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Willkommener Neuanfang

GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P12 Slash
Dr. John Watson Sherlock Holmes
28.01.2017
20.03.2018
12
39.414
20
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Dieses Kapitel
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20.02.2017 1.730
 
Ein Kaffee steht vor ihm auf dem niedrigen Tisch und dampft zu ihm hoch. In den letzten Wochen haben sie langsam aber sicher den Platz am Fenster gegen die Sitzgruppe getauscht. Die sogar ziemlich bequem ist, anders als dieses Designerstück aussieht. Es hat sich eingebürgert, dass schon eine Tasse Kaffee oder Tee auf dem Tisch steht, wenn er ankommt und Sherlock einen vertrauteren Tonfall anschlägt. Es ist irgendwie eigentümlich, denn egal, in welcher Stimmung er gerade ist, es steht immer das passende Heißgetränk vor ihm. Beinahe kommt es ihm vor, als würden die Verkehrkameras ihn verfolgen, aber das Gerede über Mycroft Holmes’ Verbindung zum Geheimdienst ist doch sicher nur Geschwätz?

»Sie sollten sich vielleicht weniger den Kopf über ihren Kaffee zerbrechen als langsam zu erzählen«, meint Sherlock mit einem leichten Lachen in der Stimme. Wenn John möchte, könnte er hier Stunden sitzen und über Kaffee sinnieren, doch das ist nicht Sinn der Sache. Er hat das schon oft erlebt, dass wenn man etwas nicht erzählen möchte, die einfachsten Dinge fesseln können. Abgesehen davon, dass er nicht gerade billig ist und die Krankenkasse nicht vollständig für seine Dienste aufkommt. »Sie sollten doch mittlerweile wissen, dass ich nicht beiße und nur möchte, dass Sie ehrlich zu mir sind«, setzt Sherlock in einem Spaß nach und versucht damit John die Angst zu nehmen. Zwar weiß er nicht, wovor John Watson Angst hat, oder was ihn bedrückt, aber die Anzeichen sind da eindeutig.

»Ich bin mir nicht sicher, ob ich Fort- oder Rückschritte mache. Ich meine, ich habe alle ihre Anweisungen und Tipps befolgt aber…«, versucht John zu erklären, was er meint. Er glaubt, auf einem guten Weg zu sein, aber ist das wirklich so? Zerstört er den einen Schritt nach vorne nicht mit einem anderen nach hinten? Früher ist er nicht so von Selbstzweifeln geplagt gewesen, da hat er auch einfach mal Ruhe geben können und war mit sich im Reinen. Dass es jetzt nicht mehr so ist, stört ihn mit am Meisten. Die Welt ist voller Kritiker, da muss er doch selbstsicher sein, dass erwartet man doch von einem gestandenen Mann und Soldaten.

»Beginnen Sie vorne John. Es hetzt Sie niemand, Sie stehen noch am Anfang Ihrer Therapie. Jeder Rückschritt kann auch ein Fortschritt sein, wenn Sie ihn denn schon als Rückschritt erkennen. Kommen Sie denn mittlerweile mehr aus ihrer Wohnung raus? Haben Sie versucht, worum ich Sie vor drei Wochen bat?«, fragt Sherlock sanft, während er sich im Polster zurücklehnt.

Wieder einmal fällt John auf, dass Sherlock sich keinerlei Notizen macht; im Gegensatz zu Elena. Allerdings sollte John wohl besser auch aufhören die beiden zu vergleichen, das ist beiden gegenüber nicht fair. Elena ist eine sehr gute Therapeutin, aber für ihn nun einmal komplett die falsche. Sherlock ist da besser für ihn, er schiebt ihn manchmal an, wenn er zu lange braucht, aber er hetzt ihn dabei auch nicht.

»Ich schaffe es noch nicht, einfach spazieren zu gehen. Zumindest nicht in den großen Parks. Überall schreiende Kinder, telefonierende Anzugträger und dazwischen Radfahrer die kein Links-vor-Rechts kennen. Die tauchen einfach aus dem Nichts auf und fahren einen beinahe um.« Zum Schluss hin ist seine Stimme immer lauter geworden, er kann sich auch jetzt noch fürchterlich über diese fahrenden Attentäter aufregen. Natürlich, während seines Studium hat er selbst dazugehört und ist teilweise noch schlimmer gefahren, aber dass kann er gerade wunderbar ausblenden.

Sherlock Blick streift kurz Johns und versucht ihm ohne Worte klar zu machen, dass er, John, sich auf das wesentliche zurückbesinnen soll. Das ist auch eine der Leeren der letzten Stunden. Was will ich wirklich? Was brauche ich wirklich? Wie kann ich das – eventuell wieder – erreichen? Wie kann ich den ganzen Rest loswerden? Geistige Entrümpelung nannte Sherlock das Ganze flapsig.

»Kleine Parks gehen, mal eine Straße weiter laufen als üblich, ist auch in Ordnung und ich gehe mittlerweile fünf Straßen weiter als sonst in den Tesco. Da kennen mich die Mitarbeiter noch nicht und lassen mich einfach langsam machen. Da versucht keiner mir möglichst viel Arbeit abzunehmen und den Einkauf besonders leicht zu gestalten. Letzten Montag war ich sogar einmal um 19 Uhr da, um mir noch etwas Marmelade zu kaufen. Der ganze Laden war voll, aber ich habe es dennoch durchgestanden dort einzukaufen, wenn es auch schwer war.«

Ja, John fällt es nicht leicht, seine Schwächen zuzugeben, aber er weiß, dass es nur so funktionieren wird. Sherlock hat ihm ja schon bei seiner ersten Sitzung klar gemacht, dass er Ehrlichkeit erwartet und diese auch einer der wichtigsten Schlüssel zu einem neuen Anfang ist. Außerdem erwartet John von jedem Anderen auch hundertprozentig ehrliche Antworten, von daher…

»Das ist gut John. Es ist ein Anfang und genau den brauchen Sie erst einmal. Sie können nicht davon ausgehen, dass Sie in einer Woche schon austherapiert sind. Sie sind auf einem guten Weg. Aber, auch wenn Sie das nicht hören wollen, es wird nicht immer so gut für Sie laufen. Es gibt da noch Ihre alkoholkranke Schwester, die Tatsache, dass sie Ihren Job von zuhause erledigen können, das psychosomatische Hinken, die zitternden Hände. Da gibt es noch einiges, was uns zurückwerfen könnte!«

»Bitte?«, fragt John fassungslos und muss sich bemühen erst den Kaffee zu schlucken, bevor er die Frage stellt. Er ist knapp davor den heißen Kaffee einfach über das Tischchen vor ihm zu spucken vor Schreck. Manchmal ist Sherlock ihm wirklich unheimlich – spricht es eigentlich für John, dass er ihn gerade deswegen so interessant findet? Spricht es überhaupt für John, dass er seinen Psychiater interessant findet? Er weiß es nicht, aber es ist derzeit auch nicht wichtig.

»Woher wissen Sie das von meinem Job? Das habe ich Ihnen doch noch gar nicht erzählt? Und meine Schwester, ich sagte nie, dass sie trinkt. Und warum halten Sie mein Hinken für psychosomatisch?«, fragt John beinahe ohne Punkt und Komma. Sherlock hat ihn eindeutig auf dem falschen Fuß erwischt.

Interessiert lehnt sich John Watson in dem Sofa nach vorne, stützt sich auf die Knie und wartet ab, was Sherlock analysiert hat. Wobei, wenn er sich recht erinnert, nennt Sherlock diese Technik Deduktion, zumindest hat dieser einmal nebenbei etwas darüber erwähnt. Sherlock hat damals eigentlich mit Mary, der Arzthelferin, gesprochen und erwähnt, dass er irgendwas an irgendwem deduziert hatte. So richtig hat John es nicht verstanden, dass er es gehört hat lag auch nur daran, dass er seine Ohren prinzipiell da hat, wo sie nicht sein sollten.

»Das war nicht sonderlich schwer John. Ich habe eine Bekannte in der Führungsriege bei Medical-Docs(dot)com. Dr. Hooper erzählte mir, dass sie einen ehemaligen Militärarzt für die Online-Beratung eingestellt haben und Sie sitzen hier schon die ganze Zeit und berichten über einen eventuellen Rückschritt. Das war sehr einfach zu kombinieren. Im Übrigen halte ich das nicht für einen Rückschritt, da Sie nun erstens Geld verdienen und wieder arbeiten, zweitens endlich wieder als Arzt praktizieren und sich drittens dennoch nicht mehr in ihrer Wohnung einschließen. Sehen sie? Sie haben es mir erzählt John, mit jeder einzelnen Silbe, jedem Vorbeugen und jedem Stirnrunzeln.

Das Telefon sagt mir alles, was ich über Ihre Schwester wissen muss. Letzten Donnerstag ließen Sie es hier liegen. Ich nahm mir die Freiheit, es mir einmal anzusehen. Auf der Rückseite sind drei X und der Name Clara eingraviert. Drei X, eine romantische Beziehung, der Preis des Handys, eine tiefe romantische Beziehung. Verlobte? Unwahrscheinlich. Ehefrau? Höchstwahrscheinlich. In Ihrer Akte steht aber, dass Sie ledig und unverheiratet sind, außerdem würden Sie ein Handy, das Ihnen ihre Frau geschenkt hat, niemals zusammen mit den Schlüsseln in die Hosentasche stecken. Also wurde es Ihnen geschenkt. Sie haben aber nicht mehr viel Familie, wer würde nach Afghanistan noch mit Ihnen Kontakt halten wollen, Sie aber nicht beherbergen? Ihre Schwester. Der Alkoholismus war ein Schuss ins Blaue, aber ein guter. Die kleinen Kratzer an der Ladebuchse. Wenn sie abends das Handy anschließen wollte, haben ihre Hände zu sehr gezittert, sodass sie mehrere Anläufe brauchte.

Aber das psychosomatische Hinken, war das einfachste an der ganze Sache. Sie wurden in die Schulter geschossen, warum hinken Sie?«

All das erklärt Sherlock Holmes in einer Geschwindigkeit, dass John Watson schwindlig wird. Er braucht einen Moment um alle Informationen zu filtern, zu verarbeiten und dann wiederum seine Schlüsse draus zu ziehen. Langsam lehnt er sich wieder zurück und grinst Sherlock dann an.

»Das war… fantastisch!« Noch nie in seinem Leben, hat John so etwas erlebt und es stimmt wirklich alles. Die Aussagen über Dr. Sherlock Holmes scheinen vollkommen zu stimmen. Dieser Mann ist außergewöhnlich, einer der besten Ärzte, die man in London und Umgebung finden kann. Gut, das wusste John schon seit dem Kennenlerngespräch letzten Monat, schon da hat der Arzt so einen tiefen Eindruck hinterlassen, dass John sicher war, wiederzukommen und seine Therapie bei diesem Arzt fortzuführen.

»Sie wissen schon, dass Sie das laut sagen?«, fragt Sherlock vorsichtig nach. Das ist eine neue Reaktion.

»Was sagen die Leute denn sonst?«, während er das sagt, blickt John verständnislos drein. Was ist daran nicht faszinierend? Alleine so einen Verstand zu haben, meine Güte, wie muss es in dem Kopf erst aussehen?

»Verpiss dich!«, erklärt Sherlock lapidar. Was ist das heute eigentlich für eine seltsame Therapiestunde mit Dr. John Watson? Irgendwie ist alles anders als sonst. Nun ja, das ist eigentlich auch egal. Solange es seinem Patienten hilft und den Rahmen nicht sprengt, ist alles in Ordnung. Sherlock Holmes wundert sich nur, aber auch das nicht lange, denn irgendwie macht das alles auch Sinn, dass John so reagiert.

Einerseits ist John Watson überrascht, dass man so auf Sherlocks Deduktionen reagieren kann, andererseits kann er es auch wieder verstehen. Wenn Sherlock jeden so mit seinen Erkenntnissen konfrontiert? Das kann Ärger geben. Alleine schon all die Geheimnisse die man haben konnte und die dann in einer Sekunde erkannt und ausgeplaudert wurden.

Als John sich an diesem Tag wenig später nach der Sitzung bei der Arzthelferin einen Termin holt, tritt Sherlock noch einmal auf ihn zu:

»Ich weiß, es gefällt ihnen nicht, aber wir wissen beide, was nun ansteht. Sie müssen die Liste, die wir gemeinsam erstellt haben, weiterhin abarbeiten. Natürlich, Sie hatten nun einige Erfolge, aber wir dürfen uns nicht nur um die Gegenwart kümmern und dabei die Vergangenheit außen vor lassen. Ich habe mit Dr. Hooper gesprochen, Sie haben am 18. und 19. März von ihr freibekommen. In ihrer Jackentasche steckt ein Zugticket, nutzen sie es bitte und fahren nach…«

TBC


[20.02.2017 // 1721 Worte]
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