Party hard – Der Morgen danach

von NamYensa
OneshotHumor, Freundschaft / P16
Draco Malfoy
23.01.2017
03.07.2017
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Es war noch dämmrig im Schlafraum, als Draco erwachte. Stöhnend griff er sich an den Kopf, der sich seltsam dick anfühlte, dick wie ein Ballon, der jeden Moment zu platzen drohte. Hunderte Kobolde schienen darin mit allerlei lautem Gerät nach Gold zu schürfen. Außerdem war ihm ein wenig flau im Magen, seine Kehle war trocken, die Zunge klebte ihm wie ein dicker Biberschwanz am Gaumen, und er hatte einen Geschmack im Mund, als hätte er Crabbes alten Socken als letzte Mahlzeit gehabt.

Was zum Teufel war mit ihm passiert?

Nur schleppend kehrte die Erinnerung zurück. Die Party. Theos Geburtstag. Viel Punsch. Früchtepunsch, den sie schließlich noch mit Feuerwhisky aufgepeppt hatten, den irgendjemand mitgebracht hatte. Dem Hämmern und Dröhnen in seinem Kopf nach musste er von diesem whiskyverpunschten Pansch … nein, whiskyverpanschten Punsch wohl ein Glas zu viel erwischt haben, vielleicht auch zwei. Oder drei. Kein verträglicher Mix jedenfalls, und er sollte demjenigen, der den Whisky angeschleppt hatte, eine Strafarbeit aufbrummen. Ach nein, das war nicht möglich, das war er ja selber gewesen. Er hatte sein wohlgehütetes Fläschchen Ogdens Old Feuerwhisky aus seinem Geheimversteck unter der losen Steinplatte unter seinem Bett geopfert, um der Party und vor allem dem Punsch noch ein wenig mehr Würze zu verleihen.

Und dann? Was war dann passiert? Was für ein Tag war heute überhaupt? Egal. Sowas von egal. Wen interessierte es schon, welcher Tag heute war? Schlaftag. Wenn nur sein Kopf nicht so dröhnen würde.

Draco wollte sich auf der Seite einrollen und die Bettdecke etwas weiter über sich ziehen, denn es war kühl im Schlafraum, er fröstelte. Seltsamerweise war da keine Decke. Seine Hand tastete und suchte, suchte und tastete, aber da war – nichts.

Obwohl er die Augen gerne geschlossen gelassen hätte, weil die Lider sich müde, dick und geschwollen anfühlten, öffnete er sie nun, wenn auch nur ein klein wenig, und sein Blick fiel auf seine nackte Brust. Er blinzelte, um den Schleier von den Augen zu bekommen, und stutzte. Nanu? Warum hatte er keine Pyjamajacke an? Und warum – er hob ein wenig den zentnerschweren Kopf, um an sich hinunterzusehen – hatte er auch keine Pyjamahose an? Wieso lag er nackt im Bett? Naja, nicht ganz nackt, immerhin trug er seine Armbanduhr. Aber wo war der Rest? War er gestern so abgestürzt, dass er sich nicht einmal die Zeit genommen hatte, sich seine Schlafsachen anzuziehen? Kein Wunder, dass ihm kalt war.

Dann bemerkte er, dass er seine Beine in den grünsamtenen Bettvorhang eingewickelt hatte. Sowas Blödes, wo war denn seine Zudecke? Träge rollte er sich auf den Rücken und dann auf die andere Seite, wo er im dämmrigen Licht vage einen unförmigen weißen Wulst neben sich wahrnahm. Na also, da war doch die Decke. Er musste sich wohl im Schlaf bloß gestrampelt und sie zusammengeknautscht von sich weg an die Seite geschoben haben.

Mühsam und unbeholfen versuchte er seine Beine aus dem Vorhang zu entwirren, während er mit einer Hand nach dem Bettenberg tastete, um die Decke über sich zu ziehen. Doch bei der Berührung bewegte sich der Berg und gab ein leises, unwilliges Knurren von sich.

Aaahhhhh!

Wenn ihn sonst nichts munter machte, dieses Knurren schon. Panisch strampelte Draco weg, verhedderte sich dabei nun erst recht mit den Füßen im Bettvorhang, der noch immer um seine Beine geschlungen war, und rutschte prompt über die Bettkante. Im nächsten Moment machte er bäuchlings Bekanntschaft mit dem Steinboden. Dieser unsanfte, eiskalte Plumps ließ ihn endgültig hellwach werden, flugs rollte er sich auf den Rücken, setzte sich ruckartig auf – und bereute diese hastige Bewegung sofort, als ihn der Kobold in seinem Kopf mit einem extra kräftigen Hieb seiner Spitzhacke gegen die Schädeldecke bestrafte.

Scharf zog Draco die Luft durch die Zähne, presste stöhnend die Handballen an die Schläfen und schloss einen Moment die Augen, bis das Hämmern ein wenig nachgelassen hatte. Nein, allzu hastige Bewegungen ließ die kleine Nervensäge in seinem Kopf nicht zu, also zog er sich an der Matratze haltend langsam in eine kniende Position und ließ den weißen Berg vor sich dabei keinen Moment aus den Augen. Seine Bettdecke lebte und hatte geknurrt, aber das konnte doch nicht sein. Oder doch?

Vorsichtig schob er eine Hand über die Matratze zu dem Bettenwulst und pikste mit dem Finger leicht hinein. Dabei stieß er auf Widerstand, und abermals ertönte ein Knurren, diesmal schon lauter und deutlich unwilliger. Dracos Hand zuckte zurück. Was zum Teufel war das? Oder besser gesagt – wer war das da unter seiner Bettdecke?

Nach kurzem Zögern und nichts Gutes ahnend, schob er erneut seine Hand vor, hob die Decke vorsichtig etwas an und linste darunter. Als hätte er sich die Finger verbrannt, ließ er sie rasch wieder fallen, als seine schlimmsten Befürchtungen sich bestätigten.

Pansy.

Für einen Moment ließ der Schock Draco seinen Brummschädel vergessen. Wie zum Teufel war Pansy in sein Bett gekommen?

Ungeachtet des kalten Steinbodens ließ er sich auf seine Unterschenkel sinken, atmete ein paarmal tief durch und zwang sich zur Ruhe, während er versuchte, die Mosaiksteinchen in seinem Kopf zu sortieren.

Und endlich fielen ein paar davon zu einem Bild zusammen, als ein weiterer Teil seiner Erinnerung zurückkehrte. Hatte auf der Party nicht irgendjemand zu vorgerückter Stunde vorgeschlagen, Flaschendrehen zu machen? Ja, genau, Flaschendrehen, dieses idiotische Kinderspiel! Und irgendwann hatte Pansy auf seinem Schoß gesessen und … naja, sie hatten den geforderten Kuss etwas ausgedehnt und ein bisschen rumgeknutscht. Aber Rumknutschen war eine Sache, hier in seinem Bett liegen eine andere.

Aber halt, Moment mal! Auch Payne Bradshaw war bei der Party dabeigewesen, diese scharfe Blonde aus der Fünften. Hatte sie nicht sogar als Erste auf seinem Schoß gesessen? Und hatten sie nicht auch ein bisschen geknutscht? Wenn nun also jemand hier in seinem Bett lag, warum dann nicht sie? Warum Pansy? An einem entscheidenden Punkt musste gestern Abend irgendetwas gehörig schiefgelaufen sein. Denn statt Payne lag Pansy hier.

Verdammt!

Aber vielleicht, versuchte Draco sich zu beruhigen, war ja auch gar nichts passiert. Wie auch immer sie in sein Bett gekommen war – bestimmt waren sie einfach nur so nebeneinander eingeschlafen, Rücken an Rücken und alles völlig harmlos. Ja, ganz sicher war es so. Dass Pansy nur einen roten Slip trug und er selber sogar vollständig nackt war, hatte sicher überhaupt nichts zu bedeuten.

Das zumindest redete er sich ein – bis sein Blick auf einen recht ausgedehnten rötlichen Fleck auf dem Laken fiel, der ihm bisher nicht aufgefallen war und ihm nun einen zweiten Schock versetzte. Was zum Teufel war das? Hatte er über Nacht seine Tage bekommen? Oder … Merlin, nein, bitte nicht auch das noch! Hatte er Pansy entjungfert? Aber das konnte doch nicht sein, Pansy war kein unbeschriebenes Blatt mehr, da war er ganz sicher. Laut genug hatte sie schließlich ihre erste echte Eroberung hinausposaunt und damit herumgeprahlt. Aber offensichtlich – wieder starrte er auf den Fleck – war das nur leeres Geschwätz gewesen.

Scheiße!

Und was war überhaupt mit Blaise? Warum hatte der ihn nicht gebremst? Wozu waren Freunde denn da, wenn nicht dafür, den anderen vor einer Riesendummheit zu bewahren?! Oder – Draco wandte den Kopf zu den Bettvorhängen hinter ihm – lag Blaise etwa überhaupt nicht in seinem Bett? Die Vorhänge waren zwar geschlossen, doch was hieß das schon. Draco glaubte sich dunkel zu erinnern, dass es beim Flaschendrehen auch Millicent Bulstrode und seinen besten Freund getroffen hatte und dieser nach einer kleinen Verfolgungsjagd um die Tischgruppen herum aus dem Gemeinschaftsraum geflüchtet war – mit Bulstrode auf den Fersen. Seitdem hatte Draco ihn nicht mehr gesehen. Vielleicht hatte sie ihn ja erwischt, ihm hinterrücks die Ganzkörperklammer oder einen Stupor verpasst, dann gefesselt und geknebelt und in ihre Höhle verschleppt. Armer Blaise.

Doch Draco entschied, dass diese Frage jetzt nicht vorrangig war, und verschob die Klärung auf später. Schließlich gab es Dringenderes. Am Ende wachte Pansy noch auf und sah ihn hier splitterfasernackt auf dem Boden herumkriechen. Nein, das musste wirklich nicht sein. Außerdem war ihm kalt, und pinkeln musste er auch mal, also sollte er zusehen, dass er schnellstens etwas zum Anziehen fand.

Sein Blick, der nun schon deutlich klarer sah, fiel als Erstes auf ein Stück Stoff, das halb unter dem Bett hervorschaute, direkt neben ihm. Na also, da war ja schon was. Er griff danach und zog es hervor. Ein Hemdchen aus roter Spitze. Nein, das war definitiv nicht seins, er trug keine Hemdchen aus Spitze, aus roter schon gar nicht. Achtlos ließ er das Teil wieder fallen und spähte unter das Bett, ob dort noch mehr lag, doch er erblickte nur seine Lederschlappen, einen von Pansys grünen Spangenschuhen und einen Socken. Aber dahinten, über der Armlehne des Sessels, da hing doch etwas, was wie eine schwarze Retroshorts aussah.

Mit aller Vorsicht, um Pansy nicht zu wecken, kämpfte Draco sich mit Hilfe der Matratze und des Bettpfostens mühsam in eine halbwegs senkrechte Haltung. Das leichte Schwindelgefühl in seinem Brummschädel brachte ihn ein wenig aus dem Gleichgewicht, und er musste sich am Bettpfosten abstützen und einen Moment warten, ehe er seine Füße in die Schlappen schieben und zum Sessel hinüberschlurfen konnte. Dort zog er das schwarze Ding von der Lehne und besah es sich. Ja, das müssten seine Shorts sein. Es war eindeutig Qualität und ebenso eindeutig kein weibliches Kleidungsstück.

Da ihm die Standfestigkeit fehlte, ließ er sich auf den Sessel sinken und beeilte sich, so rasch wie möglich in die Shorts zu schlüpfen. Mit dem zweiten Bein klappte das erst nach mehreren Ansätzen, weil sein Fuß immer gegen Stoff stieß und die Beinöffnung einfach nicht fand. Sowas Blödes, hatte ihm über Nacht ein bösartiger Hauself die Beinlöcher zugehext? Aber endlich saß die Shorts auf seinen Hüften. Geschafft. Nun fühlte er sich nicht mehr ganz so nackt, und vielleicht fand er ja irgendwo auch sein T-Shirt. Ein graues müsste es sein. Ja, genau, ein graues T-Shirt aus schlichtem Shirtstoff. Ohne Spitze.

Dann fiel Dracos Blick auf die Flasche Wasser auf dem Tisch neben ihm, und plötzlich merkte er, welchen Brand er hatte und wie eklig das pelzige Gefühl auf der Zunge war. Ja, sein Körper verlangte eindeutig nach Flüssigkeit, und so griff er nach der Flasche und setzte sie an. Es schien buchstäblich zu zischen, als das kühle Nass auf seine ausgedörrte Kehle traf. Er trank gierig und in großen Schlucken, und erst als die Flasche halb geleert war und sein Bauch gluckerte, setzte er sie wieder ab. Mit dem Handrücken wischte er sich ein kleines Wasserrinnsal vom Kinn und fühlte sich gleich etwas besser. Sogar der Kobold in seinem verkaterten Kopf schien ihm die Flüssigkeitszufuhr zu danken und hämmerte nicht mehr ganz so heftig und lautstark.

Mit der Flasche in der Hand im Sessel sitzend, ließ Draco seinen Blick durch das Zimmer schweifen, um sich einen Überblick zu verschaffen. Wie sah es hier überhaupt aus? Der ganze Schlafraum glich einem Schlachtfeld. Achtlos auf den Truhenkoffer am Fußende seines Bettes geworfen lag seine Hose und davor auf dem Boden sein nagelneuer, hochwertiger Alpakapullover mit den bunten Streifen. So ein Frevel, das gute Stück! Neben einem Bettpfosten sah er Pansys zweiten Spangenschuh stehen, daneben lag einer seiner Socken und nicht weit davon irgendetwas Zusammengekrumpeltes, vielleicht eine Strumpfhose.

Draco mochte kaum glauben, was er sah. Bei Merlins Rauschebart, alles deutete darauf hin, dass Pansy und er gar nicht schnell genug aus den Klamotten hatten kommen können.

Doch das war nicht alles. Außer den Kleidungsstücken lag noch jede Menge anderes Zeug auf dem Boden herum. Buntes Zeug. Was war das alles? In dem diffusen Licht konnte Draco es nicht wirklich gut erkennen.

Er stellte die Flasche auf dem Tisch ab, rutschte vom Sessel auf die Knie und kroch ein Stück auf allen vieren, um nach dem nächstbesten Ding zu angeln, das in seiner Reichweite lag. Eine Lümmeltüte. Eine rote. Abgerollt. Außerdem lag da drüben eine blaue und ein Stück weiter eine gelbe. Und diese drei waren nicht die einzigen, es lagen noch mehr davon hier im Zimmer verstreut. Alle abgerollt. Was zum Teufel hatten sie letzte Nacht hier veranstaltet?! Nach eingehender Prüfung stellte er jedoch fest, dass sie alle unbenutzt waren. Na, das war doch schon mal ein kleiner Hoffnungsschimmer, dass es nicht gar so wild zugegangen war, wie es der erste Eindruck hatte befürchten lassen.

Oder … Moment mal, hatten sie etwa OHNE …?

Scheiße!

Draco brauchte einen Moment, um den neuerlichen Schock zu verkraften. Resigniert auf dem Boden hockend und den Blick unverwandt und fassungslos auf die schlafende Pansy geheftet, zog er im Stillen Bilanz. Er hatte sie abgeschleppt, er hatte sie entjungfert und er hatte es ohne Schutz getan, trotz reichlicher Auswahl an bunter Gummivielfalt. Nein, er hatte wirklich nichts ausgelassen.

Verdammt, verdammt, verdammt! Scheißpunsch! Scheißflaschendrehen! Warum hatte er sich auf den Scheiß eingelassen? Wütend schleuderte er die bunten Dinger in eine Ecke.

Aber warum zum Teufel erinnerte er sich an nichts? Müsste er sich nicht wenigstens an irgendetwas erinnern? Nein, es half alles nichts, er musste Pansy wecken. Er musste wissen, was genau passiert war und wie es dazu kommen konnte. Hoffentlich war ihr Erinnerungsvermögen noch intakt oder funktionierte wenigstens besser als seines.

Also erhob er sich mühsam vom Boden und schlappte, immer noch etwas unsicher auf den Beinen, zum Bett zurück. Auf dem Weg dorthin sammelte er zunächst seine Hose ein und fischte ein Pfefferminzbonbon aus der Tasche, das er sich sofort in den Mund steckte und ein paarmal mit der Zunge hin und her schob, um den unangenehmen Geschmack loszuwerden. Ja, schon besser.

Nachdem er seinen Pullover aufgehoben und zusammen mit der Hose ordentlich auf die Truhe gelegt hatte, klaubte er die Strumpfhose und ein weiteres Wäschestück vom Boden. Wieder war es rote Spitze, diesmal ein BH. Eindeutig das Partnerstück zu dem Slip, den Pansy trug, und zu dem Spitzenhemd, das er bereits vorhin gefunden hatte und nun ebenfalls wieder vom Boden pickte. Ein dunkelblaues Stück Stoff, das vor dem Schrank auf dem Boden lag, entpuppte sich als Rock. Wenn er jetzt noch einen Pullover fand – grün müsste er sein, wenn er nicht irrte – war Pansy komplett und konnte sich aus dem Staub machen.

Vor der Kommode fand er schließlich tatsächlich einen grünen Pullover und zwischen Matratze und Kopfbrett seines Bettes eingeklemmt auch sein T-Shirt. Er zog es heraus, fackelte gar nicht mehr lange, sondern kniete sich mit einem Bein auf das Bett und rüttelte den Deckenberg.

»Was ist denn?«, kam es dumpf und scheinbar verschlafen darunter hervor.

»Komm schon, Pansy, steh auf!« Draco rüttelte sie ein zweites Mal, ziemlich unsanft diesmal, und endlich kam Bewegung in die Sache und ihr Mopsgesicht tauchte unter der Decke auf. Dafür, dass er sie gerade erst geweckt hatte, sah sie erstaunlich munter aus, deutlich munterer als er sich fühlte. Hatte sie sich etwa nur schlafend gestellt und ihn bei seiner Krabbelaktion durchs Zimmer beobachtet? Merlin, hilf!

»Guten Morgen, Butzibär«, begrüßte sie ihn, richtete sich auf einen Ellenbogen auf und ließ ihren Blick interessiert an seinem halbnackten Körper hinunter- und wieder hinaufwandern.

Draco, der gerade dabei war, in sein Shirt zu schlüpfen und mit dem Kopf noch halb darin steckte, hielt mitten in der Bewegung inne und hätte sich fast an seinem Bonbon verschluckt. Ungläubig starrte er Pansy an, weil er glaubte, sich verhört zu haben. »Guten Morgen – wer

»Butzibär.«

Nein, er hatte sich tatsächlich nicht verhört.

»Wer ist Butzibär?«

»Du natürlich, wer sonst?«

Beinahe hätte Draco laut gelacht – wenn sein Brummschädel das zugelassen hätte.

»Butzibär? Was soll der Scheiß?« blaffte er verärgert und zog das Shirt rasch über seine Brust; nun fühlte er sich unter Pansys Blicken nicht mehr ganz so nackt.

»Wieso Scheiß?«, beschwerte die sich. »Gestern hattest du nichts dagegen, dass ich dich so nenne.«

Draco hielt die Luft an. Merlin, wenn das stimmte … hatte es hoffentlich niemand von den anderen gehört.

»Erzähl mir lieber, was passiert ist«, ging er auf den mehr als peinlichen Spitznamen nicht weiter ein. »Und nebenbei zieh dich an.« Er packte den Kleiderhaufen, den er vor sich auf dem Bett abgelegt hatte, und warf ihn Pansy genau vor die Nase.

Doch die griff nur nach dem Hemdchen, spielte mit einem Träger herum und zog eine Schnute. »Gar nichts ist passiert«, war die deutlich verschnupfte Antwort.

Draco horchte auf. »Gar nichts? Wir haben also nicht …«

»Nein.«

»Wie kannst du so sicher sein?«

»Weil ich nicht im Vollrausch war. Du bist einfach eingeschlafen!« Wieder dieser vorwurfsvolle und auch ein bisschen ärgerliche  Unterton.

»Naja, ich werde wohl müde gewesen sein.«

»Du warst nicht müde, du warst sternhagelvoll.«

Draco ließ das unkommentiert. »Du bist also wirklich sicher, dass nichts passiert ist?«

»Absolut sicher.«

»Und was ist dann das hier?« Er deutete auf den Fleck auf dem Laken, der ihn an Pansys Beteuerungen zweifeln und insgeheim immer noch das Schlimmste befürchten ließ. Der Fleck war doch ziemlich eindeutig, oder nicht?

»Das ist Punsch«, erklärte sie. »Du hast ein volles Glas mitgenommen, und hier auf dem Bett ist es dir aus der Hand gefallen.«

Punsch? Der Fleck war Punsch? Wieder hätte Draco am liebsten gelacht, diesmal vor Erleichterung. Er hatte das Mopsgesicht also nicht abgestempelt? Puh. Dieses Wissen gab ihm umgehend seine innere Gelassenheit zurück. Er setzte sich ans Fußende des Bettes, zog ein Knie herauf und legte lässig einen Ellenbogen auf das Fußbrett. Auf einmal war es wieder so lächerlich einfach, lässig zu sein. War er jemals in Panik geraten? Ach wo.

Aber ein wenn auch nebensächlicher Punkt blieb noch zu klären.

»Und wo zum Teufel kommen die ganzen Gummis her? Warum liegen die hier herum?«

Pansy vergaß, weiter eine Schnute zu machen, und kicherte. »Weil du sie aufgeblasen hast.«

»Ich habe was?«

»Du hast sie aufgeblasen und wie Ballons durchs Zimmer schnurren lassen. Das hat dir einen Riesenspaß gemacht.« Wieder kicherte sie.

Draco schluckte, und ein Teil seiner gerade wiedergewonnenen Gelassenheit verkrümelte sich. Ein Butzibär, der Lümmeltüten aufblies und durchs Zimmer schnurren ließ. Merlin, ging es noch ein bisschen peinlicher? Was hatte er sich sonst noch geleistet, woran er sich nicht mehr erinnerte? Einen nackten Tabledance vielleicht? Scheißparty. Scheißpunsch.

»Na gut«, er kratzte sich am Kopf, »dann … sieh jetzt mal zu, dass du aus meinem Bett und in deine Klamotten kommst. Es ist gerade mal kurz vor acht, ich will noch ein paar Stunden schlafen.«

»Ich auch …«, entgegnete Pansy sofort.

»Na, dann tu das doch, aber tu es in deinem eigenen Bett.«

»Ich habe aber gar keine Lust, in mein eigenes Bett zu gehen«, erwiderte sie mit einem Lächeln, das sie wohl für verführerisch hielt, und schälte sich ein Stück aus der Zudecke – weit genug, um ihre Brüste bloßzulegen. »Warum machen wir nicht einfach da weiter, wo wir letzte Nacht aufgehört haben?«

»Du meinst, ich soll noch mehr Gummis aufblasen? Nein danke, kein Bedarf.«

»Ich meinte eigentlich etwas anderes …«

Ja, das war Draco schon klar. Aber er war nicht nur verdammt erleichtert, dass genau das letzte Nacht nicht passiert war, er hatte auch nicht vor, es hier und jetzt oder sonst irgendwann jemals passieren zu lassen.

Weniger klar war ihm, was in Pansys Kopf vorging. Gestern Abend waren sie beide betrunken gewesen, aber gestern war gestern, inzwischen waren sie wieder nüchtern. Müsste sie nicht eigentlich genauso froh sein wie er, dass nichts zwischen ihnen passiert war? Warum tat sie auf einmal so, als wären sie mehr als nur Kumpel?

Als sie sich nun auch noch auf den Rücken drehte und verlangend den Arm nach ihm ausstreckte, stand er rasch vom Bett auf. Der Anblick, wie sie sich da in aufreizender Weise räkelte und ihm ihren nackten Körper präsentierte, war nicht wirklich prickelnd. Warum führte sie sich auf wie eine rollige Katze? Das war ja widerlich. Aber natürlich würde er das niemals so deutlich aussprechen. Immerhin waren sie befreundet, und so offensichtlich kränken wollte er sie dann doch nicht.

Um sich den Anblick zu ersparen und eventuellen weiteren Zugriffen zu entgehen, ging Draco zum Tisch, wo er erneut nach der Wasserflasche griff, um ein paar Schlucke zu trinken. Als er sich danach wieder zu Pansy umdrehte, hatte sie ihre alberne Kätzchen-spiel-mit-mir-Pose aufgegeben, lag wieder auf einen Ellenbogen gestützt und hatte die Zudecke züchtig über ihre Brust gezogen. Doch es war ihr anzusehen, dass sie sein brüskes Aufstehen sehr wohl verstanden und richtig interpretiert hatte; ihr Blick hatte nun überhaupt nichts Aufreizendes oder Verführerisches mehr, im Gegenteil, sie blitzte ihn böse an.

»Gestern Abend auf der Party warst du nicht so abweisend«, quittierte sie seine überdeutliche Abfuhr, und der spitze Unterton in ihrer Stimme war nicht zu überhören. »Du hattest kein Problem damit, mich mit in dein Bett zu nehmen.«

Nein, denn gestern Abend war er nicht Herr seiner Sinne, sondern offenbar völlig unzurechnungsfähig gewesen. Merlin sei Dank war das heute wieder vorbei, sein Kopf halbwegs klar und sein Geisteszustand wieder normal. Wenn Pansy das anders sah und in das kleine Intermezzo etwas anderes hineininterpretierte – ihr Problem.

»Was ist eigentlich mit Blaise?«, versuchte er von dem unliebsamen Thema abzulenken und nickte zu dessen geschlossenen Bettvorhängen.

»Keine Ahnung, was soll mit ihm sein?«

»Ich meine, weißt du, ob er in seinem Bett ist – und ob er allein ist?«

»Ja, ist er«, kam es etwas krächzend und eindeutig verschlafen hinter den Bettvorhängen hervor. »Und er würde es sehr begrüßen, wenn ihr eure Phonstärke ein bisschen runterdrehen würdet. Könnt ihr nicht leise streiten?«

»Wir streiten nicht.«

»Na gut, könnt ihr dann eure Diskussion nicht woandershin verlagern? Mein Kopf platzt gleich, auch ohne euer Gezeter. Also haltet endlich die Klappe. Dankeschön.«

Draco verzog sein Gesicht zu einem schiefen Grinsen. Er war Blaise für seine Einmischung ausgesprochen dankbar, denn inzwischen war er etwas genervt. Er fühlte sich nicht fit und wach genug und hatte keinen Bock, mit Pansy noch länger zu diskutieren, er wollte sie endlich aus seinem Bett heraushaben. Außerdem musste er jetzt wirklich dringend mal pinkeln.

»Du hast es gehört«, wandte er sich ihr wieder zu. »Also zieh dich endlich an und mach, dass du in euren Schlafraum kommst. Ich verschwinde mal eben. Wenn ich zurückkomme, bist du weg, klar?« Und als sie ihn vorwurfsvoll und beinahe schon wütend ansah: »Muss ich dich daran erinnern, dass wir Vertrauensschüler sind? Wenn herauskommt, dass du hier warst, sind wir beide fällig, und ich habe so gar keinen Bock, mein Abzeichen abzugeben. Also mach, dass du hier rauskommst, bevor das halbe Haus aufwacht und dich irgendjemand hier im Jungentrakt erwischt. Und wenn du zu euch rübergehst, sei vorsichtig und versuche dich ein bisschen unsichtbar zu machen.«

So. Ende der Diskussion!

Eine weitere Antwort wartete er gar nicht ab und verließ, ohne Pansy auch nur einen weiteren Blick zu schenken, den Schlafraum.

***

Als Draco nach seinem Abstecher ins Bad, den er trotz des nicht wirklich erfreulichen Anblicks im Spiegel ein wenig länger ausgedehnt hatte als nötig, in den Schlafraum zurückkehrte, war Pansy tatsächlich verschwunden, und er atmete erleichtert auf. Endlich allein.

Auf dem Weg zum Bett hob er noch einen Socken vom Boden auf und hatte sich gerade auf seine nun endlich unbesetzte Matratze sinken lassen, als sich am Bett gegenüber plötzlich der Vorhang teilte und Blaise' grinsendes Gesicht erschien.

»Da hat der Butzibär aber nochmal Schwein gehabt, was?«, gluckste er und zog sein Gesicht gleich wieder zurück, als Draco den Socken zusammenknüllte und nach ihm warf.

»Der Butzibär erzählt dir gleich was! Warum zum Teufel hast du nicht verhindert, dass ich Pansy hierherschleppe? Warum hast du mich nicht gestoppt? Du bist vielleicht ein schöner Freund!«

»Ich habe schon versucht, dich zu stoppen, als Bradshaw auf deinem Schoß saß«, kam es zurück. »Aber du hast mich weggeschubst.«

»Bei Bradshaw hättest du mich auch nicht stoppen müssen! Bei Pansy schon!«

Da als Antwort nur ein leises Kichern kam, zog Draco seine Beine aufs Bett und griff nach seiner Zudecke, deren benutzte, noch unangenehm warme Innenseite er erst sorgfältig nach oben wendete, ehe er sich damit bedeckte.

Bevor er sich hinlegte, ließ er noch einen letzten Blick durch das Zimmer schweifen. Und obwohl ihm jegliche Unordnung verhasst war, entwich ihm beim Anblick der bunten Gummivielfalt ein tiefer Seufzer der Erleichterung. Keine der Lümmeltüten war benutzt worden, der Fleck auf seinem Laken rührte nur von Punsch her, der Kobold in seinem Kopf hatte die Goldsuche beinahe aufgegeben und Pansy war aus seinem Bett heraus. War das Leben nicht schön?

Mit einem zufriedenen Lächeln schloss er die Augen und ließ sich in die Kissen sinken.

Und in Zukunft, Draco, weniger trinken. Ganz, ganz viel weniger.

***

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Tja, Butzibär, so kann's gehen, wenn man erst sechzehn ist, seine alkoholinduzierten Verträglichkeitsgrenzen über- und deren Folgen unterschätzt. :D

Hat euch der Oneshot gefallen? Wehe, wenn nicht. Ich habe letzte Nacht noch bis halb vier daran gesessen, um ihm den letzten Schliff zu verpassen.
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