.~`Lebe deinen Traum´~.

von - Leela -
KurzgeschichteAllgemein / P12
Eddie Jake
26.01.2017
26.01.2017
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.~`Lebe deinen Traum´~.

Aufgeregt platzte Jake bei Eddy in’s Zimmer, der es sich gerade auf seinem Bett gemütlich gemacht hatte. Es war jetzt knapp eine Woche her, daß die Jungs zu ihren Vätern nach New York in das Ghostkommando gezogen waren, um ihre Ausbildung zu beginnen. Der große, schlanke Junge hatte sich mittlerweile fertig eingerichtet und sah sich neugierig im Zimmer seines besten Freundes um.
      Bei Eddy standen noch immer unausgepackte Kartons auf dem Boden, und hier und da lag sein Hab und Gut kreuz und quer im Raum verteilt, als hätte er irgendwann die Lust verloren, alles ordentlich einzusortieren. Der Brünette hatte sich in ein Buch vertieft und unterdrückte ein Seufzen. Das Augenrollen sah sein euphorischer Freund hinter dem Buch zumindest nicht, als er in der Tür stand.
      „Ist es nicht aufregend?“ proklamierte Jake aufgedreht. „Wir werden Ghostbuster!“
      „Das ist auch nur ein Job wie jeder andere auch.“ meinte Eddy und blätterte ungerührt die Seite um.
      Diesmal war es Jake, der die Augen verdrehte und unverhohlen aufstöhnte. Er stieß mit einem Fuß eine Kiste an. „Hast du gar keine Lust, dein Zimmer einzurichten?“
      „Das wichtigste ist eingerichtet!“ Der Mollige merkte, daß es keinen Sinn mehr machte, versuchen zu wollen zu lesen, legte das Lesezeichen zwischen die Seiten und das Buch beiseite auf den Nachtschrank.
      Jake ließ den Blick durch das Zimmer schweifen. Das Bücherregal war vollständig eingerichtet. Alle Kuscheltiere hatten ihren Platz auf dem Schrank gefunden, die CDs standen ordentlich aufgereiht, und beim Schreibtisch hing die Pinnwand bereits an ihrem Platz. Das war’s. Sah man davon ab, daß das Bett schon fertig eingerichtet war, mit der nostalgischen Fliegerbettwäsche und den Tierzierkissen. Er schüttelte mit einem leicht hilflosen Schmunzeln den Kopf. Wie sein Kumpel es in diesem Chaos aushielt, war ihm rätselhaft.
      Langsam ging er die Bücherreihen entlang. Es war nicht verwunderlich, daß Eddy hier keine Kompromisse gemacht hatte. Er las für sein Leben gerne, seine Bücher waren sein Ein und Alles. Er konnte sich ein neuerliches Seufzen nicht verkneifen, als er feststellte, daß die CDs sogar feinsäuberlich alphabetisch aufsortiert waren – man merkte deutlich, daß sein Freund bei seinen Prioritäten auch keine Kompromisse machte.
      Sein Blick blieb auf der Pinnwand haften. „Hey…“ Er ging näher und betrachtete das Bild eines jungen Mädchens, das bald liebevoll zwischen einer Postkarte von Eddys Dad und einer alten Kinokarte von einem von Eddys Lieblingsfilmen aufgehängt war. Er drehte sich mit überrascht-strahlendem Lächeln zu seinem Freund um. „Du hast eine Freundin?“
      Eddy setzte sich auf und sah zu ihm herüber. „Das ist Bessie Coleman! Sie war die erste Afroamerikanerin, die einen Pilotenschein hatte, und die erste Frau mit dem internationalen Pilotenschein.“
      „War…?“ erkundigte sich Jake vorsichtig.
      Sein Freund machte eine erstaunte Geste. „Das ist schon einige Zeit her! Was hast du denn erwartet?“
      Der Blonde spürte, wie er errötete. Er hatte sich nie so mit Fliegerei beschäftigt wie sein Kumpel – im nachhinein kam ihm seine Frage aber auch etwas dämlich vor, wenn er näher darüber nachdachte.
      „Das Bild habe ich mir aus einem alten Buch kopiert.“ erklärte Eddy. Versonnen fügte er an: „Sie war wirklich toll…“
      Zu Jakes Überraschung war sein bester Freund plötzlich verlegen und sah verträumt in die Leere. Sein eigener Blick kehrte sich ebenfalls mit einem Lächeln in’s Innere. „Das muß aufregend gewesen sein! Sie muß in ihrem Leben viel zu erzählen gehabt haben.“
      „Sie ist gerade mal 34 Jahre alt geworden.“ warf Eddy nüchtern ein.
      Jake hielt geschockt inne. Die Information kam so unvorbereitet, daß er nicht wußte, was er sagen sollte.
      Der Blick seines Kameraden war unergründlich, als er vor sich auf den Boden sah.
      „Was ist denn passiert?“ hörte der blonde Junge sich sagen.
      In Eddys Haltung zeichnete sich plötzlich so etwas wie Aufregung ab, als sein Freund so offen nachfragte. „Interessiert dich das wirklich?“
      „Ja, natürlich! Du meine Güte, 34! Das ist ja kein Alter! Ich hätte gedacht, sie hat noch als alte Frau allen von ihren Flugabenteuern erzählt!“
      Eddy verzog etwas mißmutig den Mund. „Was meinst du, wie sie um’s Leben gekommen ist? Durch einen Flugzeugabsturz!“
      Jake schwieg betroffen.
      „Das war am 30. April 1926 in Jacksonville, Florida.“ erzählte Eddy weiter. „Dort war eine Flugschau, an der sie mit einem neuen Flugzeug, das sie sich im Frühjahr in Dallas gekauft hatte, teilnehmen wollte.“
      Jake versuchte gerade, etwas im Kopf nachzurechnen. „Wenn sie im April 1926 gestorben ist, und 34 Jahre alt geworden ist… Dann muß sie Jahrgang 1892, oder 1891 gewesen sein. Richtig?“
      „Hey, du kannst ja Kopfrechnen!“ erwiderte Eddy erstaunt. „Ganz genau war ihr Geburtstag am 26. Januar 1892, in Atlanta, Texas.“
      „Und diese Flugschau wurde ihr zum Verhängnis!“ schlußfolgerte Jake.
      „Gewissermaßen.“ bestätigte Eddy. „Obwohl ihre Freunde und Familie das Flugzeug nicht für sicher hielten und ihr davon abgeraten haben, hat sie sich zusammen mit ihrem Mechaniker und PR-Agenten William Wills auf die Show vorbereitet. Naja, nach ungefähr einer Viertelstunde geriet das Flugzeug in‘s Trudeln und stürzte ab. Wills, der geflogen ist, konnte es nicht mehr abfangen.“
      Jake hörte in Horror zu. Man konnte dem jungen Mann ansehen, daß die Szene gerade bildlich vor seinem inneren Auge ablief.
      Eddy sprach apathisch weiter, als würde er von einem nahem Familienangehörigen reden: „Sie war nicht einmal angeschnallt. Sie wollte am Tag darauf einen Fallschirmsprung machen, und dafür die Umgebung untersuchen. Das hätte aber wohl auch keinen Unterschied gemacht. Sie wurde in einer Höhe von vielleicht 600 Metern aus dem Cockpit geschleudert und starb beim Sturz auf den Boden. Das Flugzeug ging nach dem Aufprall in Flammen auf, dabei ist dann Wills auch um’s Leben gekommen.“
      „Das ist ja schrecklich…“ Jakes Stimme war tonlos. „Hat man herausgefunden, woran es gelegen hat?“
      „Nach den Ermittlungen, die bei dem Wrack durchgeführt wurden, ist der Unfall wahrscheinlich durch einen Schraubenschlüssel verursacht worden, der in der Steuerungsmechanik eingeklemmt war.“ Eddy seufzte tief.
      Ein Moment der Stille entstand in dem kleinen, unfertig eingerichteten Zimmer. Für Jake verstärkte sich durch das ungemütliche Durcheinander, das wie ein Aufbruch wirkte, das beklemmende Gefühl noch mehr. „Aber immerhin hat sie etwas erreicht!“ stellte der sportliche junge Mann forscher als beabsichtigt fest. „Ich meine, hey, die erste Frau mit einem internationalen Pilotenschein, das ist doch was! Bestimmt war das eine romantische Zeit, mit so einem altmodischen Flugzeug über den Himmel zu gleiten…“ Er machte eine dynamische Handbewegung, mit der er einen Flugzeugstart simulierte.
      Eddy schmunzelte. „So romantisch wie du dir das gerade ausmalst, war es aber auch nicht. Als Frau, und dann noch als Farbige, hatte sie es nicht leicht, überhaupt ihren Traum verwirklichen zu können.“
      Jake stand einen Augenblick still. Dann nahm er das Bild von der Pinnwand und setzte sich damit zu Eddy auf die beige Retro-Bettwäsche mit den braunen, nostalgischen Flugzeugen. „Das habe ich gar nicht bedacht…“
      „Das habe ich gemerkt.“ Eddy lächelte. „Obwohl sie ganz gute Grundvoraussetzungen hatte. Ihre Kindheit ist eigentlich recht harmonisch verlaufen. Naja, sie hatte zwölf Geschwister, drei waren jünger als sie, und sie hatte die Aufgabe, ihrer Mutter im Haus und bei der Gartenarbeit zu helfen und mit auf ihre jüngeren Geschwister aufzupassen, während ihre älteren Geschwister Aufgaben bei der Feldarbeit übernahmen.“
      „Naja, hätte schlimmer kommen können, oder?“ Jake konnte sich ein verlegenes Lächeln nicht verkneifen.
      „Deswegen sage ich ja, sie hatte eine unbeschwerte Kindheit. Sie konnte ab sechs Jahren eine Schule besuchen. Die bestand aus einem Raum und war nur für schwarze Kinder. Ihre Eltern konnten ihr oft nicht das notwendige Schulmaterial kaufen, aber sie war eine sehr gute Schülerin. Sie hat gerne gelesen und war gut in Mathe.“
      „Hm, da hat sie uns etwas voraus, oder…?“ lachte Jake.
      „Mathe vielleicht!“ grinste Eddy. „Obwohl du ja bewiesen hast, daß du Kopfrechnen kannst.“
      „Dafür lesen, zumindest bei mir. Okay, da hättet ihr euch dann gut verstanden.“
      Eddy nickte verheißungsvoll. „Sie hat sich sogar von ihren eigenen Ersparnissen an der Langston-Universität eingeschrieben. Nach einem Semester mußte sie ihr Studium aber abbrechen, weil das Geld nicht mehr gereicht hat.“
      Mit jedem Stück, das Eddy erzählte, wurde Jake ruhiger. „Aber… Das ist doch total unfair!“
      Eddy machte eine lapidare Geste. „Was willst du denn dagegen machen? Die Zeiten waren früher so! Zum Teil ist das Leben heute noch unfair!“
      Jake schluckte. „Und wie ist sie zur Fliegerei gekommen?“
      „Eigentlich recht simpel: Als sie 1915 bei zweien ihrer Brüder in Chicago lebte, hat sie erst mal in einem Supermarkt und einem Frisiersalon gearbeitet. Und da hat sie Geschichten von Piloten gehört, die aus dem Weltkrieg zurückgekehrt sind, und sich vorgestellt, selbst Pilotin zu sein. Und da haben wir es schon: Sie war fest entschlossen, Pilotin zu werden, aber da sie eine Frau und eine Schwarze war, wurde sie von keiner Flugschule angenommen!“
      „Aber irgendwie muß sie es ja geschafft haben!“ beharrte Jake.
      „Ja, sie bekam zum Beispiel Unterstützung durch einflußreiche Mitglieder der schwarzen Gemeinde, die sie bei ihrer Arbeit im Frisiersalon kennengelernt hatte. Robert S. Abbott war der Gründer und Herausgeber der bedeutendsten Wochenzeitung der Afroamerikaner in Chicago, dem »Chicago Defender«, und sowohl er als auch ein Immobilienhändler namens Jesse Binga unterstützten sie finanziell.“
      „Einfach so?“ entfuhr es Jake entgeistert.
      Eddy rollte die Augen. „Laß mich doch mal weitererzählen! Natürlich nicht »einfach so«! Im Gegenzug setzte sie sich als Werbeträgerin für den Chicago Defender ein. Naja, sie brachte dafür auch die richtige lebhafte Persönlichkeit mit und…“ Eddy errötete.
      „Und eine wahre Schönheit ist sie auch!“ beendete Jake lachend den Satz. „Das macht sich gut in der Werbung.“
      Eddy nickte. „Deswegen hatte sie trotzdem damit zu kämpfen, daß sie mit ihrem Berufswunsch immer wieder auf Ablehnung stieß. Das hat Abbott auch immer wieder in der Zeitung thematisiert.“
      „Das hat sie aber nicht daran gehindert, ihr Ziel zu verfolgen!“ Anerkennend sah Jake auf das Foto in seinen Händen, von dem er wußte, daß es eine große Ehre war, daß er es überhaupt in Händen halten durfte. Wenn Eddy mit Leib und Seele bei einer Sache war, dann wurde er auch sehr eigen, und der Blonde wußte, nicht jeder hätte einfach so das Bild von der Pinnwand nehmen dürfen. „Das ist bewundernswert.“
      Der Brünette nickte erneut bestätigend. „Sie hat Französisch-Kurse genommen, um in Frankreich ihre Pilotenausbildung zu absolvieren. Das war 1920. Am 20. November ist sie nach Frankreich gegangen, das kann ich mir gut merken: Der 20. 11. 1920!“
      Jake lachte herzlich. „Ich bin sowieso gerade beeindruckt, was du alles weißt! – Und da hat sie also die Ausbildung durchgezogen!“
      „Ja, und weißt du, was das beste ist?“ erzählte Eddy euphorisch. „Sie hat dort als einzige nicht-weiße Schülerin das Fliegen innerhalb eines Jahres gelernt! Im September 1921 ist sie bereits in die USA zurückgekehrt!“
      „Und war dann wahrscheinlich eine Attraktion!“ schmunzelte Jake.
      „Ha, darauf kannst du wetten! Da hat sie die ganze Anerkennung und Bewunderung bekommen, sowohl von Schwarzen als auch von Weißen, wurde zu diversen Veranstaltungen eingeladen und war richtig gefragt als Interviewpartnerin für Zeitungen und Magazine! Dann plötzlich kommen sie alle an!“
      Jake grinste. „Aber ab da wurde es ein bißchen romantisch, oder?“
      Eddy lächelte in einer Weise, die Jake Angst machte. „In gewisser Hinsicht sicher, wenn man eine Reihe von Unfällen außer Acht läßt! In Los Angeles zum Beispiel versagte ihr Flugzeug und stürzte ab. Sie brach sich dabei ein Bein und drei Rippen. Das ist dann weniger romantisch. Das war am 22. Februar 1922.“
      Jake sah ihn entgeistert an. „Das kannst du dir gut merken, wegen dem 22. 02. 1922! Richtig?“
      Eddy errötete. „Was kann ich denn dafür, wenn alle wichtigen Daten in ihrem Leben so supereinfach zu merken sind? Vielleicht hat es ja etwas mit einer kosmischen Bestimmung zu tun!“
      Jakes Blick sagte gerade, daß er das für ziemlich romantisches Wunschdenken hielt, hütete sich aber, etwas dazu zu sagen.
      Eddy fand derweil zum Thema zurück. „Jedenfalls hat sie an Vorführungen und Flugshows in den ganzen USA teilgenommen. Und sie sollte sogar an einer Verfilmung ihres Lebens mitwirken. Sie wollte das sogar machen, brach dann aber ab, weil ihr die Darstellung der Schwarzen in dem Drehbuch zu klischeehaft war. Dafür hatte sie vor, die erste Flugschule der USA zu eröffnen, in der auch Afroamerikaner das Fliegen lernen konnten. Zu den bestehenden Schulen hatten die nämlich noch immer keinen Zugang.“
      Jakes Blick ruhte gedankenvoll auf dem Bild der jungen Frau. „Eine bewundernswerte Frau. Sie kämpft wirklich für alles, was ihr wichtig ist.“
      Eddy lächelte auf eine bald schon stolze Weise. Dann fiel ihm etwas ein. „Es gibt ein Jazzstück, das ihr gewidmet ist, von Johnny Hodges: »Good Queen Bess«!“ Er stand auf und durchsuchte seine CDs. „»Queen Bess« oder »Brave Bessie« waren ihre Spitznamen. Das hier ist von 1940…“ Gedankenvoll legte er die CD, die er gerade gefunden hatte, ein und spielte das Stück an.
      Jake hatte gar nicht gemerkt, wie er versonnen die Hände um das Bild von Bessie aneinandergelegt hatte. Die sanfte Jazzmusik untermalte alles mit einer noch nostalgischeren Atmosphäre, fast so, als würden sie eine Zeitreise machen.
      „Sie hat einiges an Ehrungen erhalten!“ erzählte Eddy weiter, als er sich zu Jake zurück auf das Bett setzte. „Was ich zum Beispiel eine sehr schöne Tradition finde: 1931 flog zum ersten Mal eine Gruppe schwarzer Piloten zu ihren Ehren über ihr Grab. Die Tradition wurde später alljährlich wiederholt. Außerdem gibt es eine Briefmarke mit ihrem Porträt, jetzt bitte nicht lachen, das war 1955, und 1977 wurde der »Bessie Coleman Aviators Club schwarzer Piloten« gegründet.“
      „Aber jetzt darf ich lachen, oder?“ Jake konnte kaum noch an sich halten. „Mit den Jahreszahlen hat sie es dir ganz schön einfach gemacht, sogar posthum!“
      „Okay, dann habe ich hier einen Gegenbeweis für dich!“ Der Brünette versuchte, ein Schmollen zu vermeiden, als er erklärte: „2006 wurde sie in die »National Aviation Hall of Fame« aufgenommen!“
      Jake lachte noch immer. „Na gut, du bist rehabilitiert!“ Als er sich wieder beruhigte, fragte er weiter: „Und was gibt es sonst noch für Ehrungen? Weißt du noch mehr?“
      Eddy nickte. „Es gibt einen Bessie Coleman Drive in Chicago, und jetzt rate, was genau daran liegt!“
      „Hm, ein Flughafen?“ mutmaßte Jake.
      „Der internationale Terminal des O’Hare International Airport!“ bestätigte Eddy präziser. „Und sogar in Deutschland ist eine Straße nach ihr benannt im Konversionsgebiet Gateway Gardens, nahe dem Flughafen Frankfurt am Main.“
      „Wow!“ Langsam fühlte Jake sich etwas überfordert. „Du hast dich wirklich mit ihr beschäftigt!“ stellte er anerkennend fest.
      Eddy schmunzelte. „Ja, aber eigentlich mehr zufällig. Als Kind habe ich mal bei Dad in einer Truhe ein Foto von ihm in einem richtigen Fliegeroutfit gefunden. Seitdem interessiert mich die Geschichte der Fliegerei. – Okay, Dad sagt, die Fliegerkluft hat er nur einmal bei einem Auftrag gebraucht, aber trotzdem – das sah so cool aus! Naja, jedenfalls habe ich mir mal ein Buch über Fliegerei aus der Bücherei ausgeliehen, und da war ein ganzes Kapitel über Brave Bessie drin. Sie hat mich von Anfang an nicht mehr losgelassen. Das Bild habe ich mir aus dem Buch rauskopiert, und seitdem hängt es bei mir an der Pinnwand. Das ist eine richtige Motivationsstütze; immer wenn ich fix und fertig, gestreßt, wütend oder niedergeschlagen bin, schaue ich drauf, und es geht mir gut.“
      Jake staunte. „Und diese ganzen Infos konntest du dir so merken?“
      „Es interessiert mich eben! Da kann ich mir Sachen leicht merken.“ Er biß sich leicht auf die Unterlippe. „Sie hat es mir schon irgendwie angetan. Ganz unabhängig von dem Foto von meinem Dad. Vielleicht war es nichts anderes als Zufall, aber sie ist schon ein bißchen so etwas wie ein Vorbild für mich, auch wenn ich wohl nie fliegen werde, mit meiner Höhenangst.“
      „Aber sie hat so etwas wie einen Traum für dich verwirklicht, weil du durch das Foto von deinem Dad auf die Fliegerei angesprungen bist.“ stellte Jake fest.
      „Es ist mehr als das!“ erklärte der Brünette seelenvoll. „Irgendwie ist es umgekehrt; es ist nicht so, daß ich mich wegen meinem Dad für sie begeistere, – durch meinen Dad bin ich auf sie aufmerksam geworden. Sie hat mich von Anfang an fasziniert, aber ohne das Foto hätte ich ja gar nicht danach recherchiert! Ich bewundere sie wirklich, weil sie für mich eine wahre Heldin ist, nicht weil sie, wie mein Dad, eine Fliegerkluft getragen hat.“
      Jakes Blick sagte, daß er die Botschaft verstanden hatte. „Und hübsch ist sie auch.“ stellte er fest.
      Die beiden Jungs schwiegen für eine Minute fast andächtig.
      „Ich bin mir ziemlich sicher, daß du eines Tages auch mal in so einem coolen Pilotenoutfit fliegen wirst!“ meinte Jake schließlich und stand auf.
      Eddys Blick ruhte skeptisch auf ihm, während er das Bild wieder an die Pinnwand heftete. Er sparte sich aber jeden Kommentar. Sein Kumpel wußte so gut wie er selbst, daß es nie so kommen würde. Die zuversichtlichen, aufmunternden Worte seines besten Freundes taten jedoch gut.
      Der große Blonde ließ den Blick weiter durch den Raum schweifen, bis er wieder bei den unausgepackten Kartons haften blieb. „Willst du wirklich nicht langsam mal die Kisten auspacken? Ich helfe dir auch dabei!“
      Eddy überlegte kurz. Dann lächelte er und schob sich vom Bett. Während die beiden Jungs gemeinsam die Kartons sichteten und auspackten, lächelte Queen Bess von der Pinnwand zu ihnen herunter, während auf Eddys Bettwäsche die Retroflugzeuge einer unergründlichen Bestimmung entgegenflogen.

IN MEMORIAM
Bessie Coleman
* 26. Januar 1892
† 30. April 1926

Happy Birthday,
Bessie!





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Bezüge zu Live Action-Episode »Only Ghosts Have Wings«,
Referenzen zu Bessie Coleman: Wikipedia
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