How To Be A Dragon

GeschichteFantasy, Freundschaft / P12
22.01.2017
13.05.2019
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Kapitel 32 – Fragen, Antworten und Geheimnisse

Hastig schnappe ich mir den Fisch vor meiner Nase und verschlinge ihn, sowie drei weitere ohne zu kauen. Nach und nach verschwindet mein eilig gefangenes Mittagessen in meinen Magen.
Eigentlich hatte ich gleich daran arbeiteten wollen, eine Lösung für mein Problem zu finden, doch mein laut protestierender Magen hat mich schnell umgestimmt.
Also hatte ich entschieden, dass es sich mit vollem Bauch besser Pläne schmieden lässt. Und bei Odin, ein Plan ist jetzt genau das, was ich brauche... Wie soll ich nur irgendwem klar machen, in welcher Gefahr sie sich befinden?
Eona hat mich immerhin nicht sofort umbringen wollen, allerdings kann ich diese Zurückhaltung wohl kaum von den anderen Wikingern meines Stammes erwarten.
Also ist Eona meine einzige Möglichkeit.
Bleibt nur noch die Sprachbarriere, die es zu überwinden gilt.
Ich seufze und schlucke den letzten Fisch hinunter.
Ich hoffe, ich habe meine Freundin neugierig genug gemacht, sodass sie noch einmal alleine in den Wald kommt.
Und dann kann ich... was ich machen könnte, wird mir hoffentlich noch einfallen.
Ich mache mich auf zu den Bergen, die über meinem Dorf aufragen, zu fuß durch den Wald. Es wäre sicher deutlich schneller gegangen zu fliegen, aber ich will meinen Muskeln noch eine Pause genehmigen.
Als ich jedoch mühsam über die ersten Felsen ge¬klettert bin, wird mir klar, dass Nachtschatten wohl nicht wirklich zum Klettern gemacht sind. Die letzte Distanz lege ich also in der Luft zurück.
Die Mittagssonne bricht durch die Wolkendecke und wirft wärmende Strahlen auf den Felsvorsprung, auf dem ich mich nun niederlasse.
Er ist hoch über dem Dorf gelegen und bietet einen tollen Ausblick darauf, ich brauche mir aber keine Sorgen machen, dass ich entdeckt werden könnte. Vom Boden aus kann man das Plateau nicht einsehen.
Da es jetzt erst mal heißt zu warten, strecke ich meine müden Flügel in der Sonne aus.
Während ich meinem Körper Ruhe gönne, zermartere ich mir den Kopf, wie ich Eona die Gefahr begreifbar machen kann.
Ich schaffe es irgendwie nicht wirklich, mich zu konzentrieren. Sorgenvoll mustere ich erst mein Dorf, dann lasse ich meinen Blick über den Horizont schweifen. Endloses Meer, keine Schiffe.
Seufzend lege ich den Kopf auf die Pfoten und beobachte mein Dorf. Ich fühle mich merkwürdig unbeteiligt und von allen abgeschnitten, als ich den normalen Alltag im Dorf verfolge. Ich sollte da unten sein. Mithelfen bei irgendwelchen langweiligen Arbeiten, über die ich mich dann beschwert hätte.
Mein Vater hätte mir mal wieder mit großen Worten erklärt, wie wichtig es für einen angehenden Häuptling ist, für seinen Stamm da zu sein, in ein und demselben Vortrag, den ich immer in solchen Momenten zu hören bekam.
Oder ich hätte Tyr dabei zugesehen, wie er mal wieder eine seiner komischen Ideen in der Schmiede ausprobiert. Bei den ersten Versionen passiert immer etwas völlig Unvorhergesehenes, sodass ich sogar ein ums andere Mal in Deckung gehen musste. In der Regel wurde das Problem schnell erkannt und behoben, doch manchmal tüftelte Tyr tagelang in der Werkstatt. Dann würde man ihn nicht eher wieder draußen antreffen, bis er das Problem beseitigt hätte.
Ich starre in Gedanken versunken auf mein Zuhause, während die Wolkenschatten über die Dächer und Wege des Dorfes hinweg jagen. Verträumt lausche ich den mir nur allzu vertrauten Geräuschen:
Den knarzenden Räder der Holzkarren auf dem Dorfplatz, das Schlagen von Tauen der Boote an den Steg, das Blöcken der Schafe, der Schrei eines Adlers, das beständige und allgegenwärtige Rauschen der Wellen.
Fast hätte ich Eona nicht bemerkt, die über den Dorfplatz gelaufen kam und den Weg in Richtung Wald einschlägt. Allein. Sofort springe ich auf. Immer noch ohne Plan, aber mit wohliger Vorfreude, werfe ich mich in den Wind.

Ungeduldig erwarte ich meine beste Freundin, an der gleichen Stelle, wie zuvor. Hier wird sie zuerst nach mir suchen.
Einer Eingebung folgend klopfe ich einen freien Teil des Waldbodens mit meinen Schwanz platt. Es ist nicht ideal, aber aufgrund fehlender, besseren Ideen, bleibt mir kaum etwas anderes übrig, um mich verständlich zu machen. Ich betrachte die Fläche, die ich somit geschaffen habe. Besonders groß ist sie nicht, doch für ein paar Worte wird sie reichen.
In diesem Moment nehme ich das Rascheln wahr.
Langsam, um sie nicht zu erschrecken, drehe ich mich um.
Noch ist bei weitem nicht alles Misstrauen und Schmerz aus Eonas Blick verschwunden, doch ich meine, Neugierde und Unglaube in ihren Augen aufblitzen zu sehen.
Als wollte sie mich daran erinnern, dass es da ist, wechselt sie ihr Schwert in die andere Hand. Sie wirkt nervös.
Eine Weile betrachtet sie mich nur, ohne ein Wort zu sagen, doch ich sehe es ihr an, dass ihr einige Fragen auf der Zunge brennen. Würde es mir nicht genauso gehen?
Ihr scheint wieder der Teil einzufallen, wo wir unterbrochen wurden. Zögernd fragt sie: „Wir kennen uns also?“
Ich bin sicher, das ist nicht die Frage, die ihr als erstes in den Sinn gekommen war. Allerdings ist sie vermutlich einfacher zu stellen, als die Frage, die ich selbst fürchte. Bedächtig nicke ich.
Deutliche Verwirrung zeichnet sich in ihren Zügen ab. „Wie kann das sein? Ich bin mir ziemlich sicher, noch nie einen Nachtschatten gesehen zu haben.“
Wieder nicht ihre eigentliche Frage. Aber wie soll man auch fragen, ob der Drache, mit dem man gerade plaudert, seine Freundin gefressen hat? Wobei besagter Drache einen nach allen Lehren der Wikinger eigentlich selbst angreifen sollte, anstatt sich mit Fragen löchern zu lassen.
Und wie, bei den Göttern, soll man erklären, dass man nicht gefressen wurde, sondern –vermutlich - von einem verdammten Stein verwandelt wurde? Ich weiß weder darauf, noch auf die Frage, die sie tatsächlich gestellt hat, eine Antwort.
Eigentlich ist das gerade auch gar nicht wichtig, rufe ich mir ins Gedächtnis.
Ich muss ihr klar machen, dass sie und der gesamte Stamm in großer Gefahr schweben!
Offensichtlich fällt Eona jetzt erst etwas auf: „Warte, du verstehst was ich sage?“ Erneut nicke ich, eine sehr einseitige Unterhaltung. Diese Frage ist auf jeden Fall leichter zu beantworten.
„Okay...“ Eona atmet tief durch. „Du warst an dem Tag hier, als meine Freundin verschwunden ist, oder?“ Es war dieses Mal weniger eine Frage als vielmehr eine Feststellung. Ich fürchte, ich ahne was nun kommt.
„Weißt du, was mit ihr passiert ist?“ Eona scheint darauf bedacht nur Ja-oder-Nein-Fragen zu stellen.
Nervös senke ich den Blick. Was soll ich bloß antworten? Sie wird weiter fragen, wenn ich nicke und die nächsten Fragen werde ich kaum beantworten können.
Außerdem läuft uns die Zeit weg.
Ich seufze. Dann schüttele ich den Kopf.
Enttäuschung spiegelt sich in den Blick meiner Freundin wieder. Ich kann nur vermuten ,ob sie meine Lüge durchschaut hat.
Sie macht Anstalten zu gehen, doch ich springe ihr in den Weg. Sofort richtet sich die Schwertspitze auf mich, keinen Schritt von meiner Nase entfernt.
„Was willst du?“ , feindselig funkelt sie mich an.
Gute Frage. Das hier wäre deutlich einfacher, wenn ich ein Mensch wäre. Warum also bin ich nicht schon längst auf der Suche nach diesen merkwürdigen Stein, in der Hoffnung, dass dieser mich zurück verwandelt?
Ich schiebe diese Frage beiseite, es gibt dringendere Probleme. Das jedenfalls rede ich mir ein. Tief im Inneren weiß ich, dass ich Angst vor der Antwort auf diese Frage habe. Angst was es für mich bedeutet.
Behutsam gehe ich um Eona herum, zu dem plattgeklopften Erdboden. Ich spüre deutlich ihren Blick auf mir, der jede meiner Bewegungen verfolgt.
Vorsichtig fahre ich mit einer Kralle durch den weichen Waldboden.
Es ist lediglich Platz für zwei Worte, doch die werden hoffentlich genügen.
Eona ist neben mich getreten und hat sehr irritiert zugesehen, wie ich die Runen aufschrieb.
Die Farbe weicht aus ihrem Gesicht, als sie die Worte schließlich vorließt: „Angriff, Thursen.“
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