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Maverick

von Lossea
GeschichteHumor, Schmerz/Trost / P16 / Mix
20.01.2017
08.04.2021
28
93.617
7
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08.04.2021 4.540
 
"Punch the lights out, hit the pavement." - Mindless Self Indulgence


"Sieh mich an, Florence!", rief Selina in einer Art Singsang, während sie sich an ihren Sofas vorbeischwang, so als würde sie versuchen in einer Mischung aus Tanz und Ausweichmanöver in ständiger Bewegung bleiben. Ihre Ausrüstung machte sich nebenbei selbstständig und begann sich um die Meta herum zusammenzustellen. "Ich komme eigentlich auch ganz gut ohne deine Hilfe klar." Mit einem großen Dreher hatte sich Sel wieder parallel zur Wand platziert und drückte nun ihren Zeigefinger auf das große Poster der drei Schurken, genauergenommen tippte sie der Königin der Nacht, dem jüngeren Abbild ihrer Mentorin, gerade direkt auf die Nase. "Das einzige, was ich brauche, sind ein guter Auftrag mit einem noch besseren Partner."
"Aber Täubchen...", fuhr sie mit einer Imitation von Florences kratziger Stimme fort. "Das sagst du nur, bis du wieder Angst bekommst, dass deine neuen Freunde dich, oder noch schlimmer, du sie verletzen könntest. Brich das lieber ab, bevor du irgendwem zu nahe kommst."
Als der Satz nochmal durch ihre Gedanken hallte und sie dabei bemerkte, dass sie selbst soeben auf diese Realisation gekommen war, verstummte Selina. Mit zusammengepressten Lippen starrte sie für einen Moment lang in die Leere, so als wäre auf einmal die ganze leichte Atmosphäre des durchs-Wohnzimmer-Tanzens und der Vorfreude auf einen neuen Job zusammengebrochen.
Nach einer kurzen Pause stieß sich Selina allerdings wieder mit einem "Ach, Bullshit!" von der Wand ab und fuhr damit fort unbekümmert an den Sitzmöbeln vorbeizuschreiten.
"Du bist einfach schon so alt, dass du mittlerweile vergessen hast, wie man richtig Spaß hat."

Und erneut bewies Outis perfektes Timing, als kurz daraufhin eine Nachricht bei seiner Partnerin ankam: Warte im Auto. Bist du bereit?
Daraufhin verschwendete Selina keine Zeit mehr. Sie ließ den Rest der Ausrüstung - weil dieser Auftrag so verdammt einfach werden dürfte, diesmal nur bestehend aus einem Paar Handschuhe, dem Colt, ohne den man in Mesal praktisch nie auf die Straßen gehen sollte und neuerdings auch aus Schmerztabletten - in ihre Taschen schweben und legte sich ihren robusten Kapuzenmantel über die Schultern, richtig anziehen konnte sie ihn dank der Armschiene ja leider nicht mehr.
Zugegeben hatte Selina den Kanadier fast nicht erkannt. Da stand zwar ein Wagen in ihrer Straße, aber auf den ersten Blick hatte sie diesen ihrem Autodieb von Nachbarn zugeordnet. Vielleicht hatte sich dieser wieder genug erholt, dass er damit weitermachen konnte Mesals Oberschicht von ihren Sportwägen zu befreien, denn das hier war jedenfalls nicht die Kiste, mit der sie gestern noch zurück zum Motel gefahren waren. Spätestens ein zögerlicher Blick durch die Fenster des Porsche enttarnte Outis allerdings als Fahrer.

"Das ist nicht wirklich dein Wagen, oder?", war das erste, das Selina beim Einsteigen fragte.
"Sieht es so aus wie meiner?"
"Warum, meinst du, frage ich?"
"Naja, also, irgendein Idiot hat ihn bei den Docks geparkt und du weißt ja wie unsicher Mesals Straßen sein können." Outis warf seiner Beifahrerin einen vielsagenden Blick zu. "Ich gehe ja nur sicher, dass er jetzt in sicheren Händen ist."
"Und nicht von kleinkriminellen Kanadiern gestohlen wird?", fügte Selina mit einem neckenden Grinsen an.
"Du hast es erfasst! Ich habe auch mal klein angefangen, weißt du. Dieses ganze Söldner-Ding kam erst später dazu. Ganz früher war ich damit beschäftigt in einer kleinen Gang Autos auseinanderzunehmen, aber bei den meisten hoch- und neuwertigen Modellen kommst du mit einem Dietrich nicht mehr weit.", begann er zu erklären. "Bits und Bytes sind die neuen Schlüssel und Steuereinheiten die neuen Angriffspunkte. Man muss nichts studiert haben, um die Dinger zu knacken. Es heißt nicht umsonst, dass man im Internet fast alles lernen kann... und gleich um die Ecke meiner Bude hatte ein Zulieferer für Sicherheitstechnik im Automobilbereich seine Niederlassung. Du glaubst nicht welch ergiebiger Quell der Inspiration der Papiercontainer dort war!" Bei der Erinnerung an gute, alte Zeiten konnte sich Outis ein Grinsen nicht verkneifen. "Ein Einplatinencomputer, ein CAN-Controller, ein paar zusammengeklaute Libraries, Dokumente und Sicherheitsstandards, dazu ein paar Zeilen eigener Code. Das ganze noch in ein stabiles Gehäuse verpackt, falls es am Einsatzort mal etwas ruppiger zugeht. Irgendwann habe ich mit dem Verkauf von Hardware mehr Geld gemacht als mit Autodiebstahl."
"Wie kommt man denn vom High-Tech-Autodieb zum Söldnertum?", wollte Selina nun wissen.
"Unsere kleine Gruppe ist irgendwann immer größer geworden. Dann kamen immer wieder kleine Auseinandersetzungen hinzu und ich schätze mal so habe ich mein Talent für Gewalt entdeckt. Und du kennst mich ja, ich nehme so gut wie jeden Job an. Gäbe es größere Nachfrage an gut bezahltem Autodiebstahl, dann wäre ich immer noch dabei. Wie du siehst, kann ich es auch nie ganz lassen. Das sind immerhin meine Ursprünge; mit einem Stück Draht im Schloss eines uralten Citroen herumstochern und so..."
Die ganze Sache brachte Selina ein wenig ins Grübeln.
"Ich hatte dich ja gar nicht als den Technik-Typ eingeschätzt.", gab sie irgendwann zu. Vielleicht würde sich Outis ja noch als ein viel nützlicherer Sidekick erweisen als anfangs gedacht. "Aber wenn du so viel Geld mit dem Verkauf deines... skeleton keys verdienen kannst, wie zur Hölle bist du dann immer pleite?"
"Ähm..." Outis fuhr sich verlegen durch die Haare. "Reden wir nicht darüber. Sagen wir mal, dass ich nicht gut darin bin mein Geld für lange Zeit zu behalten."
"Ich verstehe schon..." Um vom Thema abzulenken, beschloss Selina einfach auf den eigentlichen Plan für heute einzugehen. "Also, das Treffen.", begann sie. "Wir wollten zu den Klippen fahren und dort auf die Gruppe warten." Anschließend warf sie einen Blick auf die Uhr. Sie waren noch gut in der Zeit. Das Treffen sollte nicht bis in zwei Stunden beginnen. Das ließ genug Zeit für die Fahrt und noch einen Puffer, falls die Familie früher abfahren sollte.
"Ja, wie geplant.", bestätigte Outis. "Wir warten und ich folge ihnen, sobald wir sie erkennen."
"Versuch später nah am anderen Wagen zu bleiben, dann kann ich die Insassen besser erfühlen und sichergehen, dass nicht aus Versehen die falsche Person draufgeht."
Der Söldner antwortete mit einem Nicken und dann waren sie auch schon losgefahren.


Das Warten stellte sich als ungefähr so spannend heraus wie es sich angehört hatte. Die Straße, die die Klippen entlangführte, war nicht sehr befahren, um ehrlich zu sein waren sie schon die ganze Zeit über die einzigen hier, und dazu war es ein besonders besonders bewölkter Tag, was nicht mal die Aussicht sonderlich interessant machte. Die einzige "Sehenswürdigkeit" in der Nähe war eine alte Mühle, die nur darauf wartete, dass Wind und Wetter sie irgendwann ganz niederreißen würden. Florence hatte Selina einige Male dorthin mitgenommen, weil man dort ganz gut trainieren konnte Beton einzuschlagen, aber mit genau so viel Präzision, dass das Gebäude nicht über einem zusammenstürzen würde. Ein erneuter Blick auf die Uhr verriet, dass die Ziele in nicht mehr als einer Viertelstunde hier vorbeikommen sollten... sollte alles nach Plan gehen und das tat es bei Selina ehrlich gesagt selten. Erwartungsvoll blickte sie das Ende der Straße entlang.
"Welches Auto hättest du denn mitgehen lassen, wenn du die Möglichkeit dazu gehabt hättest?", griff Outis, der jetzt von seinen Notizen hochsah, das Thema von vorhin nochmal auf.
Selina, das Gesicht gelangweilt auf die Faust gestützt, wandte den Blick von der Straße nicht ab.
"Keine Ahnung...alles, was als Fluchtwagen taugt?"
"Etwas schnelles also..."
"Eher etwas unauffälliges.", korrigierte Selina ihn.
So pragmatisch konnte man es auch nehmen, dachte sich Outis.
"Oder so ein kugelsicheres mexikanisches Hochsicherheitsgefährt.", überlegte sie nun.
Ja, eindeutig Pragmatikerin, wiederholte er mit einem stummen Schunzeln.
Aber sie verstand schon... er wollte Marken hören, Namen, mit denen man irgendetwas verbinden und so einen Schluss auf ihre Persönlichkeit ziehen könnte. Die Wahrheit war allerdings, dass es Selina peinlich war überhaupt über so etwas nachzudenken. Materielles, Marken, Luxus, das waren alles Dinge, die einem nicht beim Überleben halfen, die von der reichen Oberschicht, von der sich Selina doch so gerne abrenzte, gefeiert wurden. Sie wollte nicht so sein wie die Mafia in New York, die mit ihrem Reichtum und Erfolg prahlte. Dass man als Superschurke nicht unnötig extravagant sein musste, bewies Florence immerhin. Die alte Mentorin hatte Geld, aber stank nicht danach. Das war authentisch.
"Oder...", setzte Selina letztendlich wieder an. "Fahren nicht alle Schurken Jaguar?"
"Das habe ich auch mal gehört." Outis nickte. "Du weißt ja, wo du einen bekommst, solltest du dich dazu entscheiden, zu einem richtigen Superschurken aufzuleveln."
"Danke, wirklich, aber ich habe andere Arten zu reisen." Vorerst mussten Post-It-Uhr und Bike reichen. Die Uhr alleine gab einem immerhin schon genug Bewegungsfreiheit, vor allem mit gebrochener Schulter.
"Oh...", begann Outis und lehnte sich dabei ganz langsam mit einem neckischen Grinsen zu Selina rüber. "Du meinst also Arten wie fliegen?"
"Du kannst mich auch mal." Selina erwiderte das Grinsen, drückte Outis' Kopf als Revanche allerdings etwas unsanft wieder an seinen vorherigen Platz zurück.

"Oh, hey!", rief sie dann plötzlich aus. Sich nebenbei mit dem Söldner zu unterhalten war zwar ein netter Zeitvertreib, aber sie hatte sich immerhin nicht so sehr ablenken lassen, dass sie den neuen Wagen in der Ferne nicht wahrnahm. "Könnten sie das sein?" Sie deutete gegen die Scheibe, in Richtung Straßenende.
"Hier ist seit 45 Minuten niemand vorbeigekommen und das sieht mir sehr nach einer Limousine aus. Ich würde wetten, dass das unsere Ziele sind."
Und damit hatten sie selbst sich auch wieder in Gang gesetzt, waren aus der Seitenstraße, in der sie gewartet und beobachtet hatten, gefahren und hatten sich gleich daraufhin direkt an die Limousine geheftet. Nicht so nah, dass es auffällig wurde, aber immer noch so dicht, dass Selina sich ein gutes Bild des Innenraums machen konnte. Die Meta hatte ihre Hand leicht nach vorne ausgestreckt und versuchte genau so zu fühlen, wie Florence es ihr beigebracht hatte. Die klassische Echoortung würde hier nicht mehr funktionieren. Sie und Outis waren in einem abgeschlossenen Gefährt, genauso wie die Ziele. Die telekinetischen Wellen wären einfach an der Karosserie abgeprallt und sie hätte die Personen vor sich nicht erfühlen können.
Alle Bewegungen, alle Lebewesen strahlen Energie aus, wiederholte Selina in Gedanken.
Das Auto vor sich war eindeutig das "lauteste" von seiner Energie her. Das konnte sie am leichtesten spüren. Gleich danach kam Outis, der neben ihr saß und atmete und den eigenen Wagen steuerte. Selina schloss die Augen, wie bei Florences Schnitzeljagd, um sich besser konzentrieren zu können.
"Da vorne kommt eine passende Kurve.", hörte sie Outis neben sich.
"Ich brauche noch einen Moment.", antwortete sie angestrengt und kniff die Augen dabei fester zusammen.
Das musste doch funktionieren! Sie würden noch eine Weile an den Klippen vorbeifahren. In dieser Zeit sollte sie es doch schaffen ein paar Sitzplätze in einem nahen Gefährt ausfindig zu machen. Sie konzentrierte sich weiter und atmete ein paar mal tief durch. Ihre Gedanken wanderten nach vorne, durch die abgedunkelte Heckscheibe, tief in den anderen Wagen hinein. Sie musste das vibrierende Gefährt, die Mechanik und das Rollen der Reifen über kaputtem Asphalt einfach ignorieren. Irgendwie hatte sie sich das viel leichter vorgestellt, aber all die offenbar sehr stillen Fahrgäste wurden so einfach von allen anderen Bewegungen übertönt.
Selina nahm locker die zweite Hand, die sie in der Schiene nicht zu weit bewegen konnte, hinzu und presste konzentriert die Lippen aneinander. Der Chauffeur, der am Steuer praktisch direkt mit den lauteren Bewegungen verbunden war, war der erste, den Selina erspürte. Dann ging sie wieder ein wenig zurück, ertastete den großen Innenraum, der anstelle von einzelnen Sitzen nur zwei gegenüberliegende, lange Bänke besaß. Kurz fragte sich Selina, ob man spüren konnte, wie sie besagte Bänke mit ihren Händen abtastete, auf der Suche nach den restlichen Personen. Und da waren sie auch endlich: vier vage pulsierende Körper, die sie nicht genauer erkennen konnte, aber das war auch nicht das Problem. Hauptsache sie hatte die Ziele gefunden.
"Ich habe sie!" Und damit schlug Selina ihre Augen wieder auf. Sofort wurden die letzten vier Personen alle in einem festen Griff gefangen, um sie auf den nächsten Schritt vorzubereiten. Da Selina die Körper im Moment noch nicht zuordnen konnte, musste zuerst der Unfall provoziert werden - vorerst ohne Verletzte. Erst danach durften nach Belieben Knochen gebrochen werden.
"Bist du bereit?", fragte sie an ihren Partner gewandt, während sie nebenbei die Straße nach einer geeigneten Stelle absuchte.
"Bereit, wenn du es bist.", gab er zurück und bremste sicherheitshalber schon ein wenig ab.

Die nächsten Momente mussten sich für die Insassen vor ihnen wie nichts anderes zuvor angefühlt haben; bizarr, ungewohnt, überraschend, unecht. Zuerst hatten sie noch die ruhige Fahrt gespürt, während der man dank hochbezahltem Chauffeur nicht einmal die kleinste Kurve spürte. Im nächsten Augenblick wurde völlig unerwartet das Lenkrad herumgerissen. Vielleicht wollte sich eines der Familienmitglieder umdrehen, um herauszufinden, was passiert war, wobei es feststellen musste, dass es sich dank Selinas paralysierendem Griff nicht bewegen konnte. Dann kam auch schon der Fall; freier Fall, aber nichts bewegte sich. Haare, Handtaschen, Halsketten beugten sich der Physik und flogen in alle möglichen Richtungen, während sich die Limousine immer wieder überschlug, aber der eigene Körper wollte sich einfach nicht von seinem Platz lösen. Dafür war der polsternde Schutzschild, der jegliche Fremdeinwirkung auf die Beifahrer verhinderte, verantwortlich. Und das war letztendlich auch der Grund, warum, als am Ende wieder alles zum Stillstand kam, niemand ernsthaft verletzt schien. Selina konnte natürlich nicht in die Köpfe dieser Familie sehen, aber sie konnte sich vorstellen, dass sie alle - alle bis auf eine, wahrscheinlich - einfach nur verdammt glücklich darüber waren, diese Turbulenzen gut und unüberschadet überstanden zu haben. So hätte sich Selina in diesem Moment zumindest gefühlt.

Viel Zeit sich über ihr Glück im Unglück zu freuen, würde die Familie allerdings nicht haben. Selina war bereits ausgestiegen und den Hang hinabgeschlittert, wesentlich eleganter als die Limousine eben, noch bevor eine der anderen Personen überhaupt begreifen konnte, was soeben passiert war. Sie hatte wieder ihre Haare zusammengebunden und ein schwarzes Halstuch über Mund und Nase gezogen in einem traurigen Versuch ihr Gesicht ohne Maske wenigstens ein wenig abzudecken. Hier draußen würde es außer dem Mädchen, das sich wohl nicht selbst verraten würde, zwar keine Zeugen geben, aber irgendwie war es Selina ja doch unangenehm so offen einen Job anzugehen. Dieser halbvermummte Blick war deshalb das erste, das die Insassen durch das zerbrochene Seitenfenster zu Gesicht bekamen. Alle Augen waren auf sie gerichtet, aber Selina suchte nur nach einer einzigen Person. Der platinblonde Bob war immerhin auffällig genug, sodass die Auftraggeberin und einzige, die hier verschont bleiben sollte, schnell identifiziert war. Selinas und ihr Blick trafen sich und als sich der anfangs noch leicht verstörte Gesichtsausdruck des Mädchens zu einem entschlossenen Nicken wandelte, war sich die Meta auch ganz sicher die richtigen Ziele gefunden zu haben.
"Bitte helfen Sie mir, ich kann mich nicht bewegen!", hörte Selina eine männliche Stimme flehen, doch die ignorierte sie kalt. Stattdessen wandte sie sich klar an die Auftraggeberin, die noch zeitgleich aus dem unsichtbaren Griff gelöst wurde.
"Jetzt bitte einmal schützend die Arme um den Kopf halten.", war ihre Anweisung, die mit etwas Zögern befolgt wurde.
Das Mädchen hielt sich ohne hinterfragen die Ellbogen dicht an ihr Gesicht, während um sie herum die restlichen drei Fahrgäste auf einmal ebenfalls wieder aus der Starre gelöst wurden... nur um noch im gleichen Augenblick genau so durch den Innenraum geworfen zu werden, wie sie es beim eigentlichen Fall hätten tun sollen. Die Wasserstoffblondine zuckte zusammen, vergrub ihren Kopf tiefer in den Armen, der Oberkörper sank gen Knie. Das ganze hatte etwas von Flugzeugabsturz-Yoga. Roll dich zu einem Ball zusammen und ignoriere das Chaos um dich herum. Wahrscheinlich hatte sie mit vielem gerechnet; einem Überfall, Schüssen, nicht mit einer Atypischen und dem unangenehm nahen Geräusch brechender Knochen um sich herum. Dabei hatte Selina schon darauf geachtet schnell und präzise vorzugehen. Die drei Betroffenen hatte sie alle gleichzeitig am Genick gepackt und durch ein paar telekinetische Spielchen ein ordentliches HWS-Trauma hervorgerufen - gezielt, aber gezielt unsauber, sodass es auch wirklich nach Unfall und nicht einem geschulten Eingriff aussehen würde. Das restliche gegen-Wände-aufschlagen und Arme-aufschürfen und innere-Verletzungen-hervorrufen, das auch nur zur Inszenierung eines echten Unfalls diente, würde nicht länger dauern als der eigentliche Fall auch. Kaum hatte man begriffen, dass es passiert war, würde es auch wieder vorbei sein, diesmal richtig.

Es sah zugegeben sehr morbide aus wie Selina vor der zerbrochenen Scheibe stand und mit einem konzentrierten Blick drei Ragdolls auf engstem Raum durch die Gegend warf. Outis konnte das Ganze nur aus der Ferne beobachten. Er war nämlich am Rand der Klippe stehengeblieben und sah nur zu, dass seine Partnerin nicht in ungeplante Schwierigkeiten geriet. Trotzdem stellte er es sich mehr als spaßig vor andere Leute einfach wie einen nassen Sack Reis kontrollieren zu können. Für Selina hingegen war der Spaß irgendwie schon vor vielen Jahren vergangen. Für sie war das jetzt mehr Routine als irgendwas anderes. Das hier war kein echter Kampf, es hatte nichts schönes, befriedigendes diese namenlosen Personen zu Tode zu schütteln. Deshalb übertrieb sie es auch nicht mit ihrem falschen Tatort. Man musste die Überlebende ja auch nicht zwingend unnötig traumatisieren. Selbst wenn man die Familie loswerden wollte, sie direkt neben sich sterben zu spüren war bestimmt nicht angenehm.

Die Meta ließ die drei ramponierten Körper in der Bewegung los und sprach dann wieder das Mädchen an. Es reagierte nicht, verharrte immer noch in seiner Verteidigungsposition, den Kopf fest zwischen Arme und Oberschenkel gepresst.
"Hey!", rief Selina diesmal etwas lauter und tippte ihre Auftraggeberin an der Schulter an.
So langsam löste sich das Mädchen wieder aus der Starre, ließ einen kurzen Blick durch den Innenraum schweifen, verharrte aber nicht zu lange auf dem blutigen Durcheinander, das bis vor kurzem noch ihre sehr realen, sehr lebendigen Familienmitglieder gewesen waren. Dafür blickte sie Selina wieder mit erwartungsvollen und mittlerweile auch sehr unsicheren braunen Augen an.
"Das wird jetzt etwas wehtun, aber wir müssen leider dafür sorgen, dass das auch bei dir echt aussieht.", erklärte Selina ruhig.
Das Mädchen nickte und fügte nach einem kurzen Zögern noch an: "Kann.. geht das bitte auch ohne Brüche? Ich will nicht..."
Selina gab ebenfalls ein Nicken, begleitet von einem zustimmenden Summen zurück.
"Ich kann es versuchen, aber um die ein, oder andere Prellung wirst du nicht herumkommen." Dann machte sie eine längere Pause, um dem Mädchen noch eine letzte Chance für einen Einwand zu geben. Es kam keiner. "Bereit?"
"Bereit.", hauchte es mit gesenktem Kopf.
"Gut, dann einmal tief Luft holen und Zähne zusammenbeißen..."

Es gab nichts Schönes daran wehrlose, junge Frauen zu verprügeln, selbst, wenn das hier einvernehmlich war und Selina sogar dafür von ihr bezahlt wurde... was plötzlich wesentlich anzüglicher klang als es eigentlich war. Bei der Rose damals war das oft ähnlich abgelaufen, mit dem Unterschied, dass man ein Opfer einschüchtern und nicht für seinen Auftraggeber einen Unfall fälschen wollte. Die gleichen Hämatome, die gleichen Prellungen und Kratzer, nur die Art des Mädchens war anders: Die Tränen versuchte es größtenteils zurückzuhalten, auch wenn man natürlich nicht ganz verhindern konnte, dass einem das Wasser in die Augenwinkel schoss, wenn ein Schwall telekinetischer Energie wie eine Wand gegen einen prallte und sich der eigene Körper den unnatürlichen Kräften beugen musste. Auch jegliches Schreien und Ströhnen wurde zu einem winzigen Winseln unterdrückt, so viel Stolz und Härte wollte es dann doch noch beweisen. Letztendlich war es aber der Blick, der die reiche Blondine von irgendwelchen Frauen, deren Männer man daran erinnern wollte, dass sie noch eine Schuld zu begleichen hatten, abhob.
"Alles ok?", hatte Selina gefragt, als die unsichtbaren Schläge endlich nachgelassen hatten und statt des sonst so panischen, verängstigen Gesichtsausdruckes, der normalerweise dieser Situation gefolgt wäre, reckte das Mädchen ihr Kinn in die Höhe und ließ ein blutiges Grinsen sehen.
"Ich fühle mich noch nicht tot.", beschrieb sie, wenn auch unter schwerem Atmen.
"Lass mal sehen..." Selina griff durch das Fenster hindurch, nahm das Mädchen ganz sanft am Kinn und drehte den Kopf vorsichtig zu allen Seiten. Mitgenommen sah es immerhin aus mit mehreren Platzwunden, die die Stirn und blanke Schulter zierten. Ein paar sehr milde innere Verletzungen hatte Selina auch hinzugefügt, nur falls man sich später wundern sollte, warum denn alle anderen Fahrgäste schwerwiegende Knochenbrüche erlitten hatten, während die Tochter der Familie relativ glimpflich davongekommen war. Hier sollten keine Fragen aufkommen.

Als nächstes wies Selina der Auftraggeberin an die Leichen im Wagen so hinzulegen, dass es aussah, als hätte sie wirklich versucht den restlichen Familienmitgliedern noch das Leben zu retten, anstatt sie einfach kalt so liegenzulassen, wie sie gefallen waren. Danach sollte sie sich ein Handy suchen, von denen tatsächlich nur ein einziges den Sturz überlebt hatte - wie ironisch -, aber vorerst keine Hilfe rufen, damit Selina und Outis noch genug Zeit zur Flucht blieb. Als die Tür sich anschließend nicht öffnen ließ, half Selina dem Mädchen aus dem Wrack heraus. Spitze Acryl-Fingernägel, die an zwei Fingern abgestumpft waren, griffen nach Selinas gutem Arm und als die Meta die andere Blondine an sich heranzog und unter dem Blut der geplatzten Stirn eine rasierte Kerbe in einer Augenbraue erkannte, schnappte sie kaum hörbar nach Luft.
Nein, hier geht es doch nicht etwa um...
Selina beendete ihren Gedankengang nicht, aber in diesem kurzen Moment, in dem sie das Mädchen in ihre Freiheit gezogen hatte, fühlte sie sich seltsam verbunden mit ihr.

Den einzigen Kritikpunkt, den die Auftraggeberin hatte, war, dass der Chauffeur den Sturz von den Klippen ebenfalls nicht überlebt hatte. Das wäre so nicht geplant gewesen, hieß es. Ein Zeuge weniger, sagte Selina nur. Die Platinblondine mit ihren gestutzten Nägeln und ihrer geschnittenen Braue, ihrem zerrissenen Cocktailkleid und einem abgebrochenem Absatz, sah früher oder später auch ein, dass es ihr der Preis wert war dafür, dass ihr jetzt die Möglichkeit auf einen Neuanfang geboten wurde. Sie seufzte einmal und atmete dann tief die kalte Meeresbrise ein. Aus Chaos folgte Kreation, nicht wahr? Sie blieb weiterhin ganz kalt und unberührt, als sie sich das zerbrochene Handy an ihre geprellte Brust hielt und sich mit einem ehrlichen Danken bei Selina verabschiedete. Die Meta hörte allerdings noch ihr Schluchzen, als sie die Klippen zurück zu Outis hochsprang. War es ein Schluchzen, oder doch ein verzerrtes Lachen? Sie konnte es nicht genau sagen, wollte sich aber auch nicht mehr umdrehen, um sicherzugehen.


"Sehr gute Arbeit.", wiederholte Outis nochmals, als er und Selina sich am Abend zur Feier des Tages in einer der besseren Kneipen Mesals trafen.
"Wenn ich mich richtig erinnere, habe eigentlich ich den Großteil der Arbeit geleistet." Selina stieß ihrem Freund spielerisch in die Seite.
"Und genau deshalb würde ich auch nie auf eine so gute Komplizin wie dich verzichten. Ich muss sagen, dass ich dich auch besonders gut durch die Gegend gefahren und besonders gute Aufträge ausgesucht habe."
Selina verdrehte die Augen. "Natürlich, ohne dich wäre ich nichts, wie konnte ich nur vergessen?"
"Sag das doch nicht so. Nenn' es lieber wir sind ein sehr gutes Team." Dann lehnte sich Outis näher an seine neuerklärte Partnerin, um in gesenkter Stimme zu ihr, und nur ihr persönlich, sprechen zu können. "Nein, ehrlich. Das hast du verdammt gut gemacht und selbst wenn ich den Auftrag gefunden habe, hätte ich das alleine nie so sauber hinbekommen. Ich schulde dir wahrscheinlich mehr als die Hälfte."
Selina wich zurück und warf ihm einen leicht irritierten Blick zu.
"Ach komm, wir haben die Hälfte ausgemacht, also bekommt auch jeder die Hälfte der Bezahlung. Außerdem hast du es glaube ich etwas mehr nötig als ich."
"Touché..."
In dem Moment bemerkte Selina aus dem Augenwinkel heraus ein bekanntes Gesicht, das soeben die Bar betreten hatte. Ihr Blick schwenkte zur Tür, wo kein anderer als Hare stand. Sie wartete nicht ab und war gleich auf die neue alte Bekanntschaft zugesteuert.
"Warum habe ich nur das Gefühl, dass du nicht aus Zufall hier bist?", fragte sie ihn.
"Ich habe zugegeben etwas nach dir herumgefragt.", antwortete er, während er Schal und Mütze abstreifte.
War Selinas Gesicht etwa schon so bekannt, dass man Mesal einfach nur danach fragen musste, wo man Maverick zuletzt gesehen hatte, um sie ausfindig zu machen? Sie hatte in den letzten Monaten nichts weltbewegendes getan, um Leuten im Gedächtnis zu bleiben. War das etwa Florences Einfluss aus dem Hintergrund? Vielleicht war Hare auch einfach nur gut darin Leute zu finden und eine Frau mit Armschlinge in Begleitung eines Kanadiers war vielleicht doch auffällig.
"Meine Freundin ist also heute im Krankenhaus gelandet.", fuhr er fort.
"Oh nein, ist es etwas Schlimmes?"
"Autounfall." Er nickte betrübt. Dann warf er Selina einen Blick zu, der ihr verriet, dass er bescheid wusste und hier, genau wie sie, nur ein Schauspiel abzog. "Sie hat es wohl ganz gut überstanden, aber die Eltern und ihr Verlobter sind dabei umgekommen. Man hat am Unfallort nichts mehr für sie tun können."
Der Verlobte war es also gewesen, nicht der Bruder. So langsam fügte sich das Puzzle zusammen...
"Das ist ja echt tragisch.", kommentierte Selina in einem erschreckend authentischen Ton. "Geht es ihr denn gut?"
"Überraschend gut sogar. Natürlich mitgenommen, aber sie hat trotzdem einen richtigen Lebensmut, als würde sie das nicht runterkriegen wollen."
Na ich würde mich auch sehr angeregt fühlen, wenn ich meine ungeliebte Familie endlich los wäre...
Selina zögerte kurz, als sie noch einmal an die Auftraggeberin zurückerinnert wurde. Dann sah sie wieder zu Hare.
"Willst... du dich vielleicht zu uns setzen?" Sie deutete mit offenem Arm in Outis' Richtung, der den beiden zuwinkte, als sie zu ihm sahen. "Du bist doch sicher nicht nur hergekommen, um mir im Türrahmen von der neusten Tragödie in deinem Leben zu berichten, oder?"
"Nein... da hast du wohl recht.", gab Hare mit einem verlegenen Lächeln zu.

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