Das Andere Volk

GeschichteDrama / P18
07.02.2017
19.10.2018
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Dieses Kapitel
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Dunkelheit, drückend, beklemmend, unerträglicher als jede Zelle, jede klirrende Kette. Gefesselt durch Blindheit, das Unvermögen zu sehen, zu erkennen, wo sie war.  Der Boden unter ihr trocken, staubig, Wände umgaben sie, geschlagen aus Fels, so tief unter der Erde. Die Luft kalt, abgestanden, nichts regte sich, wie lange sie schon hier unten war? Es stank erbärmlich, nach Tod, nach Fäkalien. Manchmal konnte sie Stimmen hören, Schreie verhallten scheinbar ungehört im Labyrinth unter der Erde. Ihr einziger Kontakt ein gesichtsloser Mann, der ihr einen Eimer und einen Krug gebracht hatte, wenigstens musste sie sich so nicht in einer Ecke erleichtern. Das Wasser im Krug war schal gewesen, faulig, schmeckte brackig. Sie hatte es getrunken, als wäre es klares Quellwasser. Auch das trockene, schimmelige Brot hatte sie verschlungen.

Sie kauerte in einer Ecke, zählte ihre Herzschläge, hörte das bedrückende Rauschen ihres eigenen Blutes. Diese Stille, diese Stille machte sie wahnsinnig, schmerzte in ihren empfindlichen Ohren. Nie war sie solcher Ruhe ausgesetzt gewesen, nicht damals und nicht seit sie hierher gekommen war. Anfangs hatte sie Lieder gesummt, hatte versucht ihren eigenen Gedanken zu entkommen, diese Stille zu übertönen. Sie hatte geschrien, nur um ihre eigene Stimme zu hören, zu wissen, dass sie nicht ihr Gehör verloren hatte, dass sie nicht tot war. Schnell hatte sie aufgehört, sie hatten ihr unsanft mitgeteilt, dass jeder Ton, jedes Geräusch unerwünscht war. Noch immer spürte sie die Hitze des Brandeisens.

Schritte, leise, langsam. Sie kamen näher. Erwartungsvoll erhob sie sich, versuchte die Entfernung auszumachen, versuchte die Person an ihrem Gang zu erkennen. Zwei Wachen konnte sie bereits unterscheiden, beide liebten das Brandeisen… Sie hörte das Klirren von Metall, wie es gegen anderes Metall schlug. Ein Schlüsselbund. Der Schlüssel kreischte im Schloss ihrer Zellentür, ein sanftes Klicken. Jemand packte sie, stülpte einen Sack über ihren Kopf. Sofort schlug ihr der Geruch nach Erbrochenem entgegen, nach Blut, nach Tränen, Schweiß. Sie würgte.

Sie wurde hinaus gezerrt. Der raue Stoff rieb unangenehm auf ihrer Haut, drückte seinen Geruch gegen ihr Gesicht, Ekel überkam sie, würgte sie, schüttelte sie. Ihre Beine liefen, berührten den glatten Boden unter ihr. Nach oben, sie brachten sie hinauf. Gedämpftes Licht drang durch die Ritzen des Stoffes, blendete ihre sensiblen Augen. Nur verschwommen nahm sie die Welt um sie war, Gänge, Fackeln, Männer vollkommen in schwarz. Man brachte sie in einen großen Raum, er musste groß sein, die Schritte verhallten mit diesem bestimmten Klang. Erneut rieb der Sack an ihrem Gesicht, wurde weggezogen.  Ihr Magen zog sich zusammen und erbrach grünliches Wasser mit Brocken halbverdautem, faulen Brotes. Saurer Geschmack breitete sich in ihrem Mund aus, noch einmal verkrampften sich ihre Eingeweide, entledigten sich der letzten Nahrungsreste. Einen kurzen Augenblick betrachtete sie den Schleim vor ihr auf dem Boden, dann wurde ihr Kopf nach oben gezerrt, man zwang sie ins Licht zu sehen.

„Gebt ihr etwas, um sich zu säubern.“, eine Männerstimme, ganz nah, schräg hinter ihr.

Jemand reichte ihr ein sauberes Tuch. Beinahe dankbar nahm sie es entgegen, wischte über ihren Mund. Angeekelt spuckte sie aus. Kurz senkte sich Schweigen über sie. Stille, bis auf die sanften Atemzüge dreier Männer, das Scharren schwerer Stiefel über sandigem Boden, Rascheln und Klirren von Kleidern und Waffen.

„Wer bist du?“, fragte der Mann hinter ihr, erlaubte ihr wieder den Kopf zu senken.

„Ich habe mich wie jeder Andere registrieren lassen.“, ihre einzige Antwort, eine kratzige Stimme, ihre Zunge schwer, immer noch der saure Geschmack Erbrochenem im Mund.

„Ich habe nach deinem Namen gefragt.“

Stumm hob sie ihren linken Arm, demonstrativ zog sie den dreckigen Stoff bis zum Ellenbogen, entblößte eine Nummer, fein säuberlich unter die Haut gestochen.

„Achthundertdreiundzwanzig.“, ihre Hände ballten sich zu Fäusten.

Dann kam der Schlag, warf ihren Kopf herum, ließ ihre Lippe platzen.

„Name.“

Sie schwieg. Sollten sie in den Listen nach ihr suchen, es war ihr gleich. Ein Seufzen, gespielte Enttäuschung. Der Mann beugte sich zu ihr hinab, strich über ihre blutende Lippe. Geschnittene Fingernägel, ganz ohne die schwarzen Ränder unter den Nägeln. Er roch sauber, es verwunderte sie. Vorsichtig entfernte er das Blut, dann schlug er erneut zu. Ringe bohrten sich in ihre Wange, rissen ihre Haut auf.

„Gut.“, seine Stimme ganz nah, fast an ihrem Ohr, „Wo ist Vael?“

Ihre Züge verhärteten sich, ihre Lippen zu einem schmalen Strich gepresst, die Augen krampfhaft geschlossen. Ihr ganzer Körper verriet sie, verhöhnte sie. Ein leises Lachen, wieder seine Finger, diesmal in ihrem Haar, das in verfilzten Strähnen über ihren Rücken fiel.  Unerträglich sanft schob er es über ihre Schulter, entblößte ihr spitzes Ohr, entblößte ihr geschundenes Gesicht.

„Wir werden viel Spaß haben, 823.“
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