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21 Momente

Kurzbeschreibung
GeschichteFreundschaft / P12 / Gen
Cole St. Claire Grace Brisbane Isabel Culpeper Samuel Roth
31.01.2017
03.04.2017
8
3.424
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31.01.2017 448
 
Kalte Nächte

Ich stehe barfuß im Schnee. Meine Füße schmerzen, ich zittere am ganzen Leib. Aber die Schmerzen bleiben aus. Der Wolf in mir regt sich nicht.
Ich höre sie alle heulen, das ist es, was mich aufgeweckt hat. Ich bin allein in dem großen Haus, eine Nacht ohne Grace lässt sich kaum aushalten. Es sind schon so viele Nächte ohne Grace, seit wir sie verwandelt haben.
Es ist bereits das zweite Mal, dass ich mich hier draußen finde, halb erfriere, weil ich sie so vermisse. Aber ich kann nicht zu ihr.
Ich höre Pauls Heulen. Ich will auch zu ihm. Ich will zu Beck. Ich will, dass wir alle hierzusammen wohnen und die Sommer endlos sind. Grace und ich, Beck, Paul, Ulrik, meinetwegen auch Cole, der sich hier nicht mehr wegdenken lässt.

Er könnte mich zum Wolf machen. Ein Satz würde genügen.

Aber ich darf nicht, man braucht mich hier.
Niemand braucht dich, flüstert es in mir. Fast die ganze Stadt glaubt, ich sei ein Mörder, habe Grace auf dem Gewissen, ihre Freundin Olivia noch dazu und weil es so gut passt, könnte ich Jack auch umgebracht haben. Es ginge allen besser, wenn ich weg wäre. Karen würde mich vielleicht vermissen, aber wer sonst. Sollte ich auf Cole aufpassen, der sowieso tut, was er will?

Ich krümme meine Zehen. Sie sind ganz rot und pochen, alles in mir schreit danach ins warme Haus zugehen. Und dann?
Ich werde nächtelang Brot backen, hinter Cole aufräumen, weil mich das beschäftigt hält. Ich werde in ein paar Stunden aufstehen und den Buchladen aufmachen, Bücher verkaufen, während draußen vor dem Schaufenster die Leute stehen bleiben, ungeniert auf mich zeigen, als hätten sie keinen Anstand gelernt.
Ich schließe die Augen. Jahrelang habe ich mir gewünscht für immer ein Mensch zu sein und jetzt, wo ich es bin, will ich wieder ein Wolf sein. Ich vermisse nicht die Schmerzen, nicht den Hunger. Ich will meine Familie zurück.

Die Wölfe heulen weiter. Ein ganz verschwommener Fleck streift meine Erinnerung: Ich, wie ich mit den anderen da draußen ein Nachtkonzert gab.
Fehlt an einer Stelle nicht immer eine Stimme? Lassen sie den Platz für mich frei, denken sie, ich komme zurück?
„Ich komme nicht zurück!“, schreie ich in die Nacht. „Ihr braucht nicht auf mich zu warten!“
Sie verstummen kurz, als hätten sie mich über die Entfernung gehört. Dann geht es wieder los, es gibt keinen Platz im Chor. Sie brauchen mich ebenso wenig, wie irgendein Mensch.
Meine Füße sind taub und ich starre in den dunklen Wald.

Hinter mir gleitet die Terassentür auf. „Wenn du fertig bist“, sagt Cole und schreckt einen Vogel in einem Baum auf, „dann könnte ich deine Hilfe gebrauchen.“
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