Ausstieg in Fahrtrichtung rechts

von NanaLean
GeschichteRomanze / P18 Slash
30.01.2017
27.10.2020
49
172.238
109
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Dieses Kapitel
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20.10.2020 4.308
 
Kapitel 46

„Henrilein?“ Ich werde angestupst, aber murre nur. „Dich ruft wer an. Bist du echt eingepennt? Henrileinchen, aufwachen!“

Mühsam richte ich mich auf und reibe mir übers Gesicht. Ich bin wohl wirklich eingenickt. Sonderlich lange kann es nicht gewesen sein, denn der Film läuft noch und ich glaube, dass ich das meiste mitbekommen hab. Aber nachdem Flo uns Tiefkühlpizzen gemacht hat und ich meine komplett verputzt habe, bin ich eben müde geworden. Oder besser gesagt noch müder.

Mein Handy vibriert, aber bis ich es aus der Hosentasche draußen habe, hat es schon aufgehört. „Hast du mich grade Henrileinchen genannt?“

„Auf Henrilein hast du ja nicht reagiert! Gefällt dir Henrileinchen etwa nicht?“ Flo grinst mich blöd an, weil er genau weiß, dass ich beides nicht mag.

„Wenn du mich vor anderen so nennst, dann setzt’s was!“, drohe ich ihm. Scheint aber nicht sonderlich überzeugend zu sein, denn Flo schmunzelt weiter.

„Hat dein Schatzi angerufen?“, fragt er neugierig und lehnt sich zu mir, um auf das Display zu gucken. „Hat der echt bis jetzt gelernt? Was für ein Streber.“

„Solltest du dir vielleicht mal ein Beispiel dran nehmen“, schlage ich vor und schiebe ihn ein Stück von mir.

„Selbst wenn ich es mal mit lernen versuchen würde, so lang am Stück könnte ich mich eh nicht konzentrieren“, meint er und zuckt mit den Schultern. „Und jetzt ruf ihn schon zurück!“

„Hatte ich grade vor“, brumme ich und wähle Davids Kontakt. Dauert auch nicht lange bis er abnimmt. „Hi, sorry, ich war zu langsam.“

„Hey! Kein Problem. In der Bib war kein Empfang. Ich hab deine Nachricht erst grade beim Rausgehen gesehen. Was gibt’s?“ Seine Stimme zu hören, bringt mich sofort zum Lächeln. Er klingt gut gelaunt, wahrscheinlich weil meine Begrüßung auch fröhlich klang. Und wenn er bis jetzt keinen Empfang hatte, hatte Patrick auch noch keine Chance, ihm irgendwas zu erzählen.

„Ich, ähm -“, beginne ich zögerlich. Übers Handy will ich ihm die ganze Geschichte nicht unbedingt erzählen. „Ich war bei meinem Dad. War ein … schräger Tag.“

„Was ist passiert?“, fragt er sofort und natürlich klingt er jetzt doch besorgt. Aber das will ich grade nicht. Es hat gut getan, mit Flo einfach darüber zu lachen und ich will mich nicht wieder davon runterziehen lassen.

„Hast du heute Abend noch Zeit? Übers Handy ist das blöd“, erkläre ich und versuche, so gelassen wie möglich zu klingen. Gerade geht es mir ja auch gut. Ich bin noch erfolgreich im Verdrängungsmodus.

„Klar! Ich bin grad auf dem Weg zu meinem Auto. Soll ich direkt zu dir fahren oder wollen wir uns im Park treffen?“

„Oh, ähm, ich bin grade noch bei Flo.“

„Hallöchen“, meldet der sich sofort. Überraschend, dass er es überhaupt so lange ausgehalten hat, seine Klappe zu halten. „Keine Angst, ich hab gut auf Henrileinchen aufgepasst!“

Ich verdrehe die Augen und versuche, ihm böse Blicke zuzuwerfen, aber er ist wieder nur am Grinsen. So ein Spinner.

„Okay“, antwortet David gedehnt und klingt ein bisschen irritiert. „Soll ich dich da abholen?“

„Ja, das wäre super!“, sage ich erleichtert und sehe, wie Flo einen Schmollmund zieht. „Er wohnt nicht weit von meinem Vater. Ich schick dir die Adresse.“

„Gut, dann bis gleich“, verabschiedet er sich. „Hab dich lieb.“

„Wie süß“, schmunzelt Flo, der David offenbar hören konnte.

Ich murmle ein „Ich dich auch“ in den Hörer, während Flo mit seinen Händen ein Herzchen formt. Als es in der Leitung tutet, bekommt mein Kumpel einen Klaps auf den Hinterkopf.

„Aua!“, beschwert er sich lachend. „Hätte nicht gedacht, dass du deine Drohung wahr machst. Ich wollte doch nur behilflich sein, falls David auf der Suche nach tollen Spitznamen für dich ist.“

Ich verdrehe die Augen und schicke David schnell Flos Adresse, ehe ich mein Handy wegstecke. Auf dem Fernseher läuft inzwischen der Abspann, aber ich kannte Thor eh schon.

Flo beschwert sich ein bisschen, weil er gerne noch den zweiten Teil gesehen hätte, aber selbst wenn David mich nicht abholen würde, müsste ich mich bald auf den Heimweg machen, weil ich mit Bus und Bahn wieder eine kleine Ewigkeit unterwegs wäre. Und irgendwann muss ich ja nach Hause.

Unter der Woche woanders zu schlafen, würde Mama mir nicht erlauben. Wahrscheinlich ist sie eh schon wieder genervt von mir, weil ich einfach abgehauen bin. Vermissen tut sie mich anscheinend nicht, zumindest hat sie nicht versucht, mich in den letzten Stunden zu erreichen. Vielleicht denkt sie sich aber auch, dass ich zu Papa bin und hebt sich ihren Anschiss auf, bis ich wieder Zuhause bin.

Oh Mann, eigentlich würde ich gerne hier bleiben. Oder mit zu David gehen und bei ihm übernachten. Ich würde grade sogar lieber zurück zu Papa, als nach Hause zu gehen. Damit würde ich es aber wieder mal nur schlimmer machen, also verdränge ich diese Gedanken ganz schnell wieder.

Ich helfe Flo noch, unser benutztes Geschirr in die Küche zu tragen. Nach einer kurzen, peinlichen Vorstellungsrunde mit seinen Eltern, die in der Zwischenzeit nach Hause gekommen sind, schreibt David auch schon, dass er vor der Tür steht.

Immerhin kann ich jetzt nachvollziehen, woher Flo seine … offene Art hat. Seine Mutter hat mich gleich geknuddelt, weil sie sich so über meinen Besuch gefreut hat. Anscheinend bringt Flo nicht so oft Freunde mit nach Hause. Dabei kann ich mir nicht vorstellen, dass er es schwer hat, neue Kontakte zu knüpfen. Aber vielleicht bringt er die halt nicht mit. Sind wahrscheinlich mehr so einmalige Sachen.

Ich verabschiede mich und lasse mich von Flo zur Haustür begleiten. David steht an sein Auto gelehnt und nickt uns zu, während Flo fröhlich winkt.

„Das war lustig. Lass uns das mal wiederholen“, schlägt er vor und knuddelt mich ähnlich herzlich, wie gerade noch seine Mutter.

„Maja hat diesen Freitag vorgeschlagen für den Weihnachtsmarkt. Also wenn du Lust hast?“

„Klaro!“ Er lässt mich los und grinst zweideutig. „Und jetzt viel Spaß mit deinem Schatzi.“

Ich grinse zurück, rufe ihm noch ein „Bis morgen“ zu und laufe zu David. Auch wenn ich befürchte, dass das bevorstehende Gespräch nicht sehr angenehm wird, bin ich richtig froh, ihn zu sehen. Mein Herz flattert und ich schenke ihm ein ehrliches Lächeln, das sogar ein bisschen die Sorge aus seinem Gesicht vertreibt.

Er drückt mir einen Kuss auf die Lippen und schiebt mich zur Beifahrertür. Bevor ich einsteige, ziehe ich ihn noch einmal zu mir und vertiefe unseren Kuss. Ich würde viel lieber einfach damit weitermachen, als mit ihm über irgendwas zu reden.

David löst sich mit einem Schmunzeln von mir und steigt dann auf der anderen Seite ein. Er fährt direkt los, also ist ihm wohl nicht danach, noch ein bisschen zu knutschen. Schade.

„Wie hat’s mit dem Lernen geklappt?“, frage ich und nach Davids Blick zu urteilen, wissen wir beide, dass ich nur ablenken will.

„Lief ganz gut“, antwortet er dennoch und richtet seinen Blick wieder auf die Straße. „Und wie war dein Tag? Du warst also bei deinem Dad?“

Ich kaue auf meiner Unterlippe herum und richte meinen Blick aus dem Fenster. „Hm, ja … Patrick war auch da.“

Von David kommt keine Reaktion, weshalb ich doch wieder zu ihm schaue. Er wirkt nicht überrascht.

„Das wusstest du schon“, stelle ich fest.

„Möglich, dass er mich angerufen hat, während ich hierher gefahren bin. Und mich dann zehn Minuten lang vollgequasselt hat.“ Er seufzt und guckt entschuldigend zu mir. „Aber ich würde trotzdem gerne von dir hören, wie dein Tag war.“

Also beginne ich möglichst kurzgefasst, zu erzählen, warum ich überhaupt zu Papa bin und dass ich mich danach bei Flo verkrochen hab. Den Zwischenteil kennt er ja vermutlich schon in allen Details. „Weiß Patrick von uns?“, frage ich schließlich, bevor David überhaupt etwas sagen kann.

Er verzieht das Gesicht und das ist mir schon Antwort genug. „Tut mir leid. Er hat nicht gefragt, sondern festgestellt und ich war nicht drauf vorbereitet. Sonst hätte ich’s vielleicht geschafft, ihm was anderes zu erzählen. Aber mach dir keinen Kopf. Er hat Georg nichts gesagt und das wird er auch nicht. Das ist deine Entscheidung und es geht ihn nichts an und das weiß er.“

Ich glaube David ja. Und hätte Patrick es meinem Dad erzählen wollen, hätte er es auch gleich machen können. „Ist trotzdem kacke. Ich will nicht, dass die beiden sich meinetwegen auch noch streiten, wenn mein Dad irgendwann erfährt, das Patrick Bescheid wusste.“

David seufzt sehr tief. Das klingt nicht nach etwas, was ich hören möchte. „Menschen streiten sich, Henrik. Ich weiß, dass der Gedanke im Moment schlimm für dich ist, weil deine Eltern sich schon genug streiten. Aber ich glaube nicht, dass Georg deiner Mutter irgendwas erzählen wird, wenn du dich ihm öffnest, wenn du das nicht willst. Und selbst wenn er das doch tun und es zu Streit führen sollte, dann ist das nicht deine Schuld! Sie streiten doch eh. Und dass dein Dad sich mit meinem Onkel streiten könnte, ist auch nicht dein Problem. Das kommt vor. Heute haben sie sich auch gestritten. Und dann haben sie sich wieder vertragen. So einfach ist das manchmal. Weiß man vorher meistens nicht, das ist mir auch klar. Aber ob du jemandem davon erzählst, was dich bedrückt, oder es nicht tust, kannst du nicht immer davon abhängig machen, wie es den anderen damit geht. Nicht, wenn es dir damit beschissen geht! Du kannst dich nicht ständig zurücknehmen, denn das macht dich kaputt!“

Seine Stimme wird immer lauter und lässt mich tiefer in meinen Sitz sinken. Ich presse meine Lippen aufeinander und starre stumm aus dem Fenster. Was soll ich denn auch sagen? Ich weiß, dass David irgendwie Recht hat. Wenn er das sagt, hört es sich so leicht an. Trotzdem habe ich Angst. Angst vor Streit, davor, dass sich irgendwas ändert … zum Schlechteren ändert. Mag sein, dass diese Angst nicht rational ist, aber sie ist eben da.

„Tut mir leid, ich wollte nicht schreien“, flüstert er kaum hörbar durch die leise Musik im Radio und die Motorengeräusche. „Ich will dir doch nur helfen.“

„Weiß ich“, murmle ich und suche nach seinem Blick, aber der ist auf die Straße gerichtet.

Dieses Gespräch sollten wir nicht führen, während David Auto fährt. Sieht er wohl genauso, denn bei der nächsten Gelegenheit setzt er den Blinker und fährt rechts ran.

„Warum haben sich Patrick und mein Dad heute gestritten?“, frage ich vorsichtig, als das Auto stillsteht.

„Georg fand wohl, dass Patrick sich daneben benommen hat. Weil er die Situation nicht ernst genommen hat, sondern eher lustig fand. Und weil er ihm nicht sagen wollte, was er denn so lustig fand. Aber darum musst du dir echt keinen Kopf machen. Die beiden kriegen sich regelmäßig in die Haare, weil Patrick es gerne mal provoziert. Aber die sind unzertrennlich und genießen es, sich dann wieder zu vertragen. Weiß ich aus erster Hand. Du bist nämlich nicht der erste, der die beiden beim Sex gestört hat.“ David verzieht das Gesicht und grinst mich dann an. Ganz ehrlich sieht es nicht aus, aber er gibt sich Mühe. Wahrscheinlich ist ihm klar geworden, dass es nichts bringt, das vorherige Thema noch länger durchzukauen.

Wobei das neue Thema auch nicht unbedingt meine erste Wahl ist, denn ich laufe mal wieder knallrot an. „Toll, dann können wir das ja jetzt gemeinsam verdrängen“, krächze ich. „Bitte.“

David schmunzelt ein bisschen und das sieht sogar ehrlich aus. Das ist definitiv besser als der besorgte Blick zuvor.

Flo war so erfolgreich darin, mich heute abzulenken und David ist das offenbar auch klar. Denn er belässt es dabei und fängt nicht wieder mit dem Thema an. Wir drehen uns ja doch nur im Kreis.

Stattdessen drückt er mir einen Kuss auf die Lippen und lächelt mich noch einmal an, ehe er sein Auto wieder startet. Den Rest der Fahrt reden wir nur noch über das bevorstehende Wochenende, über den Besuch auf dem Weihnachtsmarkt, auf den ich mich wirklich freue. Er hält wie immer ein Stück von meinem Zuhause entfernt und obwohl ich ihm ansehen kann, dass es da noch viele Dinge gibt, die er mir gerne sagen würde, belässt er es beim Küssen.

Ich weiß, dass es nicht ewig so weitergehen kann. Irgendwann muss ich aus diesem Auto aussteigen und irgendwann muss ich meinen Eltern auch sagen, dass ich schwul bin. Zumindest Papa. Aber im Moment sehne ich einfach nur die Ferien herbei, damit ich endlich mal wieder ein bisschen mehr Ruhe bekomme. Denn für heute hab ich meine Chance eh verpasst, weil ich zu feige und überfordert mit der ganzen Situation war. Und darüber will ich mir jetzt nicht mehr den Kopf zerbrechen.

Davids Finger streicheln zärtlich über meine Wange, ehe er unseren Kuss löst und mich anlächelt. „Ich würde dich jetzt wirklich gerne einfach entführen, aber ich glaub du solltest langsam nach Hause. Du musst morgen zur Schule. Aber ich hol dich wieder ab, okay?“

Ich brummle ein bisschen, aber er hat ja recht. Es dauert zwar mindestens nochmal fünf Minuten, bis ich es schaffe, seine Lippen in Ruhe zu lassen, aber dann quäle ich mich doch aus dem Auto. Die restlichen zwei Straßen nach Hause, lasse ich mir Zeit. Irgendwann stehe ich aber doch vor der Tür und gebe mir Mühe, leise zu sein. Und ausnahmsweise ist das Glück mal auf meiner Seite. Keiner bemerkt mich. Zumindest reagiert niemand und ich kann ungestört in mein Zimmer schleichen. Und wenn ich es clever anstelle, dann muss ich Mama vor dem Wochenende auch nicht mehr über den Weg laufen.



„Oh Henrilein, ich freu mich so, dich zu sehen!“ Maja empfängt mich mit einem breiten Lächeln und einer überschwänglichen Umarmung, als ich mich im Bus neben sie setze.

Ich freue mich auch, aber vor allem bin ich nervös. Maja wirkt zwar ziemlich zuversichtlich und eigentlich kann ich mir auch nicht vorstellen, dass sie David nicht mögen könnte, aber mit Sicherheit weiß ich es eben nicht.

„Und ich freu mich auf Flo. Ich hab ihn so lange nicht gesehen. Das wird bestimmt lustig!“

Die Hoffnung habe ich auch. Wenn Flo Maja zu guter Laune verhilft, dann ist sie David gegenüber bestimmt positiv gestimmt. Mich hat Flo diese Woche schließlich auch gut aufheitern können.

„Erinnere mich später dran, dass ich auf dem Weihnachtsmarkt ein Geschenk für Leon kaufen möchte. Das Geschenk letztes Jahr war ein Griff ins Klo. Aber wenn ich mit drei Jungs unterwegs bin, werden wir schon was finden, was ihm gefällt. Hast du schon Geschenke für Weihnachten? Was wirst du David schenken?“

„Nein und … keine Ahnung“, gebe ich zu. Darüber hab ich mir noch keine Gedanken gemacht. Wir sind noch nicht so lange zusammen, aber schon lange genug, dass ich ihm gerne etwas schenken würde.

Die Fahrt in die Stadt über quatschen Maja und ich hauptsächlich über Weihnachten. Sie liebt Plätzchen und Zeit mit der Familie zu verbringen sowieso. Ich weiß noch nicht so recht, ob ich mich dieses Jahr auf Weihnachten freue. Aber da Mama und Papa sowieso nicht zusammen feiern, wird es wahrscheinlich schon irgendwie gut gehen.

Am Bahnhof angekommen stößt dann auch Flo zu uns und wir werden beide mit einer Umarmung begrüßt. „Deine Haare sind kurz“, stellt er sofort fest, obwohl man es kaum sieht, weil Maja eine flauschige Bommelmütze und einen dicken Schal trägt.

Sie nimmt sie ab und streicht ihre Haare ein bisschen zurecht, was Flo mit einem anzüglichen Pfeifen kommentiert.

„Steht dir gut!“, meint er und wuschelt ungefragt mit den Fingern durch. „Würde man Henrilein die Haare glätten, wären sie jetzt bestimmt länger als deine.“

Maja beginnt zu lachen und schnipst mir eine Locke aus dem Gesicht. „In der achten Klasse hat er sie sich eine Zeit lang selber geglättet. Ich fand, es sah schrecklich aus, aber er wollte seinem Freund gefallen.“

„Ah, Henrileins mysteriöser Ex-Freund. Existiert er wirklich?“ Den letzten Satz flüstert er Maja zu, allerdings laut genug, dass ich es auch höre.

„Ja, Willi existiert wirklich“, bestätigt sie kichernd. „Tragischerweise musste er wegziehen und ihre Beziehung ist daran zerbrochen.“

„Henrilein hat mir die gleiche Geschichte erzählt.“ Aber Flo klingt immer noch nicht überzeugt. Kein Wunder bei Majas Wortwahl. „Maja und Willi …“ Flo gibt ein Glucksen von sich und schüttelt den Kopf.

Wir steigen gemeinsam in die Straßenbahn ein und meine beiden Freunde quasseln weiter miteinander, während ich die meiste Zeit aus dem Fenster starre. Es ist mir wichtig, dass dieser Abend gut läuft. David und Maja sind mir wichtig. Flo natürlich auch, aber bei dem mache ich mir keine Sorgen, dass er sich mit irgendjemandem nicht verträgt.

Als wir bei der Haltestelle am Weihnachtsmarkt ankommen, erkenne ich David schon von weitem. Er ist heute länger in der Uni geblieben und von da direkt hergekommen. Mit einem Lächeln kommt er auf uns zu und drückt mir einen Kuss auf die Wange. Ich schaue ihm in die Augen und lächle zurück. Am liebsten würde ich ihn an mich ziehen und richtig küssen, aber verkneife es mir.

Er wendet sich meinen Freunden zu und es sieht ein bisschen unbeholfen aus, als er beide mit einem Händeschütteln begrüßt. Flo grinst und mustert David genau so wie neulich schon. Und zu meiner Erleichterung lächelt Maja ebenfalls.

„Ich mag ’nen Glühwein“, verkündet Flo sofort, bevor peinliche Stille entstehen kann und wir setzen uns in Bewegung. „Die erste Runde geht auf mich.“

David nimmt meine Hand und vergräbt sie zusammen mit seiner in seiner Manteltasche. Er wirkt auch ein bisschen nervös, was ich unheimlich süß finde. Es ist ihm wohl wichtig, bei meinen Freunden einen guten Eindruck zu hinterlassen.

Mein Blick wandert zu meiner anderen Seite, wo sich Flo und Maja gerade darüber unterhalten, was sie ihrem Bruder schenken könnte. Seine bisherigen Vorschläge waren nicht gerade jugendfrei.

„Was hast du ihm denn die letzten Jahre so geschenkt?“, mischt sich David in das Gespräch ein.

Maja guckt kurz überrascht, aber denkt dann nach. „Letztes Jahr hat er ein Buch gekriegt, aber das hat er nicht mal gelesen. Das Jahr davor waren es irgendwelche Buttons, die er zu der Zeit total cool fand und an alles drangemacht hat. Davor haben wir uns gegenseitig noch nichts geschenkt, außer vielleicht mal was selbstgebasteltes als Kinder.“

„Und was findet er im Moment cool?“, will Flo wissen.

„Sophia“, antwortet David an Majas Stelle. „Er versucht doch grade ständig, ihr zu imponieren. Du könntest ihm ja was schenken, was er mit ihr zusammen machen kann.“

„Genau, eine Packung Spaghetti, ein Glas Fertigsoße, ’ne Kerze und Gummis dazu. Dann kann er mit ihr ein romantisches Dinner veranstalten.“

„Sehr romantisch, Flo“, kommentiere ich lachend.

„Na ja, vielleicht ohne die Kondome. Du könntest aber immerhin eine schöne Kerze kaufen“, schlägt David vor. „Hier auf dem Markt gibt’s irgendwo einen Stand mit handgemachten Kerzen. Sophia wird das wahrscheinlich mehr zu schätzen wissen als dein Bruder, aber spätestens wenn sie das nächste Mal Zoff haben und er sich entschuldigen will, wird er sich über dein Geschenk freuen.“

Maja hat, seit David angefangen hat zu reden, eher das Gesicht verzogen, aber jetzt muss sie doch lachen. „Eigentlich wirklich keine schlechte Idee. Aber definitiv ohne die Kondome! Die soll er selber kaufen. Es hat trotzdem ein angemessenes Maß an ‚Ich bin seine große Schwester, ich muss ihn auch ein bisschen ärgern‘.“

In mir macht sich gerade eine ziemlich große Erleichterung breit und ich grinse vor mich hin. Da will Maja extra mit drei Jungs nach einem Geschenk für ihren Bruder gucken und dann kommt das dabei raus. Ein romantisches Dinner. Ich bin froh, dass meine Geschwister noch nicht auf die Idee gekommen sind, dass wir uns gegenseitig beschenken könnten. Das wäre viel zu anstrengend und außerdem haben wir genug Verwandtschaft, die uns beschenkt. Nur von Louis und Paula bekomme ich ab und zu mal auch was selbstgebasteltes zu Weihnachten. Ein paar Bilder hängen sogar an meiner Zimmertür.

Flo steuert zielsicher einen Glühweinstand an und diskutiert dabei mit Maja über das Für und Wider von Alkohol. Ich hätte bei Flo ein ziemlich großes Argument auf der Wider-Liste. Aber ich bin nicht seine Mutter und außerdem war ich bisher jedes Mal, wenn wir beide was getrunken haben, am Ende betrunkener als er. Also behalte ich einfach meine Gedanken für mich und lehne mich gegen David.

Es ist schön hier. Alles ist mit Tannenzweigen und Lichtern geschmückt und aus jeder Ecke strömt ein anderer, leckerer Geruch. Ich erinnere mich daran, wie wir früher jedes Jahr hier hergekommen sind. Das letzte Mal, als wir das alle zusammen gemacht haben, war ich zwölf und hatte so gar keine Lust darauf. Die letzten Jahre ist Papa immer mal wieder in der Adventszeit mit uns zu irgendwelchen Weihnachtsmärkten gefahren, aber das war nicht mehr dasselbe. Zumindest für mich nicht.

„Okay, also einmal Kinderpunsch und dreimal Glühwein“, fasst Flo zusammen, als nur noch zwei Personen vor uns in der Schlange sind.

„Für mich nichts, ich muss nachher noch fahren“, widerspricht David.

„Dann kannst du ja so wie ich Punsch trinken!“, schlägt Maja begeistert vor. Davids Verantwortungsbewusstsein gefällt ihr offenbar.

„Na gut, dann für mich auch Punsch“, gibt er nach. Seine Stimme klingt fröhlich, aber das leise Seufzen, das ich kurz darauf an meinem Ohr höre, eher nicht so begeistert. Wahrscheinlich hätte er doch lieber Glühwein.

Maja hingegen freut sich und schenkt ihm sogar ein kurzes Lächeln.

Flo gibt unsere Bestellung auf und ich verdrehe die Augen, als ich höre, dass er einen der Glühweine mit Schuss bestellt. Aber von ihm sollte ich wohl nichts anderes erwarten. Er reicht uns die jeweiligen Tassen weiter und nach kurzem Suchen schaffen wir es, einen kleinen Stehtisch zu ergattern.

„Willst du meinen Freund wieder abfüllen?“, fragt David und stellt sich dicht neben mich. Obwohl ich dick eingepackt bin, kann ich seine Nähe spüren.

„Hätte ich ihn nicht abgefüllt, wäre er womöglich nie in deinem Bett gelandet“, witzelt Flo und legt mir einen Arm um die Schulter. „Gern geschehen!“

Ich werde rot und starre auf die Tasse vor mir, an der ich gerade meine Hände wärme. David schiebt Flos Arm weg, legt seinen eigenen um mich und drückt mir einen Kuss auf die Wange.

Mein Blick huscht kurz zu Maja, die mir gegenübersteht und schmunzelt. Hoffentlich stört sie sich nicht daran, dass wir hier so offensichtlich das Pärchen raushängen lassen. Aber daran könnte und will ich nichts ändern. Es passiert wie von selbst, dass meine Hände nach seinen suchen, ich mich an ihn lehne oder mein Blick zu ihm wandert. Bis jetzt scheint Maja aber kein Problem damit zu haben. Sie beobachtet ihn, manchmal ziemlich offensichtlich, aber es sieht nicht so aus, als wäre sie ihm noch böse. Eher so, als müsste sie mit sich selbst kämpfen, weil er wohl doch nicht so schlimm ist.

Ich nippe an meinem Glühwein, der noch viel zu heiß ist und rieche den Alkohol sehr deutlich. Ich glaube meiner ist der mit dem Schuss. Wahrscheinlich wird es bei dem einen bleiben, sonst bin ich gleich wieder total hinüber. Auch David trinkt aus seiner Tasse und verzieht das Gesicht.

„Zu heiß?“, frage ich grinsend, weil ich mir selbst auch ein bisschen die Zunge verbrannt habe.

Er nickt. „Und zu süß.“

„Wie hältst du dann Henrilein aus?“, fragt Flo und kneift mir in die Wange. „Der Junge ist doch quasi Zucker.“

„Vorsicht, da reagiert Henrilein allergisch“, meint Maja und ich schlage Flos Finger einfach weg. Vor allem reagiere ich allergisch auf Henrilein, aber da ist Widerstand zwecklos. Immerhin hat Flo diesmal das ‚chen‘ weggelassen.

Die beiden haben es sich wohl zur Aufgabe gemacht, mich vor David zu blamieren, aber das wundert mich nicht. Und es stört mich auch nicht wirklich, schließlich hab ich das mit dem Blamieren selbst gut genug drauf. Der Zug ist also schon abgefahren. Rot werde ich trotzdem.

David setzt ein Lächeln auf, aber lässt das Ganze unkommentiert. Immerhin einer, der auf meiner Seite ist.

Eine Weile stehen wir noch um den Tisch und unterhalten uns, wobei Maja und Flo ganz eindeutig mehr reden. Plappern trifft es vielleicht besser. Mir fällt ziemlich schnell auf, dass Maja versucht, ihre Theorie über Flo und Kernchen bestätigt zu bekommen. Sie lenkt das Gespräch ein paar Mal auf die Schule und unseren Lehrer und will natürlich alles über Flos Stiefbruder wissen. Bis jetzt hat er aber wohl noch nichts gesagt, was Maja irgendwie zufriedenstellen würde.

Zu meiner Überraschung hat Flo sie noch kein einziges Mal auf Hanna angesprochen. Liegt aber vielleicht auch daran, dass ihr Bruder anwesend ist. Diese Woche in der Schule hab ich ein paar Mal mitgekriegt, dass Flo versucht hat, mit Hanna zu plaudern. Ich hab ihm ja schließlich nichts von dem erzählt, was zwischen Maja und Hanna vorgefallen ist. Hanna hatte allerdings immer nur ein aufgesetztes Lächeln für ihn übrig und hat ihn dann stehen lassen. War eigentlich ganz witzig.

„Willst du deinem Stiefbruder denn etwas schenken? Wir könnten dir ja auch beim Aussuchen helfen!“, schlägt Maja vor, als wir uns wieder zum Glühweinstand begeben, um unsere Tassen zurück zu bringen.

Meine Schritte fühlen sich ein bisschen wackelig an. Ein Blick auf Davids Tasse verrät mir, dass er nicht mal die Hälfte seines Punschs getrunken hat. „Magst du das noch?“, will ich wissen.

„Ähm, nein. Nicht so mein Geschmack.“

Ich nehme ihm die Tasse aus der Hand und trinke sie aus, obwohl der Inhalt schon fast kalt ist.

„Spürst du den Alkohol schon so sehr?“, fragt David grinsend und drückt mir einen Kuss auf die Wange, die sich ziemlich erhitzt anfühlt.

Ertappt. Ich hab heute nach der Schule Zuhause nur schnell ein Brot gegessen. Jetzt muss ich wohl nachträglich für Grundlage sorgen.

„Oh, ich hab Lust auf Crêpes!“, ruft Maja, die unser kleines Gespräch natürlich mitbekommen hat.

„Ich jetzt auch“, sage ich mit einem breiten Lächeln und unser Trupp setzt sich wieder in Bewegung.

Meine Hand steckt wieder in Davids Manteltasche und Maja und Flo laufen vor uns und plänkeln miteinander wie ein altes Ehepaar. In mir drin ist ein warmes Gefühl. Bestimmt kommt es auch vom Alkohol, aber vor allem davon, dass das hier gerade wirklich schön ist. Ich habe meine besten Freunde bei mir und meinen Freund und bis jetzt läuft es richtig gut.
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