Tschick reloaded

GeschichteRomanze / P12 Slash
Andrej "Tschick" Tschichatschow Maik Klingenberg
31.01.2017
31.01.2017
1
22.678
23
Alle Kapitel
20 Reviews
Dieses Kapitel
12 Reviews
 
 
 
31.01.2017 22.678
 
1.
„Andrej Tschichatschow ist nicht zu sprechen“, sagte die alte Schnepfe, die jedes Mal am Apparat war, wenn ich in den Bleyener Anstalten anrief.
„Aber er wohnt doch dort, oder?“ fragte ich.
„Ich darf leider keine Auskunft geben.“ Sie klang nicht als tue es ihr leid.
„Können sie ihm sagen, dass er mich bitte anrufen soll?“
„Wenn Andrej Tschichatschow der Sinn danach steht mit dir zu reden, wird er da wohl von selbst drauf kommen.“
Ich legte ziemlich deprimiert auf. Denn was, wenn Tschick wirklich nicht der Sinn danach stand, mit mir zu reden? Der Gedanke war mir vorher noch nie gekommen. Ich war mir immer vollkommen sicher gewesen, dass ich der erste wäre bei dem er anrufen würde, wenn er wieder Kontakt mit der Außenwelt haben durfte. Aber was, wenn Tschick sich das Ganze anders überlegt hatte? Was wenn er jetzt doch irgendwie das Gefühl hatte, dass ich bei der Sache besser rausgekommen war als er? Ich war immerhin zu Hause und er saß im Heim mit Kontaktsperre. Was wenn er dachte, dass ich ihn hinterrücks doch noch verpfiffen hatte? Oder fast genauso schlimm: Was wenn er da im Heim viel interessantere Typen kennen gelernt hatte als Maik Klingenberg? Typen, die mehr so drauf waren wie er? Keine Langweiler, die nicht mal wussten, wie man bei einem Auto kuppelte? Aber das hatte ich ja immerhin gelernt. Und Tschick hatte ja auch gesagt, dass er sich nie gelangweilt hatte mit mir. Dass er im Heim nen Haufen interessanter Menschen kennengelernt hatte hielt ich trotzdem für sehr wahrscheinlich. Vielleicht dachte er schon gar nicht mehr an mich. Jedenfalls nicht so wie ich an ihn. Der Gedanke zog mich echt runter.
Ich verkroch mich in meinem Zimmer und ließ den alten Rollladen runter, auch wenn es draußen noch hell war. Ich war deprimiert wie schon lange nicht mehr. Ich hätte jetzt fast gern die Claydermann Kassette gehabt. Nicht weil ich die Musik auf einmal mochte oder so, aber sie erinnerte mich an die Fahrt im Lada. Schließlich suchte ich „Ballade pour Adeline“ auf youtube und lag auf dem Bett, während ich zuhörte, die Arme hinter dem Kopf verschränkt. Ich schloss die Augen und stellte mir vor ich wäre wieder da draußen mit Tschick. Auf dem Feld kurz bevor das Gewitter kam oder am Stausee mit Isa.
*
In der Schule war es nicht mehr so schlimm wie vor den Ferien. Ich stellte fest, dass Tschick in gewisser Weise Recht gehabt hatte. Mal wieder. Desto länger ich ihn kannte, desto mehr staunte ich darüber, wie oft er im Endeffekt Recht behielt. Das mit dem quasi unsichtbar sein lag nämlich zu einem Teil wirklich an mir selber. Ich hatte das vorher nie gemerkt, aber ich hielt instinktiv immer einen gewissen Abstand zu den Anderen. Wenn ich zum Beispiel in einen Raum kam und die meisten gluckten irgendwo zusammen, dann setzte ich mich wie von selbst in eine andere Ecke. Nicht nur weil ich dachte, dass sie mich nicht dabei haben wollten. Es hätte ja vermutlich gar keiner gemerkt, dass ich eben auch da war. Ich kann das ganz schlecht erklären, aber ich hatte immer das Gefühl, dass mein Platz woanders war. Und das blieb auch so. Nur dass die Anderen jetzt manchmal zu mir rüber kamen. Anfangs natürlich, um mich auszufragen über die Reise mit Tschick. Nach dem Besuch der Polizisten in der Klasse bezweifelte keiner mehr, dass wir da ziemlich was auf die Beine gestellt hatten.
Tschick fanden sie auf einmal auch wieder ganz interessant. Was mal wieder zeigte, dass man einfach nur ganz große Scheiße bauen musste, um beachtet zu werden. Das lernte man ja schon im Kindergarten. Für eine Woche nach den Ferien war ich sozusagen die Sensation und durch das Auftauchen der Polizisten wurde das sogar nochmal verstärkt. Sogar Andre Langin setzte sich in einer Pause zu mir, und fragte mich darüber aus, ob es stimmte, dass Tschick und ich Drogen von Russland her geschmuggelt hätten.
„Ne“, sagte ich. „Haben wir natürlich nicht.“ Und ich wusste sofort, dass sich das Gerücht jetzt ganz sicher ne Woche halten würde. Ne Weile befürchtete ich sogar, dass sie mich jetzt wieder Psycho nennen würden. Das geschah aber nicht. Stattdessen rief Patrick eines Tages beim Volleyball als ich einen Ball annehmen sollte: „Hey Klinge, den hast du!“  
Und nach und nach hörte ich, wie auch andere den Spitznamen benutzten. Dafür, dass ich mir das immer gewünscht hatte, fühlte es sich jetzt aber gar nicht so toll an. Auch wenns natürlich allemal besser war als Psycho.
Die Anderen waren echt neugierig, was genau mit mir und Tschick unterwegs passiert war und ich hätte vermutlich über ein paar Wochen hinweg immer Zuhörer gehabt, ohne die Ereignisse auch nur sonderlich auszuschmücken. Aber sonderbarerweise wollte ich gar nicht so viel darüber reden. Mir war ja klar, dass sowieso keiner so wirklich verstanden hätte, was passiert war. Außer Tschick natürlich und der war ja nicht da. Klar, den Unfall hätten sie spannend gefunden und die Begegnung mit Horst Fricke, der auf uns geschossen hatte. Genau wie mein Verhör auf dem Polizeirevier und die Verhandlung. Aber die anderen Sachen, die viel wichtiger waren, die hätte keiner kapiert. Dass unsere Initialen jetzt in eine kleine Berghütte im Nirgendwo geritzt waren. Dass Tschick mir gesagt hatte, dass ich nicht der größte Langweiler auf Erden war. Das seltsame Essen bei Friedemann und seiner Familie. Und die außerirdischen Insekten. Darüber hätte ich mit niemandem reden können außer mit Tschick.
Tatjana hätte ich allerdings gern die ganze Geschichte erzählt, aber nach der missglückten Aktion mit dem Zettel fragte sie nicht mehr. Ich wusste auch immer noch nicht, ob sie das Bild von Beyoncé aufgehoben hatte. Manchmal stellte ich mir vor, dass es in ihrem Zimmer über dem Bett hing. Aber dann wieder war ich mir sicher, dass es längst zerknüllt im Müll lag. Ein oder zwei Mal hatte ich das Gefühl, dass sie zu mir rüber sah, aber das konnte auch Einbildung sein.
In Wagenbachs Unterricht als der gerade irgendetwas über die Gründung des deutschen Reichs erzählte drehte ich mich zu dem Platz um, auf dem Tschick jetzt nicht mehr saß. Ich dachte an seine Interpretation von der Geschichte von Herr K. und wie er vom Stuhl gekippt war und musste grinsen. Es kam mir viel länger her vor, dass ich ihn das letzte Mal gesehen hatte als vier Wochen. Mehr wie vier Jahre oder so.
In der Pause stand ich mit Hans und Patrick rum. Das machte ich jetzt öfter und ich hatte schon gemerkt, dass man sich mit ihnen eigentlich ganz gut unterhalten konnte und die beiden hatten auch nichts dagegen, dass ich mit ihnen abhing. Fragten mich sogar, ob ich mit zum Kiosk kommen wollte, wenn sie gingen. Mit Patrick konnte ich immerhin über Fußball und GTA quatschen. Mein Ruhm hatte zwar nicht wirklich lange angehalten, aber seit den Sommerferien war ich auch nicht mehr der Außenseiter. Die Rolle kam jetzt mehr und mehr Olaf zu. Irgendwen brauchten sie offenbar immer. Jedenfalls reichte es bei mir immer noch dazu, dass ich nicht mehr alleine rumstehen musste. Auch wenn mir das ehrlich gesagt noch weniger ausgemacht hätte als früher.
Und dann kam plötzlich Tatjana zu uns rüber geschlendert, eingerahmt von Angelina und Jamsin. Zuerst dachte ich, dass sie an uns vorbeigehen würden, aber sie blieben stehen. Ich merkte sofort, wie ich automatisch die Schultern hochzog und wäre beinahe einen Schritt zurück gegangen. Ich konnte es noch verhindern und wippte nur ein bisschen blöd auf der Stelle. Dann schob ich die Hände in die Hosentaschen. Angelina machte irgendeine Bemerkung zu Patrick darüber, dass der in Deutsch keine Hausaufgaben gehabt hatte und Tatjana sah mich an. Ich wusste nicht, wo ich hingucken sollte.
„Sag mal, kommt Tschick in unsere Klasse zurück?“ fragte sie. Und ich war ganz froh, dass noch jemand außer mir sich dafür interessierte. Ich nickte und schüttelte dann den Kopf. „Ich weiß es nicht genau“, brachte ich schließlich hervor.
Sie runzelte die Stirn. „Warum weißt du das nicht?“
„Kontaktsperre“, sagte ich. „Wir dürfen nicht miteinander reden.“
Die anderen nickten und ich konnte ihnen ansehen, dass sie das irgendwie cool fanden. Dabei war es ja alles andere als das.
„Sag mal Maik, kannst du mir einen Gefallen tun?“ fragte Tatjana und lächelte. Und ganz ehrlich: Sie hatte immer noch das schönste Lächeln der Klasse und ich fühlte meine Knie weich werden. „Klar“, sagte ich lässig.
„Ich brauch ein Geburtstagsgeschenk für Natalie. Sie steht total auf Rihanna. Und du kannst doch so toll zeichnen. Kannst du mir vielleicht eine Zeichnung von Rihanna machen?“
Ich nickte ohne nachzudenken. Ehrlich gesagt hätte sie mich auch fragen können, ob ich einen Baum mit einer Nagelfeile für sie fällen würde und ich hätte genickt. Ich hatte so lange darauf gewartet, dass Tatjana mich irgendwie beachtete und hätte jetzt zu allem ja und amen gesagt.
„Danke, Maik“, sagte sie und es war schön, sie meinen Namen aussprechen zu hören. „Ich brauch sie bis in zwei Wochen.“ Dann ging sie mit ihrem Gefolge und mir fiel erst etwas später ein, wie unglaublich viel Zeit mich die Beyoncé Zeichnung gekostet hatte. Ich hatte ja Monate lang daran gearbeitet. Aber im Grunde war das alles egal, denn Tatjana hatte mich um einen Gefallen gebeten und ich würde ihr den ganz sicher nicht ausschlagen.
*
Zum ersten Mal seit langer Zeit freute ich mich Freitag nach der Schule nicht aufs Wochenende als ich über den Schulhof schlenderte. Ich wusste, dass ich Tschick wieder nich erreichen würde und das deprimierte mich. Eine weitere Woche ohne dass er aufgetaucht war. Und dann dachte ich mich haut‘s um.
Tschick stand an eine der Säulen vom Schultor gelehnt, die Hände in die Taschen geschoben, die Hose ausgebleicht und an den Knien zerrissen, weiße Adidas an den Füßen, die mittlerweile allerdings eher dunkelgrau waren und im Ernst: Für einen Moment dachte ich, ich träume. Seine Haare waren etwas länger geworden und er trug ne Sonnenbrille, aber sein Dschinghis Khan Gesicht hätte ich natürlich überall erkannt, auf nen Kilometer Entfernung vermutlich. Er trug meinen alten Pullover den er auf unserem Trip angehabt hatte und das zog mir endgültig den Stecker.
Ich ließ meine Tasche fallen und bin mir ziemlich sicher, dass ich irgendwas brüllte, als ich auf ihn zulief, ich weiß aber nicht mehr, was. Und dann fiel ich ihm um den Hals und lachte und es war mir echt vollkommen egal, wer uns sah und was die Anderen dachten. Denn Tschick war da und er hatte nicht genug von mir und fand mich nicht langweilig. Und ich schwöre, in dem Moment änderte sich irgendwas an meiner Sicht und die Welt hatte wieder diesen 3D Effekt, als hätte man ne bessere Grafik-Karte eingebaut.
Ich knuffte Tschick in die Seite. „Wo warst du, Mann? Ich hab dauernd bei dir angerufen! Ich hätte dir fast nen Brief geschrieben.“
Tschick grinste über das ganze Gesicht. „Kontaktverbot. Weißt du doch. Heute durfte ich zum ersten Mal raus.“
Wir strahlten uns bestimmt eine Minute an wie Weihnachtsdeko, bis ich eine Stimme von hinten hörte. „Hey Tschick, Alter.“ Das war André Langin und ich fragte mich, was der jetzt plötzlich von Tschick wollte. Aber immerhin war er auf unsrer Reise für einen Versicherungsbetrug gut gewesen. „Kommste bald wieder?“
Langin klang seltsamerweise noch nicht mal total unfreundlich, dabei war er immer einer von denen gewesen, die Tschick als den totalen Asi bezeichnet hatten. Und er war auch immer der Meinung gewesen, dass Tschick die russische Mafia war. Mindestens. Ich fand, dass er kein Recht hatte, jetzt irgendwelche Fragen zu stellen.
„Montag komm ich wieder“, sagte Tschick und ich dachte mich reißts um.
„Du kommst zurück?“ fragte ich.
„In unsere Klasse?“ fragte ich.
„Montag?“ fragte ich.
Tschick nickte nur, aber ganz ehrlich, in dem Moment begriff ich zum ersten Mal was das heißen sollte, dass man sich fühlte, als könne man die ganze Welt umarmen. Selbst André Langin mochte ich auf einmal. Ein bisschen.
„Hast du Zeit?“ fragte Tschick.
Die Frage konnte er nicht wirklich ernst meinen, denn das war jawohl nicht denkbar, dass ich keine Zeit für ihn hatte, nachdem wir uns ne halbe Ewigkeit nicht gesehen hatten. Außerdem war es Freitag Mittag und die Schule war aus und plötzlich freute ich mich auch auf das Wochenende.
Zu mir nach Hause konnten wir aber nicht, weil ich Panik hatte, dass mein Alter auftauchen würde. Der war was das anbetraf in letzter Zeit manchmal unberechenbar. Nicht mal Mittags hatte man Ruhe vor ihm. Zuhause konnte ich Tschicks Namen nicht mal laut sagen ohne zu riskieren, dass mein Vater einen Aussetzer hatte. Sein Repertoire an Schimpfwörtern hatte er Tschick zu Ehren nochmal um ein ganzes Feld erweitert. „Scheiß Ivan“ gehörte jetzt dazu. Und sogar für „Hurensohn“ war er sich einmal nicht zu schade gewesen. „Asoziale Drecksrussen“ war jetzt quasi Standard wenn es um Tschicks Familie ging, dabei kannte er sie ja gar nicht.
Mein Vater und Tschick sollten sich lieber nicht mehr begegnen, beschloss ich. Schließlich nahm ich Tschick mit auf den Indianerspielplatz und wir saßen nebeneinander auf dem Turm des Forts. Das heißt, eigentlich lagen wir auf dem Rücken, die Füße auf dem Rand des Geländers und sahen zum Himmel hoch, der erstaunlich blau war. Und in dem Moment was alles wieder da. Dieses Gefühl, dass uns nichts aufhalten konnte. Auch wenn wir uns ja selbst eindrucksvoll das Gegenteil bewiesen hatten. Aber scheißegal. Das Gefühl war jedenfalls großartig. Ich fühlte Tschicks Schulter neben meiner und alles war gut.
„Ich hab Isa getroffen“, erzählte ich. „Vor ner Woche. Unter der Weltzeituhr. Hat doch keine fünfzig Jahre gedauert.“
„Und?“ Tschick drehte den Kopf zu mir.
„Was und?“
„Na, hast du sie geküsst? Oder sie dich, muss man in dem Fall wohl eher fragen.“
Ich zögerte einen Moment und dann nickte ich. Tschick pfiff anerkennend durch die Zähne. „Das freut mich“, sagte er dann. „Ich hab schon befürchtet, du wärst jetzt mit Tatjana zusammen, dieser tauben Nuss.“
„Ernsthaft?“    
„Ja. Ich war mir sicher, dass die jetzt auf dich steht, nach der ganzen Aktion. Mit dem Bild und der Reise und so. Solche Tussis stehen auf sowas. Die mögen die Gefahr, weißt du? Für die bist du jetzt ein Rebell.“
Ich fragte mich, ob er damit recht hatte, aber zumindest im Moment war es mir nicht so wichtig.
„Ich wollte dir noch was sagen, Tschick.“ Ich suchte nach Worten. Weil es mir wirklich wichtig war, was ich jetzt sagen wollte. Und ich wollte auf keinen Fall, dass es blöd klang oder albern oder kitschig.
„Das war der beste Sommer meines Lebens“, sagte ich schließlich und natürlich klang es wie in einem schlechten Roman. Total blöd.
Aber Tschick lachte nicht. Das mochte ich ja schon immer so an ihm, dass er genau wusste, wenn mir etwas wirklich ernst war. Er schwieg eine Weile. „Geht mir genauso“, sagte er dann. „Und das mit Isa freut mich wirklich. Wann seht ihr euch wieder?“
„Keine Ahnung. Aber sie hat jetzt meine Adresse.“
„Du, ich muss dir noch was zeigen.“ Tschick setzte sich auf. Ich rappelte mich ebenfalls hoch, so dass ich neben ihm saß. Tschick hob die rechte Hand und legte sie auf sein Knie. Und ich sah, dass auf dem Handrücken ein Buchstabe in blauer Farbe stand. Darum herum war die Haut leicht gerötet und ich begriff, dass es so eine Art Tattoo sein musste. „M“ stand da und ehrlich gesagt wurde mir in dem Moment ein bisschen schwindelig und ich begriff gar nicht wirklich, was ich fühlte. Mir war natürlich sofort klar, wofür das „M“ stand und alter Finne, das haute mich total um.
Ich schluckte. „Das hast du echt gemacht?“
„Ja klar. Ich wollte ne Erinnerung haben. W für Walachei. Hammer, oder?“
„W“. Natürlich. Wenn Tschick den Arm hängen ließ wurde aus dem „M“ ein „W“. Im nächsten Moment fand ich es reichlich lächerlich zu glauben, dass Tschick sich den Anfangsbuchstaben von meinem Namen hatte tätowieren lassen. Ich fragte mich, ob ich nun doch so langsam größenwahnsinnig wurde oder was sonst mit mir los war. Zuviel Sonne vielleicht.
„Geile Idee“, sagte ich. „Wer hat das gemacht?“
„Ein Junge im Heim. Igor. Der hat das total drauf. Der macht das mit Tinte und ner Nadel.“
Ich schauderte, fand es aber gleichzeitig großartig.
„Wie ist es sonst so im Heim?“ fragte ich.
Nicht total scheiße. Das Essen ist okay. Aber es ist alles Mögliche verboten. Türen offen stehen lassen und nach der Nachtruhe Licht anhaben.“
„Klingt nicht so gut“, sagte ich.
„Das Schlimmste ist, dass man nur mit spezieller Erlaubnis raus darf. Außer zur Schule.“
Ein paar von den Dingen die er erzählte, erinnerten mich schwer an die Entzugsklinik meiner Mutter. Tschick hatte zum Glück keine Kiste mit Namen in seinem Zimmer, aber es gab jeden Tag eine Gesprächsrunde wo jeder erzählen musste, was ihn gerade nervte. Und der Therapeut nickte dann immer zu allem und sagte am Ende, dass es sehr gut war, dass man darüber gesprochen hatte. Und, dass es am besten war, sich alles von der Seele zu reden und dass hier der Raum dafür war. Tschick meinte, wenn man nichts zu erzählen hatte, dann dachte man sich besser etwas aus, denn sonst bekam man Einzelgespräche.
Und er machte ein Anti-Aggressionstraining, was ich sinnlos fand, denn Tschick war ja nie aggressiv gewesen, jedenfalls nicht solange ich ihn kannte. Maltherapie gab es auch und die war wohl ganz in Ordnung. Man musste dafür auch nicht besonders gut malen können. Ich dachte, dass mir das zumindest auch ein bisschen Spaß gemacht hätte.
Der Nachmittag ging so schnell rum, dass ichs gar nicht fassen konnte, als die Sonne plötzlich hinter dem Geländer vom Indianterturm verschwand. Tschick sagte, dass er vor sechs zurück im Heim sein müsse, weil es sonst wieder vorbei war mit seinem Ausgang. Dann würde er wieder für ne Woche Arrest haben und mit Schule am Montag war es dann auch Essig. Tschick nahm die Sonnenbrille ab und ich sah, dass er ein ziemliches Veilchen hatte. Das hatte ihm einer im Anti-Aggressionstraining verpasst, erzählte er und fand das wahnsinnig komisch. Ich lachte auch ein bisschen, aber sein Auge war schon ziemlich zugeschwollen. So sah er wirklich aus wie ein Schwerverbrecher.
Ich brachte Tschick dann zur U-Bahn und fragte, wann wir uns wiedersehen würden. Montag kam mir so unglaublich weit weg vor. Tschick wollte mich gern gleich am nächsten Tag seinem Bruder vorstellen und ich muss sagen, dass ich ziemlich gespannt darauf war, den kennen zu lernen. Ich fragte mich, ob er so war wie Tschick. Wahrscheinlich schon, denn er hatte ihm ja alles beigebracht. Ich stellte ihn mir vor wie einen Pirat oder wie Michael Corleone oder so. Ich war ziemlich gespannt drauf, ihn zu treffen, hatte gleichzeitig aber auch etwas Muffensausen. Immerhin würde Tschick ja dabei sein.
Abends brannte ich für Tschick eine CD mit Liedern, die mich an unsere Reise erinnerten. „Ballade pour Adeline“ kam natürlich drauf, weil es ja auch das einzige war, das wir tatsächlich gehört hatten. Aber im Nachhinein dachte ich noch bei ganz anderen Liedern an unseren Trip. Bei AC/DC „Highway to Hell“ zum Beispiel. Ich fragte mich, ob Tschick das überhaupt kannte. „Seven Nation Army“ von den White Stripes brannte ich ihm auch drauf und ich freute mich schon richtig drauf, ihm die zu schenken. Mein Vater kam noch einmal rein und meckerte rum weil ihm die Musik zu laut war und ich ging ins Bett.
*
Ich traf Tschick wieder am Indianterturm, weil die Hochhäuser von Marzahn ja nicht weit weg lagen. Nur einmal quer übers Feld rüber. Wär schon cool, wenn Tschick wieder zu seinem Bruder ziehen könnte, dachte ich. Dann würde er ganz in der Nähe wohnen. Tschicks Hochhaus war auch nicht mehr heruntergekommen als die anderen. Den meisten Briefkästen im Hausflur fehlten die Klappen und einige waren ganz eingetreten. Es roch nach Kohlsuppe und Schuhsohlen und das Treppenhaus war vollgekritzelt. Aber an manchen von den Türen hingen auch Kränze oder ganz hübsche Türschilder. An einer war ein Aufkleber auf dem stand „Die Hölle, das sind die Anderen.“
Tschicks Bruder wohnte im obersten Stockwerk und Tschick hatte einen Schlüssel für die Tür. Ich drückte mich hinter ihm in den Wohnungsflur, der ziemlich dunkel war. Direkt neben der Tür stand eine ganze Batterie von Flaschen aufgereiht. Ich erkannte Vodka, Wein und Bier. An der Wand gegenüber hing ein Ölgemälde von einer Winterlandschaft. Die Kommode darunter sah aus wie vom Sperrmüll und ein Fuß fehlte. Daneben war ein Regal mit einer ganzen Reihe von Büchern.
Tschicks Bruder sah tatsächlich aus wie ein Mongolenanführer. Er hatte genau die gleichen schmalen Augen wie Tschick und denselben kantigen Schädel. Die Haare hatte er an den Seiten abrasiert und die in der Mitte lang wachsen lassen, so dass er sie zu einem Zopf binden konnte. Und Muskeln hatte er, alter Finne. Das konnte man gut erkennen, weil er ein Unterhemd trug. Außerdem hatte er eine alte Jogginghose an und ehrlich gesagt hätte ich wahrscheinlich einen Bogen um ihn gemacht, wenn ich ihm auf der Straße begegnet wäre.
Jetzt ging das natürlich nicht. Außerdem hängte er gerade Wäsche auf einer Leine in der Küche auf. Da hingen Socken, Unterhosen, weiße Shirts alles nebeneinander und er steckte sie sorgfältig mit Wäscheklammern fest. Das wirkte nicht gerade bedrohlich. Er strubbelte Tschick durchs Haar und sagte irgendwas auf Russisch, was ziemlich lässig klang. Dann nahm er meine Hand, die ich ihm höflich entgegenstreckte. Tschick sagte auch etwas auf Russisch und mein Name kam darin vor und dann klopfte sein Bruder mir anerkennend auf die Schulter und ich nickte und lächelte noch ein bisschen mehr. Mir fiel ein, dass ich Tschick noch nie hatte Russisch sprechen hören und es passte irgendwie zu ihm und zu seiner Stimme. Es gefiel mir.
„Du bist also Maik“, sagte Tschicks großer Bruder. Sein Akzent war deutlich stärker als der von Tschick und seine Stimme klang rau. „Freut mich, dich kennen zu lernen. Ich bin Alexej.“
Ich nickte wieder. „Freut mich auch.“
Alexej runzelte die Stirn. „Habt ziemliche Scheiße gebaut, ihr zwei. Ziemlich großen Mist. Aber macht nichts, ich bin trotzdem stolz auf Andron. Hab gehört er ist gut gefahren.“  
Es dauerte einen kurzen Moment, bevor mir klar wurde, dass mit Andron Tschick gemeint war. Er hieß ja eigentlich Andrej und das war vermutlich so eine Art russischer Spitzname. „Ist er“, sagte ich schnell. „Den Unfall habe ich gebaut.“
„Der Laster“, sagte Tschick. „Der Laster war schuld. Du bist super gefahren. Wir wären ganz sicher bis in die Walachei gekommen.“
„Ich koch euch was“, sagte Alexej und wir setzten uns an den Küchentisch, der mit Zeitungen und Papieren voll geräumt war, die Tschick einfach zur Seite schob. Alexej steckte sich eine Zigarette an und fing an zu kochen, auf einem altmodischen Herd mit nur zwei Platten. Dabei fragte er Tschick nach dem Heim aus und ich muss sagen, dass es nicht schlecht war, da auf der abgewetzten Küchenbank neben Tschick zu sitzen und den beiden zuzuhören. Es roch auch bald verdammt gut.
Alexej angelte einen Brief von einem Regal und warf ihn Tschick hin. „Von Großvater Wasilev.“
„Aus der Walachei“, erklärte Tschick. Das Papier war voll mit Zeichen, die ich nicht lesen konnte. Ich hatte schon mal gehört, dass Russisch andere Schriftzeichen hatte als Deutsch, aber nicht mehr daran gedacht. Ich fragte mich, wie Tschicks Name auf Russisch aussehen würde.
Tschick las und sah mich dann grinsend an. „Er schreibt, dass wir ihn bald besuchen kommen sollen, ich und mein verrückter Freund. Aber erst, wenn wir das mit dem Auto klauen wirklich drauf haben. Sonst sollen wir lieber die Bahn nehmen.“
„Machen wir“, sagte ich.
Alexej stellte lautstark drei Teller mit blauem Muster auf den Tisch und ich dachte, dass er seit Friedemanns Mutter der Erste war, der für mich kochte. Meine Mutter hatte es nicht so mit dem Kochen. Wir bestellten höchstens was. Und mein Vater war auf dem Gebiet ein Totalausfall.
Es gab eine rote Suppe mit Fleisch drin, die köstlich schmeckte und total scharf war. Tschick und sein Bruder schienen das gar nicht zu merken aber mir brannte es fast die Zunge weg. Ich konnte aber trotzdem nicht aufhören zu essen und es war auch jede Menge da. Anschließend stellte Alexej uns zwei Flaschen Bier hin aber Tschick sagte, dass er nichts trinken durfte, weil das im Heim immer abends kontrolliert wurde. Alexej nickte verstehend und klopfte ihm auf die Schulter. Ich trank dann auch nichts was ich auch ganz gut fand. Bier mochte ich immer noch nicht so.
Und dann zeigte Tschick mir die Wohnung. Außerder Küche gab es nur noch ein Wohnzimmer mit einem alten Röhrenfernseher und weiteren Bücherregalen n der Wohnung. Und dann eben noch so eine kleine Kammer, in die gerade so ein Bett reinpasste und ein kleiner Tisch. Das war Tschicks Zimmer, auch wenn Zimmer echt übertrieben war. Ich war ehrlich gesagt im ersten Moment ein bisschen betreten und versuchte es mir nicht anmerken zu lassen, denn Tschick war echt froh wieder in dem Raum zu sein, das merkte man.
„Guck mal, der Ausblick“, sagte er, und ich sah, dass man bis zum Indianerturm gucken konnte, über das Ödland hinweg und musste grinsen. „Cool.“
Eine Weile saßen wir dann nebeneinander auf dem Bett und Tschick übersetzte mir ein paar russische Comics, die er in einer Kiste aufbewahrte. Und dann zeigte er mir noch ein paar Fotos von seinen Verwandten aus Russland und irgendwie wurde mir erst in den Moment richtig klar, dass Tschick mit seinem Bruder ja ganz alleine hergekommen war. Dass die beiden ganz ohne ihre Eltern hier angefangen hatten.
„Vermisst du deine Familie?“
„Ja schon“, sagte Tschick. „Aber ich will nicht zurück. Hier ist es besser. Später besuche ich sie.“  
Als wir gehen mussten, drückte sein Bruder ihm zehn Euro in die Hand und sagte, dass wir noch die Flaschen wegbringen sollten, die vor dem Eingang standen. Weil die vom Jugendamt jetzt jederzeit vorbei gucken konnten. Das kannte ich schon. Wenn meine Mutter wieder mal ne Weile auf dem absteigenden Ast gewesen war, hatten wir zuhause auch immer jede Menge leere Flaschen, die wir entsorgen mussten. Mein Vater machte das dann immer sehr diskret und wir fuhren zu einem Container weit weg. Wegen der Nachbarn.
Tschick und seinem Bruder war das egal. Wir schleppten die Flaschen einfach in einem alten Wäschekorb nach unten, dem ein Griff fehlte und warfen sie in den Container direkt vor der Tür, was ordentlich Krach machte.
Dann sah ich Tschick an und er sah mich an. „Morgen kann ich nicht raus“, sagte er. „Sonntags müssen wir alle im Heim bleiben.“
Ich seufzte. „Okay. Aber am Montag bist du in der Schule?“
„Klar.“
Abends im Bett brannte mein Hals immer noch von der scharfen Suppe und ich hatte überhaupt keine Lust auf den Sonntag, der vor mir lag. Das einzig Gute war, dass danach der Montag kommen würde.    
*
Dass Tschick wieder in unsere Klasse gehen würde hatte sich bereits herumgesprochen. Klar, André Langin war ja auch die größte Klatschbase von allen. Das überraschte mich also nicht sonderlich. Ich wollte nicht, dass Tschick wieder allein vor der Klasse stehen musste, also wartete ich am Schultor. Und wartete und wartete. Ehrlich gesagt war ich mir schon fast sicher, dass er nicht kommen würde, als er schließlich um die Ecke geschlendert kam. Die Plastiktüte hatte er nicht mehr dabei, dafür aber eine total billige Tasche aus Lederimitat, die ehrlich gesagt fast genauso schlimm war. Immerhin schwankte er nicht. Ich hatte schon befürchtet, dass er an seinem ersten Tag wieder hacke sein würde, aber offenbar wurde im Heim wirklich gut kontrolliert und auf dem Weg hierher hatte er vielleicht keine Zeit gehabt, um aufzutanken.
„Hast du auf mich gewartet?“ fragte Tschick.
Ich nickte. „Wäre aber fast wieder gegangen. Willst du ernsthaft an deinem ersten Tag zu spät kommen? Wir haben gleich bei Wagenbach.“
„Wagenbach, Wagenbach, war das der Typ mit Geschichte? Der immer so viel redet und Luft durch die Nase zieht?“ Tschick machte es ziemlich überzeugend nach und ich dachte, dass er vermutlich der einzige Schüler war, der sich Wagenbach nicht sofort gemerkt hatte als einen bei dem man tierisch aufpassen musste.
„Genau, und vor allem ist er ein Arschloch.“ Ich flüsterte extra-leise. „Der macht dich einen Kopf kürzer, wenn du gleich am ersten Tag zu spät kommst.“
Tschick schien nicht sonderlich beunruhigt und zum Glück erreichten wir die Klasse auch noch gleichzeitig mit Wagenbach. Der kam nämlich nie auch nur eine Minute zu spät.
„Ach, Herr Tschichatschow“, sagte Wagenbach und winkte Tschick gleich mal an den Lehrertisch. Ich verpieselte mich auf meinen Platz und merkte im nächsten Moment wie feige das war. Fast wäre ich wieder aufgestanden und zu Tschick nach vorne gegangen, aber das hätte dann auch irgendwie seltsam gewirkt. Tschick wirkte auch nicht nervös. Er stand seelenruhig vor Wagenbachs Tisch und schien nicht zu merken, wie die anderen in der Klasse tuschelten. Ich dachte daran, was ich beim ersten Mal gedacht hatte, als ich ihn da vorne neben Wagenbach gesehen hatte. „Zwei Arschlöcher auf einen Haufen.“ Wie verdammt falsch ich da gelegen hatte. Ich hätte mich am liebsten noch jetzt im Nachhinein dafür bei Tschick entschuldigt.
„Herr Tschichatschow“, sagte Wagenbach nochmal und – das muss ich ihm zugute halten – er hatte sich die richtige Aussprache des Namens gemerkt. „Schön, dass sie auch mal wieder bei uns vorbei schauen.“
Tschick nickte und Wagenbach wurde ernst. „Du wirst einiges nachzuholen haben an Stoff. Am besten leihst du dir mal das Heft von Lukas oder Gerrit. Du kannst dich auf deinen alten Platz setzen. Der ist ja noch frei, nicht wahr?“
Da fiel mir erst auf, wie dämlich ich wirklich gewesen war. Neben mir war nämlich kein Platz mehr frei, weil ich neben Kevin saß. Also stand ich schnell auf und glitt auf den freien Platz neben Tschick. Klar, der hinterste Tisch, der ganz einsam stand, war eigentlich der Platz für die loser und Verbrecher, aber das waren wir ja nun mal auch. Außerdem kam es gar nicht infrage, dass ich nicht neben Tschick setzen würde. Ich hoffte, dass Wagenbach nichts sagen würde und packte resolut meine Bücher aus. Wagenbach sagte nichts. Und von da an saß ich neben Tschick.
*
Was ich an Tschick total mochte und schon immer an ihm gemocht hatte war, dass man mit ihm auch mal über ernste Themen reden konnte. Also über Themen, die mir ernst waren, auch wenn das kein anderer verstand. Zum Beispiel hatte ich ihm schon alles von Graf Luckner erzählt und er hatte es begriffen. Ich hätte ihm natürlich auch das Buch ausleihen können, aber es war mir irgendwie lieber, ihm die ganzen Geschichten zu erzählen und ich glaube, Tschick gefiel es auch ganz gut. Oft dachten wir uns dann neue Geschichten aus und irgendwann spielten wir auch selbst in den Abenteuern mit.
Wir waren jetzt meist auf dem Indianerturm wenn wir uns trafen oder in der Wohnung von seinem Bruder. Ich traute mich immer noch nicht, Tschick mit nach Hause zu bringen. In der Stadt waren wir nicht so oft. Dafür hatten wir aber einen schönen Platz am Müggelsee entdeckt, wohin wir manchmal raus fuhren. Da waren nicht oft Menschen und er lag etwas hinter Büschen versteckt. Da lagen wir dann in der Sonne, die leider nicht mehr wirklich warm schien und dachten uns Geschichten aus. Es war dann nicht so schwer, sich vorzustellen, dass wir wieder unterwegs waren und der Lada da oben auf der Uferböschung auf uns wartete. Oder dass wir Forscher auf einer Expedition in einem unbekannten Land waren. Oder auf einem fremden Planeten. Oder gestrandete Piraten.
An diesem Nachmittag hatten wir nur wenig Zeit, weil ich abends noch meinem Vater im Garten helfen musste. Er war da jetzt dauernd am Werkeln, obwohl das Haus ja verkauft werden sollte. Oder vielleicht gerade deswegen. Deswegen waren wir nur auf den Indianerturm gegangen. Es nieselte und da war es gut, dass der Turm ein Dach hatte. Tschick hatte seine Jacke ausgezogen, so dass wir uns dagegen lehnen konnten und ich hatte meine auch ausgezogen und wir hatten uns damit zugedeckt. Weil wir so ganz nah beieinander saßen, war uns richtig schön warm auch wenn es ein wenig windig war.
„Ich glaube Tatjana steht auf dich“, sagte Tschick.
Wir hatten gerade davon gesprochen, wie wir ein Floß bauten, um von einer einsamen Insel abzuhauen und der Themenwechsel kam etwas plötzlich. Ich brauchte einen Moment, um Tatjana und die einsame Insel in meinem Kopf in Einklang zu bringen. „Glaub ich nicht“, sagte ich dann und malte mit einem Stöckchen Kreise in den Sand auf dem Holzboden des Turms. „Warum denkst du das?“
„Hast du nicht gemerkt, dass sie jetzt öfter mit dir redet?“
„Das kommt nur weil alle jetzt öfter mit mir reden. Mit dir doch auch.“
„Ja, aber bei Tatjana ist das noch was Anderes. Glaub mir, ich merk sowas.“
Ich fragte mich, warum Tschick mir das erzählte. Ich wusste ja, dass er Tatjana für einen absoluten Blindgänger hielt. Aber vermutlich war er einfach ehrlich, wie immer.
„Keine Ahnung. Kann sein.“ Ich wartete auf das Herzklopfen und darauf, dass meine Knie weich wurden, aber das passierte nicht. Auch wenn da ein angenehm warmes Gefühl in meiner Brust war. Ich sah nicht hoch, merkte aber, dass Tschick mich ziemlich scharf musterte.
„Hast du ihr Bild schon fertig? Das von Rihanna?“
„Ich hab angefangen.“ Die Wahrheit war, dass es keinen besonders großen Spaß machte, Rihanna für eine Freundin von Tatjana zu zeichnen. Beyoncé war für sie gewesen und es war ein Geheimnis gewesen. Ich hatte mir beim Malen immer vorgestellt, wie ich es ihr schließlich überreichen würde. Und es war ja dann auch toll gewesen. Der Anfang von allem. Aber nicht der Anfang von meiner und Tatjanas Geschichte. „Ich fühle mich nicht mehr so wie vor den Sommerferien.“ Ich zog die Schultern hoch.
„Ah“, sagte Tschick. „Das habe ich mir schon gedacht.“
„Bist du mein Psychologe oder was?“
Tschick grinste. „Irgendwer muss den Job ja machen.“
Ich knuffte ihn in die Seite und er knuffte zurück. „Hast du schon eine neue Flamme? Natalie vielleicht?“
Ich schüttelte den Kopf. „Ich hab ja nicht gesagt, dass ich nicht mehr in Tatjana verliebt bin. Es ist nur – anders.“
„Ist es vielleicht wegen Isa?“
„Lass uns den ganzen Kram mit Weibern doch erstmal für ne Weile vergessen, okay?“
Tschick schaute mich einen Moment lang an. „Okay“, sagte er dann. Zum Glück wusste er auch, wann es gut war, Dinge ruhen zu lassen.
*
Seit Tschick wieder in unserer Klasse war merkte ich erst wirklich, wie gut es war, einen Freund in der Schule zu haben. Mir war das vorher gar nicht so aufgefallen, dass es doch manchmal ganz schön beschissen war, alleine zu sein. Zum ersten Mal seit der vierten Klasse stöhnte ich nicht mehr innerlich auf, wenn angesagt wurde, dass wir mit einem Partner arbeiten mussten. Denn da war ja immer jemand, der mit mir zusammen arbeiten wollte. Nicht einmal Gruppenarbeit konnte mich mehr schrecken, denn zu wissen, dass Tschick mit mir in einer Gruppe sein würde, war so viel besser als alleine dazustehen. Sogar wenn wir nicht unseren Sitznachbarn als Partner nehmen durften, war es gut zeigen zu können, dass man davon genauso genervt war, wie alle anderen auch und Tschick anzugucken und bedauernd die Schultern zu heben. Es wollten jetzt sogar auch manchmal andere mit uns zusammen arbeiten. Die Mädchen natürlich nicht, die Mädchen wollten nie mit Jungen zusammen arbeiten außer mit André Langin, aber Patrick und Paul oder Lukas kamen manchmal zu uns rüber.
Aber es war natürlich nicht nur das. Seit Tschick da war, war die Schule auch insgesamt interessanter. Deutsch vor allem. Es stellte sich nämlich raus, dass Tschick zu fast jedem Thema irgendetwas einfiel, das total von dem abwich was bei google als richtige Lösung stand. Und meistens hatte es etwas mit Aliens oder der russischen Mafia zu tun. Ganz egal ob es vorher um Sachtexte oder „Der Besuch der alten Dame“ gegangen war. Kaltwasser sah ihn dann immer an als sei er auch so eine Art Alien und ich glaube das lag daran, dass Tschicks Texte zwar unpassend, aber nicht schlecht waren. Wir hörten sie jedenfalls alle immer gern. Und Kaltwasser nahm seine Brille ab, putzte sie, setzte sie wieder auf und sagte: „Mal was anderes. Auch wenn das etwas weit hergeholt ist, Herr Tschichatschow. Etwas weit hergeholt. Bleiben sie näher am Text.“ Tschick nickte und machte sich eine Notiz.
In einer Deutschstunde ging es um die Frage, ob Computerspiele die Gewaltbereitschaft von Jugendlichen erhöhen. Kaltwasser hatte die Frage an die Tafel geschrieben und wir sollten sie dreißig Minuten lang erörtern. Ich konnte mir nie merken, was erörtern hieß und musste erst in meinen Unterlagen kramen, als Tschick schon anfing zu schreiben. Er schrieb ohne abzusetzen bis die dreißig Minuten rum waren, während ich an meinem Stift kaute, einen Satz schrieb, ein Radiergummi suchte, keins fand, den Satz durchstrich, nochmal anfing, das Blatt rausriss, zu Tatjana sah, die auch an ihrem Stift kaute, zu Tschick sah, mir zwei oder drei Notizen machte und nochmal anfing. Ich hatte etwa zehn Sätze geschafft als die Zeit rum war.  
Tschick meldete sich, was jetzt manchmal vorkam und nachdem Tatjana und Nele beide ihre Aufsätze vorgelesen hatten in denen stand, dass Computerspiele das natürlich täten und deswegen gefährlich seien, kam Tschick dran.
„Zunächst muss man sich fragen, was Gewaltbereitschaft überhaupt ist“, las Tschick. „Klar, dass es gewalttätig ist, wenn man einen Menschen erschießt oder jemanden foltert, kann jeder sehen. Aber natürlich gibt es auch noch ganz andere Arten von Gewalt. Wenn man über jemanden lacht ist das zum Beispiel auch eine Art von Gewalt oder wenn man jemanden ignoriert. Und ich bin der Meinung, dass diese Art von Gewalt viel öfter unter Jugendlichen vorkommt, als zum Beispiel ein Amoklauf oder sowas. Und deswegen wäre es vielleicht gut sich zu fragen, was diese Art von Gewalt auslöst, anstatt den Computerspielen die Schuld an irgendwas zu geben.“
Es ging noch eine Weile so weiter und in der Klasse war es mucksmäuschenstill. Auch weil Tschick natürlich wieder vom Thema abgewichen war, aber vor allem weil das was er schrieb irgendwo einleuchtete. Mir zumindest. Aber ich glaube einigen Anderen auch.
Tschick lehnte sich in seinem Stuhl zurück, als er fertig war und Patrick klopfte mit den Knöcheln auf den Tisch, was wir uns seit neuestem angewöhnt hatten, wenn uns etwas gut gefiel. Die Oberstufenschüler machten das so. Ich klopfte auch und dann noch ein paar. Der Rest guckte Kaltwasser fragend an.
„Interessante Beobachtungen, Tschichatschow“, sagte Kaltwasser und zerdrückte ein Stück Kreide zwischen den Fingern. „Wenn auch nicht ganz zum Thema passend.“ Dann rief er Melanie auf und es folgten noch ein paar korrekte Erörterungen, die genau zum Thema passten und alle gleich klangen.
Tschick und Sport, das war auch so eine Sache. Er war ja im Sportunterricht nie aufgefallen, weder positiv noch negativ. Das einzig bemerkenswerte an ihm war sein löchriger Trainingsanzug, den er auch immer noch trug. Ansonsten hatte ich keine Ahnung, ob er Sport nicht mochte, ob er einfach nicht besonders gut war oder ob es ihn nicht interessierte. Ich vermutete Letzteres, denn auf unserer Reise hatte ich ja zumindest gesehen, dass er gut schwimmen konnte. Beim Laufen war er immer irgendwo im Mittelfeld gewesen.
Wenn es nach mir gegangen wäre, hätten wir nach den Ferien nochmal Hochsprung machen können, denn ich hätte nichts dagegen gehabt, Tschick zu zeigen, dass es eben auch Dinge gab, die ich konnte. Bisher hatte er mich ja nur als jemanden erlebt, der es vergeigte, Benzin aus Autos zu klauen und in Schweinelaster fuhr. Er hatte sich vielleicht wirklich nicht gelangweilt mit mir, aber mit meinen Fähigkeiten geglänzt hatte ich auch nicht gerade. Aber leider wurde es mit Hochsprung nichts, denn Wolkow wollte mit uns Ringen machen. Keine Ahnung, wie der darauf kam, im Lehrplan stand es bestimmt nicht. Aber das war jemandem wie Wolkow ja egal. Ich fand auch nicht, dass Ringen eine gute Idee war. Mir reichten die Abreibungen, die mir mein Vater über den Sommer hinweg immer mal wieder verpasst hatte. Aber ich kam aus der Nummer natürlich nicht raus.
Nachdem Wolkow uns also zehn Mal zum aufwärmen um die Halle geschickt hatte, bauten wir in der Mitte ein paar Matten auf. Das war quasi der Ring. Einen echten Ring mit Seilen oder so gab es natürlich nicht. Wolkow erklärte dann die Regeln, während wir auf der Bank saßen. Wir würden Freistil kämpfen, also diente der gesamte Körper als Angriffsfläche. Schläge, Tritte, Stöße und Würgen waren verboten, was mich beruhigte. Wer den Anderen zuerst mit beiden Schultern auf den Boden brachte, hatte gewonnen. Ich hatte keine Lust, mich auf der Matte herumzuwälzen, aber die Mädchen, die eigentlich nebenan Geräte Turnen hatten guckten interessiert rüber. Tatjana stand neben Natalie, die ihr irgendwas erzählte und sah immer wieder zu uns. Sich blamieren kam also auch nicht infrage.
Wolkow blieb sich selber treu und ordnete gleich einen Wettkampf an. Der Sieger würde jeweils im Feld bleiben und gegen den nächsten kämpfen. Patrick und André Langin kamen als erste dran. Langin konnte ich mittlerweile noch weniger ausstehen. Er war jetzt mit Natalie zusammen und was mich tierisch an ihm nervte war, dass er nicht damit aufhörte, Tschick vollzutexten. Mit dem größten Schwachsinn natürlich. Über die Mädels aus der Klasse oder über Autos oder die russische Mafia. Er hörte nicht auf damit und ging mir extrem auf den Sender damit. Er fragte Tschick zum Beispiel, wie das im Heim so war, ob er da nach der Schule eingesperrt wurde.
„Nein, wir tragen da alle Fußfesseln“, erklärte Tschick. „Und wer trotzdem wegläuft wird an die Wand gekettet.“
Ihn schien das mit André eher zu amüsieren, aber ich wünschte, jemand würde ihm ein Gewicht an die Füße binden und ihn im Müggelsee versenken.
André machte auch schon wieder eine Riesenshow als er zu den Matten in der Mitte der Halle ging und warf den Mädchen noch eine Kusshand zu, die Natalie theatralisch auffing, um dann Tatjana etwas ins Ohr zu flüstern. Er baute sich auf und gab Patrick noch ein Zeichen, dass der anfangen sollte. Tja, und dann lag er auch schon auf der Matte. Die Mädchen riefen „ohh“ und Natalie tat, als sei es ihr egal. Aber mich freute das natürlich tierisch, dass André so gescheitert war. Von da an gab es immer vier Kämpfe gleichzeitig und ich gewann immerhin gegen Lukas und Kevin und Olaf, bevor ich auch gegen Patrick verlor. Es stellte sich dann sowieso raus, dass Patrick ein Naturtalent war. Er machte echt alle platt.
Ich ließ mich auf die Bank neben Tschick fallen, der da eingesunken saß, die Arme vor dem Oberkörper verschränkt und wenn er nicht die Augen offen gehabt hätte, hätte man denken können er schlafe. Irgendwie hatte er es geschafft, keinen einzigen Kampf zu machen.
War aber klar, dass er bei Wolkow damit nicht durchkam. Der war nicht der Typ, der Leute mit irgendwas durchkommen ließ. „Ach, da sitzt ja noch jemand. Andrej, dann zeig doch mal, was du kannst.“
Tschick sollte gegen Patrick kämpfen und es war klar, dass das nicht besonders spannend werden würde, denn Tschick hatte offenbar keinen Bock und Patrick hatte uns schließlich alle fertig gemacht. Die meisten sahen gar nicht mehr hin, nur ich, weil ich wissen wollte, wie Tschick kämpfte.
Er schlenderte auf Patrick zu, die Hände in den Hosentaschen, die strähnigen Haare fielen ihm ins Gesicht. Patrick ging in Kampfposition und sah Tschick entgegen. Der blieb ein Stück vor ihm auf der Matte stehen. Vollkommen ruhig. Dann bewegte er sich auf Patrick zu und im nächsten Moment, ohne dass irgendjemand wirklich gesehen hatte, was passierte, lag Patrick auf dem Boden und Tschick presste seine Schultern auf die Matte. Dann stand er schnell wieder auf und ging zurück zu mir, wo er sich wieder auf die Bank sinken ließ und genauso dasaß wie vorher. Keiner sagte etwas, nicht mal ich. Patrick rappelte sich wieder auf und warf einen Blick zu Wolkow.
„Umziehen“, sagte Wolkow und wir trabten in die Kabine wie eine Schafherde nach einem Gewitter.
*
„Woher kannst du das?“ fragte ich Tschick als wir eine Weile später an unserem Platz am See saßen. Es regnete ein bisschen aber wir saßen unter einer Buche und wurden deswegen nicht nass. Tschick schnitze mit seinem Taschenmesser an einem schmalen Ast herum und ich sah auf das „W“ auf seinem Handrücken. Es war jetzt nicht mehr rot und geschwollen, aber der Buchstabe war immer noch gut zu erkennen. Also hatte das mit dem Tattoo wohl funktioniert. Und während er schnitzte sah es auch wieder mehr aus wie ein „M“.
„Schnitzen?“ fragte Tschick.
„Quatsch, Ringen.“
Tschick zuckte die Schultern. „Hat mir mein Bruder beigebracht.“
„Gibt es eigentlich irgendwas, das dir dein Bruder nicht beigebracht hat?“
Tschick grinste. „Alles was ich kann habe ich sozusagen von ihm gelernt. Aber ich kann ja nicht viel.“
„Haha.“ Ich knuffte ihn in die Schulter. „Du kannst alles was man braucht.“
„Das kommt dir nur so vor.“
„Kannst du mir das beibringen? Ringen meine ich?“
Tschick hörte auf zu schnitzen und sah mich an. „Klar“, sagte er. „Aber das wichtigste dabei ist, dass du die Stärke des Gegners für dich ausnutzt. Das ist beim Kampfsport immer so, sagt mein Bruder.“
Ich hatte sowas ähnliches schon mal gehört, aber trotzdem keine Ahnung, wie das funktionieren sollte.  „Morgen hab ich sturmfrei“, sagte ich. „Mein Vater ist für zwei Tage weg und meine Mutter ist ja sowieso nicht da. Kommst du mit zu mir? Wir könnten auch mal wieder Playstation spielen. Und wenn du willst kannst du in den Pool. Wer weiß, wie lange wir den noch haben.“
„Habt ihr schon eine neue Wohnung?“ fragte Tschick.
„Nein, aber wir suchen, sobald meine Mutter wieder zuhause ist.“
Er sah mich aufmerksam an. „Macht dir das was aus?“
Ich schüttelte den Kopf. Wenn ich ganz ehrlich war konnte ich es kaum abwarten, auszuziehen. Ich mochte unser Haus nicht mehr. Oder vielleicht hatte ich es auch noch nie wirklich gemocht. Es war ja nicht viel Gutes dort passiert. „Ist schon okay“, sagte ich und ließ mich nach hinten sinken. Der Boden war ein wenig feucht, aber das störte mich nicht. Durch die Zweige der Weide konnte man den verhangenen Himmel sehen. Es roch gut nach Regen und Gras. „Hauptsache wir bleiben in Berlin.“
Tschick nickte.
Als er dann am nächsten Tag nach der Schule mit zu mir kam dachte ich, dass es nicht schlecht wäre, mit ihm zusammen zu wohnen, denn wir hatten einen super Nachmittag. Wir badeten erst im Pool, auch wenn es schon fast zu kalt dafür war und lieferten uns eine Wasserschlacht. Dann machte ich Tschick bei GTA fertig und dann machte er mich beim Ringen fertig. Im Ernst, das konnte er wirklich gut. Bevor man wusste wie einem geschah, lag man schon auf dem Boden. Wir übten auf der Wiese hinter dem Haus und ich hatte Glück, dass das Gras weich war. Trotzdem tat mir hinterher der Rücken weh und ich hatte immer noch nicht raus wie das mit dem „Stärke für sich ausnutzen“ funktionierte. Auch wenn Tschick meinte ich sei bereits besser geworden. Ich schaffte es kein einziges Mal, ihn umzuwerfen, er stand fest wie ein Baum. Und jedes Mal wenn er es bei mir versuchte knickte ich weg wie ein Grashalm.
Es nervte mich, dass Tschick um sechs gehen musste. Die Nachmittage gingen jetzt immer viel zu schnell herum, während sie sich früher oft dahin getropft waren wie ein schlecht eingestellter Wasserhahn. Das war ja das Gute an unserer Reise gewesen, dass ich abends einfach einschlief und Morgens war Tschick wieder da. Jetzt hatten wir nie genug Zeit zusammen.
*
Es war ja eigentlich klar, dass alles viel zu gut war, als dass es lange so bleiben könnte. Ehrlich, so wohl wie seit Tschick wieder in unserer Klasse war, hatte ich mich schon sehr lange nicht mehr gefühlt. Also musste natürlich irgendetwas passieren. Dass etwas nicht stimmte wurde mir sofort klar, als Tschick mich an dem Montagmorgen begrüßte. Er hatte nämlich eine Fahne und das war verdammt lange nicht mehr vorgekommen. Es war nicht so schlimm wie es früher manchmal gewesen war, aber man roch es schon deutlich. Sein Blick war nicht stumpf, wie bei meiner Mutter wenn sie richtig aufgetankt hatte, aber doch etwas glasig.
Er schob sich Pfefferminzkaugummi in den Mund.
„Was ist los?“ fragte ich.
„Nichts.“ Er kaute ohne mich anzusehen.
„Ach komm schon, du hast einen sitzen.“
„Mir war einfach danach.“
„Und was ist mit dem Heim? Bekommst du nicht Arrest, wenn das rauskommt?“
„Waren nur ein paar Schlucke. Merken die heute Nachmittag nicht mehr.“
Ich beobachtete Tschick dann den ganzen Tag über und es war klar, dass doch irgendwas los war. So gut kannte ich ihn mittlerweile. Gut, Tschick war noch nie ein Musterschüler gewesen und es kam öfter vor, dass er eine ganze Stunde quasi verpennte. Das wäre mir also nicht weiter aufgefallen. Aber an dem Tag schien er total abwesend zu sein. Nicht mal in der Pause konnte ich wirklich mit ihm reden. Das kam mir sehr seltsam vor. Am Nachmittag schwänzte ich dann Fußball und ging mit Tschick auf den Indianerturm.
Ich ließ mich neben ihn sinken. „Jetzt sag schon. Was ist los?“
„Mein Bruder“, sagte Tschick. „Hat Schwierigkeiten bekommen.“
Ich schluckte. „Was für Schwierigkeiten?“
„Er hat vor Monaten ein Auto geklaut und jetzt hat ihn jemand verpfiffen.“ Tschick starrte auf das Holz des Turmes als gäbe es da etwas wahnsinnig Interessantes zu sehen.
„Und jetzt?“
„Jetzt muss er vielleicht zurück nach Russland. Falls er abgeschoben wird. Er war ja schon vorbestraft.“
„Scheiße“, sagte ich. Und plötzlich sah alles grau aus. Der Turm, der Spielplatz, die Wiese dahinter. Nicht hatte mehr Farbe. Alles war grau und hässlich. „Und du?“
Tschick verschränkte die Finger ineinander und löste sie.  Zum zweiten Mal seit ich ihn kannte sah er aus, als ob er Angst hatte. So hatte er nicht ausgesehen, als Horst Fricke uns mit seinem Gewehr bedroht hatte, nicht als wir auf den Abhang und den Schweinelaster zu gefahren waren. Nicht vor Gericht. Nur das eine Mal als er mir erzählt hatte, dass er schwul war, da hatte er den gleichen Ausdruck gehabt. „Ich müsste dann mit. Hier ist dann ja keiner mehr, der das Sorgerecht haben kann.“
Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich den gleichen Ausdruck wie Tschick hatte, denn es fühlte sich an als würde ein Riese meine Brust zusammenquetschen.„Kannst du nicht einfach im Heim bleiben?“
Tschick schüttelte den Kopf. „Nicht mit meiner Vorgeschichte.“
Ich fühlte ein komisches Kribbeln in meinem Körper, das in den Beinen anfing, als würde irgendetwas durch mich hindurch kriechen, als hätte ich Insekten unter der Haut. Ich legte einen Arm um Tschick und meinen Kopf auf seine Schulter. Und in dem Moment dachte ich, dass ich alles tun würde, damit Tschick in Deutschland bleiben konnte. Ich hätte ihn sehr gerne geheiratet, wenn wir beide schon volljährig gewesen wären.
„Dann hauen wir eben wieder ab“, sagte ich. „Du kannst doch einfach noch ein Auto knacken. Und diesmal nehmen wir ne Karte mit und schaffen es in die Walachei. Vielleicht können wir bei deinem Großvater leben.“
Tschick sah zur Seite und musterte mich. Dann klopfte er mit einer Hand auf mein Knie. „Genau. Das machen wir.“
*
Am nächsten Morgen kam Tschick nicht in die Schule und mir wurde flau im Magen. Ich wartete am Schultor bis die Stunde bereits angefangen hatte, obwohl wir Wagenbach in der ersten hatten. Es war mir total egal, dass ich zu spät kam und ich hörte nicht mal richtig, wie er mich vor der Klasse runterputzte. War mir total egal, dass er mich Herr Klingenberg nannte und irgendwas davon faselte, dass gewisse Schüler dachten, sie hätten besondere Rechte und dass es immer die Falschen waren, die dachten, sie könnten sich so etwas leisten. Es war mir auch ein Rätsel, wie ich früher so eine Angst vor diesen Strafpredigten gehabt hatte. War doch vollkommener Blödsinn, was der quatschte. Es wäre mir auch egal gewesen, wenn er mich aus dem Fenster gehängt hätte in dem Moment. Das einzige was ich denken konnte war, ob es möglich war, dass man von einem Tag auf den Anderen aus Deutschland abgeschoben wurde.
Was wenn Tschick schon gar nicht mehr da war? Was wenn ich ihn nicht mehr wiedersah? Ich bekam noch nicht mal mit, dass Wagenbach schließlich sagte, dass ich mich setzen konnte. Erst als Patrick mir zuwinkte, ging ich auf meinen Platz zurück. Keine Ahnung, was in der Stunde geredet wurde, ich war wie in einer Art schwarzem Nebel.
Ich hätte gern irgendjemanden gefragt, wie lange eine Abschiebung dauerte. In meinem Kopf spielten sich Horrorszenarien ab in denen Tschick von der Polizei aus dem Heim gezerrt und direkt in ein Polizeiauto verfrachtet wurde, das ihn zurück nach Russland brachte. Aber wenn das so war, dann würde er mir doch ganz sicher schreiben wo er war, oder? Denn eines war ganz sicher: ich würde sofort abhauen und mich zu ihm durchschlagen.
Und ausgerechnet an dem Tag fragte mich Tatjana Cosic in der Pause, ob ich ihr nach der Schule noch Mathe erklären könnte. Wenn das vor den Sommerferien passiert wäre oder kurz danach, hätte ich gedacht ich träume oder wäre in Ohnmacht gefallen oder gestorben oder so. Aber an dem Montag hob es nicht mal meine Stimmung. Ich schwöre, wenn mich irgendetwas hätte trösten können, wäre es ganz sicher gewesen, dass Tatjana mich anspricht. Aber mich konnte eben nichts trösten. Ich sagte trotzdem zu, weil etwas anderes natürlich nicht infrage kam. Das hier war der Moment auf den ich zwei Jahre lang gewartet hatte und nur, dass ich mich in dem Augenblick nicht darüber freuen konnte hieß ja nicht, dass ich mir auf alle Zeiten alles vermasseln musste.
Manchmal ist das ja so im Leben, dass man sich auf etwas ganz unglaublich freut oder sich etwas von ganzem Herzen wünscht und es sich immer wieder ausmalt und vorstellt und jedes Mal wird es etwas schöner. Und wenn man es dann hat, ist es auf einmal gar nicht so toll, wie man es sich gedacht hat. Bei mir war das mal so, als wir das erste Mal mit einem Schiff fahren wollten, in den Urlaub nach Schweden. Ich hatte Monate lang darauf gewartet und darüber nachgedacht, wie ich am Bug den Wellen zusehen würde und Möwen füttern würde. Und wie ich mir die Schiffsschraube ansehen würde und den Frachtraum und mit dem Kapitän plaudern würde. Und an Bord wurde ich dann sofort seekrank und saß klotzend in der Kabine.
Bei dem Treffen mit Tatjana war es so ähnlich. Gut, ich wurde nicht seekrank, aber es war trotzdem auch nicht toll. Ich weiß wie seltsam das klingt, denn natürlich war ich ja in Tatjana verliebt. Wegen ihr habe ich ja überhaupt die ganze Reise unternommen. Und schön war sie natürlich auch immer noch als sie mir da am Tisch in der Cafeteria gegenüber saß, das Mathebuch vor sich aufgeschlagen, und eine Strähne von ihrem Haar um ihren Finger wickelte. Und klar lag es auch daran, dass ich die ganze Zeit daran denken musste, was mit Tschick war, dass ich es nicht so genießen konnte. Aber nicht nur. Die Sache war nämlich die, dass Tatjana eigentlich nur von Dingen redete, die mich nicht so sehr interessierten. Von Natalie und André zum Beispiel und dass der ja auch mal was von ihr gewollt hatte und dass das jetzt komisch war. Wobei ich es gar nicht komisch fand, denn André hatte ja von jedem Mädchen schon mal etwas gewollt. Dann fragte sie nach der Zeichnung von Rihanna und ich sagte, dass ich die schon angefangen hatte, was ja auch stimmte. Ich hatte immerhin schon die Umrisse. Tja und dann ging es noch um Beyoncé. Und leider hatte ich ja wieder aufgehört, die Musik zu mögen und mit wem Beyoncé zusammen war interessierte mich auch nicht. Eigentlich war es ganz gut, dass Tatjana die ganze Zeit redete, denn mir wäre gar nicht wirklich etwas eingefallen, das ich erwidern konnte.
„Sag mal wo war denn Tschick heute?“ fragte sie schließlich.
Ich zuckte nur die Achseln aber das war ehrlich gesagt der erste interessante Satz, den sie an dem Tag gesagt hatte. Über Mathe hatten wir am Ende fast gar nicht geredet, aber trotzdem fragte sie, ob wir das nächste Woche wieder machen könnten und ich nickte.
Ich ging nach der Schule nicht nach Hause sondern fuhr zu den Hochhäusern in Hellersdorf und klingelte bei Alexej, Tschicks Bruder. Vor dem hatte ich zwar immer noch einen Heidenrespekt, obwohl er immer freundlich zu mir war, aber ich musste wissen, was mit Tschick los war. Er öffnete nicht und das machte mir noch mehr Angst, denn vielleicht hatten sie ihn ja auch schon abgeholt. Danach fuhr ich dann zum Heim in dem Tschick wohnte. Ich wusste wo das lag und wie man hinkam, weil ich ihn schon ein paar Mal abends nach Hause gebracht hatte. Da hatte ich aber genauso wenig Glück. Ich sprach nur mit einem unfreundlichen Pförtner mit struppigem grauem Haar, der mir erklärte, dass er über die Insassen gar nichts sagen durfte. Er sagte „Insassen“ als wären das alles Straftäter. Rein lassen wollte er mich noch weniger. Ich schlich noch eine Weile um das Heim herum, in der Hoffnung, Tschick doch noch zu sehen oder irgendjemand anders, den ich fragen konnte. Irgendwann kam eine Gruppe Jungen raus, etwa zwei Jahre älter als ich, mit Kapuzenpullis und hochgezogenen Schultern. Der eine warf einen Blick zum Heim zurück, hob den Mittelfinger und steckte sich dann eine Zigarette an. Normalerweise hätte ich um solche Typen einen Bogen gemacht, aber jetzt waren sie vielleicht meine einzige Chance, Informationen über Tschick zu bekommen. Also beeilte ich mich um sie einzuholen. „Hey! Könnt ihr mir sagen, ob Andrej Tschichatschow noch im Heim wohnt?“ fragte ich.
Einer von denen drehte sich um und sah mich an. „Was ist dir die Information wert?“ fragte er als seien wir in irgendeinem Freitagskrimi. Ich fingerte mein Portemonnaie raus und hielt einen Zwanziger hoch. Alles was ich hatte.
Der Typ kam zu mir rüber und fischte den Schein aus meiner Hand. „Wohnt hier nicht“, sagte er.
„Er hat hier aber gewohnt! Gestern noch!“ beharrte ich.
„Jetzt aber nicht mehr.“ Er drehte sich um und ging zu seiner Gruppe zurück. Meinen Zwanziger nahm er mit.
Das machte mich vollkommen fertig. Nicht das mit dem Geld, aber das war er gesagt hatte. Das konnte doch nur heißen, dass sie Tschick echt abgeholt hatten. Vielleicht war er noch nicht abgeschoben, aber sie hatten ihn in ein anderes Heim gebracht. Jetzt hätten wir wieder einen Anwalt gebraucht, aber ich war mir ziemlich sicher, dass man als Vierzehnjähriger nicht in eine Kanzlei stolpern und sich einen Anwalt nehmen konnte. Vor allem nicht wenn man kein Geld hatte.
Wären wir bloß gestern abgehauen, dachte ich als ich abends im Bett lag. Ich wälzte mich hin und her, bekam aber kein Auge zu. Die ganze Zeit fragte ich mich, wo Tschick gerade war und ob es ihm gut ging.
*
Am nächsten Tag ging es nicht besser. Mir kam alles grau und trostlos vor. Mein Vater hätte eigentlich von seiner Geschäftsreise zurück sein müssen, aber er schrieb eine mail, dass es doch noch länger dauern würde. Mir war das recht. In die Schule zog ich die Kapuze von meinem Pulli über den Kopf und war froh, dass mich niemand ansprach. Das unsichtbar sein klappte immer noch und manchmal war das auch gut so.
Am Nachmittag rief meine Mutter an und erzählte von Karl-Heinz, ihrem Karton und dass es jetzt Maltherapie gab, die sie ganz gut fand. Ich erinnerte mich, dass Tschick das auch hatte und fragte mich, ob das der neuste Schrei war. Ich fragte meine Mutter, wie lange eine Abschiebung dauerte, aber sie hatte von so etwas keine Ahnung und ich konnte ihr auch nicht wirklich erklären, warum ich das wissen wollte.
Ich fuhr nochmal zu Tschicks Heim, ohne Erfolg. Am nächsten Tag war ich so weit, dass ich mir vorgenommen hatte, bei unserem Direktor nachzufragen, ob der irgendetwas über Tschick wusste. Und wenn der nichts wusste bei der Polizei. Weil ich immerhin einen Plan hatte, ging es mir etwas besser.
Und als ich dann gerade dabei war, mein Rad am Fahrradständer anzuschließen dache ich, ich gucke nicht richtig, weil da stand Tschick. Lehnte an einem Pfosten, die Hände in den Taschen, als sei alles in schönster Ordnung, als genieße er völlig ungestört den herrlichen Morgen.
Das kann wahrscheinlich keiner verstehen, was für Emotionen ich auf den wenigen Metern zu Tschick durchlebte. Erst war ich so unsagbar erleichtert, dass ich hätte heulen können. Dann war ich wütend, weil er so lässig wirkte und ich die letzten Tage lang fast gestorben wäre vor Sorge und dann war ich einfach nur froh ihn zu sehen. „Wo warst du?“ fragte ich und fand dass die Frage total platt klang, wenn man wusste, was gerade alles in meinem Innern vorgegangen war.
„Arrest.“
„Wie Arrest?“
„Du hattest Recht.“ Tschick zuckte die Schultern.  „Überraschungskontrolle am Nachmittag. Hatte 0,8 Promille, also drei Tage Arrest. Wie siehst du denn aus? Bist du krank?“
„Arrest?“ wiederholte ich lahm.
„Arrest mit Kontaktsperre.“
„Ich dachte sie hätten dich abgeschoben.“
„Ernsthaft?“ Tschick sah mich überrascht an. „Das ist doch Unsinn. Das geht doch nicht so schnell.“
Ich drehte mich um und ging Richtung Schulgebäude, denn in dem Moment war ich einfach überfordert. Und dass Tschick die ganze Sache so locker nahm konnte ich in dem Moment nicht verkraften. Obwohl es ja klar war, denn er hatte sich ja keine Sorgen gemacht.
„Hey Maik! Warte doch!“ Tschick kam mir nach und legte mir die Hand auf die Schulter. „Tut mir leid, okay? Ich wusste nicht, dass du das denkst. Sonst wär ich ausgebrochen, um dir ne Nachricht zu schicken. Ehrlich.“
Dass er so schnell begriff was los war, versöhnte mich wieder und ich entspannte mich. „Quatsch, wenn du ausreißt, bekommst du noch mehr Ärger. Lass das bloß.“ Ich wischte mir übers Gesicht, weil mich da anscheinend ein Regentropfen getroffen hatte. Obwohl es nicht regnete.
Tschick legte mir kumpelhaft den Arm um die Schultern und wir gingen in die Klasse. Es gab etwas Getuschel, weil Tschick wieder da war, aber keiner fragte nach. Ich wusste aber schon, was es jetzt wieder für Gerüchte geben würde, wenn ich in die Gesichter sah. Drogenschmuggel, Autodiebstahl, illegale Rennen… Da hatten sie ja wieder was zu reden in den Pausen. Aber egal, Hauptsache ich saß wieder neben Tschick.
Seltsamerweise kamen Tatjana und Natalie in der Mittagspause zu uns rüber. „Danke nochmal für die Nachhilfe“, sagte Tatjana und Tschick, der mir gegenüber an der Wand lehnte, sah mich an und zog ganz leicht eine Augenbraue hoch.
„Kein Problem“, sagte ich. Dann standen wir alle noch eine Weile da und sagten nichts und dann sagte Tatjana „Also dann bis nächste Woche.“ Obwohl ja klar war, dass wir uns bis dahin jeden Tag in der Klasse sehen würden. „Ja, bis dann“, sagte ich.
Tschick schwieg bis die Mädchen wieder bei ihrer Gruppe waren. „Aha“, sagte er dann. „Soso.“ Und dann grinste er sein breites Russengrinsen. „Kaum bin ich drei Tage weg, geht Maik Klingenberg auf Weiberfang. Vielleicht sollte ich das doch öfter machen.“
„Blödsinn“, sagte ich. „Ich hab ihr Mathe erklärt, das ist alles.“
„Das ist alles, sagst du?“ Tschick sah mich ungläubig an. „Mensch vor den Sommerferien wärst du jetzt wahrscheinlich schon implodiert vor Freude.“
Ich vergrub meine Hände in den Jeanstaschen, weil ich wusste, dass er Recht hatte. Wie das alles mit Tatjana gekommen war, war mir ja selbst unbegreiflich und ich wollte auch gar nicht zu viel darüber nachdenken.
„Es ist wegen Isa, stimmts?“ fragte Tschick.
„Kann sein.“ Ich zögerte. „Mit Isa kann ich besser reden.“
„Siehst du? Das hab ich dir doch gleich gesagt.“ Tschick nickte zufrieden als sei er so eine Art Paartherapeut. Zum Glück ließ er es dann dabei bewenden.
An diesem Nachmittag war uns nach Schwimmbad. Tschick hatte die Idee, aber ich war sofort dabei. Wir holten Badehosen und Handtücher von mir zuhause und dann fuhren wir zum Waldbad. Mit der S-Bahn.
„Mit dem Auto knacken müssen wir erstmal ne Pause machen“, sagte Tschick.
Es war eigentlich zu kalt für Freibad aber das war gut so, denn wir hatten die Becken fast für uns allein und konnten uns richtig zum Affen machen. Wir sprangen vom Dreier und lieferten uns Wasserschlachten und tauchten uns gegenseitig unter und es war einfach herrlich. Danach lagen wir beide auf der Wiese unter einem Baum mit Handtüchern über den Schultern und Colas in der Hand.
Tschick warf mit einem Steinchen auf eine Dose, die ein Stück von uns weg lag und traf. „Also was ist jetzt mit dir und Tatjana? Bist du noch in sie verliebt?“
Es war ja klar, dass die Frage irgendwann kommen musste aber ich hätte gern darauf verzichtet.
Ich überlegte einen Moment. Gut, an dem Tag als Tatjana mich gefragt hatte, war ich nicht wirklich total glücklich gewesen, aber das hatte ja vor allem daran gelegen, dass ich nicht wusste, was mit Tschick war. Sie war immer noch bildhübsch und außerdem fühlte ich mich im Nachhinein schon sehr geschmeichelt, dass sie mich gefragt hatte und nicht Lukas oder Kevin, die ja besser waren in Mathe als ich. Ich musste unbedingt das Rihanna Bild fertig bekommen. Die Sache war nur, dass ich eben so viel Zeit mit Tschick verbrachte und dass ich mit Tschick tausend mal besser reden konnte. Andererseits, was Tatjana erzählt hatte war vielleicht nicht so interessant gewesen, aber ihre Stimme war immer noch super. Und ihre Figur natürlich. „Ja“, sagte ich. „Ich glaube schon.“
Tschick musterte mich eine Weile. „Das ist gut“, sagte er dann. Er sah weg und wieder zu mir hin und trank dann einen Schluck Cola und sah mich wieder an und mir wurde klar, dass er mir noch etwas sagen wollte.
„Ich muss dir was erzählen“, sagte Tschick dann auch. Ungewöhnlich für ihn, seine stories so einzuleiten, also musste es was wichtiges sein. „Schieß los“, sagte ich und zerknickte einen kleinen Zweig zwischen den Fingern.
„Da ist so ein Junge im Heim –„ Tschick wurde nicht rot. Wahrscheinlich konnte er das auch gar nicht. Stattdessen wurde ich rot. Denn irgendwie war ja klar, was jetzt kommen würde, wenn er schon so anfing. Und ich wollte es nicht hören. Ich wollte es ganz und gar nicht hören.
„Aha“, sagte ich und dachte, dass ich der beschissenste Freund war, den man sich nur vorstellen konnte. Denn ich wollte, dass dieser Typ sich möglichst schnell wieder in Luft auflöste. Er nervte mich bevor ich ihn überhaupt kannte. „Und, was ist mit dem?“
Tschick hob auch einen Zweig vom Boden auf, den er in drei kleine Stücke zerbrach, ehe er weiter sprach. „Leo heißt der.“
Ich fragte nichts weil ich aus irgendeinem Grund genau wusste, was jetzt kommen würde. Aber Tschick sprach trotzdem weiter.
„Naja, den finde ich ganz gut.“ Er steckte die Stücke vom Ast in die Erde, so dass sie ein kleines Dreieck bildeten. Ich betrachtete das Dreieck genau und merkte, wie mir flau im Magen wurde. Ich überlegte, was ein guter Freund in so einer Situation gesagt hätte. Irgendetwas wie: „Das ist aber schön.“ Oder „Das freut mich aber für dich.“
Aber das brachte ich beides nicht über die Lippen. Stattdessen hätte ich jetzt gerne gesagt, dass ich glaubte, dass Leo ein Arschloch war, so wie der Name schon klang. Aber das sagte ich zum Glück auch nicht. Stattdessen starrte ich auf Tschicks Handrücken mit dem „W“ und nahm einen Schluck von meiner Cola. So war das also. In den drei Tagen in denen ich vor Sorge fast umgekommen war, hatte Tschick mit einem Jungen aus dem Heim angebandelt. Gefehlt hatte ich ihm dann ja offenbar nicht sonderlich.
„Ist ja auch egal“, sagte Tschick als ich nicht reagierte. „Lass uns nochmal schwimmen gehen.“
Ich wollte sagen, dass es gar nicht egal war und dass ich wissen wollte, was das für ein Typ war. Wie alt er war, wie er aussah, was Tschick an ihm gefiel. Und vor allem ob er auch schwul war. Das hätte ich wirklich gern gewusst.
Stattdessen stand ich auf. „Ich muss nach Hause. Mein Vater kommt heute zurück, da muss ich da sein.“
„Okay“, sagte Tschick. „Verstehe ich. Ich bring dich zu deiner Station.“
Es war nicht so, dass wir schwiegen bis meine Bahn kam. Wir redeten sogar ziemlich viel. Das heißt vor allem Tschick redete, aber ich sagte an allen passenden Stellen etwas. Von Leo fing er nicht mehr an. Stattdessen erzählte er vom Anti-Aggressionstraining, wo sie jetzt Gruppenspiele spielten und dass beim letztem Mal zwei Gruppen aufeinander losgegangen waren und es eine richtige Schlägerei gegeben hatte. Er erzählte von seinem Betreuer, Axel, der eigentlich ganz okay war, außer dass er einem dauernd sagte, dass man über alles sprechen musste, was einen bedrückte, so dass man sich irgendwann Dinge ausdachte, nur damit er zufrieden war. Und dann erzählte er noch von einem Horrorfilm, den sie sich nachts heimlich angesehen hatten. Tanz der Teufel.
All das hätte mich normalerweise interessiert, aber heute war es als sei mein Kopf mit Watte gefüllt. Ich musste andauernd daran denken, dass Tschick im Heim jemanden hatte, den er mochte. Den er deutlich lieber mochte als mich. Und dass er jetzt dorthin fahren würde. Und diese ganze Sache machte mich unheimlich fertig.
*
Ich fühlte mich innerlich vollkommen leer. Und ich fragte mich ob es die Leere vielleicht füllen würde, wenn ich etwas trank. Eigentlich hatte Alkohol ja keine Wirkung auf mich, aber vielleicht musste es einfach mehr sein. Wir hatten ja immer genug da und ich kannte auch die geheimen Verstecke meiner Mutter. Mein Vater war immer noch nicht zurück und es war auch keine Nachricht mehr von ihm da und ehrlich gesagt war es mir sehr recht so. Mein Vater war der letzte Mensch, den ich jetzt sehen wollte. Mich selbst konnte ich allerdings auch kaum ertragen. Im Ernst, an dem Abend hätte ich liebend gerne alle Kontakte zu mir selbst abgebrochen, wenn das möglich gewesen wäre. Denn es war jawohl kaum vorstellbar, dass ein Mensch so schlecht sein konnte.
Tschick hatte mich immer bei allem unterstützt. Er hatte mich verdammt nochmal zu Tatjana kutschiert, damit ich ihr das Bild geben konnte. Gut, Isa hatte er am Anfang beschimpft, aber als er gemerkt hatte, dass ich sie wirklich mochte hatte er mir sogar zugeredet. Und was tat ich? Ich war einfach nur bescheuert. Maik Klingenberg war auch als Freund ein totaler Versager.
Aus dem unerschöpflichen Bestand meiner Mutter suchte ich ein paar Flaschen mit viel versprechenden Etiketten heraus. Dann drehte ich die White Stripes in meinem Zimmer volles Rohr auf. Das erinnerte mich daran, wie Tschick damals mit dem Lada in unserem Garten aufgetaucht war, als Meg „In the Cold cold Night“ gesungen hatte. Und das half nicht gerade. Ich machte die Musik wieder aus. Die Schlucke aus den ersten Flaschen waren widerlich und ich hätte das Zeug fast wieder ausgespuckt. Vodka oder sowas. Jägermeister war das einzige, was einigermaßen ging. Anfangs merkte ich wieder gar nichts. Ich lag auf meinem Bett und betrachtete den uralten Rollladen und dachte, dass der eigentlich gar nicht so schlimm aussah. Das Muster gefiel mir sogar irgendwie plötzlich wieder. Und dann merkte ich langsam, wie ich immer mehr in Watte gepackt wurde.
Ich konnte daran denken, dass Tschick jemanden kennen gelernt hatte, ohne dass sich alles in mir zusammen zog. Ich konnte sogar eingestehen, dass es ja eigentlich schön für ihn war. Dann dachte ich, dass jetzt bestimmt alles gut werden könnte. Dann erinnerte ich mich, dass der Rollladen vor meinem Fenster jetzt bald wieder umziehen würde und plötzlich wurde mir ganz anders. Bisher hatte es mich nie gestört, dass wir das Haus verkaufen würden. Aber plötzlich machte es mich fertig, dass ich mein Zimmer nicht mehr haben würde. Und den Gartenschlauch würde ich auch vermissen. Ich dachte daran, wie ich den Garten gesprengt hatte, als Tschick mit dem Lada vorfuhr und plötzlich musste ich heulen. Was garantiert vom Alkohol kam. Meine Mutter hatte in den letzten Jahren auch öfter geheult wenn sie hacke war. Ich fragte mich, ob ich jetzt auch bald mit dem Küchenmesser durch die Wohnung laufen würde und der Gedanke kam mir gar nicht mehr so abwegig vor. Er kam mir sogar ziemlich naheliegend vor.
Dann klingelte es an der Tür und ich überlegte, wer das sein könnte und hoffte, dass jemand aufmachen würde. Dann fiel mir ein, dass ich ja alleine zuhause war und ich hievte mich vom Bett hoch. Das Zimmer lief in Wellenlinien um mich herum und als ich auf die Tür zuging bewegte sie sich ganz komisch nach links. Ich wäre fast die Treppe runter gefallen, konnte mich aber noch am Geländer festhalten. Es klingelte nochmal.
Ich öffnete und draußen regnete es und da stand Tschick und sah mich an. „Hey Maik. Ich dachte ich seh nochmal nach dir. Du warst vorhin so komisch. Bist du betrunken?“
Ich konnte gerade noch den Kopf schütteln. Dann stolperte ich an Tschick vorbei und kotzte in die Büsche.
„Alles klar“, sagte Tschick.
Er verfrachtete mich irgendwie ins Haus und vor das Klo und da saß ich dann mit einem nassen Tuch im Nacken, das sich unheimlich gut anfühlte und spuckte bittere Flüssigkeiten in die Schüssel. Es war anders so zu kotzen als wenn man krank war. Es ging leichter. Aber angenehm war es trotzdem nicht. Tschick saß neben mir und hielt meine Stirn, wenn es nötig war, so wie meine Mutter das früher gemacht hatte als ich noch zu klein gewesen war um allein zu spucken.
Als es dann erstmal vorbei war legte ich mich auf den Boden vom Badezimmer und fand, dass der sich absolut herrlich anfühlte. So kalt und glatt und stabil. Ich presste meine Stirn dagegen.
„Ab ins Bett mit dir“, sagte Tschick und zog mich hoch. Der Boden schwankte nicht mehr ganz so schlimm, aber ich war trotzdem froh, dass Tschick den Arm um mich gelegt hatte. Mein Bett fühlte sich nicht ganz so bequem an wie der Boden im Badezimmer aber ich war trotzdem froh, dass ich drin war und nicht mehr aufstehen musste. Tschick ging kurz runter und kam mit einem Eimer und einer Flasche Wasser zurück, die er mir hinhielt.
„Du musst trinken, sonst geht’s dir Morgen noch schlechter.“
Ich nahm die Flasche und trank weil ich wirklich verdammt Durst hatte. Tschick stellte den Eimer neben das Bett und ich dachte, dass das vermutlich eine richtig gute Idee war. Dann setzte er sich auf den Bettrand. „Also was ist los? Irgendwas mit deinen Eltern? Oder mit Tatjana?“
Ich schüttelte den Kopf und das Zimmer machte eine Drehung um mich herum. Ich ließ mich tiefer ins Kissen sinken.
„Oder wars wegen dem was ich erzählt habe?“ fragte Tschick weiter. „Danach warst du so seltsam. Du weißt doch, dass ich  -naja…“ Er brach ab. „Das weißt du doch. Oder stört es dich jetzt doch?“
Ich wollte erst den Kopf schütteln, erinnerte mich aber rechtzeitig, dass das keine gute Idee war. „Nein“, sagte ich stattdessen. „Es stört mich nicht. Aber es war trotzdem deswegen.“ Wenn ich schon ein Scheiß-Freund war, konnte ich wenigstens ein ehrlicher Scheiß-Freund sein.
Tschick sagte nichts und sah mich einfach nur aufmerksam an also musste ich wohl oder übel weitersprechen.
„Ich hab Angst, dass du keinen Bock mehr auf mich hast, wenn du einen Freund hast“, sagte ich. So direkt hatte ich es eigentlich nicht sagen wollen, aber es war einfach so rausgekommen.
Tschick schwieg einen Moment lang. „Oh Mann“, sagte er dann. „Wenn du wüsstest. Wenn du wüsstest, Maik.“
Ich spürte seine Hand an meiner Schläfe, wie sie darüber streichelte und es fühlte sich so gut an, dass ich die Augen schließen musste. Auf der ganzen Reise war immer alles okay gewesen, solange Tschick da war. Mir hatte nichts passieren können, ganz egal ob die Polizei hinter uns her war oder jemand auf uns schoss oder wir Unfälle bauten. Wir waren sozusagen unsterblich gewesen. Und als Tschick jetzt neben mir saß, spürte ich das wieder.
„Ich hab Angst, dass du doch noch merkst, was für ein unglaublicher Langweiler ich bin“, sagte ich. „Denn alles was nicht langweilig ist an mir kommt nur durch dich, Tschick. Weil du mich mitgenommen hast. Das ist alles nur Fassade. Darunter bin ich immer noch feige und langweilig. Nur wenn du da bist ist das nicht so.“
Tschick streichelte jetzt über meine Haare und ich dachte, dass Mona die letzte gewesen war, die das gemacht hatte und dass es sich unheimlich gut anfühlte, dass jemand das mal wieder tat. Auch wenn ich zu alt dafür war. Ich hielt die Augen weiter geschlossen, weil es dann leichter war nicht über den Blödsinn nachzudenken, den ich redete.
„Soll ich dir was verraten?“ fragte Tschick sehr leise.
„Dass du schwul bist?“ fragte ich.
„Nein du Schwachkopf, das weißt du doch schon. Was anderes.“
„Hmhm.“ Ich fühlte mich sehr ruhig jetzt. Tschick war hier und nicht im Heim bei diesem Leo und mir war zum Glück auch nicht mehr schlecht. Alles war ganz okay gerade.
„Weißt du noch als ich in eure Klasse gekommen bin? Am ersten Tag?“
„Ja klar.“ Mir fiel ein, was ich damals über Tschick gedacht hatte und jetzt wäre echt ein guter Zeitpunkt gewesen, sich zu entschuldigen. Aber ich fühlte mich nicht in der Lage so viele passende Worte zu finden.
„Da war ich total betrunken.“
„Ich weiß. Hab ich sofort gerochen.“
„Und weißt du auch warum?“
„Weil du gern betrunken bist?“
Nein. Das heißt ja. Das auch. Aber an dem Tag war ich total dicht weil ich Angst hatte.“
Ich öffnete die Augen. „Angst? Du?“
„Ja, verdammt. Ich habs gehasst in neue Klassen zu kommen. War ja nicht das erste Mal und es war jedes Mal ein Alptraum, da vorne zu stehen wie der letzte Asi und von allen angestarrt zu werden. Ich wusste ja immer, was die Leute dachten, das konnte ich ihnen genau ansehen. Und ich wusste, dass ich das nicht nochmal unter 1,3 Promille durchstehe.“
„Mann“, sagte ich. „Hätte ich nicht gedacht. Ich dachte es wäre dir scheißegal.“
„Wars mir dann ja auch.“
Ich hob einen Arm und wollte die Hand eigentlich auf Tschicks Schulter legen. Sie landete auf seinem Knie aber das war mir auch egal.
„Ich habs auch gehasst, was die Lehrer jedes Mal über mich erzählt haben. Von Russland und Förderschule und so weiter. Hat ja eh keiner kapiert.“
Ich wusste nicht was ich sagen sollte also war ich einfach still. Aber ich musste daran denken, wie betrunken Tschick am Anfang öfter gewesen war. Und was das bedeutete. Und mir wurde wieder ganz flau im Magen. „Das muss echt scheiße gewesen sein“, sagte ich. „Wagenbach ist so ein verdammtes Arschloch.“
„In der Pause hab ich einmal gehört, wie du mich verteidigt hast“, sagte Tschick. „Wie du gesagt hast, dass ich wahrscheinlich was auf dem Kasten habe.“
„Und ich hatte Recht.“ Ich sah zu Tschick auf. „Ich hatte verdammt Recht. Ich will nicht, dass du wieder weg gehst, okay?“
„Ich geh nicht“, sagte Tschick.  
  ***
Ich wachte am Morgen davon auf, dass Tschick mir einen kalten Lappen auf die Stirn legte.
„Hast du Kopfschmerzen?“ fragte er.
Ich nickte, weil mein Schädel dröhnte als würde eine Dampflok hindurch fahren. Tschick hielt mir die Flasche Wasser hin und zwei Tabletten. „Aspirin“, sagte er. „Hab ich im Bad gefunden. Besser du nimmst sie jetzt gleich. Und viel trinken. Dann hast dus bald überstanden.“
„Danke“, sagte ich und richtete mich auf. Es war bereits hell draußen und ich fragte mich, wo Tschick geschlafen hatte. Neben dem Bett lag eine Wolldecke. Das beantwortete meine Frage. „War dir das nicht zu hart?“
„Es ging. Nicht viel schlimmer als die Luftmatratze.“ Er stand auf. „Ich muss zurück ins Heim. Besser wenn die gar nicht erst merken, dass ich weg war. Wenn ich mich vor dem Frühstück rein schleiche checkt das keiner.“
„Klar“, sagte ich und versuchte einen klaren Kopf zu bekommen, was mir nicht gelang. „Tut mit leid wegen gestern Abend.“
„Macht doch nichts“, sagte Tschick. „Bist du denn jetzt okay?“
Ich nickte und stützte den Kopf in die Hände. „Ich trinke nie wieder Alkohol.“
„Das denkt man immer. Ich komme heute Nachmittag vorbei, nach der Gruppentherapie.“
*
Den Tag über trödelte ich nur rum. Erstmal schlief ich bis eins, dann schleppte ich mich ins Wohnzimmer und machte die Glotze an. Essen konnte ich noch nichts, aber meinem Kopf ging es langsam besser. Ich dachte darüber nach, wie es weitergehen sollte. Mit Tatjana und vor allem mit Tschick, kam aber zu keinem wirklichen Schluss. Es kam mir alles so verfahren vor, auch wenn es das ja eigentlich gar nicht war.
Irgendwann machte ich es mir auf der Terrasse in einem Liegestuhl bequem. Es war schon recht kühl, darum wickelte ich mich in eine Wolldecke ein und blieb unterm Vordach. Aber es war gemütlich, dort zu sitzen und in den Garten zu sehen. Es roch so frisch nach Regen und ich freute mich darauf, dass Tschick später kommen würde. Mir kam die Idee, dass wir grillen könnten und ich holte ein paar Würste aus der Eistruhe im Keller, die da schon ewig lagen. Im Sommer plant mein Vater immer Grill-Abende, die nie zustande kommen.
Tschick kam um fünf und fand die Idee super. Er nahm die Sache gleich in die Hand und stand mit Blasebalg und Wendezange bewaffnet am Grill. Es dauerte eine Weile, bis er die Kohlen zu  Glühen gebracht hatte, weil die Feuerschale nass war, aber schließlich rauchte es und die ersten Würstchen lagen auf dem Grill. Ich saß wieder auf dem Liegesuhl in meine Decke gewickelt und dachte darüber nach, wie wir hier manchmal gegrillt hatten als ich noch klein gewesen war. Damals hatte meine Mutter höchstens ein oder zwei Glas Wein am Abend getrunken und viel gelacht und mein Vater war kaum jemals auf Geschäftsreise gefahren. War verdammt lange her. Der Grill war bestimmt seit zehn Jahren nicht mehr zum Einsatz gekommen.
„Schön hier draußen“, sagte Tschick und ich musste ihm Recht geben. Der Regen prasselte in den Pool und rauschte die Dachrinne herunter. Außer uns war bei dem Wetter garantiert niemand draußen. Es war ein bisschen so als wären wir wieder allein auf der Welt. Wie damals im Lada.
„Weißt du noch das Unwetter auf dem Feld?“ fragte ich Tschick.
„Klar weiß ich das noch. Ich denke dauernd an unsere Reise, Mann.“
Ich verschränkte die Arme hinter dem Kopf. „Kurz vor dem Unfall mit dem Schweinlaster habe ich gedacht, dass ich dir unbedingt sagen wollte, dass ich wegen dir fast schwul geworden wäre. Und seitdem hab ichs dir immer noch nicht gesagt.“
Tschick sah mich an mit diesem Blick, den er manchmal hatte. Das war weder der grimmige abweisende Ausdruck, den er am Anfang meist gehabt hatte, noch dieses etwas gefährliche Mongolengrinsen. So hatte er mich angesehen, als ich ihm Tatjanas Bild gezeigt hatte und er sofort begriffen hatte, was los war. Und auch im Gericht hatte er so ausgesehen, als er dem Richter erklärt hatte, dass alles seine Schuld gewesen wäre. „Danke, Maik“, sagte er. „Danke, dass du mir das sagst.“
„Ich denke immer noch, dass es die beste Lösung wäre. Die allerbeste.“
Tschick schüttelte langsam den Kopf. „Du bist mein Kumpel. Und das ist gut so. Ich will nicht, dass du anders bist.“
„Aber ich hab dich wirklich unheimlich gern.“
„Möchtest du ein Würstchen? Ich glaube sie sind fertig.“
Ich hielt ihm meinen Teller hin. „Und was, wenn du einen Freund hast?“
„Was soll dann sein?“ Tschick gab mir eine Bratwurst und nahm sich selbst auch eine. Dann setzte er sich neben mich auf den Liegestuhl.
„Sehen wir uns dann immer noch so oft?“
„Maik, mal ganz im Ernst: Die Chancen stehen höher, dass du zuerst eine Freundin hast. Du hast es da doch einfacher als ich.“
„Meinst du?“
„Na klar. Und denkst du, dass du mich dann weniger sehen willst?“
„Auf keinen Fall!“
„Na siehst du? Und mir gehts genauso.“
Ich nahm einen Bissen von der Wurst. „Die Alien-Insekten sind vielleicht beide schwul.“  
Tschick dachte nach. „Wenn es bei denen auch so etwas gibt. Vielleicht haben die ja auch gar keine Geschlechter.“
„Stimmt. Aber vielleicht gehören sie zu zwei verschiedenen Arten und dürfen deswegen nicht zusammen sein.“
Tschick nickte. „Grünflügler und Blauflügler oder so.“
„Genau. Vielleicht haben sie deswegen das Schiff geklaut und sind abgehauen.“
„Kann gut sein.“
„Meinst du, dass sie auch einen Unfall gebaut haben?“
„Nein“, sagte Tschick. „Die sind noch unterwegs.“
„Mir wird langsam kalt“, sagte ich und Tschick setzte sich hinter mich, so dass ich mich an ihn lehnen konnte. Ich sah am Verandadach vorbei hoch zu den Sternen und fühlte mich unheimlich wohl und geborgen. Tschick roch ein bisschen nach Leder und ein bisschen nach Schweiß und das erinnerte mich so sehr an unsere Reise, dass ich erschauerte.
„Ich will auch wieder mit dir unterwegs sein“, sagte ich.
„Machen wir bald.“ Tschick klang ein wenig heiser. „Versprochen. Dann schaffen wirs bis in die Walachei. Mindestens.“
*
Tschick blieb bis acht und danach spielte ich noch GTA und schlief auf der Couch ein, weil ich nicht ins Bett gehen wollte. Ich wurde davon geweckt, dass etwas unsanft an meinem Arm riss. Da ich noch nicht ganz wach war dachte ich, dass es Tschick war und versuchte ihn weg zu stoßen, weil ich weiter schlafen wollte. Und da wurde ich plötzlich mit einer solchen Gewalt nach oben gerissen, dass ich mir glatt den Nacken verrenkte. Es war natürlich mein Vater, der jetzt doch mal nach Hause gekommen war und natürlich hatte er sofort die Flaschen auf dem Wohnzimmertisch und in meinem Zimmer entdeckt. Tja und da meine Mutter ja in der Entzungsklinik war, war ja irgendwie klar, wer der Schuldige war.
„Was hast du dir dabei gedacht?“ brüllte mein Alter, dass die Scheiben klirrten. „Was hast du dir gedacht, du hundsdämliches Geschöpf?“ Und dann knallte er mir eine, dass mir Hören und sehen verging. „Wenn das Jugendamt das sieht! Weißt du was dann passiert? Hast du darüber auch nur mal eine Minute nachgedacht? Die können jederzeit hier vorbei kommen, ist dir das klar?“
Das war mir nicht klar gewesen und ich dachte, dass dann vielleicht das größere Problem sein würde, dass ich komplett alleine war. Ganz egal ob da jetzt Flaschen standen oder nicht. Aber das sagte ich lieber nicht.
„Keine zwei Stunden kann man dich alleine lassen ohne dass du wieder irgendeinen Blödsinn in deinem kranken Hirn ausbrütest!“ Mein Vater warf mich auf den Boden und diesmal war meine Mutter nicht da um einzugreifen also konnte er seinen Gefühlen mal richtig freien Lauf lassen. Ich nahm die Hände vors Gesicht und wartete ab. Hinterher fühlte ich mich als sei eine Herde Elefanten über mich hinweg getrampelt und mein Vater sah auf mich herab, die Hände in die Hüften gestemmt. Die Haare hingen ihm ins Gesicht und ehrlich gesagt sah er in dem Moment irgendwie irre aus. So als sei er derjenige, der dringend mal eine Therapie brauchte und nicht meine Mutter.
Früher hatte ich mich nach jeder Ohrfeige gedemütigt gefühlt, so als sei ich jemand der nichts wert war, der nichts richtig machte. Und ich hatte dann auch immer ein total schlechtes Gewissen gehabt, auch wenn ich gar nichts falsch gemacht hatte. Das war jetzt nicht mehr so. Meine Seite tat weh und meine Lippe an der ich Blut schmeckte. Aber ansonsten hatte dieser Wutausbruch von meinem Vater nichts mit mir zu tun. Das war sein Ding und es war einfach nur scheiße, dass ich ihm in den Weg geraten war.
Ich wischte mir übers Gesicht und er sah mich an. Dann drehte er sich um und ging aus dem Zimmer, die Tür hinter sich zuknallend. Ich war ziemlich froh, dass er erstmal weg war.
Den Rest des Sonntags war mein Vater dann wieder ausgenommen höflich zu mir. Er tat so als hätte er mich nie verprügelt und bestellte uns abends sogar Pizza. Er fragte wie mein Wochenende gewesen war und wie es in der Schule lief und erzählte irgendeinen Scheiß. Und ich wollte einfach nur, dass der Tag zu Ende ging, damit ich Tschick wiedersehen konnte. Und ich hoffte, dass meine Mutter bald wiederkommen würde und wir uns dann endlich eine Wohnung suchen könnten.
*
„Hey. Was ist mit deiner Lippe?“ War das erste was Tschick mich fragte, als wir uns am Schultor trafen. Also fiel es doch so sehr auf. Ich tastete mit dem Finger vorsichtig nach der kleinen Platzwunde.
„Mein Alter. Ist nach Hause gekommen, hat die Flaschen gesehen und dann gings rund.“
„Dafür würde ich ihm jetzt auch gerne eine reinhauen.“ Tschick sah wirklich so aus als könnte er genau das tun.
„Glaubst du ich nicht? Aber was meinen Alten angeht halte ich nur noch den Ball flach. Soll er doch machen was er will. Interessiert mich nicht mehr.“
Tschick nickte und hielt mir plötzlich einen Zwanziger hin. „Hab ich Jason abgenommen. Der hat damit herumgeprahlt, dass er den jemandem abgeknüpft hat, der vor dem Heim nach mir gefragt hat. Da wusste ich, dass das nur du sein könntest.“
„Mann, danke“, sagte ich. „Dafür gehen wir essen.“
„Oder wir sparen es für die nächste Reise.“ Tschick grinste breit, wurde dann aber sofort wieder ernst. „Du musst da echt bald raus. Ich will nicht, dass dich jemand schlägt, Maik. Das darf niemand.“
Ich fand es echt nett, dass Tschick sich Sorgen um mich machte. „Dauert ja nicht mehr lange.“
Das Komische war, dass ich in der nächste Zeit im Unterricht gar nicht mehr so oft zu Tatjana guckte. Wir redeten jetzt manchmal in den Pausen und übten einmal die Woche nach der Schule Mathe. Oder besser gesagt sie erzählte mir etwas und ich kommentierte es an den passenden Stellen. So war ich jetzt auch mal über den Klatsch und Tratsch in der Klasse informiert. Das Blöde war, dass Tschick sich immer höflich verzog, wenn sie kam und das hieß, dass wir unsere bei weitem interessanteren Gespräche unterbrechen mussten, was mir meistens gar nicht so recht war.
Ich versuchte mich immer mal wieder daran zu erinnern, wie unheimlich gut Tatjana aussah. Und das fand ja nicht nur ich, das fanden auch alle anderen. André Langin fragte mich zum Beispiel mal ob da jetzt was zwischen mir und Tatjana lief und er wirkte nicht gerade glücklich dabei. Und Hannes aus der Parallelklasse sagte irgendwann: „Mann Maik, du hasts echt gut, weißt du das?“ Das war als Tatjana die ganze Pause bei mir herumgestanden hatte und mir von der Party erzählt hatte, die Natalie plante.
Im Grunde war das mit Tatjana ja auch toll. Die Sache war nur die, dass Tschick und ich leider nicht mehr besonders viel Zeit zusammen hatten. Er hatte nachmittags jetzt öfter Therapie oder Sitzungen oder Dienst im Heim. Die wollten ihn da etwas mehr kontrollieren, sagte er, weil er so oft weg war. Und das war natürlich einfach scheiße für uns. Tschick bot mir an, dass er öfter nach dem Abendessen verschwinden könnte, er hatte ja einen Weg nach draußen gefunden. Aber das war mir zu riskant. Wir mussten eben ein bisschen vorsichtig sein.  
Natalie verteilte blaue Karten als Einladung auf denen ein Yin Yang Zeichen abgebildet war. Das wusste ich so genau weil ich dieses Mal auch eine bekam. Und Tschick ebenfalls.
Ich drehte die Karte zwischen den Fingern und dachte an die kleinen grünen Kärtchen die Tatjana damals verteilt hatte und mit denen auf gewisse Art ja alles angefangen hatte und ich wurde fast ein bisschen wehmütig dabei. Ich fragte mich, wie es gewesen wäre, wenn ich auch diesmal kein Kärtchen bekommen hätte und ich wusste ganz genau, dass es mir nicht mehr so viel ausgemacht hätte wie damals. Zumindest wäre ich wohl nicht mehr schreiend durch den Wald gelaufen vor Verzweiflung. Und ich fragte mich auch ob das jetzt eher gut oder eher schlecht war. Aber vielleicht änderten sich solche Dinge einfach.
Tschick freute sich jedenfalls ziemlich über die Einladung, das konnte ich ihm ganz genau ansehen. Und das war ehrlich gesagt auch das, was mich letztendlich am meisten freute. Natalie kam in der Pause sogar nochmal an unseren Tisch und fragte Tschick ob er denn vom Heim Ausgang für die Feier bekommen würde. Und André Langin beobachtete das Gespräch mit verschränkten Armen an die Fensterbank gelehnt. Tschick sagte, dass das kein Problem sein würde, aber ich wusste natürlich, dass er einfach abhauen würde. Denn nachts würde er auf keinen Fall weg dürfen.
Die Party sollte in einer Grillhütte am See stattfinden. Und Natalie hatte schon überall herum erzählt, dass keine Erwachsenen da sein würden, sondern nur ihr großer Bruder Nico, der ein bisschen aufpassen würde. Das fanden natürlich alle supercool, besonders die Mädchen. Natalies Bruder war drei Klassen über uns und offenbar sah er hammer aus, wie ich in der Pause mit anhörte. Mir war das natürlich egal aber ich freute mich dann doch ziemlich darauf, mit Tschick zusammen auf eine Party zu gehen.
Wir planten auch, wie wir hinkommen sollten. Ich glaube alle in der Klasse hofften ein bisschen darauf, dass wir wieder ein Auto knacken würden, aber den Gefallen konnten wir ihnen nicht tun. Die Sache mit der Abschiebung hing ja immer noch in der Luft und bereitete zumindest mir schlaflose Nächte. Und ich war schwer dafür, dass Tschick das mit den Straftaten mal eine Zeit lang ruhen ließ. Ich brachte ihn sogar dazu die CD für Natalie zu kaufen und nicht zu klauen. Ich kaufte Natalie ein leeres Tagebuch, weil die meisten Mädchen sowas ja mochten. Und die Zeichnung bekam ich auch fertig und brachte sie Tatjana zwei Tage vor dem Geburtstag mit. Sie war nicht so gut geworden wie meine Beyoncé aber Tatjana war begeistert und wollte unbedingt, dass ich als Künstler meinen Namen drunter setzte.
An dem Samstag an dem die Party steigen sollte fuhr ich mit dem Rad zum Heim und wartete zwei Straßen weiter auf Tschick. Wir hatten entschieden, dass es am besten war, zusammen auf einem Rad zu fahren, denn zu der Grillhütte fuhren keine öffentlichen Verkehrsmittel und meinen Vater zu fragen ob er uns kutschierte wäre ja ein absoluter Witz gewesen. Der bekam zum Glück auch gar nicht mit, dass ich an dem Abend abhaute, weil er mal wieder unterwegs war.
Auch wenn ich ja nichts wirklich Verbotenes tat war ich ziemlich nervös als ich da im Dunklen an einer Straßenecke auf Tschick wartete. Was, wenn er heute doch erwischt wurde? Was wenn er nicht kam? Alleine hätte ich nicht die geringste Lust gehabt auf die Party zu fahren.
Aber er kam. Er trug eine Lederjacke, die aussah als sei sie mindestens schon zehn Jahre alt, zerrissene Jeans und seine mittlerweile schäbigen Adidas. Und plötzlich freute ich mich auch riesig auf die Party. Fast so sehr wie ich mich damals auf Tatjanas Party gefreut hätte, wenn ich denn eingeladen gewesen wäre. Wir wechselten uns mit Fahren ab und einer von uns saß jeweils auf dem Gepäckträger und als wir aus Berlin raus waren war das großartig. Ich fühlte mich total frei als ich hinter Tschick saß, fast so wie im Lada, auch wenn es etwas schwerer voranging. Aber die Sterne und der Mond waren wieder über uns und der Heugeruch von den Feldern erinnerte mich an den Sommer, auch wenn die Luft jetzt kühler war. Kurz wünschte ich mir sogar wir würden gar nicht auf die Party gehen sondern einfach weiterfahren ohne Ziel und Plan, wie wir es damals gemacht hatten.
Auf dem Feldweg der zum See führte setzte ich mich auf den Lenker und Tschick fuhr. Es ging ziemlich bergab und wir hatten ein beachtliches Tempo drauf und es rumpelte weil der Weg so uneben war, aber ich lachte und schrie und wünschte mir, dass wir noch viel schneller gefahren wären. Es war großartig.
Wir wären dann um ein Haar in eine Gruppe Mädchen reingefahren, die auch auf dem Weg zur Grillhütte waren und die wir im Dunkeln gar nicht bemerkt hatten. Tschick riss gerade noch rechtzeitig den Lenker rum und wir landeten beide im Feld. Ich konnte trotzdem nicht aufhören zu lachen und schaffte es nicht aufzustehen, weil das Fahrrad und Tschick irgendwie über mir lagen.
„War ja klar“, sagte Tatjana die mit Jasmin und Anja am Wegrand stand und uns ansah. Und dann kam sie auf uns zu und streckte mir die Hand entgegen, um mir aufzuhelfen. Ich sah, wie sie mich im Mondlicht anlächelte und wusste auf einmal wieder, warum ich mal in sie verliebt gewesen war.
„Das war knapp“, sagte Tschick, der sich hinter uns aufrappelte. Er stellte das Fahrrad auf und prüfte, die Bremse und das Licht. „Das Schutzblech ist verbogen“, sagte er.
„Egal.“ Ich grinste Tatjana an.
Wir liefen dann mit den Mädchen zusammen zur Grillhütte. Tschick schob das Fahrrad und Tatjana und Jasmin redeten die ganze Zeit mit mir. Und ich dachte, dass das eigentlich kaum vorstellbar war, aber weil Tschick dabei war fühlte ich mich total sicher. Mir konnte überhaupt nichts passieren. Ich war cool und lässig.
Die Party war schon in vollem Gange. Durch den Wald hörte ich laute Musik und leider war es Beyoncé. Worüber sich Tatjana natürlich freute. Natalie hatte Fackeln aufgestellt, was wirklich klasse aussah und hinter der Grillhütte glitzerte der See im Mondlicht. Natalie kam uns entgegen um uns zu begrüßen und sie freute sich echt tierisch über das Bild von Rihanna, für das Tatjana sogar noch einen Rahmen gekauft hatte. Über mein Tagebuch aber auch. Sie sah mich ganz seltsam an und fragte woher ich denn wusste, dass sie Tagebuch schrieb.
Ich sagte ich hätte es mir irgendwie gedacht und sie biss sich auf die Lippe und lächelte dann sehr süß. Ich fand in dem Moment, dass sie tatsächlich auch sehr hübsch war. André Langin kam aus der Hütte und begrüßte mich mit Handschlag. Tatjana umarmte er für meinen Geschmack zu lange und dann quatschte er zu allem Überfluss mit Tschick und zog ihn rüber zu den Getränken wo es auch Bier gab. Ich wollte Tschick sagen, dass er nichts trinken durfte, wegen dem Heim, aber das wäre mir blöd vorgekommen. Als sei ich sein Aufpasser oder so. Und André machte ihm auch gleich eine Flasche auf. Ich stand da und dachte, dass ich jetzt eigentlich gern wieder mit Tschick gefahren wäre, wie damals.
Aber dann zupfte Tatjana an meinem Ärmel. „Wollen wir auch was trinken?“ fragte sie.
Ich nickte und machte uns jedem eine Flasche Bier auf. Ehrlich gesagt mochte ich das Zeug immer noch nicht und seitdem ich vor kurzem das erste Mal betrunken gewesen war, hatte ich auch nicht wirklich Lust auf Alkohol. Aber das Bier passte irgendwie zu der Stimmung auf der Party. Die Musik war nicht so laut, so dass man sich gut unterhalten konnte. Vor der Hütte hatte jemand ein Lagerfeuer angezündet und ein paar Leute saßen darum herum und grillten Stockbrote. Der Wald machte alles irgendwie unwirklich, so als sei das hier gar nicht die Realität sondern eine Art Fantasy Welt. Wie auf einem anderen Planeten. Genauso fühlte ich mich und darum verunsicherte es mich auch gar nicht so sehr, mit Tatjana auf einem Baumstamm ein Stück vom Lagerfeuer und den Anderen entfernt zu sitzen. Vielleicht war das hier ja nur so eine Art Traum.
„Ich finds schön, dass du da bist“, sagte Tatjana. „Tut mir leid, dass ich dich damals zu meinem Geburtstag nicht eingeladen habe. Aber ich hatte nicht gedacht, dass du kommen wolltest.“
Ich schluckte weil ich daran denken musste, wie oft ich mir diese Entschuldigung ausgemalt hatte. Es kam mir echt vor, als sei es einer der Tagträume die ich damals immer gehabt hatte. Und die mir so echt vorgekommen waren. Und das hier kam mir so total unwirklich vor aber es war die Realität. Ich kann schwer erklären was ich damit meine. Vielleicht, dass die Realität manchmal mehr wie eine Geschichte ist als alle Geschichten. Mir wurde ganz warm ums Herz und ich nahm noch einen Schluck Bier. „Doch. Ich wäre sehr gern gekommen.“
Tatjana pulte das Etikett von ihrer Bierflache ab. „Du hast nie wirklich mit jemandem geredet, bevor Tschick da war.“
„Das stimmt.“ Ich sah zu Tschick, der jetzt mit Patrick und Lukas am Lagerfeuer saß und sich gut zu amüsieren schien. Komisch, ich hatte irgendwie gedacht, dass wir an diesem Abend zusammen sein würden wie auch sonst immer. Aber er sah gar nicht zu mir hin. „Ich war schüchtern.“
„Das hätte ich nicht gedacht. Du wirktest eher gelangweilt von allem. So als hättest du keinen Bock auf niemanden.“
Ich wusste nicht wirklich, was ich darauf antworten sollte, wenn ausgerechnet Tatjana so etwas sagte. Ich hätte ihr ja nur ganz schlecht erklären können, dass das damals der einzige Ausweg für mich gewesen war, wenn ich mich nicht total zum Volltrottel machen wollte. Alles langweilig zu finden, meine ich. Aber sie schien auch keine Antwort zu erwarten. Stattdessen rückte sie etwas näher zu mir. „Ganz schön kalt. Ich hätte eine Jacke mitnehmen sollen.“
Sie trug nur ein dünnes Shirt, was für diese Jahreszeit in der Nacht tatsächlich etwas gewagt war. „Du kannst meine Jacke haben“, sagte ich ohne nachzudenken. Und erst im nächsten Moment fiel mir ein, was ich da redete und ich dachte, dass sie jetzt vermutlich über mich lachen oder weggehen würde. Aber sie nickte nur und strahlte mich an. Ich zog die Jacke mit dem Tiger-Aufnäher aus, die Tschick so toll fand und legte sie ihr um und für einen Moment kam ich mir wirklich wie ein Held vor. Dann merkte ich, dass es ohne Jacke tatsächlich verdammt kalt war. Aber natürlich war mir das in dem Moment egal.
Ich sah nochmal zu Tschick, der in dem Moment einer Geschichte zuhörte, die Kevin erzählte. Er sah immer noch nicht zu uns. Es war ihm anscheinend wirklich egal, dass ich hier mit Tatjana saß. Damals als Isa bei uns gewesen war, hatte ich immer das Gefühl gehabt, dass es ihn ein wenig störte, dass sie da war. Selbst später als er sie ganz okay fand. Dass er mich lieber wieder für sich allein gehabt hätte. Die Zeiten waren offenbar vorbei. Ich fragte mich, ob Tschick irgendwann auch mal in mich verliebt gewesen war. Ganz am Anfang vielleicht, als er noch gedacht hatte, dass ich vielleicht auch auf Jungs stand. Aber sicher konnte ich mir natürlich nicht sein. Und ich hatte ja selbst schon gemerkt, dass sich verlieben nicht hieß, dass man für immer verliebt blieb. Auch wenn es sich so anfühlte. Und in dem Moment machte mich das total traurig, so als hätte ich etwas Wichtiges verloren.
Dann merkte ich, dass Tatjana irgendetwas zu mir gesagt hatte, was ich nicht gehört hatte und ich sah schnell wieder zu ihr.
„Jedenfalls gut, dass wir jetzt hier sind“, sagte sie.
Ich nickte. „Finde ich auch.“
Dann legte sie ihren Kopf an meine Schulter und im selben Moment sah Tschick dann doch zu uns rüber. Er sah schnell wieder weg und dann nochmal kurz zu uns und dann starrte er ins Feuer und etwas an seinem Blick sagte mir, dass es ihm doch etwas ausmachte. Ich kann das ganz schlecht erklären, aber ich wusste genau, wie er sich in dem Augenblick fühlte und es machte mich total froh. Nicht, dass ich es gut fand, dass es ihm schlecht ging oder so. Das natürlich nicht. Aber ich war froh, dass es ihm nicht total egal war was ich machte. Kevin sagte etwas zu ihm aber er reagierte nicht darauf. Er zog die Knie an und legte die Ellenbogen darauf und das Feuer warf flackernde Schatten auf sein Gesicht. Und ich wusste, dass ich zu ihm musste.
„Wollen wir mal wieder zu den Anderen gehen?“ fragte ich und Tatjana nahm ihren Kopf von meiner Schulter. Sie sah mich überrascht an. „Ist dir kalt?“
Ich schüttelte den Kopf und nickte dann. „Ein bisschen.“
Sie stand auf. „Okay.“
André Langin tauchte plötzlich neben uns auf und fragte Tatjana, ob sie noch was trinken wollte. Er hielt ihr ein Bier hin und ich ging rüber zum Feuer. Tschick starrte immer noch wie gebannt in die Flammen und sah mich gar nicht kommen. „Rück mal ein Stück“, sagte ich als ich hinter ihm stand und er sah zu mir auf. Dann sah er zu dem Holzstamm auf dem ich eben noch gesessen hatte und auf dem jetzt Tatjana und André saßen. „Alles okay?“ fragte er.
Ich grinste. „Ja.“
Er rückte ein Stück zur Seite und ich setzte mich neben ihn. Es war wundervoll warm am Feuer.
Tschick musterte mich als könne er immer noch nicht wirklich glauben, dass ich da war. „Was machst du hier?“ flüsterte er und stieß mich an. „Das war deine Chance, Mann. Du lässt dir doch nicht von dem Plattmolch dazwischenfunken.“
„Ist mir egal.“
„Was soll das heißen: Egal? Hey, sie hatte ihren Kopf auf deiner Schulter.“
Ich zuckte die Schultern. „Wollen wir noch was trinken?“
„Weißt du Maik, du bist echt schräg“, sagte Tschick und wir standen auf. Ich hatte keine Lust mehr auf Bier also nahm ich mir eine Cola. Und zu meiner Überraschung nahm Tschick auch eine.
„Wollen wir mal zum See runter?“ fragte ich und Tschick nickte.
Am See war die Musik nur noch leise zu hören. Es lief jetzt auch nicht mehr Beyoncé sondern Rihanna, was nicht besser war. Aber es störte mich komischerweise nicht. Wir waren allein am Ufer und der Mond schien immer noch.
„Was machen die Alien Insekten?“ fragte ich Tschick, während wir uns einen trockenen Platz zum Sitzen suchten.
„Die sind garantiert nicht auf einer Party. Die sind vermutlich gerade wieder auf der Flucht vor den Weltraumjägern.“ Tschick stieß seine Cola-Flasche gegen meine.
„Die sind auch immer in Schwierigkeiten, oder?“
„Logisch.“
„Vielleicht machen sie ja auch gerade Pause und sitzen am Rand von irgendeinem Mond und schauen sich die Sterne an. Vielleicht sehen sie die Erde von da aus.“
„Kann sein“, sagte Tschick. „Wir sollten ihnen mal Namen geben.“
„Sezz und Mhirr?“
„Klingt gut.“
Ich rückte näher an ihn heran, weil mir ziemlich kalt war. Ich fröstelte. Tschick zögerte einen Moment, dann legte er mir den Arm um die Schultern. Das war nicht das erste Mal, aber dieses Mal fühlte es sich anders an. Ich spürte ein Ziehen im Bauch, so als würde gleich etwas passieren. Ganz seltsam war das.
„Hast du schon mal einen Jungen geküsst?“ fragte ich und wunderte mich im nächsten Augenblick weil ich nicht gewusst hatte, dass ich das fragen würde.
Es dauerte lange bis Tschick antwortete. „Nein“, sagte er schließlich. „Das weißt du doch.“
„Und?“
„Was und?“
„Würdest du gerne?“
Als ich das sagte fiel mir auf, dass das fast der gleiche Dialog war, den ich mit Isa geführt hatte und ich dachte, dass ich in der kurzen Zeit vielleicht doch was von ihr gelernt hatte. Tschick saß wie versteinert da und ich fragte mich, ob ihm auch so viele Dinge durch den Kopf gingen wie mir damals am See. Ich dachte in dem Moment komischerweise gar nichts. Mein Kopf war wie leergefegt. Nicht einmal die Dinge, die ich als nächstes sagen würde waren darin. Es fühlte sich an als würde ich ein Buch lesen und selbst nicht wissen, was als nächstes passierte. Aber es war ein tolles prickelndes Gefühl.  
Tschick sagte immer noch nichts.
„Würdest du mich gerne küssen?“ fragte ich ihn.
„Würdest du denn?“ fragte er und sah mich an. Eine Haarsträhne hing ihm ins Gesicht und er biss sich auf die Unterlippe. Unsicher hatte ich Tschick noch nicht oft gesehen.
Ich nickte und dann beugte ich mich vor bis unsere Lippen sich berührten. Einen Moment lang blieben wir so, ganz still. Und dann küsste Tschick mich. Und wow, das war ein tolles Gefühl. Ich hatte nicht gedacht, dass es so unterschiedlich sein könnte, zwei Menschen zu küssen, aber das hier fühlte sich ganz anders an als bei Isa. Vielleicht lag es daran, dass ich Tschick besser kannte oder an dem was wir alles erlebt hatten, aber der Kuss haute mich echt um. Dabei war der erste nur ganz kurz. Eher wie ein Gute Nacht Kuss. Aber trotzdem zuckte es durch mich hindurch als hätte ich in eine Steckdose gefasst.
Tschick hob die Hand und legte sie an meine Wange. Den anderen Arm hatte er immer noch um mich gelegt. Und dann küsste er mich richtig. Und ich hätte nicht gedacht, dass es so schön sein könnte, jemanden einfach nur zu küssen. Ich fühlte mein Herz ganz schnell schlagen und meine Arme schlangen sich wie von selbst auch irgendwie um ihn. Wir wussten beide nicht so richtig was wir taten, aber das war egal, weil es sich einfach nur wundervoll anfühlte. Ich dachte, dass ich am liebsten nie mehr etwas anderes tun wollte, dass die Nacht von mir aus ewig dauern könnte und mir war auch nicht mehr kalt.
Ich hatte auch nicht gedacht, dass man sich so lange küssen konnte und das zeigte natürlich auch mal wieder, dass ich keine Ahnung von irgendetwas hatte. Jedenfalls lagen wir irgendwann ganz eng nebeneinander auf dem Waldboden und küssten uns immer noch, auch wenn mein Mund langsam trocken wurde. Auch das war mir egal weil ich mich in dem Moment so unglaublich wohl fühlte. In meinem Kopf war nichts außer Tschick und ich wäre am liebsten für immer mit ihm hier an diesem See liegen geblieben, damit wir über den ganzen anderen Scheiß nie mehr nachdenken mussten.
Aber irgendwann zog Tschick sich etwas zurück und sah mich an. Ich konnte hören, dass sein Atem etwas schneller ging und ich hörte sogar sein Herz schlagen und ich wünschte, er hätte mich einfach weitergeküsst, weil ich über nichts von dem nachdenken wollte, was nach dem hier kam. Gerade war alles schön und leicht und warm und ich wollte nicht, dass sich daran etwas änderte.
„Maik“, sagte er und streichelte mir über die Wange. Er sah mich aufmerksam an und seine Augen waren viel größer als sonst. So sah er fast hübsch aus. „Wolltest du das echt oder bist du irgendwie betrunken oder so?“
„Quatsch, Mann. Ich hab nicht mal ein Bier getrunken.“
„Aber du bist doch gar nicht schwul.“
Ich drehte mich auf den Rücken. „Ist doch egal. War es nicht trotzdem gut?“
„Ja. Natürlich.“ Tschick klang gar nicht ganz wie er selber als er das ganz leise sagte und in meiner Brust zog sich etwas zusammen.
„Ich fands toll“, sagte ich. „Besser als mit Isa.“
Tschick legte sich ebenfalls auf den Rücken, die Hände unter dem Kopf verschränkt und sah hoch zum Himmel. So lagen wir ziemlich lange nebeneinander und komischerweise wurde mir immer noch nicht kalt. Ich war auch nicht nervös und ich machte mir keine Gedanken. Ich fühlte mich nur innen drin ganz angefüllt. Besser kann ich es nicht beschreiben.
Irgendwann drehte Tschick den Kopf zu mir. „Ich möchte trotzdem mit dir befreundet bleiben“, sagte er.
Mir wurde ganz wehmütig zumute weil mir plötzlich wieder einfiel, dass ich Tschick verlieren könnte. „Ich will für immer mit dir befreundet sein“, sagte ich. „Ich will nicht, dass sich was ändert.“
„Gerade deswegen: Lass uns einfach Freunde sein, okay?“
Seltsamerweise begriff ich was Tschick meinte. Und ich wusste auch, dass er Recht hatte. „Okay“, sagte ich.
*
Keine Ahnung wie lange wir noch am See lagen. Wir küssten uns nicht nochmal aber Tschick hatte die ganze Zeit den Arm um mich gelegt und irgendwann streichelte er wieder meine Haare und ich glaube ich bin sogar eingeschlafen. Bis Tschick mich schließlich an der Schulter rüttelte. „Maik, du bist total kalt.“
Ich setzte mich auf und merkte, dass er Recht hatte. Ich fror erbärmlich. Tschick legte mir seine Jacke um und ich dachte, dass es irgendwie ironisch war, dass Tatjana jetzt meine Jacke hatte und ich die von Tschick. Aber vielleicht war es auch genau richtig so.
„Wir müssen zurück. Du musst dich aufwärmen“, sagte Tschick und ich nickte.
Er zog mich hoch und einen kurzen Moment dachte ich er würde mich vielleicht nochmal küssen, bevor wir zurück gingen. Ich hätte nichts dagegen gehabt, aber er tat es nicht. Er knuffte nur einmal meine Schulter und dann stapften wir zurück durch den Wald.
Ein Mädchen kam uns auf dem Weg entgegen und machte ganz seltsame Geräusche und als sie etwas näher heran war sah ich, dass es Natalie war und sie weinte. Weinende Mädchen und Frauen hatte ich ja schon immer ganz schlimm gefunden und auch jetzt fand ich es total schlimm. Natalie hatte die Arme ganz fest um den Körper geschlungen und als sie aufsah konnte ich sehen, dass ihre Schminke verwischt war. Sie sah aus wie ein Pandabär.
„Was macht ihr denn hier?“ fragte sie und wischte sich übers Gesicht wodurch alles nur noch schlimmer wurde.
„Wie waren am See“, sagte ich. „Was ist denn los?“
„Alles ist scheiße“, sagte sie. „Und ich will allein sein.“
Ich wusste nicht, was wir machen sollten und sah Tschick an, aber der zuckte auch nur die Schultern. Da kamen aber schon Marie und Jasmin den Weg runter gelaufen. „Natalie“, riefen sie mit einem ganz lang gezogenen i. Und ich dachte, dass es dann vermutlich besser war, wenn wir gingen.
„Totales Chaos!“ rief uns Patrick fröhlich entgegen als wir aus dem Wald raus kamen. „Wir dachten schon ihr hättet euch verpisst.“
Ich fragte mich warum wir das eigentlich nicht getan hatten. Ich wollte jetzt gar nicht mehr auf der Party sein. Ich fühlte mich ganz warm und seltsam im Innern, auch wenn ich immer noch fror. Und diese Party passte nicht mehr dazu.
„Nein, wir haben nur eine Auszeit genommen“, sagte Tschick.
Patrick strahlte und es war nicht schwer zu erkennen, dass er ein bisschen mehr getrunken hatte als ihm gut tat. „Geht total ab hier. Louisa hat mit Nico rumgeknutscht und heult jetzt. Kevin kotzt da hinten in die Büsche. Und Tatjana hat André geküsst und André hat mit Natalie Schluss gemacht.“
„An ihrem Geburtstag?“ fragte ich. Und dachte: Arschloch.
Tschick sah mich fragend an, aber das mit Tatjana und André war mir total gleichgültig. Ich war fast schon erschrocken darüber wie egal es mir war. Also hatte es eben auch etwas Gutes, dass die Dinge sich änderten. Was ich jetzt wirklich gern getan hätte wäre Tschicks Hand zu nehmen und es kam mir seltsam und ungerecht vor, dass ich das nicht einfach tun konnte. Alles andere hier war so komplett albern und trotzdem wäre es die Sensation des Abends geworden wenn ich Tschicks Hand gehalten hätte. Das hätte vermutlich mehr Gerede gegeben als unser Auftritt mit dem Lada und ich fragte mich kurz ob es das nicht vielleicht wert war. Aber ich wollte keinen tollen Auftritt und kein Gerede. Ich wollte gar nichts. Ich wollte mich nur weiter so glücklich und zum Bersten gefüllt fühlen.
Die Party war nicht mehr wirklich zu retten, aber ich fand, dass der Abend trotzdem ein voller Erfolg gewesen war. Es war trotzdem klar, dass wir nicht mehr länger bleiben würden. Tschick und ich suchten unser Fahrrad mit dem irgendjemand herumgekurvt war und fanden es schließlich am Rand vom Feldweg. „Brauchst du nicht deine Jacke?“ fragte ich.
„Behalt sie ruhig an.“
Ich war ganz froh darüber, denn ich hätte nicht gewusst, was ich zu Tatjana hätte sagen sollen. Konnte man eine Jacke, die man jemandem gegeben hatte einfach so zurückverlangen? Ich hoffte aber trotzdem, dass ich sie irgendwann wiederbekommen würde. Es war schließlich meine Lieblingsjacke. Und dann fuhren wir nach Hause. Ich saß auf dem Gepäckträger und hatte die Arme um Tschick geschlungen. Eigentlich war abgemacht, dass wir auf halber Strecke abwechseln, aber ich bekam gar nicht wirklich mit, dass wir plötzlich vor meinem Haus standen. Der Rückweg kam mir viel zu kurz vor.
Ich stieg ab und sah Tschick an und wünschte mir, dass er noch bleiben könnte. Auch weil ich nicht wusste, was ich zum Abschied zu ihm sagen sollte. Das war mir bei Tschick noch nie passiert oder zumindest schon lange nicht mehr und es machte mich ziemlich verlegen.
„War ein cooler Abend“, sagte Tschick schließlich. „Kann ich dir das Rad Morgen vorbei bringen?“
Ich nickte und als Tschick losfahren wollte hielt ich den Lenker fest. „Jetzt warte mal“, sagte ich. „Ich bin mir nicht mehr sicher, ob ich nur mit dir befreundet sein will.“    
Tschick sah mich an. Dann sah er auf den Bürgersteig. Dann wieder in mein Gesicht. „Okay“, sagte er. „Denk darüber nach.“ Dann schien er einen Entschluss zu fassen, beugte sich vor und gab mir einen ganz kurzen Kuss auf die Lippen. Und dann fuhr er davon und ich stand auf dem Bürgersteig, die Hände in den Taschen von Tschicks Lederjacke und sah ihm nach bis er um die nächste Ecke verschwunden war.
*
Als ich am nächsten Morgen aufwachte hatte ich eine unheimliche Energie. Ernsthaft, ich fühlte mich als hätte ich einen ganzen Garten umgraben oder einen Wald roden können. Im Garten war allerdings nichts zu tun und einen Wald hatten wir nicht, also drehte ich als erstes meine Anlage mit AC/DC voll auf und räumte zu „Highway to Hell“ mein Zimmer auf, was auch mal wieder nötig war. Mir fiel ein, dass ich Tschick immer noch nicht die CD geschenkt hatte, die ich für ihn gebrannt hatte. Und als ich an Tschick dachte musste ich kurz aufhören mit Aufräumen und mich aufs Bett setzen. Da lag immer noch seine Jacke und ich fand es jetzt ein bisschen albern, dass ich sie gestern mit ins Bett genommen hatte. Aber ehrlich gesagt nicht sehr albern. Tschick musste es ja nicht wissen. Es war wahrscheinlich sowieso besser, wenn er nicht wusste, dass ich mich vielleicht schon wieder verliebt hatte. Und dieses Mal auch noch in ihn. Vielleicht hätte es ihn auch gar nicht so sehr gewundert, denn Tschick wusste ja leider, dass ich mich schnell verliebte. Aber was er nicht wusste war, wie anders es sich diesmal anfühlte. Tatjana und Isa hatte ich ja gar nicht wirklich gekannt. Aber Tschick kannte ich und ich mochte alles an ihm.
Ich fragte mich, ob man vielleicht doch schwul werden konnte und ich hätte gern jemanden gehabt, den ich danach fragen reden konnte. Aber außer Tschick fiel mir niemand ein. Und ich war mir nicht ganz sicher, ob er dafür der richtige Ansprechpartner war, denn es ging ja um ihn.
Ich stellte alle meine Bücher ins Regal, wischte Staub, hängte meine Klamotten auf, saugte, und putzte zum Schluss sogar noch das Fenster, obwohl die Vietnamesin das regelmäßig machte. Und dann setzte ich mich wieder aufs Bett neben die Lederjacke und dachte darüber nach, ob Tschick auch in mich verliebt war. Klar, er hatte mich geküsst, aber bedeutete das irgendetwas?
Als Tschick mir damals erzählt hatte, dass er schwul war, war ich mir sicher gewesen, dass er sich für mich interessierte oder sich zumindest am Anfang unserer Reise für mich interessiert hatte. Jetzt war ich mir da gar nicht mehr so sicher. Ich fragte mich, ob es nicht vielleicht das Klügste gewesen wäre, damals im Lada gleich schwul zu werden. Ich hatte ja sogar darüber nachgedacht und war zu dem Schluss gekommen, dass mir Mädchen immer noch lieber waren. Und allgemein betrachtet stimmte das natürlich. Aber auf der anderen Seite wollte ich niemand anderen so gern küssen wie ich Tschick noch einmal küssen wollte. Nicht Tatjana und noch nicht einmal Isa.
Ich legte die CD, die ich für Tschick gebrannt hatte ein und ließ mich zurück aufs Bett neben die Lederjacke sinken und dachte, dass ich wirklich der idiotischste Mensch war, den ich kannte und dass die anderen ganz recht gehabt hatten, als sie mich Psycho nannten. Ich wünschte, ich hätte Tschick nie gesagt, dass ich in Tatjana und Isa verliebt gewesen war. Oder vielmehr wünschte ich, dass er das nie herausbekommen hätte, denn direkt gesagt hatte ich es ihm ja nicht.
Aber auch wenn in meinem Kopf alles durcheinander ging fühlte ich mich nicht schlecht. Oder zumindest die meiste Zeit nicht. Ich war weit davon entfernt schreiend in einer Ecke zu liegen wie damals, als ich unglücklich in Tatjana verliebt gewesen war und das beruhigte mich etwas. Ich ging dann später sogar noch raus und mähte den Rasen, obwohl das am Sonntag eigentlich absolut undenkbar war. Aber ich brauchte etwas zu tun. Danach ging ich joggen und dann räumte ich die Küche auf. Es fühlte sich an als könnte ich einfach keinen Moment mehr still sitzen. Und jedes Mal wenn mir der Kuss mit Tschick wieder einfiel wurde mir ganz wohlig warm innerlich.
Und dann wurde ich irgendwann unruhig weil ich nicht wusste, wann Tschick kommen würde. Ich ging immer mal wieder nach draußen und sah die Straße hoch ob er mit meinem Rad angefahren kam und von mal zu mal wurde ich etwas nervöser.
Und dann kam er schließlich und mein Herz machte zwei Schläge doppelt. Ich stand in der Einfahrt und winkte ihm zu als hätte ich ne Schraube locker, was vermutlich auch der Fall war. Aber ich war so glücklich, dass er da war und dass wir den Abend ganz für uns haben würden. Das war einfach fantastisch. Ich war meinem Vater in dem Moment sogar dankbar, dass er spurlos verschwunden war. Von mir aus hätte er auf dem Mond sein können. Tschick winkte zurück mit einer DVD, die er in der Hand hielt.
„Tanz der Teufel“, sagte er mit einem Grinsen als er direkt vor mir hielt. „Wolltest du doch sehen.“
„Ja klar“, sagte ich. „Soll ich uns vorher noch was zu essen machen?“
„Willst du kochen oder was?“ fragte Tschick und schloss mein Fahrrad ab.
„Ich könnte uns zwei Pizzen in den Ofen schieben.“
„Das wär klasse. Im Heim darf man abends nur zwei Scheiben Brot nehmen.“
Als wir ne halbe Stunde später auf dem Sofa saßen um „Tanz der Teufel“ zu schauen, sah ich verstohlen zu Tschick rüber, der ein Dreieck von seiner Pizza in der Hand hielt. Er hatte die Füße auf den Sofatisch gelegt und sah aus als würde er sich total wohl fühlen. Und ich fragte mich, ob er überhaupt an den Kuss gedacht hatte. Es sah ehrlich gesagt nicht so aus. Und das ärgerte mich ein wenig. Den Film fand ich ganz okay, aber nicht besonders spannend. Das konnte aber auch daher kommen, dass ich nicht besonders oft hinsah.
„Pass auf, wenn sie die Luke öffnen wird es spannend“, sagte Tschick und sah gespannt auf den Bildschirm. Dann sah er kurz zu mir. „Der ist doch gut, oder?“
„Hmh“, sagte ich und stellte meinen Teller weg, auf dem noch die halbe Pizza lag. Ich rückte etwas näher zu ihm. „Ziemlich gut.“      
„Hast du schon viele Horrorfilme gesehen?“
„Ein paar.“ Ich traute mich noch etwas näher zu rutschen. „Drei oder vier.“
„Hey, was denn?“ Tschick sah zu mir und grinste. „Hast du etwa Angst?“
„Vor dem Film? Quatsch.“
„Ach komm schon.“ Tschick schob sich das letzte Stück Pizza in den Mund und legte den Arm um mich als sei es das selbstverständlichste von der Welt. „Ist doch ganz schön gruselig oder?“
Ich legte den Kopf an seine Schulter. „Ein bisschen vielleicht.“
Von da an bekam ich vom Film gar nichts mehr mit. Ich merkte nur noch, wie Tschick roch. Ein bisschen nach Leder, obwohl seine Jacke oben in meinem Bett lag, ein wenig nach einem Deo oder After Shave oder sowas. Und dann war da noch sein ganz eigener Geruch, den ich aus dieser Nähe gut wahrnehmen konnte und den ich unheimlich gerne roch. Da zu sitzen und einfach nur zu atmen fand ich viel unterhaltsamer als den Film zu sehen. Tschick sagte auch nichts mehr und ich fragte mich, ob er sich genauso fühlte wie ich. Wenn ja wäre das das schönste auf der Welt gewesen.
Und dann drehte er irgendwann den Kopf zu mir und wir küssten uns wieder. Und ich merkte, wie sehr ich das noch einmal hatte tun wollen. Und ich wollte es nicht nur jetzt tun. Ich wünschte mir, dass ich Tschick mein ganzes Leben lang immer wieder küssen konnte. Denn zum ersten Mal in meinem Leben fühlte sich alles gut und richtig an, als würde ich genau dorthin gehören wo ich gerade war und als sei ich genau der Mensch, der ich gerne sein wollte. Und ich wünschte mir, dass es so blieb.
Wir lagen irgendwann nebeneinander auf dem Sofa und das war natürlich um einiges bequemer als der Waldboden, auch wenn es schön gewesen war die Sterne über uns zu haben. Tschick hatte seine Hände ganz vorsichtig unter mein T-Shirt geschoben und irgendwann fühlte ich mich mutig genug um dasselbe zu tun. Es war schön ihn so zu streicheln und ganz ehrlich: ein bisschen fühlte es sich so an als würden wir schweben oder als seien wir wirklich in einem Raumschiff unterwegs. Alles um uns herum war so unwirklich und weit entfernt. Und Tschick fühlte ich mich gleichzeitig so nahe.
Ich vergrub mein Gesicht an seinem Hals und er streichelte an meinem Rücken auf und ab und wir waren ganz fest aneinander gedrückt. So nahe, dass ich spüren konnte, wie gut es ihm gefiel und auch das fand ich unheimlich toll. Ich wusste, dass ich garantiert rot im Gesicht war, aber das war egal, denn es konnte mich ja keiner sehen. Ich war vollkommen in Sicherheit.
„Das ist schön“, sagte ich und meine Stimme klang rau.
Ich fühlte, dass Tschick nickte und seine Finger tasteten über meine Wirbelsäule, so dass ich eine Gänsehaut bekam.
„Magst du mich eigentlich?“ fragte ich und war froh, dass ich Tschick nicht angucken musste. Mein Gesicht brannte als säße ich wieder zu nah am Feuer.
„Natürlich“, sagte Tschick.
„Nein, so meine ich das nicht. Magst du mich wirklich?“
„Ich mag dich so gern wie man nur irgendjemanden gern haben kann, Maik.“ Vielleicht bildete ich es mir ein, aber Tschicks Stimme klang fast ein bisschen traurig. Und das machte mich richtig fertig in dem Moment. So dass ich fast hätte heulen können, auch wenn das jetzt garantiert kitschig klingt. Und gleichzeitig machte es mich total froh.
„Geht mir auch so“, sagte ich. Und dann küssten wir uns wieder.
Ich fühlte mich total wohl und geborgen, wie seit Ewigkeiten nicht mehr, aber auch unglaublich müde. Und irgendwann muss ich eingeschlafen sein, auch wenn es so eng war auf dem Sofa.
Ich erwachte davon, dass ich hochgerissen wurde und mir jemand eine schallende Ohrfeige verpasste. Mir war klar, dass das mein Vater war, noch bevor ich richtig wach war. Das war offenbar seine neue Methode mich aufzuwecken und ich war nicht sonderlich begeistert davon. Im nächsten Moment lag ich auch schon auf dem Boden. Den Wohnzimmerteppich kannte ich ja mittlerweile gut. Ich krümmte mich zusammen, weil mir schon klar war, was jetzt kommen musste und natürlich war da auch im nächsten Moment der Tritt. Diesmal in die Rippen und das schmerzte höllisch. Ich traute mich nicht die Augen zu öffnen, hoffte aber, dass mein Vater nicht auch noch auf Tschick losgehen würde. Der war jetzt auch aufgewacht und rappelte sich benommen auf dem Sofa hoch.
„Was fällt dir ein du verdammter Idiot?! Hast du gar nichts kapiert?“ brüllte mein Vater. „Wie kannst du diesen asozialen Penner hier anschleppen? Soll der uns die Tapete von der Wand stehlen, der Scheiß-Russe?“
„Nenn ihn nicht so!“ brachte ich hervor und kassierte einen gezielten Tritt in den Bauch von dem mir sofort übel wurde. Ich nahm die Hände vors Gesicht und machte mich auf weitere Tritte gefasst, denn das kannte ich schon: Wenn mein Vater erst mal richtig in Fahrt war dann gab es kein Halten mehr.
„Lassen sie ihn in Ruhe!“ brüllte Tschick. Ich blickte auf und sah wie er sich auf meinen Vater stürzte und ihn im nächsten Moment auch schon gefällt hatte. Das war ein Anblick: Mein Vater lag auf dem Teppich, auf die Ellenbogen gestützt und sah zu Tschick auf und der stand über ihm, die Hände in die Hüften gestützt und sah aus wie ein russischer Rachegott. Wie Dschinghis Khan persönlich. Großartig.
„Rühr ihn nicht mehr an du Arschloch!“ Tschicks Kiefer mahlten. „Nie mehr oder du bist dran.“
Mein Vater wich zurück. „Ich rufe die Polizei!“ dröhnte er. „Ich lasse dich festnehmen, du Scheiß-Verbrecher. Ich lasse dich abschieben.“
Ich rappelte mich mit einiger Mühe auf und stellte mich zu Tschick. Mein Atem ging schnell und ich fühlte eine solche Wut in mir, dass ich für einen Moment dachte, ich würde gleich auf meinen Vater eintreten, so wie er das so gerne mit mir machte. „Das tust du nicht“, sagte ich stattdessen. „Denn dann erzähle ich alles. Dass du nie da bist, dass du mich beleidigst, mich schlägst. Mir scheißegal, wenn sie mich wegholen, wenn du irgendwas über Tschick erzählst mach ich das.“
„Raus!“ brüllte mein Vater. „Der Russe soll verschwinden.“
„Halt die Klappe“, sagte Tschick und es sah so aus als würde er nochmal auf meinen Vater losgehen. Aber ich nahm seinen Arm und zog ihn nach draußen. Ich schlug die Haustür hinter uns mit Wucht zu, so dass sie fast aus den Angeln fiel.
„Alles okay, Maik?“ fragte Tschick und ich spürte, dass ich bebte vor Wut. Aber obwohl ich eigentlich nur wütend war musste ich auf einmal heulen. Nicht so richtig, aber mir liefen auf jeden Fall Tränen übers Gesicht, auch wenn mir das peinlich war. Ich konnte es aber auch nicht aufhalten.
Ich lief aus dem Gartentor und ein Stück die Straße runter und Tschick folgte mir. Und dann setzte ich mich auf den Bürgersteig, legte die Ellenbogen auf die Knie und den Kopf darauf und heulte richtig. Tschick kniete sich neben mich und legte den Arm um mich und war still. Das war ja mit das Beste an ihm, dass er immer wusste, wann man am besten gar nichts sagte.  
Eine Weile saßen wir einfach so da und es tat erstaunlich gut zu heulen.
„Tut mir leid, was er zu dir gesagt hat“, sagte ich schließlich und wischte mir übers Gesicht.
„Schon okay. Was er gemacht hat war viel schlimmer. Tut dir noch was weh?“
Ich schüttelte den Kopf, obwohl das nicht ganz stimmte. Meine Rippe tat weh und das würde vermutlich einen schönen Bluterguss geben. Aber das war jetzt egal. „Ich will weg hier“, sagte ich. Ich hätte lieber mit Tschick im Wald geschlafen als wieder zurück zu meinem Vater zu gehen.
Tschick stand auf, hielt mir die Hand hin und zog mich hoch und dann gingen wir nebeneinander die Straße runter und ich überlegte ernsthaft ob es nicht das Beste wäre, jetzt wieder ein Auto zu klauen. War ja doch alles egal. Ich vergrub die Hände in den Hosentaschen und stapfte neben Tschick her. Mir war es total egal, wohin wir gingen. Mir war alles egal in dem Moment.
„Ich glaube Sezz und Mhirr hatte heute auch eine ziemlich unangenehme Begegnung“, sagte Tschick leise und ich weiß nicht warum, aber das war das Beste, was er hätte sagen können.
„Ja, das glaube ich auch“, sagte ich. „Mit einem riesigen Menschenmonster. Das ist für die ja genauso widerlich wie wenn wir einer gigantischen Spinne gegenüberstehen würden.“
„Ja“ Tschick nickte. „Sie finden das abartig wenn etwas nur zwei Beine hat.“
„Aber sie haben sich gut geschlagen.“ Ich straffte mich etwas. „Sie hatten auch eine Spezialwaffe dabei, die sie selbst erfunden haben.“
„Genau. Auch wenn es sie im Schlaf überrascht hat, das hinterhältige Vieh.“
Ich sah Tschick an. „Danke“, sagte ich. „Dass du mich verteidigt hast.“
„Ist doch klar. Und du hast es deinem Vater auch ziemlich gezeigt.“
„Ich meinte das ernst, was ich gesagt habe.“
„Ich weiß.“
„Du wirst auf keinen Fall abgeschoben. Auf gar keinen Fall.“
„Glaubst du dein Vater ruft echt die Bullen?“ Tschick klang allerdings nicht so als würde er sich sehr große Sorgen darüber machen.
Ich zuckte die Schultern. „Keine Ahnung. Ich weiß nicht ob es ihm nicht vollkommen egal ist, ob ich ins Heim komme.“
Tschick legte den Arm um meine Schultern. „Wer weiß, vielleicht wohnen wir dann zusammen.“
Und in dem Moment war das eine verdammt gute Aussicht.
Wir standen dann irgendwann vor dem Hochhaus in dem Alexej wohnte und Tschick hielt mir die Haustür auf.
„Meinst du, dein Bruder hat nichts dagegen, wenn wir bei ihm auftauchen?“ fragte ich.  
„Quatsch, der freut sich.“
Schon im Treppenhaus hörte ich dröhnend laute Musik und als wir vor Alexejs Tür standen war auch klar, woher sie kam. Tschick schloss die Tür auf und im Flur sahen wir als erstes ein knutschendes Pärchen. Das erste was mir auffiel war, dass das Mädchen ziemlich leicht bekleidet war. Das zweite war, dass es sich bei dem Typen um Tschicks Bruder handelte. Und Tschick hatte Recht. Alexej freute sich total ihn zu sehen. Er machte sich sofort von dem Mädchen los und umarmte ihn. „Andron! Was machst du hier? Musst du nicht im Heim sein?“
„Hatte keinen Bock mehr.“
„Kommt rein, kommt rein!“ Alexej hielt die Wohnungstür weit auf. „Irina, das ist mein kleiner Bruder und sein bester Freund.“
Irina sagte etwas, das wie dobri wjetschur oder so ähnlich klang und winkte uns zu. Sie hatte ein sehr breites Lächeln, das große weiße Zähne zeigte und schöne dunkle Augen. Ihre Lippen waren sehr rot und ihr Kajal ein bisschen verschmiert.
Ich sah jetzt auch, dass in der Küche, aus der die Musik kam noch mehr Leute am Tisch saßen. Es waren Kerzen angezündet und trotz  der lauten Musik spielte jemand Gitarre.
Alexejs Blick fiel jetzt auf mich. „Habt ihr euch geprügelt?“ fragte er und ich schüttelte den Kopf.
„Na egal“, sagte er. „Kommt rein. Nehm euch was zu trinken. Da ist Vodka. Ach nein, dürft ihr ja nicht. Ich hab auch irgendwo Cola. Irgendwo muss sie sein.“
„Lass mal Alexej, wir gehen schlafen“, sagte Tschick.
Aber davon wollte Alexej nichts hören. Wir wurden in die Küche geführt und mussten alle Hände schütteln und irgendwer drückte uns Gläser mit durchsichtiger Flüssigkeit in die Hand und weil ja sowieso alles egal war trank ich einen tiefen Schluck und bekam einen Hustenanfall. Die anderen lachten, aber nicht bösartig und Tschick klopfte mir auf den Rücken. Dann zog er mich in sein Zimmer und schloss hinter uns ab. „Jetzt haben wir Ruhe“, sagte er. Das war übertrieben, denn natürlich hörte man die Musik sehr deutlich durch die Tür. Aber mich störte das wirklich gar nicht. Im Gegenteil. So konnte ich wenigstens meine Gedanken nicht so laut hören.
Im Zimmer war es dunkel und Tschick schaltete eine kleine Lampe an, die in der Fensterbank stand. Und als ich sah, dass sie eine farbige Glühbirne hatte und grünes Licht abgab, musste ich mich erstmal aufs Bett setzen. Das zog mir an dem Abend echt komplett den Stecker. Denn jetzt wusste ich schließlich in wessen Fenster das grüne Licht gebrannt hatte, dass ich immer vom Indianerturm aus gesehen hatte.
„Mann“, sagte ich.
„War ziemlich schlimm, oder?“ Tschick setzte sich neben mich.
„Nein“, sagte ich. „Doch. Aber das meine ich nicht.“ Ich zeigte auf die Lampe. „Grünes Licht.“
Tschick nickte. „Fand ich schön.“
„Ich muss dir was sagen“, sagte ich. Tschick sah mich an, aber ich sprach erstmal nicht weiter. Ich musste ihm wirklich was sagen. Was ganz Wichtiges. Aber das Dumme war, dass im Moment in meinem Kopf alles durcheinander ging und ich nicht wusste, wie ich anfangen sollte. Tschick wartete zum Glück geduldig, ohne irgendetwas zu fragen.
„Also, ich habe darüber nachgedacht.“ Ich schluckte. „Ich will nicht nur mit dir befreundet sein. Also das will ich auch. Natürlich. Aber nicht nur das.“ Ich wusste, dass ich ihm jetzt sagen musste, dass ich mich in ihn verliebt hatte, aber ich wusste auch wie blöd das klang, nachdem ich innerhalb von ein paar Monaten in Tatjana und in Isa verknallt gewesen war. Was sollte ich also sagen? Und dann begriff ich, dass es ganz einfach war. Denn das was ich an Tschick von Anfang an so gemocht hatte war ja, dass er mich immer verstand. Ich musste mir also gar nicht irgendwas ausdenken. „Wenn ich mit dir zusammen bin Tschick, dann ist es schön ich selbst zu sein. Ich weiß, ich bin ziemlich langweilig und sehe nicht gut aus und du stehst nicht auf mich, aber ich – ich stehe sehr auf dich. Und ich möchte gern mit dir zusammen sein.“
„Maik“, sagte Tschick. „Du bist wirklich ein Schwachkopf. Weißt du, du hast vielleicht drei Monate lang ein Bild für Tatjana gezeichnet. Aber ich habe ein verdammtes Auto für dich geklaut und du hast es nicht mal wirklich begriffen. Ich hab mir den Anfangsbuchstaben von deinem Namen tätowieren lassen. Natürlich stehe ich auf dich, du Idiot.“
Und dann küssten wir uns und fielen zurück auf das Bett und ich fühlte mich als müsse ich platzen weil ich so froh war. Und im Fenster leuchtete die kleine grüne Lampe.
Review schreiben