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GeschichteAbenteuer, Freundschaft / P18
31.01.2017
09.12.2018
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Hjaldrist gab einen abfälligen Ton von sich, als er sich auf die dunkel gestrichene Reling der ‘Seefuchs’ stützte und leicht nach vorn beugte, während er in die Ferne starrte. Sein Schiff war groß und viele auf Undvik betitelten es als teuerstes Meisterwerk der Bootbaukunst. Da waren gezimmerte Verzierungen an glattem Holz und keine Planke saß auch nur einen Deut weit schief. Das blau-grüne Segel bauschte sich im Wind. Eine in sich gewundene Schlange zierte es als Wappentier und machte das große Gefährt als eines der Falchraites aus. Der Bauch der Seefuchs war massig und lieferte damit, untypisch für die meisten skelliger Schiffe, etwas Platz, um gar unter Deck zu schlafen. So musste man auf langen Reisen nicht in Wind und Wetter nächtigen oder Land ansteuern, um überdachte Nachtlager aufzuschlagen.
“Sieben große Kriegsschiffe.”, machte Hjaldrist kritisch, als er die Wassergefährte mit den weißen Adlern auf den roten Segeln sah “Und zwei kleinere Fregatten liegen mit gehissten Segeln an.”
“Hm.”, brummte Haldorn, der neben dem Sprechenden stand und kratzte sich schulterzuckend am bärtigen Kinn “Mit unseren fünf Booten und den drei Schiffen der Splitterinseln sind wir da ganz gut dabei, finde ich. Ein Drachenboot nimmt es sonst locker mit drei, drei redanischen Kriegsfrachtern auf. Diese Schiffe dieser Idioten sind stümperhaft gebaut und irrsinnig langsam.”
Der Jarl hob die Brauen und linste schwach grinsend zu dem Jüngeren hin. Die frische Seeluft wehte ihnen um die Nase und fuhr Hjaldrist durch das lange, im Nacken zusammengebundene Haar. Nach Salz und Algen roch sie und brachte immer wieder ein paar Tropfen der Gischt mit sich. Es war angenehm, wenngleich auch etwas kühl. Unangenehm aber, war das, was sehr bald geschehen sollte: Zum einen eine offene Seeschlacht gegen Redanien vor der Küste Verdens und andererseits ein waghalsiges Manöver in eine Flussmündung, um den Truppen Radovids im Inland die Wege abzuschneiden. Während sich fast alle Schiffe Undviks und deren Verbündeten der Splitterinseln um den Kampf auf hoher See kümmern würden, würde Hjaldrist die Seefuchs, begleitet und gedeckt von zwei kleineren Langschiffen, in die Mündung der Jaruga lenken und zwanzig Meilen ins Inland segeln um dort den Herzogweg der redanischen Truppen zu zerstören: Eine große Brücke, die sicherlich dafür genutzt wurde, um die Kämpfer Radovids mit Lebensmitteln oder Waffen zu versorgen. Würde man diese wichtige Route abschneiden, stünden die Redanier vor Kaer Iwahell sehr bald sehr dumm da. Und Hjaldrist schmunzelte bei dem Gedanken grimmig. Er war nie jemand gewesen, der vorfreudig losgezogen war, um spaßeshalber andere Boote zu überfallen und die Schlacht zur See war ihm bisher immer recht fern gelegen. Doch segeln, oh, das konnte er. Vor allem mit einem Schiff, wie dem seinen. Und daher war er heute DER Mann dafür die riesige Brücke über die Jaruga zu zerschlagen. Er war ein Jarl, ja. Na und? Heute begäbe er sich nur zu gern in große Gefahr, um Radovid eins auszuwischen.
“Das wird gut.”, grinste der raue Haldorn und klopfte Hjaldrist herzlich auf die Schulter “Wir siegen heute, holen deinen Laro - oder wie der heißt - ab und sind dann ganz flott unterwegs nach Siofra. Was auch immer du dort willst. Soll mir egal sein.”
Der ältere der beiden Brüder nickte, als er von der Seite aus zu Haldorn sah. In dessen Rücken bemerkte er die zwei Schiffe, die das seine heute zur Flussmündung begleiten würden. Da war auch Haldorn’s Schiff, das sich noch gefährlich nah an der Seefuchs hielt. Der Rest der Gefährte, deren Besatzungen von den kleinen Inselchen hinter Undvik stammten und heute genauso Grün und Blau trugen, hielt sich taktisch an den Seiten. So, wie man es unlängst besprochen hatte. Haldorn wollte die Redanier mit ihnen, knapp ausgedrückt, direkt bedrängen, um deren Boote mit einem Mal zu entern. So, wie es im Seekampf gewöhnlich war, wollte er, wenn möglich, ein Kampffeld auf Meer schaffen: Man benutzte Enterhaken, um Boote aneinanderzuziehen, sie so miteinander zu verbinden, den Feind zu entern und folglich auf dem Wasser genauso fechten zu können, wie an Land. Wenn man gegnerische Fähren sofort versenkte, lief man schlussendlich Gefahr zu viel Beute mit in das schwarze Meer zu schicken. Daher töteten Undviker deren Besatzung lieber ‘persönlicher’, ehe sie sich daran machten deren Schiffe leerzuräumen oder sogar der Baumaterialien wegen mitzunehmen. Kenternde Boote waren demnach nie gut. Auch dann nicht, wenn sie dem Abschaum aus dem Norden gehörten.
Hjaldrist, der den Blick jetzt von den fremden Kriegsfrachtern nahe dem Festland nahm, wandte sich um und sah der Situation an Bord entgegen: Die Männer und Frauen - ja, letztere waren auf skellischen Schiffen nicht selten - wirkten nervös. Diese Anspannung war unter den erfahrenen Piraten jedoch größtenteils positiver Natur. Denn in der nächsten Stunde würde es, so wie sie es liebten, schon krachen und das ordentlich. Man würde den Hurensöhnen des Ewigen Feuers zeigen, was passierte, wenn man sich mit den ‘Anderen’ und deren Verbündeten anlegte. Diese Revanche war seitens Hjaldrist längst überfällig und er war froh über die Unterstützung seiner übermotivierten Leute.
“Bis später.”, Haldorn winkte Hjaldrist knapp zu und grinste noch immer ganz breit, als er sich in Bewegung setzte, um an die gegenüberliegende Bordwand zu stolzieren. Denn dort, recht knapp zur Seefuchs, warteten seine Leute. Die Seeschlange hielt sich so nah an ihrer Schwester, dass der jüngere Falchraite Anlauf nahm und loslief, so schnell er nur konnte, um vom einen auf das andere Boot zu springen. Man sah nurmehr, wie sein brauner Fellüberwurf im Meereswind wehrte, der Idiot selbstbewusst los setzte und gegen die Reling seines Schiffes sprang - nicht darauf oder darüber. Es rumste dumpf, Haldorn hielt sich gerade so an der hohen Schiffswand fest und seine Männer johlten laut und belustigt. Niemand half ihm und jeder lachte oder grölte motivierende Parolen. Hjaldrist, der das erst mit einem kurzen Schrecken im Gesicht beobachtet hatte, schlug sich spätestens jetzt die Hand ans Gesicht und stöhnte ungläubig. Haldorn schaffte es indes über die Reling der Seeschlange und plumpste rau lachend an Bord. Natürlich wurde er von seinem Schlägertrupp für seinen Sprung gefeiert, als sei er ein Held. Oh, bei Hemdall...
Hjaldrist wandte sich halb fort und nahm sich zuletzt seine Krone ab. Er würde sich heute in direktes Feindgebiet begeben und wollte das als gewöhnlicher Krieger tun. Widersacher, sobald sie einen Anführer erkannten, neigten nämlich dazu im Bulk auf genau eben jenen loszugehen. Und, Götter, hätten die Redanier bemerkt, dass ihnen ein hochrangiger Jarl entgegenkam, hätten sie es sich sofort zum Ziel gemacht jenen entweder umgehend zu töten, um die Moral von dessen Leuten vernichtend zu schwächen. Also würde Hjaldrist sein markantes Standessymbol gleich zwischen seinem Hab und Gut verstauen, den heute eher hinderlichen Fellumhang ablegen und sich bereit machen. Viele persönliche Dinge hatte er nicht dabei. Nur seinen Rucksack mit Wechselkleidung und ein wenig trockene Wegzehrung in Form von Nüssen oder Dörrobst, die ihm seine überfürsorgliche Mutter vor der Abreise vor einer Woche lieb lächelnd zugesteckt hatte. Mehr brauchte der frühere Vagabund, der vier Jahre lange so gut wie nichts besessen hatte, nicht.

Nachdem die Redanier die nahenden Skelliger erblickt und daraufhin sehr, sehr bald realisiert hatten, dass jene ihnen nicht freundlich gesinnt waren, war alles ganz schnell gegangen. Man hatte sich kaum versehen können, da waren die gegnerischen Schiffe einander so nah gewesen, dass Haldorn einen schweren Enterhaken hatte werfen können. Mit einem lauten Krachen hatte sich jener dann an der knirschenden Reling eines Dreimasters der Leute Radovids festgekeilt. Zwei weitere Haken waren binnen Sekunden gefolgt und die Mannschaft aus dem Westen hatte ihr Schiff schneller an das gegnerische heranziehen können, als die verwirrten Redanier überhaupt verstanden hatten, was Sache war. Diese Idioten hatten dem Wind mehr Segel gegeben und gehofft damit aus der Reichweite der Undviker zu kommen, doch zu spät. Es war gewesen, als spränge man auf den Rücken eines störrischen Gaules auf. Und nun hetzten die kampfwütigen Skelliger bereits über die taillenhohe Reling, um an ihre verhassten Feinde heranzukommen. Die von dieser Methode beachtlich überrumpelten Nordlinge brüllten Kampfgeschrei, doch manche von ihnen wirkten angesichts der Seemänner mit den zotteligen Schulterüberwürfen absolut eingeschüchtert. Denn einen Krieg auf dem Meer auszufechten war das eine. Dabei Leuten der Inseln zu begegnen, das andere. Sicherlich fragten sich einige des Flammenkultes und deren Aufpasser just, was sie überhaupt hier suchten und warum sie nicht zuhause geblieben waren.
Und während sich Haldorn somit um die feindliche Flotte auf hoher See kümmerte, riss Hjaldrist sein Steuerruder herum, um wie abgemacht an der plötzlich ausbrechenden Schlacht am Meer vorbeizuhalten. Mit voll gesetzten Segeln und einer Mannschaft, die alles gab, brachte er die Seefuchs souverän an den aufgescheuchten Redaniern vorbei, um auf die Mündung der Jaruga zuzusegeln. So aufgerieben, die die Nordlinge soeben waren, kamen sie nicht rechtzeitig dazu etwas dagegen zu unternehmen. Und auch, wenn sie den taktischen Grips dazu gehabt hätten das undviker Schiff aufzuhalten, wären sie nicht schnell genug dafür gewesen, um Hjaldrist und die zwei Boote der Splitterinseln, die das seine begleiteten, einzuholen. Die Drachenschiffe Skelliges waren berühmt-berüchtigt und dies kam nicht von ungefähr. Sie waren beachtlich flink und schafften so manch eine Strecke auf Wasser doppelt so schnell, als normale Frachter. Gleichzeitig hatten sie so wenig Tiefgang, dass sie große Flüsse hochfahren konnten. Und genau das tat der zielstrebige Jarl, der sich die Krone abgenommen hatte, jetzt. Ein gezieltes Manöver, ein geschicktes Ausnutzen des Meereswindes, und die Seefuchs war schneller auf der Jaruga, als die verdutzten Redanier schauen konnten. Eine der gegnerischen Fregatten wendete und wollte Hjaldrist törichterweise hinterher, doch ein Boot unter Haldorn beschoss die Crew der Arschlöcher und sie musste abbrechen. Hjaldrist sah sich nach dem kleineren Schiff mit dem roten Segel um, das von seinen kampfeslustigen Landsleuten überfallen werden würde. Und angewidert spuckte der Skelliger dabei aus. Denn er erinnerte sich nur zu gut an seine ersten Begegnungen mit den religiös manipulierten Nordlingen in Novigrad. Wie jene Unschuldige auf Scheiterhäufen verbrannt und ihre Hassreden ganz öffentlich und ungehindert über den Mark gekräht hatten. Wie sie den armen Herrn Baran, Mia’s Vater, hatten hinrichten wollen. Wie sie IHN SELBST fortsperren hatten wollen. Und… wie sie Arianna aus dem Fenster der größten Taverne der Stadt geworfen hatten, nur, weil sie eine Alchemistin war. Diese verblendeten Menschen hatten viel Blut an den Händen kleben und verdienten den Tod. Sie waren Bestien. Und die acht Mannschaften aus Undvik wären heute die, die den Leuten in Rot ihre verdiente Strafe zukommen lassen würden.

Die Seefuchs kam weit und das ohne auch nur irgendeinen Widerstand zu erfahren. Doch dann, als sie sich im Landesinneren der Brücke näherte, die die Redanier nutzten, um in feindliches Gebiet zu ziehen, ging es los. Natürlich tat es das. Es wäre ja zu schön gewesen, wäre Hjaldrist ungehindert bis zum großen Herzogweg gekommen, um seine Mannschaft dazu anzuhalten die breite, hölzerne Brücke, die über die Jaruga führte, einzureißen. So ruhig es zuvor noch gewesen war, so wendete sich die Lage nun plötzlich und zwar in eine gefährliche Richtung: Im Augenwinkel sah Hjaldrist, der noch immer am Steuer stand, um sein Boot vor dem Wind zu halten, plötzlich irgendetwas helles durch die Luft zischen. Er sah auf und erkannte Flammen. Die nahen Truppen an Land verfügten offenbar über Bogenschützen mit in Teer getauchten Feuerpfeilen, die just auf das prächtige Gefährt des Jarls abgeschossen wurden. Im Hintergrund brannte das Segel eines der Schiffe der Splitterinseln bereits lichterloh. Es qualmte und rauchte und der Wind, der sich drehte und die Glut nur noch mehr anfachte, brachte in den Lungen kratzenden Rauch mit sich.
“Scheiße…”, murmelte der Jarl verhalten, doch behielt einen kühlen Kopf. Es war nicht mehr weit. Die Brücke, das Ziel dieser Mission, war längst in Sicht und er erhob die Stimme, um seine Leute weiter anzuspornen und sie anzuherrschen sich bereit zu machen. Denn was oder wer war er denn, dass er JETZT einen Rückzieher machen würde? Pah.
Noch ein Schwarm brennender Pfeile, von denen loderndes Pech tropfte, schlugen bald in Mast, der Bordwand und dem Segel ein.
“D’yaebl!”, keuchte Hjaldrist. Der schwer atmende Skelliger stieß die Luft tief aus und rief nach Andor, seinem Ersten Maat. Der kantige Kerl mit den schwarzen Haaren und dem grünen Mantel war sofort zur Stelle und übernahm das Steuer ungefragt, als Hjaldrist selbst loshetzte, um dafür zu sorgen, dass man das Segel nach dem Windumschwung neu setzte; um wieder schneller zu werden und bald bei der Jarugabrücke zu sein. Doch der Mann kam kaum bis zu den Schoten, denn auf einmal erfuhr sein Schiff eine massive Erschütterung. Irgendetwas schlug am Bug der Seefuchs ein und drängte das große Wassergefährt damit ruckartig zur Seite. Aus großen Augen sah Hjaldrist, wie dunkelbraunes Holz splitterte und das laute Krachen, das dies begleitete, war ohrenbetäubend. Er glaubte, ihm bliebe das arme Herz stehen und er flüsterte ein ungläubiges, leises ‘Nein’. Männer schrien. Manche fielen, bugsiert durch die Wucht des Aufpralls, hin. Auch der Jarl stürzte fast. Er suchte fahrig einen festen Stand und als er suchend um sich sah, sah er die Balliste an Land. Die schadenfrohen Redanier luden sie soeben schon wieder nach. Hjaldrist glaubte es nicht. Jegliche Farbe war ihm aus dem Gesicht gewichen und der kratzende Rauch der überspringenden Flammen an Deck brachte ihn zu Husten. All das hier… es… es war eine riesengroße Misere, aus der er nurmehr mit viel, viel Glück herauskäme. Das Feuer verbreitete sich rasend schnell und fraß sich gierig durch das gestrichene Holz der Seefuchs, die sich noch gut hielt. NOCH. Der gläserne Blick des Jarls wanderte eilig. Der Kämpfer wich vor aggressiv ausschlagenden Flammen zurück, hustete rau und hektisch blickte er sich um. Und in diesem Augenblick schmiss sich ihm ein einziger, sturer Gedanke entgegen. Einer, der ihn beherrschten wollte und auf einmal kraftvoll vorantrieb: Die Brücke. Er musste sie zerstören, koste es was es wolle, denn nur dafür war er hierhergekommen. Würde er sich nun einfach so geschlagen geben, wären all seine bisherigen Mühen umsonst. Und das würde der stolze Mann nicht zulassen. Also fokussierte er sich auf dieses eine Ziel. Auf das und auf einen Wunsch, der sich soeben genauso drängend zu Wort meldete: Den Abschied von Anna; Das Vorhaben diese törichte Frau noch ein einziges Mal zu sehen und das darauffolgende, endgültige Lebewohl. Die Schultern des Jarls sanken, als er bei diesem Bild in die Leere starrte. Ein lautes Knarren von sich biegendem und brechendem Holz ertönte warnend. Und abrupt fuhr der 29-jährige Undviker zusammen. Er machte kehrt, lief los, sprang dabei über ein kleines Feuer hinweg und kam zurück zu Andor, der ihn ratlos ansah.
“Ich fahre die Seefuchs gegen die Brücke!”, schrie Hjaldrist seinen spontanen, lebenslustigen Einfall durch den Tumult, der sich an Bord auftat “Rettet euch allesamt auf eines der anderen Boote, hörst du? Ich erledige das hier.”
“Was? Aber das Schiff-”, keuchte der Erste Maat ungläubig und der Jarl verzog den Mundwinkel unzufrieden.
“Das war ein Befehl!”, blaffte er und sah den anderen Mann zusammenzucken. Dann nickte Andor. Er und die anderen würden sich gleich vom brennenden Deck flüchten und darauf hoffen, dass die Leute der Splitterinseln, die ihnen Rückendeckung gaben, sie einsammelten.
Momente später ging alles sehr schnell. Noch während sich die Crew zu retten versuchte, keilte Hjaldrist das Steuerruder fest, damit sein mit Pfeilen befeuertes Schiff auch in seinen letzten Minuten direkt auf die Jarugabrücke zuhielt. In all dem Chaos rannte er dann abermals los. Er hastete dem Bug seines zum Sinken verdammten Bootes entgegen. Dorthin, wo er seine Habseligkeiten verstaut hatte: In einem kleinen Zimmer unter Deck, das er sein Eigen nannte. Über eine brennende Lache Pech stolperte der Skelliger und verbrannte sich dabei den Schenkel. Egal. Ein leichtes Absacken, das die knarzende Seefuchs dazu zwang sich leicht seitwärts zu neigen und Hjaldrist straucheln ließ. Der Krieger atmete Rauch tief ein und röchelte heiser. Noch ein Treffer einer Balliste. Und diese ließ den Inselbewohner ruckartig stürzen. Er gab einen gepeinigten Laut von sich, als er hart auf seiner Seite landete und sich den Arm dabei heftig anschlug. Dies ignorierend, so weit es ging, stritt er aber gleich weiter gegen die Zeit, die ihm ausgehen mochte. Auf allen Vieren eilte er weiter, ehe er schnell wieder auf die Füße kam und die Stufen erreichte, die in den Bauch der Seefuchs führten. Beinahe rutschte er aus, als er die Treppe hinab stob und unten angekommen bis zu den Knien im eiskalten Wasser stand. Fluchworte ausstoßend watete der Jarl weiter und erreichte seinen privaten Raum, dessen Türe er des Wasserdrucks wegen nur schwerlich aufgerissen bekam. Es toste und platschte. Aus geweiteten Augen sah der Mann in den Raum vor sich. Pergamente und ein helles Hemd schwammen ihm entgegen, doch er ignorierte all dies. Denn nichts war ihm gerade so wichtig, wie das längliche Bündel, das er an sein Gepäckstück geschnürt hatte, das auf dem unweiten Bett lag: Ein sündhaft teures Silberschwert, eingewickelt in simplen Stoff seiner Familienfarben; Die runenbesetzte Waffe mit dem Wolfsknauf, die Damaryk angefertigt hatte. Der Krieger kam abgekämpft vor die feuchte Schlafgelegenheit und wollte das besagte Schwert an sich reißen, doch hatte es zu fest an seinen Rucksack geschnallt, um es sofort mit sich nehmen zu können. Also erfasste er kurzum sein ganzes Gepäck und warf sich einen Schulterriemen des Rucksackes über, bevor er wieder hinauslaufen wollte. Das Wasser stand ihm nun schon bis zur Hälfte der Oberschenkel und wollte ihm den Boden unter den nassen Füßen fortreißen. Mit all der Kraft, die er noch hatte, stemmte sich der Undviker dagegen und erreichte die Treppe nach oben. Er ächzte mitgenommen, lief, kam wieder unter den freien Himmel und schlüpfte in den zweiten Schultergurt seines Gepäckstückes. Er sah jetzt nurmehr Feuer, das ihn umfing, wie ein Käfig aus Glut. Es war so heiß, dass er zurückweichen musste und panisch um sich sah, wie ein eingekreistes Tier. Der schwarze Rauch ringsumher war so dick, dass man den Schemen der anderen beiden Wassergefährte dahinter kaum noch ausmachen konnte. Scheiße.
Völlig aufgewühlt fuhr der Jarl Undviks herum, doch fand keinen Weg mehr zu entkommen. Immer näher kamen die beißenden Flammen und drohten ihn zu verschlucken. Hjaldrist krallte sich aufgescheucht an den Schultergurt seines Rucksackes und dann folgte auf einmal der wuchtige Aufprall gegen die Brücke, der ihn abrupt an die Reling zurückwarf. Mit dem Kreuz voran stieß er an sie, während es durch den plötzlichen Halt alles an Bord nach vorn warf. Es rumste laut, staubte und krachte. Holzsplitter stoben auseinander, als die große Brücke eingerissen wurde. Hjaldrist hörte ein verheißungsvolles, dumpfes Knacken. Der Langhaarige, der nur durch die Bootswand in seinem Kreuz noch stand, sah hektisch auf. Erst verstand er nicht, was passierte, sah bloß das lodernde Segel, das ihm entgegenkam. Und als er realisierte, dass es der breite, rußige Schiffsmast war, der über ihm niederging, war es zu spät. Ein lautes Rumsen, ein verheerender Aufschlag. Schwärze. Fallen. Schmerzen. Hjaldrist wollte vor Pein aufschreien und bemerkte erst jetzt, dass ihn der rauschende Fluss umfing. Er verschluckte mit einem Mal eisig kaltes Wasser, wusste nicht, wo oben und unten war und wurde mitgerissen. Der verzweifelte Skelliger ruderte mit den Armen, doch sein Gepäck zog ihn gnadenlos in die nasse Dunkelheit. Die Fingerspitzen des Kriegers streiften in seinem Überlebenskampf Holz. Irgendetwas Großes ging neben ihm nieder. Dann wieder ein dumpfer Schlag und die Dunkelheit umfing Hjaldrist wieder, wie ein altbekannter Freund.

Eine gesalzene Ohrfeige riss den blassen Jarl aus der Ohnmacht. Er fuhr zusammen und wollte erschrocken schreien, doch konnte nicht und würgte nur. Sofort wandte er sich zur Seite und spuckte einen Schwall Wasser aus, hustete und röchelte. Beinahe übergab sich der nasse Mann dabei. Hjaldrist konnte Andor am Rande erleichtert aufseufzen hören und schaffte es nur schleppend den Blick zu fokussieren. Ein heiseres, benommenes Stöhnen entkam ihm.
“Wir haben den Jarl! Setzt das Segel endlich, verdammt!”, schrie ein Mann irgendwo “Wenn die Nordlinge uns auch noch kriegen, sind wir am Arsch!”
Auch Andor setzte sich jetzt in Bewegung und hetzte los. Hjaldrist bemerkte das hektische Treiben ringsum und verstand, dass er nicht allzu lange weggetreten gewesen sein musste. Niemand erklärte ihm, was los war, denn die Leute der Mannschaft waren viel zu aufgerüttelt und hatten gerade keine Zeit zu sprechen. Und diese Unruhe alarmierte zuletzt auch den triefend nassen Undviker am Boden. Angestrengt blinzelte der Jarl und erhob die kalten Finger auffordernd. Sofort reichte man ihm eine Hand und half ihm hoch. Er ließ sich auf die Füße ziehen und keuchte schmerzverzerrt, als ihm dabei ein irrsinniger Schmerz durch das rechte Bein jagte. Er konnte auf Anhieb nicht gerade stehen und musste gestützt werden. Die Pein trieb ihm beinahe Tränen in die Augen und er fluchte so wüst, wie es eigentlich nur Anna getan hätte. Als er den Kopf anhob, bemerkte er, dass er auf einem der Schiffe der Splitterinsel stand. Einer der Kämpfer dieser verbündeten Inselchen stützte ihn, als er den Blick schweifen ließ und dazu ansetzte die Lage nachzuvollziehen. Hjaldrist sah das Flussufer, an dem Männer standen, die so aussahen, als wären sie am liebsten über das Wasser herangelaufen, um die ungeliebten Skelliger zu töten. Einer von ihnen gestikulierte besonders wüst und grantig schreiend in die Richtung der Undviker. Er war wohl jemand, der das Sagen hatte und er ordnete sicherlich an, dass man die Balliste von vorhin noch einmal nachlud und Pfeile anlegte. Irgendwo keifte jemand Befehle schneller den Fluss hinunter zu rudern. Hjaldrist’s Augen wanderten solange und er versuchte seine Pein auszublenden. Das Adrenalin in ihm half dabei enorm. Er verengte den Blick, um in die Ferne zu sehen und schätzte die Truppe am Strand auf an die sechzig Mann; Auf sechzig Typen, angeführt von dem krakeelenden Kerl, der vor der Balliste herumlief und fuchtelte.
Der Atem des Jarls ging unruhig. Seine Haare klebten ihm nass an Wange und Nacken und sein Blick wich weiter suchend umher. Dann erkannte er die Armbrust, die der, der ihn stützte mittels eines Trageriemens geschultert hatte.
“Gib her.”, keuchte er rau und fasste schon nach der Waffe. Sein Landsmann fragte nicht, sondern ließ dies zu. Hjaldrist, der auf dem rechten, verwundeten Bein sehr unsicher stand, ließ sich einen Bolzen reichen, legte den unter Schmerzen auf, spannte die ausgeliehene Armbrust und zielte. Momente später sah man, wie der keifende, redanische Hauptmann nahe dem Flussufer, wuchtig getroffen rücklings fiel. Es gab unter dessen Leuten einen Aufschrei, den man bis hierher hören konnte und Hjaldrist beobachtete das grimmig. Dunkelrot und zäh tropfte es ihm von den Brauen, doch das Adrenalin, sein im Moment wertvollster Verbündeter, hielt ihn aufrecht. Der Mann hatte sich den Kopf aufgeschlagen, doch bemerkte es in deinem schockartigen Zustand kaum.
“Jarl!”, rief Andor von irgendwo, doch Hjaldrist war bereits dabei die Armbrust auf ein Neues zu spannen. Er war wie von Sinnen. Und auch der nächste Bolzen traf. Lustig, nicht wahr? Es war so lange her, dass der dunkelhaarige Undviker mit solch einer Waffe geschossen hatte, da seine Armbrust vor vier Jahren und im Kampf am Walfriedhof zerstört worden war, und dennoch schaffte er es noch immer zu treffen. Das, obwohl seine Hände just zitterten. Oh, sie zitterten immer mehr, genauso, wie seine Schultern. Götter, ihm war so kalt. Und die Armbrust wurde immer schwerer und schwerer. Hjaldrist presste die Lippen aufeinander und versuchte gegen seinen schwächelnden Körper anzukämpfen. Doch er verlor und knickte ein. Der Undviker bemerkte es schon gar nicht mehr, wie er zu Boden ging, wie ein nasser Sandsack.

Als Hjaldrist aufwachte, befand er sich unter Deck der ‘Seeschlange’. Eingewickelt in Decken und Felle, lag der Jarl zusammengerollt und frisch verbunden, auf einer behelfsmäßigen Schlafgelegenheit im großen, unordentlichen Raum der Mannschaft. Es war dunkel und still. Der Mann versuchte sich aufzurichten und kniff ein Auge dabei gequält zu. Sein Schädel brummte heftig und sein Ellbogen beschwerte sich gerade ebenso. Und sein rechtes Bein… er konnte es nicht richtig rühren. Matten Blickes ließ der ausgelaugte Krieger den Blick im wenigen Lampenschein an sich hinabschweifen und hob das Fell an, das man fürsorglich über ihn gelegt hatte. Und mit Erleichterung im Blick bemerkte er, dass sein Bein nur geschient war. Schwer ausatmend ließ er sich wieder zurücksinken und sah der hölzernen Decke entgegen. Es war ruhig und der Wellengang flach. Hjaldrist fror, denn seine Kleidung war nach wie vor feucht, doch er lebte. Ja, er LEBTE, verdammt! Die Leute der Splitterinseln und Andor hatten ihn aus der Jaruga gefischt und offenbar zu den anderen zurückgebracht. Sie hatten es geschafft. Der Herzogweg der Redanier gen Verden war abgeschnitten worden und hoffentlich hatten das viele der beteiligten Skelliger überstanden.
Den unangenehm pochenden Kopf, um den sich eine Bandage schmiegte, leicht drehend sah Hjaldrist neben sich. Und erst an diesem Punkt erkannte er seinen Bruder, der dort und ebenso dick in eine Decke gehüllt an eine Lagerkiste gelehnt dasaß und sich auszuruhen schien.
“Alles gut?”, fragte der Jüngere und Hjaldrist verkniff sich ein abfälliges Lachen.
“‘Gut’?”, schnaufte er “Naja… ich bin fast ersoffen und mein Schiff ist zerstört worden, aber sonst...”
“Dumm gelaufen.”, schloss der Schläger ärgerlich “Aber wir haben zumindest alle Boote der Redanier erwischt und nur zwei der unseren verloren.”
Das Gesicht unwohl verzerrend, legte sich der Ältere etwas bequemer hin. Oh, ihm tat alles weh und seine offenstehenden Haare hingen ihm wirr über die Schultern. Er hatte das Bändchen verloren, dass jene zusammengehalten hatte.
“Oh Mann…”, machte er dabei “Das war echt knapp. Ich dachte, das wars mit mir.”
Haldorn grunzte belustigt.
“Du hast allen echt nen schönen Schrecken eingejagt.”, gab der Pirat zu “Andor erzählte, dass ein Mast auf dich gefallen ist und man glaubte deine Leiche aus dem Wasser bergen zu müssen. Doch du atmetest noch, als man dich irgendwo weit abgetrieben im Fluss fand. Welch ein Glück.”
“Hmpf…”, grinste Hjaldrist und kuschelte sich enger zwischen Decke und Fell. Er hustete leise, denn seine kratzige Kehle hatte den Rauch auf der Seefuchs nicht gut vertragen. Sein matt erheiterter Ausdruck schwand, als er daran dachte, dass sein unglaublich schönes Boot nun am Grund eines Flusses lag. Er schloss den Mund und senkte den Blick bedauernd.
“Was machen wir nun?”, wollte Haldorn wissen “Wir kommen nicht mehr bis zu deinem Freund in Verden durch.”
“Egal. Lass uns...”, murmelte der Jarl vor sich hin “Nach Siofra segeln.”
“Du willst jetzt nicht nach Undvik zurück?”, fragte Haldorn überrascht nach und kräuselte die Brauen “Du bist verwundet. Was ist in diesem Bogenwald denn so wichtig, dass du sofort dorthin willst?”
“...Ich muss jemanden treffen.”, antwortete Hjaldrist zögerlich und sah seinen bärtigen Verwandten dabei nicht an “Und ich habe nicht mehr so viel Zeit dafür, denn diejenige wird nicht lange dort bleiben, glaube ich.”
Der kantige Seeräuber starrte seinen Jarl und Bruder eingehend an. Doch dann schien er endlich zu verstehen. Haldorn war nie der Schnellste gewesen, wenn es um das rekapitulierende Nachdenken und Kombinieren ging. Und er scherte sich selten viel um Anliegen anderer. Daher hatte er bisher auch nicht nachgehakt, warum Hjaldrist ein in Stoff eingewickeltes Schwert mit sich schleppte. Jetzt aber, da der Langhaarige angedeutet hatte eine Frau sehen zu wollen, war ihm alles klar. Denn diejenige konnte nur Anna sein. Mit anderem Weibsvolk hatte der schüchterne Axtkämpfer schlussendlich nie viel am Hut gehabt.
“Ernsthaft?”, brummte der Pirat daher mürrisch.
“Ja.”, kam es seitens Hjaldrist zurück.
“Ich dachte, du hättest dieses Miststück endlich vergessen. Bei Hemdall, Bruder, renne dieser Verräterin doch nicht nach.”, man merkte, dass Haldorn sich dazu zwingen musste ruhig zu sprechen und die Stimme gesenkt zu halten, damit niemand zu genau mithörte.
“Sie ist eine Idiotin, ja. Und deswegen will ich einen Schlussstrich ziehen.”, erklärte sich der Jarl.
“Wie?”
“Anna war mir einmal sehr wichtig, Haldorn. Und deswegen gebührt ihr ein großer Abschied. Sie selbst wollte den auf Undvik wohl nicht, daher werde ich sie auf Siofra konfrontieren. ICH bin niemand, der feige wegrennt. Und ich will ein klares Ende.”, sprach Hjaldrist vor sich hin.
“Und du schenkst ihr dabei eine Waffe? Oder wie?”
“Ein Silberschwert, ja.”
“Warum?”
“Weil ich glaube, dass sich die Anna von damals eines verdient hat.”, meinte der Jarl melancholisch und atmete tief durch die Nase aus. Es war klar, dass sein Bruder nicht verstand, wie er dachte. Haldorn war direkt und machte sich selten einen großen Kopf. Er war niemand, der nachts wach lag und stundenlang grübelte. Ach, es musste wirklich angenehm sein so abgestumpft zu sein. Doch Hjaldrist konnte das nicht. Er war eben nicht so. Und er DACHTE nach.
“Die ‘Anna von damals’ hat sich ein Schwert verdient?”, murrte der Pirat “Aha. Aber die von heute nicht. Die von gerade eben ist ein Arschloch und hat dich nur ausgenutzt.”
“Ja… ich weiß…”
“Also, warum tust du das? Ich verstehe dich echt nicht. Am Ende glaubt die, ihr seid wieder Freunde und kommt mit uns. Da habe ich echt keine Lust drauf.”
“Das wird sie nicht.”
“Ich schwöre dir, Hjaldrist, wenn du die Alte mitnimmst, dann werfe ich sie höchstpersönlich von Bord.”
“Bei Freya’s Titten… beruhige dich, Bruder.”, seufzte der soeben noch Entspanntere der beiden genervt “Ich werde ihr sicherlich nicht die Möglichkeit bieten uns zu begleiten, denn das will ich genauso wenig, wie du. Und sie wird verstehen, dass das Schwert längst vergangenen vier Jahren gilt und nicht dem, was noch kommen mag. Es wird ein ABSCHIED, Haldorn. Und dementsprechend werde ich mich ihr gegenüber auch verhalten.”
“Pff…”, schnaufte der Jüngere “Das will ich hoffen. Es ist ja schon genug, dass wir wegen DER wochenlang segeln werden. Warum hast du ihr nicht einfach nen Brief geschickt? Wäre einfacher gewesen und weniger Mühe um eine Verräterin.”
Auf diese Äußerung hin schwieg Hjaldrist, denn er hatte kein Verlangen danach weiter zu diskutieren. Obwohl er seinem Bruder für dessen Unterstützung unsagbar dankbar war, regte es ihn auf, dass jener ihn gerade kritisierte. Denn das große Anliegen rund um Arianna war ihm wichtig. Sehr wichtig. Diese Närrin hatte ihm einst so viel bedeutet. Niemals hätte er damals geglaubt, dass dies einmal enden würde. Doch das würde es bald ganz offiziell.
“Wenn wir nach Bogenwald wieder zuhause sind, suchen wir dir ne ordentliche Frau.”, entschloss Haldorn und brach damit das vorherrschende, nächtliche Schweigen an Bord “Eine hübsche Undvikerin mit ordentlich Holz vor der Hütte. Eine, die gerne lacht, kämpft und viel saufen kann.”
Die Miene des ‘begeisterten’ Jarls wurde steinern. Ging DAS schon wieder los...?
“Du wirst dieses Jahr dreißig, Hjaldrist. Und du bist jetzt ein Clananführer.”, erinnerte der rüde Pirat “Du solltest heiraten und Kinder kriegen. Das ist längst überfällig. Ich will Neffen und Nichten haben.”
“Ich habe keine Zeit für so etwas.”, konterte Hjaldrist unwohl berührt, doch Haldorn beachtete das nicht.
“Als Jarl brauchst du Nachkommen. Und die wachsen nicht einfach so aus dem Boden oder auf Bäumen.”, fand der Seeräuber “Aber keine Angst. Bevor du dir ne richtige Frau holst, machen wir die Stadt einfach mal ein wenig unsicher und suchen dir Mädels zum Üben. Mit 29 Jungfrau zu sein, ist zwar eigenartig, aber das kriegst du schon hin.”
Hjaldrist glaubte sich zu verhören und lenkte den Blick ungläubig zu dem Jüngeren, der damit angefangen hatte schief und dreckig zu grinsen. Was sollte DAS jetzt wieder werden? Üben? Wie dachte dieser dreckige Seeräuber denn bloß über seinen eigenen Bruder? Beim Elfenarsch seiner Großmutter! Das hier war nurmehr peinlich.
“Haldorn.”, entkam es Hjaldrist trocken. Der Schläger klopfte seinem Bruder, der bekanntlich schon immer eher scheu gewesen war, wenn es um die Frauenwelt ging, zuversichtlich lachend die Schulter. Er beugte sich leicht zu ihm, um ihm verheißungsvoll zuzuwispern.
“Die Mädels werden auf dich fliegen. Du bist zwar ein bisschen schmächtig, aber dafür ein Jarl...”
“Haldorn.”
“Bei Freya, du könntest wohl JEDE auf Undvik haben. Da bin ich fast etwas neidisch.”
“Haldorn, halt die Klappe.”
“Was?”
“Es interessiert mich nicht.”, schloss der ältere der beiden das einseitige Gespräch streng und erwähnte in diesem Zuge nicht, dass er längst nicht mehr so jungfräulich und unerfahren war, wie Haldorn tat “Also lass mich mit endlich diesem verdammten Thema in Ruhe.”
“Aber-”
“Such DU dir doch ne Frau.”, schnaubte der pikierte Krieger in Grün “Du bist genauso adelig, wie ich. Also viel Spaß.”
“Aber ich bin nicht mehr der Jarl. Ich MUSS nicht.”
Hjaldrist verengte die braunen Augen verstimmt. Doch er schwieg diesmal. Denn das hier brächte so und so nichts. Sein lästiger Bruder war ihm in den vergangenen Wochen andauernd mit dem Heiratsthema auf den Ohren gelegen. Bei jeder sich anbietenden Gelegenheit hatte er es angesprochen und mittlerweile machte es den Langhaarigen langsam zornig. WENN er jemanden ehelichte, dann nur, wenn er diejenige auch von Herzen liebte. Nichts lag ihm ferner als eine Bindung aus politischen Gründen einzugehen, denn er war einfach nicht der Typ dafür. Hätte er noch an Romantik geglaubt, hätte Hjaldrist gesagt, er warte auf die, die ihm auf ewig treu beiseite stünde, ihn um das ergänzte, was er nicht war und die dabei nicht nur seine Partnerin, sondern auch eine beste Freundin war, mit der man über alles sprechen könnte. Doch so etwas gab es nicht. Ein ganz bestimmter jemand hatte ihm dies vor knapp einem halben Jahr bewiesen und ihm schmerzlich vor Augen geführt, dass es die wahre Liebe, an die er so lange blauäugig geglaubt hatte, nicht gab. Und das wars. Hjaldrist fiel als heiratswilliger, neuer Jarl also aus. Es war ihm dabei egal, was andere davon denken mochten. Er war jetzt schon ein gefeierter Held und würde noch weitere große Taten vollbringen, die ihm einen Platz in den Geschichtsbüchern sichern würden. Er bräuchte keine Kinder, damit sich andere in Zukunft an ihn erinnerten. Was Hjaldrist also mit seinem Leben und seinem Stand innerhalb der Gesellschaft anstellte, lag in seinem Ermessen. In seinem allein. Und nicht in dem von irgendjemandem anderes.
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