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Not rude enough

von Epienne
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / Het
Farmer (weiblich) Jas Shane
22.01.2017
03.02.2021
4
92.057
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22.01.2017 12.824
 
Hallihallo! :)

Ich kann's gar nicht fassen, dass es hier bisher noch keine Fanfiktions zu Stardew Valley gibt. Wahrscheinlich liegt es daran, dass es das Spiel nur auf englisch gibt. Oder hat sich das inzwischen geändert? Hoffentlich finden sich hier ein paar Leute, die Stardew Valley (und vielleicht auch Shane?) genauso lieben wie ich und denen ich mit dieser Geschichte eine Freude machen kann. ;)

Seitdem ich angefangen hatte Stardew Valley zu spielen und Shane zum ersten Mal begegnet bin, fand ich seinen Charakter interessant. Ich wollte mehr über ihn erfahren und habe nicht aufgegeben ihn im Spiel mit Geschenken zu überhäufen. Leider konnte man ihn damals noch nicht heiraten, und auch nach dem Update, in dem Shane als Heiratskandidat freigeschaltet wurde, erfährt man nicht so wahnsinnig viel über ihn. Die Entwicklung, die sein Charakter im Spiel durchmacht, ist auch relativ dürftig dargestellt. Nichtsdestotrotz ist Stardew Valley ein unglaublich gutes Spiel, das so viel meiner Freizeit gefressen hat! Und weil Shane meiner Meinung nach immer noch der interessanteste Mann im Spiel ist, von dessen Entwicklung ich mir so viel mehr erhofft hatte, musste ich meine ganz eigene Version der Handlung im Spiel aufschreiben. ;)

Das Rating habe ich auf P18 gesetzt, wegen Shanes unverblümter Sprache, Alkoholmissbrauch und geplanten expliziteren, romantischen Szenen. Weißte bescheid. ;)

Bei dieser Geschichte wollte ich mal etwas Neues ausprobieren. Anstatt viele kleine Kapitel á ca. 4000-5000 Wörter hochzuladen, dachte ich mir ich lade ein Kapitel pro Jahreszeit hoch. So sind die Kapitel länger, ihr habt mehr zum Lesen, aber ich brauche wahrscheinlich auch ein bisschen länger zum Schreiben. Mal gucken, ob das so eine gute Idee ist, aber ich fange jetzt einfach mal an. Hoffentlich gefällt's euch! ;D


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Frühling 01

Es war der Tag des Eierfestivals. Eigentlich eines der Feste, die Shane immer genossen hatte. Nicht zuletzt weil es ihn insgeheim amüsierte Jas dabei zuzusehen, wie sie sich diebisch über jedes der gefundenen Eier freute.
Doch heute morgen war er mit einem summenden, drückenden Kopfschmerz aufgewacht und hatte die gut gelaunte Aufregung um ihn herum als nervtötende Belastung empfunden. Je länger er dem Treiben auf dem Stadtplatz zusah, umso mehr wünschte er sich in die abgeschiedene Ruhe seines Zimmers zurück.
Vermutlich hätte er sich das letzte Bier gestern Abend schenken sollen, doch für solche Zweifel war es wie so oft bereits zu spät.
Shane lehnte sich mit dem Rücken gegen die Front des Gemischtwarenladens und atmete tief durch den Mund ein. Der Geruch von Gus’ selbstgemachten, gefüllten Eiern lag in der Luft und ließ seinen Magen rumoren, als Jas plötzlich auf ihn zugerannt kam.
„Shane!”, rief sie völlig außer Atem. „Shane, sie nur! Pierre verkauft einen Plüschhasen! Er hat ihn nur heute im Angebot! Kaufst du ihn mir?”
Sie sah aus großen, dunklen Augen zu ihm empor und Shane spürte bereits, wie er förmlich unter ihrem Blick dahinschmolz. Er konnte seiner Patentochter einfach keine Bitte ausschlagen.
Sein Blick ging hinüber zu dem Stand, den Pierre anlässlich des Festivals aufgestellt hatte. Als er das Preisschild zu dem übergroßen, rosafarbenen Plüschhasen sah, spürte er einen leisen Stich in der Brust. So viel Geld hatte er im Moment gar nicht bei sich. Schuldbewusst ging sein Blick zurück zu Jas, die ihn noch immer erwartungsvoll ansah.
„Vielleicht ein anderes Mal, Kleines”, erwiderte er entschuldigend.
Shane fühlte sich mies, als er sah, wie Jas’ Miene sich augenblicklich trübte.
„Oh, okay…” Anstatt wie andere Kinder solange zu betteln, bis sie ihren Willen bekamen, rang sich Jas zu einem tapferen Lächeln durch und lief zu ihrem Freund Vincent zurück, vermutlich um sich auf die bevorstehende Eierjagd vorzubereiten.
Shane seufzte und wünschte sich nur noch mehr, das Festival würde bald zu Ende gehen. Sein Blick schweifte über den Platz auf der Suche nach seiner Tante, in der Hoffnung, sie könne Jas ein wenig aufmuntern. Oder besser noch: ihr den Plüschhasen kaufen.
Bevor er sie ausmachen konnte, fing etwas anderes seine Aufmerksamkeit auf. Links von ihm lief eine kleine Gruppe Nachzügler direkt am Gemischtwarenladen auf den Stadtplatz. Es war Robins Sohn von einem Spinner, Sebastian, mit seinen Freunden, Abigail und Sam.
Diese drei schienen unzertrennlich zu sein und sich bei jedem der Festivals besser zu amüsieren als alle anderen. Auch wenn Shane jedes Mal genervt von dem widerlich fröhlichen Getue der drei war, beneidete er sie auch. Alle drei waren ungefähr im selben Alter, hatten dieselben Interessen und verstanden sich hervorragend miteinander. Manchmal wünschte er sich es würde auch für ihn jemanden in der Stadt geben, der seine Interessen teilte, mit dem er gemeinsam zu den Festivals gehen und sich dort amüsieren konnte.
Er hörte, wie Abigail über einen dummen Witz von Sam lachte, den er selbst jedoch überhaupt nicht kapierte. Erst dann fiel ihm auf, dass noch jemand viertes das Dreiergespann begleitete. Es war das Mädchen, dass vor nicht einmal zwei Wochen auf die verlassene Farm im Westen der Stadt gezogen war. Wie war doch gleich ihr Name?
Es war ihm schleierhaft, wie sie es geschafft hatte sich bei Sebastian, Abigail und Sam einzuklinken. Shane lebte selbst seit seiner Kindheit hier im Tal, doch solange er sich erinnern konnte, waren diese drei schon immer miteinander befreundet gewesen und hatten noch nie jemanden in ihre Mitte gelassen.
Das Bauernmädchen hatte sich bei Abigail untergehakt und die zwei schlenderten den Jungs voran zur Mitte des Platzes. Ihr Haar glänzte in der Frühlingsonne wie der Saft von Roter Beete. Shane hasste es. Er hasste es, wenn Frauen sich die Haare in so unnatürlichen Tönen färbten wie Abigail und das Bauernmädchen. Was bezweckten sie damit? Er hatte einmal in einer Tierdokumentation im Fernsehen gesehen, dass manche Tiere eine auffallend rote Färbung trugen, um andere, größere Tiere abzuschrecken. Es sollte suggieren: Komm mir nicht zunahe! Ich bin todgiftig!
Wenn das auch auf Frauen zutraf, dann war die Botschaft bei ihm angekommen. Er würde sich von diesen Weibern fernhalten!
Das Bauernmädchen drehte ihr Gesicht plötzlich in seine Richtung um irgendetwas zu Sam zu sagen, der hinter ihr lief.
Shane durchzuckte ein seltsam nostalgisches Gefühl bei ihrem Anblick. Es war nicht das erste Mal, das er dies erlebte. Irgendetwas an ihrem runden, scheiße-freundlichen Gesicht schien ihm vertraut vorzukommen, aber er konnte nicht genau sagen, was es war.
Die Vierergruppe hatte mittlerweile die Mitte des Platzes erreicht und sie schwatzen aufgeregt miteinander. Die Mädchen nahmen sich jeweils einen der bereitgestellten Körbe, während Lewis die Regeln der Eierjagd deklarierte.
Shane fand Jas direkt neben Vincent nicht unweit des Bauernmädchens. Obwohl er versuchte seine Aufmerksamkeit ganz seiner Patentochter zuzuwenden, ging sein Blick immer wieder zu ihr. Dem Mädchen mit den Rote-Beete-Haaren. Woher kannte er sie nur?
Bei ihrer ersten Begegnung vor weniger als zwei Wochen hatte sie ihn auf seinem abendlichen Weg vom Jojamarkt zum Saloon angesprochen. Für ihn hatte nur ein Gedanke gezählt: Sich nach Feierabend endlich seinen wohlverdienten Drink zu genehmigen. Das war das einzige, was ihn an manchen Tagen überhaupt morgens aus dem Bett kommen ließ.
Sie hatte mit ihrem breiten, naiv-dümmlichen Lächeln vor ihm gestanden, ihre Hand ausgestreckt und gesagt: „Hi, ich bin …, die neue Farmerin in der Stadt. Du musst Shane sein! Schön dich kennen zu lernen!”
Wenn er sich nur erinnern könnte, welchen Namen sie ihm genannt hatte! Adelaide? Annabelle? Irgendso ein blöder, komplizierter Name, den sich kein Mensch merken konnte!
Ihm war das ganze wie ein unerlaubtes Eindringen in seine Privatsphäre vorgekommen. Woher hatte sie überhaupt seinen Namen gewusst? Und wer hatte ihr zu verstehen gegeben, dass er sie kennen lernen wollte?
Er stieß ein abfälliges Schnauben aus und erntete dafür einen verwunderten Blick von Pierre, der auch während der Eierjagd seinen Stand nicht verlassen hatte.
Als Shane bewusst wurde, dass die Jagd bereits begonnen hatte, stieß er sich von der Wand des Ladens ab, steckte die Hände in die Taschen seiner Kapuzenjacke und lief den Teilnehmern in sicherem Abstand hinterher. Er wollte sehen, wie Jas abschnitt. Es war ihm zuwider sie anzufeuern, sowie Jody es mit Vincent machte. Aber Jas würde wissen, dass er sie unterstützte.
Er sah einen lilafarbenen Haarschopf von Haus zu Haus und Busch zu Busch rennen, als ihm klarwurde, dass es Abigail war. Sie war so verflucht schnell und ein kurzer Blick in ihren Korb verriet ihm, dass sie bereits einen beachtlichen Vorsprung zu den anderen Suchenden hatte.
Verärgerung überkam ihn, doch er schluckte seine Wut hinunter und hielt weiterhin nach Jas Ausschau. Als er sie schließlich fand, zog sich sein Herz schmerzhaft zusammen, als er die zwei einsamen Eier in ihrem Körbchen sah und die Enttäuschung auf ihrem Gesicht.
Bei dem Anblick von Jas’ kleinem Gesicht, dass sich vor mühsam unterdrückter Verzweiflung angespannt hatte, kochte der Ärger erneut in ihm hoch. Er würde sich das nicht mit länger ansehen, sondern dieser aufgeblasenen Schnepfe mal ordentlich die Meinung geigen!
Shane kam gerade mal dazu drei Schritte in Abigails Richtung zu machen, als plötzlich das Bauernmädchen auftauchte.
Einem unbewussten Reflex folgend drückte Shane sich augenblicklich in den Schatten von Pams Wohnwagen.
„Glaubst du nicht, du nimmst das ganze ein wenig zu ernst, Abigail”, sprach sie die Tochter des Gemischwarenhändlers an. „Ich habe gedacht, die Eierjagd sei mehr was für die Kinder.”
Abigail sah sie mit hochgezogenen Augenbrauen an. „Machst du Witze? Dieses Jahr gibt es einen Strohhut zu gewinnen! Als ob ich mir den entgehen lasse.”
Bevor das Bauernmädchen etwas weiteres dazu sagen konnte, ließ Abigail sie einfach stehen. Kopfschüttelnd stand sie da und sah hinunter in ihren Korb. Shane folgte ihrem Blick und sah, dass sie Abigail in der Eierjagd kaum nachstand, obwohl sie nicht wie eine Besessene durch die Stadt gerannt war.
Zu Shanes Bestürzung kam gerade Jas an ihr vorbei, den Blick suchend auf den Boden gerichtet. Sie wäre beinahe in sie hineingerannt, doch zu Shanes ehrlicher Verwunderung, sprach das Bauernmädchen Jas an.
„Hey Jas, wie läuft’s bei dir?”, fragte sie mit einem aufrichtigen Lächeln im Gesicht.
Die Kleine sah sie mit geweiteten Augen an, offenbar verunsichert. Marnie hatte ihr eingebläut, dass sie nicht mit Fremden reden durfte und wahrscheinlich wog sie nun verbissen ab, ob das Bauernmädchen auch dazu gehörte.
„Nicht so gut”, erwiderte sie mit ungewöhnlich piepsiger Stimme. „Ich glaube Lewis hat dieses Jahr weniger Eier versteckt als früher.”
Shane brach es schier das Herz bei der offensichtlichen Enttäuschung seiner Patentochter. Er war sowas von unwürdig, ihr Pate zu sein. Erst hatte er ihr diesen Plüschhasen verwehrt und dann hatte er nicht mal den Mut aufbringen können, sich für sie einzusetzen und dieser lilahaarigen Tussi die Leviten zu lesen. Shane brauchte einen Drink.
„Weiß du was?”, fragte das Bauernmädchen. „Mir ist eingefallen, dass ich schrecklich allergisch auf gekochte Eier reagiere.”
„Was? Echt?”, fragte Jas plötzlich mit ehrlicher Sorge in ihren großen, kindlichen Augen.
„Ja”, bestätigte Rote Beete. „Normalerweise bekomme ich einen ganz schrecklichen Ausschlag am ganzen Körper, wenn ich sie auch nur anfasse. Warum nimmst du nicht meine ganzen Eier? Du würdest mir damit einen riesigen Gefallen tun.”
Jas’ Augen wurden riesengroß, als das Bauernmädchen schließlich begann die Eier aus ihrem Korb in Jas’ zu legen.
„Wow! Vielen Dank! Du bist wirklich nett!”, stieß Jas begeistert aus.
„Ach was! Ich vertrage einfach keine gekochten Eier.” Sie zwinkerte Jas noch einmal gut gelaunt zu, bevor sie schließlich zum Stadtplatz zurückkehrte. Wie auf ein Stichwort verkündete Lewis schließlich das Ende der Eierjagd.
Mit angezogenen Schultern lief Shane ebenfalls zurück zum Stadtplatz um der Auszählung der Eier und der anschließenden Verkündung des Siegers beizuwohnen.
Marnie half Lewis bei der Auszählung. Zu Shanes Erstaunen hatten auch Maru und Sam an der Jagd teilgenommen. Für Jas konnte es also immer noch knapp ausgehen, trotz der unerwarteten Hilfe.
Ein kurzer Blick zu dem Bauernmädchen verriet ihm, dass Abigail bereits herausgefunden haben musste, was mit den gefärbten Eiern ihrer neuen Freundin passiert war. Sie sah alles andere als begeistert aus, doch Shane glaubte so etwas wie ein triumphierendes Schmunzeln auf dem Gesicht der Rothaarigen zu sehen.
„Seht euch nur all die bunten Eier an!”, rief Lewis schließlich. Er hatte die Eier auf einer weißen Decke zu kleinen Haufen zusammengelegt und bestaunte diese ausgiebig. „Wenn ich euch Kinder nur dazu bringen könnte genauso effizient Müll einzusammeln!” Er brach in tiefes Gelächter aus, das jedoch kaum jemand erwiderte.
„Und nun… der Gewinner der diesjährigen Eierjagd ist…”
Shane hörte, wie die Stadt gespannt den Atem anhielt.
„Jas!”
Jas stieß ein freudiges Quietschen aus und machte einen kleinen Hüpfer. Vincent sank neben ihr zu einem winzigen Häufchen Elend zusammen, während Jas vor Freude hüpfend in Marnies Arme sprang und von Lewis den angepriesenen Strohhut aufgesetzt bekam.
Unwillkürlich breitete sich ein Lächeln auf Shanes Gesicht aus. Sein Herz schwoll an, bei dem glückseligen Anblick, den das kleine Mädchen ihm bot. Es war beinahe so, als wäre ihre Freude auch seine.
Doch dieser kleine, glückliche Funke in ihm erlosch, sobald ihm klarwurde, dass er nichts zu ihrer Freude beigetragen hatte. Er hatte sich nicht für sie stark gemacht, sondern sich wie eine feige Ratte im Schatten versteckt.
Stattdessen war das rothaarige Bauernmädchen Jas zu Hilfe gekommen. Und nun musste er etwas tun, was ihm in jeglicher Hinsicht widerstrebte. Shane musste sich bei ihr bedanken.


* * * * * * * * * *


Wohlige Wärme, der Geruch von Bier und geröstetem Fleisch und beschwingte Saloonmusik schlugen Autumn entgegen, als sie zusammen mit Sam, Sebastian und Abigail den Stardrop Saloon betrat. Sie winkte Emily zu, die hinter der Theke stand und gerade einen Bierkrug am Zapfhahn füllte. Sie erwartete, ihre Begleitung würde sich wie die anderen Gäste an einen der Tische oder die Bar setzen, doch Sebastian führte die Gruppe in ein Hinterzimmer.
Zu Autumns Erstaunen befanden sich dort gemütlich aussehende Sofas, ein Billardtisch und sogar Arcade Spielauomaten.
„Cool”, sagte sie. „Kommt ihr abends öfter hierher?”
„Wenn ich Frühschicht habe, dann nicht”, klärte Sam sie auf und stellte sich sofort vor den JojaCola-Getränkeautomaten, um sich eine Dose zu ziehen.
„Früher haben wir uns öfter hier getroffen”, klärte Abigail mich auf. „Aber seit Gus den zweiten Arcade Automaten aufgestellt hat, schafft es Seb nicht ohne Wutanfall aus dem Saloon heraus. Er ist so übel in Journey of the Prairie King, dass er jedes Mal total ausrastet, wenn er Game Over geht.”
„Als ob du es jemals übers erste Level hinausgeschafft hast”, erwiderte Sebastian schnaubend und strich sich eine Strähne seines schwarzgefärbten Haars aus der Stirn. Autumn fragte sich ingseheim, ob Sebastian eigentlich genau so ein Karottenkopf war wie seine Mutter und sie musste schmunzeln bei der Vorstellung von ihm mit leuchtend orange-roten Haaren.
Sam hatte derweil eine JojaCola aus dem Automaten gefischt und klackend den Verschluss geöffnet. Er sah schneidig aus, in seiner abgewetzten Jeansjacke, doch die Coladose passte so gar nicht ins Bild des Gitarre-spielenden Rebellen, das sie von ihm hatte.
„Wollen wir nicht lieber etwas bei Gus bestellen?”, fragte sie. „Ich will diesen Lebenssaugern von Joja nicht noch mehr Geld in den Rachen werfen.”
„Ich werde mir auch nur eine Cola holen”, kündigte Sebastian an. „Vielleicht hält sie mich wach genug, dass ich nachher noch ein wenig an meinem Programm schreiben kann.”
„Würdest du mir ein Bier mitbringen?”, fragte Abigail mich und ließ sich auf eins der Sofas sinken. „Das wäre echt super.”
„Alles klar”, erwiderte sie und machte Anstalten zurück in den Schankraum zu laufen, als Sam ihr noch hinterher rief: „Bleib nicht zu lange weg. Wir wollen doch noch eine Runde Billard zusammen spielen.”
Autumn machte eine abwinkende Handbewegung. „Fangt ruhig schon ohne mich an.”
Die Stimmung im eigentlichen Teil der Bar war viel lebhafter als in dem düsteren Hinterzimmer mit den summenden Spielautomaten. Wie viel lieber hätte sie dort an der Bar gesessen und das ganze Treiben um sie herum aufgesogen. Doch sie war nun einmal mit ihren neuen Freunden hier, die sie nicht vor den Kopf stoßen wollte.
Oder sollte sie besser sagen: Alte Freunde?
Laut Robin hatte Autumn bei ihren früheren Besuchen auf dem Hof ihres Großvaters mit Abigail zusammen gespielt, die bereits damals mit Sebastian und Sam befreundet war. Doch sie wollte sich nicht recht an die drei erinnern. Dabei waren sie sogar im selben Alter und es war mehr als wahrscheinlich, dass Robin tatsächlich recht hatte. Abigail bestätigte die Geschichte von Sebastians Mutter, doch an Autumns ersten Tag als neue Farmerin hatte sich Abigail nicht einmal ihren Namen ins Gedächtnis rufen können.
Die einzige andere Person, an die Autumn sich erinnern konnte, abgesehen von ihrem Großvater, war ein älterer Junge, der sie manchmal mit zum Angeln genommen hatte. Aber sie erinnerte sich nicht an seinen Namen und sie konnte ihren Großvater nicht mehr danach fragen. Die Wahrscheinlichkeit war hoch, dass er irgendwann einfach weggezogen war.
Sie setzte sich auf einen freien Hocker an den Tresen und wartete bis Emily ihre letzte Bestellung abgearbeitet hatte, bevor sie schließlich für sich selbst und Abigail jeweils ein Bier bestellte.

Als Shane den Saloon betrat, fror er mitten in der Bewegung ein. Nach dem blöden Eierfestival und Jas’ unerträglicher Fröhlichkeit beim Abendessen hatte er sich auf einen ruhigen Abend im Saloon bei dem ein oder anderen Bier gefreut. Doch jetzt saß das Bauernmädchen mit dem Rücken zu ihm an der Bar und schwatzte munter mit Emily.
Wenn er nicht wie ein Idiot auf der Stelle wieder umkehren und den Saloon unverrichteter Dinge wieder verlassen wollte, dann musste er sich wohl oder übel neben sie an die Bar setzen. Und dann würde er sich auch bei ihr entschuldigen müssen. Entweder das oder er bekam heute Abend keinen Drink.
Mit einem grimmigen Seufzer ließ er die Tür hinter sich ins Schloss fallen, setzte seinen Weg zur Bar fort und schob sich auf einen Hocker neben sie.
Aus den Augenwinkeln nahm er wahr, wie sie den Kopf zu ihm drehte.
„Oh hi, Shane!”, begrüßte sie ihn gut gelaunt. Allein der unbeschwerte Klang ihrer Stimme war ihm zuwider und er kämpfte für einen Herzschlag gegen den beinahe übermächtigen Drang ihr zu sagen, dass sie sich verziehen sollte.
„Hey”, brachte er knapp hervor und warf ihr einen beiläufigen Blick von der Seite zu.
Trotz seines abweisenden Verhaltens ihr gegenüber strahlte sie ihn förmlich an.  „Warst du heute auch beim Eierfestival? Marnie sagte, viele der Eier seien von Hühner, die du selbst aufgezogen hast. Sie schmecken bestimmt wunderbar!”
Sie lächelte ihn breit an und entblößte dabei zwei Reihen kleiner, erstaunlich gerader, weißer Zähne.
„Ja”, erwiderte er und wandte hastig den Blick wieder von ihr ab. „Nur zu schade, dass du allergisch bist.”
Das Lächeln verschwand von ihrem Gesicht. Stattdessen ertappte er sie dabei, wie sie nun den Blick abwandte und auf ihre ineinandergefalteten Hände senkte, die vor ihr auf dem Tresen lagen. Irrte er sich, oder waren ihre Wangen gerötet?
„Du hast es also mitbekommen?”, fragte sie kleinlaut und sah nun verunsichert zu ihm auf.
Jetzt, da sie nicht mehr ununterbrochen lächelte wie eine Grinsekatze, fiel Shane auf, wie bemerkenswert grün ihre Augen waren. Mit einem Mal kam er sich wieder wie ein Arschloch vor. Er war derjenige, der sich feige im Schatten versteckt hatte, während Rote Beete hier seine Angelegenheiten geregelt hatte. Und jetzt war er derjenige, der ihr Vorwürfe machte?
„Ich…”, begann er zögerlich und wünschte sich sehnlichst er hätte bereits ein Bier vor sich. Etwas an dem er sich festhalten konnte. „Ich wollte mich dafür bedanken… was du heute für Jas getan hast. Abigail hat sich völlig daneben benommen.”
Er sah aus den Augenwinkeln wie ihre Augen sich vor Erstaunen weiteten.
Wie auf ein Stichwort stellte Emily plötzlich zwei Bierkrüge vor dem Bauernmädchen ab und einen vor Shane. Er hatte nicht einmal etwas bestellen müssen. Emily wusste ganz genau, was er Abend für Abend trank.
Dankbar dafür eine Entschuldigung gefunden zu haben, sie nicht länger ansehen zu müssen, griff er nach seinem Krug und füllte die Stille zwischen ihnen mit dem Geräusch seiner Schlucke. Der Krug war halbleer als er ihn absetzte und Shane spürte bereits wie der Alkohol seine beruhigende, einlullende Wirkung entfaltete.
Als Emily wieder verschwand, um sich dem nächsten Gast zuzuwenden, wandte das Mädchen neben ihm wieder ihren Blick auf ihn.
„Jas ist ein liebes Mädchen”, sagte sie schließlich, ohne die Spur eines Lächelns auf ihrem Gesicht. „Sie erinnert mich an meine jüngere Schwester.”
Shane horchte auf. Er hatte nichts davon gewusst, dass sie eine Schwester hatte. Bei Yoba! Wenn zum Fest des Wintersterns ihre Schwester zu Besuch kommen sollte, dann würden vermutlich gleich zwei chronisch gut gelaunte, ständig grinsende Frauen in seinem Saloon herumsitzen und ihn vollquatschen.
Seinen düsteren Gedanken zum Trotze wollte er versuchen höflich zu sein. „Du vermisst sie bestimmt, hm?”
Zu seiner Überraschung sah sie plötzlich traurig aus, als sie ihm antwortete: „Jeden Tag.”
Es verblüffte ihn tatsächlich einmal eine andere Emotion auf ihrem Gesicht zu sehen, als Fröhlichkeit. Und auch wenn ihr blödes Grinsen ihn vorhin noch regelrecht angewidert hatte, fühlte er sich nun beschissen, dass er derjenige war, der es ihr regelrecht aus dem Gesicht gewischt hatte.
„Und, was führt dich zu so später Stunde noch in den Saloon? Du bist doch sonst nicht hier”, versuchte Shane sie schließlich auf andere Gedanken zu bringen. Warum tat er das überhaupt? Es konnte ihm doch egal sein, wie sie sich fühlte.
Ihre Miene hellte sich tatsächlich wieder etwas auf. „Ich bin mit Abigail, Sam und Sebastian hier. Wir wollen zusammen Billard spielen. Du kannst dich uns gerne anschließen.”
Da war es wieder. Dieses blöde, breite Lächeln mit ihren perfekten, weißen Zähnen und den viel zu grünen Augen. Shane wusste, dass sie ihn nicht wirklich zu einer Partie Billard einladen wollte. Sie fragte aus reiner Höflichkeit und das war ihm von grundauf zuwider. Mal ganz abgesehen davon, dass niemand in der Stadt Wert auf seine Gesellschaft legte, brauchte er auch die der anderen nicht. Er brauchte ihre nicht.
„Nein, danke”, erwiderte er kühl und nahm einen weiteren Schluck von dem Bier, um sie nicht weiter ansehen zu müssen.
Er spürte, wie sie neben ihm ein wenig in sich zusammensackte. Vielleicht aus Enttäuschung. Aber vielleicht entspannte sie sich auch, jetzt da sie nicht mehr gezwungen war mit ihm zu reden.
Er hörte Schritte hinter sich und plötzlich erklang Abigails Stimme viel zu nahe an seinem Ohr.
„Komm schon, Autumn. Wir warten auf dich.”
Shane blickte nicht auf, als sie und Abigail zusammen mit ihren Getränken von der Theke verschwanden und ihn allein zurückließen.
Autumn. Endlich hatte er einen Namen, den er ihrem grinsenden Gesicht zuordnen konnte. Er würde sich ihren Namen auf die Hand schreiben müssen, denn er wusste, dass er ihn bis morgen früh wieder vergessen haben würde. Denn genau deswegen kam er Abend für Abend hierher. Um zu vergessen.

Als Autumn mit ihrem Bier zu den anderen ins Hinterzimmer zurückkehrte, hatten die Jungs bereits ihre Queues in den Händen und liefen mit fachmännischen Blicken um den Billardtisch herum. Abigail saß auf dem Sofa und schlürfte die Schaumkrone von ihrem Bier.
Autumn setzte sich neben sie und nippte ebenfalls an ihrem Bier. Ihre Gedanken gingen zurück zu dem Gespräch mit Shane. Er war bereits bei ihrem ersten Treffen vor zwei Wochen nur wenig mitteilsam, ja sogar regelrecht unfreundlich zu ihr gewesen. Und sie hatte sich bereits von Robin und Lewis anhören müssen, dass sie es gar nicht erst versuchen sollte sich mit Shane anzufreunden. Doch irgendetwas zog sie immer wieder zu ihm.
Sie wusste, dass er im Jojamarkt arbeitete. Schon oft war sie ihm bei morgendlichen Spaziergängen in der Stadt auf seinem Weg zur Arbeit begegnet. Er hatte die Hände in die Taschen seiner Joja-Jacke gesteckt, den Blick stur geradeaus gerichtet und so getan, als würde er sie nicht sehen.
Vielleicht war sie deshalb so sehr an ihm interessiert. Shane war der einzige in Pelican Town, der genau wie sie Vollzeit für die Joja Corporation gearbeitet hatte. Er schien zu wissen, wie die eintönige Arbeit dort einem regelrecht das Leben aussaugte. Als sie ihren Eltern erzählt hatte, wie es war den ganzen Tag in diesem schlecht belüfteten Großraumbüro ohne Fenster zu sitzen, jeden Tag Überstunden, zehn-minütige Mittagspause und ohne private Telefonate, hatten sie ihre Bedenken nur heruntergespielt. Die Bezahlung hatte gestimmt und das Prestige, dass ihre Tochter in dem Großunternehmen Joja arbeitete, war mehr als sie sich je erträumt hatten.
Autumn hatte versucht ihre wenige Freizeit mit so viel Ausgleichsmöglichkeiten zu gestalten, wie sie nur konnte. Sie hatte Stressausgleichskurse besucht, war regelmäßig joggen und zum Yoga gegangen und hatte sich mit einer Freundin jeden Sonntag zum Brunch verabredet. Doch all das hatte nicht ausgereicht, um sie vor dem unweigerlichen Burn-Out zu bewahren.
Was hätte sie nicht alles dafür gegeben sich mit Shane darüber auszutauschen. Sie fragte sich, was er in einer so kleinen Stadt wie Pelican Town tat, um sich davor zu bewahren, völlig durchzudrehen, so wie es ihr passiert war. Trieb er ebenfalls Sport? Was war sein Geheimnis?
Ob der Jojamarkt hier im Tal genauso klinisch steril und kalt ausgeleuchtet war, wie in der Stadt aus der sie kam? Sie machte sich mental eine Notiz einmal hineinzugehen und es sich anzusehen.
Autumn war so in Gedanken versunken gewesen, dass sie erst daraus hervorschreckte, als Abigail plötzlich laut auflachte. Irgendetwas, das Sam gesagt hatte, schien sie unheimlich zu amüsieren.
Sam hielt ihr seinen Queue vor die Nase. „Hier, du bist dran. Wir haben die Halben.”
Seufzend erhob sie sich von der Couch, nahm den Queue entgegen und lief um den Tisch herum, auf der Suche nach einem geeignetem Stoßpunkt.
„Was hattest du eigentlich mit Shane zu bereden?”, fragte Abigail sie plötzlich, als sie gerade dabei war, sich über den Tisch zu beugen und den Queue anzusetzen.
„Nichts”, erwiderte Autumn und vollendete ihren Zug. Natürlich traf ihre Kugel nicht das Loch. „Nur Smalltalk.”
Sam stieß ein verächtliches Schnauben aus. „Shane hält mit niemandem Smalltalk.”
Sie sah verunsichert zu Abigail, die jedoch mit Sebastian einen vielsagenden Blick tauschte. Aus dem Gebaren der drei ging schnell hervor, dass sie Shane nicht mochten. Autumn wollte das Thema nicht weiter vertiefen und sprach es auch nicht noch einmal an dem Abend an.

Es war bereits nach Mitternacht, als Shane den Saloon verließ und wankend nach Hause lief. Er konnte sich kaum noch daran erinnern, was er alles an diesem Abend getrunken hatte. Doch er erinnerte sich an die eindringlichen Worte von Gus, dass Shane für den Abend genug hatte und nach Hause gehen sollte.
Er war verärgert, dass Gus ihn so bevormundete. Nicht nur er, sondern auch Marnie. Er war ein erwachsener Mann, verdammte Scheiße! Er konnte sehr gut selbst entscheiden, wann er genug hatte.
Shane hasste es. Er hasste die Blicke, die ihm die anderen zuwarfen, wenn er im Saloon ein Bier nach dem anderen kippte. Und wenn sie ihm morgens in der Stadt begegneten, wenn er verkatert zum Jojamarkt lief. Denn er wusste genau, was sie über ihn dachten. Er hatte sein Leben nicht im Griff. Sie bemitleideten ihn, aber im Grunde war er ihnen völlig egal. Gus hatte ihm keinen Riegel vorgeschoben, damit er sich nicht blind trank, sondern damit er nicht die Diehlen vollkotzte.
Wenn er bei Pierre Bier kaufen ging, kassierte dieser einfach das Geld, ohne ihm zu sagen, dass vier Sechser doch reichlich viel für eine Person wären. Shane war der Meinung, wenn dieser Wichser Pierre sein Geld schon nahm, dann sollte er es gefälligst lassen, ihn so scheiße anzusehen. Es ging ihn einen Scheißdreck an! Aber Shane wusste, dass der Gemischtwarenhändler Shanes Biereskapaden sofort an seine Frau und seine Freak-Tochter ausplauderte und wenige Stunden später wusste die ganze Stadt davon.
Shane hasste es!
Und Shane hasste sie. Autumn. Was für ein bescheuerter Name! Wer kam darauf sein Kind nach einer bescheuerten Jahreszeit zu benennen? Wenigstens hatte sie ihn nicht so angesehen wie die anderen. Aber auch nur, weil sie noch nicht wusste, dass er jeden Abend seine Leber zu Tode trank.
Stattdessen hatte sie gegrinst, ihm ihre Zahnpastaweißen Zähne gezeigt und blöde drauf losgequasselt.
Vermutlich hatten ihre neuen Freunde sie im Hinterzimmer über ihn aufgeklärt. Was für ein Versager er war. Dass er keine Ambitionen und Freunde hatte und keine Grenzen beim Trinken kannte.
Und selbst wenn! Was kümmerte es ihn, was sie von ihm dachte?
Shane hatte mittlerweile Marnies Ranch erreicht und stand nun vor der Haustür. Er kramte den Türschlüssel aus seiner Jackentasche und fummelte auf der Suche nach dem richtigen Schlüssel an seinem Schlüsselring herum.
Kurz bevor er den Richtigen gefunden hatte, überkam ihn plötzlich eine Welle von Übelkeit. Er drehte sich um und suchte mit den Augen nach einem Busch, zu dem er notfalls hechten könnte. Mit offenem Mund stand er eine Weile da und atmete die kühle Nachtluft ein, bis die Übelkeit schließlich verschwand.
Als er das Haus betrat, empfing ihn Dunkelheit und das laute Ticken der Küchenuhr. Seine nächsten Handlungen erfolgten mehr aus dem Muskelgedächtnis, alsdass er sie wirklich bewusst steuerte: Das Zuschließen der Haustür, das Abtreten der Schuhe und sein schlurfender Gang in sein Zimmer.
Er erstarrte mitten in der Bewegung, als plötzlich die Tür zu Marnies Schlafzimmer aufging.
Seine Tante sah verschlafen und verärgert aus.
„Shane!”, zischte sie ihn an, in einem verzweifelten Versuch ihre Verärgerung halbwegs leise auszudrücken, um so Jas nicht zu wecken. „Du hast… getrunken!”
„Scharf erkannt”, erwiderte er unkooperativ. Er hatte gerade keine Lust auf eine nächtliche Unterhaltung mit seiner Tante. Das ganze Haus schien sich zu drehen und er wollte sich nur noch hinlegen und die Augen zumachen.
„Wieso… tust du das nur immer?”, fragte sie, jetzt ein bisschen weniger verärgert. Zu seiner Überraschung konnte er einen Anflug von beinahe mütterlicher Sorge in ihrem Blick erkennen. Shane konnte sich nicht erinnern, wann ihn das letzte Mal jemand so angesehen hatte. Es war zu viel.
Eilig wandte er den Blick ab. „Du würdest es ja doch nicht verstehen.”
Er rauschte an Marnie vorbei und flüchtete sich in sein Zimmer. Erst als er die Tür hinter sich geschlossen hatte, fühlte er sich vor dem seltsamen Gefühl sicher, dass ihr Blick bei ihm ausgelöst hatte.


* * * * * * * * * *


Es waren einige Tage nach dem Eierfestival vergangen und Robin hatte auf Autumns Hof einen Stall errichtet. Durch die jahrelange Arbeit für Joja hatte Autumn einige Ersparnisse angehäuft, von denen sie vorhatte, die Farm ihres Großvaters auszubauen und zu neuem Glanz zu verhelfen.
Sie hatte auf einem Teil der Farm Bäume gefällt, um dort eine kleine Weide für Nutzvieh zu schaffen. Alles was jetzt noch fehlte, waren eine Kuh oder eine Ziege. Mit genug Kleingeld in der Tasche und dem festen Vorsatz sich eine Kuh zu kaufen, lief Autumn zu Marnies Ranch.
Es wäre das erste Mal, dass sie einen Fuß ins Innere des Hauses setzte, in dem auch Shane lebte und bei dem Gedanken fühlte sie sich unerklärlicherweise kribbelig.
Als sie an das Haus trat, bemerkte sie, dass die Tür offen stand.
Autumn steckte ihren Kopf hinein und sah Marnie hinter einem Tresen sitzen und eine Zeitschrift durchblättern.
„Hallo”, flötete sie, um sich bemerkbar zu machen.
Marnie sah von ihrer Zeitschrift auf und ein freundliches Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus. „Oh, Kundschaft! Was für eine Freude! Komm nur rein!”
Autumn ließ sich nicht zweimal bitten, strich ihren Rock glatt und trat über die Schwelle.
„Ich würde gerne eine Kuh kaufen”, teilte sie der Rancherin sofort ihr Anliegen mit und Marnies Lächeln wurde sogleich noch breiter.
„Toll! Sag bloß, du hast dir schon so schnell einen Stall und ein Futtersilo von Robin bauen lassen?”
Autumn nickte stolz. „Ich konnte es gar nicht erwarten, so schnell wie möglich ein paar Tiere auf der Farm zu haben! Als nächstes möchte ich auch noch Hühner halten, aber vorher muss ich die Ernte dieser Saison abwarten.”
„Gut, gut”, sagte Marnie schließlich. „Im Moment hätte ich zwei junge Kühe, die ich dir anbieten könnte. Sie haben erst vor kurzem gekalbt, also kannst du mit dem Melken gleich sofort anfangen. Komm mit, ich zeige sie dir.”
Sie führte Autumn in die Küche, wo ein Wäschekorb stand. Obenauf lag ein grünes Poloshirt, das verdächtig nach Shanes aussah. Aus unerfindlichen Gründen spürte Autumn, wie sie rot wurde. Irgendwie fühlte sie sich wie ein Eindringling, als sie einfach so auf Shanes frischgewaschene Sachen sah. Wahrscheinlich lagen auch ein paar seiner Unterhosen irgendwo in diesem Wäschekorb und sie fühlte sich bei diesem Gedanken gleich noch ein wenig unbehaglicher. Ob Marnie seine Wäsche wusch?
Marnie öffnete eine Tür am hinteren Ende der Küche. Zu Autumns Überraschung war diese ein Zugang zu den Ställen. Sie liefen an der Tür zum Hühnerstall vorbei und betraten den Stall für die größeren Tiere.
„Hier sind sie”, sagte Marnie schließlich und zeigte mit der ausgestrecken Hand auf zwei Kühe, die in einer Ecke des Stalls standen und genüsslich Heu kauten. Eine von ihnen war schwarz-weiß gefleckt, mit einem schwarzen Fleck über den Augen, beinahe wie ein Bandit. Die zweite hatte braunes Fell.
Autumn fand, dass beide Tiere unheimlich schöne Augen hatten. Wie sollte sie sich da nur entscheiden?
Marnie, die ihre Unentnschlossenheit förmlich zu spüren schien, sprach sie darauf an: „In der Regel ist eine Einzelhaltung für Kühe nicht zu empfehlen. Sie brauchen die Gesellschaft von Artgenossen. Du wirst es nicht glauben, aber sie spielen auf der Weide miteinander.”
Ein sanftes Lächeln lag auf ihren Zügen, während Autumn sie nachdenklich betrachtete. Eigentlich waren zwei Kühe nicht in ihrem Budget vorgesehen. Sie hatte zwar das Geld, würde sich jedoch für den Rest der Saison nichts anderes leisten können. Andererseits… vielleicht würden zwei Kühe genug Milch geben, um den vorübergehenden Defizit in ihren Finanzen auszugleichen. Und sie waren beide wirklich zu schön!
„In Ordnung”, erwiderte Autumn schließlich.
„Ich habe dich gleich als eine große Tierfreundin  eingeschätzt, Autumn.”
Die beiden Frauen liefen zurück ins Haus und Autumn holte das Geld aus ihrer Tasche, um beide Kühe zu bezahlen.
„Wunderbar”, sagte Marnie und begann die Scheine zu zählen. „Ich werde dir im Laufe des Tages die Tiere liefern. Weißt du schon, wie du sie nennst?”
„Ich überlege mir etwas”, erwiderte Autumn und verstaute ihr Portemonnaie wieder in der Tasche. Das Geschäftliche war beinahe abgewickelt. Bevor Marnie sie ganz entlassen würde, wollte Autumn noch etwas anderes ansprechen.
„Shane ist im Moment nicht zu Hause, oder?”, fragte sie vorsichtig.
„Shane?”, fragte die Rancherin, beinahe so als ob sie sich verhört hatte.
Autumn nickte und sah, wie sich Marnies Augen vor Unglauben weiteten.
„Nein, er arbeitet immer bis 5 im Jojamarkt.”
Autumn sah auf ihre Armbanduhr. „Also, würde ich ihn hier antreffen, wenn ich später noch einmal herkommen würde?”
Marnie hob argwöhnisch eine Augenbraue. Ob sie glaubte, Autumn würde sich einen Scherz mit ihr erlauben? Für einen Moment fürchtete sie, die Rancherin würde sie kurzerhand einfach vor die Tür setzen. Marnie war zwar eine kleine, aber robuste Frau, die bestimmt einiges an körperlicher Kraft hatte und vermutlich nicht zögern würde, ihren Neffen vor einem vorwitzigen Großstadtmädchen zu beschützen.
„Nein”, erwiderte sie schließlich mit einiger Verspätung. „Er verbringt fast jeden Abend im Saloon. Aber dort solltest du ihn vielleicht nicht unbedingt stören.”
Jetzt war es Autumn, die sie verblüfft ansah.
„Sei mir nicht böse, wenn ich dich so frei heraus frage, aber… was genau willst du von Shane?”
Ohne, dass Autumn es bemerkt hatte, war Jas plötzlich neben Marnie hinter dem Tresen aufgetaucht und sah Autumn aus großen Augen aufmerksam an.
„Ich… wollte nur… ich habe gedacht, wie könnten vielleicht Freunde werden”, erwiderte sie mit einem unsicheren Lächeln.
Marnie schien ihre ehrliche Anwort nur weiter zu befremden. Der Blick mit dem sie sie maß, schien zu sagen: Wer bist du, dass du glaubst, dich mit Shane anfreunden zu können?
„Am Wochenende ist er tagsüber hier und hilft im Stall aus”, sagte plötzlich Jas mit ungewöhnlich hoher Stimme. Sie schien selbst erschrocken zu sein, gesprochen zu haben und machte einen verschüchterten Schritt rückwärts. „Äh… am Samstag ist sein Geburtstag. Shane feiert ihn nicht, aber… du könntest ihm etwas schenken. Vielleicht Pepper Poppers?”
Marnie sah nachdenklich auf das Mädchen herunter und schien sich nicht sicher zu sein, ob sie Jas den Mund verbieten, oder sie weitersprechen lassen sollte. Sie schien sich für letzteres zu entscheiden und richtete ihren Blick nun wieder prüfend auf Autumn.
„Was sind Pepper Poppers?”, fragte sie neugierig.
„Mit Käse gefüllte Chili-Schoten”, erklärte Jas schüchtern. „Shane liebt Chilis. Und Bier. Aber das solltest du ihm besser nicht schenken.”
„Okay”, erwiderte Autumn, während sich unwillkürlich ein Schmunzeln auf ihrem Gesicht ausbreitete. Shane hatte am Samstag Geburtstag. Das war doch mal eine nützliche Information. Und nun wusste sie, mit was sie ihm eine Freude bereiten könnte. Vielleicht würde er dann nicht mehr ganz so verdrießlich sein. „Danke, Jas!”


* * * * * * * * * *


Es war Samstag, vier Tage vor dem Blumentanz. Autumn war wie jeden Morgen um 6 Uhr aufgestanden, hatte sich angezogen, ihre Pflanzen gewässert, Unkraut geschnitten und sich um ihre Tiere gekümmert. Die beiden Kühe, die Autumn Dottie und Hazel genannt hatte, standen nun grasend auf der Weide. Sie hatte bereits gegen 11 all ihre morgendlichen Aufgaben erledigt und überlegte nun, ob sie mit dem Teller gefüllter Chilis zur Ranch im Süden ihrer Farm gehen sollte.
Es war Wochenende, also würde Shane wahrscheinlich lange schlafen. Wann würde er wohl aufstehen? Autumn konnte sich nicht recht erinnern, wann sie das letzte Mal länger als bis um 8 geschlafen hatte. Sicherlich würde Shane nicht das Mittagessen verschlafen, oder?
Sie fasste sich also ein Herz, holte den mit Frischhaltefolie abgedeckten Teller mit Pepper Poppers aus ihrem Kühlschrank und lief über den neuangelegten Weg zum südlichen Ende ihrer Farm.
Jedes Mal, wenn sie durch den Cindersnap Forest und am Fluss entlang lief, raubte ihr die Schönheit der Natur schier den Atem. Bei dem Anblick des Waldes und dem glitzernden Wasser in der Sonne bereute sie ihre Entscheidung aus der Großstadt gezogen zu sein keineswegs. Es war so friedlich und idyllisch hier, dass sie sich fragte, warum nicht alle Leute aus den Städten aufs Land zogen. Aber andererseits wäre es dann vorbei mit der Ruhe in Stardew Valley. Bei Yoba, sie liebte es hier!
Autumn sah noch einmal prüfend an sich herunter und warf ihren Zopf über ihre Schulter bevor sie schließlich die Türklingel betätigte.

Shane stöhnte entnervt auf, als das Geräusch der Türklingel ihn aus dem Schlaf riss. Helles Sonnenlicht blendete ihn, als er schlaftrunken die Augen öffnete. Verdammt! Er hatte vergessen gestern Abend die Gardinen zuzuziehen.
Grunzend drehte er sich auf die andere Seite und zog die Decke über den Kopf.
Wenige Sekunden später wiederholte sich das Klingeln der Tür.
Shane lag da und lauschte, ob Marnie endlich zur Tür lief und den ungebetenen Gast einließ, doch abgesehen von seinem eigenen Atem hörte er nichts.
Als es ein drittes Mal klingelte, schlug Shane schließlich die Decke zurück und lief auf Socken über den Holzfußboden aus seinem Zimmer und zur Haustür, mit der Absicht den Besucher möglichst unfreundlich abzuwimmeln. Vermutlich war es Vincent, der Jas zum Spielen einladen wollte, daher machte Shane sich nicht die Mühe eine Hose überzuziehen.
Also öffnete er in nichts als einem fleckigen T-Shirt und seinen Boxershorts die Haustür.
Als er in das grinsende Gesicht des Bauernmädchens sah, schloss er die Tür sofort reflexartig ein kleines bisschen, sodass er nur durch einen schmalen Schlitz nach draußen sehen konnte.
Großer Yoba, was wollte sie denn hier?
„Hallo Shane!”, flötete sie ihm entgegen und ihr blödes Grinsen wurde nur noch breiter. Das durfte doch alles nicht wahr sein! Was wollte sie von ihm? Hatte sie gesehen, dass er keine Hose trug?
„Marnie? Kundschaft!”, rief er hilfesuchend ins Innere des Hauses, erhielt jedoch keine Antwort zurück.
„Oh nein!”, sagte das Bauernmädchen rasch. „Ich bin nicht deswegen gekommen. Jas hat mir erzählt, dass du heute Geburtstag hast.”
Oh mann… war das wirklich heute? Shane hatte es völlig vergessen… Wieder war ein Jahr vergangen, dass er sinnlos mit arbeiten vergeudet hatte.
„Ja… danke, dass du mich daran erinnert hast”, erwiderte er grimmig. In ein paar Jahren würde er vierzig sein, vermutlich immer noch zur Untermiete bei seiner Tante wohnen, unverheiratet und ohne Aussicht auf einen besseren Job, ein besseres Leben. Wozu überhaupt noch weitermachen?
Das Gesicht von… - wie war noch gleich ihr Name? - verlor schließlich sein Lächeln. Auf einmal wirkte sie schuldbewusst und Shane kotzte es an.
„Ich weiß, du hängst es nicht gerne an die große Glocke, aber ich habe hier etwas für dich. Ich hoffe, es schmeckt dir.”
Zu seiner ehrlichen Überraschung hob sie einen Teller über den Frischhaltefolie gespannt war, direkt unter seine Nase.
Ein Haufen köstlich aussehender roter und grüner Chilis lag darauf.
„Sie sind mit Käse gefüllt. Am besten du wärmst sie vorher in der Mikrowelle auf, damit der Käse ein bisschen zerläuft.”
Abermals stahl sich ein kleines, verhaltenes Lächeln auf ihr Gesicht, das ihre grünen Augen zum leuchten brachte. Während er sie betrachtete, biss sie sich verunsichert auf die Unterlippe. Shane fand plötzlich, dass das irgendwie ganz süß war. Was war nur los mit ihm?
Hastig lenkte er seinen Blick auf den Teller, den sie noch immer direkt vor sein Gesicht hielt und nahm ihn ihr schließlich ab, peinlich bedacht, dass sie seine Boxershorts nicht sah.
„Wieso… tust du das?”, fragte er schließlich. „Du kennst mich doch gar nicht.”
Sie hob die Schultern und schüttelte den Kopf, was ihren Rote-Beete-farbenen Zopf über ihre Schulter fallen ließ.
„Ich wollte dir einfach eine Freude machen. Ich habe gehofft, dass wir vielleicht Freunde werden könnten.”
Ungläubig starrte er sie an. Freunde? Sie wollte tatsächlich sein Freund sein?
Nein, das konnte nicht sein! Niemand interessierte sich für Shane. Er war es gewohnt von den anderen in der Stadt gemieden zu werden. Das war bestimmt ein bescheuerter Streich von Sebastian oder Sam! Sobald er nett zu ihr war, sie vielleicht noch hereinbat, sprang bestimmt irgendwo jemand aus einem Busch und machte ein Foto von ihm in seiner gepunkteten Boxershorts!
„Danke, aber… ich glaube kaum, dass wir je Freunde werden.”
Er sah, wie ihr das Lächeln regelrecht aus dem Gesicht fiel, bevor er hastig die Tür direkt vor ihrer Nase schloss.
Das war gerade noch einmal gut gegangen! Mit ungewöhnlich rasendem Herzen lief er in die Küche und ließ sich dort auf einen hölzernen Stuhl am Küchentisch plumpsen. Er stellte den Teller vor sich ab und besah sich auf einmal argwöhnisch die gefüllten Chilischoten.
Shane liebte Pepper Poppers. Woher hatte sie nur davon gewusst? Sie hatte sich die Mühe gemacht extra welche für ihn zu machen. Und soweit er wusste, war es nicht mal die Saison für Chilis. Vermutlich hatte das Bauernmädchen sie sich extra aus der Stadt schicken lassen.
Vielleicht war es also doch kein Streich? Oder aber… vielleicht hatte sie irgendetwas Ekliges in die Chilis getan und der Streich bestand darin, dass wenn er sie aß, plötzlich Senf oder Motoröl im Mund hatte.
Shane schlug die Frischhaltefolie zurück und schnupperte vorsichtig an seinem Geburtstagsgeschenk. Es roch so verlockend, dass sich sofort Speichel in seinem Mund zu sammeln begann.
Er nahm eine der Schoten vorsichtig mit zwei Fingen und riss sie entzwei. Zum Vorschein kam klein geraspelter Cheddar. Einige der Schoten waren mit einem Kräuteröl bestrichen und glitzerten fettig und appetitlich im Sonnenlicht, das durch das Fenster fiel.
Shane hielt es nicht länger aus! Er nahm den Teller und warf ihn regelrecht in die Mikrowelle. Eilig tippte er eine vertraute Kombination auf die Schaltflächen und stand ungeduldig vor der lautplärrenden Mikrowelle, während die Pepper Poppers darin aufgewärmt wurden.
Sein Magen knurrte bereits ungeduldig, als er schließlich noch vor Ablauf der Zeit die Tür der Mikrowelle aufriss, den heißen Teller mit bloßen Händen und vor Schmerz fluchend auf den Küchentisch stellte und sich eine der Schoten in den Mund steckte.
Er stöhnte genießerisch, als der heiße Käse vermischt mit dem Geschmack der Chili auf seiner Zunge verschmolz. Nein, das war auf jeden Fall kein dummer Streich von Emoboy und Vokuhilaprinz gewesen. Das Bauernmädchen schien ganz aus eigenem Antrieb auf die Idee gekommen zu sein, ihm etwas zum Geburtstag zu schenken.
Vielleicht… könnten sie doch… nein. Nein! Freunde würden sie bestimmt niemals werden. Aber Shane musste ja vielleicht nicht immer ganz so unfreundlich zu ihr sein.


* * * * * * * * * *


Vier Tage später stand Autumn zusammen mit all den anderen Bewohnern von Pelican Town auf einer kleinen Lichtung im Cindersnap Forest. Sie hatte erwartet, es würde Livemusik für den vielfach angepriesenen Blumentanz geben, doch sie erspähte Bürgermeister Lewis, wie er an einem viel zu groß geratenen, portablen CD-Player irgendwelche Tasten drückte.
Abigail kam plötzlich auf sie zugelaufen. „Da bist du ja! Wir haben schon auf dich gewartet. Komm mit!”
Sie ergriff sie am Handgelenk und führte sie zu Sam und Sebastian. Beide Jungs hatten sich für den Anlass herausgeputzt. Beide trugen frisch gebügelte Hemden. Doch Sam hatte es nicht geschafft auf eine Jeans zu verzichten.
Abigail trug ein luftiges Sommerkleid mit asymmetrischen Saum in einer Farbe, die der ihres Haars ähnelte.
„Und, hast du bereits einen Partner? Ich werde mit Sebastian tanzen”, erklärte sie mir freudestrahlend, bevor sie sich an den großen Blonden wandte. „Hey, Sam! Warum tanzt du nicht mit Autumn?”
Autumn spürte wie ihr die Hitze unangenehm den Hals hochkroch. Sie wusste Abigails Bemühungen zu schätzen, aber sie wollte nicht von ihr verkuppelt werden. Sie hätte Sam selbst fragen können, aber jetzt würde er sich womöglich unter Druck gesetzt fühlen und nur ja sagen, weil er vor seinen Freunden nicht blöd dastehen wollte.
„Also…”, setzte Sam plötzlich ebenso peinlich berührt an. „Ich habe bereits Penny gefragt, ob sie mit mir tanzt. Sorry, Autumn.”
„Kein Ding”, erwiderte sie hastig und rang sich zu einem möglichst unbefangenen Lächeln durch. „Es findet sich bestimmt jemand anderes.”
Doch Autumn stand inmitten all der gut gelaunten Dorfbewohner und sah den Paaren dabei zu, wie sich fanden und sich in der Mitte der Lichtung in Stellung brachten. Alex und Haily hatten sich zusammen getan, ebenso wie Harvey und Maru. Leah schien mit Elliot zu tanzen und selbst Emily hatte Clint zum Tanz aufgefordert, der mit hochrotem Kopf vor ihr stand.
Autumn fühlte sich ein wenig verloren, als sie schon beinahe verzweifelt nach einem passenden Tanzpartner Ausschau hielt. Wenn sie nicht mit Lewis oder Willy tanzen wollte, dann würde sie heute wohl nicht am Blumentanz teilnehmen.
Sie wollte sich bereits seufzend an den Rand der Lichtung stellen, als ihr Blick plötzlich auf Shane fiel, der mit einem Plastikbecher in der Hand auf einer Holzbank saß und nachdenklich in die Leere zu starren schien.
Sie spürte wie ihr Puls unerklärlicherweise in die Höhe schnellte bei dem Gedanken mit Shane zu tanzen. Doch so wie sie ihn mittlerweile einschätzte, würde er sie mit Sicherheit abweisen. Aber vielleicht hatte sich die Meinung, die er von ihr hatte, geändert nachdem sie ihm die Pepper Poppers geschenkt hatte. Sie musste es einfach versuchen.
Autumn fasste sich ein Herz und lief direkt auf ihn zu.
Shane sah nicht einmal zu ihr auf, als sie direkt vor ihm stehen blieb.
„Hey, Shane”, begrüßte sie ihn lächelnd.
Endlich hob er den Blick und sah sie überrascht an. „Hey”, erwiderte er nicht besonders einfallsreich.
„I-ich…”, begann sie zögerlich und verschränkte vor Nervosität die Hände hinter dem Rücken. „Ich habe mich gefragt, ob du zufällig Lust hättest… mit mir zu tanzen?”
Shane blinzelte sie verständnislos an bevor er den Blick wieder auf den Plastikbecher in seiner Hand senkte. „Nein.”
Autumn spürte die Enttäuschung plötzlich schwer irgendwo in ihrem Magen sinken. „Oh.”
Sie hatte nicht erwartet, dass ihr Shanes Abweisung so zu schaffen machen würde. Aber… was hatte sie erwartet? Resignierend ließ sie sich auf die Bank neben ihn sinken und strich sich eine lose Strähne aus dem Gesicht.
Mittlerweile war es sowieso zu spät, einen anderen Tanzpartner zu finden. In genau diesem Moment stellte Lewis die Musik an und die Tanzenden reichten sich die Hände.

Shane fühlte sich völlig überrumpelt, dass sie sich einfach neben ihn gesetzt hatte. Eigentlich hatte er gar nicht kommen wollen, doch Jas und Marnie hatten ihm wie üblich in den Ohren gelegen und er hatte sich von Jas’ großen, dunklen Augen erweichen lassen. Er hatte sich bisher immer bei diesem blöden Tanz irgendwo an den Rand gesetzt und mit einem Becher Punsch die Zeit überbrückt, bis das Festival vorbei war.
Niemals hatte er eins der Mädchen zum Tanz aufgefordert und niemals hatte sich irgendjemand neben ihn gesetzt. Jetzt waren sie beide Außenseiter und mussten den weniger einsamen dabei zusehen, wie sie sich amüsierten.
Er nahm einen weiteren Schluck von dem Punsch und warf ihr einen verstohlenen Blick aus dem Augenwinkel zu. Das Bauernmädchen hatte sich hübsch gemacht. Zum ersten Mal sah er sie nicht in ihrer übermäßig praktischen Arbeitskleidung, Jeans, Pullovern und Stiefeln. Sie trug ein grünes Kleid mit dünnen Trägern, die ihre sommersprossigen Schultern entblößte. Das Rote-Beete-farbene Haar fiel ihr offen über den Rücken und bildete einen interessanten Kontrast zu der Farbe ihres Kleides.
Plötzlich fühlte Shane sich mies. Sie hatte sich extra in Schale geworfen und trotzdem niemanden gefunden, der mit ihr tanzte.
Die Musik war grässlich und dröhnte unangenehm in seinen Ohren. Das einzig positive an dem Tag war, dass er heute nicht zur Arbeit musste. Einen Tag weniger, den er unter Morris’ strenger Aufsicht in dem grell ausgeleuchteten Jojamarkt verbringen musste.
„Ist das eigentlich jedes Jahr so?”, fragte sie plötzlich, ohne den Blick von den Tanzenden zu wenden. „Dass alle ihre Tanzpartner bereits gefunden haben?”
Shane dachte kurz nach, erinnerte sich aber nicht daran, dass irgendeiner von denen, die jetzt gerade auf der Lichtung den albernen Tanzschritten folgten, je so verloren wie das Rote-Beete-Mädchen beim Blumentanz dagestanden hatte.
„Ich glaube, es ist das erste Mal, dass ich Emily mit Clint tanzen sehe”, fiel ihm schließlich auf. Früher hatte sie manchmal Shane gefragt, doch dieser hatte jedes Mal stoisch abgelehnt.
Sie nickte ohne ihn anzusehen und abermals kehrte dieses unangenehme Schweigen zwischen ihnen zurück, während sie den Tanzenden zusahen. Shane nahm einen weiteren Schluck von seinem Punsch um die Beklemmung zu vertreiben, die ihn immer mehr zu überkommen schien, je länger sie nichts weiter zu ihm sagte.
„Sam und Penny tanzen dieses Jahr auch zum ersten Mal miteinander”, plapperte er schließlich einfach weiter. „Ehrlich gesagt… bin ich ein ziemlich platt, dass er mal nicht aussieht wie ein Hippie. Selbst zur Arbeit kann er diese Jeansjacke nicht ausziehen.”
Zu seiner Verblüffung wandte sie schließlich den Kopf in seine Richtung. Shane spürte, wie seine Ohren heiß wurden, als ihr Blick an ihm herunterwanderte.
„Und du scheinst deine Arbeitsjacke auch außerhalb des Jojamarkts nicht ablegen zu können”, bemerkte sie.
Es lag keinerlei Wertung in ihrer Stimme. Trotzdem fühlte Shane den Drang sich zu rechtfertigen.
„Sie ist einfach bequem”, erwiderte er schulterzuckend. „Und ich bin bisher nicht dazu gekommen, mir etwas anderes zu kaufen.”
Endlich fiel Shane wieder ein, wie sie hieß. Autumn! Wie hatte er so einen blöden Namen nur vergessen können? Wie sie da saß und ihn abschätzend musterte!
„Oder magst du Joja so gerne, dass du freiwillig Werbung für sie machst?”
Irrte sich Shane, oder hatte das gerade nach einem Vorwurf geklungen? Andererseits hatte er nie darüber nachgedacht, dass er mit seiner Jacke unfreiwillig Werbung machte.
„Ich kann Joja nicht ausstehen”, erwiderte er heftig. „Aber irgendwie muss ich schließlich meine Miete bezahlen.”
Autumn sah ihn für eine Weile aus diesen irritierend grünen Augen an, bevor sie irgendwann sagte: „Bevor ich nach Pelican Town gekommen bin, habe ich auch für die Joja Corporation gearbeitet.”
„Tatsächlich?”
Shane konnte seine Verblüffung nicht zurückhalten. Nie hätte er sich vorstellen können, dass die kleine Fräulein Fröhlich vor ihm je in derselben Mühle gefangen war wie er selbst.
Sie nickte und schlug die Beine übereinander, bevor sie sich weiter in seine Richtung beugte.
„Meine Eltern haben mich dazu gedrängt, mich nach meinem College-Abschluss bei Joja zu bewerben. Vier Jahre habe ich mich in einem Großraumbüro um die Finanzen von Joja gekümmert, bis ich irgendwann die Nase vollhatte.”
„Vier Jahre?”, wiederholte Shane mäßig beeindruckt. „Das ist noch gar nichts! Ich arbeite seit sieben Jahren im Jojamarkt.”
Autumn sah ihn aus großen Augen an und verzog anscheinend unbewusst den Mund.
„Wie hältst du das nur aus?”, fragte sie ihn und schüttelte verständnislos den Kopf.
Shane hob abwehrend die Schultern. „Was soll ich denn sonst machen? Bei Joja kann ich Geld verdienen, also arbeite ich dort.”
„Nein, ich meine… wie schaffst du es, dass du nicht… verrückt wirst?”
Abermals waren ihre waldgrünen Augen direkt auf ihn gerichtet und schienen regelrecht durch ihn hindurchzusehen. Nachdenklich senkte Shane den Blick in seinen Becher.
„Ich habe so meine Methoden”, erwiderte er, nicht besonders kooperativ.
Die Musik verstummte und Autumn sah zurück zur Mitte der Lichtung. Der offizielle Teil des Tanzes war beendet und die Paare lösten sich auf, nur um sich neu zu formieren. Abigail kam auf sie zugelaufen und Shane fühlte sich sofort in die Enge getrieben.
„Komm mit, Autumn”, wandte Abigail sich an ihre neue Freundin und zog diese am Handgelenk von der Bank. „Diesmal tanze ich mit dir.”
Shane entspannte sich innerlich wieder, als die beiden Mädchen Anstalten machten, ihn allein zu lassen. Doch bevor er die Bank wieder gänzlich für sich hatte, drehte sich Autumn noch einmal zu ihm um. Sie sagte nichts, doch ihre grünen Augen blickten direkt in seine, als sie ihm ein kleines Lächeln schenkte.
Der Moment war so flüchtig gewesen, dass er sich nicht einmal sicher war, ob sie ihn wirklich angelächelt hatte, oder nicht.
Doch… das hatte sie. Nur hatte es nichts mit dem breiten Grinsen zu tun, dass er von Anfang an so an ihr verabscheut hatte. Gerade eben hatte sie ihm ein kleines Lächeln zugeworfen, dass viel ehrlicher und aufgeschlossener wirkte, als die freudestrahlende Fratze, mit der sie sonst die Leute begrüßte.
Shane konnte nicht anders, als sie für den Rest des Festivals heimlich aus der Ferne zu beobachten, wie sie lachend mit Abigil tanzte. Und ein kleiner Teil von ihm wünschte sich, er hätte zurückgelächelt.


* * * * * * * * * *


Nur wenige Tage nach dem Blumentanz waren vergangen, als Autumn eines Freitagsmorgens ein wenig später als sonst aus dem Bett aufstand. Samson, der alte schwarze Kater ihres Großvaters, hatte sie mit leidvollem Miauen geweckt, weil sein Frühstück nicht zu gewohnter Uhrzeit in seinem Napf erschienen war.
Autumn hatte sich rasch angekleidet, die Katze gefüttert und selbst gefrühstückt, nur um dann festzustellen, dass es draußen regnete und sie die Pflanzen nicht wässern musste.
Seufzend setzte sie sich zurück an den kleinen Tisch mit dem einzigen Stuhl in ihrem winzigen Häuschen und schaltete den Fernseher ein. Sie gönnte sich eine zweite Tasse Kaffee an diesem Morgen und ein paar Minuten mit einer hirnlosen Talkshow im Fernsehen, während Samson auf ihren Schoß sprang und sich schnurrend streichelnd ließ.
Autumn hatte ihren Kaffee beinahe ausgetrunken, als es plötzlich an der Tür klopfte.
Völlig irritiert schaltete sie reflexartig den Fernseher aus, doch sie verharrte auf ihrem Stuhl. Der Kater hatte ebenfalls den Kopf gehoben und die Ohren gespitzt.
Das Klopfen wiederholte sich, energischer diesmal. Sofort war Autumn auf den Beinen, um zu sehen, wer der morgendliche Besucher war. Als sie die Tür öffnete, fielen ihr beinahe die Augen heraus.
Shane stand vor ihr im Regen. Er hatte die Kapuze seiner Joja-Jacke über den Kopf gezogen und die Arme vor der Brust verschränkt. Autumn fragte sich, ob er nicht fror.
„Hey”, begrüßte er sie wortkarg wie eh und je.
„Äh… Guten Morgen”, erwiderte sie immer noch völlig perplex. Sie machte einen Schritt zurück und deutete an, ihn hineinzulassen, doch bevor sie ihn auch verbal dazu auffordern konnte, kam er ihr zuvor.
„Hör zu, bei… diesem Wetter werde ich immer durstig. Also gehe ich heute Abend wahrscheinlich in den Saloon. Wenn du auch kommen möchtest, dann…”
„Ja, gern”, erwiderte sie sofort. Autumn spürte, wie ihr Herzschlag sich beschleunigte, als Shanes braune Augen sich für einen Moment weiteten.
Er sah gut aus, wie er so auf ihrer Veranda stand, mit der durchnässten Kapuzenjacke, die an seinem Körper klebte und seine breiten Schultern betonte. Ihr fiel auf, dass er frisch rasiert war und ihn der Duft von Seife umgab. Sie stellte sich vor, dass er wohl jeden Morgen vor der Arbeit duschte.
Er überraschte sie ein weiteres Mal an diesem Morgen, als er plötzlich lächelte und hastig den Blick senkte.
„Dann bis später”, sagte er leise und bevor sie ihm antworten konnte, hatte er sich umgedreht und war die Stufen ihrer Veranda nach unten glaufen und joggte durch den Regen zurück zum Busstop.

Shane saß auf seinem gewohnten Platz an der Bar im Saloon. Vor ihm stand ein kühles Bier mit Schaumkrone, das er jedoch schon zur Hälfte geleert hatte. Ein Blick auf die Uhr, die hinter dem Tresen hing, machte ihn nur noch nervöser. Wie war er nur auf die Idee gekommen, sie in den Saloon einzuladen? Was dachte sie jetzt von ihm?
So wie es aussah, würde sie sowieso nicht kommen. Shane hatte sich völlig zum Idioten gemacht, als er sie gefragt hatte. Und jetzt würde sie es bestimmt brühwarm Abigail und Sam erzählen und mit ihnen darüber lachen, was für ein Trottel Shane war, dass er tatsächlich geglaubt hatte, Autumn würde sich mit ihm treffen wollen.
Die Arbeit im Jojamarkt würde dann noch unerträglicher werden, weil Sam ihn jeden Tag so ansehen würde, als würde er es wissen. Als würde er wissen, was für ein Loser Shane war. Aber letztendlich wusste das sowieso schon jeder in der Stadt.
„Hi Shane”, hörte er neben sich eine helle, gut gelaunte Stimme und zuckte vor Schreck zusammen.
Anscheinend wusste es jeder, abgesehen von Autumn.
Er drehte sich zu ihr und begegnete dem Blick ihrer grünen Augen, die ihn förmlich anstrahlten, als sie sich auf den Hocker neben ihn schob. Ihr rotes Haar war feucht von dem Regen draußen und sie fröstelte ein wenig, doch ihr Lächeln schwand nicht.
„Huh, es ist noch ganz schön frisch draußen, dabei steht der Sommer vor der Tür”, sagte sie und warf ihr rotes Haar über die Schulter. Sie trug eine dunkelblaue Bluse, die er zuvor noch nie an ihr gesehen hatte. Sie sah nicht unbedingt aus, wie etwas das man zur Farmarbeit trug. Hatte sie sich extra für den Abend mit ihm umgezogen?
„Tut mir Leid, dass ich so spät gekommen bin, aber laut Willy kann man Abends im Regen Aale im Fluss fangen. Und diese Gelegenheit wollte ich mir nicht entgehen lassen.”
„Kein Problem”, erwiderte Shane und nahm einen Schluck von seinem Bier, um sich nicht anmerken zu lassen, dass er bereits besorgt gewesen war, dass sie nicht kam. „Warst du erfolgreich?”
Sie hob die Schultern. „Nein. Es hat leider gar nichts gebissen. Vermutlich benutze ich den falschen Köder? Ich weiß es nicht. Ich werde einfach Willy noch einmal fragen.”
Shane hoffte, dass Emily Autumn bedienen würde, doch zu seinem großen, persönlichen Unglück tauchte Gus hinter der Theke auf und sah die beiden unter seinem Schnurrbart breit grinsend an.
„N’Abend, Autumn”, begrüßte er sie. „Was für eine seltene Ehre. Und dann sitzt du hier ausgerechnet zusammen mit Shane?”
Shane stieß ein unwirsches Knurren aus, doch Autumn lächelte Gus bloß an. „Gibt es irgendetwas, dass du mir empfehlen kannst?”, fragte sie ihn, anstatt auf sein Gesagtes einzugehen.
„Ich habe gerade eine Lieferung Granatapfelwein aus Zuzu City erhalten. Möchtest du ein Gläschen probieren?”
„Klingt gut”, erwiderte sie fröhlich und ließ sich den Wein von ihm servieren.
„Also”, begann sie, nachdem sie an ihrem Glas genippt hatte und Gus wieder verschwunden war. „Wieso genau arbeitest du für Joja?”
Shane sah sie irritiert an und hob fragend eine Augenbraue. „Was sollte ich denn sonst tun? Es gibt nicht unbedingt viele Möglichkeiten hier in Pelican Town.”
„Ich weiß auch nicht. Du könntest doch sicher auch irgendetwas anderes machen.”
Er strich sich unwohl mit einer Hand über den Nacken, während er mit der anderen fester um sein Bierglas griff.
„Ich habe nicht gerade die besten Referenzen, also… wird es schwierig für mich etwas anderes zu finden.”
Sollte er ihr davon erzählen, wie er nicht mal seinen College-Abschluss geschafft hatte? Was würde sie dann von ihm denken?
„Marnie sagte, du würdest dich gut um die Hühner auf ihrem Hof kümmern. Hast du schon einmal darüber nachgedacht, selbst einen kleinen Hof zu betreiben? Vielleicht eine Hühnerzucht?”, schlug sie vor.
Er spürte, dass sie es nur gut meinte, trotzdem wurden ihre Vorschläge ihm immer unangenehmer. „Dazu fehlt mir bei weitem das Startkapital. Aber ich helfe Marnie gerne aus, wann immer ich kann.”
Das brachte sie zu seiner Überraschung zum lächeln. Es war dasselbe kleine Lächeln, dass er bereits beim Blumentanz an ihr gesehen hatte.
„Das freut mich”, erwiderte sie. „Vermutlich ist das dein Geheimnis, warum du es bis jetzt so lange im Jojamarkt ausgehalten, stimmt’s? Wenn ich damals nebenbei ein wenig mit Tieren gearbeitet hätte, wäre ich vielleicht nicht durchgedreht. Ich wollte mir eigentlich schon immer einen Hund zulegen, aber ich hatte zu lange Arbeitszeiten und nur ein kleines Appartement in der Stadt.”
Shane horchte auf. Hatte sie gesagt, sie war durchgedreht?
„Ich dachte, du hättest einfach keine Lust mehr auf den Job bei Joja gehabt”, sprach er sie darauf an.
Autumn nahm einen größeren Schluck von ihrem Wein und schloss für ein paar Sekunden die Augen, bevor sie ihm antwortete. „Das hatte ich recht schnell nicht mehr. Aber die Bezahlung war gut und meine Eltern drängten mich zum weitermachen. Also habe ich versucht dabei zu bleiben, aber… ich saß Tag für Tag in diesem stickigen, künstlich ausgeleuchtetem Großraumbüro ohne Fenster und irgendwann… konnte ich einfach nicht mehr. Schon Monate vor meiner Kündigung habe ich mich an meinen freien Tagen in meinem Appartement verkrochen. Ich habe mich nicht mehr mit meinen Freunden getroffen oder meine Eltern angerufen. Irgendwann konnte ich nachts nicht mehr schlafen und funktionierte nicht mehr richtig auf Arbeit… also habe ich es hingeschmissen.”
Shane war fasziniert. Er hätte nie gedacht, dass es noch jemandem so ging wie ihm. Er kannte nur zu gut, was sie ihm da erzählte. Fast jedes Wochenende verbrachte er damit in seinem Zimmer zu sitzen, Junkfood in sich hineinzuschaufeln und Videospiele zu spielen. Wenn Jas ihn bat mit ihr zu spielen, tat er es nur widerwillig. Und wenn Marnie ihn bat, ihr mit den Tieren zu helfen, so begeisterte es ihn auch nicht mehr so sehr wie früher.
Shane fühlte sich oft genug auch, als wäre er an einem Punkt angekommen, an dem es einfach nicht mehr weiterging. Jedenfalls nicht so.
„Und bereust du es?”, fragte er Autumn schließlich.
„Meinen Job gekündigt zu haben?”, fragte sie und sah ihn nachdenklich aus grünen Augen an. „Nicht eine Sekunde. Aber ich hatte Glück. Mein Großvater hatte mir die Farm vermacht und ich konnte hier neu anfangen. Vermutlich wäre ich nicht so mutig gewesen, wenn ich dieses Ass nicht im Ärmel gehabt hätte.”
Shane nickte und wandte sich wieder seinem Bier zu, dass er in wenigen Zügen leerte. Dieses Wetter machte ihn wirklich durstig.
Er hatte kein Ass im Ärmel. Wenn er bei Joja kündigen sollte, dann stand er mit nichts da. Er konnte die spärliche Miete bei Marnie nicht mehr bezahlen und war vermutlich obdachlos. Und ihm fiel nichts ein, was er sonst machen könnte. Also hieß es wohl weitermachen. Wenigstens fürs Erste. Vielleicht kratzte ja auch ein entfernter Verwandter ab, der ihm etwas vermachte.
„Noch eins, Shane?”, fragte Emily ihn, die urplötzlich vor ihm aufgetaucht war.
Kommentarlos schob er seinen Krug in ihre Richtung und sah dabei zu, wie sie ihn wieder auffüllte.
Als er den Krug an seine Lippen setzte, spürte er ihren Blick auf sich ruhen und war sich plötzlich jeder seiner Bewegungen bewusst. Zählte sie bereits eins und eins zusammen? Erkannte sie schließlich, dass Shane nur mit genug Fusel sein miserables kleines Leben ertrug?
„Ich denke, ich nehme auch noch ein Glas, Emily”, sagte sie plötzlich und schob ihr Glas über den Tresen.
Shane sah sie verwundert mit einer gehobenen Augenbraue an. „Schnelle Trinkerin, hm? Eine Frau ganz nach meinem Geschmack.”
Zu seiner Überraschung sah er, wie ihre Wangen sich in einem zarten Rosa verfärbten.
„Es war eine anstrengende Woche”, erwiderte sie leise und nippte an ihrem wieder vollen Weinglas.
„Hey, du brauchst dich nicht zu rechtfertigen”, wehrte er hastig ab. „Am allerwenigsten bei mir.”
Sie lächelte und diesmal erwiderte er ihr Lächeln. Er konnte gar nicht anders. Zum ersten Mal seit sehr langer Zeit fühlte Shane sich verstanden.
Er hörte wie die Tür des Saloons aufging und neue Besucher ankündigte. Der Klang von drei unliebsamen, aber vertrauten Stimmen drang an seine Ohren. Als er sich umdrehte, bestätigte sich seine Vermutung. Abigail, Sam und Sebastian hatten den Saloon betreten.
Sofort sackte sein Herz in die Hose. Natürlich… es war Freitag! Die drei waren fast jeden Freitag hier. Und wenn sie Autumn hier sehen würden, dann… doch es war bereits zu spät.
„Hey, Autumn!”, rief Abigail ihr zu und kam in wenigen Schritten auf sie zu. Autumn drehte sich zu ihr um und lächelte wie immer breit und strahlend ihre Freundin an.
„Hey!”, erwiderte sie fröhlich und drehte sich auf dem Hocker ein wenig in Abigails Richtung. Shane sah stur auf sein Bier. Er wollte möglichst unbeteiligt wirken, falls es Autumn peinlich war, dass sie ausgerechnet mit ihm hier war.
„Wir sind zum Billard Spielen hergekommen, hast du auch Lust?”, hörte er Abigail fragen.
„Nein, ich bin heute mit Shane hier”, erwiderte Autumn, sehr zu seiner Überraschung. „Aber vielleicht ein anderes Mal.”
Aus irgendwelchen Gründen machte sich plötzlich ein seltsam warmes Gefühl in seinem Bauch breit. Hatte er etwa schon zu viel getrunken?
„Oh, okay”, sagte Abigail mit einem irritiertem Klang in der Stimme. Er konnte es ihr nicht mal verübeln. Warum hatte sie sich heute mit ihm treffen wollen? Ausgerechnet mit ihm? Und warum hatte er sie in erster Linie überhaupt eingeladen?
Er hörte, wie Abigail und ihre Begleitung sich ins Hinterzimmer verzogen und erst dann wagte er es wieder in ihre Richtung zu sehen. Sie fing seinen Blick auf und lächelte ihn an.
„Also, was ist das für eine Geschichte mit dir und Jas?”, wollte sie als nächstes wissen.
„Mit mir und Jas?”, wiederholte er unsicher.
Sie nickte und strich sich eine feuchte Strähne aus dem Gesicht. „Sie nennt Marnie ihre Tante, aber ich weiß von Marnie, dass du ihr Neffe bist. Also musst du mit Jas verwandt sein.”
Shane war es unangenehm über seine Verbindung mit Jas zu reden. Sie nannte Marnie einfach nur der Einfachheit halber ihre Tante.
„Jas ist die Tochter von einem Freund von mir”, begann er zu erzählen, nicht ohne vorher noch einen großzügigen Schluck Bier zu nehmen. „Er war mein bester Freund auf dem College. Als Jas geboren wurde, machte er mich zu ihrem Taufpaten, aber damals hatte ich gedacht, dass er mir damit nur zeigen wollte, was für gute Freunde wir seien. Dass er mir sogar das leibliche Wohl seiner Tochter anvertrauen würde… Ausgerechnet mir…”
Shane zuckte zusammen, als eine kleine, schmale Hand sich auf seinen Unterarm legte. Irritiert sah er zu ihr auf und begegnete sogleich ihrem grünen Augenpaar.
„Was ist passiert?”
Shane nahm einen weiteren Schluck von seinem Bier, bevor er weitersprach. „Jas’ Eltern starben vor ein paar Jahren bei einem Autounfall. Und ich war ihr einziger lebender Vormund.”
Er trank mehr von seinem Bier, um die Gefühle zu betäuben, die plötzlich in ihm aufwallten.
„Aber weil ich in meinem Scheißjob nur so wenig verdiene, kann ich es mir nicht leisten, eine eigene Bude zu suchen. Also leben Jas und ich zusammen bei Marnie.”

Autumn saß da und sah Shane mitfühlend an. Sie hatte bereits die Vermutung gehabt, dass hinter Shanes Beziehung zu Jas mehr stecken musste, als Cousin und Cousine zu sein. Doch das, was sie soeben von ihm gehört hatte, zerrte unangenehm an ihrem Herzen.
„Mir ist sofort aufgefallen, dass Jas zu dir aufsieht”, sagte sie leise. „Und ich habe gesehen, wie du beim Eierfestival auf sie aufgepasst hat. Sie bedeutet dir wirklich viel, nicht wahr?”
Shane nickte. „Aber du irrst dich. Sie sieht nicht zu mir auf. Da gibt es nichts, wozu sie aufsehen könnte.”
Sie sah, wie er sich ein drittes Bier bestellte und zog schließlich die Hand von seinem Unterarm zurück.
„Du und ihr Vater wart mit Sicherheit nicht ohne Grund befreundet. Und jetzt nimmst du so etwas wie eine Vaterfigur für sie ein. Ob du es willst oder nicht, Shane, aber Jas wird zu dir aufsehen.”
„Als ob ich nicht genug andere Probleme hätte”, erwiderte er niedergeschlagen.
Plötzlich wurde es Autumn klar. Das war der Grund, weshalb sie so verzweifelt nach einer Freundschaft mit Shane suchte. Er war der einzige mit Problemen in ganz Pelican Town. Natürlich hatten auch andere Leute hier ihre Probleme, aber ganz im Gegensatz zu Shane, schienen alle bedacht darauf, dass sie es ihre Nachbarn nicht spüren ließen. Sie hatten alle eine Fassade errichtet, die nach außen hin zeigen sollte: Uns geht es gut.
Aber Shane scherte sich nicht darum, was die anderen dachten. Er war eben so wie er war. Griesgrämig und unfreundlich, weil er einfach keine Lust auf die Gesellschaft der anderen hatte. Manchmal schien es Autumn, als wären sie und Shane die einzigen, wirklichen Personen in einer Spielzeugstadt, die von Puppen bewohnt wurde.
Sie bestellte sich auch noch ein drittes Glas Wein, auch wenn sie bereits merkte, wie ihr der Alkohol zu Kopf stieg.
„Ich habe darüber nachgedacht, mir als nächstes einen Hühnerstall bauen zu lassen und mir ein paar Hühner zuzulegen. Hast du irgendwelche Tipps für mich?”, fragte sie ihn, um ihn aus seinen düsteren Gedanken zu reißen.
„Bau einen guten Zaun”, riet er ihr und ein kleines Lächeln umspielte seine Lippen. „Hühner einzufangen, nachdem sie abgehauen sind, ist sowas von ätzend.”
Autumn musste lachen. „Alles klar. Gute Zäune. Das krieg ich hin. Was noch? Brauche ich einen Hahn?”
Er hob die Schultern. „Kommt drauf an. Wenn du befruchtete Eier willst, brauchst du einen Hahn. Aber Hähne sind verflucht laut. Wenn du gerne ausschläfst, dann würde ich dir davon abraten, einen Hahn zu halten. Wenn du die Hühner weiterhin von Marnies Hof kaufen willst, dann brauchst du auch nicht unbedingt einen. Die Hühner halten selbst eine Hackordnung ein.”
„In Ordnung”, erwiderte sie nachdenklich. „Ich bin ein antrainierter Frühaufsteher. Das wäre also kein Problem. Aber ich will nicht, dass sich die Hühner unkontrolliert in meinem Stall vermehren. Ich denke, ich werde meine Hühner einfach immer bei euch kaufen.”
Sie spürte wie ihr Herzschlag sich plötzlich beschleunigte, als Shane seinen Blick wieder auf sie richtete und lächelte. „Gut. Das wird Marnie freuen.”
„Und was ist mit dir?”, fragte sie. Der Alkohol machte sie mutiger als gewöhnlich. Vielleicht war es aber auch Shanes Lächeln, das so selten war, wie Schnee im Sommer.
„Mich freut es natürlich auch”, erwiderte er leise und sah schmunzelnd in sein Glas.
Er war süß. Diese plötzliche Erkenntnis trieb ihr die Hitze in die Wangen und sie musste den Blick abwenden. Sie nahm einen weiteren Schluck von dem süßen Wein, der sich viel zu schnell wegtrank und warf ihm einen weiteren verstohlenen Blick aus den Augenwinkeln zu.
Sie erinnerte sich, dass er heute morgen frisch rasiert vor ihrer Haustür gestanden hatte. Jetzt waren seine Wangen bereits wieder dunkel von Bartschatten. Es ließ ihn irgendwie… verwegen erscheinen.
Je länger sie ihn betrachtete, umso mehr musste sie sich eingestehen, dass sie ihn durchaus attraktiv fand. Auch wenn er jeden Tag dieselbe abgetragene, löchrige Joja-Jacke trug.
„Läuft es denn gut auf deiner Farm?”, fragte er nach Weile und riss sie damit völlig aus ihren Gedanken. Als er den Blick wieder auf sie richtete, fühlte sie sich ertappt und spürte, wie ihre Wangen heiß wurden.
„Im Moment mache ich noch keinen Gewinn. Ich wollte erst einmal das Haus und den Hof auf Vordermann bringen. Ich habe größtenteils meine Ersparnisse verwendet. Für den Sommer kaufe ich mir von dem restlichen Geld Saatgut. Ich habe ein paar Sprinkler installiert und erhoffe mir vom Ende des Sommers eine reiche Ernte. Erst dann kann ich wirklich sagen, ob es gut läuft.”
Autumn versuchte sich an einem zuversichtlichen Lächeln, doch Shane schien ihre Verunsicherung zu spüren. „Es wird bestimmt gut laufen. Im Sommer lassen sich bessere Produkte anpflanzen als im Frühling.”
„Was machst du an deinen Wochenenden?”, fragte sie ihn, bevor sie ihr drittes Glas Wein leerte. „Ich könnte für den Sommer ein wenig Hilfe auf der Farm gebrauchen. Interessiert?”
Shane hob zweifelnd eine Augenbraue. „Kommt auf die Bezahlung an.”
Autumn überlegte kurz. „50g mehr als du im Jojamarkt verdienst. Pro Stunde.”
„100 mehr”, entgegnete er herausfordernd.
„75”, sagte Autumn. „Und ich koche uns Mittagessen.”
Shanes linker Mundwinkel hob sich amüsiert. „Abgemacht.”
Beide tranken jeweils ein weiteres Glas und unterhielten sich über die Stadt. Auch wenn Shane nicht so wie Autumn aus einer Großstadt stammte, war er ein paar mal in Zuzu City gewesen. Im Gegensatz zu Autumn, die die Abgeschiedenheit und Ruhe in Stardew Valley bevorzugte, sehnte sich Shane nach der Anonymität der Großstadt. Sie konnte es ihm nicht verübeln. Und trotzdem erzählte er ihr, dass er das Tal nicht verlassen wollte, weil er hier aufgewachsen sei.
Der Alkohol und die einlullende Musik aus der Jukebox hatten eine beruhigende, ermüdende Wirkung auf Autumn. Trotzdem hörte sie noch immer dem angenehmen Klang von Shanes tiefer Stimme zu, als er von dem großen Einkaufszentrum in einer anderen Stadt erzählte, von dem er vermutete, dass es auch von der Joja Corporation geführt wurde.
Irgendwann legte Shane seine große warme Hand auf ihre Schulter. Erst da bemerkte Autumn, dass sie wohl eingenickt sein musste.
„Alles okay?”, fragte Shane sie vorsichtig. Er sah ernsthaft besorgt aus.
Sie hob den Blick zur Uhr hinter der Theke. Es war halb elf. Normalerweise war sie zu der Uhrzeit schon fast im Bett.
„Ich bin nur… ein bisschen müde”, erwiderte sie und unterdrückte ein Gähnen.
„Soll ich dich nach Hause bringen?”, schlug Shane vor und rutschte von seinem Hocker, bevor sie ihm antworten konnte.
„Das ist nicht nötig”, winkte sie ab und ließ sich ebenfalls von ihrem Hocker gleiten, doch plötzlich schien die ganze Welt um sie herum zu wanken. Reflexartig hielt sie sich am Tresen fest und kämpfte um ihr Gleichgewicht.
Shane stand geduldig neben ihr, bis sie es wiedergefunden hatte, doch er machte keine Anstalten sie zu stützen oder ihr anderweitig zu Hilfe zu kommen.
„Ist kein großer Umweg für mich”, sagte er noch einmal und Autumn nickte schließlich.
Shane stemmte die Fäuste in die Taschen seiner Kapuzenjacke und lief ihr voran zur Tür des Saloons.
„Kommt gut nach Hause!”, rief Gus ihnen zu und hob zum Abschied die Hand.
Der Regen hatte aufgehört, doch es hatte merklich abgekühlt. Autumn schlang fröstelnd die Arme um den Oberkörper, während sie neben Shane über den Stadtplatz lief.
Kommentarlos zog er plötzlich seine Kapuzenjacke aus und legte sie ihr über die Schultern.
„Danke”, sagte Autumn lächelnd und schlüpfte in die Ärmel. Seufzend schlang sie die Jacke enger um sich und genoss Shanes Körperwärme, die noch immer in der Jacke hing.
Ohne ein weiteres Wort zu sagen, liefen sie nebeneinander über den Weg am Busstop vorbei zu ihrer Farm. Dort angekommen stieg sie die Stufen ihrer Veranda nach oben und schloss die Tür auf.
Als sie sich umdrehte, sah sie Shane am Fuß der Treppe stehen. Er wollte also nicht noch mit reinkommen. Autumn wusste nicht, ob sie erleichtert oder enttäuscht sein sollte. Sie kannte die Art von Kerlen nur zu gut, mit denen man sich verabredete und die gleich nach dem ersten Date Sex wollten.
Aber wenn Shane nicht mit reinkommen wollte, hieß das dann, dass er nicht interessiert an ihr war? War sie überhaupt interessiert an ihm? Sie war nicht mal sicher, ob das hier überhaupt ein Date gewesen war…
Nein. Sie hatte versucht sich mit ihm anzufreunden. Das hier war kein Date. Andererseits… er hatte sie gefragt, ob sie mit ihm in den Saloon kommen wollte, also… war es vielleicht doch ein Date?
„Shane?”, sprach sie ihn direkt an.
„Mh?”, machte er und hob fragend eine Augenbraue.
Sie kam sich albern vor, aber sie musste einfach sichergehen. „War das… ein Date?”
Autumn sah, wie er die Stirn runzelte und den Blick senkte. „Nein.”
„Oh, okay.” Sie zog seine Jacke wieder aus und übergab sie ihm ohne etwas Weiteres zu sagen. Er nahm sie ebenso kommentarlos wieder an sich, drehte sich um und verließ in südlicher Richtung ihre Farm.

Shane war bei Weitem nicht so betrunken, wie er es normalerweise an einem Freitagabend war.
Ein Date? Hatte sie wirklich gedacht, er hatte sie auf ein Date eingeladen? Shane stieß ein abfälliges Schnauben aus. Die Vorstellung war lächerlich. Er ging auf keine Dates. Das letzte Mal, als er eine Freundin gehabt hatte, war auf dem College gewesen. Und auch da, war er auf keine Dates gegangen.
Vielleicht hatte sie befürchtet, dass er irgendetwas von ihr erwartete. War die Vorstellung mit ihm zu schlafen wirklich so schrecklich, dass sie sichergehen wollte, ob sie es ihm irgendwie… schuldig war?
Shane fuhr sich mit einer Hand über den Kiefer und spürte seine kratzigen Bartstoppeln. Er musste aussehen wie ein Penner, in seinen abgetragenen Klamotten und mit dem Bartschatten. Die Abstand in Attraktivität zwischen ihnen war gewaltig. Wie konnte sie nur darauf kommen, er würde sich diesbezüglich irgendwelche Hoffnungen machen?
Trotzdem war es ein angenehmer Abend gewesen. Und durch Autumns Anwesenheit im Saloon hatte Shane das Gefühl gehabt, nicht so viel trinken zu müssen wie sonst. Es hatte gut getan mit jemandem über all die Dinge zu reden, die ihm auf der Seele lasteten. Und zu hören, dass er nicht allein mit seinen Ängsten und seinen Problemen war, machte es einfacher an die kommende Woche zu denken.
Aber jetzt war erst einmal Wochenende… und der Sommer stand vor der Tür. Als er über das Arrangement nachdachte, dass er mit der neuen Farmerin ausgemacht hatte, freute sich Shane plötzlich auf den Sommer.

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Vielen Dank fürs Lesen!
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