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Coming Out ( ... of the desert)

Kurzbeschreibung
KurzgeschichteAllgemein / P16 / Gen
OC (Own Character)
01.02.2017
01.02.2017
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Die Hitze des Tages war stechend, obwohl die Sonne den Zenit schon lange erreicht und wieder verlassen hatte. Die Luft über dem staubtrockenen Boden flirrte und schien zu brodeln und wurde durch kein einziges Windlein gestört. Das braune Savannengras, das hier und dort in Büscheln wuchs, war hart und ragte starr aus der rissigen Erde. Es war wahrlich nicht die beste Jahreszeit, um sich hier, am Rande der Wüste Khôm, aufzuhalten. Und doch stakste eine kleine Gruppe Antilopen umher und suchten nach etwas Essbarem. Sie kauten auf dem zähen Gras und beschnupperten die knorrigen Bäume, die hier und dort auf der Ebene verstreut standen. Hier brauchten sie kaum Angst vor Löwen oder Wilden Hunden zu haben, die waren mit den anderen Herden zum Fluss gewandert. Bloß auf Schlangen mussten sie Acht geben und wie sie so den Boden im Auge behielten, bemerkten sie nicht, dass ihnen doch jemand folgte. Jemand, der nur auf eine Gelegenheit lauerte, eine der Antilopen zu töten.
Der Jäger kauerte sich hinter einem der hohen Grasbüschel zusammen und nahm die Lage noch einmal in Augenschein. Wenn er zu unbemerkt zu diesem Baum, dort wo der Boden in Sand überging, rennen könnte, dann würde er sich auf einen der niedrigen Äste ziehen und hätte von dort aus eine gute Schussposition. Der Jäger sah noch einmal zu den Antilopen hinüber, wartete und huschte in einem günstigen Moment los. Die Antilopen bemerkten ihn nicht und an dem Baum angekommen, zog er sich in einer flüssigen Bewegung auf einen Ast und blieb danach kurzweilig regungslos. Sein Körper dünn und außer einer Hose unbedeckt. Seine sonnengegerbte Haut war unregelmäßig von hellbraunem Staub bedeckt, feuchter Erde, mit der er sich an diesem Morgen eingerieben hatte und die inzwischen getrocknet war. Sein schulterlanges, schwarzes Haar war verfilzt und ebenfalls mit braunem Staub versetzt. Der Bogen in seiner Hand war aus einem mäßig hellen Holz gefertigt, allein die Federn der Pfeile waren überraschend bunt: rot und blau. Doch das fiel nicht auf, da der Jäger diese Pfeilenden mit seiner Hand verdeckte. Und so war seine ganze Erscheinung auf diese trockene Umgebung angepasst, damit er in diesem Moment, in dem eine der Antilopen in seine Richtung sah, nicht auffiel.
Braune Augen musterten die Umgebung und schienen gefährlich lange auf dem Baum zu ruhen, in dem der Jäger saß, doch dann wandte das Tier seinen Kopf in eine andere Richtung, bevor es schließlich ein paar Schritte ging und weitergraste. Ein grimmiges Lächeln huschte über die Züge des Jägers. Betont langsam nahm er einen Pfeil aus seinem Köcher und legte ihn an den Bogen, dessen Sehne er dann Stück für Stück zu seiner Wange zog und so die Waffe spannte. Als schließlich der Mittelfinger der Hand seine rechte Gesichtshälfte berührte, schloss der Jäger sein linkes Auge und zielte auf eine Antilope, die sich in den letzten Minuten immer weiter genähert hatte. Er sah entlang des Pfeiles und suchte nach dem perfekten Eintrittspunkt. Wenn das Tier sich auch nur ein kleines bisschen zu ihm wenden würde, dann könnte er sein Herz treffen und es somit fast augenblicklich töten. Es wäre eine gute Entscheidung, darauf zu warten. Sollte irgendetwas anderes dazwischenkommen …
Noch bevor der Jäger seinen Plan zu Ende denken konnte, schreckte sein Ziel auf und ergriff sofort die Flucht. Augenblicklich ließ der Jäger den Pfeil los, der durch die heiße Luft sauste, das in Panik versetzte Tier aber knapp verfehlte und nutzlos in der Erde stecken blieb. Wütend sah sich der Jäger nach dem Grund für die plötzliche Flucht der Antilopen um. Er war es nämlich nicht gewesen, der sie aufgescheucht hatte. Für einige Momente suchte er vergebens die Umgebung ab, in der Annahme, dass er nach einem Tier in der Steppe suchte, doch als er dort nichts fand, wanderte sein Blick in die Wüste, wo er fündig wurde. Es war ein Wunder, dass er sie erst jetzt bemerkt hatte! Aus der Wüste heraus kam ein seltsamer Trupp von Gestalten.
In der Mitte war etwas großes Menschenähnliches. Dabei schien es nicht aus Fleisch und Blut zu bestehen, sondern aus Sand, dem rötlichen Sand der Wüste Khôm. Beinahe wie ein Golem, einem Wesen, das der Jäger nur aus Geschichten und Legenden kannte. Das Monstrum war riesig, bestimmt zwei Schritt und noch einige Spann groß, und seltsamerweise war sein Umriss immer in Bewegung. Aus vielen Stellen an seinem Körper rann ununterbrochen blutroter Sand, der sich aber nie auf den sanften Dünen abzulagern schien. Besonders aus einer Stelle dort, wo bei Menschen das Gesicht gewesen wäre – der Golem besaß keines, die Vorderseite seines Kopfes war glatt und formlos – trat viel Sand aus. Es erinnerte den Jäger beinahe an eine heftig blutende Wunde.
Um den Golem herum tummelte ein großes Rudel Kojoten, viel größer als das gelegentliche Paar, das man hier manchmal sah. Die Tiere waren ausgemergelt und schienen erschöpft. Ein paar trugen müde Jungtiere in ihren Mäulern. Es war fast, als hätte diese Gruppe eine lange Reise hinter sich, aber es war unüblich für Raubtierrudel solche langen Strecken in kurzer Zeit hinter sich zu legen, wie es hier der Fall zu sein schien. Hatte das etwas mit dem Golem zu tun?
Gespannt beobachtete der Jäger die sich nähernden Wesen. Er fühlte sich relativ sicher. Kojoten konnten nicht klettern und so gefährlich Golems auch waren, aus all den Geschichten, die er gehört hatte, ging hervor, dass eine Golem nichts ohne die Anweisung seines Meisters tat. Also würde er auf diesem Baum sicher sein. Selbstsicher verfolgte er, wie der Golem den ersten Grasbüscheln immer näherkam und die Kojoten neben und hinter ihm her trotteten. Gerade als das Ungeheuer den ersten Schritt aus dem Sand auf den festen, vertrockneten Boden setzte, passierte etwas.
Mit einem Mal floss eine Welle von Sand von der Form des Golems. Wie bei einem Erdrutsch löste sich zuerst ein unteres Segment, dann rutschte der obere Sand ab. Unter dem Sand kam ein Mensch hervor. Ein richtiger und, obwohl erschreckend groß und gefährlich anmutend, echter Mensch! Mit dem Abfallen des Sandes von seiner Haut, verwandelte sich auch der rieselnde, tiefrote Sand in spritzendes Blut. Aus unzähligen Wunden pulsierte rotes Blut und bedeckte binnen weniger Momente den ganzen Körper und die Erde um die Füße des ehemaligen Golems. Die Kojoten waren genauso erschüttert wie der Jäger. Sie wurden unruhig, kläfften sich gegenseitig an und rannten hin und her. Nach einigen Herzschlägen versiegte der stete Blutstrom und hinterließ nur hässliche Narben dort, wo zuvor tödliche Wunden waren. Doch es war noch nicht vorbei. Aus den Handflächen des neu entstandenen Menschen stießen sich Klingen einen Weg ins Freie. Kalter Stahl schnitt sich durch Fleisch und zwei brutal aussehende Schwerter, unsymmetrisch und mit vielen unangenehmen Spitzen, traten aus den Wunden, welche danach prompt verheilten und die bluttropfenden Waffen zurückließen.
Der Jäger hockte erstarrt auf dem Baum. Die Panik hatte ihn fest im Griff und er konnte keinen einzigen Muskel bewegen. So starrte er auf dieses menschliche, blutüberströmte Monster, das für einen Moment einfach nur dastand, und an sich herabschaute. Dann warf es den Kopf in den Nacken und lachte. Es lachte so laut und so scheußlich, dass es dem Jäger durch Mark und Bein ging. „Blut“, schrie das Ungeheuer, „Blut für Shoma!“
Es war dieses grauenhafte Lachen, dass den Jäger schließlich aus seiner Starre riss. Er sprang von dem Baum und rannte. Rannte davon und hoffte nie wieder etwas so Schreckliches miterleben zu müssen. Rannte und hoffte, dieses Monster würde ihn nicht töten. Er betete zu den Zwölfen, dass er überleben und heute Abend wieder bei seiner Familie sein würde. Doch er hatte nicht an die Kojoten gedacht. Hungrig, nervös und von dem Blutgeruch gereizt stürzten sich das Rudel auf den Menschen, der ihrer Geschwindigkeit nicht gewachsen war. Während die Meute den Jäger zerriss, lachte das Monster nur weiter. „Gut, Fluffis“, lachte es, „Mehr Blut für Shoma!“
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