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Schatten der Seele I

von Cathair
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Fantasy / P18 / Gen
OC (Own Character)
03.02.2017
02.08.2017
8
11.178
3
Alle Kapitel
6 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
03.02.2017 1.276
 
Disclamer:
Das schwarze Auge und seine Inhalte gehören  nicht mir sondern dem Ulisses Verlag.
Lediglich die in der Story verwendeten Charaktere, soweit sie nicht dem offiziellen DSA Universum angehören,  - letztere werden als solche kenntlich gemacht.
Und nun viel Spaß beim lesen:)

"Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehn, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird. Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein." (Friedrich Nietzsche)





Ich bin müde. Doch der Lärm der Leute draußen lässt mich nicht zur Ruhe kommen. Boron weiß, ich müsste sein Reich mal wieder besuchen.

Doch neben der Unruhe vor meinem Zelt, sind es die Bilder der letzten Tage, die mich schon im wachen Zustand genug quälen.

Meine Ausbilder damals auf der Akademie haben mir hehre Ideale eingetrichtert, mein Rittervater hat sie mir dann im Felde vorgelebt. Beides zusammen hat mich dahin geführt, dass ich immer wieder und mit jedem Male tiefer in die Geschehnisse dieses Krieges geraten bin.

Meine Müdigkeit kommt nicht nur von meinem erschöpften Körper.

Bald sind es zwanzig Jahre, zwanzig verdammte Jahre, seit ich das erste Mal in diesem Krieg wie auch das erste Mal überhaupt gekämpft habe. Erst als frisch ausgebildeter, unerfahrener Krieger, später als Schwertmann des Grafen, zuletzt als das, was ich jetzt bin – oder besser sein soll: Als Ritter.

Ich kenne ihn von Anfang an, von den ersten hoffnungslosen Gefechten an den Küsten Tobriens über die horrenden Niederlagen vor Ysilia und all den anderen Städten, die Schlacht auf den Vallusanischen Weiden – alles ist in mein Leben eingemeißelt wie in Granit.

Ich habe auf den Schlachtfeldern dieses Konfliktes meinen Ritterschlag erhalten, Freunde und Liebe gefunden wieder verloren und alles, was mich ausmacht, ist in mir mit jedem weiteren Schlag meines Schwertes und jeder weiteren Wunde gewachsen.

Immer wieder, wenn ich von meinen Reisen durch alle Herren Länder zurückkehrte, die in Wahrheit nichts als eine verzweifelte Flucht vor diesem Krieg waren, fand ich mich in ihm wieder.

In heimlichen Erkundungseinsätzen, noch geheimeren Missionen mit verschiedensten Zielen, Geplänkeln, Schlachten.
Folgerichtig hat das Ganze zu den Ereignissen der letzten Tage geführt.

Ich sehe sie noch immer vor mir. Eigentlich nach zwei Jahrzehnten volle Grausamkeiten fast schon sowas wie normal, der Anblick, meine ich.

Man ist es von den Borbaradianern nicht anders gewohnt.
Vielleicht bleiben die Bilder so klar, weil dies Mal alles anders als gewohnt verlief.

Das Stöhnen, das sich meinem Mund entringt als ich mich schwerfällig aufrichte, klingt ebenso gequält wie sich meine Knochen anfühlen.

Alles schmerzt. Die letzten vier Tage waren die Hölle, bei den Göttern, ich glaube mittlerweile, dass es keine Höllen im Jenseits gibt sondern wir bereits mitten in ihnen stecken, unter der Dämonen Hohngelächter.

Die halb verbrannten, zerschnittenen und widerlich geschändeten Leiber, die auf Pfähle gespießt, an Bäumen aufgehängt und auf Felsen geflochten in der fahlen Sonne verwesten.

Die Bewohner eines ganzen Dorfes.
Mir war nur einmal im Leben so speiübel wie an diesem Tag.
Ich habe viel Grausames gesehen.
Ich habe gesehen, was leibhaftige Dämonen in einer Schlacht anrichten können. Ich habe auch schon oft massakrierte Menschenmassen gesehen.

Wie alle anderen aus meiner Truppe auch.
Was uns dazu bewogen hat, dieses Mal nicht wie gewohnt zu handeln – ich weiß es nicht.

Vielleicht, dass es hier keinen Grund für das Handeln des Feindes gab. Keine nichtbezahlten Tribute oder Weigerungen der Gefolgschaft, nicht einmal die Langeweile, welche die schwarzen Soldknechte immer wieder überkommt.

Keine Wahnsinnigen Anführer, kein Dämon der sie antrieb.

Nichts.

Vielleicht aber auch Wirubrand, unser langjähriger Gefährte. Sein eigenes Schwert hatten ihm die Bastarde in den Rachen geschoben, offenbar zuvor im Feuer zum Glühen gebracht.

Ich spüre die Wut in mir. Sie war es. Sie ist immer noch da, ich hatte gehofft, sie sei gelöscht.

Ich sollte Angst vor ihr haben, sie mit Skepsis und Ablehnung betrachten. Doch in mir ist nichts. Außer Unwillen über meinen schmerzenden Körper, der sich nur mit Mühe zum Tisch bewegt, wo ein Wasserkrug steht.

Wir sind Veteranen. Nach alldem, was wir erlebt haben, nach all den Freunden, die wir bereits verloren haben, hätte all das nur eine weitere Trauerzeit bedeuten sollen. Nur eine weitere Erinnerung, die unsere Träume noch wirrer macht.

Doch es kam anders. Mag sein, dass es ein verlorener Freund zu viel geworden ist, eine Grausamkeit zu viel. Die Götter wissen es, ich kann nur vermuten.

Als wir weiter ritten und dieses andere Dorf sahen, mit der Fahne des Feindes am Dorfeingang und einem Schrein zu Ehren des Erzbastards mitten drin, da kam sie.

Die Wut. Keiner hatte etwas gesagt, keiner einen Befehl gegeben, wir hatten uns nicht einmal alle ins Gesicht geschaut.

Das Nächste, was ich weiß, ist, dass ich durch das brennende Dorf preschte, einer Frau meine Klinge ins Gesicht trieb und Ihr Kind unter den Hufen meines Schlachtrosses zertrampelt wurde. Wie Karon, Alrine und all die anderen mit grimassenhaften Gesichtern, stumm, in den Augen das Flackern wahnwitzigen Zorns gleich mir durch die Gassen der Siedlung ritten, brennende Äste und ihre Waffen schwingend.

Zuletzt lagen sogar Kühe, Schweine und das Geflügel niedergestreckt im blutdurchtränkten Dreck.

Am Ende stand unsere Schar auf dem Dorfplatz vor dem grell brennenden Schrein Borbarads.

In seinem Vergehen schien er uns zu verhöhnen, uns, die wir in diesem Moment nicht anders waren als seine verderbten Kriegsknechte.

Ich weiß nicht, was genau wir in diesem Moment fühlten. Da war Entsetzen, Furcht vor unseren eigenen Taten, plötzliche Erschöpfung – aber auch eine Art grimmige Zufriedenheit, Erleichterung. Wir fühlten uns unendlich leicht und zugleich mit schwerster Bürde beladen.

Etwas in uns hatte sich einen Weg gesucht, zu entweichen, gleich heißer Luft bei einem zu heißen, geschlossenen Kessel.

Die Wut.

Wir wussten, dass die Bewohner dieses Dorfes arme Hunde unter der Knute der schwarzen Kohorten waren, die nur leben wollten und sich deshalb den Dämonenbündlern ergeben hatten, dass sie nur deshalb die Soldknechte, die das von uns gefundene Massaker begingen,  beherbergt und versorgt hatten.

Ich weiß es auch jetzt. Doch in diesem Moment vor vier Tagen dachten wir nur daran, Rache zu üben, die seit Jahren oder auch Jahrzehnten angestaute und stets kontrollierte Wut aus uns zu lassen, auch darüber,  dass diese tumben Bauern den Tod unserer Leute und Freunde mitverschuldet hatten.

Wir waren blind geworden.

Auch jetzt spüre ich noch diese Wut, sie ist nicht wieder in ihren Kerker in meinem Herzen zurückgekehrt.

Ich fühle auch die seltsame Leere, von einer Angst durchsetzt, die aber keine echte Angst ist.

Diese Angst davor, was nun wird. Aus mir, aus uns. Sie ist unwirklich, denn wir wissen zwar, was wir getan haben, dass es unrecht war. Aber zugleich schweigt das Gewissen. Wir wissen um den Fehler, spüren ihn aber nicht als solchen. Ich sehe es in ihren Augen, sie in den meinen.

Deshalb existiert auch unsere größte Schande: Wir haben keine Meldung gemacht.

Der Oberst glaubt, zwei Dörfer seien ausgelöscht worden, die Borbaradianer hätten ein eigenes aber gegen sie aufständisches Dorf niedergebrannt.

Der Wasserkrug ist meinen steifen, müden Fingern entglitten.
Das Wasser verrinnt im Sand wie all meine Freunde, meine Ehre, mein Glaube an alles was mich gelehrt wurde, mein Seelenheil.

Der Krieg ist wie Sand. Sand saugt alles Flüssige in sich auf, zerreibt geduldig jeden Stein, sei er noch so fest.

Wir sind nur noch Kiesel. Entstellte Bruchstücke des einstigen Ganzen. Ich stehe starr am Tisch in meinem Zelt, während draußen Zug um Zug abrückt. Ein Teil des Regimentes zieht los, Rache zu üben, ein feindliches Lager soll attackiert und ausgelöscht werden.

Wir bleiben hier, sollen uns erholen, unsere Seelen von den Boroniten pflegen lassen, unsere Körper von den Medicae.
Die Frage ist nur - haben wir noch Seele, die geheilt werden können? Oder sind wir längst den Niederhöllen versprichen, von den Göttern verstoßen?
 
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