Bin ich gottlos?

OneshotAllgemein / P12
04.02.2017
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Bin ich gottlos?


Liebe LeserInnen,

bevor ich die Frage beantworten möchte, die ich im Titel formuliert habe, sollte ich vielleicht näher auf den Auslöser eingehen, der den Text hier hervorgerufen hat.

Es handelt sich um ein Gespräch, das ich mit anhörte und welches zwei völlig unterschiedliche Antworten auf die Frage „Was ist Gott für dich?“ bereithielt und mich dementsprechend meine eigene Einstellung zu dem Thema überdenken beziehungsweise reflektieren ließ.

Die beiden Gesprächsteilnehmer beantworteten die Frage nach ihrer Vorstellung von Gott also folgendermaßen:

Teilnehmer A sagte sinngemäß, für ihn wäre Gott eine übergeordnete Macht, eine Kraft, die aber keinen Körper hat und alles Geschehen auf der Erde lenkt. Dabei kann der Mensch nichts dagegen ausrichten, sondern muss annehmen, was ihm gesendet wird.

Teilnehmer B hielt dagegen, indem er die gewagte wie fragwürdige These aufstellte „Gott ist ein Mensch.“ Nicht nur arrogant und sogar im Sinne des Christentums verboten („Du sollst dir kein Gottesbild machen und keine Darstellung von irgendetwas am Himmel droben, auf der Erde unten oder im Wasser unter der Erde.“ (Ex 20, 4) Was wiederum sehr widersprüchlich ist, denn angeblich ist ja der Mensch nach dem Ebenbild Gottes geschaffen (Vgl. Gen 1, 27) → Also ein nachträgliches Verbot? Das bleibt zu diskutieren.)

Ich saß also dort, hörte diese unterschiedlichen Deutungen und Verständnisse von Gott an und dachte über meine eigene Meinung nach, die es immer kritisch zu hinterfragen gilt, egal, ob ich schon seit längerer Zeit zu dieser Überzeugung gekommen bin oder erst gestern.

Persönlich bin ich Atheist, ich glaube nicht an das Schicksal, auch nicht an eine höhere Macht, die mich meiner (Eigen-)Verantwortung sozusagen beraubt, ebenfalls nicht an Vorbestimmung oder sonstige mystische Erklärungsweisen, die unsere Erde zu durchschauen versuchen.

Mir ist es sogar schon fast egal, ob es nun der Urknall oder meinetwegen doch eine göttliche Schöpfung war, die mein Dasein auf dieser Erde erschaffen hat, denn – um hier aus einem Essay zu zitieren, der auch hier veröffentlicht wurde – „Ich bin ein endliches Wesen, als solches kam ich zur Welt, andere gibt es nicht. Während jeder Sekunde meines Daseins könnte es vorbei mit mir sein.“

→ Dementsprechend, was soll's?

Doch um auf den Titel dieses Schriftstückes zurückzukommen: Bin ich wegen dieser Einstellung gottlos? Ich muss doch auch nicht an den Wahrheitsgehalt einer Fabel aus Äsops Feder glauben, um aus der Moral etwas zu lernen, oder?

Um das zu beantworten fange ich einfach bei einem Zitat an, das ich mal in den Raum schmeißen möchte: „Wenn es einen Gott gibt, muss der Atheismus ihm wie eine geringere Beleidigung vorkommen als die Religion.“ (Edmond und Jules de Goncourt)

Aber warum überhaupt?

Zieht man die viel beachtete und in diesem Zusammenhang herangezogene Geschichte zu Rate, dann kann man sich diesem Eindruck eben nicht erwehren: Früheste Christenverfolgung, Kreuzzüge, die Reconquista, der heutige Terror im Namen des muslimischen Gottes und religiös motivierte Kriege sonstiger Art, nicht zuletzt die Verfolgung der Menschen jüdischen Glaubens seit der Spätantike (in diesem Falle Antijudaismus), die sich später sogar in den Antisemitismus verwandelte und nicht mehr nur die religiösen Bereiche ablehnte, sondern den Hass auf die Ebene der Herkunft lenkt.

Die Ablehnung der Religion kommt also nicht von ungefähr, denn dem ersten oberflächlichen Blick bieten sich eben nur Eindrücke, die den pejorativen Beigeschmack des Begriffes 'Religion' ausmachen und sicher auch bedingen.

Allerdings ist das recht einseitig und auch eindimensional die Religion als solche zu verteufeln. Etwas glauben ist per se nichts Schlechtes oder Verwerfliches, denn es gehen meist Werte mir ihr einher, die die Ablehnung des gesamten Konzeptes eigentlich relativieren könnten.

Die göttliche Liebe für seine Schöpfung, sofern man davon ausgeht, dass es eine göttliche Schöpfung gegeben hat, würde nämlich dazu führen, dass man auch als angebliches Ebenbild Gottes (wieder so ein maßlos arroganter Trugschluss, den der Mensch von einer von sich selbst als allmächtig, allgütig und allwissend bezeichneten Macht auf sich bezieht) die gesamte Schöpfung respektieren und ehren muss. Also auch die Homosexualität, die verschiedenen Farben der Haut und ebenso den Planeten und seine Lebewesen tierischer Art wie seine Ressourcen.

Es ist hier also der Mensch, der sich selbst auf die göttliche Ebene erhebt und sich das Recht herausnimmt über die von ihm propagierte Schöpfung Gottes als 'fehlerhaft' zu urteilen, indem er andere Religionen, Sexualitäten und Hautfarben als 'nicht konform' abtut.

Genau so ist es auch im Glauben beinahe schon enthalten, ihn als erschüttert zu sehen, wenn trotz der Güte und Liebe zu seinem Gott ein Unglück geschieht.

Hier widersprechen Gottesfürchtige ihrem eigenen Glauben ebenfalls, indem sie das als das Werk der Ungerechtigkeit und eines Fehlers in der Schöpfung bezeichnen, indem sie fragen: „Warum lässt mein Gott das zu?“ Das Warum ist allerdings nicht zu beantworten, es ist „ein Protest gegen einen quälenden Mangel an Logik in der Welt. Eine Reaktion auf eine offenbar rohe Sinnlosigkeit der Dinge.“ (Das Böse, Terry Eagleton)

Weil der Mensch es eben nicht versteht, entscheidet er sich dazu es als sinnlos oder gar bösen Willen zu verstehen und wendet sich vielleicht sogar von seinem Gott ab. Die Frage nach dem 'Warum?' beantwortet das Paradebeispiel für das scheinbar sinnlose Leiden Hiob allerdings folgendermaßen: „Nehmen wir das Gute an von Gott, sollen wir dann nicht auch das Böse annehmen?“ (Ij 2, 10) Hiob erkennt an dieser Stelle, dass Gott ihm gegenüber – also seiner Schöpfung gegenüber – keine Rechenschaft ablegen muss und das wiederum lässt ihn fromm bleiben und am Glauben festhalten, weil er seine eigene Kleinheit im Vergleich zu seinem Gott versteht und anerkennt (Vgl. Hiob – Dulder oder Rebell? Byzantinische Miniaturen zum Buch Hiob in Patmos [...], Paul Huber).

Dabei ist es doch nur unser Verständnis von sinnlos oder böse, das diesem Unglück seine negative Wirkung auf das Leben des Menschen gibt.

Erst durch ein Verständnis von gut kann ich ein Verständnis für das Böse haben, doch ist es nicht ein Gott oder eine höhere Macht, der böse oder ungerecht ist, sondern nur ich nehme es als Boshaftigkeit oder Ungerechtigkeit wahr.

Also: „Im Guten selber liegt ein Böses, weil die Selbstreflexion sich unumgänglich auf das Gute richtet. Um gut zu handeln, muß ich wissen, was gut ist. Weiß ich aber mein Handeln als gut, so bin ich schon in dem 'Rühmen' (Paulus), das das Gute trübt oder vernichtet.“ (Der philosophische Glaube angesichts der Offenbarung, Karl Jaspers)

Sieht sich ein Mensch selbst also als gut oder rechtschaffen an, so trübt er sein eigenes 'Gutsein' und stellt seine 'bösen' Erfahrungen in ein Licht, das er eigentlich gar nicht anschalten dürfte. Sein Gutsein wird durch die vermeintliche Erkenntnis, dass er gut ist, null und nichtig.

Es ist also nicht Gott, der das Schlechte auf den Menschen sendet, sondern der Mensch selbst, und das nur, weil er keine letzte Einsicht in das Geschehen hat und dem Irrglauben verfällt, ihm widerfahre Schlechtes. Dem Menschen mag es sinnlos vorkommen, wenn nicht sogar willkürlich (was ich sogar akzeptiere), doch hat zumindest in der Natur alles einen Zweck, und wenn er dem Menschen noch so boshaft vorkommt. Dadurch erhält sich die Ganzheit und das Gefüge, in dem die Ganzheit aufgeht und das wiederum ist aus menschlicher Perspektive beinahe schon zwanghaft als grausam zu bezeichnen (Vgl. Ebd.).

Ich persönlich akzeptiere diese 'Grausamkeit' beziehungsweise die Willkür, der alles unterliegt und versuche mir nicht alles mit einer höheren Macht zu erklären, die mich nach meinem Leben, das immer der Willkür und dem Desinteresse des Gottes ausgesetzt ist, eventuell in einem Paradies willkommen heißt, in dem ich sozusagen Wiedergutmachung für das Leiden auf der Erde erhalten werde.

Tröstend kann dieser Gedanke sein, doch was bringt es mir auf die Erlösung nach dem Tod zu warten, wenn ich doch jetzt schon frei und akzeptabel leben könnte?

Mir bringt es jedenfalls nichts, aber ob ich deswegen automatisch gottlos bin, wage ich zu bezweifeln.

Selbst Heiden wurden als 'gottlos' bezeichnet, dabei hatten sie mehr als genügend Götter, um alles andere als die Endung -los angehängt zu bekommen.

Hier wären wir wieder an dem Punkt angekommen, an dem eine monotheistische Religion einer polytheistischen Religion ihr eigenes Bild aufzudrücken versucht. Ich frage mich immer, welcher Grundgedanke es geschafft hat diesen Missionierungsgedanken anzutreiben.

War es der Durst nach Macht? Die Beruhigung des eigenen Gewissens, dass man ein paar Heiden vor dem Höllenfeuer bewahrt hat? Die Hoffnung, dass der eigene, grausame und willkürliche Gott besänftigt wird, je mehr Schäfchen zu ihm beten? Der Wunsch nach Gemeinsamkeit und eine daraus folgende Gruppendynamik, damit man sich in der feindlichen Lebensmaschinerie mit ständiger Angst vor dem Tod nicht alleine fühlt?

Bis heute habe ich keine Antwort darauf.

Ich fühle mich nicht einsam, auch nicht verängstigt, nur weil ich nicht an den Himmel oder das Paradies glaube. Im Gegenteil. Auch ich halte mich für ein endliches Wesen und ich habe keine Angst vor dem Tod. Es dürfte sich einfach nur anfühlen wie schlafen, nur ohne Traum.

Trotzdem kann ich die Angst vor dem Tod verstehen, man wünscht sich, dass danach vielleicht doch alles besser wird als es im Leben aktuell ist und noch sein wird und hofft auf ein Paradies, in dem man keine Sorgen und Ängste mehr zu haben braucht.

Und doch bleibt das Leid im Leben anscheinend notwendig, sofern man sich Adalbert Stifters Überzeugung anschließt und Folgendes anerkennt: „Die Gefahr belehrt den Menschen, und das Leid läutert ihn. In Schmerz und Bedrohung reift der Mensch zu seiner reinsten Gestalt.“ (Europas christliche Dichtung 1500 – 1960, Gisbert Kranz)

Daraus schlussfolgere ich, dass es sogar Absicht Gottes sein könnte, den Menschen leiden zu lassen, damit dieser am Ende als solche 'reine Gestalt' in seinen Schoß zurückkehrt.

Nun lehne ich dieses Bild allerdings immer noch ab, ich kann nicht damit leben, dass ich von einer Art Puppenspieler durch Leid manövriert werde, um dann zu etwas zu werden, das ich nicht für möglich halte, weil ich nach dem Tod eben tot bin und sonst nichts.

Die Religion, die also von vielen Menschen missbraucht wird, um in ihrem Namen Gräueltaten zu begehen, die ihresgleichen suchen, versucht mich aber – zusammenfassend gesprochen – über etwas hinweg zu trösten, das unausweichlich ist, aber den meisten Menschen eben Angst macht.

Wieso ist aber Religion pauschal gesprochen so verrufen?

Das liegt unter Umständen daran, dass viele sich eben nur auf die Verbrechen berufen, die im Namen der Religion unternommen wurden. Es ist aber nicht die Religion selbst, die dazu aufgerufen hat. Im Buch Exodus, das wir ganz zu Beginn betrachtet haben, steht eben nur: „Du sollst dir kein Gottesbild machen [...]“ → Wer dieses angesprochene Du ist, steht gar nicht so genau fest, denn es heißt vor Gottes Rede, die Moses von ihm vernimmt, zuerst einmal nur „Dann sprach Gott alle diese Worte: [...]“ (Ex 20, 1).

Es darf sich also im Prinzip angesprochen fühlen, wer möchte, oder nicht?

Deswegen bin ich doch nicht automatisch gottlos, wenn ich sage, dass ich kein Teil irgendeiner Religion sein möchte, weil ich es mir offensichtlich doch aussuchen darf, ob ich mich angesprochen fühlen möchte, oder eben nicht.

Gottlos ist meiner Meinung nach derjenige, der sich beispielsweise in die Luft sprengt, um so viele Menschen wie möglich in den Tod zu reißen. Oder meinetwegen auch derjenige, der eine religiöse Minderheit verfolgt, um sie dem qualvollen Tod zuzuführen. Auf jeden Fall auch derjenige, der als kirchliches Oberhaupt im Amt ist und zu Kreuzzügen aufruft, um das Heilige Land 'zurückzuerobern', ganz egal, ob es ihm überhaupt mal gehört hat oder nicht.

Die Werte, die sich Religion allerdings auch auf die Fahnen schreibt, dazu gehört die Nächstenliebe und das Mitleid, die sind dagegen etwas, das sowohl von Gläubigen als auch Ungläubigen wie mir praktiziert werden kann.

Es ist also nicht die Religion, die einem Gott – sofern es einen gibt, denn das möchte ich nicht beantworten und es ist auch nicht meine Aufgabe – als größere Beleidigung vorkommen kann als der Atheismus, sondern die Art und Weise wie Religion genutzt wird, um die eigenen (zumeist verdorbenen) Absichten unter ihr zu verschleiern, den Trost derselben auszunutzen und den Zweck dieses Trostes zu entfremden, damit sich Menschen mit den propagierten Absichten identifizieren können.

Und die Frage, ob Gott nun ein willkürlicher und grausamer ist, möchte ich mit Ja beantworten. Wenn ich ein Wesen beziehungsweise eine Vorstellung als allmächtig bezeichne, dann habe ich das altbekannte Problem, dass jemand, der Macht hat, gleichzeitig Angst haben kann, diese wieder zu verlieren. Der Mensch, der sich also zum Ebenbild seines Gottes macht, ist also eine Bedrohung dieser unangefochtenen Macht – und damit eine Gefahr.

(An dieser Stelle: Ja, es ist der Mensch, der sich zum Ebenbild Gottes erklärt hat, denn es waren Menschen, die die Texte verfasst haben und das wiederum heißt für mich, sie unterstehen einzig und alleine dem menschlichen Verständnis von seiner Welt und vor allem sich selbst.)

Es ist also nicht zwangsweise das nüchterne Desinteresse und die Notwendigkeit der Erhaltung des Lebensganzen, die zu Tod und dem Bösen in der 'perfekten' Schöpfung nach Gottes Willen führen, sondern die menschliche Anmaßung zu verstehen, was um ihn herum passiert.

Sieht man sich den Menschen an und das Böse, das auf jeden Fall in ihm wohnt, sobald er sich als gut wahrnimmt (siehe oben), so gelangt man nämlich unweigerlich zu der Erkenntnis, dass der Teilnehmer B aus dem Gespräch definitiv ein größeres Problem anspricht, das ihm vielleicht nicht einmal bewusst ist.

Er stellt den Menschen auf eine Ebene mit seinem Gott, doch unterscheidet das eine 'Böse' sich maßgeblich von dem anderen 'Bösen'.

Der Mensch entscheidet sich dazu Böses zu tun und das sogar im Namen Gottes, um sein Ziel zu erreichen oder einfach nur, weil er zu schwach ist den ihm inhärenten Neigungen zu entsagen und sie nicht zu verwirklichen, wozu sie erst böse oder gut werden (Vgl. Der philosophische Glaube angesichts der Offenbarung, Karl Jaspers).

Der vom Menschen als allmächtig, allgütig und allwissend dargestellte Gott dagegen lässt das Böse geschehen, das nur von dem Menschen als böse wahrgenommen wird, weil der sich ein Bild vom Guten erschaffen hat. Das eine gibt es also nur, weil es das andere gibt.

Auffällig ist dabei, dass es immer der Mensch ist, der in diesen 'erstrebenswerten' Visionen des Guten begünstigt ist. Selbstzentrierung und Selbstbevorteilung im Prinzip und das im Beisein der restlichen angeblich göttlichen Schöpfung, die benachteilt und übergangen wird, und nicht viel anderes.

Die Frage ist also tatsächlich, ob das nicht sogar viel gottloser ist, als die direkte Ablehnung des Gottes.

Danke für's Lesen, auch wenn ich zu keinem richtigen Ergebnis gekommen bin.

LG, Erzaehlerstimme


Literatur:

Die Bibel. Einheitsübersetzung – Altes und Neues Testament, hrsg. v. Joseph Kar­dinal Höffner et al., Stuttgart 1980.
Eagleton, Terry: Das Böse, Berlin 2011.
Huber, Paul: Hiob – Dulder oder Rebell? Byzantinische Miniaturen zum Buch Hiob in Patmos, Rom, Venedig, Sinai, Jerusalem und Athos, Düsseldorf 1986.
Jaspers, Karl: Der philosophische Glaube angesichts der Offenbarung, München 1962.
Kranz, Gisbert: Europas christliche Literatur 1500 – 1960, Aschaffenburg 1961.
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