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Between Heaven And Hell

GeschichteÜbernatürlich / P16 Slash
03.02.2017
15.05.2020
35
134.441
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07.09.2017 2.247
 
Es sind nun bereits zwei Wochen vergangen, seit ich aus der Hölle zurückgekehrt bin.
Und sich niemand mehr an Jayden erinnern kann.
Zu Beginn dachte ich sie hätten sich alle abgesprochen, um mich auf den Arm zu nehmen - was meinen Lachanfall nach der Antwort des Vertrauensschülers rechtfertigen würde -.
Aber Fehlanzeige.
Vergeblich habe ich meine Mitschüler, die Lehrer und sogar das Personal des Studentenwohnheims nach Jayden befragt; nichts. Alle haben sie mich gross angestarrt und nur leicht den Kopf geschüttelt.
Einige haben mir sogar mitleidige Blicke zugeworfen und hinter meinem Rücken geredet.
Sollen sie doch. Mir scheissegal.
Aber ich muss wissen was mit meinem besten Freund passiert ist.
In einer Nacht-und-Nebel-Aktion bin ich sogar in das Büro des Schulpräsidenten eingebrochen, um alle Schülerakten auf irgendwelche Hinweise auf Jayden zu durchsuchen.
Ebenfalls war diese Aktion nicht mit Erfolg gekrönt worden.

Langsam drehe ich durch.

Was kann ich noch tun?
Diese Frage hallt Tag für Tag, Nacht für Nacht in meinem Kopf wider, raubt mir den Schlaf.
Verfolgt mich auf Schritt und Tritt.
Was aber, neben Jayden, mir sonst noch leichtes Kopfzerbrechen bereitete, war folgendes: wieso war es niemandem aufgefallen das ich verschwunden war? So richtig vom Erdboden verschluckt? Oder war ich, als man mich in die Hölle beförderte, bloss mit dem Geist dort und mein Körper wurde in eine Art Koma oder Tiefschlaf versetzt?
Das würde zumindest das 'fünf Tage am Stück durchschlafen' begründen.
Hm.

Ich starre in den wolkenverhangenen Nachthimmel, atme die kühle Nachtbrise tief ein und versuche an etwas anderes zu denken.
Wo ich gerade faul herumliege? Natürlich wieder auf der Wiese hinter dem Studentenwohnheim. Alles um mich herum ist in ein angenehmes, gedämpftes Licht getaucht; die wenigen Strassenlaternen erhellen die Dunkelheit etwas, in den verschiedenen Gebäuden brennt noch Licht in einigen Fenstern.
Langsam schliesse ich die Augen und geniesse diese nächtliche Stille. Diese einzigartige Atmosphäre lullt mich in ihren Armen hin und her, lässt mich fast schon entspannen.
Schon immer mochte ich die Nacht. Sie hat etwas beruhigendes an sich.
Diejenigen, die dies nicht verstehen, behaupten das die Nacht voller Schrecken sei.
Das ist wohl Ansichtssache.
Meine Augen bleiben geschlossen, bis sich zwischen den Wolken das kalte Mondlicht einen Weg frei bahnt und ebenfalls auf mein Gesicht scheint.
Langsam öffnen sie sich wieder; und blicken direkt in zwei kugelrunde, bernsteinfarbene Augen.
"Kyran! Mein Meister!"
Astartes piepsige Stimme dringt an meine Ohren und lässt mich leicht aufseufzen.
Stimmt, das kleine Fellknäuel ist ja nun auch mit von der Partie.
Seit ich an jenem Tag wieder in meinem Zimmer aufgewacht bin, ist Astarte nun mein treuer Begleiter:
Er schläft an einem Kleiderhaken herunter hängend, flattert im Bad umher wenn ich dusche, huscht in den Schatten der Gebäude und Bäume umher wenn ich im Unterricht sitze und lässt sich auf meine linke Schulter nieder wenn ich abends entweder noch draussen herumirre oder in meinem Zimmer sitze und über bestimmte Dinge nach grüble.
Auch wenn es ziemlich nervig ist, muss ich gestehen das ich die kleine Fledermaus gerne um mich herum habe.
Auch nur schon um mir vor Augen zu halten dass das, was ich in der Hölle erlebt habe, wirklich passiert ist.
Das Drachenei ist auch hier, auf der Erde - aber alles zu seiner Zeit.
Jetzt muss ich mich erstmal um das umher flatternde Biest kümmern.

Ich setze mich aufrecht hin und deute Astarte mit einem leichten Kopfnicken an, er dürfe sich auf meine Schulter setzen. Das Fellknäuel kommt dieser Bitte nur zu gerne nach, setzt sich mit Schwung auf meinen etwas verspannten Muskel und schmiegt sich dann an meinen Hals.
"Ich habe nach dir gesucht!"
"Sorry. Musste etwas alleine sein."
Ein etwas gezwungenes Lächeln legt sich auf meine Lippen als ich der Fledermaus einen schnellen Blick zuwerfe.
Diese seufzt leicht auf und fängt an eine ihrer Flügel zu putzen.
"Machst du dir immer noch Gedanken darüber, dass alle deinen Freund vergessen haben?"
"Jayden. Ja."
Astarte hält in der Bewegung inne, reisst sein Köpfchen in die Höhe und starrt mich mit seinen grossen Augen entsetzt an.
"Was wenn es ihn überhaupt nicht gegeben hat und du alles geträumt hast?!"
Schweigen.
Ich starre das Fellknäuel mit hochgezogener Augenbraue an, verenge die Augen zu kleinen Schlitzen und stupse ihm schliesslich mit dem Zeigefinger auf das kleine Schnäuzchen.
"Soll das etwa heissen, ich hätte fast Zehn Jahre lang einen imaginären Freund gehabt?"
Erwidere ich grinsend. Wobei bei mir wäre ja alles möglich - aber das hätte ich garantiert mitgekriegt.
Astarte kuschelt sich so gut es geht an meinen Finger und erwidert nichts. Das ist auch eine Antwort.
"Danke auch, du kleines Biest."
Knurre ich spielerisch beleidigt - und erziele den gewünschten Effekt:
Astarte springt entsetzt auf, flattert um mich herum und stammelt:
"Aber, aber! Ich... Ich habe doch nicht...!"
Das kleine Fellknäuel ist dermassen erschüttert, das ich es nicht schaffe mich zusammen zu reissen; ich lache.
Und zwar so, wie ich es schon lange nicht mehr getan habe.
Laut. Offen. Ehrlich.
Astarte scheint überrascht zu sein als er mich lachen hört. Als er realisiert das ich nur Spass gemacht habe, wirft er mir einen bösen Blick zu, stimmt dann aber kurz darauf in mein Gelächter mit ein und kichert vor sich hin.

Nach wenigen Minuten haben wir uns wieder beruhigt; das Fellknäuel hat es sich erneut auf meiner linken Schulter bequem gemacht, während ich gedankenverloren in den Nachthimmel starre. Die Wolken haben sich aus dem Staub gemacht und lassen den Mond hell erscheinen.
Ich grüble über das letzte Mal nach, als ich Jayden gesehen habe:
Es war nachdem ich in der kleinen Kirche gefunden worden bin. Jayden war gekommen um zu sehen wie es mir geht - als dann auch noch der verfluchte Kapuzenheini auftauchte.
...Und genau da verlieren sich meine Erinnerungen. Ich habe das Gefühl auf etwas wichtiges gestossen zu sein; aber mein Kopf weigert sich es mir preis zu geben.
Nach einer Weile gebe ich frustriert auf, streiche mir mit einer Hand durch die Haare und seufze resigniert auf.
"Was ist denn los?"
Die piepsige Stimme des Fellknäuels hallt in meinen Ohren fast schon schmerzhaft wider, doch ich versuche nett zu bleiben und antworte ziemlich brav:
"Nichts. Ich kann mich nur nicht an etwas erinnern."
"Um was geht es denn?"
Nun scheint eine kleine Aufregung die Fledermaus gepackt zu haben; sie flattert auf und ab und starrt mich erwartungsvoll mit glänzenden Augen an.
Bevor ich den Mund öffnen kann um Astarte die Situation zu schildern, schiesst mir ein anderer Gedanke durch den Kopf:
Was wäre wenn mein Kopf sich einfach nur weigert die Wahrheit zu begreifen? Es gibt solche Ereignisse in denen das Gehirn eine Art Schutzmechanismus aktiviert, um diese bestimmten Ereignisse irgendwo ein zu schliessen. Der Mensch hat dann das Gefühl sich nicht erinnern zu können - oder er vergisst einfach alles.
Adrenalin pumpt durch meine Adern, mein Herz rast.

Das ist es.

Dieses komische Gefühl in meinem Körper sagt mir das ich auf der richtigen Spur bin.
Ohne auf die Fledermaus zu achten, welche nun genervt immer wieder meinen Namen ruft, versuche ich mich wieder in diese Erinnerungen zu verlieren.
Was passierte nachdem der Kapuzenheini auftauchte?
Verdammt, es sieht alles aus wie eine riesige Staubwolke!
Moment - Staubwolke? Da war doch was!
Ein dröhnender Schmerz schiesst durch meinen Kopf, lässt nicht mehr von ihm ab. Reflexartig schliesse ich die Augen, umklammere meinen Kopf mit beiden Händen und versuche weiter zu graben. Los, verdammt. Ich habe es gleich!
Vor meinem geistigen Auge spielt sich nun ein Szenario ab, das mir ziemlich bekannt vorkommt:
Ein Junge mit dunkelbraunen Haaren und blauen Augen streckt die Hand vor sich aus, lässt einen Energieball erscheinen und schiesst ihn auf eine Gestalt, die in einem dunklen Umhang gehüllt ist. Diese kontert ebenfalls mit einem grossen Energieball - und dann ist alles dunkel.
Verdammte Scheisse; dieser Typ!
Ich springe abrupt auf, packe mit einer schnellen Bewegung Astarte mit einer Hand und frage ihn aufgeregt:
"Gibt es Engel?"
"W-was?"
"Gibt es Engel?!"
Ungeduldig starre ich auf das Fellknäuel und versuche die Aufregung in mir etwas zu zügeln. Gelingen tut es mir nicht gerade super - immerhin weiss ich wieder was damals passierte. Und wenn mich nicht alles täuscht, war da in unserer Konversation etwas von wegen 'Himmelswesen'. Ob nun von Göttern oder Engeln die Rede war; keine Ahnung.
Astarte scheint nun wieder er selbst zu sein: Mit grossen Augen erwidert er meinen Blick, beisst mich leicht in den rechten Zeigefinger und befreit sich dann aus meinem Griff.
"Natürlich gibt es Engel."
Antwortet er mit piepsender Stimme, flattert vor mir auf und ab und lässt sein Schnäuzchen leicht offen stehen als er meinen Gedankengang begreift.
"Glaubst du, er ist ein Engel?"
"Ich weiss es nicht. Aber als der Kapuzenheini und Jayden aufeinander getroffen sind, kam so ein Thema auf."
"Mit 'Kapuzenheini' meinst du Xaphan, oder?"
"Leider ja."
Auch wenn ich normal antworte, bin ich mit den Gedanken ganz wo anders.
Wenn Jayden wirklich ein Engel wäre - dann würden sich einige Dinge erklären.
Ich weiss überhaupt nichts über ihn.
Seine Eltern? Keine Ahnung.
Woher er kommt? Null Plan.
Seine Hobbies? Nicht die leiseste Ahnung.
Das Einzige das ich weiss, ist das er immer da war wenn ich mich einsam fühlte.
Manchmal stand er neben mir, als wäre er aus dem Nichts erschienen.

Wie ein Engel.

Mein Herz wird schwer, der pochende Schmerz in meinem Kopf wird immer stärker. Ein komischer Druck schnürt mir die Kehle zu.
Darf ich etwa als Dämon - zumindest hat mich Astarte als einer bezeichnet - an keine Engel denken oder glauben? Plausibel wäre es.
"Astar...te."
Mit Mühe schaffe ich es den Namen des Fellknäuels heraus zu pressen, bevor der Druck um meine Kehle noch grösser wird. Ich versuche in keine Panik zu verfallen, schliesse die Augen und konzentriere mich darauf so zu tun als würde ich gleichmässig atmen.
Ein. Aus. Ein. Aus.
Tief ein. Lange aus.
Während ich das weiterhin mache, fixieren meine Augen die kleine Fledermaus, welche vor mir immer wieder auf und ab flattert. Ihre bernsteinfarbenen Augen sind voller Panik. Sehr aufmunternd; das brauche ich jetzt.

Irgendwann lässt der Druck auf meiner Kehle nach und ich sacke, nach Luft ringend, auf die Wiese. Hustend sehe ich mich um und hoffe inständig das keiner der Nachtschwärmer etwas mitbekommen hat.
Ah, die Nachtschwärmer sind Schüler, welche die Aufgabe eines Vertrauensschülers in der Nacht übernehmen. Sie huschen durch die Gänge der Schule, beobachten den Park und achten sehr aufmerksam darauf, dass keiner der Studenten zu lange draussen unterwegs ist.
Natürlich haben sie eine offizielle Bezeichnung - nur gefällt mir diese wesentlich besser.
"Geht es dir besser?"
Das Fellknäuel flattert immer noch vor mir auf und ab und ich habe Mühe ihm mit den Augen zu folgen; da wird einem ja speiübel.
"Ja."
Antworte ich knapp, schliesse die Augen und versuche mich vollends zu beruhigen.
Irgendwann scheint mein Herzschlag zu normalisieren; dementsprechend fühle ich mich auch etwas wohler.
Langsam öffne ich die Augen wieder, blicke in Astartes grosse Augen und deute ein leichtes Lächeln an.
"Mir geht es gut. Mach dir keine Sorgen."
Die Augen der Fledermaus füllen sich mit Tränen und, völlig überraschend, stürzt er sich auf mich und umhüllt mein Gesicht mit seinen Flügeln; seine kleine Schnauze schmiegt sich an meine Wange.
Leise Geräusche dringen aus seiner Kehle, doch ich kann sie nicht genau identifizieren. Ist er nun sauer auf mich oder ist er erleichtert? ...Oder heult er etwa?
Das leichte Lächeln auf meinen Lippen wird etwas grösser als ich dem kleinen Fellknäuel mit meinem rechten Zeigefinger über den Rücken streichle um ihn zu beruhigen.
Ich glaube er ist der erste, der wegen so einem Quatsch heult. Süss.

"Na komm, es ist schon spät. Legen wir uns aufs Ohr."
Meine Stimme ist ruhig, tief. Hoffentlich auch mit einer Spur leichter Beruhigung - immerhin will ich keine Heulsuse in meinem Zimmer.
Ich stupse Astarte leicht mit der Fingerspitze an und deute ihm mit einer leichten Kinnbewegung an, er solle es sich auf meiner Schulter bequem machen.
Das tut die kleine Fledermaus dann auch, weicht meinem Blick aber geschickt aus und tut so als ob sie die Flügel putzen würde. Cleverer Schachzug.
Schweigend machen wir uns auf den Weg in das Studentenwohnheim, wenige Schritte von der Wiese entfernt.
Gedankenverloren starre ich auf einen Punkt am Horizont, während sich meine Beine automatisch in die richtige Richtung bewegen.
Also bin ich, was Jayden betrifft, wirklich auf einen heissen Hinweis gestossen. Mal sehen ob es auch stimmt. Wie könnte ich das genauer verfolgen?

Wahrscheinlich kommst du nicht drum herum den Kapuzenheini um Informationen zu bitten.

...Shit. Meine innere Stimme hat wohl recht. Und das gefällt mir überhaupt nicht.

"Kyran."
Astartes Stimme reisst mich aus den Gedanken; ich werfe ihm einen schnellen Blick aus den Augenwinkeln zu und bemerke das die Fledermaus etwas vor uns fixiert.
Ich folge ihrem Blick - und erstarre.
Vor dem Studentenwohnheim hat sich eine Figur aufgebaut. Ihr Körper ist in ein weisses, langes Gewand gehüllt; um die Hüften ruht ein goldener Gürtel. Auf den Schultern sind Anzeichen von grossen, gefalteten Flügel welche das Mondlicht zart reflektieren zu sehen.
Doch das ist es nicht was mich so irritiert. Es ist das Gesicht dieser Figur.
Blaue Augen erwidern ruhig meinen Blick, braune Haare wehen sanft in der Nachtbrise.
Ich schlucke leer.
"...Jayden."
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