Karins Vergangenheit

von Lady0409
GeschichteDrama, Familie / P12
Dr. Karin Thaler Dr. Michael Lüdwitz
26.01.2017
21.05.2020
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01.02.2017 1.267
 


Kapitel 2:
„Wir hören auf"


Im Hubschrauber kam es zur gleichen Zeit zu einer Verschlechterung des Zustandes bei dem Patienten, der mittlerweile intubiert und narkotisiert auf der Trage vor Karin lag.
Aufmerksam beobachtete die Notärztin jede Veränderung am EKG-Gerät, an das der Patient angeschlossen war. Und so konnte Karin auch erkennen, dass plötzlich der Beatmungsdruck in die Höhe schnellte.

„Ralf. Der Beatmungsdruck steigt… Die Rippenfrakturen haben doch nicht etwa die Lunge perforiert?" Karin hörte die Lunge ihres Patienten mit dem Stethoskop ab, doch eine Verletzung der Lunge konnte sie im ersten Moment ausschließen.
„Die Lunge ist frei. … Ralf, hat der Patient einen Allergiepass dabei? Die Lunge kollabiert zusehends.“, fiel Karin bei der Betrachtung der Anzeigen des Beatmungsgerätes auf und der Sanitäter durchsuchte die Jacke ihres Patienten.
„Nein, hier ist kein Allergiepass. Meinst du, er hat eine Allergie gegen das Schmerzmittel?“, vermutete Ralf, doch zu einer Antwort der Notärztin kam es nicht mehr.
„Ralf, er kippt uns weg… Defi, schnell.“, orderte Karin den Defibrillator. „Stell das Gerät auf 210. Und weg!“

Unter dem Defibrillierungsschock bäumte sich der Körper des Patienten auf, doch das EKG zeigte immer noch eine Nulllinie.

„Mist. Noch mal. 260! Und weg!“ Erneut bäumte sich der Patient auf, doch wieder schlug das EKG nicht auf die Behandlung an. „Ralf, 360! Und weg!“

„Nichts… Wenn er nicht langsam wieder kommt, dann müssen wir abbrechen…“, bestätigte Ralf, doch Karin gab den Patienten noch nicht auf.

„Wann wir hier aufgeben, das entscheide immer noch ich. Nochmal 360! Und weg!“
Auch dieser und die nächsten beiden Versuche von Karin, den Patienten mit Defibrillierungsschocks wieder ins Leben zurück zu holen, blieben erfolglos.

„Ralf, Adrenalin. Komm… Du kannst doch nicht einfach aufgeben. Deine Tochter braucht dich doch. Du kannst doch dein Kind nicht im Stich lassen. … So haben wir beide das doch nicht ausgemacht. Du musst dich noch um deine Tochter kümmern.“

„Karin… Wir sollten den Patienten aufgeben… Es hat keinen Zweck mehr; wir können ihn nicht mehr retten. Er ist tot.“, erklärte Ralf und schloss Karin, die auch langsam verstand, dass der Patient nicht mehr zu retten zu war, in den Arm.

„Biggi…“, wandte sich Ralf, der Karin fest an sich drückte, an die Pilotin und Biggi nickte. „Ja, ich gebe Bescheid. … Rettungsleitstelle, hier ist Medicopter 117… Bitte kommen…“
„Rettungsleitstelle hört, sprechen sie Medicopter 117.“, bestätigte die Leitstelle über Funk und Biggi sprach weiter: „Unser Patient ist soeben auf dem Transport vom Unfallort in die Klinik verstorben. Geben sie der Klinik bitte Bescheid…“
„Das ist verstanden, Medicopter 117. Die Unfallklinik Rosenheim bekommt Kenntnis…“, bestätigte die Leitstelle und Biggi nickte, bevor sie ein wenig Geschwindigkeit aus dem Flug nahm und nach hinten zu Karin blickte.

„Ich habe doch keinen Fehler gemacht. Biggi, Ralf. Ich habe keinen Fehler gemacht!“, seufzte Karin betrübt. „Ich habe ihm doch nur ein Schmerzmittel gegeben…“

„Er hat anscheinend auf das Schmerzmittel allergisch reagiert. Du konntest nicht wissen, dass ausgerechnet er auf das Schmerzmittel allergisch ist. Das war bei seiner schlechten Verfassung ein Tanz auf dem Seil. Vielleicht hat er nicht nur eine Schmerzmittelallergie, sondern auch innere Verletzungen. Du konntest den Patienten nicht retten… Wir müssen uns jetzt erst mal um die kleine Tochter des Patienten kümmern.“
„Um die kleine Tochter des Patienten… Ja, natürlich müssen wir uns jetzt um die Kleine kümmern. Wenn sie gefunden wird… Biggi, erkundige dich bitte bei der Leitstelle, ob das Mädchen schon gefunden wurde.“, bat Karin die Pilotin, während sie das Beatmungsgerät und das EKG mit einem tiefen Seufzer ausschaltete.

„Rettungsleitstelle für Medicopter 117, bitte kommen…“ „Rettungsleitstelle hört…“ „Eine Nachfrage: Wurde das Kind unseres Patienten bereits gefunden?“ „Negativ, Medicopter 117… Die Bergwacht sucht noch mit allen verfügbaren Kräften nach dem Kind…“, gab die Rettungsleitstelle als Antwort und Biggi beendete den Funkkontakt wieder.

„Das kann doch nicht sein, dass das Kind nicht gefunden wird… Schlafen die von der Bergwacht da unten?!“, fauchte Karin und sah aus dem Fenster. „Biggi, wenn wir den Patienten in der Klinik haben, dann suchen wir noch mal nach dem Kind!“
„Geht nicht… Thomas muss das übernehmen. Ich hab Feierabend, sonst überziehe ich meine Maximalflugzeit um Stunden…“, erwiderte Biggi, schlug dann allerdings vor: „Aber wir können unsere Kollegen vom Boden aus unterstützen. … Hey, wir finden das Mädchen. Und wenn es das letzte ist, was ich im Medicopter-Dienst mache.“



„Oh… Unser Urlauber…“, begrüßte Peter seinen Chef Michael, der sich, nachdem der Patient in die Klinik geflogen wurde, auf der Basis eingefunden hatte. „Ich dachte, du kämst erst morgen wieder zum Dienst… Thomas, du hättest uns ja sagen können, dass Michael heute da ist…“

„Ich habe es doch auch nicht gewusst.“, wies der Pilot alle Schuld von sich und setzte sich, nachdem er seine lässige Alltagskleidung gegen seinen roten Dienstoverall getauscht hatte, neben seinen langjährigen Freund.

„Was hast du denn hier für ein Foto?“ „Das ist ein kleines Mädchen… von einem Patienten. Biggi, Karin und Ralf haben den Vater nach einem Unfall… in die Klinik geflogen; ich habe die Erstversorgung übernommen. Der Unfall ist genau vor mir passiert…“, erklärte Michael und legte das Foto des kleinen Mädchens weg.

„Die Kleine sieht aber der neuen Kollegin ziemlich ähnlich. Meinst du nicht auch?“, fragte Thomas verdutzt und sah sich das Foto genau an. „Hat die Kollegin ein Kind?“
„Nein. Das hätte sie uns doch bestimmt erzählt. Außerdem hätte sie dann den Vater bestimmt auch erkannt. Nein, sie hat kein Kind. … Aber die Kleine ist verschwunden. Die Bergrettung sucht schon mit allen verfügbaren Kräften nach dem Mädchen.“, wusste Michael genau und nahm dem Piloten das Foto wieder aus der Hand.

Draußen hörte man bereits das Landen des gelb-roten Hubschraubers und Michael sprang sofort auf und lief in Richtung der Kollegen.

„Und? Was ist mit dem Patienten?“, wollte der Notarzt sofort wissen, doch da sah er auch schon in die verweinten Augen von Karin. „Ist etwas passiert?“
„Der Patient… Der Patient hatte während des Transports einen enormen Kreislaufabfall; der Beatmungsdruck ist gestiegen. Einen Pneumothorax konnte ich ausschließen.“, erzählte Karin und Michael erkundigte sich: „Allergischer Schock?“
Karin nickte und lief, ohne weitere Kommentare, in die Basis zurück.

„Der Patient ist während des Transports verstorben. … Und die kleine Tochter wurde auch noch nicht gefunden… Ein scheiß Tag ist das.“, fluchte Ralf energisch und lief Karin hinterher.

„Thomas und die Kollegen sollten die Suche der Bergrettung unterstützen. Ich habe das Gefühl, die kommen irgendwie dort oben nicht weiter…“, schlug Biggi vor und winkte ihren Kollegen zum Hubschrauber hinzu.„Thomas… Ihr müsst die Bergrettung bei der Suche nach dem kleinen Mädchen unterstützen. Ich habe das Gefühl, ohne eure Hilfe wird das nichts…“, erklärte Biggi und Thomas nickte.

„Peter! Sag Marc Bescheid. Wir müssen sofort los. Einsatz! … Biggi, mach dir keine Sorgen, wir finden das Mädchen schon. Vor uns kann sich kein Kind verstecken. … Peter, bring´ Gonzo und seine Ausrüstung mit. Sucheinsatz!“

Nachdem Peter und Michaels Vertretung Dr. Marc Harland zusammen in den Hubschrauber gestiegen waren, hob BK „Baby“ auch schon ab.

„Was müssen wir denn eigentlich suchen?“, erkundigte sich Peter bei seinem Piloten. „Ist das kleine Mädchen auf dem Foto immer noch nicht wieder da?“

„Nein… Biggi hat uns gebeten, dass wir übernehmen. Ihre Flugzeit ist rum…“, antwortete Thomas und gab per Funk den Abflug des Medicopter 117 an den Tower durch, bevor er sich an die Rettungsleitstelle wandte: „Medicopter 117 an Rettungsleitstelle, bitte kommen…“ „Rettungsleitstelle hört…“ „Wir unterstützen die Suche nach der kleinen Tochter des Patienten unserer Kollegen aus der Luft…“ „Gut, Medicopter 117. Viel Erfolg bei der Suche…“

Thomas stellte am Navigationsgerät des Hubschraubers die letzten Koordinaten der Kollegen ein und flog zum letzten Einsatzort. „Dort irgendwo muss die Kleine doch sein… Wenn er das Kind überhaupt bei sich hatte…“
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