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*Die Diener der Götter* (P18)

von Wildfang
GeschichteAbenteuer, Fantasy / P18
Elben & Elfen Ritter & Krieger Zauberer & Hexen
20.01.2017
13.01.2021
86
177.784
20
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13.01.2021 3.780
 
Sein Waffenbruder Rodrik und Harrod, der Hausvater der Rigaherberge, die den Geheimgang zu Dunkelsteins Haus im Auge behalten hatten, waren kurz vor ihnen auf dem Anwesen der Ibn Sharifs eingetroffen. Nachdem Raik sich versichert hatte, dass es von dort nichts zu berichten gab, war er nun auf dem Weg, um Kriegsrat zu halten. Wobei `nichts‘ eigentlich nicht stimmte. In der Zeltstadt herrschte laut Harrod eine Art `Zugunruhe‘. Dabei konnten die Leute dort gar nicht so schnell von Dunkelsteins Tod erfahren haben Doch er hatte keine Zeit sich jetzt auch noch darüber Gedanken zu machen.

Immer zwei Stufen auf einmal nehmend, preschte er die Treppe zur Eingangstür hinauf.
Er musste sich mit den anderen besprechen und brauchte Lysandes scharfen Verstand.
Der Haushofmeister der Ibn Sharifs stand vor der Türe und beriet sich mit Alteus über die Aufbahrung der Toten.
„Wo ist Cern?“, wandte sich Raik an den Bediensteten, während die beiden Männer bereits einen Schritt zur Seite machten, um ihm auszuweichen. „In seinem Arbeitszimmer, Herr.“
„Wir müssen uns besprechen. Ruft umgehend meinen Neffen, seine Begleitung, die Halbelfe und die Kriegerin dort zusammen!“
Er eilte den Flur entlang, sich die nervigen Gaze-Vorhänge aus dem Gesicht schlagend.

Bei Raiks hastigem Eintritt, welcher unbeabsichtigt die Zimmertür gegen die Wand donnerte, stand Cern gerade an seinem Tisch und drückte sein Siegel auf ein Schreiben. Der Erhabene sah entrüstet auf.
„Entschuldigung“, murmelte Raik, ehe er sich knapp erkundigte: „Damien?“
„Lebt, er ist verwundet, aber es geht ihm den Umständen entsprechend … Allerdings sind die Wachhunde tot, ebenso wie Dunkelsteins gedungener Mörder, unglücklicherweise, bevor ich ihn befragen konnte.“ Cern legte das Schreiben auf einen Stapel von weiteren Briefen und musterte Raik. „Du siehst mitgenommen aus. Was ist im Turm geschehen?“
„Ich erzähle es, sobald die anderen hier sind. Nur so viel, wir haben zwei Tote zu beklagen. Der Altonadept und einer meiner Waffenbrüder weilen nicht mehr auf Garda …“
Cern klappte die Kinnlade herunter. „Zwei tote Götterdiener! Aber was … Wie?“
„Gedulde dich noch bis die anderen und vor allem Alteus da sind, bitte …“ Raik räusperte sich, allerdings half dies seiner staubtrockenen Kehle auch nicht. Er sah sich um.
Aus Mangel an Wasser oder Pyttuus, trat Raik zu Cerns Alkoholregal. „Darf ich?“, erkundigte er sich bei Cern und deutete mit dem Kopf auf das Regal.
„Natürlich.“
Raik befüllte einen Becher mit irgendeiner Flüssigkeit aus Cerns Sammlung und kippte den bitteren Inhalt in einem Zug herunter.

Kurz darauf trat Alteus durch den Türrahmen, sein Blick wanderte grimmig von einem zum anderen, ehe er wortlos zu Cerns Arbeitstisch schritt.
Vorsichtig beförderte er den Steinklumpen, eingeschlagen in ein Tuch, aus seiner Robe und platzierte diesen auf den Tisch.
Cern zog eine Augenbraue hoch. „Ich nehme an, mit der Frage, was das ist, soll ich mich ebenfalls gedulden?“
Raik folgte Cerns Augen zu dem verhüllten Steinfragment, dabei gedankenversunken nickend.
Schon jetzt widerte ihn dieser unschuldig aussehende Stein über alle Maßen an. Seinetwegen waren Menschen gestorben.

Wenig später führte der Haushofmeister Dorian, Aimee und Arvid in den Raum. Sein Neffe, schien sich gewaschen und ein wenig geruht zu haben, trotzdem war er blass und Raik entdeckte erst jetzt, was ihm vorher entgangen war: Dorians blondes Haar war ergraut, beinahe in gleichem Maße, wie seines. Falten hatten sich um die Mundwinkel eingegraben und die Augen sprachen von einer unergründlichen Tiefe, die sein munterer Neffe vor einem Jahr noch nicht besessen hatte.
Auch wenn sein Neffe ansonsten unversehrt schien, seine Schwester würde ihm dessen ungeachtet den Kopf abreißen.
Arvid hatte an Gewicht zugelegt, von dem spöttischen Lächeln, welches ihn sonst allzeit begleitete, keine Spur.
Zudem war der Söldner schweigend eingetreten, etwas, was Raik bei seinem Freund ebenfalls völlig fremd war.
Die Hexe sah gleichwohl erschöpft aus, dennoch schien sie noch am besten davongekommen zu sein.

Als Letzte betrat Dari den Raum, woraufhin der Haushofmeister die Gruppe sich selbst überließ und hinter sich die Tür zuzog.
Die Tochter Rigas schien die Einzige zu sein, die keine Gelegenheit für eine Reinigung gehabt hatte. Blutspritzer zierten noch immer ihren Körper und ihre Rüstung. Das, was Raik jedoch am meisten erschütterte, waren die steife Haltung und der flackernde Blick der Kriegerin, der ihn an ein Zugpferd erinnerte, welches kurz vor dem Zusammenbruch stand.
Mit gerunzelter Stirn warf Dari einen Blick in die Runde, bevor sie Cern ansprach: „Ich …“ Sie räusperte sich ob ihrer brüchigen Stimme. „Ich glaube, meinem Bruder geht es schlechter, er schwitzt und … Ich denke, du solltest einen Arzt rufen.“
Cerns Gesicht verzog sich besorgt. „Es war schon einer da. Aber natürlich schicke ich nochmal nach ihm. Ich sehe eben nach Damien.“
Cern nahm die versiegelten Briefe vom Tisch und machte sich auf den Raum zu verlassen.
Kurz vor der Tür hielt Aimee ihn am Ärmel zurück. „Wenn das hier vorbei ist, werde ich ihn mir auch noch einmal anschauen, vielleicht kann ich helfen …“
„Danke“, erwiderte der Erhabene und verließ den Raum.

Raik, dem ohnehin von den Überlegungen der Kopf schwirrte, murmelte langsam: „Möglicherweise kann Lysande …“ Er sah auf, die restlichen Worte blieben ihm im Hals stecken, als er in die betretenen Gesichter sah.
Lysande war nicht hier und vermutlich würde sie auch nicht mehr kommen.
Verdammt, was war jetzt schon wieder geschehen?
„WO IST LYSANDE?!“, es gelang ihm nicht, seine Stimme zu mäßigen.
„Sie wollte noch ihre Hab…“, sein Neffe stockte, die Stirn in Falten gelegt.
„Was?“, schnauzte Raik.
„Sie wollte noch ihre Sachen holen“, sprang Arvid Dorian zur Seite.
„Nein …“, korrigierte sein Neffe den Söldner zögerlich, „Mit ziemlicher Sicherheit, holt sie sich Kastors Fragment des Sphärensteins.“
Raik spürte förmlich wie das Blut in seinem Körper herabsackte. Für einen kurzen Moment wünschte er, er hätte Lysande verschnürt wie ein Paket hierherbringen lassen, als er sie am Schlafittchen gehabt hatte. Und eine Tracht Prügel obendrauf hätte auch nicht geschadet!
Aber wollte Lysande sich tatsächlich ein Stück des Sphärensteins unter den Nagel reißen?
„Sie hat doch bisher kaum Interesse an dem Stein gezeigt, oder? Außerdem hat sie doch damals aus den Vorfällen in Merkuz gelernt, dass man …“, warf er ein.
„Hast du Lysande schon jemals aus irgendeiner Erfahrung etwas lernen sehen?“, unterbrach sein Neffe ihn scharf.

Grimmig stellte Raik den Becher ab. Kraftlos wandte er sich zur Tür. „Ich muss sie suchen.“
Dorian entfuhr ein Aufstöhnen, er hob den Arm und deutete auf Raik. „Sensomova!“, hallte es durch das Zimmer.
Raik spürte, wie eine Welle Magie ihn erfasste und wollte seinen Neffen empört zurechtweisen, seine Zunge gehorchte jedoch nicht. Er konnte weder seinen Kopf wenden noch irgendwelche Körperteile bewegen, einzig sein Herz und seine Atmung schienen noch zu arbeiten.
„Das war das Erste was Lilith mich gelehrt hat“, murmelte Dorian und starrte auf seine Hand, die langsam wieder herabsank.
Er blickte zu Raik. „Tut mir leid, Onkel. Aber, nein! Du wirst Lysande dieses Mal nicht suchen!“
Dari, die in Dorians Nähe stand, starrte feindselig zu dem Magier. Ihre Hand ruhte dort, wo die Schwestern Rigas normalerweise einen Dolch trugen, zum Glück war der Platz leer.
Zorn wütete in Raiks Adern. Wie konnte Dorian es wagen, ihn, einen Verwandten, mit einem Zauber zu belegen.
`Riga, hilf mir!‘ flehte er inbrünstig. Seine Bitte fand Gehör. Er meinte zu fühlen, wie die Magie sich in die Erde zurückzog.
Mit einem langen Schritt war er bei seinem Neffen und packte ihn grob am Arm.
„Du, Kleiner, wirst mir nicht vorschreiben, was ich zu tun und zu lassen habe. Und wag es ja nicht, mir nochmal einen Zauber entgegenzuschleudern. Hast du verstanden?“ Früher wäre Dorian bei solchen Worten zu einem Häufchen Elend zusammengesunken, nun jedoch starrte der junge Magier nur widerspenstig zu ihm auf.
Keiner der anderen Anwesenden regte sich, so als wären sie ebenfalls zu Stein erstarrt.
Schließlich legte sich Aimees Hand sanft auf Raiks Handgelenk.
„Lass ihn los, bitte! Wir sind alle erschöpft und du bist nicht mit allen Fakten vertraut. Lysande muss ihren eigenen Weg gehen, wie immer dieser auch aussehen mag und keiner von uns kann sie daran hindern. Vielleicht ist sie die Einzige, bei der Dunkelsteins Steinfragment in Sicherheit ist …“
Raik atmete tief durch.
Was tat er hier eigentlich? Zwei Diener der Götter waren tot und er stritt mit einem Familienangehörigen über Lysande.
Von sich selbst angewidert ließ er den Arm seines Neffen fahren.
Gemäßigter erkundigte er sich: „Nicht mit allen Fakten? Wie …“
Cern ibn Sharifs erneuter Eintritt mit umwölkter Stirn unterbrach Raiks Fragen.

Cern schien mit seinen Gedanken noch bei seinem Liebsten zu sein und bemerkte die zum Zerreißen gespannte Stimmung nicht sogleich. „Mir gefällt Damien auch nicht, Dari. Ich habe erneut nach dem Arzt geschickt …“, sagte er, ehe er verstummte und irritiert von einem zum anderen sah. „Anscheinend habe ich etwas verpasst, als ich fort war, oder warum herrscht hier dicke Luft?“
Raik bedachte nun auch diesen jungen Mann mit einem verärgerten Blick, obwohl seine Wut weitestgehend verraucht war.
„Setz dich! Ich hatte Lysande in deine Obhut gegeben und wie immer du auch zu ihr stehen magst, Cern, keiner von euch hätte sie gehen lassen dürfen! Wir brauchen sie“, Raik deutete auf das Steinfragment, welches noch verhüllt auf Cerns Schreibtisch lag, „… Deshalb!“
Im Gegensatz zu Dorian hatte Cern zumindest so viel Anstand geringfügig reumütig zu wirken, während er wieder an seinen Platz schlich.
Raik nickte Alteus zu, woraufhin sich alle Augen auf den noch in Tuch eingeschlagenen Gegenstand richteten.
Der Akolyth des Alton schlug umsichtig, ohne den darunterliegenden Stein zu berühren, die Tuchecken zurück.
Alle starrten den unscheinbaren Klumpen an.
„Was soll das sein?“ Cern sah verständnislos zu Raik.
„Das ist anscheinend ein Stück eines magischen Artefakts, dass angeblich über Jahrtausende als verschollen galt und unglaublich mächtig sein soll. Sein Fund in Dunkelsteins Turm hat uns die zwei erwähnten Leben gekostet“, klärte Raik Cern auf.
Alle traten näher an den Tisch, um das Objekt genauer in Augenschein zu nehmen.
„Sieht aus wie ein einfacher Erzklumpen …“ Cern streckte die Finger danach aus.
„Nicht!“, wies Dorian ihn scharf zurecht. Cerns Augenbrauen wanderten fragend noch ein Stück höher.
„Berühr ihn nicht. Lilith, Dunkelsteins Schwarzmagierin, hat das Ding auch nur mit Handschuhen angefasst …“, fügte Dorian erklärend hinzu.
„Aber woher wollt ihr dann überhaupt wissen, dass der Klumpen magisch is?“, wandte Arvid pragmatisch ein.
„Weil Alteus etwas an dem Stein spüren kann und ich nehme an, `mein Neffe` ebenso?“, spekulierte Raik.
Sowohl Dorian als auch Aimee, obgleich nicht angesprochen, nickten.

Cerns Blick ruhte weiterhin skeptisch auf dem Klumpen.
Raik seufzte, ehe er in seinem Inneren den Rest von Rigas Kraft in sich zusammensammelte. Alsdann legte er die Fingerspitzen auf den Stein, der sofort in verschiedensten Gelb- und Orangetönen zu pulsieren begann und leuchtende Strahlen durch den Raum jagte. Mit Schmerz hatte er gerechnet, doch nicht damit, was nun an Energie durch seinen Körper zuckte. Es war, als würde statt Blut Feuer durch seine Adern rasen.
Er merkte, wie sich sein Mund zu einem Schrei öffnen wollte.
Bevor der Schmerz ihn völlig zu übermannen drohte, zog er seine Hand zurück. Der Stein wurde erneut dunkel und unscheinbar, als hätte es den Augenblick zuvor nicht gegeben.
Mitleidig sah Dorian zu Raik, dessen noch schmerzende Hand an der Brust geborgen war. „Ich beziehungsweise wir …“, Dorian nickte zu Aimee,“… hätten dir auch ohne diese Demonstration geglaubt.“ Ein schiefes Lächeln folgte seinen Worten, was für einen kurzen Augenblick den `alten‘ Dorian zum Vorschein treten ließ.

„Was tut, oder besser, kann dieser Stein, wenn er vervollständigt ist?“ Dari blickte auf und Raik bemerkte wie sich eine Gänsehaut an ihren Armen bildete.
„Wir wissen es nicht genau … Allerdings wird er meist als Sphärenstein bezeichnet und es heißt, er könne Zeit und Raum außer Kraft setzen“, informierte Dorian die Kriegerin.
Die Worte seines Neffen waren noch nicht gänzlich verklungen, da taumelte Dari zum nächstgelegenen Fenster, riss es auf und erbrach sich.
Im Begriff Dari zu folgen, wäre Raik fast mit Arvid und Cern zusammengestoßen, die sich aber beide sogleich zurückzogen und ihm den Vortritt ließen.
Er trat an Daris Seite und hielt ihr den Zopf aus dem Gesicht, wie er es auch bei Lysande getan hatte.

Schließlich richtete sie sich auf und wischte sich mit dem Handrücken über den Mund. Raik ließ ihre Haare los. „Geht es wieder?“
Dari nickte und drehte sich um. Nun war Cern zur Stelle und drückte ihr einen Becher mit irgendetwas Hochprozentigem in die Hand. „Das hat er also gemeint …“, murmelte Dari und nahm, Cern dankbar zunickend, einen tiefen Schluck.
„Hat Dunkelstein von dem Sphärenstein gesprochen?“, hakte Raik nach.
Die Kriegerin runzelte die Stirn. „Nein, ich glaube nicht. Zumindest kann ich mich nicht daran erinnern, er hat so viel gesagt … Aber er meinte, er habe Pläne, große Pläne … Er …“ Dari erschauerte, bevor sie zögerlich weitersprach: „Er deutete an, er könne gottgleich werden. Ich habe es als Größenwahn abgetan.“
Bei dieser Blasphemie zog sich Raiks Magen ebenfalls zusammen.
Das merkwürdige Flackern in Daris Augen nahm an Intensität zu. Auch das bittere Lächeln, welches ihre Mundwinkel umspielte trug nicht dazu bei, Raiks ungutes Gefühl, die Tochter Rigas betreffend, zu vertreiben.
Und er selbst hatte seinen Anteil daran. Hätte er Dari und die anderen nicht in Briganz allein gelassen oder zumindest hier schneller gehandelt, wären sie alle wahrscheinlich deutlich geringeren Qualen ausgesetzt gewesen. Wenn er ehrlich zu sich war, hatte er tief im Inneren gewusst, dass Lysande wankelmütig und wenig vertrauenswürdig war, wenngleich sie schlussendlich bei der Befreiung geholfen hatte.
Kaum vernehmliche Worte, dafür in umso eindringlicherem Tonfall gesprochen, rissen ihn aus seinen Gedanken: „Raik, du musst mir die Beichte abnehmen, bitte!“
Er nickte knapp. „Das tue ich selbstverständlich, Dari. Allerdings müssen wir uns zuerst noch mit dem da“, Raik nickte zu dem Steinfragment, „… befassen. Dann komm, wann immer du willst …“
Raik hätte gern sogleich einen Teil der Last von Daris Schultern genommen, auch um seine eigene Schuld zu mildern, aber er merkte, dass er selbst durch mangelnden Schlaf sowie pure Erschöpfung an seine Grenzen geriet. Müde wanderte sein Blick zu Alteus, der zumindest den Stab mit der Kugel des Altonadepten bei sich trug, um sich abzustützen.
Alteus, der anscheinend Raiks matten Blick auf sich gespürt hatte, wandte sich nun ebenfalls an Dari, wobei die Kugel gleichermaßen bedrohlich in ihre Richtung zeigte.
Raik war bekannt, dass Stab samt Kugel nicht nur im Kampf gegen Blutmagier und Beschwörer eingesetzt wurde, sondern ebenso bei intensiven Befragungen von Gefangenen genutzt wurde, wenngleich er noch nie einer solchen hatte beiwohnen müssen. Es gab durchaus Schauergeschichten von solchen Verhören, die auf die Altonkirche kein gutes Licht warfen.
„Sonst wisst Ihr nichts über den Stein oder die Pläne des Grafen?“, verlangte der Altonakolyth zu wissen.
Die Tochter Rigas schüttelte den Kopf.
„Und was ist mit der Schwarzmagierin, Lilith von Syranor? Habt ihr sie gesehen? Hat sie etwas wichtiges gesagt?“
Dari schwieg für einen Moment. schließlich stieß sie sich vom Fensterrahmen ab und presste hervor: „Nein, gesagt hat sie nicht viel, dafür aber etwas genommen: die Tätowierungen meiner Göttin“, sie streckte die Arme aus und drehte die Innenseiten nach oben,“… und meinen freien Willen, durch einen Zauberbann, der …“, mitsamt den hasserfüllten Worten schien Dari auch ihre Kraft zu verlassen. Sie sprach nicht weiter.
„Und der Bann bezwe…“ Raiks Kopfschütteln in Daris Rücken ließ Alteus verstummen.
Raik ahnte, dass Dari etwas Schlimmes getan haben musste, war sich allerdings sicher, dass es nichts mit dem Stein zu tun hatte. Deshalb gab es keinen Grund jetzt weiter in Dari zu dringen. Zudem war sie Kriegerin genug sich ihrer Verantwortung zu stellen, was immer sie auch getan haben mochte.
Alteus fuhr zu Dorian herum. „Und Ihr? Ihr wart lange Zeit mit Lilith zusammen, richtig? Als ihr Gefangener, so heißt es … Aber zugleich seid ihr anscheinend ihr Lehrling gewesen?“
Die Anspielung des alten Akolythen trieb ein wenig Röte zurück in Dorians blasses Gesicht.
„Ihre Geisel! Und wenn Ihr sie kennen würdet …“, schnappte Dorian.
Doch Alteus fuhr mit einem Schnauben dazwischen. „Oh, ich kenne Lilith. Besser als mir lieb ist“, stellte er finster klar.

„Aber wisst Ihr auch, wie es ist, von ihr benutzt zu werden? Wie es ist, ständig in ihrer Nähe zu sein? Man will ihr gefallen, immerzu und weiß doch, dass sie Unerhörtes tut und einfordert und zweifelsohne eine Paktiererin mit Dämonengezücht ist. Ich verabscheue sie, dennoch war es mir in der ganzen Zeit kaum möglich mich gegen ihren Willen aufzulehnen, obwohl sie mich nicht mit einem Bannzauber belegt hat! Und ohne respektlos sein zu wollen, werter Akolyth des Alton, ich glaube, ihr habt nicht den leisesten Schimmer, wie es ist, derzeit in meiner Haut zu stecken!“ Dorians Blässe war nun endgültig verschwunden.
Raik musste an die Begegnung mit Lilith im Keller des Turms denken. Auch er hatte für einen Moment die Anziehungskraft der Magierin gespürt. Erst jetzt begriff er tatsächlich, was dort hätte geschehen können: Einen Atemzug länger im Anblick der Magierin versunken und der Dämon hätte ihn mit Leichtigkeit getötet. Nur seinem Instinkt oder Riga war es zu verdanken, dass draußen zwei Leichen statt dreien lagen.
„Nichtsdestotrotz habe ich schon abtrünnige Magier gejagt, da warst du gerade mal den Windeln entwachsen, Junge. Ich kenne ihre Hinterlist und ihre Tricks. Es ist schwer, ihnen zu widerstehen, auch wenn man es will. Es wird das Beste sein, deine Worte auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen.“
Alteus strich über die Kugel, murmelte etwas und trat auf Dorian zu. Unversehens stellte sich Aimee vor Dorian.
„Tut das nicht. Es könnte gefährlich sein, für uns alle …“
Ungehalten musterte der Altonakolyth Aimee. „Geh mir aus dem Weg Hexe, noch bist du nicht an der Reihe oder glaubst du etwa ich wüsste nicht, was du bist?“
Nun wurde es auch Raik zu bunt. „Alteus, es reicht! Es werden hier alle gehört, und erst dann entscheiden wir, was weiter zu tun ist. Keiner von uns steht hier vor Gericht, weder vor einem weltlichen, noch vor einem göttlichen und schon gar nicht vor einem persönlichen.“
Er wandte sich an Aimee, deren Mut ihm widerwillig imponierte: „Du hast vorhin gesagt, ich würde nicht alle Fakten kennen … Jetzt redest du davon, dass mein Neffe gefährlich sein könnte. Was ist geschehen?“
„Ich glaube, Dorian selbst kann es am ehesten erklären, sofern ihr ihn nicht gleich wieder mit Anschuldigungen erschlagt …“
Dorian holte tief Luft, dann sah er zu Raik, den Blick fest auf ihn geheftet. „Es ging mir nicht gut, nach der Zeit bei Lilith … Als hätte sie mich ausgehöhlt, wie eine Pastetenform. Lysande meinte, mit elfischer Magie könnte ich meine Kraft zurückerlangen. Doch etwas ist schiefgelaufen, die Magie, die wir berührt haben, wollte uns verschlingen, ich dachte ich müsste sterben. Dennoch gelang es mir zu entkommen. Zuerst sah es danach aus, als hätte Lysande dieses Glück nicht gehabt. Völlig leblos lag sie da und wir wussten nicht was wir tun sollten. Nach einer Weile fing plötzlich ihr Körper an zu leuchten. Ich glaube, du hast es auch gesehen, Onkel, im Hof. Doch das war nur ein Bruchteil von dem Leuchten, wie sie es zu Beginn getan hat. Deshalb auch der Schlafzauber, nur so ließ sich die Strahlkraft eindämmen. Tatsächlich fühle ich mich seit dem Vorfall fast wieder wie ich selbst, im Hinblick auf meine Magie sogar mächtiger als je zuvor.“
Alteus schüttelte ungehalten den Kopf. „Was dich gefährlicher macht als je zuvor, Junge. Ob du es nun willst oder nicht … Du bist ein Mensch, wo also hast du das Kanalisieren gelernt? Nur Merkurionakolythen und leider auch immer noch unvereidigten Magiern höheren Grades wird kanalisieren beigebracht und das aus gutem Grund!“
Raik ließ den Altondiener vorerst gewähren, da dieser offenkundig bewanderter, Magie betreffend, war als er selbst.
„Lilith hat es mir gezeigt“, gab Dorian kleinlaut zu.
„Dann kann ich dir auch sagen, was `schiefgelaufen‘ ist … Schwarzmagier achten nicht auf Balance, sie nehmen und zehren an jeglichem Lebensfunken, bis nichts mehr übrig ist, egal ob bei sich selbst oder anderen. Wir Menschen müssen über Jahre lernen diese Balance zu halten, weil wir uns zu Beginn nicht einmal der zu wahrenden Grenzen bewusst sind. Bei Elfen ist dies anders, dort lernen schon die Jüngsten nach Einklang in jeglichem Tun zu streben. Ich nehme an, diese Lysande ist eine Elfe?“
„Halbelfe“, wandte Raik resigniert ein.
„Ich kann es nicht mehr ungeschehen machen. Was Aimee aber vorhin damit sagen wollte ist, dass Lysande einen Haufen dieser Elfenmagie abbekommen hat. Doch es hat den Anschein, als könne sie diese nicht kontrollieren, zumindest derzeit nicht. Aber wir glauben, wenn jemand von uns Lilith die Stirn bieten kann, dann sie.“ Die Zweifel in dem Gesicht des Altonakolythen waren unübersehbar und auch Raik konnte sich ein Schnauben ob Dorians Worten nicht verkneifen. „Gerade noch behauptest du, Lysande sei nicht lernfähig und jetzt meinst du, sie wird Lilith die Stirn bieten. Du vergisst, sie ist keine Kämpferin!“  
„Lilith wird jedenfalls nicht ruhen bis der Sphärenstein zusammengesetzt ist, koste es was es wolle“, ergänzte Dorian.
Und auch Alteus, den Blick nachdenklich auf den Klumpen auf dem Tisch gerichtet, nickte zustimmend.
„Deshalb müssen wir alles, diesen Stein betreffende, nach Altea bringen.“ Die Augen des Altondieners huschten zu Dorian und zeigte damit, dass mit `alles‘ auch jeder gemeint war.
„Ich werde aber auf keinen Fall zulassen, dass Ihr Dorian einer Befragung durch die Altonkirche unterzieht, egal ob sein Onkel sich einverstanden erklärt oder nicht.“ Aimee sah Raik bei diesen Worten nicht an. Da er keinen weiteren Streit vom Zaun brechen wollte, blieb er stumm. Abwägend wanderten Alteus` Augen zwischen Dorian, Raik und Aimee hin und her.
Schließlich straffte sich Aimee „Wenn ihr jemand zu dem Stein wahrheitsgetreu befragen wollt, nehmt mich. Ich bin eine Bladarda.“
Alle bis auf Dorian und Alteus, die eher verdutzt dreinschauten, runzelten die Stirn.
„Was ist eine Bladarda?“, hakte Cern als Erster nach.
Dorian, der sich schneller wieder gefangen hatte als Alteus, klärte sie auf: „Aus der Bladarda-Familie, einer uralten Hexenlinie, entstammen traditionell die Seherinnen des Merkuriontempels zu Merkuz. Die Familie genießt höchstes Ansehen in der Stadt und …“
„Allerdings nur solange, wie man schön nach der Pfeife der Kirchen tanzt! Tut man es nicht, wird man eingesperrt oder ausgemerzt“, fiel ihm Aimee bitter ins Wort.

In die Stille nach Aimees Eröffnung platzte ein Klopfen.
Flink wie ein Wiesel eilte Alteus zurück zum Tisch und bedeckte den Steinklumpen wieder mit dem Tuch.
Cern erhob sich. „Ja?“
Der Haushofmeister streckte den Kopf zur Tür herein. „Herr, der Arzt ist da“, er zögerte einen Wimpernschlag und räusperte sich,“… Und zudem Frauen, die sagen, sie wären Töchter Rigas und dass eine der ihren hier wäre, welche unverzüglich zu übergeben sei.“
Dari zuckte bei der Erwähnung der Schwesternschaft zusammen und wurde blass. Im Gegensatz zu Cern, dem die Hitze sichtlich zu Kopf stieg. „Den Arzt lass ein“, die Augen des Erhabenen hefteten sich auf Dari, welche nun eine reglose Miene zur Schau trug, die Raik nur zu gut von Lysande kannte, „… Den Töchtern Rigas sagst du, es gibt auf meinem Grund und Boden keine der ihren!“
„Warte!“ Dieses Mal lag weder Schwäche noch Zurückhaltung in Daris Stimme.

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