Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Ein Mann. Eine Kugel. Ein Wort.

von Av4l4rion
GeschichteAllgemein / P12
Aramis Athos D'Artagnan OC (Own Character) Porthos
04.02.2017
28.10.2020
35
63.420
9
Alle Kapitel
19 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 
04.02.2017 2.190
 
Liebe Leser,

wie in der Kurzbeschreibung ja schon beschrieben, habe ich gemeinsam mit Smilla Birchshield, deren Geschichten ich gesuchtet habe ein lang ersehntes Projekt begonnen. Und zwar schreiben wir schon seit einigen Abenden ganz fleißig gemeinsam an einer neuen Geschichte zu den Musketieren, in denen eine Person aus unserer Zeit mit Handfeuerwaffe ins 17. jahrhundert gezogen wird und dort mit den Musketieren gemeinsam eine fiese Intrige aufdecken muss.
Hier findet ihr nun das erste Kapitel. Ich hoffe sehr auf positive Ressonnanz dazu :)

--

Laut und deutlich schrillte mein Wecker und holte mich so aus dem tiefen traumlosen Schlaf, in dem ich bisher herumgedümpelt war. Unwillig öffnete ich die verklebten Augen und warf einen Blick auf die Uhr, die ich durch meine verschlafenen Augen nur undeutlich erkannte.
6:30 Uhr. In einer Stunde begann meine Vorlesung in Mittelalterlicher Geschichte Frankreichs an der Universität Paris-Sorbonne.
Ich drückte genervt die Schlummertaste meines Weckers und rollte mich auf den Rücken. Wenn ich pünktlich sein wollte und um noch einen guten Platz zu ergattern, müsste ich nun aufstehen. Aber mein Bett war so herrlich warm und kuschelig und ein kurzer Blick aus dem Fenster verriet mir außerdem, dass es draußen nicht nur kalt, sondern auch nass war.
Ich verzog das Gesicht. Es war Mitte Januar und seit einigen Wochen lag eine dünne Schneedecke über der französischen Hauptstadt. Dazu lagen die Temperaturen tags, wie nachts weit unter dem Gefrierpunkt – ganz und gar nicht mein Klima. Ich bevorzugte es im Winter, warm und kuschelig in meinem Bett zu bleiben. Mit einem guten Buch und einer Tasse Tee. Trotzdessen war ich die letzten Wochen noch zu jeder Veranstaltung in der Uni gewesen.

Seit einem guten Jahr studierte ich inzwischen an der Sarbonne in Paris Geschichte und Französisch auf Lehramt. Dafür war ich damals auch aus dem Elsass, wo ich eigentlich herstammte, in die pulsierende Hauptstadt gezogen.
Ich drehte mich auf die Seite, sodass mein Blick wieder auf den Wecker fiel. 6:38 Uhr. In zwei Minuten würde er das nächste Mal klingeln und mich vor die Wahl stellen, ob ich nun ausschlief oder die Veranstaltung wahr nahm. Im Kopf rechnete ich schnell durch, wie viele Vorlesungen mir noch bis zur Prüfung blieben. Drei oder Vier, errechnete ich. Eigentlich durfte ich da heute nicht krank feiern, sonst verpasste ich vielleicht wichtige Informationen.
„Ach wenn schon.“, grummelte ich dem Wecker zu und stellte den Alarm ganz aus. Ich konnte mir ja Christines Aufzeichnungen kopieren.
Fest entschlossen, erst zur zweiten Stunde zu erscheinen, schloss ich die Augen und versuchte, wieder einzuschlafen.
Aber meine Schuldgefühle hielten mich wach. Die und die Tatsache, dass mir plötzlich einfiel, dass Christine meist eher meine Aufzeichnungen kopierte, da sie Vierundzwanzig Stunden am Tag in dieses Buch vertieft war. „Die Drei Musketiere“, ein uralter Schinken von Alexandre Dumas.
Obwohl sich alles in mir dagegen sträubte, strampelte ich die Bettdecke weg und stand auf. Im Bad während des Zähne putzen schrieb ich Christine nebenbei, dass sie mir einen Platz frei halten sollte, weil ich gegebenenfalls später kommen würde, dann ging ich zurück in mein Zimmer und sammelte mir ein paar Klamotten zusammen, ohne näher darauf zu achten, was genau. Es war sowieso alles in einem Farbsprektrum von dunkelblau über grau nach schwarz gehalten.
Ich war nicht gerade das geborene Modepüppchen, sondern trug am liebsten andauernd Jeans und Kapuzenpullis, dunkle Wolljacken und lange Schals. Äußerst praktisch, wenn an überschüssige Pfunde verdecken wollte.
Die waren übrigens nicht mein einziges äußerliches Problem. Hinzu kam unreine Haut, eine Brille, mit der ich aussah, wie die Biene Maja und die ich dennoch tragen musste, wollte ich nicht jeden Laternenpfahl mitnehmen, und eine Wulst an braunen Haaren, die lieber in die Breite wuchsen, als in die Länge.
Nein, Optisch war ich nicht gerade der „Bringer“, wie man so sagte. Aber ich machte mir nicht viel daraus und hatte Freunde, die das genauso sahen, sodass ich mir dennoch nichts draus machte. Naja... zumindest nicht so viel. Manchmal schon, wenn ich deprimiert war. Andererseits bemitleidete ich alle Hungerhaken ohne Kurven, bei denen man Wirbel zählen konnte, wenn sie sich vorbeugten. Man konnte wie immer eben nicht alles haben.
Ich beendete meine Betrachtung im Spiegel, sammelte meine Unisachen zusammen und verließ leise, um meine Mitbewohner nicht zu wecken, meine Wohnung. Vor dem Haus nahm ich die Beine in die Hand, denn der Bus fuhr gerade an mir vorbei, um an der nahegelegenen Bushaltestelle zu halten. Dank viel Glück und einem geneigten Busfahrer erreichte ich das Fahrzeug und fuhr zur Uni.
Während ich mir im Bus noch der letzte Regentropfen von der Nase in den Schal fiel, suchte ich nach einem Platz, was natürlich im morgendlichen Rushhour-Verkehr völlig Sinn frei war. Also schob ich mich an ein Fenster und beobachtete, wie draußen im Regen die Stadt der Liebe vorbei rauschte, während ich mich gleichzeitig fragte, wo dieses Stückchen Liebe für mich blieb und wie es bei so kalten Temperaturen überhaupt regnen konnte. Zu ersterem dachte ich an ein paar Annäherungen, die jedoch nie tiefer gegangen waren. Kann man die Verheißung der Stadt vielleicht auch auf Freundschaft beziehen? Die hatte ich hier nämlich eindeutig gefunden, selbst wenn sie ständig nach meinen Notizen fragte und nur noch von diesem Charmebolzen aus ihrem Dumas-Roman schwärmte und mir damit gelegentlich auf die Nerven fiel. Zu letzterem fiel mir partout nichts anderes ein, als mir meine Mütze fester um die Ohren zu ziehen und in die Hände zu hauchen.
An der Uni schlitterte ich mit weiteren Nachzüglern über den Campus, Regen auf Schnee war eben doch garstig. Christine saß dort, wo wir uns kennen gelernt hatten und seither am liebsten saßen, links, fast hinten. „Es ist unglaublich, Dumas beschreibt es exakt so, wie der Prof es erzählt, was die Geschehnisse der Zeit angeht.“, sagte sie freudestrahlend und begrüßte mich mit Küsschen links, Küsschen rechts. Etwas, an das ich mich erst hatte gewöhnen müssen, selbst mit einigermaßen fremden Leuten so auf Tuchfühlung zu gehen.
„Dumas hat zu der Zeit gelebt.“, antwortete ich und verkniff mir das Augenverdrehen. „Es gefällt mir zu unserer Zeit besser, aber die Kavaliere sind über die Jahrhunderte verloren gegangen. Stell dir mal vor, der Mann bietet dir immer den Arm zum Geleit an, ist höflich, zuvorkommend, charmant...“ Christine träumte gerne.
Sie hatte ein paar üble Typen probiert und war leider nicht viel erfolgreicher, als ich, was das anging, obwohl sie eher zur Hungerhakenfraktion gehörte. „Stell dir nur mal vor, es gäbe wieder gut gekleidete Gentlemen im Dienste der Krone, so wie...“ Oh nein, gleich würde sie ihn wieder nennen, diesen Namen von dem ach so berauschenden Soldaten, der auf hundert Schritt Leute zielgenau mit einem Schuss ins Herz umbringen konnte – mit einer Muskete, um genau zu sein - der dafür aber ein absoluter Frauenversteher war, der für sie aber doch nur ein Hirngespinst bleiben würde, „Aramis.“ Sie seufzte seinen Namen eher als dass sie ihn aussprach. Und damit hingen wir beide einige Augenblicke unseren jeweils eignen Träumereien nach.
Meine hielten sich aber eher an die Schießkünste, als an dem Mann, denn ich selbst würde auch gern so schießen können. Über den Unisport war ich an einen Sportschützenverein gekommen und ich nutze es als Ausgleich um den Kopf frei zu bekommen. Wenn ich eine Pistole in der Hand hielt, gab es nichts als pure Konzentration auf das Ziel. Kein Klausurstress, keine kaffeefleckigen Notizen, kein Handylärm, nur die Waffe, das Ziel und mich. Natürlich war ich ein bisschen eifersüchtig auf die fiktive Figur, selbst wenn ich mir ihren Namen nicht merken konnte. Wer würde nicht gern so zielsicher treffen können? Zum Schießen würde ich aber morgen Nachmittag erst wieder kommen.

In der Mensa fing sie beinahe wieder damit an. Mit der Nase hing sie wieder in dem Buch, statt über ihren Nudeln. Genervt und fasziniert, wie man selbst beim fünften Mal lesen noch so gebannt sein konnte, dass sie beinahe das Essen vergaß. Ich schaute mir das an, bis es mir zu bunt wurde, dann zog ich ihr das Buch weg und warf es in meine offene Tasche. „Es ist schön, wie viel Aufmerksamkeit du mir tatsächlich zukommen lässt.“, kam ich ihrem Protest zuvor. „Es wäre noch schöner, wenn du dabei auch noch mit mir reden würdest.“ „Aber…“
„Ich lade dich nachher auf'n Kaffee hinter der Isle de la Cite ein und danach kriegst du es wieder.“
„Du solltest es lesen, statt dich so drüber aufzuregen.“
„Ich lese vor meiner Klausur nur noch meine Notizen, ich bin nämlich leider nur mindermäßig am Mittelalter interessiert, und das solltest du auch, also Kaffee nachher?“ „Mit Buch?“
„Danach.“
Sie setze ein zuckersüßes Lächeln auf. „Dann gern.“
Sie beugte sich wieder über ihren Teller, den sie bisher kaum angerührt hatte und der sicher längst kalt war. Kein Wunder, erkannte ich, dass sie so schlank war. Über das Lesen vergaß sie dauernd das Essen. Ich warf einen kurzen Blick auf das Buch in meiner Tasche, das schon ganz abgegriffen und vergilbt war. Vielleicht hatte sie gar nicht so Unrecht und ich sollte damit auch mal...
Energisch schüttelte ich den Kopf. Nein. Keine zehn Pferd brachten mich dazu, dieses Buch aufzuschlagen. Ich war zwar ebenfalls ein guter Leser, allerdings griff ich nur zu Romanen, wenn ich dazu genötigt wurde. Ansonsten trug ich meist wissenschaftliche Abhandlungen bestimmter Themen mit mir herum. Gestern erst hatte ich ein Buch über Quantenphysik und die wissenschaftliche Möglichkeit von Zeitreisen zurück in die Unibibliothek gebracht. Tatsächlich wäre es möglich, in die Zukunft zu reisen, wenn man sich mit Lichtgeschwindigkeit für eine Weile um ein Objekt großer Masse herum bewegt, aber als Geschichtsstudent interessiert mich natürlich die Vergangenheit, in die ich wegen des Zeitparadpoxons aber nicht kommen würde. Man könnte sich ja selber erschießen, bevor man zurückreisen könnte und dann würde man ja nicht mehr reisen und könnte sich nicht mehr erschießen. Womit wir wieder beim Schießen wären. Wie gern würde ich die Französischvorlesung sausen lassen und einfach heute schon zum Training gehen, aber das würde ich mir wohl nicht leisten können.

„Willst du weiter Löcher in die Luft starren oder auch endlich was essen?“, holte mich Christine nun wieder in die Wirklichkeit. Ich stellte meinen Blick scharf und sah sie an. Sie hatte inzwischen fertig gegessen. Ich musste wirklich lange in Gedanken gewesen sein.
„Wenn ich du wäre, würde ich mich beeilen. In einer Viertelstunde fängt deine Französischvorlesung an.“
Ich warf einen erschrockenen Blick auf die Uhr, die mir nur bewusst machte, dass Christines Uhr falsch ging. Tatsächlich hatte ich nur noch 8 Minuten.
Ich verzog das Gesicht und warf einen wehleidigen Blick auf die Nudeln, dann schob ich ihr den Teller hin.
„Hier, du hast sie nötiger als ich.“ Dann krallte ich mir meine Tasche und verließ mit einem „Wir sehen uns später“, die Mensa.
Christine und ich hatten nicht alle Vorlesungen gemeinsam. Ich als Lehramtsstudent musste Sachen, wie Pädagogik und Fachdidaktik besuchen und dazu die Vorlesungen meiner Fächerkombination. Sie studierte nur Geschichte, richtete aber ihre Vorlesungen so ein, dass wir zumindest da nebeneinander sitzen konnten. Manchmal kam sie auch zu Didaktik oder Französisch mit, heute hatte sie aber ein Tutorium, wie ich wusste.
Ich erreichte den Hörsaal zwei Minuten nach dem Gong und schaffte es noch, mich hinein zu schleichen und hinten hinzusetzen, ehe der Prof. mit seinen Ausführungen begann.

Zwei Stunden und gefühlte 1000 Deklinationen später erhob ich mich endlich von der hölzernen, sehr unbequemen Bank und streckte mich. Der erste Pulk an herausströhmenden Studenten war schon vorbei. Ich hatte ihn bewusst vorgelassen, anstatt mich dort einzureihen, da ich nun noch eine Freistunde hatte, ehe meine letzte Stunde an diesem Tag war. Ich beschloss, noch einen Abstecher in die Bibliothek zu machen, um dort ein wenig für meine Klausuren zu lernen. In der letzten Stunde würde ich dann Christine wieder sehen. Dann konnte ich ihr auch ihr Buch wieder geben, das Löcher in meine Tasche zu brennen schien.
Nach der Stunde spazierten wir untergehakt Richtung Isle de la Cité. Auf der gegenüberliegenden Seite der Seine gab es eine kleine Bäckerei, in die wir uns absolut verliebt hatten. Es war eine kleine, altmodisch rustikale Bäckerei, in der sie das weltbeste Gebäck und einen starken, karamellig nussigen Kaffee ohne Schnickschnack anboten. Weil das Backstübchen so ein Geheimtipp war, traf man hier meist die gleichen Leute an und an einem so verregneten Nachmittag waren wir eh beinahe alleine. Wie immer gab es für uns Kaffee und Cannelés und wir quatschten als hätten wir uns den ganzen Tag noch nicht gesehen. Das Rezept der Cannelés war hier angeblich ein seit Jahrhunderten gehütetes Geheimnis dieser Bäckerei. Letztlich kamen wir wieder auf die Vorlesung über mittelalterliche Geschichte, ich gab ihr das Buch zurück und sie insistierte noch einmal, ich möge es lesen, aber ich weigerte mich ein weiteres Mal und meinte, mittelalterliche Recken sein nicht mein Typ Mann. Damit ließ sie sich ausnahmsweise mal ziemlich einfach abspeisen, stattdessen schob sie sich noch ein Cannelés in den Mund und grinste mich zuckersüß an. „Wir gucken morgen Nachmittag die Musketiere bei dir in der WG.“, platze sie dann heraus. „Du entkommst mir nicht.“ „Ich bin morgen Nachmittag beim Training, aber ich frage, ob wir auch Musketen haben.“ Sie schnitt eine Grimasse, als sie merkte, dass sie bei mir auf Granit biss, gab sich aber geschlagen.
Review schreiben
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast