Mr. Unperfekt

GeschichteRomanze / P18 Slash
05.02.2017
28.05.2020
29
39.961
22
Alle Kapitel
108 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
 Datenschutzinfo
23.05.2020 1.509
 
„Alles klar mit dir?“, fragte Sandro und musterte mich weiterhin. Ich konnte förmlich die Fragen, die in seinem Kopf rotierten, sehen. Aber ich hatte verdammt noch mal keine Lust zu reden. Zu denken. Ach, was auch immer! Ich wollte hier arbeiten und alles verdrängen. Benny und seine Worte ausblenden.
„Klar!“, erwiderte ich, während ich die nächste Bestellung fertig machte, und rollte mit den Augen. Kam ja auch so oft vor, dass ich hier vorbei kam, und anfing ungefragt die Bar zu schmeißen.
„Du machst das gut! Willst du hier anfangen?“, scherzte mein Gegenüber und ahnte nicht, wie er in das Wespennest stocherte.
„Sehr gut möglich, dass ich das Angebot annehmen muss. Bring mir schon mal die Bewerbungsformulare!“, konterte ich und lächelte einem neuen Kunden zu. Aus dem Augenwinkel sah ich noch, wie Sandros Gesichtszüge entglitten. Ja, der liebe Sandro. Wir kannten uns schon ewig. Erst als einfachen Gast in meinem Klub und als er ein paar Jahre später seinen eröffnet hatte und ich ihm sozusagen mit all meinem Wissen zu Rate stand, wurde sowas wie Freundschaft daraus. Wir klebten jetzt nicht ständig an einander, aber wenn wir uns sahen, verstanden wir uns meistens doch recht gut. Zumindest so gut, dass jeder dem anderen ohne zu zucken die Wahrheit ins Gesicht sagen konnte.
„Willst du reden?“, fragte er vorsichtig nach, als er seine Gesichtszüge wieder unter Kontrolle hatte. Und ich musst fast richtig schmunzeln, aber nur fast.
„Nein, ich arbeite lieber noch ein wenig!“ Und um meine Worte zu untermauern kümmerte ich mich gleich mal um die Neuankömmlinge.
„Du musst nicht ...“, fing er an, und ich fiel mich ihm gleich mal ins Wort. „Aber ich will! Lass mich einfach, ok! Ich brauch das jetzt zum Auspowern. Denn die Alternative wäre, mich sinnlos zu betrinken, und das will ich nicht! Ich hatte mir in letzter Zeit schon genug Fehler erlaubt!“, versicherte ich und wandte mich von ihm ab. Er schien verstanden zu haben, dass ich meine Ruhe brauchte, zumindest verließ er mich und schlenderte rüber zu seinem Partner, der uns schon neugierig beobachtet hatte.

Und so arbeitete ich, bis in die Morgenstunden. Da Roman nicht mehr aufgetaucht war, würde er mich bestimmt nicht zu Hause vermissen. Wenigstens schien es bei ihm gut zu laufen. Hoffte ich jeden Falls. Aber eine frische Liebe, die ohne Vergangenheit daher kam, war auch viel leichter zu händeln, als eine abgefuckte, aus hundertjähriger Freundschaft. Vielleicht sollte ich doch mit Sandro reden. Er hatte schließlich auch seinen besten Freund zum Partner auserkoren.
„Fertig?“, fragte da auch schon dieser und setzte sich auf einen Barhocker mir gegenüber. Alle anderen waren bereits gegangen, während ich zum fünften Mal über die Theke wischte. „Einen Feierabeddrink?!“, stellte ich die Gegenfrage und goss uns zwei Whiskey ein, ohne eine Antwort abzuwarten. Den hatten wir uns verdient. Ich zumindest. Und mit geölter Kehle ließ sich doch gleich viel leichter reden.
Er schwieg und wartete ab, bis ich mit meinem Glas die Bar umrundete und mich ihm gegenüber niederließ.

„Ich bin verknallt in meinen besten Freund!“, lachte ich auf. „Kommt dir das irgendwie bekannt vor? Und dieser will, aus dem Geschäft aussteigen!“, eröffnete ich, setzte  meinen Drink an die Lippen und kippte ihn im Ganzen hinunter.
„Du und Benny also ...!“, seufzte Sandro und nippte an seinem Glas.
„Ja, ich und Benny ...“, seufzte auch ich. Er klang nicht überrascht, aber das ignorierte ich einfach. Darum ging es mir auch gar nicht. Was nützte es mir, wie viele schon darauf spekuliert hatten?
„Was ist passiert?“, wollte er nach einer Weile wissen, während das Schweigen sich zwischen uns ausgebreitet hatte. „Ich hab ihn geküsst, er ist ausgeflippt und nun will er so schnell wie möglich das Weite suchen.“, erklärte ich ihm die Kurzfassung. Den alles was Ben in letzter Zeit tat, war Abstand zu mir zu gewinnen. Wenigstens das war mir in alle der Zeit an der Bar bewusst geworden.
„Klingt nicht gut!“, erwiderte Sandro und musterte mich eingehend.
„Ach nein?“, wollte ich sarkastisch wissen. „Verdammt, ich will ihn nicht verlieren!“, dabei sah ich in das leere Glas. Was hätte ich dafür gegeben, wenn da noch ein Schluck drin gewesen wäre, aber aufstehen, und noch mal du Bar umrunden, stand irgendwie auch nicht zur Option. „Er hat mir ins Gesicht gesagt, dass er nicht mehr mein Freund ist!“, fügte ich nach einer Weile an und spielte mit dem Glas in meiner Hand. Für irgendetwas musste es doch gut sein.
„Das hat er bestimmt nicht ernst gemeint!“, versicherte mir Sandro sogleich. „In Wut sagt man oft Dinge, die man gar nicht so meint.“
„Kann sein ...“ Ich ließ die Schultern hängen. „Aber ich glaube nicht, dass er sich auf mich einlassen würde. Er denkt, ich will mit ihm spielen, weil mich in letzter Zeit alle anderen langweilen und er wahrscheinlich jetzt eine Herausforderung darstellt.“
„Kannst du es ihm verübeln?“ Seine Frage klang nicht als Vorwurf, er hatte es sogar ganz sanft gesagt. Und ja, oder nein, ich konnte es ihm nicht Verübeln. Ich an seiner Stelle würde auch nichts mit mir anfangen wollen. Und trotzdem war da plötzlich diese Sehnsucht nach ihm. Wieso war mir das zuvor nie aufgefallen? Er war nie eine Option. Nie. Immer nur der Kumpel, mein Freund. Mein bester Freund, der auf mich aufpasste, der oft genug nach mir aufräumte.
Also schüttelte ich den Kopf. „Aber ich kann ihn nicht gehen lassen. Ich würde keine Nacht im Big Mouth ohne ihn ertragen. Das ist unser Baby. Wir haben alles gemeinsam entschieden, gemeinsam aufgebaut. Überall ist er.“

„Das versteh ich. Aber ich versteh auch Benny.“, erwiderte Sandro und nippte erneut an seinem Drink. „Ja, natürlich versteh ich ihn auch. Aber was kann ich tun, um ihm zu zeigen, dass es mehr ist, als nur ein Spiel?“, stellte ich die Frage, aller Fragen. Wie konnte ich ihm das beweisen.
„Bist du dir den sicher? Nimms mir nicht krumm. Aber du warst wirklich noch nie der Typ für mehr.“ „Du auch nicht“, erinnerte ich ihn daran. „Wie war das, keinen Kerl zweimal?“ Er grinste und prostete mir zu. „Aber mein Herz gehörte in dieser Zeit schon jemanden. Es stand quasi nicht mehr zum Verkauf.“, erklärte er mir selig lächelnd.
„Es war irgendwie, ich weiß auch nicht.“, fing ich nach einer Weile der Stille an. „Es war dieser Moment vor unserem Kuss, der irgendwie immer noch andauert. Wenn er mich ansieht, und das Feuer in seinen Augen brennt, dass sonst nie da ist, außer bei mir, dann kann ich nicht anders. Das ist wie eine Droge, ich will mehr davon, es macht mich high und lässt mich fliegen. Eine harte Droge, die abhängig macht, von dem ersten Kosten. Ich will ihn, er ist immer präsent in meinem Kopf. Und nein, ich weiß nicht, ob das vergeht, wenn mehr zwischen uns wäre. Ob es seinen Reiz verlieren würde. Ich weiß nur, dass es sich dieses mal anders anfühlt. Anders, als bei allen anderen! Gott ...“, stöhnte ich auf und fuhr mir durchs Gesicht. „Er ist doch eigentlich nicht mein Typ. Weder Aussehen, noch Charakter, noch sein Auftreten. Er hat recht. Es kann doch gar nicht funktionieren.“, beendete ich meinen Gefühls- und Gedankenstreaptis und sehnte mich erneut nach einem Whiskey.

„Hmm ...“, seufzte Sandro und schien zu überlegen, was er mir raten könnte. „Ich weiß es ist abgedroschen, aber Reden hilft.“, schlug er vor und ich rollte mit den Augen. „Ich wollte ja reden.“, erwiderte ich. „Nur ging das nach hinten los. Und irgendwas sagt mir, dass mein Herzblatt nicht bereit ist, mit mir zu reden.“, fügte ich an und ließ die Schultern hängen.
„Sei ehrlich. Mach ihm keine Versprechungen, die wird er dir sowieso nicht glauben. Aber vielleicht probiert er es dann mit dir.“, überging er meine Aussage.
„Und wenn ich es kaputt mache?“ Niedergeschlagen fuhr ich mir zum gefühlt Tausendsten mal durchs Gesicht. „Ist es den nicht schon kaputt?“, wollte er wissen und stellte sein nun auch leeres Glas auf den Tresen. „Du hast nichts mehr zu verlieren, wenn es tatsächlich so ist, das Ben aussteigen will und dir die Freundschaft gekündigt hat.“, fasste er noch einmal meinen tollen Abend zusammen. Auch wenn mich dieser Gedanke niederzog, so hatte er doch recht. Ich hatte Benny schon verloren und eigentlich gab es nur eine Frage: Kämpfen oder Aufgeben ...

„Ich muss los!“, verkündete ich und sprang vom Barhocker. „Danke, Sandro!“, rief ich noch über die Schulter, als ich auch schon auf den Ausgang zu lief.
„Mach keinen Scheiß!“, schrie mir dieser hinterher. Doch das wollte ich gar nicht hören. Noch im Rennen holte ich mein Handy aus der Hosentasche und checkte die Verbindungen der U-Bahn. Wollte nicht ewig auf ein Taxi warten und hatte Glück. Wenn ich mich beeilte, würde ich die Nächste noch erwischen. Daher beeilte ich mich und stand keine dreiviertel Stunde später vor seiner Tür. Witzigerweise, hatte ich mir die ganze Zeit über nicht einmal überlegt, was ich nun sagen sollte. Also stand ich einfach nur da, hinter mir die aufgehende Sonne, die den neuen Morgen ankündete und vor mir die schwarze Tür, die vielleicht meinen endgültigen Weltuntergang bedeutete.

Kämpfen oder fliehen, kämpfen oder fliehen, kämpfen ...?
Review schreiben