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Not rude enough

von Epienne
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / Het
Farmer (weiblich) Jas Shane
22.01.2017
03.02.2021
4
92.057
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03.02.2021 25.657
 
Inhaltswarnung: Depression, Tod, Suizidgedanken, Alkoholismus, Körperbild, Blut, Vernachlässigung
(Ich hoffe, ich habe nichts vergessen.)

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Winter 01

„Shane?”
Klopfen. Lautes, wütendes Klopfen. „Shaaane?”
Sein Kopf dröhnte, sein Mund fühlte sich wie ausgedörrt an und in seinem Magen rumorte es. Abermals Klopfen. Er stöhnte.
Wieso konnte man ihn nicht einfach in Ruhe lassen?
Er hörte, wie seine Zimmertür geöffnet wurde. Blinzelnd sah er dem Licht entgegen, das ihm durch den Türspalt entgegen fiel.
„Es ist schon fast sieben”, sagte Marnie, die ihren Kopf durch die Tür gesteckt hatte. „Du willst doch nicht zu spät zur Arbeit kommen.”
Sie hörte sich gar nicht so wütend an, wie ihr Klopfen noch vor wenigen Sekunden. Trotzdem ging sie ihm irgendwie auf den Sack.
„Jaja…”
Shane streckte den Arm aus, um die Nachttischlampe an seinem Bett anzuschalten, was sich jedoch als großer Fehler entpuppte. Das gleißende Licht brannte ihm in den Augen und ließ den Schmerz hinter seinen Schläfen erneut aufwallen.
Stöhnend setzte er sich auf. Er hatte es gestern eindeutig übertrieben. Gus schien gehört zu haben, was auf Autumns katastrophaler Geburtstagsparty passiert war und ließ ihn scheinbar aus Mitleid wieder im Saloon trinken.
Sein aufgebessertes Gehalt hatte Shane von Bier zu Wodka und Whiskey wechseln lassen. Mit Bitterkeit dachte er daran, dass es doch etwas Gutes hatte, dass Autumn ihn hintergangen hatte. Jedoch weckte allein der Gedanke an sie den erneuten Wunsch in ihm weiter zu trinken.
Doch er musste sich zusammenreißen. Wenigstens zu seiner Schicht im Jojamarkt musste er halbwegs nüchtern auftauchen. Auch wenn Morris ihm für den Moment ein besseres Gehalt zahlte, so hielt ihn dennoch nichts davon ab Shane einfach zu entlassen, wenn er nicht pünktlich kam oder miese Arbeit leistete.
Obwohl alles in ihm danach schrie sich zurück in sein Bett zu legen und weiterzuschlafen, kämpfte Shane sich auf die Beine und wankte ins Badezimmer. Gerade als er sich das T-Shirt über den Kopf zog, überkam ihn eine plötzliche Welle der Übelkeit. Sofort riss er den Toilettendeckel hoch, ließ sich auf die Knie fallen und erbrach sich in die Schüssel.
Sein Körper wurde solange von Würgekrämpfen geschüttelt, bis er seinen Mageninhalt vollends entleert hatte. Keuchend und mit brennender Kehle ließ er sich seitlich mit dem Hintern auf die kalten Fliesen sinken.
Er fühlte sich beschissen. Seit Tagen. Und das hatte nichts damit zu tun, dass er gerade gekotzt hatte. Wozu tat er das überhaupt noch alles? Warum ging er arbeiten? Nur um sich jeden Abend volllaufen zu lassen? Um jeden Morgen aufzuwachen, sich zu übergeben und sich mit dem härtesten Kater aller Zeiten erneut zur Arbeit zu schleppen?
Wie lange würde sein Körper diesen Scheiß noch mitmachen? Vermutlich war es nur eine Frage der Zeit. Irgendwann würde Shane vermutlich so viel trinken, dass er eines Morgens einfach gar nicht mehr aufwachte. Doch was machte das für einen Unterschied? Niemand würde über seine fette, stinkende Leiche trauern. Jas und Marnie waren besser ohne ihn dran. Und Autumn…
Tränen brannten in seinen Augen bei dem Gedanken an sie. Wie er sich vor ihr zum absoluten Trottel gemacht hatte. Wie er auch nur einen einzigen Moment gedacht hatte, er könnte ihr etwas bedeuten.
Er fühlte sich dumm. So dumm. Fett, nutzlos, erbärmlich.
Wie hatte er nur hoffen können, dass ein Mädchen wie sie sich in einen Loser wie ihn verlieben könnte?
Erneut schüttelte ihn ein Anflug von Übelkeit durch. Doch es gab nichts mehr in seinem Magen, das er noch hätte erbrechen können.
Shane wollte nur noch sterben. Mehr schien es für ihn sowieso nicht mehr zu geben.
„Shane?”
Die dünne Stimme vor der Badezimmertür riss ihn aus seinen düsteren Gedanken. Er kam auf die Beine, spülte seine Kotze im Klo herunter, wischte sich mit dem Handrücken über den Mund und öffnete die Badezimmertür.
Jas sah ihn unter einem Nest ihrer verwuschelten Locken an. „Brauchst du noch lange? Ich wollte mir die Zähne putzen.”
Sie trug ihren pinken Lieblings-Pyjama auf dem kleine Katzen gedruckt waren. An ihren Füßen steckten die lächerlichen Katzenpfoten-Pantoffeln, die Shane ihr zum letzten Fest des Wintersterns geschenkt hatte. Bei dem Anblick seiner unschuldigen, verschlafenen Patentochter hatte er sofort ein schlechtes Gewissen.
Nein, er konnte sie nicht allein lassen. Schließlich hatte sie nur noch ihn. In gewisser Weise waren sie beide zwei Zurückgelassene, die gelernt hatten miteinander auszukommen. Sich sogar aufeinander zu verlassen und Kraft aus diesem Bündnis zu schöpfen. Wenn Shane einfach aufgeben würde, dann hätte Jas wieder jemanden verloren. Und das konnte er ihr einfach nicht antun.
Sie putzten sich zusammen die Zähne und Shane verzichtete aufs Duschen und eine Rasur. Es war ihm egal, ob er wie ein Urmensch bei der Arbeit aufkreuzte. Außerdem war er sowieso schon spät dran.
Als er sich zu Marnie und Jas an den Küchentisch setzte, um zu frühstücken, entging ihm der besorgte Blick seiner Tante keineswegs, die ihn nachdenklich über ihren Kaffee musterte.
Ihr Blick flackerte zu Jas, die sich gerade Marmelade auf den Toast schmierte. Shane konnte ihr ansehen, dass ihr so einiges auf der Seele brannte.
„Wieso triffst du dich nicht mal wieder mit Autumn?”
Shane, der im Begriff gewesen war, ebenfalls einen Schluck von seinem Kaffee zu nehmen, hielt mitten in der Bewegung inne.
Selbst Jas war wie zur Salzsäule erstarrt und sah ihn verunsichert von der Seite an.
„Kein Interesse”, stieß Shane zwischen zusammen gebissenen Zähnen hervor.
Marnies Blick schien ihn geradewegs zu durchbohren. Doch sie schien einzusehen, dass es keinen Sinn hatte ihn weiter zu löchern. „In Ordnung.”
Sie trank von ihrem Kaffee und stellte die Tasse vor sich ab.
„Aber musst du denn unbedingt wieder jeden Abend in den Saloon gehen?”
Shane versuchte seinen aufwallenden Ärger so gut es ging hinunterzuschlucken und trank seinen Kaffee, um den Kater zu vertreiben.
„Ist ja nicht so, als ob ich was Besseres zu tun hätte”, erwiderte er nach einem Moment des unangenehmen Schweigens. Jas schien sich kaum zu trauen ihren Toast weiterzuessen. Ihr trauriger Blick ging angespannt zwischen ihm und Marnie hin und her.
„Du solltest wenigstens versuchen nicht so viel zu trinken”, bat sie ihn vorsichtig. Sie sprach mit ihm, als wäre er ein scheues, verletztes Tier. So als wäre sie kurz davor, ihn einzufangen und zu schlachten.
Er hatte keine Lust mehr auf seinen Kaffee. Sollte er doch mit Restpromille im Blut in den Jojamarkt wanken, aber dieses bevormundende Gequatsche seiner Tante konnte er nicht länger ertragen. Was erwartete sie denn von ihm? Er bezahlte seine Miete, er kotzte ihre Wohnung nicht voll und er spielte nicht einmal besonders laut Videospiele.
„Ich muss los”, teilte er ihr leidenschaftslos mit und erhob sich von dem Küchenstuhl, um zur Arbeit zu gehen.

Autumn lag in ihrem Bett. Sie hatte die Decke über ihren Kopf gezogen und genoss die Wärme ihrer Daunendecke, die sie umgab.
Draußen musste es mittlerweile hell sein, aber sie konnte sich einfach nicht dazu aufraffen, endlich aufzustehen. Vor zwei Stunden hatte ihr Wecker geklingelt und sie hatte sich angezogen, den dicken Parka übergeworfen und war hinaus in den Schnee gestapft, um die Kühe zu melken, frisches Stroh zu verteilen und die Tiere zu füttern. Dann hatte sie sich wieder in ihr Bett gelegt. Nicht um zu schlafen, aber um ihren Gedanken nachzuhängen und sich dem Rest der Welt nicht stellen zu müssen.
Bei den Temperaturen konnte sie sowieso nicht viel mehr auf dem Hof machen. Also warum aufstehen?
Als ihr irgendwann der Magen knurrte, stand sie schließlich doch auf, um sich etwas zu kochen. Aber kaum hatte sie gegessen, legte Autumn sich wieder ins Bett. Sie hatte nicht einmal Lust den Fernseher einzuschalten. Sie fühlte sich einfach nur schrecklich.
Die Schuld lastete schwer auf ihr und sie hatte keine Ahnung, wie sie das, was sie getan hatte, jemals wieder gut machen konnte. Sie war nicht nur dafür verantwortlich, dass Shane wieder angefangen hatte zu trinken, sie hatte auch den schrecklichsten Liebeskummer, den sie je erlebt hatte.
Autumn hatte es ganz gründlich versiebt. Sie hatte genau das getan, wofür sie Peyton verteufelt hatte. Sie war keinen Deut besser als er, auch wenn sie sich zuerst noch versucht hatte einzureden, dass ihr Motiv ein anderes war.
Er fehlte ihr. Sie hatte Shane das letzte Mal am Abend der Geister gesehen, als er sie angeschrien hatte. Völlig zurecht, wie sie fand. Aber er hatte so wütend und hasserfüllt und… irgendwie gebrochen… ausgesehen, dass Autumns Herz bei der Erinnerung daran schmerzte. Sie hatte nicht einmal geschafft ihm davon zu erzählen, dass sie herausgefunden hatte, dass sie sich seit ihrer Kindheit kannten.
Ob er davon gewusst hatte? Ob das der Grund dafür gewesen war, warum er überhaupt in erster Linie zu einem Date mit ihr zugestimmt hatte?
Sie wollte ihn unbedingt danach fragen, aber sie traute sich nicht einmal ihre Farm zu verlassen. Autumn mied die Stadt und schlich sich nur zu Zeiten in Pierres Laden, von denen sie sicher war, dass Shane dann im Jojamarkt arbeitete.
Als es plötzlich an ihrer Tür klopfte, fuhr Autumn mit einem Rucken aus dem Bett hoch. Ihr Herz klopfte heftig, weil sie so in Gedanken versunken war und nicht mit einem Besucher gerechnet hatte.
Als es zum zweiten Mal an der Tür klopfte, kam sie endlich auf die Beine und schlüpfte in ihre Plüsch-Pantoffeln, um die Haustür zu öffnen. Für einen winzigen Moment überkam sie die wahnwitzige Hoffnung, dass es Shane sein könnte, der vor ihrer Tür stand.
Doch ihre Hoffnung wurde bitter enttäuscht.
„Na, alles klar?”
Alex stand mit roter Nase vor ihr. In beiden Händen hatte er jeweils einen dampfenden To-Go-Pappbecher mit der Aufschrift „Joja”.
„Was machst du denn hier?”, rutschte es Autumn unüberlegt heraus.
„Wow, bist du erfreut mich zu sehen!”, unkte Alex. Er hielt ihr einen der Becher unter die Nase. „Hier. Ich hab dir Kaffee mitgebracht. Irgendso ein Peppermint-Mocha-Schnickschnack. Ich hab mir gedacht, dir würde sowas gefallen. Kann ich reinkommen?”
Autumn nahm ihm den Becher ab und ließ ihn eintreten.
Im Vergleich zu Peyton hatte Alex Manieren. Er trat sich noch an der Tür die Turnschuhe von den Füßen.
Autumn nippte an dem Kaffee und unterdrückte ein wohliges Seufzen. Während ihrer Zeit bei Joja hatte sie oft den hauseigenen aromatisierten Kaffee getrunken, der in der Mensa angeboten wurde. Es war eine der wenigen positiven Seiten einer Anstellung bei Joja.
„Woher hast du den?”, fragte sie Alex, als er seine Jacke auszog und sie an den Garderobenhaken an der Tür hing.
Er sah sie irritiert an. „Aus dem Jojamarkt. Wieso?”
Beinahe hätte sie sich an dem kochendheißen Kaffee verschluckt. „Dem Jojamarkt?”
Alex setzte sich auf einen der Stühle an ihrem Küchentisch und Autumn tat es ihm hastig gleich, gespannt auf seine Schilderungen.
„Ja, es gibt seit ein paar Tagen einen Stand im Laden, an dem man Coffee-to-go und Muffins und so’nen Kram kaufen kann. Verrückt, oder? Ich hätte nicht gedacht, dass sich so ein Zirkus für eine Kleinstadt wie Pelican Town überhaupt lohnen würde.”
Er nahm einen Schluck von dem Kaffee und leckte sich den Milchschaum von der Oberlippe. „Aber das Zeug schmeckt verdammt lecker. Also kann ich mir gut vorstellen, dass Morris damit mehr Leute in seinen Jojamarkt lockt. Pierre wird kochen vor Wut.”
Erst jetzt sah Alex genau an Autumn herab und bemerkte, dass sie Pyjamahosen und einen übergroßen Pulli trug. Ihr Haar war zu einem unordentlichen Pferdeschwanz gebunden. An Make-Up hatte sie erst gar nicht gedacht.
„Genießt du deine freie Zeit im Winter?”, fragte er merkwürdig aufmerksam. „Ich kann mir vorstellen, dass du nach den drei Saisons völlig geschafft bist.”
Plötzlich hatte Autumn das Gefühl verhört zu werden.
„Es gibt eben nicht viel zu tun. Und draußen ist es viel zu kalt um rauszugehen.”
„Unsinn!”, erwiderte Alex schmunzelnd. „Ich bin zwar auch eher ein Liebhaber vom Sommer, aber im Winter kann man auch tolle Sachen machen. Schneeballschlachten, Eislaufen und Rodeln.”
„Rodeln?”, wiederholte Autumn skeptisch.
„Klar! Hinter Sebastians Haus führt ein Weg hoch in die bergige Region von Stardew Valley. Noch nie dort gewesen? Ich kann es dir zeigen!”
Er sah so aus, als ob er es ihr genau jetzt zeigen wollte, doch Autumn wollte nichts weniger, als an einem verschneiten Nachmittag ihr gemütliches Bauernhaus verlassen.
„Ich weiß nicht, Alex. Ich habe keine Lust heute rauszugehen. Vielleicht ein andermal.”
Er wirkte enttäuscht und sah sie unangenehm forschend über den Rand seines Kaffeebechers an. Langsam wurde es ihr zu bunt. Was ging hier vor sich?
„Wieso bist du überhaupt hergekommen?”, fragte sie, harscher als sie vorgehabt hatte.
„Ich wollte dich besuchen”, entgegnete Alex schulterzuckend. Die kleinen, attraktiven Lachfältchen, die eigentlich immer seine Augen umspielten, verschwanden. „Das ist doch wohl nicht verboten, oder?”
„Nein, aber…”, setzte Autumn ratlos an. „Wieso gerade jetzt?”
Ihr war alles andere als nach Besuch zu mute. Sie wollte sich einfach nur in ihrem Bett verkriechen, fernsehen und ungesundes Essen in sich reinschaufeln. Und niemand sollte sie so sehen.
Er zuckte abermals mit den Schultern. „Keine Ahnung. Ich habe dich einfach eine Ewigkeit nicht mehr in der Stadt gesehen. Du kommst freitags nicht mehr in den Saloon und bei Pierre’s erwische ich dich auch nicht mehr. Ich mache mir einfach nur Sorgen um dich. Das ist alles.”
Aha. Hatte sie es doch gewusst!
Autumn atmete tief durch die Nase aus und nahm einen weiteren Schluck von ihrem Kaffee. „Ich habe im Moment keine Lust nach draußen zu gehen.”
„Wegen Shane?”
Alex hatte es geschafft seinen Finger direkt in ihre Wunde zu legen. Und genau das schien von Anfang an seine Intention gewesen zu sein.
Für einen kurzen Moment war Autumn einfach danach Ja zu sagen, alles zuzugeben, sich vor ihm die Seele aus dem Leib zu kotzen. Doch sie konnte nicht.
„Es ist einfach viel zu kalt draußen. Und es ist nichts zu tun auf der Farm.”
Unwohl rutschte sie auf ihrem Stuhl hin und her und hoffte, dass Alex bald wieder ging.
Doch anstatt das Thema einfach fallen zu lassen, lehnte Alex sich zu ihr vor. Er sah ihr ungewohnt vertrauensvoll in die Augen, bevor er zu sprechen begann. „Hör zu. Ich weiß, ich hab ziemlich miese Sachen über Shane gesagt.”
Oh ja, das hatte er. Doch Autumn blieb stumm und sah dabei zu, wie Alex sich verlegen mit einer Hand über den Nacken rieb.
„Ich schätze mal, ich konnte nicht verstehen, warum ein Mädchen wie du, sich für einen Typen wie ihn interessiert.”
Sofort sprang Autumns unterbewusster Reflex an, Shane vor Alex verteidigen zu wollen. Doch sie schluckte das gröbste herunter und fragte einfach nur: „Typen wie ihn?”
Alex schien sich eindeutig immer unwohler zu fühlen. Er stellte den Kaffeebecher vor sich auf dem Tisch ab und stützte seine Stirn auf seine Hände, bevor er geräuschvoll ausatmete.
„Typen wie meinen Vater.”
Autumn benötigte ein paar Sekunden, um zu verstehen, was genau Alex ihr da gerade offenbart hatte. Mehrere Herzschläge lang hockte er so vor ihr, die Stirn in beide Hände gestützt, während sein breiter Rücken sich angestrengt hob und senkte.
Schließlich hob er den Kopf und sah sie aus ernsten grünen Augen an. „Die Hälfte der Zeit war er nicht da und die andere Hälfte war er betrunken. Er hat meiner Mom das Leben zur Hölle gemacht, mich angebrüllt und mir gesagt, ich sei wertlos.”
Er schluckte angestrengt und auch Autumn hatte das Gefühl einen riesigen Kloß in ihrem Hals stecken zu haben.
„Hör zu. Du musst mir das nicht erzählen”, setzte Autumn an, doch Alex widersprach ihr sofort.
„Doch, ich muss. Mein Vater war ein Riesenarsch und meine Mutter war absolut unglücklich in ihrer Ehe. Nur wenige Jahre, nachdem er einfach abgehauen ist, ist sie plötzlich schwer krank geworden und verstorben. Von meinem Vater habe ich seitdem nichts mehr gehört.”
Autumn starrte ihn mehrere Sekunden fassungslos an. Sie empfand Mitleid mit Alex, mehr als sie es je für möglich gehalten hatte. Und sie kam sich blöd vor, dass sie es nie infrage gestellt hatte, warum er bei seinen Großeltern wohnte.
„Tut mir… echt Leid, Alex”, sagte sie schließlich. Nie im Leben hätte sie sich vorgestellt, dass er so eine traurige Vergangenheit hatte. Doch andererseits wusste sie aus eigener Erfahrung, dass jeder seinen Sack Ballast mit sich herumschleppte. Bei niemandem war alles nur Sonnenschein und Regenbögen. Aber die meisten, vor allem hier in Pelican Town, redeten nicht über solche Sachen. Nur Shane schien seine persönliche Gewitterwolke überall mit hinzunehmen, so dass jeder sie sehen konnte.
Konnte es sein, dass Autumn sich geirrt hatte? Sie hatte gedacht, dass nur sie und Shane die einzigen Personen in dieser Stadt waren, die echte Probleme hatten. Aber Alex hatte einen Trinker zum Vater gehabt und seine Mutter verloren. Abigails Eltern versuchten ihr vorzuschreiben, wie sie ihr Leben zu leben hatte und ließen sie selbst mit 25 noch keine Entscheidungen treffen. Sebastians Mutter hatte einen neuen Ehemann und zusammen mit Maru hatten sie einen neuen Familienbund gegründet, in den er selbst nun nicht mehr ganz hineinzupassen schien. Und Sams Vater kämpfte im Krieg gegen das Gotoro Imperium, wobei es nicht sicher war, ob er überhaupt je wieder zurückkehrte.
„Muss es nicht”, erwiderte er nach einer Weile. „Ich wollte damit nur sagen, dass ich weiß… wie es sein kann, mit jemandem zu leben, der ein Alkoholproblem hat. Ich habe jahrelang dabei zugesehen, wie mein Vater meine Mutter regelrecht zerstört hat. Und ich würde nicht wollen, dass das gleiche mit dir oder mit irgendjemandem sonst passiert.”
Autumns Gedanken wanderten unweigerlich wieder zu Shane, wie er die leere Bierdose nach ihr geworfen hatte. Sie hatte auf den Collegeparties oft gesehen, wie es zwischen den betrunkenen Gridball-Heinis zu Prügeleien gekommen war. Alkohol machte die Menschen reizbar und er machte es ihnen in der Regel schwer die Konsequenzen von Handlungen im Voraus ganz zu überblicken. Doch nur weil Shane eine Dose nach ihr geworfen hatte, hieß das nicht, dass er sie jemals angreifen würde.
„Shane ist so nicht”, sagte sie bestimmt und klammerte sich haltsuchend an ihrem Kaffeebecher fest. Sofort tauchten die Bilder von Shanes vernarbten Unterarmen auf. Ebenso die Erinnerung, als sie ihn betrunken im Wald vor der großen Klippe gefunden hatte. „Wenn er getrunken hat, dann ist es wahrscheinlicher, dass er sich selbst etwas antut, als irgendjemand anderem.”
Alex’ Augen weiteten sich für den Bruchteil einer Sekunde. Die Erkenntnis schien ihn mit einem Mal zu treffen. Dann senkte er betroffen den Blick und seine Miene verhärtete sich. „Verstehe. Aber möchtest du wirklich den Rest deines Lebens damit verschwenden, jemanden aus der Dunkelheit zu zerren? Dafür zu sorgen, dass er keine Dummheiten begeht und sich nicht die Kugel gibt?”
Fassungslos starrte Autumn ihn an. „Darum geht es überhaupt nicht. Ich will gar nichts! Ich mag Shane und ich bin… war gerne mit ihm zusammen. Wir haben beide für denselben, beschissenen Riesenkonzern gearbeitet und ich konnte verstehen, wie er sich gefühlt hatte. Und jetzt habe ich alles vermasselt, weil ich dachte, ich könnte ihm irgendwie… helfen.”
Endlich machte es Klick.
„Vielleicht ist genau das der springende Punkt, Autumn”, erwiderte Alex. „Vielleicht solltest du damit aufhören helfen zu wollen. Jemandem wie Shane kannst du nicht helfen. Wir haben alle Scheiße durchgemacht. Du, ich, Haley, sogar Doktor Langweilig! Aber wir tragen unsere miese Vergangenheit nicht wie ein riesiges Schild mit uns herum. Shane hat sich dazu entschlossen unglücklich zu sein und sich in seinem Elend zu suhlen. Jemand der zu jedem anderen in der Stadt nur unfreundlich ist und ganz offensichtlich nichts mit anderen zu tun haben will, will keine Hilfe. Ganz egal, wie sehr du ihn magst. Er wird dich nur weiter mit in seinen Sumpf ziehen.”
Er hatte sich in Rage geredet. Autumn wollte das ganze als absoluten Schwachsinn abtun, aber… er hatte irgendwie Recht. Sie saß nur im Pyjama in ihrem Haus herum, wollte mit niemandem reden und suhlte sich ebenfalls in ihrem Herzschmerz und ihren Schuldgefühlen.
Sie warf Alex einen prüfenden Blick zu, der sie unverwandt ansah und vermutlich auf eine Reaktion von ihr wartete. Anstelle irgendetwas zu sagen, trank Autumn in aller Ruhe ihren Kaffee aus, stellte den leeren Becher auf dem Tisch vor sich ab und strich sich einige lose Haare aus der Stirn.
„Heute ist Freitag, oder?”
Alex sah sie an, als ob er an ihrer geistigen Gesundheit zweifelte.
„Ja, wieso?”
„Geht ihr heute Billard spielen?”

* * * * * * * * * *


Der Abend im Saloon hatte Autumn erstaunlich gut getan. Sie hatte Gelegenheit sich mit ihren Freunden zu unterhalten und sich von Abigail über den neuesten Klatsch und Tratsch in der Stadt aufklären zu lassen. Zu ihrer Erleichterung erwähnte niemand Shane. Er war nicht einmal im Saloon, was ungewöhnlich aber seltsamerweise befreiend war.
So war sie auch diesmal nicht dazu gezwungen ihm begegnen zu müssen.
Die folgenden Tage hatte sie sich besser im Griff. Sie erledigte kleinere Arbeiten auf ihrem Hof, stockte ihren Vorrat an Feuerholz auf und reparierte ein paar Zäune. Sie nahm sich sogar vor angeln zu gehen, wenn es einmal nicht schneien würde.
Als Abigail sie bei ihrem Abstecher in Pierres Laden danach fragte, ob sie zum Eisfestival kommen würde, sagte Autumn sofort zu, nicht daran denkend, was dies ebenfalls beinhalten würde.
Nun stand sie mit kalten Fingern trotz Handschuhen am zugefrorenen See westlich von Marnies Ranch und sah dem Treiben der Bewohner von Pelican Town zu. Jeder von ihnen schien ganz in seine winterliche Aktivität vertieft zu sein.
Zuerst verstand Autumn das Festival nicht. Es gab kein Essen, keine Musik, nicht einmal einen besonderen Anlass, außer dem, dass Winter war. Jeder der Dorfbewohner schien etwas anderes zu machen. Willy, Pam und Elliott hatten Löcher in die zugefrorene Oberfläche des Sees gehackt und angelten nun darin.
Leah und Robin arbeiteten an Eisskulpturen. Es wurden Schneemänner und Iglus gebaut. Alex und Sam bekriegten sich mit Schneebällen, während ein paar der älteren Dorfbewohner zusammenstanden und sich lachend über Emaillentassen mit dampfendem Inhalt unterhielten.
Autumn hatte keine Lust sich irgendeiner der Aktivitäten anzuschließen. Ihr war einfach nur kalt und sie wollte nach Hause. Stattdessen kam Gus vorbei, reichte ihr ebenfalls eine Emailletasse und goss ihr aus einer Thermoskanne heißen Glühwein ein.
Fortan stand sie mit ihrer Tasse Glühwein da und sah nicht unbedingt begeisterter dabei zu, wie die Bewohner von Pelican Town ihr Festival begingen.
Aber wenigstens hatte sie nun etwas, an dem sie sich die Finger wärmen konnte.
Trotzdem wünschte sich Autumn einfach verschwinden zu können. Es war nicht einmal so sehr der Gedanke sich in dieser Eiseskälte mit scheinbar sinnlosen Aktivitäten beschäftigen zu müssen, sondern der Fakt, dass sie dazu gezwungen war, Shane dabei zuzusehen, wie er zusammen mit Jas einen Schneemann baute.
Entweder hatte er sie noch nicht bemerkt, oder er gab sich alle Mühe nicht in ihre Richtung zu sehen. Soweit Autumn das aus dieser Entfernung überhaupt einschätzen konnte, sah er müde aus. Der Bartschatten auf seinen Wangen stand in noch stärkerem Kontrast zu seinem bleichen Gesicht. Dunkle Ringe hatten sich unter seine Augen gegraben und dennoch machte er einen entspannten, halbwegs glücklichen Eindruck, als er mit seiner Patentochter über die Planung des Schneemanns sprach.
Und wenn sie wirklich ehrlich zu sich war, dann war es genau das, was Autumn am meisten traf. Er sah glücklich aus ohne sie. Und sie wusste plötzlich nicht, ob sie das ertragen konnte. Denn sie war es nicht, ganz egal, wie sehr sie sich auch anstrengte.

Jas musste sich auf die Zehenspitzen stellen, um dem Schneemann mit den Fingern eine kleine Kuhle in die Mitte seines Gesichts zu drücken, in die sie die Karotte stopfen wollte.
Shane reichte ihr diese sofort, als sie danach verlangte. Er kam nicht drum herum amüsiert über Jas zu schmunzeln. Seine sonst so schüchterne Patentochter konnte bei solch wichtigen Unternehmungen wie dem Bauen von Schneemännern zu einer pedantischen kleinen Despotin werden.
„Möchtest du als Augen lieber Knöpfe oder Kohlen?”
„Knöpfe, bitte”, forderte Jas und stopfte sie links und recht von der Karotte in den Kopf des Schneemanns. Auch wenn sie nicht ganz herankam, ließ sie sich nicht von Shane helfen. Stattdessen gab die niedrige Platzierung der Augen dem Schneemann ein leicht einfältiges Aussehen. Irgendwie erinnerte ihn Shane ein wenig an Alex.
Jas trat ein paar Schritte von ihrem Werk zurück und besah es sich kritisch.
„Ein Zylinder wäre trotzdem besser gewesen”, sagte sie und verzog unzufrieden den Mund. Den ganzen Tag über hatten sie die Diskussion gehabt, welche Kopfbedeckung ihr Schneemann haben würde. Shane kannte niemanden ins ganz Pelican Town, der einen Zylinder besaß. Stattdessen hatten sie dem Schneemann eine alte, abgetragene Mütze von Shane aufgesetzt, die das Logo seines Colleges aufgestickt hatte.
„Ich finde, er sieht sportlich aus”, erwiderte Shane schmunzelnd.
Doch Jas verdrehte nur die Augen und stemmte die Hände in die Hüfte, so als müsste sie ihm erst einmal die Welt erklären.
„Ein Schneemann soll nicht sportlich aussehen. Er kann sich ja nicht mal bewegen, wie soll er da Sport machen?”
Sie sah sich um und sah neidvoll zu dem Schneemann von Sam und Vincent. Der trug zwar keinen Zylinder, aber eine Perücke. In Shanes Augen keine bessere Alternative, aber er wusste, dass Jas einfach nicht zufrieden mit seiner Mütze war.
Plötzlich bekam er wieder Gewissensbisse. Er mochte es nicht, Jas unglücklich zu sehen, nicht einmal wegen so etwas, wie einem Schneemann.
Er ließ sich vor ihr in die Hocke sinken und berührte sie sanft am Arm, um ihre Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. „Tut mir Leid, dass ich nichts für den Schneemann gefunden habe, das dir besser gefällt.”
Sie sah ihn aufmerksam aus ihren dunklen Augen an, zuckte jedoch mit den Schultern. „Schon okay. Ist ja nur ein Schneemann.”
„Wenn du willst, dann können wir uns für nächstes Jahr etwas anderes einfallen lassen. Wir könnten nach Zuzu City fahren und einen Zylinder kaufen. Solange er nicht so teuer ist…”
Anstelle einer Antwort ging ihr Blick noch einmal zu dem Schneeman. Sie schien seinen Vorschlag ausschlagen zu wollen, doch irgendetwas anderes schien ihre Aufmerksamkeit zu erregen.
„Hast du gesehen, dass Autumn auch hier ist?”, fragte sie leise, ohne ihn anzusehen.
Shane spürte sofort, wie sein Magen sich unangenehm zusammenzog. Sein Blick flackerte verunsichert in die Richtung, in die Jas sah.
Dort stand sie, fernab von allen anderen und sah direkt zu ihnen. Sie hatte einen Schal um ihr Gesicht geschlungen und eine Mütze aufgesetzt. Nur wenige Strähnen ihrer leuchtend roten Haare schauten heraus, was vermutlich auch der Grund gewesen war, weshalb sie ihm nicht sofort aufgefallen war.
Hastig schaute er wieder weg und kam auf die Füße.
„Ich glaube, der Schneemann braucht noch einen Mund. Was hältst du diesmal von Kohlen?”
Es war ein kläglicher Versuch gewesen, sie wieder auf die Aufgabe vor ihnen aufmerksam zu machen. Doch Jas ließ sich nicht so leicht davon abbringen, über Autumn zu reden.
„Sie steht da ganz alleine rum. Sie sieht traurig aus, findest du nicht?”
Shane wollte und konnte nicht über Autumn nachdenken, geschweige denn über sie reden. Das Loch in das er die ersten Tage nach ihrem Geburtstag gefallen war, war so tief gewesen, dass er beinahe nicht aus eigener Kraft daraus wieder hervorklettern konnte. Aber er hatte es geschafft. Der Alkohol hatte ihn wieder, aber er hatte es geschafft, wieder genug Routine in sein Leben zu bekommen, um zur Arbeit zu gehen und halbwegs vorzeigbar vor Jas und Marnie zu sein. Aber über das hinweg, was passiert war, war er nicht.
„Keine Ahnung”, entgegnete er ausweichend.
Jas sah wieder zu ihm und begann an ihrer Unterlippe herumzunagen, etwas, dass sie immer tat, wenn sie angestrengt nachdachte.
„Du bist immer noch sauer.”
„Ich bin nicht sauer!”, platzte es aus ihm heraus. Eilig blickte er sich um, ob jemand seinen Ausbruch bemerkt hatte, bevor er mit ruhigerer Stimme weitersprach. „Es geht nicht darum, sauer zu sein, Jas.”
Sie runzelte die Stirn, bevor sie damit weitermachte kleine Furchen für den Mund in das Gesicht des Schneemanns mit ihrem Finger zu bohren.
„Miss Penny sagte, dass Autumn seit Wochen nicht mehr aus ihrem Haus kommt und mit niemandem mehr spricht.”
So etwas wie Genugtuung gepaart mit sofortigen Schuldgefühlen breitete sich in Shanes Bauch aus. Wenigstens war er nicht der einzige, der litt. Gut.
„Woher weiß Penny davon?”
„Sie redet oft mit Alex, wenn wir in der Bibliothek sind.”
Shane stieß ein ungläubiges Schnauben aus. „Alex geht in die Bibliothek? Mich überrascht’s, dass er überhaupt lesen kann.”
„Sei nicht so fies, Shane!”, scholt seine Patentochter ihn. „Alex kommt in letzter Zeit immer häufiger in die Bibliothek. Manchmal macht er sogar bei unseren Übungen mit. Nur so zum Spaß.”
Also das war wirklich interessant. Alex ging freiwillig in die Bibliothek, um bei irgendwelchen Übungsstunden für die Kinder mitzumachen?
„Alex hat erzählt, dass es Autumn wirklich leid tut. Dieser… Clayton hat sie ausgetrickst und sie hat gedacht, sie würde das Richtige machen.”
Sie wandte den Kopf wieder in seine Richtung und sah ihn bittend aus großen Augen an. „Könnt ihr euch nicht wieder vertragen?”
Seine Patentochter konnte noch so flehend gucken, wie sie mochte. Aber nur der Gedanke an das, was Autumn getan hatte, hinterließ ein merkwürdig brennendes Gefühl in seiner Brust zurück.
Endlich fasste Shane sich ein Herz und sah noch einmal in die Richtung, wo Autumn vorhin gestanden hatte. Doch jetzt sah er nur noch ihren Rücken, kurz bevor sie in den schmalen Pfad einbog, der zu ihrer Farm führte.
Unerwarteterweise fühlte er so etwas wie Enttäuschung.
„Nein, Jas. Ich denke, wir werden uns nicht wieder vertragen.”

* * * * * * * * * *


Autumn saß auf ihrer neuen gelben Couch. Sie hatte sich in einem plötzlichen Anflug von Häuslichkeit und kurzzeitig zurückkehrender Energie eine kleine Wohnecke in ihrer Küche eingerichtet. Doch der zurückgewonnene Antrieb war so schnell wieder gewichen, wie er gekommen war.
Trotz allem hatte sie in den letzten Tagen wenigstens versucht irgendetwas Produktives zu tun. Ihr Plan war gewesen, etwas zu stricken. Vielleicht einen neuen Schal oder ein Paar Fäustlinge, irgendetwas, das nur für sie selbst sein sollte.
Also hatte sie sich mit ihrem Strickzeug auf die Couch gesetzt, sich ein Glas Wein eingegossen und den kleinen Fernseher zur Gesellschaft eingeschaltet. Dann war ihr aufgefallen, dass die Stricknadeln, die sie für ihr neues Projekt benötigte noch immer einen Teil des Pullovers hielten, den sie für Shane hatte stricken wollen.
Für mehrere Minuten hatte sie betroffen auf das Strickstück gestarrt und nicht gewusst, was sie machen sollte. Ihr erster Reflex war es gewesen einfach alle Maschen von der Nadel zu schieben und alles aufzulösen. Aber sie hatte bereits so viel Arbeit hineingesteckt. Sie war dabei gewesen einen der Ärmel zu stricken. Sie hatte sogar zwischenzeitlich ihr Konzept geändert und sich gegen das anfängliche Pullovermodell entschieden, um eine Jacke mit Kapuze daraus zu machen.
Schließlich war sie zum Schluss gekommen, dass es das einzig vernünftige wäre einfach weiterzustricken. Sie würde alle Teile fertigstellen, sie zusammennähen und einen Reißverschluss hinzufügen. Sie würde ihm das Ding wie geplant zum Fest des Wintersterns schenken, ob er es nun haben wollte oder nicht. Aber sie hatte es nun einmal angefangen und sie würde es zu Ende bringen.
Also saß sie zusammen mit Samson auf der Couch und strickte den Ärmel zu Ende, während im Fernsehen der typische Vormittagsquatsch lief. Erst irgendein Frühstücksfernsehen und danach diverse Kochshows.
Wenige Stunden, dreieinhalb Gläser Wein und anderthalb Ärmel später war es vollbracht. Ihr tat der Rücken weh, vom Sitzen in angestrengt nach vorn gebeugter Position, aber sie fühlte sich tatsächlich ein klein wenig stolz darauf, was sie geschafft hatte.
Ihr Kopf schwirrte ein wenig vom Wein. Es war ein angenehmes Gefühl, dass ihr seit langer Zeit mal wieder eine ungewohnte Leichtigkeit verlieh. Und dennoch drehten sich ihre Gedanken unverändert nur um Shane. Sie hatte es völlig versaut. Und sie vermisste ihn jeden Tag.
Vielleicht hatte Alex ja recht. Vielleicht hatte sie zu krampfhaft versucht Shane zu helfen. Ihn irgendwie zu verändern. Aber das… stimmte so nicht ganz.
Natürlich wollte sie ihm helfen. Aber nur insofern, dass es ihm gut ging. Sie hatte sich nie eingebildet zu glauben, sie wüsste was er brauchte, damit es ihm gut ging. Sie hatte ihm nie gesagt, er müsse aufhören zu trinken. Ganz im Gegenteil. Sie hatten sich beim Gridballspiel ein Sixpack geteilt und zusammen Bloody Marys getrunken. Und genauso hatte sie seine Entscheidung akzeptiert mit dem Trinken aufzuhören. Sie mochte Shane so wie er war.
Schließlich hatte sie ihn schon bei ihrer ersten Begegnung im Frühling irgendwie anziehend gefunden. Sie war versehentlich spätnachmittags auf dem Weg in die Stadt in ihn hineingerannt.
Mit heißen Ohren hatte sie sich bei ihm entschuldigt. Er hatte irgendetwas unverständliches gemurmelt, ohne sie direkt anzusehen. Als ihr aufgegangen war, dass es sich bei ihm um den mysteriösen Neffen von Marnie handeln musste, dem sie in ihrer erster Woche in Stardew Valley nicht ein einziges Mal über den Weg gelaufen war, hatte sie sich bei ihm vorgestellt. Ihr war der augenblickliche, irritierte Ausdruck auf seinem Gesicht nicht entgangen. Wie er ihre ausgestreckte Hand beäugt hatte, ohne sie zu schütteln, nur um dann ein ärgerliches „Ich muss weg” auszustoßen und sie einfach stehen zu lassen.
Er war der erste Mensch in Pelican Town gewesen, der sie nicht mit einem freundlichen Lächeln und einer Höflichkeitsfloskel begrüßt hatte. Sie fand gerade seine No-Bullshit-Einstellung so interessant an ihm. Es war etwas, dass Autumn ganz und gar fehlte.
Seit dem Tod ihrer Schwester vor neun Jahren hatte sie immer wieder mit Depressionen zu kämpfen. Um sich davon abzulenken, hatte sie sich gerade in ihrer College-Zeit zu einem absoluten Workaholic entwickelt. Sie war allerdings nie jemand gewesen, dem es Spaß gemacht hatte sich in ihre Arbeit oder ihr Studium zu stürzen. Sie fühlte sich verpflichtet es zu tun. Denn sonst, so befürchtete sie, würde sie wieder in ihre Depression fallen. Und genau das schien ihr auch jetzt während des Winters auf ihrer Farm zu passieren.
Um vor ihren Eltern, ihren Kommilitonen oder ihren Arbeitskollegen, Peyton eingeschlossen, ihre emotionale Instabilität und ihre persönlichen Dämonen zu verstecken, war sie Anderen stets mit einem gut gelaunten Lächeln entgegen getreten. Ihre Strategie war es gewesen: Wenn die anderen nicht merken, dass mit dir etwas nicht stimmt, dann merkst du es vielleicht selbst nicht.
Mit einem Anflug von Bitterkeit leerte Autumn ihr Glas Wein.
Sie hasste dieses Gefühl nichts mit sich selbst anfangen zu können. Voll und ganz ihren schlechten Emotionen und ihrer Angst ausgeliefert zu sein.
Und genau aus diesem Grund musste sie weitermachen. Sie suchte in ihrem Strickkörbchen nach ihrer Stopfnadel, die sie dazu benutzte, um die einzelnen Strickstücke zu vernähen. Doch ganz egal wie lange sie in dem Korb suchte, sie konnte das kleine Etui mit der Nadel nicht finden.
Entnervt seufzend kam sie auf die Beine und lief in ihr Schlafzimmer. Sie suchte auf ihrem Nachttisch, in der Kommode, sogar unterm Bett und kroch auf dem Teppich herum, um die plüschigen Fasern mit flachen Händen abzutasten. Danach durchsuchte sie noch einmal alles, ging zurück ins Wohnzimmer, um noch einmal die Couch abzusuchen. Doch die Stopfnadel blieb verschwunden.
Plötzlicher Ärger überkam sie. Wo war diese verflixte Stopfnadel? Seitdem Peyton hier gewesen war, konnte sie sich nicht sicher sein, dass er nicht noch mehr in ihrem Haus angerichtet hatte, als nur unerlaubt eine Flasche Wein ihres Großvaters zu trinken. Vielleicht hatte er in ihrem Schlafzimmer herumgeschnüffelt und dabei war ihm die Stopfnadel sonst wohin gefallen.
„Ugh!”, machte sie frustriert, bevor sie sich einen weiteren Schluck Wein eingoss und ihn trank. Wäre er doch niemals hierhergekommen!
Doch es half alles nichts. Autumn warf einen Blick auf die Küchenuhr. Die Zeiger standen auf halb vier.
Sie ließ das leere Weinglas, die schlafende Katze und ihr Strickzeug zurück und lief wieder in ihr Schlafzimmer um sich umzuziehen.
Draußen fielen dicke, träge Flocken vom Himmel und es war noch genauso kalt, wie am Morgen, als sie die Tiere füttern gewesen war. Eiligen Schrittes lief sie am Bus Stop vorbei ohne auf ihre Umgebung zu achten. Ihr Ziel war Pierres Laden, der nicht mehr lange aufhaben würde.
Es wurde bereits jetzt langsam dunkel und die Straßenlaternen schalteten sich ein, als sie über den Stadtplatz lief. Als sie die Türklinke zum Laden nach unten drückte, gab die Tür jedoch nicht nach. Es war abgeschlossen.
Abermals kochte Ärger in ihr hoch, als ihr Blick auf das Schild mit den Öffnungszeiten fiel. Mittwoch geschlossen.
Für ein paar Minuten blieb sie direkt vor der geschlossenen Ladentür stehen und war kurz davor zu verzweifeln. Was sollte sie denn jetzt tun? Bis morgen zu warten erschien ihr unaushaltbar. Sie brauchte irgendetwas zu tun! Ein weiterer Nachmittag, den sie mit einem Serienmarathon vergammelte, würde sie vermutlich in den Wahnsinn treiben.
Autumn konnte nichts dagegen tun, dass ihre Schritte sie automatisch in den östlichen Teil der Stadt führten. Ihr Herzschlag schien mit jedem Schritt lauter in ihren Ohren zu dröhnen.
Okay, ganz ruhig! Ich gehe nur kurz rein, schaue nach, ob sie eine Stopfnadel haben und dann gehe ich wieder raus. Ganz easy.
Doch sie glaubte nicht einmal der Stimme in ihrem Kopf.
Trotzdem versuchte Autumn ihr ungutes Gefühl einfach hinunterzuschlucken und betrat mit kribbelndem Gesicht den Jojamarkt.
Drinnen fühlte sie sich sofort geblendet. Das helle Leuchten der Neonröhren an der Decke tat ihr regelrecht in den Augen weh. In Autumns Heimatstadt wurde in den großen Jojamärkten stets diese jazzige Fahrstuhlmusik gespielt. Aber hier hörte sie nur das monotone Summen der Tiefkühltruhen.
Mit steifen Schritten und ohne sich nach links und rechts zu drehen, begann sie die Regale abzulaufen auf der Suche nach der Kurzwarenabteilung. Ihr Herz machte einen erleichterten Hüpfer, als sie es endlich gefunden hatte.
Langsam ging sie den Gang ab, den Blick fest auf das Regal geheftet. Sie sah alles mögliche: Knöpfe, Schnallen, Stoffe, Zwirne, noch mehr Garne und auch Nadeln. Aber wo war die verfluchte Stopfnadel? Angestrengt suchte sie das Regal mit den Augen ab, während sie mit gesteigerter Wahrnehmung ihre Umgebung in sich aufnahm. Das unangenehme Summen der Tiefkühltruhen und die sonstige Stille im Laden schien ihr in den Ohren zu schreien. Sie erwartete, dass jederzeit irgendjemand in ihren Gang kommen würde, um ihr vorzuwerfen, dass sie sich merkwürdig verhalte. Vielleicht würde man sie noch wegen vermuteten Ladendiebstahls verhaften lassen?
Autumn hätte am liebsten vor Freude geweint, als sie endlich eine Stopfnadel fand, die sogar zur Dicke ihres Strickgarns passte. Hastig riss sie die kleine Plastikschachtel von ihrer Halterung, nahm sich noch einen Reißverschluss und wollte sich gerade umdrehen, um zur Kasse zu gehen.
Doch sie blieb wie angewurzelt stehen, als sie eine Bewegung aus dem Augenwinkel registrierte.
Sie drehte reflexartig den Kopf und spürte, wie sich ihr Herzschlag noch weiter beschleunigte.
Es war tatsächlich Shane gewesen, der in gelangweilter Seelenruhe an ihrem Gang vorbeigelaufen war, auf dem Arm eine Kartonpalette Dosen.
Autumn stand mit angespannten Schultern da. Sie fühlte sich wie eine dieser typischen Opferfiguren in einem Thriller, die den Mörder zwischen den Schlitzen in einem Wandschrank beobachtete und versuchte nicht zu atmen, um die Aufmerksamkeit des Mörders nicht auf sich zu lenken. Aber natürlich atmete sie dann besonders laut, der Mörder fand sie und die Kamera zeigte, wie das Blut auf die Schrankwand spritzte.
Aber Shane war kein Mörder. Er war nicht der Böse in ihrer Geschichte. Und er hatte sie nicht einmal gesehen.
Autumn wusste, sie sollte sich einfach umdrehen, zur Kasse gehen und so tun, als wäre sie niemals im Jojamarkt gewesen. Auch wenn die Stimme in ihrem Kopf ihr all diese Dinge regelrecht zubrüllte, entschied sich ein anderer, stärkerer Teil von ihr dagegen.

Shane stieß ein angestrengtes Grunzen aus, als er die Palette mit den Dosen voll Cranberrysoße auf den Tisch vor sich stellte. Morris wollte, dass er eine beschissene Dosenpyramide daraus baute. Von wegen besonderes Sonderangebot zum Fest des Wintersterns. Zum Aufschichten kam auch hinzu, dass er die Dosen einzeln neu etikettierte. Man bekam zwei Dosen Soße zu einem besseren Preis. Also eigentlich war das Angebot gar nicht so wahnsinnig gut. Joja wollte einfach nur mehr von ihrem Scheiß auf einmal verkaufen.
Und das allerschlimmste war: es funktionierte. Shane hätte den treulosen Bewohnern von Pelican Town doch mehr zugetraut. Anstatt dass sie zu Pierre hielten und ausschließlich in seinem Laden einkauften, gingen sie dorthin, wo sie das scheinbar bessere Geschäft machten.
Routiniert schnitt er die Plastikfolie mit seinem Teppichmesser auf, um die Dosen aus der Palette zu holen, als er hinter sich Schritte hörte. Er erwartete bereits, dass Morris ihn von hinten anschnauzen würde, weil er irgendetwas falsch machte, doch es blieb still hinter ihm, obwohl das Schrittgeräusch direkt hinter ihm verklungen war. Vielleicht irgendein Kunde, der sich ein anderes Regal besah.
Ungeachtet dessen machte er damit weiter, die Dosen auf den Tisch zu stellen.
„Shane?”
Er hatte das Gefühl, dass das Blut in seinen Adern gefrieren würde.
Perplex drehte er sich um und starrte Autumn aus geweiteten Augen an. Was wollte sie hier? Es war das erste Mal seit Wochen, dass er sie wieder aus der Nähe sah. Und irgendwie gefiel ihm nicht, was er sah. Sie sah blass aus und irgendwie… krank. Ihre Wangen wirkten eingefallener und merkwürdig gerötet. Und nicht auf die Art, wie sie vor Verlegenheit pink im Gesicht wurde. Auch nicht die Art, wie jemand, der aus der Kälte draußen hereinkam. Shane kannte diese Art von Gesichtsröte nur zu gut. Sie hatte getrunken.
„Ich muss arbeiten”, sagte er einfach nur. Und es stimmte. Er konnte sich nicht von seinem Job ablenken lassen und musste diese beschissenen Dosen stapeln.
Er drehte sich wieder um und fuhr mit seiner Arbeit fort, doch Autumn schien sich nicht so einfach von ihm abwimmeln zu lassen.
Sie stellte sich neben den Tisch mit den Dosen und sah zu ihm empor.
„Ich wollte dir nur sagen, dass ich weiß, was ich falsch gemacht habe”, fing sie an zu sprechen und mit jedem Wort, das sie sagte, wurde die Verzweiflung in ihrer Stimme immer deutlicher. „Ich habe vermutlich nicht genug darüber nachgedacht. Ich habe wirklich gedacht, ich würde das Richtige tun. Ich habe gedacht, dass ich dir damit irgendwie helfen könnte. Alex sagte, ich soll damit aufhören immer helfen zu wollen. Und dann wurde mir klar, dass-”
Sie sprach schnell und undeutlich. Es war offensichtlich, dass sie aufgeregt war und neben sich stand. Und das schlimmste war, dass Shane sich immer schlechter fühlte, je mehr sie sagte.
Ganz im Gegensatz zu ihm, hatte Autumn nicht versucht irgendwie mit der Situation, so wie sie jetzt war, klarzukommen. Shane hatte sich damit abgefunden, dass er und Autumn einfach nicht sein sollten. Nicht sein konnten.
Sie war wie eine fremde Spezies. Aufregend, wunderschön, aber völlig inkompatibel. Er war nicht der Richtige für sie und er hatte das akzeptiert. Aber Autumn suchte noch immer den Fehler bei sich selbst, versuchte sich zu entschuldigen und das, was auch immer sie für kurze Zeit miteinander gehabt hatten, zu kitten.
Und das ganze machte ihn krank.
„Hör zu!”, unterbrach er sie heftig. „Ich kann jetzt nicht mit dir reden. Ich arbeite!”
Ihr Blick huschte aufgeregt zwischen seinen Augen hin und her. „Okay”, erwiderte sie mit bebender Stimme. „Wann dann? Heute Abend? Im Saloon?”
Es machte ihn seltsamerweise ärgerlich, dass sie so hartnäckig war. Verstand sie denn nicht, dass sie beide keine Zukunft miteinander hatten? Er zog sie sogar mit runter, wenn er versuchte sich von ihr fernzuhalten.
Ganz egal, wie viel sie getrunken hatte, es entsprach nicht einmal annähernd der Menge, die Shane morgens brauchte, um überhaupt zur Arbeit zu gehen. Er hatte regelmäßig getrunken seit er 16 war und würde vermutlich auch nie wieder davon loskommen. Und Autumn hatte etwas Besseres verdient, als seine Kotze wegzuwischen, wenn er abends aus dem Saloon nach Hause kam. Oder morgens die Laken zu wechseln, weil er so besoffen ins Bett gefallen war, dass er sich vollgepisst hatte. Sie sollte nicht seine Launen miterleben, sich von ihm anschreien oder vollheulen lassen.
Sie brauchte irgendjemand Anständiges. Jemand Verlässliches mit einem guten Job, der keinen ganzen Container seelischen Ballast mit sich herumschleppte.
„Autumn, geh nach Hause”, flehte er leise. Sein beschissenes, kleines Herz fühlte sich an, als würde es sterben. Doch er versuchte standhaft zu bleiben.
„Aber…”
„Hör endlich auf damit! Es ist alles gesagt worden! Ich will nichts mehr davon hören!”
Er war laut geworden und seine Worte hatten sich fies angehört. Und kaum waren sie gesagt, fühlte er sich schrecklich. Aber sie verfehlten nicht ihre Wirkung.
Autumn starrte ihn für mehrere Sekunden so schockiert an, als wäre sie kurz davor in Tränen ausbrechen.
„Shane!”
Scheiße!
„Private Unterhaltungen während der Arbeitszeit sind untersagt!”, schnauzte ihn Morris an, der plötzlich aus einem Gang hinter Autumn aufgetaucht war. „Das bedeutet Überstunden für dich!”
Shane nickte betreten und hoffte, dass Autumn endlich abhauen würde.
Sie sah blinzelnd von ihm zu Morris. Dann warf sie ihm einen letzten Blick zu, der - absichtlich oder nicht - so voller Vorwurf war, dass er hätte kotzen können.

Autumn ging so schnell sie konnte, ohne ins Rennen zu verfallen zur Kasse. Sie warf die zwei Sachen aufs Band und kramte ihren Geldbeutel aus der Tasche.
Es verlangte ihr alles an Selbstkontrolle ab, nicht vor der Kassiererin in Tränen auszubrechen.
Dann hielt sie inne. Sie wusste, dass abgesehen von Shane noch Pam und Sam im Jojamarkt arbeiteten, aber die Frau an der Kasse war ihr unbekannt.
„Macht 328,49”, teilte sie ihr kaugummikauend mit.
Autumn warf ihr einen irritierten Blick zu, bevor sie das Geld aus ihrem Portemonnaie holte.
„Sind Sie neu in der Stadt?”, fragte sie neugierig und räusperte sich, weil sie merkte, dass sie wie kurz vorm Heulen klang.
Die blonde Kassiererin, die vermutlich in ihren Vierzigern war, verzog ihren rosa angemalten Mund zu einem Schmunzeln. „Nee, Schätzchen. Ich komm’ aus Zuzu City. Fahre jeden Morgen mit dem Bus her. Hab gehört der Jojamarkt hier hat expandiert und deshalb gab’s hier ein paar neue Stellen.”
Der Bus? Doch nicht etwa der Bus, mit dem sie im Frühling hierhergekommen war und der kurz danach eine schwere Panne hatte, die der Bürgermeister nicht aus der Stadtkasse beheben lassen konnte?
„Ich wusste gar nicht, dass der Bus wieder fährt”, murmelte sie und nahm das Wechselgeld entgegen.
„Erst seit ein paar Wochen. Anscheinend kam die Initiative von Joja höchstpersönlich den Bus wieder zum Einsatz zu bringen.”
Oh Yoba. Autumn bekam plötzlich ein mieses Gefühl bei der Sache. Irgendwie wusste sie, dass Peyton etwas damit zu tun haben musste. Nur wieso?
Als sie den Laden verließ, sah sie den Kaffeestand, den Alex erwähnt hatte. An der Theke stand ein gelangweilter Mittzwanziger, der Evelyn eine Tüte mit Croissants reichte.
Wozu all die Mühen diesen Jojamarkt so aufzubauen, wie die in den großen Städten. Was führte Peyton nur im Schilde?

* * * * * * * * * *


Shane ließ die gewohnte Musik des Saloons über sich hinwegspülen. Er saß über seinem vierten Whiskey und versuchte diesen beschissenen Tag hinter sich zu lassen. Morris hatte ihn erst nach sieben aus dem Jojamarkt gelassen und das alles nur weil…
Nein! Shane wollte nicht an Autumn denken.
Er trank sein Glas auf ex und kniff die Augen zusammen. Sie sollte endlich verschwinden! Aus seinem beschissenen Leben und aus seinen Gedanken. Sie machte alles nur schlimmer. Wieso verstand sie nicht, dass er sie nicht mehr sehen wollte?
Er hatte sie angeschrien und sogar eine Bierdose nach ihr geworfen. Was sollte er denn noch tun, damit sie ihn endlich in Ruhe ließ?
Shane winkte Emily heran und verlangte gleich nach zwei weiteren Shots.
Zögerlich schien sie ihn zu betrachten, kam jedoch seinem Wunsch nach und stellte ihm zwei neugefüllte Gläser Whiskey hin.
Im Saloon war heute wenig los. Nur Pam hockte auf ihrem Stammplatz am anderen Ende der Bar und starrte trübsinnig in ihr Bierglas. Anscheinend verleitete der Mangel an Kundschaft Emily ausgerechnet jetzt dazu, sich vor Shane auf die Theke zu stützen und ihn besorgt anzusehen.
„Ist alles in Ordnung bei dir?”, fragte sie sanft. „Du siehst gestresst aus.”
Eigentlich hatte Shane nichts gegen Emily. Aber heute war ihm alles andere danach mit ihr zu reden.
„Morris, der Wichser, hat mich länger bleiben lassen. Das ist alles.”
Er wich ihrem Blick aus und befingerte eins der Shotgläser. Konnte sie ihn nicht einfach in Frieden lassen, damit er weiter seinen düsteren Gedanken nachhängen konnte?
„Okay”, erwiderte sie und nickte nachdenklich. „Oder ist es wegen… Autumn?”
Unwillkürlich zuckte sein Kopf nach oben. Die eindeutige Neugier auf ihrem Gesicht wurde durch Schuldbewusstsein ersetzt, als sein Blick sie traf. „Tut mir Leid, dass ich so direkt bin. Aber mir war gleich klar, dass deine Rückkehr in den Saloon etwas mit ihr zu tun haben musste.”
Wut kochte in ihm auf. „Ach, und wieso war dir das so klar?”
Sie zuckte mit den Schultern. „Du hattest mir von eurem Treffen bei ihr erzählt, weißt du noch? Du hast gesagt, sie würde dich nur verarschen.”
Shane erinnerte sich. Es war ein ähnlicher Abend wie heute gewesen. Er hatte sich fast blind getrunken, nachdem Autumn ihn gefragt hatte, ob er irgendjemanden aus der Stadt mochte und sich danach an ihn gelehnt hatte und eingeschlafen war. Das ganze hatte ihn damals so durcheinander gebracht. Er verstand bis heute nicht, was sie an ihm gefunden hatte. Warum sie ihre Zeit lieber mit ihm verbracht hatte, als mit sonst irgendwem.
Er hatte Autumn an Luau beobachtet, wie sie in ihrem engen, grauen Kleid zusammen mit den anderem am Strand gesessen hatte. Zwischen Abigail, Sam, Sebastian, Alex und Haley hatte sie so jung und trendy wie aus einer Werbung ausgesehen. Es war verrückt, wie natürlich und unkompliziert sie in die Gruppe hineingepasst hatte. Shane dagegen hatte nur in der Gesellschaft seines Bechers mit Punsch auf einer Bank gesessen. Er hatte seine löchrige Jojajacke getragen, die an den Ärmeln ausgefranst war und sich an den Rändern auflöste, dazu seine alten Cargoshorts, die schon seit acht Jahren nicht mehr modern waren.
Er hatte sich selbst mit ihr verglichen und sofort gewusst, dass sie nichts miteinander verband. Dass der Unterschied zwischen ihnen so gewaltig war, dass er sich dafür schämte auch nur einen winzigen Gedanken daran verschwendet zu haben, wie es wäre ein Teil ihrer Welt zu sein. Das ganze war so lächerlich, dass sie ihn einfach verarscht haben musste mit ihrer blöden Einladung, ihren blöden, albernen Flirtversuchen und der wiederholten Frage nach einem Date mit ihm.
Und er hatte Emily in seiner Volltrunkenheit die Hucke vollgeheult.
„Und dann bist du mit ihr zusammen zur Quallenwanderung aufgetaucht. Und ihr seit Händchenhaltend über die Messe gelaufen. Also…?”
Er wollte wirklich, dass sie aufhörte zu reden und ging. Allein die Erinnerung an die Stardew Valley Messe fraß ihm regelrecht ein Loch in den Bauch.
„Ihr hattet was am Laufen, oder?”, stocherte sie quälend weiter.
Shane hob das nächste Glas und trank es in einem Zug aus. Das zweite gleich hinterher. Der Alkohol brannte in seinem Hals, in seinem Bauch und auch in seinem Hirn. Es war genau das, was er jetzt brauchte. Etwas, das seine Gedanken an Autumn einfach wegbrannte.
„Wir hatten was am Laufen”, gab er schließlich zu. Shane spürte, wie es ihm immer schwerer fiel, die Wörter, die er sprach, deutlich zu artikulieren. „Und jetzt ist es vorbei.”
„Was ist passiert?”, wollte Emily wissen und goss ihm nebenbei den nächsten Drink ein.
Wie hypnotisiert starrte Shane auf die braune Flüssigkeit, die sie in sein Glas goss.
„Ist das nicht offensichtlich?”, fragte er sie voll Bitterkeit. „Sie hat gemerkt, dass… ich nicht das bin, was sie will.”
„Oh, Shane…”
In ihren Augen lag ehrliches Bedauern. Er hatte die stets gut gelaunte Emily selten so gesehen wie jetzt. Aber es machte ihn fertig, dass nicht einmal sie so etwas sagte, wie: „Dann ist sie selbst dran schuld.” „Sie hat dich nicht verdient.” Oder: „Sie weiß gar nicht, was ihr da entgeht. Jedes Mädchen sollte sich glücklich schätzen, jemanden wie dich zu haben.”
Dieser ganze Quatsch, den man in diesen typischen romantischen Komödien im Fernsehen sieht eben. Nichts davon passte auf Shane. Keine Frau würde es je bereuen, jemanden wie ihn verloren zu haben. Er war derjenige, der jemanden wie Autumn nicht verdient hatte.
Er trank den nächsten Shot und hatte das Gefühl damit nur noch mehr in seiner eigenen Trübsal zu ertrinken. Er wollte einfach nur noch in sein Bett und die Augen zumachen. Und sie möglicherweise auch nie wieder öffnen.
„Ich muss gehen”, teilte er Emily grimmig mit. Er konnte ihren mitleidigen Blick nicht länger ertragen.
Er kramte seinen Geldbeutel aus seiner Hosentasche, warf einen Geldschein auf die Theke und rutschte von seinem Barhocker. Die Welt schien sich zu drehen. Aber noch nicht genug, als dass Shane seinen Weg nicht nach Hause finden würde.
Er war noch geistesgegenwärtig genug seinen Schal umzubinden und seine Jacke zu schließen, bevor er nach draußen in die Kälte trat.
Draußen wehte ihm ein eisiger Wind entgegen und Schneeflocken klatschten in sein Gesicht. Shane fluchte leise, während er sich wankend auf den Weg nach Hause machte. Als er die Ranch endlich erreichte, konnte er sein Gesicht nicht mehr spüren. Er wusste nicht, ob vom Alkohol oder von der Kälte.
Der Kampf um sein Gleichgewicht nahm ihn so sehr mit, dass er sich beim Aufschließen der Haustür dagegen lehnen musste, um nicht rückwärts zu fallen. Kaum klickte der Schlüssel im Schloss, sprang die Tür durch sein Körpergewicht auf und krachte gegen die dahinter liegende Wand. Shane selbst fiel vornüber ins Innere des Hauses und konnte sich gerade so an der Wand abfangen.
Sofort hörte er eilige Schritte. Das Licht im Flur wurde eingeschaltet und er sah sich seiner Tante gegenüber, die in Plüschpantoffeln und Bademantel vor ihm stand.
„Shane! Ist alles in Ordnung?”
Anstatt zu antworten, ließ er die Tür gedankenlos hinter sich ins Schloss fallen.
„Jas schläft schon”, teilte Marnie ihm mit. Ihre anfängliche Sorge wandelte sich langsam in Ärger um. Vermutlich hatte sie gedacht, Shane hätte versehentlich etwas kaputtgemacht, oder war im Dunkeln über ein paar Schuhe gestolpert, die im Flur standen. Doch als sie ihm dabei zusah, wie er versuchte seine eigenen Sneakers von seinen Füßen zu treten und dabei schwankend um sein Gleichgewicht bemüht war, schien ihr klarzuwerden, in welchem Zustand ihr Neffe nach Hause gekommen war.
Doch Shane war das herzlich egal.
„Du warst wieder im Saloon”, stellte sie fest und verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich werde mit Gus sprechen müssen.”
„Das wirst du nicht”, erwiderte Shane grollend. Zum wiederholten Mal an diesem Tag spürte er, wie der Ärger in ihm hochstieg. Er hasste es so von ihr bevormundet zu werden. „Du bist nicht meine Mutter!”
Eine tiefe Zornesfalte entstand auf der Stirn seiner Tante. „Nein, aber ich dulde es nicht länger, dass du ständig betrunken in mein Haus kommst. Verdammt nochmal, Shane! Du warst beim Entzug! Ich dachte, es würde sich alles ändern, nachdem Harvey dich nach Zuzu City geschickt hatte. Du wolltest doch auch dorthin, oder? Du wolltest doch damit aufhören.”
Er zerrte sich den Schal von seinem Hals und warf ihn auf die Garderobe. Dann lief er wortlos an Marnie vorbei in die Küche.
„Sag’s mir, Shane! Was hat sich geändert? Warum hast du deine Pläne über den Haufen geworfen? Wann hast du entschieden, dass all deine Bemühungen von diesem Teufelszeug loszukommen, umsonst gewesen sind?”
Er versuchte ihr Gezeter zu ignorieren und ging zum Kühlschrank, um sich ein Bier herauszunehmen.
„Es hat mit Autumn zu tun, stimmt’s? Ich weiß, dass irgendetwas an ihrem Geburtstag vorgefallen ist-”
Das brachte das Fass zum Überlaufen. Shane wirbelte zu seiner Tante herum. „Ja, es hat was mit ihr zu tun! Es hat alles mit ihr zu tun! Ich habe gedacht, dass ich mich für sie ändern könnte! Dass ich aufhören könnte, mich jeden Tag zu betrinken! Und ich habe gedacht, dass das reichen würde! Aber ich kann nunmal nicht ändern, was für ein beschissener Loser ich bin!”
Marnie starrte ihn für mehrere Sekunden betreten an. Vermutlich hätte sie nie damit gerechnet, dass Shane in der Lage war sie anzuschreien. In der Regel verkroch er sich schlimmstenfalls in seinem Zimmer und sprach tagelang mit niemandem.
Aber diese Möglichkeit wurde ihm diesmal verwehrt. Von allen Leuten, die ihn heute angesprochen hatten, was denn mit ihm los sei. Ob alles in Ordnung sei. Ob Autumn etwas damit zu tun hatte.
Und obwohl er genug intus hatte, um nicht mehr ordentlich geradeaus zu laufen, schaffte der Alkohol es diesmal nicht ihn in Gleichgültigkeit zu ertränken. Ihm war nach Heulen zumute.
„Shane?”, hörte er eine dünne Stimme hinter Marnie.
Seine Tante trat zur Seite und Jas kam zum Vorschein, die sich am Rahmen der Küchentür festhielt. Ihr besorgter Gesichtsausdruck und der unschuldig kindliche Aufdruck auf ihrem Pyjama machte alles nur noch schlimmer.
„Geh wieder schlafen, Jas”, sagte er mit merkwürdig zitternder Stimme. „Es ist alles okay.”
Ihre dunklen Augen gingen verunsichert von ihm zu Marnie. Dann drehte sie sich um und schlurfte zurück zu ihrem Zimmer.
All die zurückgehaltenen Emotionen drohten erneut in Shane hochzukochen, sobald Jas die Tür hinter sich geschlossen hatte. Marnie sah ihn mit einer Mischung aus Sorge und Vorwurf an.
„Ich weiß nicht, was zwischen dir und Autumn vorgefallen ist”, sagte sie seufzend. „Und du musst es mir auch nicht erzählen, aber… ich weiß, dass du dich ändern kannst. Du hast es doch schon einmal so weit gebracht. Ändere dich für Jas. Sie braucht dich, mehr als du ahnst.”
Die Hitze brannte hinter seinen Augen. Jas zu enttäuschen war das letzte, was er wollte. Aber er wusste beim besten Willen nicht, wie er noch einmal die Kraft finden konnte, sich vom Alkohol zu trennen. Auf was konnte er sich sonst freuen, wenn nicht auf seinen abendlichen Drink? Wie sollte er die endlosen Tage im Jojamarkt aushalten, die ebenso endlosen Wochenenden in der Einsamkeit seines Zimmers?
„Vielleicht sollte ich einfach von hier abhauen”, sagte er nachdenklich mehr zu sich selbst, als zu Marnie.
„Und dann was? Wo willst du denn hin?”
„Nach Zuzu City”, erwiderte er achselzuckend. „Oder in irgendeine andere Großstadt.” Irgendwohin, wo es genug Leute gab, damit er einfach in der Masse untertauchen konnte. Wo er nicht von allen um sich herum verurteilt und bevormundet wurde. Er hatte es so satt.
„Und was ist mit Jas? Willst du sie hier zurücklassen?”, fragte seine Tante vorwurfsvoll. Wie sie ihn so sorgenvoll ansah, sah sie mindestens zehn Jahre älter aus.
„Nein”, erwiderte Shane heftig. Er könnte Jas niemals zurücklassen. Das hatte er ihr schließlich versprochen. „Jas kommt mit mir mit.”
„Und wie willst du dir die Miete in einer Großstadt leisten?”
Darauf erwiderte Shane nichts. Er hatte seiner Tante nichts von seinem aufgebesserten Gehalt erzählt. Schließlich würde das zu unangenehmen Fragen nach der Ursache führen.
Doch langsam begann sich ein Plan in seinem Kopf zu formen. Er könnte ein bisschen Geld sparen und sich von hier aus nach einer günstigen Wohngelegenheit und einem Job in Zuzu City erkundigen. Schließlich fuhr der Bus auch wieder. Vielleicht konnte er sogar zu Bewerbungsgesprächen gehen oder direkt vor Ort nach einer Wohnung suchen.
Jas würde ab dem nächsten Jahr sowieso nach Zuzu City fahren müssen, um zur Junior High zu gehen.
Anstatt auf die Frage zu antworten, nahm er sich wie geplant eine Bierdose aus dem Kühlschrank, lief an Marnie vorbei in sein Zimmer. Er drehte den Schlüssel im Schloss um und ließ sich auf sein Bett sinken. Während er den Verschluss der Dose öffnete, rechnete er halb damit, dass Marnie gegen seine Tür klopfen und weiter auf ihn einreden würde. Doch es blieb eine ganze Weile still. Dann hörte er ihre Schritte an seinem Zimmer vorbeigehen und Shane konnte sich schließlich entspannen. Er nahm einen Schluck von seinem Bier und merkte, dass er eigentlich keine Lust darauf hatte. Aber er trank es trotzdem.
Er war kurz davor mit der geöffneten Bierdose in der Hand an die Wand angelehnt im Sitzen einzuschlafen, als das Geräusch eiliger Schritte erklang. Energisches Klopfen an seiner Tür riss ihn endgültig aus seiner Lethargie.
„Was?!”, blaffte er die abgeschlossene Tür an.
„Shane! Jas ist verschwunden!”

* * * * * * * * * *


Es musste mitten in der Nacht sein, als Autumn scheinbar ohne Grund aus dem Schlaf hochschreckte. Sie saß im Dunklen ihres Zimmers. Nur das kalte Licht des Fernsehers, der noch immer lief, strahlte ihr ins Gesicht.
Stöhnend setzte sie sich auf und hielt Ausschau nach der Fernbedienung. Draußen zerrte der Wind am Haus und ließ die Dachbalken stöhnen.
Als sie nach dem Debakel im Jojamarkt nach Hause gekommen war, hatte sie den Fernseher eingeschaltet, sich unter ihrer Bettdecke verkrochen und geheult. Sie hatte sich scheiße und jämmerlich wie ein kleines Kind gefühlt, das seinen Willen nicht bekommen hatte. Und dennoch hatte sie sich nicht helfen können.
Die ganze Geschichte mit Shane war eine absolute Premiere für sie. Während des College war sie mit den verschiedensten Männern ausgegangen. Von einigen hatte sie sich getrennt und genauso viele hatten sich einfach bei ihr nicht mehr gemeldet. Aber nie hatte es Autumn so sehr mitgenommen, wie die Trennung von Shane. Sie wusste nicht einmal ob sie richtig zusammen gewesen waren. Sie hatten sich drei oder viermal getroffen und dennoch machte sie es so fertig.
Wenn sie an den Nachmittag dachte, wie Shanes Augen sich vor Entsetzen geweitet hatten, als er sie im Jojamarkt angesehen hatte, wie abweisend er zu ihr gewesen war, dann… dann fühlte sie sich so erbärmlich.
Was er wohl jetzt von ihr denken würde?
Autumn horchte auf. Ein kleines, zaghaftes Geräusch hatte sie aus ihrem Gedankengang gerissen. Zuerst war sie sich nicht einmal sicher, ob sie wirklich etwas gehört hatte, doch dann wiederholte sich das leise Klopfen, das von ihrer Haustier zu kommen schien.
Sofort war sie auf den Beinen, lief in ihre Küche und spähte, ohne ein Licht einzuschalten durch den Spion ihrer Haustür.
Erschrocken prallte sie zurück, drehte sofort den Schlüssel im Schloss und öffnete die Tür.
„Jas!”, stieß sie überrascht aus. „Was machst du denn hier?”
Der Wind wehte dicke Schneeflocken hinein und bevor Jas auf ihre Frage eingehen konnte, trat sie einfach über die Schwelle.
Autumn schloss die Tür hinter ihr und schaltete das Licht ein.
Jas hatte ihren lilafarbenen Anorak über ihren Pyjama gezogen, ihre dunklen Locken waren vom Wind völlig durcheinander gewirbelt worden.
„Ich bin von zu Hause weggelaufen”, teilte sie Autumn zögerlich mit.
„Oh Yoba…”
Hoffentlich hatte sie sich bei dem Weg zu ihrer Farm nicht erkältet. Wieso war sie weggelaufen? Shane und Marnie würden sich bestimmt Sorgen machen.
Jas sah Autumn verunsichert an, so als wüsste sie nicht recht, was man tat, wenn man von zu Hause weggelaufen war.
„Komm, ich hänge deine Jacke auf”, bot Autumn an, weil sie selbst nicht genau wusste, was sie tun sollte.
Anschließend setzte Jas sich auf ihre neue Couch und Autumn machte ihr eine heiße Schokolade.
„Hier”, sagte Autumn und reichte ihr die Tasse, bevor sie sich neben Jas setzte und die Kleine aufmerksam musterte. Entdeckte sie vielleicht Anzeichen dafür, dass sie geweint hatte? Hatte sie möglicherweise irgendetwas ausgefressen?
Doch Jas sah nur ein bisschen verschlafen und durchgefroren aus. Sie hielt die große Tasse mit beiden Händen und schlang ihre kleinen Finger mit den rundgeschnittenen Nägeln um den Keramikbecher, vermutlich um sich daran zu wärmen.
„Warum erzählst du mir nicht, was passiert ist?”, bot Autumn ihr an, während sie eine Wolldecke von der Armlehne der Couch zu sich heranzog, um damit Jas und sich selbst zuzudecken.
Jas nippte an der heißen Schokolade, bevor ihre dunklen Augen zu ihr emporschauten.
„Tante Marnie und Shane haben sich gestritten”, sagte sie leise. „Davon bin ich wachgeworden.”
„Und deshalb bist du weggelaufen?”, fragte Autumn sanft. Sie erinnerte sich daran, wie belastend es als Kind für sie war, wenn ihre Eltern sich gestritten hatten.
„Nein”, erwiderte Jas hastig. „Ich glaube, Shane hat Krach gemacht, als er nach Hause gekommen ist und Tante Marnie war wütend deswegen. Das passiert öfter mal, also habe ich versucht weiterzuschlafen. Aber… dann habe ich gehört, dass Shane sie angeschrien hat. Und Shane schreit sonst nie.”
Eine einzelne kleine, steile Sorgenfalte stahl sich auf Jas’ Stirn, während sie in ihre Tasse sah.
„Tante Marnie sagte, Shane sei im Krankenhaus gewesen, als er die zwei Wochen im Sommer fort war. Ich weiß, dass sie das nur gesagt hat, weil sie glaubt, ich würde es nicht verstehen”, sprach Jas weiter. „Aber ich weiß, dass Shane zu viel Bier trinkt. Er ist abends im Saloon und trinkt Bier. Das wirft Tante Marnie ihm nämlich immer vor, wenn er erst spät nachts nach Hause kommt. Und heute hat sie gesagt, er sei beim Entzug gewesen. Das war es, wo er zwei Wochen im Sommer war, oder? Er versucht mit dem Bier trinken aufzuhören.”
Autumn hatte das Gefühl ein unsichtbarer Strick würde ihr langsam die Kehle abschnüren.
„Ja, du hast Recht”, pflichtete sie ihr bei. „Shane hat sich von Ärzten dabei helfen lassen, mit dem Bier trinken aufzuhören.”
Jas nickte, so als ob sie innerlich ihre Vermutung bestätigte. „Und als er wiederkam, war er eine Zeit lang gar nicht mehr im Saloon. Das war wegen dir, nicht wahr?”
„Wegen mir?”, fragte Autumn. Abermals hatte sie das Gefühl keine Luft mehr zu bekommen. Sie wusste nicht, was sie von dieser Eröffnung halten sollte. Natürlich wollte sie nicht, dass der Alkohol Shane nach und nach zerstörte. Aber genauso wenig hatte sie ihm je das Gefühl geben wollen, dass er sich irgendwie für sie ändern müsste.
„Ich habe gesehen, wie ihr zusammen am Strand wart, um die Quallen zu beobachten”, gab Jas zaghaft zu. „Und danach warst du einmal abends bei uns, um Shane zu besuchen. Und dann wart ihr auch auf der Messe zusammen. Tante Marnie hat auch gesagt, dass er versucht hat, sich für dich zu ändern.”
Zum zweiten Mal an diesem schrecklichen Tag fühlte Autumn sich zum Heulen.
„Ich wollte nicht, dass er sich für mich ändert”, stieß sie mit zittriger Stimme aus. „Ich wollte nur… mit ihm zusammen sein.”
„Aber…”, wandte Jas ein. „Es war viel besser so in der Zeit, in der er nicht mehr in den Saloon gegangen ist. Er war besser gelaunt und hat mir vor dem Schlafen manchmal Geschichten vorgelesen. Jetzt ist er abends wieder lange weg. Und morgens ist er immer lange im Bad und… es hört sich an, als ob er krank ist.”
Sie ertrug es nicht länger Jas zuzuhören. Sie wollte nicht hören, wofür sie alles verantwortlich war, nur weil sie versucht hatte, Shane ein besseres Leben zu ermöglichen. Sie hatte versucht alles für ihn besser zu machen und stattdessen hatte sie alles nur noch schlimmer gemacht.
„Könnt ihr euch nicht wieder vertragen, Autumn? Ich will nicht, dass es Shane so schlecht geht. Und ich weiß, dass du auch traurig bist.”
Jas strich sich ihre Locken hinters Ohr und sah sie flehentlich aus großen Augen an. Das machte das ganze nicht unbedingt erträglicher.
„So einfach geht das nicht, Jas”, erwiderte sie schwach. „Ich habe einen… riesigen Fehler begangen. Etwas, dass nicht so einfach zu vergeben ist.”
Das Mädchen atmete schwer durch die Nase aus. Resignierend sah sie wieder in ihre Tasse und trank einen weiteren Schluck. „Ich habe vorhin gehört, wie Shane zu Tante Marnie gesagt hat, er würde Stardew Valley verlassen und nach Zuzu City ziehen.”
Autumn erstarrte. Shane wollte von hier wegziehen? Eine kalte Flüssigkeit schien sich bei dieser Offenbarung in ihrem Herzen auszubreiten. Wenn er wirklich so viel verdiente, wie sie damals in ihrem alten Job, dann war es ein leichtes, genug Geld zu sparen, um sich eine kleine Wohnung in der Stadt zu mieten. Vorausgesetzt natürlich er fand einen neuen Job.
„Aber ich will nicht weg von hier!”, erwiderte Jas entschlossen. Auch sie schien den Tränen nahe zu sein. „Ich mag mein Zimmer bei Tante Marnie. Und ich finde es toll jeden Tag mit den Tieren zu spielen. Und Vincent ist mein Freund. Ihn kann ich doch auch nicht allein hier zurücklassen.”
Sie hatte ihre Unterlippe vorgeschoben, so als versuchte sie mit aller Macht nicht zu weinen. Am liebsten würde Autumn ihr sagen, dass sie nicht von hier weg musste. Dass sie es nicht zulassen und mit Shane reden würde. Aber sie wusste, dass Shane sich nach dem Leben in der Großstadt sehnte. Und sie wusste, dass er solange er in Pelican Town blieb, niemals einen besseren Job finden würde, als im Jojamarkt zu arbeiten. Und ein Leben lang die Regale in einem Geschäft dieses seelenfressenden Konzerns einzuräumen, würde Autumn nicht einmal ihrem schlimmsten Feind wünschen. Sie wollte, dass Shane ein Leben führte, mit dem er zufrieden war. Auch wenn dies bedeutete, dass sie ihn vermutlich nicht mehr wiedersehen würde.
„Hör zu”, sagte sie schließlich an Jas gewandt. „So lange Shane hier in Stardew Valley bleibt, muss er im Jojamarkt arbeiten. Er muss sich mit Morris herumschlagen, der ihm Überstunden aufbrummt und ihn nicht mal freimachen lässt, wenn er krank ist. Und solange er dort arbeiten muss, wird er abends in den Saloon gehen. Wenn Shane mit dir nach Zuzu City zieht, dann findet er vielleicht eine bessere Arbeit, die ihn glücklicher macht. Dann hat er vielleicht auch mehr Zeit für dich und liest dir abends wieder Geschichten vor.”
Jas’ Unterlippe begann bedenklich zu zittern, während sie Autumns Worten lauschte, doch sie hatte sich noch immer halbwegs im Griff.
„Du kannst mit Vincent weiterhin befreundet sein. Der Bus fährt ja wieder, also kannst du ihn bestimmt oft besuchen kommen, oder er dich. Und Marnie wird sich bestimmt auch freuen, wenn du sie auf der Ranch besuchst. Als ich so alt war wie du, bin ich in den Sommerferien auch hierher nach Stardew Valley gefahren um meinen Großvater auf seinem Hof zu besuchen. Und weißt du was? Das waren jedes Mal die besten Sommerferien, die ich hatte.”
„Ehrlich?”, fragte sie. So etwas wie Hoffnung schien sich auf ihrem kleinen Gesicht breit zu machen.
„Ehrlich”, erwiderte Autumn und rang sich ein kleines, aufmunterndes Lächeln ab. „Und mich kannst du auch immer besuchen kommen, wenn du magst. Vielleicht habe ich bald ein paar Schafe mit richtig flauschiger Wolle. Wäre das nicht cool?”
Sie schmunzelte und nickte schließlich einsichtig.
Jas trank ihren Kakao aus, während sie und Autumn über unverfänglichere Themen miteinander sprachen. Jas gähnte irgendwann herzhaft und Autumn fiel auf, dass es bereits ein Uhr nachts durch war.
„Soll ich dich nach Hause bringen, oder möchtest du heute hier übernachten?”, bot Autumn ihr an.
Jas atmete tief durch, bevor sie antwortete. „Ich weiß nicht recht. Ich habe Angst, dass Shane und Tante Marnie wütend auf mich sind, weil ich weggelaufen bin. Darf ich hier bei dir bleiben?”
„Natürlich darfst du”, erwiderte Autumn schmunzelnd. Sie brachte Jas in ihr Schlafzimmer und ließ sie in ihr Bett schlüpfen. Sie deckte sie zu und ließ die Tür angelehnt.
Nachdenklich warf sie noch einmal einen Blick auf die Uhr. Es war zwar schon spät, aber vielleicht sollte sie noch einmal hinüber zur Ranch laufen und Bescheid sagen, dass Jas hier bei ihr war. Vielleicht suchten Marnie und Shane bereits nach ihr und waren ganz krank vor Sorge. Sollte im Inneren der Ranch kein Licht brennen, könnte Autumn einfach wieder nach Hause gehen und bis zum Morgen warten.
Autumn wollte gerade in ihre Stiefel schlüpfen, als es energisch an der Tür klopfte.
Mit laut hämmerndem Herzen öffnete sie die Haustür und starrte einem ziemlich abgehetzt wirkenden Shane an. „Jas ist weggelaufen. Ich habe die ganze Stadt nach ihr abgesucht. Ist sie zufällig bei dir?”
Er sah völlig durch den Wind aus. Die Ringe unter seinen Augen schienen zu dieser Uhrzeit noch dunkler zu sein. Zu Autumns Entsetzen trug er nur seine löchrige Jojajacke und einen Schal, obwohl es draußen eisig war und zudem noch schneite.
„Ja, sie ist hier”, stieß sie verunsichert aus. „Komm rein.”
Shane konnte man es regelrecht ansehen, wie die Anspannung von ihm abfiel, doch er machte keine Anstalten über die Schwelle zu treten. „Gut. Sie soll mit mir nach Hause kommen.”
„Shane, bitte komm rein”, bat Autumn ihn abermals. „Der ganze Schnee wird sonst hereingeweht.”
Das zog. Beide Hände in die Taschen seiner Jacke gestemmt, trat er endlich in ihre Küche ein, damit sie die Tür schließen konnte.
Erst als Autumn sich wieder zu ihm wandte, bemerkte sie, dass er versuchte sein Zittern zu unterdrücken. Er fror.
„Möchtest du… einen heißen Tee?”, fragte sie ihn leise. Oh Yoba, sie brachte es kaum fertig ihn anzusprechen. Was dachte er wohl jetzt von ihr, nachdem sie heute Nachmittag so jämmerlich zu ihm angekrochen gekommen war.
„Nein”, erwiderte er hart und sah sie aus zusammengekniffenen Augen an. „Wo ist Jas? Du sagtest, sie wäre hier. Oder war das…?”
Gelogen? Nur ein billiger Trick, um ihn dazu zu zwingen hereinzukommen, sodass Autumn mit ihm reden konnte?
Jetzt hatte sie ihre Antwort. Das dachte er nun von ihr.
„Sie ist in meinem Schlafzimmer. Ich habe sie gefragt, ob ich sie nach Hause bringen sollte. Aber sie wollte die Nacht über hier bleiben.”
Er schluckte angestrengt. „Und dass Marnie und ich uns vielleicht Sorgen machen könnten, ist dir nicht in deinen Dickschädel gekommen.”
Autumn starrte ihn perplex aus geweiteten Augen an, überrascht, dass er sie so anblaffte. „Wie bitte?”
„Hast du gedacht, weil ich ein Loser und ein Säufer bin, wäre mir egal, was mit Jas passiert? Dass ich vielleicht zu besoffen bin, um überhaupt zu bemerken, dass sie plötzlich nicht mehr da ist?!”
„Wie kommst du auf sowas?”, erwiderte Autumn heftig. „Ich habe dir doch gar keinen Vorwurf gemacht!”
Sie fühlte sie mit einem Mal winzig neben ihm, während er so mit vor der Brust verschränkten Armen dastand und aus beinahe schwarzen Augen auf sie hinabsah. „Aber du hast es gedacht!”
„So ein Bullshit”, stieß Autumn kopfschüttelnd aus.
„Nicht? Aber irgendwas muss dir doch durch den Kopf gegangen sein, als du dich dazu entschieden hast, deinen Ex-Macker zu küssen. Shane hat kein Geld, also besorge ich ihm welches. Ich bin so ein guter Mensch!”
Das hatte gesessen. Jetzt war es Autumn, die wütend wurde. Sie verschränkte ebenfalls die Arme vor der Brust. „Weißt du was? Du bist ein Arschloch!”
„Erzähl mir was Neues!”, blaffte er unbeeindruckt.
„Ich weiß selbst, dass ich einen Fehler gemacht habe! Und es tut mir unendlich Leid! Aber ich habe mich in die Enge getrieben gefühlt! Ich hatte Angst, dass du sauer sein könntest, wenn ich es nicht getan hätte! Ich wusste einfach nicht, was ich tun soll!”
Schwer atmend starrte sie ihn an und konnte nicht glauben, dass sie so laut geworden war. Jas hatte im Nebenzimmer vermutlich alles mitbekommen. Sofort machten sich schwere Schuldgefühle in Autumn breit. Jas war extra zu ihr geflüchtet, weil sie dem Streit zwischen Marnie und Shane entkommen wollte und jetzt bekam sie gleich den nächsten Streit mit.
Shane sah sie unverwandt aus finsteren Augen an, während er angestrengt durch die Nase ausatmete. Und obwohl Autumn wusste, dass sie es gut sein lassen sollte, brannte ihr noch mehr auf der Seele, das sie ihm einfach sagen musste.
„Aber weißt du was? Es ist völlig egal welche Entscheidung ich getroffen habe! Du hättest doch früher oder später sowieso einen Grund gefunden, warum du dich nicht weiter mit mir treffen kannst! Du stößt alle Leute von dir, Shane! Du glaubst vielleicht, dass Marnie und Gus dir nur auf den Sack gehen, aber sie machen sich Sorgen um dich. Manchmal müssen wir den Menschen, die wir lieben, auf den Sack gehen, damit sie wissen, dass sie uns nicht gleichgültig sind!”
„Ich stoße niemanden weg”, erwiderte Shane, scheinbar reflexartig.
„Und sogar Jas macht sich Sorgen um dich! Sie weiß, was du jeden Abend im Saloon machst. Und sie weiß auch, wo du die zwei Wochen im Sommer warst. Aber du schaffst es nicht einmal ehrlich zu ihr zu sein und sie an deinem Leben teilhaben zu lassen! Wovor hast du verdammt nochmal Angst, Shane? Ist es wirklich so viel einfacher den Leuten zu sagen, sie sollen sich verpissen, als einfach nur Hallo zu sagen? Was glaubst du damit zu erreichen? Und warum musst du es immer wieder betonen, was für ein Versager und Säufer du bist? Wen glaubst du damit beeindrucken zu können?”
Jeglicher Ausdruck von Ärger war aus seinem Gesicht gewichen. Für mehrere Sekunden sah er Autumn unbewegt an, während ihr der eigene Herzschlag in den Ohren dröhnte. Schließlich senkte er betreten den Blick und sie befürchtete zu viel gesagt zu haben.
„Jas kann über Nacht hier bleiben”, sagte er nach einer Weile mit ausdrucksloser Stimme.
Dann wandte er sich mit angezogenen Schultern um, öffnete die Tür und verließ ihr Haus. Kaum war die Tür ins Schloss gefallen, fühlte Autumn sich fast noch elender als zuvor. Trotz allem riss sie sich zusammen, schloss ab und lief zu der angelehnten Schlafzimmertür. Als sie diese sanft aufstieß, fiel ein Streifen Licht geradewegs auf Jas’ Gesicht, die sie aus geöffneten Augen zwischen Bettdecke und Kopfkissen anblickte.
Sofort tat es Autumn Leid, dass sie Jas dieser Situation hatte aussetzen müssen. Sie hätte sich mehr im Griff haben sollen. Sonst war es überhaupt nicht ihre Art so die Nerven zu verlieren. Seufzend setzte sie sich zu Jas auf die Kante der Matratze.
„Tut mir leid, dass du alles mit anhören musstest”, sagte Autumn leise ohne Jas direkt anzusehen.
„Schon okay”, erwiderte das Mädchen mit müder Stimme. „Shane hätte nicht so fies zu dir sein dürfen. Schließlich kannst du nix dafür, dass ich weggelaufen bin.”
Autumn wandte den Kopf und der Anblick von Jas’ großen, kindlichen Augen, die sie aus ihrem Bett heraus ansahen, war fast zu viel für sie. Die Erinnerung an ihre jüngere Schwester war plötzlich nicht mehr nur eine Erinnerung. Für einen Moment hatte sie das Gefühl, sie wäre wieder in dem Krankenhauszimmer vor zehn Jahren.
„Ist alles okay, Autumn?”
Jas’ Frage riss sie aus ihren trüben Gedanken. Die Kleine hatte sich im Bett aufgerichtet und zu ihr vorgebeugt, um sie nun stirnrunzelnd anzusehen.
„Du siehst traurig aus.”
„Ist schon gut”, winkte Autumn ab. „Ich bin nur… müde. Wir beide sollten jetzt schlafen gehen.”
Jas schien sie noch für einen weiteren Moment prüfend anzusehen, bevor sie schließlich nickte. „Okay.”
Autumn erhob sich von ihrem Bett und ging zur Tür. Sie drehte sich noch einmal um, um Jas eine gute Nacht zu wünschen, bevor sie die Tür wieder anlehnte und sich selbst zum Schlafen auf die Couch legte.

* * * * * * * * * * * *


Tage später saß Shane nach der Arbeit allein in seinem Zimmer. Wie so oft ließ er jedes Licht ausgeschaltet, während er auf dem Fußboden vor seinem Fernseher hockte und Journey of the Prairie King spielte.
Um Geld zu sparen blieb er jetzt immer öfter zuhause und trank Bier aus Dosen, anstatt in den Saloon zu gehen. So konnte er es auch umgehen, jemandem aus der Stadt zu begegnen, den er vielleicht lieber nicht sehen wollte.
Jas sprach seitdem sie weggelaufen war, nur noch das Nötigste mit ihm. Es schien ihm jedoch nicht so, als wäre sie sauer auf ihn. Marnie dagegen ließ keine Möglichkeit aus, ihn mit enttäuschten, vorwurfsvollen Blicken zu bombardieren, sobald Shane sich ein Bier aus dem Kühlschrank holte.
Hoffentlich würde er all das nicht mehr allzu lange aushalten müssen. Shane hoffte Anfang des kommenden Jahres endlich aus Stardew Valley wegziehen zu können. In einer Großstadt zu leben, wo ihn niemand kannte oder ihn scharf ansah, wenn er sich Bier kaufen ging, erschien ihm im Moment himmlisch.
Er hatte die nächste Stage geschafft und nahm in der kurzen Zwischensequenz, in der die Spielfigur über den Rand des Schlachtfelds lief, einen tiefen Schluck aus seiner Dose.
Es klingelte an der Tür.
Erwartete Marnie noch Besuch? Shane versuchte sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen und nahm es mit den nächsten Gegnern im Spiel auf. Er hoffte nur, dass es nicht schon wieder Autumn war, die mit ihm sprechen wollte.
Angespannt bis in den kleinen Zeh saß Shane da und hoffte, dass Marnie sie wegschicken würde, falls sie tatsächlich den Nerv hatte, hier noch einmal aufzutauchen. Kurze Zeit später hörte Shane Schritte vor seinem Zimmer, dann wurde die Tür geöffnet.
„Hey, kann ich reinkommen?”
Hastig pausierte er das Spiel und sah irritiert zu seiner geöffneten Zimmertür. Shane traute seinen Augen kaum. Sebastian stand in seinem schwarzen Hoodie da, hatte die Hände in seine Bauchtasche gesteckt und sah ihn erwartungsvoll an.
„Äh… klar”, erwiderte Shane ein wenig überfordert mit der Situation.
Sebastian schloss die Tür hinter sich und setzte sich unaufgefordert neben Shane auf den Fußboden.
„Cool. Du zockst Journey of the Prairie King? Hätte es fast nicht erkannt. Aber ich bin ja auch noch nie übers erste Level hinaus.”
Shane starrte auf den Controller in seinen Händen. Sollte er einfach weiterspielen? Oder irgendetwas auf Sebastians Gesagtes erwidern? Er war schlecht darin Smalltalk zu halten oder sich mit Leuten zu unterhalten, die er nicht gut kannte.
„Willst du’n Bier?”
Das war das einzige, was ihm auf die Schnelle eingefallen war und er kam sich unheimlich blöd deswegen vor.
„Klar”, erwiderte Sebastian und zog sich eine Dose aus den Plastikringen, die das Sixpack zusammenhielten. „Alles klar bei dir? Ich hab das Gefühl, dich ewig nicht mehr in der Stadt gesehen zu haben.”
Er öffnete klackend den Verschluss der Dose und nahm einen Schluck. Shane tat es ihm gleich, bevor er antwortete.
„Seit Autumns Geburtstag nicht”, stellte Shane klar.
„Stimmt”, pflichtete Sebastian ihm bei. „Das war echt scheiße, was da abgelaufen ist.”
Ein merkwürdiges Gefühl machte sich in Shane breit. So etwas wie Genugtuung darüber, dass ihm endlich mal jemand sagte, dass das, was Autumn mit ihm gemacht hatte, nicht okay war. Es fühlte sich besser an, als sich selbst die ganze Zeit einzureden, er wäre derjenige, der schuld an allem sei.
„Hast du seitdem nochmal mit ihr geredet? Mit Autumn, meine ich?”, wollte er wissen und trank noch einen Schluck Bier.
„Kurz”, erwiderte Shane, unwillig über das unangenehme Aufeinandertreffen im JojaMarkt zu reden. „Sie hat versucht es mir irgendwie zu erklären, aber… ich wollte es nicht hören.”
Er wünschte, sie könnten über irgendetwas anderes reden. Shane trank den Rest aus seiner Dose aus und spielte das Spiel weiter.
Für eine Weile saßen sie einfach nur schweigend nebeneinander, in der er sich fragte, was Sebastian hier überhaupt von ihm wollte.
„Hat Autumn dich geschickt, damit du mit mir redest?”, fragte er bitter.
Sebastian stellte die Beine angewickelt auf den Boden und legte seine Arme auf die Oberschenkel. „Nein. Um ehrlich zu sein, hab ichs Zuhause nicht ausgehalten und wusste nicht, wo ich sonst hingehen könnte. Normalerweise treibe ich mich irgendwo draußen rum, am Bergsee oder setze mich in den Park. Aber draußen ist es so verdammt kalt. Also tut mir Leid, dass ich dir jetzt auf den Sack gehe.”
Erleichterung überkam Shane. Gleichzeitig hatte ihn die Neugier gepackt, was bei Sebastian zuhause abging, das ihn dazu brachte abzuhauen.
„Haben Robin und Demetrius sich gefetzt?”
„Nee”, erwiderte Sebastian kopfschüttelnd. „Die streiten sich nie, sondern knutschen nur rum wie verliebte Teenager. Total widerlich. Es ist wegen Maru. Sie ist im Moment einfach noch unausstehlicher als sonst.”
Shane war überrascht, dass jemand wie Sebastian irgendwelche Probleme mit seiner Schwester haben könnte.
„Ich dachte, ihr würdet klarkommen.”
„Tun wir eigentlich auch”, gab Sebastian zu. „Wenn wir uns nicht zu oft sehen. Und bisher hat das auch gut geklappt. Sie hat ihren Job in der Klinik gemacht und sich mit Penny getroffen. Und ich hab gedacht Abigail und Sam wären meine Freunde.”
„Was haben die beiden damit zu tun?”, fragte Shane irritiert.
Sebastian kniff sich in den Nasenrücken und atmete geräuschvoll durch die Nase aus. „Anscheinend haben Sam und Maru was. Und sie haben es die ganze Zeit vor mir verheimlicht.”
Damit hatte Shane nicht gerechnet. Und eigentlich wollte er auch nichts über das neue Liebesglück zweier Punks hören.
„Schlimm genug, dass mein bester Freund sich auf den Anti-Yoba einlässt. Aber es vor mir geheim zu halten ist echt das letzte. Und Abigail hat es als einzige gewusst. Das ist so beschissen.”
„Der Anti-Yoba?”, fragte Shane nach und warf Sebastian einen zweifelnden Blick von der Seite her zu. Übertrieb er da nicht etwas?
„Sie ist einfach nervig, weißt du? Meine Mom und Demetrius haben schon als sie noch klein war, keine Gelegenheit ausgelassen um mit ihr anzugeben. Sie ist ja so süß. Sie ist ja so klug. Sie kann so toll basteln. Und dass ich neben dem Studium eine beschissene Handy-App programmiert habe, die so viel Geld eingebracht hat, dass ich mir ein eigenes Haus kaufen könnte, interessiert niemanden. Und jetzt ist mir auch noch Sam in den Rücken gefallen und hängt nur noch mit ihr ab.”
„Wieso kaufst du dir dann kein eigenes Haus?”, fragte Shane ehrlich interessiert. Wenn er so viel Knete hätte, dann…
Ja, was dann? Was würde er mit so viel Geld anfangen?
„Wie du siehst, ist gerade kein Haus verfügbar. Wenn Autumn nicht nach Stardew Valley gezogen wäre, hätte ich vielleicht ihre Farm kaufen können. Aber ich hätte gar nichts mit dem Farmland anzufangen gewusst.”
„Dann zieh doch weg und kauf dir woanders ein Haus. Dir steht die Welt offen. Wenn ich so viel Kohle hätte, würde ich nach Zuzu City gehen und mir ein Loft mieten oder so. Mit ’nem riesigen Fernseher, auf dem ich jedes Gridball-Spiel gucken würde.”
Ja, das wäre ein guter Plan.
Sebastian musste bei Shanes Vorschlag tatsächlich schmunzeln. „So einfach ist das nicht. Ich kann im Moment nicht aus Stardew Valley weg.”
„Wieso nicht?”
Sebastian seufzte noch einmal, bevor er schließlich eine abgegriffene Zigarettenschachtel aus seiner Pullovertasche herausholte und anfing daran herumzufummeln.
„Wegen Abigail”, erwiderte er zögerlich. „Ich bin seit der Highschool in sie verknallt, aber… ich hab keine Ahnung, wie ich es ihr sagen soll.”
Shane hatte gerade sein letztes Leben verspielt und legte den Controller vor sich auf den Fußboden, um sich eine neue Dose aufzumachen. Sebastians Offenbarung war ihm irgendwie unangenehm. Was sollte er schon dazu sagen?
„Ich befürchte, dass sie mich auslachen wird, wenn ich sie nach einem Date frage. Wahrscheinlich wird sie denken, ich mache einen blöden Scherz oder so.”
Nichtsdestotrotz war es gut zu wissen, dass auch andere Leute Probleme in romantischen Dingen hatten. Shane war also nicht der einzige Klotz Holz in der Stadt.
„Entweder du fragst sie und weißt Bescheid. Oder du lässt es eben und musst für den Rest deines Lebens in Stardew Valley bleiben und dabei zusehen, wie Sam deine Halbschwester heiratet und sie Bälger zusammen kriegen.”
Das war der einzige Rat, zu dem Shane fähig war. Er konnte ihm auch nicht sagen wie man ein Mädchen von den Füßen riss. Er hätte auch keine Ahnung gehabt wie er Autumn um ein Date bitten sollte, wenn sie ihn nicht von Anfang an beharkt hätte.
Eilig trank er ein paar Schlucke von seinem Bier, um die Gedanken an Autumn loszuwerden.
„Du hast Recht”, erwiderte Sebastian niedergeschlagen. „Ich muss es tun, auch wenn ich Gefahr laufe mich phänomenal zu blamieren.”
Nun trank er auch den Rest seiner Dose aus und zog eine einzelne, selbstgedrehte Zigarette aus der Schachtel, die er sich hinters Ohr klemmte.
„Bock auf Koop?”
Shane stöpselte einen zweiten Controller an seine Konsole und ein paar Dosen und drei Level später hatten sie ihre Leben aufgebraucht.
Es war bereits nach elf, als Sebastian sich von Shanes Zimmerfußboden erhob.
„Ich muss dringend eine rauchen”, sagte er. „Aber es hat Spaß gemacht. Wäre cool, wenn wir das ganze nochmal wiederholen könnten. Du kannst auch mal mit zu mir kommen. Ich will dir deine Bude nicht vollqualmen, aber in meinem Keller kann ich rauchen soviel ich will, solange dich das nicht stört.”
Shane starrte Sebastian mehrere Sekunden beinahe überwältigt an. Er hätte nie gedacht, dass irgendjemand von den anderen Stadtbewohnern freiwillig Zeit mit ihm verbringen wollte.
„Okay”, erwiderte Shane einfallslos.
Sebastian wollte sich gerade abwenden um das Zimmer zu verlassen, als er noch einmal innehielt.
„Und nimm dir die Sache mit Autumn nicht so zu Herzen. Auch wenn es scheiße war, was sie getan hat, aber letztendlich hat sie versucht dir zu helfen. Dieser Peyton war ein richtig schmieriges Arschloch. Wer weiß schon, wie er sie dazu gebracht hat.”
Er hob zum Abschied die Hand und ließ Shane allein in seinem Zimmer zurück.

* * * * * * * * * * * *


Ungefähr eine Woche vor dem Fest des Wintersterns hatte Autumn einen Brief vom Bürgermeister in der Post. Wie vom Donner gerührt stand sie in ihrer Küche und las den Brief wieder und wieder.
Anscheinend gab es in Pelican Town die Tradition, dass zum Fest des Wintersterns jeder Bewohner einen geheimen Freund zugelost bekam, dem man ein Geschenk geben sollte. Und Autumn hatte das einmalige Glück gehabt, Haley zu ziehen.
Nach allem, was geschehen war, wollte sie Haley ihre blondgefärbten Haare einzeln ausreißen und ihr nicht noch ein Geschenk machen. Verärgert zog sie sich ihre Winterjacke an, um zum Bürgermeister zu gehen. Sie würde ihm sagen, wie wenig sie von dieser Tradition hielt und dass sie unter keinen Umständen Haley etwas schenken würde.
Doch als sie an seine Haustür klopfte und keine Antwort bekam, hatte sich ihr Plan bereits wieder erledigt. Stattdessen kam ihr ein neuer Einfall. Sie drehte sich auf dem Absatz um und lief über den frisch geräumten Stadtplatz zu Pierres Laden. Sie würde Haley eine Zwiebel kaufen. Oder eine Packung Taschentücher. Ein besseres Geschenk würde sie nicht von Autumn bekommen.
Im Laden war es ungewohnt leer, was wohl daran lag, dass der Jojamarkt so stark aufgerüstet hatte. Nur Harvey füllte sich ein paar Tomaten in eine Plastiktüte.
Er grüßte sie zurückhaltend und Autumn winkte knapp zurück, bevor sie zwischen den Regalen verschwand. Vielleicht sollte sie Haley auch einfach eine Packung Mülltüten schenken. Oder Erwachsenenwindeln?
„Wie geht es dir?”
Autumn erschrak beim Klang von Harveys tiefer Stimme, die unerwartet dicht hinter ihr erklang.
Sie wandte sich zu ihm um und rang sich zu einem Lächeln durch. Wenigstens waren ihre Haare halbwegs frisch gewaschen und man sah ihr nicht zu sehr an, dass sie ihr Haus schon seit einiger Zeit nicht mehr verlassen hatte.
„Gut”, erwiderte sie hastig. „Ich habe nur gerade diesen blöden Brief vom Bürgermeister bekommen.”
Hinter ihnen klingelte das Türglöckchen.
„Du meinst den für das Fest des Wintersterns?”, hakte Harvey nach. „Sag bloß, du suchst schon nach einem Geschenk für deinen geheimen Freund.”
„Redet ihr über das Fest des Wintersterns?”
Alex war in den Laden gekommen. „Oh wow! Autumn! Toll, dass du auch mal wieder in der Stadt unterwegs bist.”
„Was mache ich, wenn ich der Person, die ich gezogen habe, nichts schenken will?”, fragte Autumn weiterhin an Harvey gewandt, entschlossen Alex’ Kommentar zu ignorieren.
„Sag bloß, du hast Haley gezogen?”, mischte Alex sich wieder ein, ein schadenfrohes Schmunzeln auf den Lippen.
„Haley?”, fragte Harvey irritiert. „Wieso willst du Haley nichts schenken?”
„Ach, vergiss es einfach”, erwiderte sie hastig und wollte sich wieder den Regalen zuwenden.
„Wegen dem, was sie auf deinem Geburtstag zu Shane gesagt hat, oder?”, sagte Alex wieder.
Autumn biss sich auf die Unterlippe und versuchte fieberhaft sich auf die Produkte in den Regalen zu konzentrieren.
„Verstehe”, hörte sie Harvey sagen. Autumn wünschte sich, die beiden könnten sie einfach endlich in Ruhe lassen. Sie wollte mit niemandem außer Lewis darüber reden, um ihre Teilnahme am Fest des Wintersterns zurückzuziehen.
„Wenn du möchtest, dann können wir tauschen”, schlug Alex vor. „Ich habe Shane gezogen.”
„Nein!”, sagte Autumn sofort und zur selben Zeit, wie auch Harvey. Sie sah den Arzt erstaunt an.
„Das wäre gegen die Tradition”, sagte er schulterzuckend.
Alex warf Harvey einen Blick zu, als zweifelte er an seiner geistigen Gesundheit.
„Es ist nur ein Fest in einem kleinen Kuhdorf. Wenn Autumn Haley nichts schenken will, dann sollte niemand sie dazu zwingen. Und niemand sollte mich dazu zwingen, Shane, diesem Langweiler, was zu schenken.”
Autumn öffnete reflexartig den Mund, um Shane zu verteidigen, doch der Fakt, dass Alex ausnahmsweise einmal auf ihrer Seite war, ließ sie zögern.
„Wieso seht ihr zwei das ganze nicht als Möglichkeit an? Vielleicht kann eine kleine Geste, wie ein Weihnachtsgeschenk dabei helfen die Differenzen zu überkommen, die ihr mit eurem Geheimen Freund habt. Hast du gewusst, dass Haley an Fotographie interessiert ist, Autumn? Vielleicht wäre eine neue Tasche für ihren Fotoapparat eine gute Idee für ein Geschenk.”
Autumn starrte Harvey für mehrere Sekunden an, während sie innerlich damit kämpfte, ruhig zu bleiben. Sie würde sich lieber in den warmen, dampfenden Exkrementen ihrer Kühe wälzen, bevor sie sich die Mühe machte und Haley eine Fototasche zu Weihnachten schenkte.
Ohne etwas weiteres zu sagen, wandte sie sich einfach ab und stürmte aus dem Laden. Sie hatte kaum zwei Schritte auf den Stadtplatz gemacht, als sich hinter ihr die Tür noch einmal öffnete.
„Autumn, warte!”
Alex musste sie am Handgelenk festhalten und so zum Stehen zwingen, denn Autumn war entschlossen gewesen so schnell wie möglich zu ihrer Farm zurückzukehren und sich für den Rest des Tages in ihrem Bett zu vergraben.
„Tut mir Leid wegen dem, was ich über Shane gesagt habe. Ich meinte das nicht so. Das weißt du doch, oder?”
Sie konnte nicht anders, als sich zu ihm umzudrehen. Schließlich hatte er gerade zu ihr gehalten. Und er hatte ihr bereits erklärt, was es mit seiner Abneigung gegen Shane auf sich hatte.
Autumn nickte zaghaft.
„Ich wollte dich nicht vertreiben. Also wenn du etwas kaufen willst, dann geh’ wieder rein. Ich komme einfach ein anderes Mal wieder.”
Sie war baff von Alex’ ungewohnt galantem Verhalten, schüttelte jedoch hastig den Kopf. „Nein, schon okay. Ich habe nichts wichtiges kaufen wollen. Ich wollte sowieso wieder nach Hause gehen.”
Alex, der gerade noch schuldbewusst ausgesehen hatte, grinste sie plötzlich an, so als ob ihm eine Idee gekommen wäre.
„Dann bist du also nicht aus deinem Farmhaus gekommen, um eine der fantastischen Winteraktivitäten auszuprobieren, von denen ich dir erzählt habe? Rodeln, einen Schneemann bauen?”
„Nein”, wehrte Autumn sofort ab. Ihr war noch immer nicht danach Zeit mit anderen Leuten zu verbringen. Und schon gar nicht außerhalb ihrer warmen, kleinen Hütte. „Es ist viel zu kalt draußen.”
„Wenn die Kälte ein Problem für dich ist, dann weiß ich genau das Richtige!”

Autumn hatte keine Ahnung, wie Alex sie dazu hatte überreden können. Und zuerst hatte sie ihm auch gar nicht geglaubt, dass es in den Bergen hinter Robins Werkstatt ein Thermalbad gab. Doch jetzt schloss sie gerade ihre Sachen in einem der Schließfächer weg und lief im Bikini von den Umkleiden zu den Duschen und schließlich durch eine Tür in das überraschend große Schwimmbad.
Eine Treppe führte in den mit dampfendem Wasser gefüllten Pool. Alex winkte ihr vom anderen Ende des Pools zu, wo das Becken offensichtlich an Tiefe gewann. Während Autumn die Stufen in das angenehm warme Quellwasser hinabstieg, kam Alex in ihre Richtung gekrault und tauchte breit grinsend mit nassem Haar vor ihr auf.
„Und? Hab ich zu viel versprochen?”, wollte er wissen, offenbar sehr zufrieden mit sich selbst.
„Nein”, gestand Autumn während sie tiefer in das Wasser hineinwatete und schließlich wohlig seufzend bis zu den Schultern in dem dampfenden Quellwasser eintauchte. Der Dampf der ihr in die Nase stieg, roch leicht salzig und bestätigte damit ihre Vermutung, dass das Thermalbad auf natürlich vorkommenden, heißen Quellen erbaut wurde. Wieso hatte ihr vorher nie jemand von diesem Schwimmbad erzählt?
„Und du sitzt immer noch zu Hause ’rum und meidest die Außenwelt?”, hakte Alex nach. Autumn konnte spüren, dass trotz seines scherzhaften Tons, ernsthafte Besorgnis hinter seiner Frage steckte.
Sie überlegte für einen kurzen Moment, was sie darauf erwidern sollte. Die „Es ist so kalt draußen”-Ausrede fühlte sich langsam viel zu ausgelutscht an.
„Scheint so. Und was ist mit dir? Genießt du den Winter? Schneemann bauen und rodeln und son Zeug?”
Der Fakt, dass Autumn sich an all das erinnert hatte, was Alex ihr vor wenigen Wochen vorgeschlagen hatte, dass sie zusammen unternehmen könnten, brachte ihn zum Lächeln.
„Ich tue mein Bestes. Schließlich muss ich mich genug für uns beide amüsieren. Aber um ehrlich zu sein, bin ich ein größerer Fan vom Sommer.”
„Kann ich verstehen”, erwiderte sie schmunzelnd. Sie mochte die wärmeren Jahreszeiten auch lieber.
„Wegen der Sache im Laden… ich weiß, du bist immer noch sauer auf Haley. Aber wenn du dich dadurch irgendwie besser fühlen solltest: Haley geht es im Moment auch nicht besonders gut.”
Autumn starrte ihn stirnrunzelnd an, während sie ihre Arme vor sich durch das Wasser gleiten ließ.
„Sag mir nicht, sie fühlt sich schlecht, weil sie… alles zwischen mir und Shane zerstört hat?”
„Das nicht gerade”, gab Alex achselzuckend zu. „Aber ich habe getan, was du mir geraten hast und Haley ein für allemal gesagt, dass ich kein Interesse an ihr habe. Jedenfalls kein Interesse an etwas, dass über Freundschaft hinaus geht.”
Autumns erster Impuls war es, stolz auf Alex zu sein, dass er endlich das Richtige getan und Haley vom Haken gelassen hatte. Doch dann kam ihr die Befürchtung, dass es noch einen anderen Grund gegeben hatte, warum er sie dazu überredet hatte, mit ihm ins Thermalbad zu gehen.
„O-okay…”, sagte sie vorsichtig. „Wieso gerade jetzt?”
Alex senkte den Blick verlegen auf die dampfende Oberfläche des Wassers. „Weil es jemanden anderen gibt, den ich um ein… richtiges Date bitten möchte.”
Oh Yoba!
Ihr wurde übel. Das durfte doch nicht wahr sein!
„Wen meinst du?”, fragte Autumn vorsichtig.
Die beleuchteten Wände des Pools, waren die einzige Lichtquelle in der großen Halle und trotzdem hatte Autumn den Eindruck, dass Alex’ Wangen sich ein klein wenig dunkler färbten.
„Du musst versprechen nicht zu lachen!”, forderte er, was Autumn nur noch nervöser machte.
„Klar. Versprochen.”
Abermals zögerte Alex und schien überall hinzusehen nur nicht in ihr Gesicht. „Kann sein, dass ich ein bisschen auf Penny stehe.”
Autumn fiel wortwörtlich ein Stein vom Herzen. Die Erleichterung ließ ein dümmliches Kichern in ihrer Kehle hochsteigen.
„Hey! Du hast versprochen nicht zu lachen!”, empörte Alex sich sofort. „Ich weiß selbst, dass es lächerlich ist! Schließlich ist sie Lehrerin und steht auf Bücher und so’n Zeug. Und ich erinnere mich nicht daran, wann ich das letzte Mal ein Buch aufgeschlagen habe. Vermutlich noch nie.”
Zu Autumns Überraschung schien es ihm wirklich unangenehm zu sein, dass der Unterschied zwischen seinen und Pennys Interessen so groß war.
„Deswegen habe ich nicht gelacht. Es tut mir Leid.”, entschuldigte sie sich sofort. „Es ist toll, dass du Penny um ein Date bitten willst. Aber ich hatte bisher den Eindruck, dass sie und Sam irgendwas miteinander hätten.”
Alex runzelte die Stirn und schüttelte den Kopf. „Sie und Sam sind befreundet. Aber er ist doch seit kurzem mit Maru zusammen.”
„Maru?”, wiederholte Autumn verdattert. Sam war mit Maru zusammen? Der jüngeren Halbschwester seines besten Freundes? Soweit sie wusste, hatten beide nicht die beste Beziehung zueinander.
„Du bist eindeutig zu lange nicht mehr aus deinem Haus gekommen”, erwiderte Alex lachend.
„Kann schon sein”, gab Autumn zu.
„Ich hatte vor, Penny etwas zum Fest des Wintersterns zu schenken, auch wenn ich sie nicht gezogen habe. Glaubst du, das wäre eine gute Idee? Oder ist das zu aufdringlich? Wir haben uns bisher ein paar Mal getroffen, aber nichts davon könnte man als offizielles Date zählen, verstehst du?”
Je länger Autumn über die Vorstellung von Alex und Penny nachdachte, umso mehr gefiel ihr der Gedanke. Sie kannte Penny zwar nicht besonders gut, aber soviel sie wusste, war sie das absolute Gegenteil von dem, was sie als Alex’ Beuteschema eingestuft hatte. Und das musste schließlich etwas Gutes bedeuten.
„Ich glaube, sie würde sich unheimlich über ein Geschenk von dir freuen”, erwiderte Autumn aufrichtig lächelnd.
Als Alex in ein breites Grinsen ausbrach, versetzte es ihr unerklärlicherweise einen Stich.
„Das ist super! Ich weiß schon genau, was ich ihr schenken werde! Jetzt muss ich nur noch ein Geschenk für Shane finden. Dir fällt nicht zufällig etwas ein?”
Und sofort spürte sie den nächsten Stich.
Autumn schüttelte den Kopf. Sie wollte nicht einmal darüber nachdenken, was Alex Shane schenken könnte. Sie wollte einfach gar nicht über ihn nachdenken.
„Hmm… so ein Mist. Mir fällt auch nix ein. Vermutlich ist das einzige, wofür er sich interessiert, wo er günstig an Fusel rankommt. Vielleicht sollte ich ihm einfach ’ne Flasche Whiskey schenken oder so.”
Obwohl sie gerade noch entschlossen gewesen war, nicht über Shane nachzudenken, konnte sie nicht anders, als ihn abermals vor Alex zu verteidigen. „Das ist nicht wahr. Er interessiert sich für mehr als nur… das. Shane mag Tiere. Er weiß viel über die Tiere auf Marnies Ranch. Er spielt gerne Videospiele und er war früher Quarterback im Gridballteam seiner College-Mannschaft.”
Das schien Alex zu verblüffen. „Echt jetzt? Er war im Gridballteam? Wahnsinn. Das hätte ich ihm nie zugetraut.”
Autumn wandte den Blick ab und begann ein wenig im Wasser herumzuschwimmen. Sie wollte nicht weiter über Shane reden. Und Alex schien das zum Glück auch zu spüren.
„Und was machst du jetzt mit Haley?”
„Keine Ahnung”, gab Autumn ehrlich zu. „Vielleicht kaufe ich ihr einfach nur ein paar Socken. Jeder braucht Socken, oder?”
Alex musste lachen, doch Autumn war alles andere als nach lachen zumute. Sie hasste das Fest des Wintersterns. Und diesen Winter noch ein bisschen mehr als sonst.

* * * * * * * * * *


Shane hatte die mieseste Laune. Die Tage nach Sebastians Überraschungsbesuch waren ein wenig besser gewesen. Doch die Briefe, die Marnie, Jas und er heute morgen erhalten hatten, hatten es geschafft ihn wieder zurück in seine altbekannte Lethargie zurückzuwerfen.
Er hatte es schon wieder völlig vergessen, dass Lewis jedes Jahr allen einen geheimen Freund zuloste. Jas war völlig aus dem Häuschen gewesen, weil sie Elliott gezogen hatte. Doch als ob das Schicksal ihn nicht sowieso schon hassen würde, hatte Shane ausgerechnet Autumn zugelost bekommen.
Der Tag war von da an nur noch schlimmer für ihn geworden. Morris hatte Shane dazu gezwungen, die Kaffeemaschine im neuen Coffee-Shop zu bedienen. Dabei hatte er Milchschaum überall hin verspritzt, so dass er den Fußboden wischen und den Rest des Tages in einer mit Milch bespritzten Uniform arbeiten musste.
Eiligen Schrittes lief er über die schneebedeckte Brücke vom östlichen Teil der Stadt zum Stadtplatz, um so schnell wie möglich in den Saloon zu gehen. Kaum hatte er den Stadtplatz erreicht, hörte er Stimmen, die ihm unliebsam bekannt vorkamen.
Wie vom Donner gerührt blieb er stehen, als er sah, wie Alex und Autumn zusammen die Stufen herunterkamen, die zum alten Gemeindezentrum führten. Alex hatte ihr irgendetwas wild gestikulierend erzählt und sie hatte darüber gelacht. Doch als ihr Blick seinen streifte, blieb sie ebenfalls augenblicklich stehen und starrte ihn entgeistert an. Alex bemerkte erst viel später, was der Grund für Autumns plötzlichen Stimmungswandel war.
Seltsamerweise fühlte Shane sich, als wäre er ein Eindringling in etwas, das er nicht hätte sehen sollen.
Sofort setzte er sich wieder in Bewegung und versuchte so schnell wie möglich seinen Weg in den Saloon fortzusetzen, ohne zu wirken, als würde er vor ihnen fliehen.
Wut und Übelkeit stiegen in ihm auf. Nichtsdestotrotz bestellte er sich einen doppelten Whiskey, kaum dass er sich auf einen der Hocker an der Bar geschoben hatte. Er ignorierte Gus’ verurteilenden Blick, als er seinen Drink auf Ex trank.
Der Alkohol brannte in seiner Kehle und seinem Bauch, aber es schien ihm wenigstens vorübergehend dabei zu helfen, klarer zu denken. Was zum Geier hatte Autumn mit Alex zu schaffen gehabt? Wo hatten sie sich um diese Zeit noch herumgetrieben? Traf sie sich jetzt mit ihm? War sie jetzt mit ihm zusammen?
Und plötzlich schien der Whiskey ihm ein Loch in den Bauch zu brennen.
Wie konnte das so schnell passiert sein? War Autumn nicht noch vor ein paar Tagen angetrunken in den Jojamarkt gekommen, um mit ihm zu reden? Sie hatte so miserabel ausgesehen, wie Shane sich jeden Tag fühlte.
War das wirklich echt gewesen? Denn wenn sie sich jetzt mit Alex traf, dann war sie aber verdammt schnell über alles hinweg gekommen!
Shane bestellte sich einen zweiten doppelten Whiskey und trank diesen fast ebenso schnell leer.
Was die beiden wohl getrieben hatten? Und was die zwei wohl jetzt gerade machten? Vermutlich leckte sie Schokoladensoße von seinen Bauchmuskeln. Er schüttelte sich bei der Vorstellung.
Autumn hatte Alex als eingebildeten Selbstdarsteller bezeichnet. Was war passiert, dass sie ihre Meinung so schnell geändert hatte?
Eine kleine Stimme in seinem Kopf schlug vor, dass ihre Meinung sich nicht geändert hatte. Dass Autumn schon immer nur mit Alex hatte zusammen sein wollen. Dass ihr vorübergehendes Interesse an Shane nur ein grausamer Scherz gewesen war, ein Streich, den sie zusammen mit Alex ausgeheckt hatte.
Nach seinem vierten Whiskey wusste Shane nicht mehr, was nun wirklich real war. Er fühlte sich beinahe elender als vorher, vor allem da mit jedem Drink, den er zu sich nahm, die Vorstellungen in seinem Kopf, was Autumn und Alex wohl gerade miteinander trieben, immer grafischer wurden.
Er kippte einen Whiskey nach dem anderen, trank das Zeug wie Wasser, und ließ sich kaum Zeit, um zwischen den Drinks wieder zu klarem Verstand zu kommen. Es war ihm egal, dass die Farben in seinem Sichtfeld verschwammen, dass die Wärme in seinem Bauch langsam zu Übelkeit wurde, dass sein Ärger sich langsam in brennenden, beißenden Hass verwandelte.
Als er sich einen weiteren Whiskey bestellen wollte, warf Gus ihm lediglich einen vorwurfsvollen Blick zu. Er sagte nichts, doch er machte auch keine Anstalten Shanes Glas ein weiteres Mal aufzufüllen.
Shane war zu geschafft vom Tag und sein Ärger konzentrierte sich zu sehr auf Autumn und Alex, als dass er jetzt eine Szene anfangen würde. Er rutschte von seinem Barhocker und kämpfte für einen Moment gegen den plötzlichen Schwindel an, fing sich jedoch schnell und warf ein paar Scheine auf den Tresen. Ohne auf sein Rückgeld zu warten, drehte er sich einfach um und stapfte wankend aus dem Saloon.
Er konnte es nicht erwarten, endlich dieses stinkende Kaff zu verlassen und mit Jas in die Großstadt zu ziehen, wo er jede Nacht in einer anderen Kneipe absteigen konnte, wenn er das wollte. Wo der Barkeeper ihm so viel Drinks gab, wie er bezahlen konnte. Wo niemand ihm ermahnende, strafende oder verurteilende Blicke zuwerfen würde.
Mit schlurfenden Schritten kam er auf halbem Weg zur Ranch plötzlich zum Stehen. Er hatte keine Lust zurück zur Ranch zu gehen, wo Marnie mit Sicherheit schon auf ihn warten würde und ihm erklärte, was für ein verantwortungsloser Pate er für Jas war.
Doch wo sollte er sonst hin?
Bevor er die Frage ganz in seinem Kopf hin und hergeworfen hatte, schienen seine Beine bereits allein eine Entscheidung getroffen zu haben.
Mit neugewonnener Entschlossenheit lief er in Schlangenlinien über den Stadtplatz nach Norden, um dann nach links auf den Pfad zum Busstop einzubiegen. Shane wusste, dass es dumm war. Es war erbärmlich.
Aber er konnte nicht anders.
Er würde kurz bei ihr vorbeischauen, um zu sehen, ob noch ein Licht in ihrem Haus brannte. Vielleicht konnte er von draußen erkennen, ob Alex wirklich noch bei ihr geblieben war.
Doch bevor er auch nur einen einzigen Schritt auf Autumns Hof setzen konnte, sah er Alex auf dem gegenüberliegenden Ende des Wegs.
Sein Magen zog sich zusammen. Zum einen, weil er sofort das Gefühl hatte, entdeckt worden zu sein, zum anderen, weil der Zorn über sich selbst, über Autumn, die ihn scheinbar so schnell ausgetauscht hatte, und auch über Alex, noch immer in ihm schwelte.
Schlimm genug, dass sie irgendetwas mit ihm unternommen hatte - ausgerechnet Alex! -, aber dass er auch noch zur ihr nach Hause gekommen war…
Der Knoten in Shanes Magen zog sich noch fester in ihm zusammen. Irgendetwas riss in ihm.
Er straffte die Schultern und beschleunigte seinen Schritt.
Alex, der bisher den Blick auf den Boden gesenkt hatte, schien ihn jetzt erst zu bemerken.
„Hey!”
Es war ein neutraler Gruß, doch in diesem Moment war dieses einfache, kurze Wort wie Öl, das ins Feuer gekippt wurde.
Shane ballte seine rechte Hand zur Faust, holte aus und schlug zu. Ein kurzes Gefühl von grimmiger Genugtuung überkam ihn, als er dabei zusah, wie seine Faust auf das dümmliche Glotzen seines Gegenübers zuflog, kurz davor mit dessen Gesicht zu kollidieren.
Doch dann war Alex’ Gesicht plötzlich verschwunden. Er musste sich unter Shanes Schlag einfach weggeduckt haben, denn seine Faust schlug ins Leere. Durch die Wucht, die er in seinen Schlag gelegt hatte, stolperte Shane mehrere Schritte vorwärts, kam ins Straucheln und verlor das Gleichgewicht. Sein Gesicht schlug auf dem Boden auf und alles wurde schwarz.

* * * * * * * * * *


Er lag mit der Wange auf etwas Kaltem.
Mit dröhnendem Schädel blinzelte er gegen die schmerzende Helligkeit vor seinen Augen an. Die Schmerzen in seinem Kopf waren schlimmer als bei jedem üblichen Kater, den er je erlebt hatte.
Stöhnend rollte er sich auf den Rücken und schaffte es endlich seine Augen zu öffnen. Er starrte an eine von Holzbalken gestützte Decke. Wo war er?
Ächzend hob Shane den Kopf und stützte sich auf einen Ellenbogen. Er war in einem Badezimmer. Einem Badezimmer mit beige-braunen Fliesen und hellblauen Duschvorlegern.
Das konnte doch nicht wahr sein!
Er versuchte sich aufzurichten und auf die Beine zu kommen, doch der Schmerz in seiner rechten Schläfe war so übermächtig, dass er mit seinem Vorhaben nicht weit kam. Eine Hand fand zu seiner Stirn, doch anstelle von Haut spürte er verkrustetes Blut. Was bei Yoba war gestern geschehen? Wieso war er in Autumns Badezimmer? Und wer hatte ihn so zugerichtet?
Nach und nach nahm er die anderen Schmerzherde in seinem Körper war. Seine Schulter fühlte sich an, als ob er irgendwie auf seinen Arm gefallen wäre. Seine Jeans war am Knie aufgerissen, die Haut an seinem Bein war zerkratzt und schmutzig. Sein Kinn fühlte sich ebenfalls nicht ganz unverschont an. Hatte er sich gestern geprügelt? Mit wem?
Bei einem weiteren Versuch auf die Beine zu kommen, fasste er versehentlich mit einer Hand in eine breiartige Substanz, die er als sein eigenes Erbrochenes erkannte.
So eine verdammte Scheiße! Er hatte auf ihren blauen Badezimmerteppich gekotzt!
Den pulsierenden Kopfschmerz hinter seiner Schläfe ignorierend, schaffte er es sich auf die Beine zu stemmen und wankte zum Waschbecken, um sich die Hände zu waschen.
Ein kurzer Blick in den Spiegel verriet ihm, wie schlimm er wirklich aussah. Er hatte sich die Stirn aufgeschlagen. Verkrustetes Blut bedeckte seine gesamte rechte Gesichtshälfte. In der Schürfwunde an seinem Kinn steckten noch immer kleine, schwarze Schottersteinchen. Er war also gestürzt und hatte sich nicht geprügelt.
Mit zitternden Fingern versuchte er sich das Blut aus dem Gesicht zu waschen, was jedoch schwerer war als gedacht.
Noch mehr vertrocknetes Blut und Kotze klebte an seinem T-Shirt und seiner Jeans. Was zum Henker war gestern nur passiert? Scham stieg in Shanes Brust auf. Hatte Autumn ihn so gesehen? Voll mit seinem Blut, seiner eigenen Kotze und völlig besoffen?
Kaum hatte er dies gedacht, klopfte es zögerlich an der Badezimmertür.
„Shane?”
Ihm gefror regelrecht das Blut in den Venen.
„Darf ich reinkommen?”
Panik überkam ihn. Sie durfte ihn nicht so sehen! Sein Blick ging zu der Türklinke. Der Schlüssel fehlte auf seiner Seite der Tür.
Bevor er genug Zeit hatte, um sich eine Antwort einfallen zu lassen, öffnete sich zögerlich die Badezimmertür.
Das erste was er sah, waren Autumns grüne Augen. Er erwartete Ekel und Abscheu in ihnen zu erkennen. Doch als ihr Blick ihn traf, vermutlich all das Blut an ihm sah, konnte er nur Sorge in ihnen erkennen.
Das zweite was er sah, war die verschorfte Stelle an ihrer Unterlippe.
Sie wartete noch immer in der halb geöffneten Tür auf seine Antwort, während Shane sich den Kopf darüber zerbrach, was letzte Nacht passiert war.
Sie streckte ihm eine Hand entgegen, in der sie eine kleine Flasche Wasser hielt. „Du solltest etwas trinken.”
Wie in Trance nahm Shane ihr die Wasserflasche ab, schraubte sie auf und trank sie in gierigen Schlucken leer.
Autumn stand noch immer vor der Türschwelle und sah ihn besorgt an. Vielleicht zweifelte sie an seiner Zurechnungsfähigkeit. Vielleicht hatte sie Angst vor ihm. War er für ihre aufgeplatzte Unterlippe verantwortlich? Was hatte er getan?
Doch anstatt irgendeine der tausend Fragen zu stellen, die in seinem Kopf herumwirbelten, sagte Shane: „Ich habe auf deinen Teppich gekotzt.”
Er fühlte sich elend. Was war falsch mit ihm?
Autumns Blick fiel auf den angesprochenen Teppich. „Macht nichts.”
Abermals schien sich die Stille zwischen ihnen zu dehnen wie Kaugummi. Shane war zum Heulen zumute. Konnte sie ihn nicht einfach allein lassen?
„Wenn du möchtest, dann kannst du duschen. Ich kann dir ein paar alte Sachen von meinem Großvater borgen, dann kann ich deine waschen”, bot sie an.
Abermals sah Shane an sich hinunter. „Das musst du nicht machen.”
„Ich weiß”, erwiderte sie einfach. „Ich lasse die Tür angelehnt. Nur für den Fall.”
Damit ließ sie ihn allein.
Für mehrere Sekunden kämpfte Shane mit dem Gedanken einfach abzuhauen, blut- und kotzeverkrustete Klamotten und alles. Doch dann sah er ein, dass er damit niemandem half. Der saure Gestank seines eigenes Erbrochenem hing ihm die ganze Zeit in der Nase und ließ seinen Magen erneut rumoren.
Eilig zog er sich das T-Shirt über den Kopf und ließ es einfach auf den Fußboden fallen. Dann stieg er in die Duschkabine und zog den Vorhang zu, bevor er den Rest seiner Kleidung ablegte und vor den Vorhang fallen ließ.
Das heiße Wasser fühlte sich gut auf seiner Haut an. Doch als er seinen Kopf unter den Wasserstrahl hielt, schossen ihm vor Schmerzen Tränen in die Augen. Er musste die Temperatur des Wasser senken, um sich das verkrustete Blut an seiner Schläfe und seiner Wange abzuwaschen. Die eigentliche Wunde schien nicht besonders groß zu sein, fing jedoch sofort wieder an zu bluten, sobald er sich den Schorf abgewaschen hatte.
Shane wusch sich mit blumig riechendem Frauen-Duschbad und shampoonierte sich die Haare mit irgendetwas, dass nach Kokosnuss roch. Er hasste es wie sie zu riechen. Aber es war besser als gar nicht zu duschen.
Als er wieder aus der Dusche stieg, war der vollgekotzte Teppich verschwunden. Ebenso seine schmutzigen Klamotten, einschließlich seiner Unterhose. Auf dem zugeklappten Toilettendeckel lag ein zusammengefaltetes, ausgeblichenes T-Shirt und eine abgetragene Jogginghose.
Er trocknete sich mit einem Handtuch ab, das ebenfalls wie aus dem Nichts an einem der Handtuchhalter aufgetaucht war und zog die alten Sachen von Autumns Großvater an, bedacht kein neuen Bluttropfen darauf zu hinterlassen. Mit einem Stück Klopapier versuchte er die Blutung an seiner Stirn zum Stoppen zu bringen.
Ihm war noch immer schwindelig und die Kopfschmerzen waren ebenfalls noch da, doch die Dusche schien ihm neue Kraft gegeben zu haben. Vielleicht genug, damit er sich daran erinnern konnte, was letzte Nacht passiert war.
Shane verließ das Badezimmer und schloss die Tür hinter sich. Er war überrascht, die Küche leer vorzufinden, doch kaum eine Sekunde später öffnete sich die Fronttür und Autumn kam von draußen herein.
Abermals verharrte sie mitten in der Bewegung und starrte ihn abwartend an. So als… ob er sie angreifen würde.
„Was… ist passiert?”, platzte es schließlich aus ihm heraus.
„Du kannst dich nicht erinnern?”, erwiderte sie irritiert. Shane schüttelte den Kopf und ließ sich erschöpft mit dem Rücken gegen die geschlossene Badezimmertür sinken. Autumn stand am anderen Ende der Wohnküche und dennoch schien es ihm so, als wollte sie sich keinen Zentimeter in seine Richtung bewegen.
Ihm wurde plötzlich wieder übel. Sie hatte wirklich Angst vor ihm.
„Du hast Alex und mich in der Stadt getroffen”, begann sie zögerlich.
„So viel weiß ich noch”, schnitt er sie barsch ab. „Wie bin ich hierhergekommen?”
Er sah wie ihr Kehlkopf sich in ihrem Hals von oben nach unten bewegte, als sie schluckte.
„Alex ist dir auf dem Weg am Busstop vorbei begegnet und du… hast ihn angegriffen.”
Ihre Stimme war leise und klang viel zu dünn. „Angegriffen?”, wiederholte Shane schwach.
„Du hast versucht ihn zu schlagen”, spezifizierte sie. „Aber Alex ist dir ausgewichen und du bist hingefallen. Daher hast du das…” Sie deutete auf ihre Schläfe und Shane verstand. Er konnte sich gut vorstellen, dass er so etwas dummes machen würde. Das klang nach ihm.
Er wusste, dass nichts anderes als Eifersucht gestern in ihm getobt hatte, als er sich im Saloon betrunken hatte. Und er konnte sich gut vorstellen, dass die Eifersucht ihn dazu getrieben hatte, gestern noch zu Autumns Farm zu laufen. Doch der plötzlich in ihm aufkeimende Stolz machte es ihm unmöglich zuzugeben, dass er spät abends betrunken zu ihr hatte gehen wollen, nachdem er sie mit einem anderen Kerl zusammen gesehen hatte.
„Bist du dir sicher?”, entgegnete er hart. „Vielleicht war es ja dein neuer Freund, der mich angegriffen hat.”
Zum ersten Mal zeigte sich eine andere Emotion auf ihrem Gesicht als nur Sorge und vielleicht Angst. Autumn zog ärgerlich die Augenbrauen zusammen. „Alex ist nicht mein neuer Freund!”
„Ach nein? Was hat er dann noch so spät abends bei dir gemacht?” Abermals schlich sich das Bild von Autumn, die Schokoladensoße von Alex’ Bauchmuskeln leckte, in seinen Kopf.
„Er hat mich nach Hause gebracht und wir haben zusammen heiße Schokolade getrunken. Um ehrlich zu sein, habe ich ihn nicht mal hereinbitten wollen. Aber es schien mir unhöflich ihn einfach so abzuwimmeln.”
Shane stieß ein unwirsches Grunzen aus, als ihm klar wurde, dass er mit der Schokoladensoße gar nicht so weit von der Wahrheit entfernt war.
Autumn atmete tief durch, so als müsste sie sich zusammenreißen, sich nicht weiter über ihn aufzuregen. „Nachdem du gestürzt bist, hat Alex dich hierhergebracht, damit ich mir deine Wunde ansehen kann. Harvey ist im Moment bei einer Ärztekonferenz in Zuzu City. Aber kaum als Alex dich ins Haus gebracht hatte, hast du ihn angeschrien, dass er dich loslassen soll. Du hast wieder versucht nach ihm zu schlagen, dabei bist du gegen die Tür gestolpert.”
Diesmal war es Shane, der krampfhaft schlucken musste. Sein Magen zog sich unangenehm zusammen. Am liebsten hätte er ihr an den Kopf geknallt, dass er es ihr ja von Anfang an gesagt hatte, doch seine Scham über sein Verhalten im Suff war stärker und ließ ihn schweigen.
„Ich habe versucht dir aufzuhelfen”, sprach sie weiter. „Aber du hast versucht mich abzuschütteln.”
Sie musste nicht weiterreden. Shane verstand sofort, was geschehen war. Was er getan hatte.
In seiner Schläfe pochte noch immer der Schmerz und als seine Sicht zu verschwimmen begann, dachte er, es müsse mit seiner Kopfverletzung zusammenhängen. Doch dann wurde ihm klar, dass er weinte.
Hastig wischte er sich mit dem Handrücken, die Tränen aus den Augen.
„Dann ist dir übel geworden und wir haben dich ins Badezimmer gebracht”, sprach Autumn leise weiter. An ihrer veränderten Stimme, erkannte Shane, dass sie Mitleid mit ihm hatte, weil er vor ihr angefangen hatte zu heulen. Er hasste es.
„Du hast dich auf den Boden gelegt und wolltest dort liegen bleiben. Also, haben wir dich dort gelassen. Nachdem du eingeschlafen warst, habe ich dich in die stabile Seitenlage gebracht, nur für den Fall. Ich habe den Schlüssel aus der Tür gezogen, damit du dich nicht einschließen konntest, falls es dir plötzlich schlechter gehen sollte. Ich hoffe, das war okay?”
Shane rang sich dazu durch den Blick zu heben und sie direkt anzusehen. Er schlug sie im Suff, kotzte ihr Badezimmer voll und sie wollte wissen, ob es okay war? Okay, dass sie ihm praktisch das Leben gerettet hatte? Zum zweiten Mal!
Er wollte wütend werden, sie anschreien. Das wäre leichter gewesen, als mit dem Selbsthass und der Scham klarzukommen, die in diesem Moment beinahe übermächtig waren. Dazu kamen die unerträglichen Kopfschmerzen, die mit jeder Sekunde, die er auf seinen Beinen verbrachte, immer schlimmer wurden.
Er kniff die Augen zusammen, als erneut Tränen in ihnen aufzusteigen drohten und lehnte sich mit dem Rücken gegen die Badezimmertür hinter ihm. Er hörte, wie sie sich ihm näherte, doch er schaffte es nicht, die Augen zu öffnen und sie direkt anzusehen. Shane wollte weg von hier. Er wollte nicht, dass sie ihn weiter so sah, so schwach und widerlich selbstzerstörerisch.
Und das schlimmste an der ganzen Sache war: Die Sache mit Autumns Ex hatte Shane nicht an diesen Punkt gebracht. Er war schon früher so gewesen, hatte getrunken, bis er nicht nur die vorige Nacht, sondern auch sich selbst beinahe vergessen hatte. Dass Autumn ihn hintergangen hatte, hatte ihm nur einen weiteren Grund geliefert sich zu betrinken. Sich zu vergessen.
Shane zuckte zusammen, als er plötzlich ihre Hand an seiner Wange spürte. Endlich öffnete er wieder seine Augen und sein Herz schlug ihm plötzlich bis zum Hals. Autumn stand direkt vor ihm, das Gesicht viel zu nah an seinem, doch den Blick an seinen Augen vorbei auf seine Stirn gerichtet.
„Das sieht übler als ich es mir vorgestellt hatte. Ich dachte, es wäre nur eine von diesen Schürfwunden, die viel bluten, aber nicht besonders tief sind. Aber… um ehrlich zu sein, sollte sich das mal ein Arzt ansehen. Könnte sein, dass du auch eine Gehirnerschütterung hast.”
Abermals fiel sein Blick auf ihre Unterlippe.
„Ich habe dich geschlagen.” Und sie machte sich Sorgen um ihn. Was war falsch mit ihr?
Autumns Blick streifte seinen, doch sie sah hastig weg und ließ die Hand von seinem Gesicht wieder sinken.
„Du warst… nicht du selbst.”
Shane wollte ihr widersprechen. So viel zu trinken, bis er nicht mehr wusste, was er tat, war genau das, was er wirklich war. Nur Autumn hatte das nie wahrhaben wollen. Und Shane vielleicht auch nicht.
Er wollte ihr sagen, dass sie sich irrte. Doch abermals stieg ihm die Reue die Kehle hinauf und Tränen brannten in seinen Augen. Bevor jedoch die erste über seine Wange laufen konnte, schluckte er alles hinunter und sagte: „Es tut mir so Leid.”

* * * * * * * * * *


Es war der Morgen am Fest des Wintersterns. Marnie und Jas waren in festlicher Stimmung. Im Fernseher in der Küche lief ein alter Spielfilm, der jedes Jahr gezeigt wurde. Als Shane wie immer mit dröhnendem Schädel die Küche betrat, empfing ihn der Geruch nach Marnies berühmten, selbstgebackenen Schokokeksen, die sie jedes Jahr zum Fest machte.
Normalerweise hätte dieser Geruch jeden hungrig gemacht und mit festlicher Stimmung erfüllt, aber bei Shane ließ er den Magen rumoren und erzeugte seltsamerweise Schuldgefühle.
Er hatte Geschenke für Jas und Marnie besorgt. Die er am Vorabend mit einer halben Flasche Whiskey intus eingepackt hatte. Doch zum abendlichen Fest auf dem Stadtplatz würde er wohl nicht gehen, denn ein Geschenk für seinen geheimen Freund hatte er nicht.
Shane nahm sich ein Mineralwasser aus dem Kühlschrank und setzte sich zu Jas an den Küchentisch. Sie trug einen mit Rentieren bedruckten Pullover und beobachtete gespannt das Treiben im Fernseher. Er konnte sich nicht helfen, aber er hatte das Gefühl, dass seine Patentochter ihn ignorierte.
„Schon in Feststimmung?”, fragte er sie vorsichtig von der Seite und nahm einen Schluck von seiner Wasserflasche.
„Hm”, machte Jas und hob die Schultern ohne ihn anzusehen.
Er atmete geräuschvoll durch die Nase aus. Die Kopfschmerzen machten es ihm unmöglich ruhig zu bleiben, doch er zwang sich dazu, nicht zu streng zu klingen, als er sie fragte: „Okay, was ist los? Seit Tagen ignorierst du mich jetzt schon.”
Jas warf ihm einen Blick aus den Augenwinkeln zu, der vermutlich ihrer Schüchternheit zuzuschreiben war, aber in diesem Moment beinahe herablassend auf Shane wirkte.
„Nix”, entgegenete sie nur.
Doch diese Antwort stellte ihn nicht zufrieden. Shane wusste, dass irgendetwas nicht stimmte. Dass Jas sich vor ihm zurückzog. Aber er wollte niemandem das Fest des Wintersterns ruinieren, also ließ er es für den Moment gut sein. Seufzend lehnte er sich auf dem Küchenstuhl zurück und starrte auf den Fernseher, ohne dem Film wirkliche Beachtung zu schenken.
„Ich bin nicht sauer auf dich”, sagte Jas plötzlich aus heiterem Himmel, nicht ohne den Blick vom Fernseher zu nehmen.
Dieses Geständnis kam unerwartet, aber es half Shane dabei sich neben ihr zu entspannen. „Es… tut mir Leid”, sagte er nach einer Weile. „Tut mir Leid, dass Marnie und ich uns angeschrien haben.”
„Und was ist mit Autumn? Sie hättest du auch nicht anschreien müssen.”
Endlich hatte Jas den Kopf zu ihm gedreht und sah ihn aus ernsten braunen Augen an.
„Es gibt noch viel mehr Dinge, die ich nicht hätte tun sollen”, erwiderte Shane mehr zu sich selbst und wich ihrem Blick aus. Nachdem was vor wenigen Tagen geschehen war, wie er sich vor Autumn verhalten hatte und sie sich trotzdem um ihn gekümmert hatte, obwohl er ihr sogar körperliche Gewalt angetan hatte, konnte er ihr wohl kaum länger böse Intention unterstellen.
Nichts hätte Autumn davon abgehalten Marnie anzurufen, damit sie gefälligst ihren betrunkenen Neffen abholte. Stattdessen hatte sie alles dafür getan, dass niemand abgesehen von ihr und Alex von seinem peinlichen Auftritt erfahren würde. Shane war am Morgen später zur Arbeit gegangen, hatte Morris, Marnie und Jas erzählt, dass er auf Glatteis ausgerutscht sei und sich den Kopf angeschlagen hatte.
Morris hatte ihm den Tag frei gegeben und Marnie und Jas hatten ihm vermutlich nicht ganz geglaubt, aber auch keine weiteren Fragen gestellt, etwa wo er die Nacht verbracht hatte.
„Also… wirst du dich wieder mit Autumn vertragen?”
Shane gefror mitten in der Bewegung. Sofort wurden die Schuldgefühle noch schlimmer.
„Ich werde heute nicht zum Fest auf dem Stadtplatz gehen, Jas.”
„Was? Aber… Marnie macht Kekse und es gibt Truthahn und Wackelpudding! Und willst du denn dein Geschenk gar nicht bekommen?”
Er rutschte unwohl auf seinem Stuhl hin und her. Letztes Jahr hatte Willy ihn als Geheimen Freund gezogen. Shane hatte als Geschenk einen selbstgeschriebenen Gutschein für zehn Forellensuppen aus seinem Hafenshop bekommen, von denen er bis jetzt noch keine einzige eingelöst hatte.
Sein Schweigen schien Jas auf eine andere Idee zu bringen. „Sag bloß, du hast kein Geschenk für deinen geheimen Freund?”
„Ich hab doch gesagt, dass ich nicht hingehe”, erwiderte er defensiv.
„Shane!”, stieß Jas empört aus. „Das ist total gemein! Irgendjemand wird heute Abend auf dem Stadtplatz auf sein Geschenk warten und es nicht bekommen.”
Ein flüchtiger Blick zur Seite verriet ihm, dass Jas so aufgebracht über sein Geständnis war, dass ihre Wangen sich rot verfärbten. „Wer ist es? Alex? Kannst du ihn wirklich so wenig leiden, dass du ihm das Fest des Wintersterns versauen musst?”
„Es ist Autumn”, sagte Shane ausdruckslos und starrte eisern auf den Fernseher.
Das schien Jas für den Moment inne halten zu lassen. „Als ich mit Tante Marnie in Zuzu City nach Geschenken geshoppt habe, da habe ich auch was für Autumn besorgt. Du kannst es ihr schenken und sagen, dass es von dir ist.”
Shane bekam Bauchschmerzen bei dem Gedanken. Das konnte er doch nicht machen. Es war sowieso schon erbärmlich genug, dass er ihr aus Trotz oder Verletztem Stolz kein Geschenk besorgt hatte. Aber Jas’ Geschenk als seins auszugeben, war praktisch die Definition von erbärmlich.
„Naja, du kannst es dir ja nochmal überlegen. Ich habe alle meine Geschenke schon eingepackt. Sie liegen unter meinem Bett. Das für Autumn habe ich in silbernes Papier eingewickelt. Du kannst es dir einfach nehmen, wenn du willst.”
Bevor Shane auch nur die Möglichkeit hatte, seine Gedanken soweit zu ordnen, um auf Jas’ Gesagtes einzugehen, stand sie einfach auf und ließ ihn in der Küche allein zurück.

Schunkelige Wintersternfestmusik drang aus demselben portablen CD-Player, den Lewis auch für den Blumentanz benutzte. Tische aus dem Saloon waren auf dem Stadtplatz gestellt worden, auf dem sich haufenweise mitgebrachte Köstlichkeiten tummelten. Shane drängte sich zwischen den sich unterhaltenden Einwohnern Pelican Towns und Heizpilzen durch, die die Winterkälte gerade genug verdrängten, damit Shane nicht in seiner durchlöcherten Jacke unkontrolliert zittern musste.
Die kleine, mit silbernem Papier eingewickelte Schachtel fühlte sich zentnerschwer in seiner Jackentasche an. Er war so nervös, dass seine Handflächen trotz der Kälte schweißnass waren. Er wünschte sich, er könnte für diesen Abend nüchtern bleiben, aber ohne wenigstens einen Becher Glühwein würde er garantiert nicht genug Mut aufbringen, um Autumn das Geschenk zu überreichen.
Er ließ sich von Gus einen Becher eingießen, bevor er sich neben einen der Heizstrahler stellte und mit klopfendem Herzen Ausschau hielt. Nach ihr.
Shane hasste sich dafür, dass er wirklich so tief gesunken war und Autumn Jas’ Geschenk geben wollte. Er verstand nicht einmal, wieso er es tat. Waren es Schuldgefühle? Oder schlimmer noch: Hoffnung?
Er trank den Becher Glühwein viel zu schnell aus und spähte über den Stadtplatz in der Erwartung Autumns roten Haarschopf zu sehen. Doch er fand sie einfach nicht. Möglicherweise trug sie wieder eine Mütze, die ihre Haare verdeckte? Er sah zu der Gruppe um Abigail und Sebastian, doch Autumn war nicht bei ihnen. Er fand Alex, der den Rollstuhl seines Großvaters schob, während dieser sich mit Lewis und Willy unterhielt.
Doch auch dort fand er Autumn nicht. Alex schien Shanes Starren bemerkt zu haben, denn er fing seinen Blick auf und sah unverschämt zurück.
Hastig sah Shane weg, doch aus den Augenwinkeln bemerkte er, dass Alex direkt auf ihn zukam.
„Hey!”
Er wäre am liebsten im Boden versunken oder wenigstens weggelaufen, doch jetzt gab es kein Zurück mehr. Shane wandte sich zu Alex um und klammerte sich haltsuchend an seiner Glühweintasse fest.
„Hey.”
Halb rechnete er damit, dass Alex ihn vielleicht vor aller Augen zusammen stauchen würde, wegen Shanes Verhalten, als er die Nacht betrunken bei Autumn aufgetaucht und auf seinen vermeintlichen Nebenbuhler losgegangen war.
Doch stattdessen gab Alex ihm einen halbwegs freundschaftlichen Klaps auf den Arm. „Gut, dass ich dich erwische. Hab halb damit gerechnet, dass du vielleicht nicht auftauchen würdest. Aber schließlich gibt’s kostenlosen Alk.”
Sein Blick fiel auf Shanes halbleere Glühweintasse und sofort spürte dieser die Schuldgefühle zurückkommen. Shane wusste nicht, was er darauf erwidern sollte. Vielleicht… sollte er sich entschuldigen?
„Hör zu…”, setzte er vorsichtig an. „Was neulich passiert ist… tut mir Leid.”
Zu seiner Überraschung versteinerte sich Alex’ Miene plötzlich und er wich Shanes Blick aus. „Du musst dich nicht entschuldigen. Jedenfalls nicht bei mir. Und selbst wenn! Ich weiß, wie das ganze läuft. Du sagst, es tut dir Leid, und vielleicht stimmt das sogar. Aber letztendlich macht’s keinen Unterschied.”
Shane blinzelte ihn irritiert an.
Alex’ Schmunzeln kehrte auf sein Gesicht zurück, auf eine Art, als wäre es antrainiert. „Wie auch immer”, sagte dieser hastig. „Du bist mein geheimer Freund, also kriegst du jetzt auch dein Geschenk.”
Damit hatte Shane am allerwenigsten gerechnet. Er spürte wie ihm vor Verlegenheit die Hitze den Hals hochkroch, als Alex einen weißen Umschlag aus seiner Jeanstasche zog und ihm diesen entgegen hielt. Wie hatte die Situation von unangenehm zu unaushaltbar umschlagen können? Shane wand sich innerlich, als er Alex den Umschlag abnahm und sich vorstellte, wie er wohl am glaubhaftesten Dankbarkeit für einen weiteren selbstgeschriebenen Geschenkgutschein heucheln sollte. Vielleicht für 10 Mal, die Shane Alex’ Hanteln benutzen durfte.
Mit zittrigen Fingern griff er in den Umschlag hinein und zog hinaus, was auch immer Alex ihm schenken würde. Shane hatte sich geirrt. Es war kein Geschenkgutschein, sondern zwei Karten für das Tunneler’s Spiel im Frühling in Zuzu City.
„Du schenkst mir Gridball-Tickets?”, stieß Shane ungläubig aus.
„Ich hab mir natürlich auch eins gekauft”, erwiderte Alex grinsend. „Also kannst du die zweite Karte noch jemand anderem geben. Zum Beispiel Jas, falls sie sich für sowas interessiert.”
Shane starrte noch immer auf die Karten in seinen Händen und wusste nicht, was er sagen sollte. „Danke… Alex.”
„Kein Ding”, erwiderte dieser. „Du kannst dich bei Autumn bedanken. Sie hat mich auf die Idee gebracht.”
Mit einem Mal war Shane wieder ganz Ohr. Autumn hatte mit Alex über ihn gesprochen? Ihm sogar dabei geholfen ein Geschenk für Shane auszusuchen? Und er hatte es nicht einmal über sich gebracht selbst eins für sie zu besorgen.
„Hast du sie heute Abend schon gesehen?”
„Autumn?”, fragte Alex nach. „Sie sagte, sie fühle sich nicht gut und wollte heute zu Hause bleiben. Am Telefon klang sie auch ziemlich krank.”
Der Gedanke, dass Alex mit Autumn am Telefon gesprochen hatte, versetzte Shane einen unerwarteten Stich.
„Okay. Danke.”
Er rang sich so etwas Ähnliches wie ein Lächeln ab, bevor er den Umschlag mit den Gridballtickets in die Tasche seiner Jojajacke steckte und sich von Alex abwandte, der bereits wieder zu seiner Familie zurücklief.
Shane trank den Rest seines Glühweins aus und genehmigte sich eine zweite Tasse. Er hatte vorgehabt Autumn das Geschenk, das Jas besorgt hatte, zur Feier auf dem Stadtplatz zu geben. Weil er schließlich sowieso da war. Aber sollte er wirklich zu ihr nach Hause gehen? Schon wieder?
Er schämte sich bereits genug dafür, dass er bei seinem letzten Besuch unangekündigt und volltrunken bei ihr aufgetaucht war, sich wie ein Irrer aufgeführt, auf ihren Teppich gekotzt und sie im Suff sogar geschlagen hatte. Vielleicht sollte er sie nach allem, was er angerichtet hatte, besser allein lassen und ihr nicht auch noch das Fest des Wintersterns ruinieren.
Nachdenklich nippte er an seiner Tasse und ließ den Blick über den Stadtplatz schweifen. Marnie unterhielt sich mit Jodi, während Jas und Vincent Geschenke verglichen. Die Bewohner von Pelican Town standen jeweils in Grüppchen zusammen, unterhielten oder beschenkten sich. Jeder schien jemanden zu haben, mit dem er diesen Tag teilen konnte. Shane war wie so oft der Einzige, der abseits stand.
Und dann begann er sich vorzustellen, wie Autumn allein in ihrer kleinen Hütte auf der Farm saß, ebenfalls weit weg von den anderen Stadtbewohnern, der Festtagsstimmung und ihrer Familie. Und zu allem Überfluss auch noch krank.
Ohne einen weiteren Gedanken zu verschwenden, setzte Shane sich in Bewegung und ließ den geschäftigen, hell erleuchteten Stadtplatz hinter sich.

Autumn lag in eine Decke gewickelt auf ihrem Sofa, die Wange in ein Kissen gepresst und starrte aus geschwollenen Augen auf den Fernseher. Sie hatte beim Durchschalten eine blöde, romantische Komödie anlässlich zum Fest des Winterstern gefunden. Die Handlung war stumpf und die Charaktere völlig übertrieben, aber wenigstens für den Moment war es genug, um sie von den düsteren Gedanken abzulenken, die sie bereits seit einigen Tagen nicht mehr in Ruhe ließen.
Sie hasste das Fest des Wintersterns. Doch dieses Jahr war es noch schlimmer als sonst. Und das obwohl sie sich vorgenommen hatte, dies endlich zu ändern. Ein ungeschmückter, künstlicher Wintersternbaum stand in einer Ecke ihrer Wohnküche, wie ein schauriges Mahnmal. Obwohl sie ihn extra Wochen im Voraus bei Pierre bestellt hatte, hatte sie sich einfach nicht dazu aufraffen können ihn zu schmücken.
Die plötzliche Werbepause traf sie wie ein Schwall kaltes Wasser ins Gesicht, der sie wieder zurück in die Wirklichkeit zerrte und sie dazu zwang sich wenigstens für die kommenden Minuten mit dem Hier und Jetzt zu beschäftigen.
Seufzend setzte sie sich auf, um ihre Tasse von dem Couchtisch zu angeln und einen Schluck kaltgewordenen Tees zu trinken. Noch bevor sie die Tasse an die Lippen setzen konnte, klopfte es an ihre Tür.
Irritiert hielt sie inne. Für mehrere Sekunden rang sie mit sich, ob sie wirklich aufmachen sollte. Sie hatte Alex heute Morgen extra angerufen und ihm ihre überzeugendste Erkältungsstimme vorgemacht, damit er sie heute einfach in Ruhe lassen und bei der Gelegenheit auch noch Abby, Sam und Sebastian Bescheid geben würde. Sie ertrug heute einfach keine Besucher. Sie wollte allein sein.
Es klopfte noch einmal, energischer diesmal.
Resigniert seufzend kam sie auf die Beine, klopfte sich Krümel von den Yogahosen und strich sich lose Strähnen ihres Zopfes hinter die Ohren, bevor sie die Tür aufmachte.
Autumn erstarrte mitten in der Bewegung, als sie in die braunen Augen von Shane sah, der plötzlich vor ihr stand.
„Was zum- Was machst du denn hier?”, stieß sie perplex aus. Shanes Augenbrauen zogen sich bei ihren Worten finster zusammen. Sein Blick wanderte von ihren Augen zu ihrem Sweatshirt und der krümeligen Yogahose und schließlich zu ihren Plüschpantoffeln. Warum war er hier? Um sie prüfend anzustarren?
Die kalte Luft von draußen ließ Autumn erschaudern.
„Kann ich reinkommen?”
Diese Frage überraschte sie noch viel mehr als sein plötzliches Auftauchen. Dennoch ließ sie ihn eintreten und schloss dankbar die Tür hinter ihm, um die Wärme, die ihr kleiner, unermüdlicher Holzofen spendete, zu bewahren.
Als sie sich ihm wieder zuwandte, kam sie nicht drum herum nun ebenfalls einen Blick auf Shane zu werfen. Obwohl es draußen erbärmlich kalt war, trug er wie immer seine abgetragene Jojajacke. Beide Hände hatte er wie üblich in deren Taschen gestemmt. Sein dunkles Haar war vom Wind draußen zerzaust und Autumn kam nicht drum herum, sich innerlich einzugestehen, wie attraktiv sie ihn noch immer fand.
Sofort schoss ihr durch den Kopf, wie sie aussehen musste und zog sich das Sweatshirt weiter über den Hintern.
Für einen scheinbar endlosen Moment standen sie einander in ihrer unaufgeräumten Wohnküche gegenüber. Der Ton des Fernsehers, der noch immer lief, verriet ihr, dass die Werbepause vorbei war und der Film weiterging.
Obwohl Shane derjenige war, der unangekündigt vor ihrer Tür gestanden hatte, schien er nun kaum den Mut aufbringen zu können, sie direkt anzusehen. Warum war er hier? Wollte er sich noch einmal bei ihr entschuldigen? Oder schlimmer noch: Hatte er Gewissensbisse, weil Autumn nicht auf dem Stadtplatz zum Fest der Wintersterns aufgetaucht war?
„Hör zu…”, begann er endlich. „Ich hab dich gezogen. Als geheimen Freund, weißt du?”
„Oh”, stieß Autumn leise aus. Die Erkenntnis und die Enttäuschung drangen zu ihr durch. Deswegen war er hier. Er war dazu verpflichtet worden, ihr etwas zum Fest der Wintersterns zu schenken und er erfüllte diese Pflicht. Weil es von ihm erwartet wurde. Vielleicht auch weil Marnie ihn dazu gedrängt hatte.
Und sie konnte es ihm nicht einmal verübeln. Schließlich hatte Autumn sich ebenfalls dazu durchgerungen, die von Harvey vorgeschlagene Kameratasche für Haley zu kaufen. Sie hatte das Geschenk eingepackt und es am Morgen Lewis übergeben, damit er es unter den großen, geschmückten Baum legen konnte.
Shane zog seine rechte Hand aus seiner Jackentasche und hielt ihr wortlos ein kleines, quadratisches Päckchen hin, das in Silberpapier eingepackt worden war. Mit klopfendem Herzen nahm sie es ihm ab. Das Geschenkpapier war ganz zerknittert, so als ob er es die ganze Zeit in der Hand gehalten hatte.
Mit zitternden Fingern löste sie die Schleife und riss ohne viel Aufhebens das Silberpapier auf. Eine kleine Pappschachtel kam zum Vorschein und unter ihrem Deckel eine silberne Haarspange mit einem grünen Schmuckstein.
Autumn starrte sie an und wusste mehrere Sekunden nicht, was sie sagen sollte. Die Haarspange war hübsch und gefiel ihr, aber nie hätte sie damit gerechnet, dass Shane ihr ausgerechnet so etwas schenken würde. Hühner, ja. Aber Haarschmuck?
„Danke… Shane”, brachte sie schließlich hervor. „Sie ist wirklich…-”
„Das Geschenk ist nicht von mir”, platzte es plötzlich aus ihm heraus. Autumn hob irritiert den Blick und sah in seine geweiteten, braunen Augen, in denen die Verzweiflung lag. „Eigentlich wollte ich dir erst gar nichts schenken, aber dann habe ich Panik gekriegt und… Jas hat die Haarspange gekauft. Sie wollte sie dir eigentlich schenken, aber… sie hat sie mir überlassen, damit ich so tun konnte, als wäre sie von mir.”
Autumn starrte ihn fassungslos an. Aus irgendeinem Grund hatte sie Schwierigkeiten zu verstehen, was er da sagte. „Jas?”, wiederholte sie leise.
„Ja”, erwiderte er niedergeschlagen. „Es tut mir Leid.”
Sie verstand ihn. Nach dem, was sie ihm angetan hatte, konnte sie nachvollziehen, warum er keine Lust gehabt hatte, ihr etwas zu schenken. Aber der Gedanke, dass die süße, zehnjährige Jas an sie gedacht hatte, diese Haarspange extra für sie herausgesucht hatte, war plötzlich zuviel für Autumn.
Das Weinen war wie ein Muskel, den sie bereits den ganzen Tag über trainiert hatte. Dementsprechend ging es diesmal ganz besonders schnell, dass ihre Augen sich mit Tränen füllten und ihr Hals sich wie zugeschnürt anfühlte. Hastig drehte sie sich von Shane weg.
Yoba! Er sollte bloß nicht denken, dass sie jetzt wegen ihm weinte. Doch zu spät.
„Ist… alles in Ordnung?”
„J-ja”, stieß sie angestrengt aus, bemüht nicht zu schluchzen. Autumn floh auf die Couch, stellte die Schachtel mit der Haarspange auf den Couchtisch, legte sich ein Kissen auf den Schoß und presste ihr Gesicht hinein. Ihr war klar, wie seltsam das ganze auf Shane wirken musste, aber in diesem Moment war es ihr wichtiger, dass sie aufhörte zu weinen, anstatt einen merkwürdigen Eindruck zu hinterlassen.
Sie konnte sich vorstellen, wie er völlig verunsichert dastehen würde und vielleicht sogar überlegte, ob er einfach gehen sollte. Doch zu ihrer Überraschung senkte sich neben ihr das Polster der Couch. Eine warme Hand legte sich auf ihren Rücken.
„Es tut mir Leid”, hörte sie ihn leise sagen.
„Es ist nicht wegen dir”, erwiderte sie schniefend, nachdem sie ihr tränenverklebtes Gesicht wieder von dem Kissen gehoben hatte. „Es ist wegen diesem Tag!”
Es war merkwürdig neben ihm auf der Couch zu sitzen. Vor allem, da im Fernseher vor ihnen die Hauptfigur des Film endlich den Love Interest küsste. Hastig griff Autumn nach der Fernbedienung und schaltete den Fernseher aus.
„Sag bloß, du magst das Fest des Wintersterns nicht?” Shane hatte die Hände aus seinen Taschen genommen und knetete nervös seine Finger, hatte den Blick jedoch fest auf sie gerichtet. Nach allem, was in den letzten Monaten zwischen ihnen geschehen war, fragte Autumn sich, warum er immer noch hier war. Warum hatte er sich zu ihr gesetzt, die Hand auf ihren Rücken gelegt und schien nun ehrlich interessiert daran zu sein, was mit ihr los war? Oder zumindest wollte sie das glauben.
„Früher war es eigentlich mein Lieblingsfeiertag. Meiner und der meiner kleinen Schwester, Summer.”
Allein die Erinnerung an sie, schaffte es, erneut Tränen in Autumns Augen zu treiben.
„Moment…”, unterbrach Shane sie. „Deine Eltern haben dich Autumn genannt und deine Schwester Summer?”
Und obwohl ihr bereits wieder Tränen über die Wangen liefen, brachte dieser Kommentar sie zum Lachen. „Ich weiß. Bescheuert, oder?”
Zu ihrer Überraschung umspielte ein kleines Schmunzeln seine Lippen.
„Ich erinnere mich daran, dass du sie schon einmal erwähnt hast. Wieso kommt deine Schwester dich nicht einfach besuchen?”
Autumn wusste, dass Shane nur versuchte sie aufzumuntern, aber allein die Vorstellung von Summer, die als erwachsene Frau mit ihr zusammen das Fest des Wintersterns in ihrer kleinen Hütte feierte, brach ihr schier das Herz.
„Weil sie vor 9 Jahren gestorben ist.”
Diesmal schaffte es Autumn nicht ihr Gesicht rechtzeitig in einem Kissen zu verbergen, bevor sie abermals in Tränen ausbrach.
„Und jedes Jahr zum Fest des Wintersterns… fehlt sie mir so sehr, dass… ich alle fünf Minuten anfange zu heulen wie ein kleines Baby.” Und sie hasste es. Sie hasste es, dass sie sich vor Shane nicht wie sonst gut genug unter Kontrolle hatte. Dass sie ihm diese schwache Seite von ihr zeigen musste. Sie hasste es.
Für Sekunden, die ihr vorkamen wie Stunden, blieb er stumm. Obwohl sie den Blick von ihm abgewandt hatte, wusste sie, dass er sie ebenfalls nicht ansah. Was er wohl jetzt von ihr dachte?
„Was ist mit ihr passiert?”
Autumn schluckte ihre Tränen hinunter, als vor ihrem inneren Auge die Bilder von Summers bleichem Gesicht, ihrer schmalen, zerbrechlichen Figur in Krankenhausbetten und Rollstühlen, aufblitzten.
„Sie hatte Leukämie”, antwortete sie leise. Die Worte schienen ihr wie im Hals stecken zu bleiben. „Sie war gerade mal acht Jahre alt, als unsere Eltern merkten, das mit ihr irgendetwas nicht in Ordnung war.”
Autumn wischte sich die Tränen weg, die erneut über ihre Wangen liefen, und schniefte geräuschvoll bevor sie weitersprach, den Blick auf den ausgeschalteten Fernseher gerichtet. „Summer war oft müde. Sie ist in der Grundschule oft im Unterricht eingeschlafen. Sie hat in den Hofpausen nie mit anderen Kindern gespielt. Ihre Lehrer haben meinen Eltern davon erzählt und zuerst dachten sie, Summer hätte einfach Schwierigkeiten Freunde zu finden. Aber es hat sich herausgestellt, dass sie sich oft viel zu schwach gefühlt hat, um mit den anderen Kindern durch die Gegend zu rennen.”
Sie spürte, wie Shane neben ihr sein Gewicht auf der Couch verlagerte. Ob ihm die Geschichte irgendwie unangenehm war? Vielleicht sollte sie lieber aufhören über Summer zu reden. Doch einmal angefangen, konnte sie nicht einfach wieder verstummen.
„Unsere Eltern waren mit ihr beim ganz normalen Kinderarzt und der hat vorgeschlagen, dass Summer einfach Eisenmangel hatte. Aber Eisentabletten haben nicht geholfen. Ihr Zustand hat sich immer weiter verschlechtert. Sie bekam oft Fieber, hatte Bauch- oder Kopfschmerzen. Es hat mehrere Wochen gedauert, bis meine Eltern zum ersten Mal mit ihr bei einem Onkologen waren. Der hat sie sofort ins Krankenhaus eingewiesen.”
Abermals schoben sich Bilder von Summer im Krankenhaus vor ihr inneres Augen.
„Sie haben sofort mit Chemotherapie begonnen. Dann mit Bestrahlung.” Ein weiterer Weinkrampf schüttelte ihren Körper und erneut liefen Tränen über ihr Gesicht wie ein verdammter Wasserfall. „Anstatt größer zu werden, wie andere Kinder, und sogar in die Pubertät zu kommen, ist Summer in den nächsten Jahren immer dünner und kleiner geworden, bis sie fast transparent war, wie ein Geist, mit Armen so zerbrechlich wie… Glas.”
Abermals fühlte sie Shanes warme Hand über ihren Rücken streichen, energischer diesmal, so als wäre es nicht nur eine Geste, die er sich gezwungen fühlte in dieser Situation zu machen. Und Autumn fühlte sich dessen so unwürdig. Sie hatte sein Mitleid nicht verdient.
„Ich bin irgendwann aufs College gewechselt”, erzählte sie mit weinerlicher Stimme weiter. „Und ich habe jede Semesterarbeit und jede Klausur als Ausrede genommen, um nicht ins Krankenhaus zu fahren, um Summer zu besuchen. Ich konnte einfach nicht ertragen, wie sie sich vor mir… in Luft auflöste.”
Jetzt heulte sie richtig. Abermals presste sie ihr Gesicht in das Kissen in ihrem Schoß und versuchte somit die gequälten Geräusche, die unfreiwillig aus ihrem Mund drangen, zu ersticken.
Sie spürte, wie Shanes Hand sich um ihr Handgelenk legte und sie sanft daran hoch zog. Irritiert hob Autumn den Kopf, nur um plötzlich in seinen Armen zu sein. Ihre Wange lag an seiner Schulter und seine Arme um ihren Rücken. Sie spürte wie sein Knie gegen ihres stieß, als sie sich entspannte und vollständig gegen ihn lehnte.
„Ich hab sie im Stich gelassen”, stieß Autumn schluchzend aus, während ihre Tränen von Shanes Jojajacke aufgesogen wurden. „Ich hab sie einfach allein gelassen, obwohl sie mich gebraucht hat! Nur weil ich zu feige war, ihr beim Sterben zuzusehen!”
Sie rechnete damit, dass er irgendetwas sagte. Irgendeine dieser sinnlosen Floskeln von sich gab, wie: Es wird alles gut. Mach dich deswegen jetzt nicht fertig. Deine Schwester hat gewusst, dass du sie liebst. Sie würde nicht wollen, dass du jetzt deswegen traurig bist.
Aber das tat er nicht.
Und genauso wenig war er entsetzt darüber, was sie getan hatte. Wie sie sich verhalten hatte.
Er sagte gar nichts. Er hielt sie einfach nur, in dieser merkwürdig ungeschickten Art, die ihm zu eigen war, strich ihr mit einer Hand unermüdlich über den Rücken und ließ es zu, dass ihre Tränen seine Jacke tränkten, während sie sich an seiner Schulter ausheulte.
Autumn wusste nicht, wie es genau passierte, aber irgendwie nickte sie, möglicherweise aus Erschöpfung vom vielen Weinen, einfach ein. Als sie aufwachte, lag sie jedoch nicht mehr in Shanes Armen. Stattdessen hatte sie sich auf der Couch zusammengerollt. Eine Decke hatte auf magische Art und Weise ihren Weg über ihren Körper gefunden.
Sie setzte sich auf und blinzelte verschlafen. Ihre Augen fühlte sich noch geschwollener an als zuvor. Dennoch kam es ihr so vor, als würde sie sich etwas besser fühlen. Als wäre endlich ein Gewicht von ihrem Herzen verschwunden, dass sie schon seit Jahren mit sich herum geschleppt hatte. Oder wenigstens ein Teil davon.
Sie rechnete fest damit, dass Shane, nachdem sie eingeschlafen war, einfach gegangen wäre. Vielleicht um sie nicht zu stören, oder aus Angst, dass sie noch einmal anfing zu heulen wie ein Baby.
Umso erstaunter war Autumn, als sie hinter sich ein Geräusch hörte. Irritiert wandte sie sich um. Ihr kahler Wintersternbaum war nun nicht mehr kahl. Shane kramte in der großen Box, in der Autumn ihre spärlichen Wintersterndekorationen aufbewarte, während Samson schnurrend um seine Beine strich und schwarze Katzenhaare auf seinen Jeans verteilte. Während sie geschlafen hatte, hatte Shane offenbar Lichterketten und den Großteil ihrer Wintersternbaumkugeln an dem Baum aufgehängt.
Er hatte noch nicht bemerkt, dass Autumn aufgewacht war. Er stieg über die Katze und bückte sich, um das Ende der Lichterkette in eine Steckdose zu stecken. Als die künstliche Tanne von den kleinen bunten Birnen erleuchtet wurde, stieg abermals Hitze hinter Autumns Augen auf.
„Das hättest du nicht machen müssen”, sagte sie leise.
Shane drehte sich zu ihr um, offenbar erleichtert, dass sie aufgewacht war.
„Ich wollte irgendwas tun. Und dieser Baum hätte ehrlich gesagt jeden traurig gemacht.” Er schmunzelte.
Es fühlte sich tatsächlich gleich viel wintersternfestlicher in ihrer kleinen Hütte an und Autumn war ihm ehrlich dankbar.
Sie erhob sich von der Couch und strich ihre zerknitterte Jogginghose glatt, bevor sie hinüber in die Küche ging.
„Ich mache mir eine heiße Schokolade. Möchtest du auch eine?”
Sie rechnete fest damit, dass Shane ablehnte und sich für den Abend entschuldigte. Umso erstaunter war sie, als er Ja zu dem Kakao sagte. Nach wenigen Minuten kehrte sie mit zwei dampfenden Tassen zum Sofa zurück, wo Shane bereits auf sie wartete.
„Musst du nicht wieder zurück zum Fest auf dem Stadtplatz?”, fragte Autumn schüchtern, als sie ihm die Tasse reichte.
„Marnie und Jas werden vermutlich nicht mal bemerkt haben, dass ich gar nicht mehr da bin”, erwiderte er, nachdem er an seinem Kakao genippt hatte. „Das ist fast jedes Jahr so. Normalerweise gehe ich da nur wegen des Essens und des Glühweins hin.”
„Sag sowas nicht”, sagte Autumn sofort. „Jas wird es garantiert auffallen. Und dann wird sie sich Sorgen machen.”
„Sie wird schon ohne mich klarkommen”, erwiderte Shane bestimmt. Er nahm einen weiteren Schluck von seinem Kakao, als Samson ihm ohne Vorwarnung in den Schoß sprang und sich schnurrend auf seinen Beinen zusammenrollte.
„Es sei denn, du willst mich loswerden.” Er hatte den Blick auf die unverschämte Katze in seinem Schoß gesenkt und die Augenbrauen finster zusammen gezogen.
„Nein, absolut nicht”, erwiderte Autumn ehrlich. „Es ist nur… ich fühle mich fast schuldig, wenn ich dich am Fest des Wintersterns von deiner Familie fernhalte. Ich meine… du musst nicht bei mir bleiben, wenn du nicht willst.”
„Ich will aber”, war seine prompte Antwort.
Autumn war dankbar dafür, dass er bei ihr bleiben wollte. Dennoch fühlte es sich seltsam an, neben ihm auf der Couch zu sitzen, nach allem was zwischen ihnen passiert war und nachdem sie sich gerade bei ihm ausgeheult hatte. In angespanntem Schweigen tranken sie ihren Kakao bis Autumn unüberlegt das Schweigen brach.
„Hast du… auch jemanden verloren, der dir nahestand?”
Shane stellte die leere Tasse auf dem Couchtisch ab, bevor er sich auf der Couch zurücklehnte.
„Du meinst… abgesehen von Jas’ Dad?”
Ugh, natürlich! Wie hatte sie das nur vergessen können?
Betreten senkte Autumn den Blick. „Tut mir Leid. Daran hatte ich nicht gedacht.”
„Mein Dad ist gestorben, als ich achtzehn war.” Shane verzog das Gesicht, so als ob er auf etwas Bitteres gebissen hatte. Autumn konnte ihm ansehen, dass ihm der Gedanke an den Tod seines Vaters Schmerzen bereitete.
„Du musste mir nicht davon erzählen”, sagte sie hastig. „Ich hätte gar nicht erst fragen sollen.”
Zu ihrer Überraschung hob er plötzlich die Hand und legte sie auf ihr Knie. „Schon gut. Vielleicht will ich ja drüber reden.”
Autumn konnte nicht anders als mit pochendem Herzen auf seine Hand an ihrem Knie zu starren, die sich angenehm vertraut und warm anfühlte.
„Mein Dad war kein besonders guter Vater”, sagte er leise, während er auf einen unbestimmten Punkt in der  Ferne starrte. „Er hat mich nicht geschlagen oder sowas.”
Shane räusperte sich unwohl. „Aber er hatte ein Problem mit Alkohol. Wie der Vater, so der Sohn, schätze ich.”
Autumn sah ihn von der Seite an. Vor kaum einer Woche hatte sie beinahe Angst vor Shane gehabt, als er betrunken vor ihrem Haus aufgetaucht war, sie und Alex angegriffen und Beleidigungen um sich geworfen hatte. Vielleicht hatte sie sich sogar erleichtert gefühlt, dass sie nicht mehr mit ihm zusammen war und Auseinandersetzungen dieser Art ohne einen dritten erleben musste. Sie wusste, dass Shane kein schlechter Mensch war. Aber sie hatte gesehen, was der Alkohol mit ihm anstellen konnte.
Und nun stellte sie sich vor, wie es für Shane gewesen sein musste mit einem Vater aufzuwachsen, der, wenn er zu viel getrunken hatte, ebensolche Ausbrüche hatte. Sie konnte nicht anders als Mitleid mit ihm zu haben.
„Mein Dad sah ziemlich gut aus, weißt du? Deswegen hat er es auch irgendwie geschafft, meine Mutter zu heiraten, obwohl sie viel jünger war als er. Er hat sie irgendwie dazu gebracht nach Pelican Town zu ziehen. Willy und er haben früher die Fischerei betrieben. Sie hatten sogar einen Fischkutter und haben ganz ordentlich Geld gemacht. Aber meine Mutter wollte nicht hier sein. Das hat sie ihn auch fast jeden Tag spüren lassen. Irgendwann hat sie dann ihre Taschen gepackt und ist gegangen.”
Soviel hatte Autumn bereits von Abigail erfahren, aber es direkt von Shane zu hören, war so viel schockierender. Sie konnte sich nicht vorstellen, welche Mutter ihren Sohn zurückließ, nur weil sie die Stadt langweilig fand.
„Vorher hatte er auch schon getrunken, aber als sie dann weg war, war er fast jeden Tag besoffen. Er hat sich um nichts mehr gekümmert, hat nicht mehr gearbeitet und die Fischerei ist beinahe pleite gegangen. Willy musste den Kutter verkaufen, um wenigstens das Geschäft am Laufen zu halten. Ich war vielleicht… zehn oder so. Ich hatte keine Ahnung, wie man Essen kocht oder Wäsche wäscht. Und mein Dad hat sich einfach nicht mehr von seinem beschissenen Sofa wegbewegt. Nur um neues Bier zu holen.”
Man konnte Shane den Abscheu über seinen eigenen Vater richtig ansehen, und obwohl Autumn wusste, dass sie damit vielleicht zu weit ging, legte sie ihre eigene, viel kältere Hand auf die von Shane, die noch immer auf ihrem Knie lag.
Diese Berührung schien ihn aus der Erinnerung an seinen Vater herauszureißen. Halb erwartete Autumn, dass er seine Hand von ihr wegziehen und das Gespräch beenden würde. Doch stattdessen nahm er ihre in seine und hielt sie fest, so als wäre sie eine Sicherheitsleine.
„Das war mein erstes Jahr auf der Mittelschule und du kannst dir vielleicht vorstellen, dass es nicht gerade einfach ist Freunde zu finden, wenn man das Kind ist, das in ungewaschenen Klamotten zur Schule geht. Ich musste mir Geld von meinem Dad klauen, damit ich mir Mittagessen kaufen konnte. Zu den restlichen Mahlzeiten bin ich meistens zu Marnie auf die Ranch gegangen. Ich glaube, sie wollte es zuerst nicht wahrhaben, dass er sich nicht mehr um sich selbst, geschweige denn um mich kümmern konnte. Aber irgendwann kam sie dann öfter vorbei, um das Haus zu putzen, Wäsche zu waschen und Essen zu machen. Ich hab gewusst, dass es erst wieder besser werden würde, sobald ich ausziehen und aufs College gehen würden. Ironischerweise ist er genau dann abgekratzt, kaum dass ich das Zimmer in meinem Studentenheim bezogen hatte.”
Shane lachte bitter auf, doch Autumn konnte sehen, dass er Tränen in den Augen hatte.
„Als Kind habe ich mir immer und immer wieder gesagt, dass ich niemals so werden würde, wie er. Und trotzdem wünsche ich mir im Moment nichts sehnlicher als ein verdammtes Bier.”
Plötzlich lehnte er sich vor und hielt sich die freie Hand vor die Augen, so als würde er nicht wollen, dass sie seine Tränen sah. Autumn konnte sich das nicht länger mitansehen. Sie beugte sich zu ihm, schloss die Arme um ihn und zog ihn zu sich heran. Jetzt war sie es, die Shane hielt, während er sein Gesicht in ihre Schulterbeuge presste und sein Körper von Schluchzern geschüttelt wurde.
„Du bist nicht wie dein Vater”, sagte Autumn leise. „Auch wenn es dir schwerfällt, kommst du jeden Morgen aus dem Bett und gehst zu deinem beschissenen Job im Jojamarkt. Du verdienst Geld, du kümmerst dich um Jas und überlasst sie nicht einfach ihrem Schicksal.”

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Vielen Dank fürs Lesen!

Und ganz lieben Dank an tasto777 für ein supercooles Fanart zur Geschichte! Ich bin immer noch ganz hin und weg! <3
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