Fassungslos über ihre wiedergewonnene Freiheit verharrte sie einen Moment. Dann begann sie zu rennen. Hinaus aus dem Raum. Den Gang entlang am Schwimmbecken vorbei zum Ende des Gebäudes. Sie stürzte durch die Tür nach draußen auf den Platz der Kaserne und fand sich inmitten von Gardisten. In ihrer blinden Flucht rempelte sie einen Gardisten an, stolperte und stürzte auf die heißen Steine. Schreie folgten ihr. Jemand packte sie, versuchte sie aufzuhalten, doch die Angst verlieh ich eine ungeheure Kraft. Sie riss sich los.
„HALTET SIE!“, hörte sie den Kommandanten hinter sich schreien. Blut lief über seinen Mund sein Kinn hinab und tränkte sein schwarzes Hemd.
„HALTET SIE!“, wiederholte er und man stürzte sich auf sie. Hände griffen nach ihr und zwangen sie schließlich zu Boden. Panisch schlug sie um sich, trat und kratzte, doch die Männer hielten sie fest. Auch ihre Nase blutete nun, ihre Lippe war aufgeplatzt.
„Gebt mir ein Schwert“, befahl Vittor Thun und man reichte es ihm. „Streckt ihre Beine aus.“
Nimue stemmte ihre nackten Füße in den Boden, trat nach den Händen, die sie festhielten, kämpfte verbissen und voller Panik, voller Wut in ihrem kleinen, verängstigten Herz. Doch man zerrte ihre Beine in die Länge.
„Töte mich!“, spie sie dem Kommandanten entgegen. „Töte mich!“
Dann wäre es vorbei und sie würde Kellan wiedersehen.
„Sieh mich an“, befahl der Kommandant mit ruhiger Stimme. „Du wirst nie wieder fortlaufen können.“
Dann schlug er zu. Krachend splitterten die Knochen unter der Klinge. Nimue schrie auf, als er ihren rechten Fuß zertrümmerte und ein nie gekannter Schmerz ihre Nerven zerriss. Scharf ragten die weißen Knochen aus der zerfetzten Haut. Warm rann das Blut aus ihrem Körper. Heiße und kalte Wellen wanderten über ihre Haut, ihr Kopf dröhnte, als Sterne vor ihren Augen explodierten. Sie bekam keine Luft, keine Luft... Sie befahl sich zu atmen, langsam, gleichmäßig. Keine Luft, nur Schmerz, nur ein schriller, jaulender Schrei, der ihre Trommelfelle zerriss. Nur aus dem Augenwinkel sah sie, wie der Kommandant erneut die Klinge hob. Sie strahlte rot im Sonnenlicht als sie niederging und auch die Knochen ihres linken Fußes zertrümmerte.
Funken blitzten vor ihren Augen, dann verlor sie das Bewusstsein.
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