Und wieder im Stich gelassen... oder?

von Yumestar
GeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P12
Gakuho Asano Gakushu Asano Kaede Kayano Karma Akabane Koro Nagisa Shiota
03.02.2017
17.05.2020
69
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Und wieder im Stich gelassen, oder?


Teil 1


Ein gewöhnlicher Tag in der E-Klasse. Die Uhr tickte im Rhythmus von Koro-senseis Tentakelbewegungen, als jener Klassenlehrer eine Gleichung an die Tafel schrieb. Der Wind zog an den Fenstern vorbei und brachte die alten Rollläden zum Klappern. Und während draußen die Sommerbrise die Luft abkühlte, war es im Klassenzimmer stickig und heiß.
Zumindest, wenn es nach der Meinung des rothaarigen Schülers in der letzten Reihe ging.
Karma Akabane zog hörbar die Luft durch seine verschleimte Nase ein und stützte den Kopf in die Hände. Er stieß ein müdes Husten aus. Was war das für eine Erschöpfung, die durch seinen Körper zog wie ein Seil hängender Gewichte? Ja, er musste sogar schon seinen Kopf auf die Arme legen, da ihn die Schwere seines Körpers runterzog. Mit einer Hand fuhr er sich über die Stirn. Wie sehr schwitzte er doch in dieser mörderischen Hitze, dass die roten Strähnen schon an seiner Stirn klebten.
Und trotz der Wüstenhitze, gab es Momente, da fühlte er sich wie in einer Eiswüste. Fröstelnd rieb er sich über die Arme, bis ihm wieder so warm wurde, dass er die Kälte vermisste.
Um sich von all dem abzulenken, schaute Karma sich um. Die Anderen hoben schon die Hände, um auf Koro-senseis Frage zu antworten. Ihr enthusiastisches Lächeln.  Ihre strahlenden Gesichter. Machte ihnen die Hitze etwa gar nichts aus?
Ist nur mir so heiß? Er fächelte sich mit seinem T-Shirt kühle Luft zu, Verdammt, ist es warm hier drinnen.
Er warf einen Blick nach draußen und stellte sich vor, dass ihm der kühle Wind durch die Kleidung blasen würde. Ein weiteres Husten holte ihn zurück in die Realität, Wie soll ich mich denn so auf den Unterricht konzentrieren?
Und er ließ den Kopf wieder auf die Arme fallen. Kein Bock mehr.
Seine Augen fielen ihm langsam zu, als die Müdigkeit über ihn herfiel. Zur gleichen Zeit tauchte ein gelber Schatten über ihn auf, sodass er die Augen grummelnd öffnete. Er sah in das ernste Gesicht seines Lehrers, nein, eher zu einem dauerhaft grinsenden Smiley, der ihn ermutigen sollte.
„Karma-kun! Zum Schlafen ist es noch zu früh, willst du dich nicht lieber an der Gleichung versuchen?“ Koro-sensei legte ihm ein Stück Kreide auf den Tisch und Karma blickte es an, aber wendete den Blick gleich wieder ab.
„Haben Sie nichts Besseres zu tun?“, zischte Karma, „Gehen sie doch einfach sterben oder machen sie was sie wollen. Es ist viel zu heiß zum Lernen.“
„Es sind 20 Grad im Klassenzimmer.“ Koro-sensei deutete mit einem Tentakel auf das hölzerne Thermometer an der Wand, „Eine höchstangenehme Temperatur für Menschen.“
Karma rollte nur mit den Augen und nahm einen tiefen Atemzug. Doch im selben Moment hustete er die Luft wieder aus. So stark, dass alle Blicke gleichzeitig auf ihn fielen.

„Hey, sag, ist alles gut bei dir oder verreckst du gerade?“, erkundigte sich Ryoma, der nur einen Platz weiter entfernt von Karma saß.
„Naw, ich glaub, ich lebe noch“, entgegnete Karma müde, aber mit einem leichten Schmunzeln. Seine Mundwinkel verzogen sich jedoch wieder, als ihn erneut ein Husten durchschüttelte. Er wendete sein Gesicht von der Klasse ab, Ist ja peinlich, dass die mich so sehen müssen.
"Karma-kun, möchtest du uns nicht sagen, was los ist?“, fragte Koro-sensei und Karma nahm im Blickwinkel wahr, wie sein Lehrer den Tentakel hob. Was hat das irrsinnige Monster jetzt vor?
Und eher Karma begriff, wurde sein Kopf schon angehoben. Seine Wangen wurden noch röter, als Koro-sensei ihn von allen Seiten musterte wie eine Mutter, die herausfinden wollte, was mit ihrem Kind nicht stimmte.
„Es ist alles bestens“, versuchte Karma ihm zu versichern, doch der Versuch zu Lächeln scheiterte an einem weiteren Husten.
„Du klingst wirklich nicht gesund, Karma-kun“, merkte Nagisa an. Seine Augenbrauen verzogen sich vor Sorge, sodass er auch schon wie eine besorgte Mutter aussah – Was man ihm sogar im Gegensatz zu Koro-sensei abkaufte.
Und auch die anderen Gesichter seiner Klassenkameraden schienen besorgt zu sein, manche auch skeptisch. Glaubten sie etwa, dass dies nur einer von Karmas Scherzen war, um Koro-sensei unaufmerksam werden zu lassen? Wohl kaum. Sein schlechter Zustand war mehr eine Tatsache als ein schlechtes Schauspiel.
„Weißt du denn nicht, dass man nicht krank zur Schule geht?“ Takuya aus der hinteren Reihe schüttelte den Kopf, „Bei jeder Gelegenheit machste blau, aber wenn du wirklich krank bist, nicht?“
Koro-sensei zuckte kurz bei der Bemerkung, hielt sich aber aus der Diskussion der Schüler raus.
„Ja, Muramatsu-kun hat Recht“, meldete sich Kaede zu Wort, „Zuhause hättest du es dir mit einer Tasse Tee und einer Decke gemütlich machen können.“
„Du musst dich doch wirklich nicht in die Schule quälen.“ Nagisa schüttelte den Kopf.
„Und deine guten Noten werden von zwei Tagen Zuhause bleiben doch nicht leiden“, meinte Yuma mit einem Schulterzucken. Dann lächelte er leicht, „Wenn du magst, bringen wir dir auch die Hausaufgaben und Notizen zum Unterricht.“
Und die anderen Schüler stiegen ebenfalls in die Diskussion ein, bis sich der Klassenraum nicht nur mit Hitze, sondern auch mit Lärm füllte. Sogar Koro-sensei kramte schließlich ein Regelwerk heraus und zitierte das Infektionsschutzgesetz und die Fehlstundenregelung bei Krankheitsfall. Und dies wiederum resultierte in einen Streit, ob das Gesetz an dieser Stelle wirklich so passend war. In all den Diskussionen und Streitereien hatte sie das Wichtigste ganz außer Acht gelassen: Karma.

„Seid doch einfach mal still“, zischte Karma, doch seine Worte drangen nicht durch den lauten Lärmwall. Sein Schädel pochte von der Lautstärke, dass er sich die Hände über den Kopf schlug. Sie sollen einfach nur still sein.
Doch seine leise Bitte blieb ungehört. In dieser reißenden Schlacht von Wortfetzen, Lachen, Schreien und Brüllen fühlte er sich verloren; er saß inmitten eines Schlachtfeldes, über das er keine Kontrolle hatte. Kein Handheben hätte die Worte gestoppt. Kein Einwand hätte die Diskutierenden zum Aufhören bewegt. Kein Schrei hätte sie leise werden lassen.
Und Karma fühlte sich machtlos wie er sich nur selten im Leben gefühlt hatte.
„Könnt ihr nicht einfach leise sein“, flüsterte er mit etwas mehr Stärke, aber auch Verzweiflung in seiner Stimme, „Bitte, seid einfach für einen Moment still. Mein Kopf.“
Und ob es nun Gottes Willen oder einfach das Gespür seiner Klasse für sein schlechtes Befinden war, war egal, denn plötzlich hatten sie alle aufgehört zu reden. Seine Klassenkameraden und sein Lehrer sammelten sich um seinen Platz. Besorgte, schuldbewusste Blicke fielen auf ihn.
„Tut uns leid, dass wir so laut waren.“ Rio lehnte sich an den Tisch, streckte ihre Hand aus und stoppte in der Bewegung, da es vielleicht doch nicht der richtige Zeitpunkt war, um ihm durchs Haar zu wuscheln, „Haben uns wohl zu sehr in Diskussionen vertieft. Wie immer.“

„Karma-kun, ich werde dich wohl nach Hause schicken müssen.“ Koro-senseis ernste Stimme war irgendwie beruhigend. Dagegen fand Karma es unangenehm, wie Koro-sensei wieder seinen Kopf mit einem Tentakel anhob. Er leistete keinen Widerstand, sondern beobachtete nur, wie sein Lehrer ihn musterte. Ob er wohl abwägte, ob Karma es alleine nach Hause schaffen würde? Oder ob er sogar Begleitung spielen musste?
Karma konnte sich gut vorstellen, dass Koro-sensei ihn sogar bis nach Hause bringen würde.
Nach Hause. Ein Schauer durchfuhr Karma und das nicht nur, weil sich der Tentakel unter seinem Kinn so kalt anfühlte. Er schüttelte den Kopf und der Tentakel löste sich von ihm. „Nein, ich bleibe hier.“
Karma ließ den Kopf wieder auf die Arme fallen, Nicht nach Hause.
„Du kannst aber nicht bleiben, sonst störst du meinen Unterricht.“
„Sie kümmern sich auch nur um ihren Unterricht, kann das sein?“ Karma schüttelte verständnislos den Kopf. Das Fieber gewann langsam Oberhand über ihn. Er spürte, wie es an seinen Knochen zerrte und seinen Verstand vernebelte.
„Das Wohl meiner Schüler steht für mich an erster Stelle.“ Koro-sensei legte einen Tentakel dorthin, wo sich wohl sein Herz befand, „Außerdem sollst du dich hier nicht quälen.“
„Mich quälen.“ Karma lachte sarkastisch auf und verrollte die Augen, „Das tue ich schon ein lebenslang.“
Sein Kopf fiel auf die Arme wie ein nasser Reissack. Genauso wie von Nässe überschüttet fröstelte er, als würde ihn der kalte Wind, den er sich noch eben noch so sehnlichst gewünscht hat, erfrieren lassen. Gedankenverloren starrte er wieder aus den Fenster und verfluchte ebendiesen Wind, obwohl dieser keine Schuld an seinem Schüttelfrost hatte. Können die nicht einfach den Unterricht fortsetzen? Mich alleine lassen? Eine weitere Kältewelle ließ seine Muskeln erzittern, Mich ignorieren, so wie sie es die ganze Zeit schon getan hatten?
Die erste Stunde hatte er ja auch völlig ohne Hilfe überlebt.

„Bitte, Karma-kun, ruh dich doch Zuhause aus!“, bat Nagisa mit zusammengefalteten Händen.
„Warum sollte ich?“ Karma schaute auf und lächelte tapfer, „Wenn dort eh niemand auf mich wartet?“
Er schluckte schwer. Was war das für eine plötzliche Übelkeit, die sich in ihm ausbreitet? Fast wurde es ihm wässrig im Mund, doch er schluckte den Speichel runter und gewann Kontrolle über seine Reflexe. Er schloss die Augen, nahm einen tiefen Atemzug und fühlte sich etwas besser. Solange wie es gedauert hatte, bis er sich beruhigt hatte, so lange hatte auch die Klasse gebraucht, um seinen Worten einen geeigneten Zusammenhang zu geben.
„Sind deine Eltern arbeiten?“, erkundigte sich Yuma mit verständnisvoller Miene.
Karma schüttelte auf die Frage hin den Kopf.
„Wo sind die denn?!“, fragte Ryoma fassungslos und schlug mit der Faust auf seinen Tisch.
Karma spürte die Erschütterung in all seinen Knochen. Selbst seine Rippen schienen zu wackeln.
„Abgehauen“, antwortete Karma, nachdem er sich wieder gefasst hatte. Seine Mitschüler verloren dagegen gerade erst die Fassung. Ungläubige Blicke. Offenstehende Münder. Weitaufgerissene Augen. So eine Reaktion hatte er schon erwartet.
„W-Warte, wie abgehauen?“, fragte Kaede mit einem mitleidigen Kopfschütteln, „D-Das ist ja unglaublich!“
„Unerhört!“, kam es empört aus Ryomas Mund, „Und das ist sicher kein Scherz von dir?“
„Meinetwegen kann es ein Scherz sein“, murmelte Karma und winkte mit der Hand ab, „Aber es ist keiner.“
Er ließ die Hand wieder sinken. Die Klasse hüllte sich in Schweigen und gleichzeitig erfüllten tausend Fragen den Raum. Warum sind Karmas Eltern abgehauen? Wieso ließen sie Karma zurück? Seit wann waren sie weg und gab es einen bestimmten Grund dafür? Und wie sollten sie ihm jetzt helfen?

„Karma, können wir irgendetwas für dich tun?“, fragte Rio und biss sich sanft auf die Unterlippe, „Ich meine, können wir dir helfen?“
Karma schüttelte langsam den Kopf.
„Aber wir könnten doch-“
„Mir geht es nicht gut.“ Karma hustete und sah Rio müde an, „Können wir das nicht später klären?“
„Das wäre wohl das Beste.“ Yume stimmte mit einem Nicken zu und wendete sich der Klasse zu, „Wir sollten erstmal dafür sorgen, dass es Karma besser geht.“
Die Klasse jubelte, wenn auch leise um Karmas Kopfschmerzen nicht zu verschlimmern. Und während sie enthusiastisch ihren Einsatz feierten und sich beratschlagten, war Koro-sensei mit Mach 20 abgedüst und in einer Arztverkleidung zurückgekommen. Der weiße Kittel flatterte noch vom Aufwind. Die Schwesternhaube zierte das Haupt, auf dem sonst sein Hut saß. Ein Stethoskop baumelte von seinem Hals herunter.
„Nennt mich Dr. Koro.“ Er posierte stolz mit den Tentakeln in den Hüften.
Die Schüler gaben ihm halbherzige Reaktionen.
„Uff, sie sind Lehrer, kein Arzt. Er braucht einen richtigen Doktor.“ Kaede lachte verlegen.
„Aber wusstet ihr, dass mit Sensei auch Ärzte angesprochen werden?“ Koro-sensei schmunzelte, zog sich dann aber das Outfit wieder aus, wechselte in seine übliche Kleidung und faltete das Kostüm zusammen, „Aber ihr habt Recht, doch wo finden wir einen?“
„Hm, hier in der Nähe kenne ich keine Arztpraxis“, meinte Yuma und drehte sich dem Bildschirm zu, der in der Ecke stand, „Elli, kannst du mal nachschauen?“
Der Bildschirm erhellte sich und das lilahaarige Mädchen, welches nun darauf erschien, nickte. Wenige Augenblicke später zeigte sie die Ergebnisse.
„Die Nächste ist ja kilometerweit entfernt!“, stieß Hinata entsetzt aus, „Und dann den Berg hinunter. Das schafft Karma in seinem jetzigen Zustand doch nicht.“
Koro-sensei lachte leicht schadenfreudig „Ihr habt wohl etwas vergessen.“
„Also, ich glaube ja nicht, dass es jemanden seriös vorkommt, wenn wir da jetzt mit einem gelben Tentakelmonster auftauchen, dass unser Lehrer ist.“ Rio schüttelte den Kopf und stemmte seufzend die Hände in die Hüfte, „Haben wir noch andere Optionen?“
„Hm, wir gehen mit Karma hin?“, schlug Yuma vor.
„Da bräuchten wir schon eine Krankenversicherung, Geld und ne Schulbeurlaubung“, meinte Megu und schüttelte den Kopf, „Viel zu umständlich.“
„Und was ist, wenn ich einfach bleibe?“, fragte Karma mit einem müden Lächeln, „Ist das nicht das Einfachste?“
„Wenn es hart auf hart kommt, dann bleibt es wohl unsere einzige Option.“ Koro-sensei wirkte nicht ganz zufrieden, doch fiel ihm selbst auch keine bessere Lösung ein, „Aber das soll kein Dauerzustand werden!“
„Genauso, wie, dass sie hier wohnen?“, scherzte Karma und bereute es sogleich, da ihn das Lachen zum Husten brachte.
„Das wurde so vertraglich geregelt!“, entgegnete Koro-sensei empört.
„Was Sie nicht sagen.“ Karma schmunzelte, bis ein Gähnen sich über sein Gesicht breit machte.
„Wenn du müde bist, ruh dich aus, Karma-kun“, flüsterte Rio und streichelte ihm einmal über den Rücken.
„Hm-Hm.“ Karma nickte und schloss die Augen. Es brauchte noch ein wenig, bis die Ruhe einkehrte, doch dann schlief er friedlich ein.
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