Allein

von mazut
OneshotSchmerz/Trost / P12
24.01.2017
24.01.2017
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Das Lagerfeuer knisterte in der kalten Stille der Nacht. Innerhalb des kleinen Lichtkreises, den es um sich warf, konnte man zwei zusammengekaurete Gestalten erkennen. Außerhalb des Kreises lauerten Schatten und undurchdringliche Dunkelheit.

Mercury saß neben dem Lagerfeuer und passte darauf auf, dass das Feuer nicht ausging. Und darauf, dass niemand sie unerwartet angriff. Er hatte die erste Wache übernommen, so wie immer. Wenn der Zerbrochene Mond im Zenit stehen würde, würde die Zeit für Emeralds Wache kommen. Ständig warf er einen Blick über die Schulter, um sich davon zu bestätigen, dass Emerald noch da war. Als er sich zum zichsten mal davon überzeugte wandte sein Gesicht dem Feuer zu.  Der Ausdruck, der darin lag war ungewöhnlich ernst und sorgenvoll.
Emerald lag etwa einen halben Meter von ihm entfernt auf einer dünnen Matte, die ihr als Schlafgelegenheit diente. Obwohl sie ihm den Rücken zugekehrt lag, wusste er, dass sie nicht schlief. In der langen Zeit wo sie zudritt mit Cinder gereist sind, hatte er genug Zeit sich einzuprägen, wie gleichmäßig ihre Atmung klang, wenn sie schlief. Sie würde vermutlich heute kein Auge zu kriegen. Er wusste, dass sie die gleichen Gedanken wie ihn bedrückten. Wie sollte es auch anders sein?

Sie haben heute Cinder Fall sterben sehen. Cinder Fall. Die ausgezeichnete Strategin. Die beispiellose Kämpferin. Die jenige, die sich die Macht der Herbstmaid mühelos angeeignet hatte. Eine sollch listige und mit Weitblick handelnde Frau, die scheinbar jedermanns Gedanken lesen und die Pläne ihrer Gegner zehn Schritte vorraussagen konnte…hatte Eines nicht bedacht: Dass sie in diesem weltumspannenden Schachspiel, trotz aller ihrer Brillianz nicht die Königin war. Salem, ihr Boss, war es. Und Salem hat ihr Leben genommen, sobald ihre Figur ihren Zweck erfüllt hatte. Die zu spät gekommene Realisation dieser Tatsache stand in ihren Augen, als Salem sie ihrer Lebenskraft beraubt hatte.

Das Geschehene spielte sich in seinem Kopf zum hundertsten mal ab.
Es war so schnell passiert. Jede Hilfe wäre zu spät gekommen. Sie hätten sie nicht retten können, hätten sie auch gewusst mit welchem Vorhaben die Hexe ihre Anführerin hat vortreten lassen hat. Einen Moment später - und sie sahen Cinder zu Boden fallen. Eine Klinge steckte bis zum Griff tief in ihrem Bauch. Eine Sekunde später und Cinders krampfhafte Atmung verstummte. Salem zog die Klinge wieder raus. Sie hüllte sich und Cinders Körper in eine Rauchwolke ein und verschwand. Das war's. Sie hatten keine Anführerin mehr.
Mit einem Knistern zerbrach eins der halbverbrannten Scheite unter dem Gewicht der anderen. Tausend glutrote Funken flogen hoch zum pechschwarzen Nachthimmel. Aus seinen Gedanken gerissen, blinzelte Mercury überrascht ehe er ein paar neue stützende Scheite ins Legerfeuer dazulegte. Als er sicherstellte, dass das Feuer noch lange brennen würde, widmete er sich wieder seinen Gedanken zu.

Cinder war tot. Er konnte nicht sagen, dass er um sie trauerte. Sein Beruf hatte ihn apathisch zum jemands Ableben gemacht. Er fühlte eher einen Verlust. Sie war sein Boss. Die Frau mit dem Plan. Was genau der Plan war, erfuhr Mercury immer nur teilweise und nur das "was er zu wissen brauchte", wie Cider es ausdrücken würde. Aber das reichte ihm völlig. Zumal Cinders Pläne fasst immer gut verliefen und er am Ende auf der siegreichen Seite stand. Er mochte diese Dynamik: Nicht zu wissen, was der morgige Tag birgt, aber im Allgemeinen zu fühlen, dass man in Sicherheit ist. Cinder fand immer einen Ausweg. Sie hatte die faszinierende Gabe die neuen Umständen, die sich vor ihr aufbauten sich zu Nutzen zu machen. Cinder plante. Cinder plante Emerald und ihn mit ein. Sie gab ihnen Aufgaben mit genauen Anweisungen. Manche waren einfache Belanglosigkeiten, andere waren schwerer und erforderten Geschick und Scharfsinn. Manche Aufgaben hasste er und andere machten ihm regelrecht Spaß. Außerdem mochte er die Neckerei mit Em. Ihre kleinen Konkurrenzkämpfe und Wortgefechte immer dann, wenn sie eine Mission zu zweit ausführen sollten, waren auch teil seines Alltags geworden. Es lief alles nach gewohnten Mustern ab, ohne dass es zur Routine wurde.

'Kaum zu glauben, dass es ab heute nicht mehr so sein wird', schoss es Mercury durch den Kopf.

Er fühlte sich leer. Jetzt wo er nicht mehr im Rahmen des 'Plans' lebte, wusste er nicht so recht welche Richtung er einschlagen sollte. Was für ihn erlaubt war und was nicht. Was er als nächstes tun sollte. Seine Hände ballten sich zu Fäusten. Er wusste noch nichtmals genau wohin sie gingen!

Mercury biss die Zähne zusammen. Er musste stark bleiben. Oder zumindestens so tun. Um Emeralds Willen.

Cinders Tod setzte ihr sehr zu. Nach Salems Verschwinden war sie weinend zusammengebrochen. Er hatte sie noch nie so erlebt: Sie war nicht ansprechbar gewesen, hatte die Umgebung um sich kaum wahrgenommen… Sie hatte so viel geweint. Mercury hatte gewusst, das er sie mit nichts hätte trösten können, selbst wenn er gut darin wäre. Er hatte es trotzdem versucht. Jetzt wo er in Ruhe darüber nachdachte, fragte er sich, warum sein aus dem Nichts erwachtes Mitgfühl ihn dazu brachte sich um sie zu kümmern. War es vielleicht, weil er sah, dass sie außer ihn niemanden mehr hatte und sie ihn brauchte? Oder war es, weil ihre Anwesenheit ihm das Gefühl von einer noch irgendwo verbliebenen Gewohnheit gab? Oder wollte er sich einfach nicht eingestehen, dass er sonst mit der Einsamkeit und der sich ergebenen Situation nicht fertig werden würde?

Mercury verwarf diese Gedanken. Wahrscheinlich war es seine Art über Cinders Verlust hinwegzukommen.

Er seufzte und schaute sich nochmal nach ihr um. Emerald war noch da. Seit dem sie das Lager aufgeschlagen hatten, hatte sie aufgehört zu weinen. Es könnte sein, dass ihr die Tränen ausgegangen sind, überlegte sich Mercury.  Fühlte sie sich auch so leer wie er? Er wusste die Antwort auf seine Frage. Nein, sie fühlte sich schlimmer: Für sie hatte Cinder die Welt bedeutet.
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