Left for dead

OneshotDrama, Angst / P18
Jyn Erso
30.01.2017
30.01.2017
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Left for dead


„Wenn der Mensch mit froher Ungeduld den neuen Tag, den neuen Frühling, das neue Jahr erwartet, so ahnt er dabei nicht, daß er eigentlich den eigenen Tod herbeiwünscht.“
- Leonardo da Vinci (1452 – 1519)

Sie umklammerte den Blaster von Sekunde zu Sekunde immer fester und spürte, wie sich ihre Hand allmählich verkrampfte. Die Geräusche des Kampfes von außerhalb drangen nur dumpf an ihre Ohren und sie zuckte bei jedem Schrei, bei jedem Schuss, bei jeder Detonation zusammen. Nervlich hielt sie das hier sicher nicht mehr lange aus.
Mittlerweile hatte Jyn die Augen geschlossen und konzentrierte sich auf ihre eigene Atmung, die sich in hektischen Abständen vollzog und immer schmerzhafter für ihren Kehlkopf wurde, so gierig sog sie die Luft in ihre Lungen.
Dabei war es hier in dem Bunker tief unter der Oberfläche alles andere als lebensfreundlich. Die Notunterkunft für solche Fälle war stickig, dunkel und es roch nach dem Schweiß der Menschen und anderen Wesen, die ihre Angst zuvor hier ausgesessen hatten.
Jyn war nun eine von ihnen und rechnete in diesem Augenblick, da scheinbar direkt über ihrem Kopf eine Granate explodierte, nicht mehr damit diesen Ort lebend zu verlassen.
Saw rettet dich, er hat gesagt, er wird dich holen...
Dieser Satz schwirrte ihr wie ein Mantra durch den Kopf und ließ sie durchhalten, die dicke Luft ertragen und weiter atmen; den Blaster fest in der Hand eingeklemmt. Ihr Herzschlag beschleunigte sich dennoch und sie öffnete die Augen.
Über ihr schrie jemand, das konnte sie durch die verschlossene Luke hören, die sie hinter sich geschlossen und verriegelt hatte. Dieser Bunker war sicher, aber er war nicht unauffindbar.
Panisch drückte sie sich die eigene Handfläche auf den Mund und versuchte jeden Laut zu unterdrücken, der sie verraten könnte. Es war unmöglich von dort oben jemanden hier in dem Bunker atmen hören zu können, doch wollte sie ihr bisheriges Glück an dem heutigen Tag nicht herausfordern.
Saw hatte ihr eingeschärft, dass sie sich nicht oben blicken lassen durfte und sie würde diesem Befehl gehorchen – schließlich war sie eine seiner Soldaten. Obwohl sie eigentlich kämpfen würde, wenn es sein musste.
Die anderen kämpften ja auch und sie kam sich schäbig vor, weil sie hier unten sitzen sollte, während die anderen oben ihr Leben ließen.
Ihr Blick wanderte nach oben über ihren Kopf und sie fixierte die Luke, weil sie jemanden in jedem Moment hindurchsteigen sah. Ihre Augen füllten sich mit Tränen, dabei wollte sie nicht weinen und es war ihr auch nicht danach zumute.
Trotzdem flossen sie nun über ihre Wangen und dann auf ihre Finger, die sie sich immer noch unter die Nase flach auf den Mund presste. Ihre Lippen brannten und das Fleisch ihrer Wangen wurde von ihren Fingern strapaziert.
Aber in dem Bunker herrschte nun absolute Stille. Jyn hielt sogar die Luft an, um die Schritte über sich besser hören zu können. Mittlerweile atmete sie so schnell, dass es sich anfühlte, als wäre sie eine Ewigkeit gerannt.
Sie fühlte sich gejagt, verfolgt, gehetzt.
Saw hatte ihr so etwas schon angekündigt. Der Feind würde sie immer jagen, verfolgen und hetzen. Es gab kein Entkommen, es sei denn man wusste sich zu verstecken und das so, dass niemand einen fand.
Auch sie konnte unsichtbar werden. Inmitten von Massen aus lebenden Wesen hier auf Commenor. Inmitten von Feindesland konnte Jyn verschwinden – weil sie wusste, dass man als Gefangene keinen Luxus erwarten durfte.
Eine einfache Sache wie ein Bett war schon etwas, das sie zu schätzen wusste, denn auch ihre Eltern hatten es zu schätzen gewusst, genau wie Saw Gerrera jede Art des Lebensstandards genoss, der höher war als eine staubige Höhle voller Ausgestoßener, die sich vor keinem Verbrechen scheuten, um zu bekommen, was sie wollten.
Sie war zwar eine von ihnen, aber gleichzeitig war sie es nicht. Sie war immerhin diejenige, die hier im Bunker saß und darauf wartete, dass die Schritte über ihr endlich verstummten. Sie war nicht dort oben und kämpfte für... Ja, für was eigentlich?
Bevor sie sich diese Frage beantworten konnte, entstand über ihr plötzlich Stille. Die gesamte Geräuschkulisse war mit einem Mal so abrupt abgestorben, dass sie glaubte, der letzte Mensch auf Commenor zu sein.
Von einem Moment auf den nächsten war sie allein, wie es schien. Hatte Saw den Angriff abwehren können und würde nun doch schon vor Sonnenaufgang die Luke zum Bunker öffnen und ihr sagen, dass sie raus kommen könnte?
Nachsehen würde sie nicht, denn sie wusste, wie gefährlich es sein konnte unvorsichtig zu werden. Meistens bezahlte man den Mangel an Respekt vor dem Feind mit dem Leben. Elend und oftmals nach langer Gefangenschaft und Folter, durch die sich der andere Informationen erhoffte.
Die gespenstische Stille über ihr hielt die nächsten Stunden an, doch konnte sie keine Ruhe finden und achtete auf jedes noch so kleine Geräusch, das ihr verdächtig vorkam.
Irgendwann konnte sie ihre Augen nicht mehr offen halten und schlief mit dem Blaster in der Hand gegen die felsige Wand gelehnt ein.

Ihr Schlaf war unruhig und von Alpträumen angefüllt gewesen und es war Saws Stimme, die sie hochfahren ließ. Jyn war bewusst, dass er sie nicht wirklich gerufen hatte, sondern dass ihr Verstand ihr einen Streich spielte, doch pochte ihr Herz wieder so schnell, wie noch vor ihrem ungewollten Schlaf.
Sie blinzelte mehrmals, um den schmierigen Film auf ihren Augen loszuwerden und wischte sich mit dem Handrücken über die mit Schweißperlen bedeckte Stirn. Den Blaster hatte sie nicht eine Sekunde losgelassen.
Er lag immer noch in ihrer anderen Hand und glänzte ein wenig in dem schmalen Spalt des Lichtes, das durch die Luke in den Bunker fiel. Ein Seufzen entrang sich ihrer Kehle und sie setzte sich weiter auf, um sich strecken zu können.
Sie hatte in einer ungünstigen Position geschlafen und spürte das nun in Nacken und Rücken. Ächzend schob sie sich nach vorne und kniete sich in den Sand. Den Blaster steckte sie an ihren Gürtel und sie griff nach der schmalen Leiter, die sie nach oben bringen würde.
Der Sonnenaufgang war längst vorbei, das sah sie an dem Licht, das in den Bunker fiel, doch wo war Saw?
Er hatte doch gesagt, er würde sie holen, also wo blieb er bloß?
Soll das ein schlechter Scherz sein?, schoss es ihr durch den Kopf und sie spürte, wie sich eine Mischung aus Wut und Furcht in ihr zusammenbraute.
Langsam kroch sie weiter und begann schließlich damit die Leiter zu erklimmen. Wieder versicherte sie sich, dass niemand über ihr war und horchte angestrengt in die so drückende Stille, die sich schwer auf sie legte.
Jyn drückte ihre flachen Hände von unten gegen die schwere Platte, die den Zugang zum Bunker verschloss. Nur mit großem Kraftaufwand konnte sie sie ein paar Zentimeter anheben und auf den sandigen Boden ihres Versteckes blicken.
Es bot sich ihr ein Anblick des Grauens – überall lagen Leichen in ihrem eingeschränkten Sichtfeld und sie roch Blut und verbranntes Fleisch.
Ihre Augen weiteten sich und ihre Arme verließ langsam die Kraft, also entschied sie sich dazu, die Platte mit Schwung aufzustoßen, sodass sie nach hinten über kippte und in den Sand krachte. Staub wirbelte herum und Jyn begann zu husten, während sie sich mit einer Hand die Augen bedeckte.
Vorsichtig wagte sie sich aus ihrem Versteck hervor und kletterte die Leiter nur sehr bedächtig nach oben, den Blaster wieder in ihrer rechten und zum Schuss bereit. Sie würde sich nicht überraschen lassen.
Sie drehte den Kopf und versuchte eine Rundum-Ansicht zu erhalten und ihr erster Eindruck bestätigte sich jäh. So viele Tote hatte sie noch nie gesehen, nicht einmal an ihrem schlimmsten Tag.
Entsetzen und Ekel machten sich in ihr breit und vertrieben die anfängliche Wut, doch die Furcht blieb. Sie ergriff Besitz von ihr und drohte sie zurück nach unten in den Bunker stürzen zu lassen, drohte ihr die Kontrolle zu nehmen.
Keuchend schob sich Jyn auf den Boden des Verstecks und stellte sich sofort auf die Füße. Sie musste unangreifbar bleiben, auch wenn sie keine Ahnung hatte, ob sich überhaupt noch jemand in ihrer Nähe befand.
Das Versteck war außerhalb der Stadt und doch war hier immer viel Verkehr gewesen. Menschen kamen und gingen und das in den unmöglichsten Momenten und zu den unwahrscheinlichsten Tageszeiten.
Mit dem Blaster in beiden Händen drehte sie sich wieder um die eigene Achse und bekam so erst das ganze Ausmaß des Kampfes zu Gesicht. Sie zählte etwa acht Leichen auf dem Boden und konnte Blut im Sand und an den Wänden erkennen.
Saw sah sie allerdings nirgendwo.
Generell erkannte sie keinen der Toten wieder, bis auf einen einzigen. Auf den schritt sie vorsichtig zu und drehte seinen Oberkörper mit ihrem Fuß, um ihm genauer ins Gesicht blicken zu können. Seine Augen waren noch offen und sie wandte sich schnell ab, da sie den Anblick nicht ertragen konnte.
Hastig lief sie los nach draußen vor die Tür, hinter der sie noch die Sonne weiter aufgehen sehen konnte und ging in die Knie. Kraftlos ließ sie ihre Arme an ihrem Körper herabhängen, den Blaster fest umklammert.
Sie atmete nun zitternd und merkte, wie ihr wieder die Tränen in die Augen stiegen. Dieses Mal war ihr allerdings zum Weinen zumute, denn die Leichen hatten sich ihr in die Netzhaut gebrannt. Galle stieg ihr die Speiseröhre nach oben und Jyn musste würgen.
Allerdings hatte sie nichts in ihrem Magen, dass sie hätte ausspucken können. Fahrig wischte sie sich wieder mit der freien Hand über das Gesicht und schloss die Augen, um sich zu sammeln. Als das nach ein paar Minuten den gewünschten Effekt zeigte, hob sie den Kopf und begann damit sich genauer umzusehen.
Es war niemand hier, niemand in der Nähe und auch nicht weiter weg zu sehen. Jyn war mutterseelenalleine.
Sie stand auf und ging ein paar Schritte mit dem Blaster in der Hand von dem Versteck weg, um einen genaueren Überblick zu bekommen. Auch hier draußen lagen viele Tote und sie konnte zahlreiche Fußspuren im Sand entdecken, die von dem Versteck weg führten.
Die Richtung war meistens in die der Stadt, in der Handel betrieben wurde. Commenor war ein einziger Schauplatz des Handels, also gab es auch immer eine Möglichkeit von hier zu verschwinden.
War Saw auch einfach verschwunden?
Jyn schüttelte diesen Gedanken ab und ging den Fußspuren nach, die zur Stadt führten. Hier in diesem Versteck wäre sie nur eine Zielscheibe, die für eine Zeugin oder eine nützliche Geisel gehalten werden konnte.
Auf ihrem Weg wurde sie von niemandem aufgehalten, der ihr irgendwie bekannt vorkäme und als sie im Hafen ankam, konnte sie erkennen, dass das Schiff, mit dem sie zuvor mit Saw und den restlichen Männern hier angekommen war, verschwunden war.
Er war also tatsächlich verschwunden. Hatte sie einfach hier gelassen und war verschwunden. Saw Gerrera hatte sie einfach zurückgelassen.
Was sollte sie nur tun, jetzt, da sie alleine war?
Sie wusste es nicht.
Verzweiflung vertrieb ihre innere Furcht und ließ sie ihre Vorsicht für einen Moment vergessen. Sie musste von Commenor verschwinden und das sofort.
Jyn überlegte fieberhaft und kam schließlich zu dem Ergebnis, dass sie sich wohl oder übel einer zwielichtigen Crew anschließen musste, um unbemerkt von hier wegzukommen.
Aber das wäre ihre einzige Möglichkeit, denn nun hatte sie niemanden mehr, der ihr sagte, was sie tun sollte.
Vielleicht war das auch gut so.

Anmerkung: Der Streit zwischen Jyn und Saw bei ihrer ersten Begegnung nach langer Zeit auf Jedha hat auch wieder eine so spannende Andeutung parat, dass ich nicht an mich halten konnte und sie verarbeiten musste. Was meint ihr? :)
Wer gerade noch mehr Lust auf die Szene in Jedha hat, der kann gerne beim OS Atychiphobie vorbeischauen, da geht es allerdings um Cassians ersten Aufenthalt hinter Gittern.
LG, Erzaehlerstimme
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